Freitag, 10. Juli 2020

Abnutzungserscheinungen beim Fasten und beim Wohnen

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des Fastentags: 98,4 Kilogramm, das sieht vielversprechend aus für ein Gewicht unter 97 Kilo morgen früh; damit würde ich zum ersten Mal seit meinem fünftägigen Fastenmarathon wieder eine Gewichtsabnahme über 50 Kilogramm zu verzeichnen haben. Es war interessant (allerdings auch phasenweise nervenzerfetzend), meine Gewichtsentwicklung seit diesem Experiment zu verfolgen. Erst ging es von den erreichten 95,1 Kilo irrsinnig schnell nach oben mit dem Gewicht (mehr als vier Kilogramm in zwei Tagen), und dann schnellte es die ganze erste Woche trotz dreier Fastentage lang stur nach jedem Eßtag auf 99,5 bis 99,8 zurück, erst jetzt merke ich im Lauf der Woche auch an diesem Wert wieder eine Bewegung nach unten. Mein Wasserhaushalt scheint nun also endlich wieder stabil zu sein.

Über 100 ging das Gewicht zu meiner Befriedigung seitdem aber nicht mehr. Seit 18 Tagen leistet mir der olle Uhu nun schon ununterbrochen Gesellschaft, und wenn ich nett genug zu ihm bin, wird er nun wohl dauerhaft bei mir bleiben. Auf diese Phase habe ich lange warten müssen, aber im Geiste bin ich schon wieder einen Schritt weiter. Auf zu neuen Ufern: Übernächste Woche probiere ich es mit einem viertägigen Fastenintervall plus einem Aufbautag. Samstag übernächster Woche dann vielleicht bei unter 94 Kilo und ab Montag darauf dauerhaft nicht mehr über 97? Damit ich endlich von mir sagen kann: Jetzt habe ich WIRKLICH 50 Kilo abgenommen? 😉

Ganz im Ernst, ich habe keine Ahnung, ob sich eine Netto-Abnahme von mehr als zwei Kilogramm durch ein fünftägiges Fastenintervall (Montags-Werte vor und nach der fünftägigen Fastenphase: 101,8 kg vs. 99,6 kg) noch einmal anteilig in vergleichbarer Höhe durch ein viertägiges Fastenintervall wiederholen läßt (nach vier Tagen lag ich 1,4 Kilogramm unter meinem vorherigen Niedrigstgewicht, wäre das wieder exakt in gleicher Höhe der Fall, müßte ich nach dem vierten Tag diesmal bei 93,7 kg herauskommen), aber ich werde die tatsächliche Wirkung nur herausfinden, indem ich es einmal ausprobiere. Natürlich ist mir klar, daß solche Kalkulationen nie aufgehen ... aber mein innerer Taschenrechner gibt einfach keine Ruhe: Angenommen, ich würde das einmal monatlich machen und dabei jedes Mal um die 2 Kilo abnehmen, dann hätte ich nächstes Jahr um diese Zeit mein Zielgewicht erreicht.

Na ja, man wird ja wohl noch träumen dürfen. 💤😇 Schön wär's. Aber wie jedes Instrument beim Fasten dürfte sich auch dieses im Lauf der Zeit abnutzen. Mein Taschenrechner lügt mich also an.

Apropos Abnutzung: Daß sich mein bewährter Wechsel von zwei und drei Fastentagen die Woche mittlerweile abgenutzt hat, gibt mir schon zu denken, eigentlich hätte ich den gerne aufrechterhalten, aber offenbar wirkt es auf diese Weise nicht mehr ausreichend. Wahrscheinlich würde es meinen Stoffwechsel wieder besser in Schwung bringen, wenn ich mir mal wieder eine mehrwöchige Fastenpause gönnen würde. Aber nachdem zu Ostern schon eine einwöchige Pause diesmal auch im Frühjahr eine Zunahme ausgelöst hat, traue ich mich das im Moment noch nicht. Urlaub ist dieses Jahr sowieso gestrichen, in dem ich darum gar nicht herumgekommen wäre. Bevor ich das ohne äußeren Anlaß mache, muß ich mir erst einmal einen komfortablen Abstand zum Uhu-Fluchtbereich verschaffen. Vielleicht im September für zwei Wochen, aber das hängt davon ab, wie sich mein Gewicht bis dahin entwickelt hat. Über den Winter mache ich so was lieber nicht, da muß ich ohnehin wieder mit spontanen Gewichtszunahmen ohne ersichtlichen Grund rechnen. Falls also nicht bis September, dann erst wieder nächstes Frühjahr.

Ach ja, und dann hatte ich ja für Weihnachten auch noch dieses überkandidelte Ziel, weniger als mein kleiner Bruder 👶 (der mittlerweile auch schon 50 geworden ist) zu wiegen, der 90 Kilo auf die Waage bringt ... ich habe es nicht vergessen, obwohl ich zeitweise nicht mehr daran geglaubt hatte, daß das zu schaffen sei. Momentan bin ich da wieder optimistischer.

Mein Mann hat diese Woche übrigens wieder Spätschicht und heute ebenfalls seinen dritten Fastentag. Die beiden ersten hat er problemlos absolviert. Wieviel er wiegt, interessiert ihn immer noch nicht.

Was mir sonst gerade noch so durch den Kopf geht: das BGH-Urteil über Schönheitsreparaturen in Mietwohnungen, über das gestern berichtet wurde. Das betrifft mich als Vermieterin, die ihre Wohnungen bislang immer unrenoviert vermietet hat, und zwar aus der Überlegung heraus, daß viele Mieter sowieso noch ein zweites Mal renovieren würden, weil ihnen das Nullachtfünfzehn-Programm aus Rauhfaser weiß zu wenig persönliche Note hat, und weil ich es nachvollziehen kann, wenn jemand umgekehrt beim Auszug wenig Lust hat, eine Wohnung, die er künftig nicht mehr bewohnen wird, mehr als nur huschhusch zu renovieren. Warum, dachte ich schon vor zwanzig Jahren, als ich das erste Mal einen Mieter suchte, und zwar für eine Wohnung, aus der ich selbst gerade auszog (und ebenfalls keine Lust zum Renovieren hatte), also nicht gleich umgekehrt?

Klar, manche Mieter legen auch Wert darauf, in ihrer neuen Wohnung nur noch die Umzugskartons reinstellen zu müssen. Aber die gehören halt nicht zu meiner Zielgruppe. Und die Mehrheit der angebotenen Wohnungen erfüllt ihre Vorstellungen, also sehe ich keinen Grund, warum ausgerechnet meine Wohnungen das ebenfalls tun sollten.

So war das jedenfalls in den letzten zwanzig Jahren.

Wenn die Wohnung dabei tatsächlich in einem sehr unschönen Vorher-Zustand war, sprach ich mich ab, was ich selbst in Ordnung bringen lassen würde (defekte Rolläden oder Steckdosen u. ä.), was die neuen Mieter (Tapezieren und Streichen) und wobei ich ihnen ggf. das Material zu bezahlen bereit war (z. B. Laminatböden anstelle des alten Teppichbodens), wenn sie etwas selbst machen konnten und wollten. In einem Fall gab es außerdem einen mietfreien ersten Monat, meistens gab ich aber auch sonst schon zehn bis vierzehn Tage früher die Schlüssel, damit sie, wenn die erste Miete fällig war, bereits gemütlich ihr neues Heim genießen konnten, anstatt dann erst mit dem Renovieren beginnen zu müssen. 

So werde ich das, fürchte ich, nun nicht weiter handhaben können.

Ich werde mir die Urteilsbegründung noch zu Gemüte führen müssen, sobald sie online nachzulesen sein wird, um mir über die Konsequenzen wirklich sicher zu sein, aber es könnte sein, daß ich beim nächsten Mieterwechsel tatsächlich den folgenden Mieter mit Rauhfaser weiß beglücken und von ihm dafür auch beim Auszug aber ebenfalls eine Renovierung nach diesem Standard verlangen werde, denn damit gehe ich dann nicht das Risiko ein, daß der Mieter von mir verlangen kann, nach ein paar Jahren Mietdauer eine Renovierung zu veranlassen, die ich zur Hälfte selbst bezahlen muß. Eigentlich würde ich es aber lieber weiter so machen, wie ich es gewöhnt bin, weil es mir sinnvoller erscheint und weil es eben auch bequemer ist. Eine besenreine Wohnung abzunehmen enthält viel weniger Konfliktpotential als bei einer selbstrenovierten Wohnung, bei der das Renovierungsergebnis zu wünschen übrig läßt. Mir ist somit der Weg des geringsten Streitrisikos von Gerichts wegen verbaut worden. Schade darum.

Sonntag, 5. Juli 2020

Was mich an der aktuellen Fleisch-Debatte so stört

Mein Gewicht heute früh: 97,6 Kilogramm. Wie weit es bis morgen nach oben gehen wird, weiß ich nicht, aber damit sollte ich morgen jedenfalls problemlos wieder unter hundert in den ersten Fastentag der Woche starten können. Mit ein bißchen Glück beginne ich sogar mit einem recht komfortablen Abstand. Und dann hoffe ich, daß es nächste Woche ein bißchen weiter nach unten geht als diese Woche, in der sich mein Körper noch von dem 5-Tage-Fasten letzte Woche erholen mußte. Der eigentlich spannende Moment folgt wohl übernächste Woche, in der ich wieder einmal drei Tage lang übers Wochenende essen werde und mir deshalb noch nicht sicher bin, ob ich dann die 100er-Grenze vielleicht doch noch einmal durchbrechen werde.

Was mich heute ein bißchen nebenbei beschäftigt, ist die gerade laufende Debatte um die Fleischerzeugung, und zwar deshalb, weil ich den Eindruck habe, daß bei uns an der Realität vorbeidiskutiert wird, wenn immer wieder der Eindruck erweckt wird, das Problem sei das "Billigfleisch" bei Aldi oder Lidl in der Kühltheke, das sich alle Welt ohne Sinn und Verstand in sich reinstopft. Wir haben bei der Fleischerzeugung in der Tat ein Problem, aber das verbirgt sich meiner Meinung nach an ganz anderen Stellen.

Das kann ich übrigens auch begründen. ;-)

Aber der Reihe nach. Schon länger ist der Fleischkonsum ja in der Diskussion. Wir äßen zu viel Fleisch, heißt es, und das mache uns dick und verderbe das Klima. Außerdem machten wir uns mit unserem exzessiven Fleischkonsum an Tierleid mitschuldig.

Diese durch die Massenmedien massiv gehypten Debatten führten zur "Veggie"-Modewelle, bei der es sich  aber meines Erachtens nicht um einen ernst gemeinten Ernährungswandel handelt, sondern bei der vor allem die Nahrungsmittelkonzerne ein Trendthema aufgreifen und die Welt mit neuen Fertigprodukten beglücken konnten, bei denen sie mindestens vorübergehend mit einem kalkulierbar gewinnträchtigen Absatz rechnen können. Daß irgendwem diese Sorte Fraß wirklich schmeckt, wage ich sehr zu bezweifeln. Gekauft wird es trotzdem, aus schlechtem Gewissen heraus, sozusagen als Symbolhandlung. Daß die wenigsten dieses Zeug wirklich mögen, symbolisierten auf dem Höhepunkt des Corona-Hamsterwahns Fotos aus Supermärkten, die fast restlos leergeräumte Regale zeigten, zwischen denen nur die "Veggie"-Produkte noch übriggeblieben waren.

Wäre unser Problem tatsächlich der tägliche Konsum von Schnitzeln, Koteletts oder Steaks, wie das behauptet oder zwischen den Zeilen suggeriert wird, hätte ich übrigens nicht genau in dieser Zeit mich problemlos mit Fleisch versorgen können (mit der Ausnahme von Hackfleisch, das eine Zeitlang ebenfalls knapp war), während Gemüsekonserven, Nudeln, Reis und Mehl nirgends mehr zu bekommen waren.

Ich sehe zwei verschiedene Problembereiche, die beide etwas mit unserer fehlgesteuerten Fleischwirtschaft zu tun haben und die beide lösbare Probleme sind.

Problem Nr. 1: Wir erzeugen Fleisch über unseren Bedarf hinaus für den Export, und dahinter stecken kaum die kleinen Erzeuger, sondern die Branchenriesen, diejenigen, deren Tiere bei Tönnies & Co. geschlachtet werden. Das, was bei den Schlachtgiganten à la Tönnies verarbeitet wird, landet alos nur zu einem Teil auf unseren Tellern. Schaut man sich die Versorgungsbilanz dieses Landes mit Fleisch einmal näher an, stellen wir nämlich fest: Wir produzieren 114 % des Fleischs, das bei uns verbraucht wird. Noch näher betrachtet, sind es zwei verschiedene Produkte, mit denen wir überversorgt sind: Schweine und Innereien, das letztere sogar ganz gewaltig.

Das ist erstaunlich, weil beides der typische Fall von Billigfleisch ist, der immer angeprangert wird. Gerade Innereien bekäme man eigentlich günstig, wenn sie nur konsumiert würden. Tatsächlich wird aber von 574 erzeugten Tonnen pro Jahr der größte Teil exportiert, während pro Verbraucher nur 0,2 Kilogramm pro Jahr verzehrt werden. Schweinefleisch wiederum macht mit 34,1 Kilogramm den größten Teil des verzehrten Fleischs aus, aber der Anteil des exportierten Schweinefleischs liegt nicht so viel niedriger wie der Teil des Fleischs, der für diesen Verbrauch erzeugt werden muß.

Auffällig daran ist, daß das exportierte Schweinefleisch eher in die EU ausgeführt wird, während die Innereien eher ins Nicht-EU-Ausland gelangen. Da darf man schon vermuten, daß wir Schweinefleisch mit im EU-Vergleich unterdurchschnittlichen Kosten erzeugen, während Innereien einfach nicht sonderlich begehrt auf dem Markt sind und deshalb in Länder verramscht werden, in denen man froh ist, sie preisgünstig zu bekommen.

Was ebenfalls auffällig ist: Von 47 Kilogramm Schweinefleischverbrauch pro Kopf werden nur 34 Kilogramm tatsächlich verzehrt. Unwahrscheinlich, daß das alles Knochen und sonstige nicht zum Verzehr geeignete Bestandteile des einstmals lebendes Schweins sein sollen. Mich irritiert nämlich schon lange die Einförmigkeit des Fleischangebots im Discounter; man hat den Eindruck, ein Schwein setzt sich aus lauter Schnitzeln, Nackensteaks und dem Filet zusammen. Wo bleiben eigentlich die anderen Teile? Ich glaube nicht, daß die Nahrungsmittelindustrie irgendetwas nicht verwertet, das sie schon hat. Einiges wird in der Wursterzeugung landen, anderes für Fertiggerichte, was dann noch übrig ist, wird wohl als Tierfutter verwendet.

Mit Ausnahme des Tierfutters ist das aber natürlich in den 34 Kilogramm immer noch mitenthalten.  Hinzu kommen somit noch 13 Kilogramm Knochen und andere Teile, die als nicht für den menschlichen Verzehr geeignet gehalten werden.

Das führt mich zu Problem Nr. 2: Wie groß ist denn überhaupt der Anteil an den knappen 60 Kilogramm Fleisch, die gar nicht in Form von Schnitzeln, Steaks und Hackfleisch auf unseren Tellern landen, sondern in Form von Wurst und als Bestandteil von Fertigprodukten? Ich tippe nämlich darauf, daß er um einiges größer ist, als sich das in den aktuellen Debatten widerspiegelt. Dabei gehe ich natürlich von mir selbst aus, denn beim Fleisch käme ich nie im Leben auch nur auf die Hälfte des durchschnittlichen Verbrauchs. Ich kaufe relativ wenig Fleisch, weil ich auf Kurzgebratenes nicht sonderlich stehe und weil mir der Aufwand für üppige Braten zu hoch ist, um das öfter als vielleicht alle halbes Jahr einmal zuzubereiten. Was ich ganz gerne mal mache, sind Rahmschnitzel, und dann verwende ich gerne Hackfleisch für alle möglichen Gerichte, ab und zu mache ich auch mal Rinderrouladen .. und das war es im Grunde schon. Wenn es einmal die berüchtigten Nackensteaks gibt, dann hat sie mein Mann eingekauft, dasselbe gilt übrigens auch für Bratwürste. Er ist auch unser Fachmann für Hühnersuppe, die er meistens dann kocht, wenn er sich malade fühlt.

Ich führe keine Statistik, wie viel Fleisch ich so kaufe. Hackfleisch habe ich eigentlich immer im Gefrierschrank. Aber das letzte Mal drei Packungen Hackfleisch gekauft habe ich im April. Daneben habe ich eigentlich immer eine Packung Hähnchenleber im Gefrierschrank, die ich ebenfalls sehr gerne esse, aber vielleicht alle zwei, drei Monate mal mache. Das einzige andere Fleisch, das ich im Moment noch habe, ist eine Packung fertiges Hähnchendönerfleisch für Notfälle, in denen ich schnell was auf dem Tisch haben will, aber das liegt auch schon seit April da, weil nie ein Notfall aufgetreten ist. Das macht zusammen keine drei Kilo in drei Monaten aus.

Wurst vom Discounter essen zu müssen, betrachte ich als eine gerechte Strafe für Leute, die lieber möglichst billig als möglichst gut essen wollen, denn dieses Zeug schmeckt meiner Meinung nach bestenfalls nach einem mit viel Gewürz versehenen Nichts und schlimmstenfalls besch... . Ich kaufe dort schon länger nur noch Salami oder Rohschinken, und zwar am Stück, und schneide es selber auf, dazu kommt noch Dosenwurst von einem regionalen Bio-Erzeuger, und alle paar Wochen - das mache ich aber ziemlich unregelmäßig, vielleicht einmal im Monat oder so - kaufe ich an einer Metzgereitheke frische Wurst ein. Beim Fleisch bin ich aber tatsächlich bislang immer an der Fleischtheke bei Lidl gelandet, aber nicht wegen des Preises, sondern weil es mir unangenehm ist, an der Bedientheke des Metzgers erst auswählen zu müssen, während hinter mir andere Leute warten. Da fehlt bei mir im Moment einfach die Gewohnheit, an der Theke auszuwählen. Das liegt auch daran, daß ich mein Fleisch selten sofort verwenden möchte, sondern es lieber einfriere. Da ist der Discounter, in dem ich ohnehin einkaufe, einfach die bequemste Lösung, und ich nehme an, genauso geht das den meisten Leuten, die im Discounter einkaufen.

Wenn ich das Hackfleisch als Beispiel nehme, das ich am meisten verwende: Dessen Preis hat sich im Disocunter in den letzten zehn bis zwölf Jahren ungefähr verdoppelt, und die Verbraucher haben kein Wort darüber verloren, fast hatte ich den Eindruck, niemandem außer mir ist das überhaupt aufgefallen. Ich meine deshalb, die Debatte um die Sozialverträglichkeit des Fleischpreises geht an der Realität vorbei. Sogar dann, wenn irgendwelche Lenkungssteuern dazu verwendet würden, um Discounterfleisch künstlich so zu verteuern, daß sie mehr kosten würden als beim Metzger, würde eine Mehrheit der jetzigen Kunden wohl weiter dort einkaufen, einfach weil es lästig ist, sich beim Metzger anzustellen (und jetzt in Corona-Zeiten sowieso). Und wenn ich von meinem eigenen Stundenhonorar ausgehe: Eine Stunde Zeit extra einsetzen zu müssen, entspricht ja einem sehr viel höheren Geldwert als ein Euro zusätzliche Kosten pro Kilo Fleisch.

Für mich kann es aber sein, daß sich genau daran demnächst etwas ändert. Mein Mann und ich haben nämlich neulich darüber gesprochen, daß ich eigentlich meinen Wochenmarkt-Einkauf auch regelmäßiger mit einem Schlenker in eine Markthalle verbinden könnte, wo ich mehrere sehr gute Metzger vorfinde, und dort nicht nur Wurst, sondern bei jedem Einkauf irgendeine Fleischsorte kaufen will, die ich im Selbstbedienungs-Kühlregal einfach bekomme. Einer der Metzger hat zum Beispiel auch ganze Kaninchen im Angebot. Das habe ich zu Weihnachten in einem Discounter gekauft, und später habe ich gesehen, daß der Kilopreis des Metzgers in der Markthalle locker mit dem gefrorenen Kaninchen beim Discounter mithalten kann, und ich nehme an, die Qualität, die ich dort bekomme, ist sehr viel besser. Ich würde zum Beispiel auch gerne mal wieder eine Rinderzunge machen. Im Discounter krieg ich die aber nicht.

Das Hackfleisch und die Schnitzel zum Einfrieren nehme ich dann nebenbei auch noch mit. Wenn ich ohnehin dort hingehe, ist das kein Mehraufwand mehr. Und wenn dort das Hackfleisch frisch durchgedreht wird, gibt es bei uns vielleicht auch mal daheim Tatar - das esse ich sonst besonders gerne, wenn wir in Tschechien sind, und aus abgepacktem Hackfleisch mach ich das lieber nicht. ;-)

Daß dieser Metzger Bio-Ware anbietet, ist mir eigentlich längst nicht so wichtig wie die Tatsache, daß er ein regionaler Erzeuger ist, der auch einen regionalen Schlachthof nutzt. Was mich nämlich eigentlich an dem sogenannten Billigfleisch stört, bei dem es mir eher um die Billigwurst geht, ist die Tatsache, daß die Riesen-Schlachthöfe und die Giganto-Fleischerzeugungsbetriebe einander benötigen und auf Kosten kleinerer Erzeuger voneinander maximal profitieren. Daß man einzelne Unternehmen nicht zu groß werden lassen sollte, zeigt sich daran, daß diese Schlachthöfe zwar richtig groß geworden sind, als die EU die Richtlinien so verschärft hat, daß kleinere Schlachthöfe das gar nicht mehr umsetzen konnten, aber daß sich seither das Tierwohl eher verschlechtert als verbessert hat ... vom Umgang mit den Beschäftigten gar nicht erst anzufangen.

Übrigens kann ich das entsetzte Herumgeheule über die ach so schrecklichen Zustände in den Schlachthöfen speziell von SPD und Grünen nicht als aufrichtig gemeint akzeptieren. Unter deren Regierung war es schließlich, daß erstmals von den menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in Schlachthäusern berichtet wurde. Damals gab es zusätzlich noch menschenunwürdige Hungerlöhne, und mittlerweile haben wir ja immerhin den Mindestlohn. Das hat damals aber weder die SPD noch die Grünen interessiert.

Es ist gut, daß Corona uns einmal deutlich vor Augen führt, daß es zu unser aller Schaden ist, wenn dieselben unerträglichen Zustände mit in schlechte Massenunterkünfte gepferchten Werkvertrags-Kräften aus dem Ausland weiterbestehen sollten; der eigene Schaden scheint nun auf einmal endlich doch ein wirksames Argument gegen eine Sache zu sein, die ich schon vor fünfzehn Jahren skandalös fand, ohne daß sich allerdings damals irgendwer dafür interessiert hätte, und schon gar nicht die politischen Heiligenscheinträger von heute, die damals dafür mitverantwortlich gewesen sind.

Wie auch immer: Ich kaufe - neben dem Discountereinkauf, der allerdings immer kleiner wird - bereits regelmäßig vieles regional, vorzugsweise bei kleinen Erzeugern auf dem Wochenmarkt, und am liebsten die Waren, die aus eigener Erzeugung stammen, nicht weil ich ein solcher Tugendbold bin und damit die Welt retten will, sondern weil mir das die beste Gewähr dafür bietet, wohlschmeckende frische Ware zu bekommen. Das habe ich nicht immer gemacht, weil es mir immer schwergefallen ist, eine entsprechende Einkaufsroutine zu entwickeln. Mein Problem war immer der mir nächstgelegene Wochenmarkt, dessen Einkaufzeiten - freitags von 12 bis 18 Uhr - für mich einfach keinen organisatorisch naheliegenden Einkaufszeitpunkt umfaßten. Das hat mich irgendwie blockiert, obwohl es, näher betrachtet, natürlich schon die ganze Zeit möglich gewesen wäre, auf einen Wochenmarkt in einem anderen Stadtteil auszuweichen. Die schleichenden Veränderungen in meinen Einkaufsroutinen haben das erst begünstigen müssen.

Ich glaube nicht daran, daß die selbsternannten Weltretter etwas Sinnvolles tun, wenn sie veganes Convenience-Food kaufen, weder für die Welt, noch für ihre Gesundheit. Aus moralischer oder gesundheitlicher Begründung heraus auf Fleisch zu verzichten, ist meiner Meinung nach nichts weiter als Selbstbetrug zur Erleichterung des eigenen Gewissens, zumal wenn stattdessen hochverarbeiteter Mist erworben wird ... oder das neueste vegane Superfood, das erst mal um die halbe Welt transportiert werden muß, um hier im Biodiscounter gekauft werden zu können, weshalb ihre Ökobilanz ziemlich fragwürdig ist. Gescheiter wäre es, sich an dem zu orientieren, was hierzulande erzeugt wird und gerade Saison hat. Nirgends wird einem dies plastischer vor Augen geführt als auf dem Wochenmarkt. Seit ich das erste Mal auf dem Wochenmarkt frisch geerntete Trauben gekauft habe, habe ich kein einziges Mal mehr welche außerhalb der Saison gekauft. Lieber freue ich mich das ganze Jahr auf die Wochen, in denen ich "richtige" Trauben bekomme. Und während ich darauf warte, gibt es ja mehr als genug anderes, auf das ich mich ebenfalls die längste Zeit des Jahres freuen kann und nur während der Saison kaufe, von Erdbeeren über Zwetschgen bis zu den selteneren Apfelsorten, die ich auf meinem Wochenmarkt nur für kurze Zeit finde.

So gut wie in den letzten paar Jahren habe ich, finde ich, noch nie gegessen, und das ist der wichtigste Grund, warum ich im Discounter viele Dinge mittlerweile stehen lasse, ohne dies als moralischen Akt zu betrachten, sondern als schlichten Eigennutz.


Donnerstag, 2. Juli 2020

Das statistische Wolkenkuckucksheim

Mein Gewicht heute früh: 97,6 Kilogramm, nur 100 Gramm weniger als am Dienstag, aber damit war zu rechnen. Nach nur zwei Eßtagen am Wochenende verliere ich an Fastentagen ja weniger Wasser, und vermutlich strengt sich mein Körper an Eßtagen mehr an, sein Wasserlevel wieder zu erreichen. Außerdem hatte ich ja am Samstag früh gar nichts mehr in Magen und Darm, und das kann leicht ein bis zwei Pfund unter dem typischen Level nach einem normalen Fastentag bedeuten. Mein Ziel diese Woche besteht also  nicht darin, mein All-time-Low von 95,1 Kilogramm zu erreichen oder auch nur in dessen Nähe zu kommen, sondern darin, nächsten Montag erneut mit einem Gewicht unter 100 Kilogramm zu starten - wofür ich meinem Gefühl nach am Samstag um die oder unter 97 Kilogramm haben sollte.

Nach fünf aufeinanderfolgenden Fastentagen dürfte es ein Weilchen dauern, bis mein Gewichtsverlauf auch nur annähernd vorhersehbar wird (und auch diese Vorhersehbarkeit hat, wie man an den letzten Monaten sehen konnte, ihre Grenzen), aber ich hoffe mal, daß ich mich in den nächsten Wochen auch ohne mehrtägige Fastenintervalle langsam, aber stetig wieder auf unter 96 Kilo zubewegen werde.

Wobei ich übernächste Woche tatsächlich doch wieder ein zweitägiges Fastenintervall einlegen muß, weil ich in jener Woche am Freitag zu einer Betriebsfeier eingeladen bin, also an diesem Tag nicht fasten kann. Fest entschieden habe ich es noch nicht, aber mir schwebt für diese Woche vor, Montag, Mittwoch und Donnerstag zu fasten. Spannend wird es dann mit dem dreitägigen Wochenende und bei welchem Gewicht ich in die darauffolgende Woche starten werde. Vielleicht bin ich dann tatsächlich wieder über 100, aber dann tritt ja mein im letzten Beitrag beschriebener "Plan B" in Kraft. Mir ist es jetzt wichtig, den dreistelligen Bereich wirklich für immer hinter mir lassen zu können. Auch wenn die Zahl auf der Waage nur eine abstrakte Größe ist, das fällt für mich in den Bereich Psychohygiene.

Immerhin weiß ich wenigstens, daß das alles nur Zahlenhokuspokus ist. In den letzten Tagen könnte ich mich nämlich über den Umgang der Medien mit Zahlen schon wieder schwarzärgern. Das jüngste Beispiel las ich gerade eben in der FAZ, die über die zu erwartende Entwicklung der Corona-Todesfälle in den USA schreibt:

Eine Modellstudie der University of Washington prophezeit, dass die Covid-Todeszahlen bis Oktober 150 Tausend erreichen würden - vorausgesetzt, 95 Prozent der Bevölkerung würden im öffentlichen Raum Gesichtsmasken tragen. Andernfalls würde die Anzahl an Virustoten wohl bei rund 180 Tausend liegen.
Diese Studie habe ich gesehen, sie ist schon ihre zwei bis drei Wochen alt und mag zu jenem Zeitpunkt eine vernünftige Prognose gewesen sein, aber sie ist längst von den Ereignissen überrollt worden. Stand heute, 2. Juli, haben die USA schon mehr als 130.000 Tote zu beklagen. Damit diese Zahl bis zum 1. Oktober nur um weitere 20.000 Todesfälle auf 150.000 steigt, müßte die Zahl der Todesfälle auf ungefähr 200 pro Tag begrenzt werden können, und damit sie nur um 50.000 auf 180.000 steigt, auf ca. 550. Im gleitenden 7-Tages-Durchschnitt sind es aber schon jetzt 560, und angesichts der steigenden Infektionszahlen ist damit zu rechnen, daß die Amerikaner sich in den nächsten Wochen wieder auf vierstellige Zahlen bei den Todesfällen einstellen müssen.

Ich tippe momentan für den 1. Oktober eher auf 250.000 Corona-Todesfälle in den USA, und das ist sogar noch eine relativ optimistische Prognose, weil sie nur von durchschnittlich ca. 1300 Todesfällen pro Tag ausgeht. Das wären weniger Todesfälle als bei der ersten Corona-Welle, in der in den drei Monaten zwischen dem 1. April und dem 1. Juli 125.000 der insgesamt 130.000 Todesfälle und damit ca. 1400 pro Tag als Durchschnittswert verzeichnet wurden.

Diesmal sind allerdings die Infektionszahlen wesentlich höher, und ich vermute, der Höhepunkt ist noch gar nicht erreicht. Wenn es dumm kommt, liegt die Zahl der Infizierten pro Tag bei Erreichen des nunmehrigen neuen Höhepunkts mehr als doppelt so hoch wie beim ersten Mal, und wenn es noch dümmer kommt, liegt mit der üblichen Zeitverzögerung von ca. zwei Wochen dann auch die Zahl der Todesfälle pro Tag doppelt so hoch.

Die zitierte Studie enthält die ungünstige neue Entwicklung bei den Infektionszahlen noch nicht, was man ihren Autoren nicht übelnehmen kann, aber damit ist ihre Prognose leider bereits veraltet. Was mich wundert (und ärgert), ist warum die Autoren bei der FAZ sich auf stumpfes Nachplappern beschränken, anstatt sich ihres hoffentlich im Prinzip vorhandenen eigenen Verstandes zu bedienen, wie man das von selbsternannten Qualitätsmedien doch eigentlich erwarten können sollte.

Gestern habe ich nach langer Zeit zum ersten Mal wieder den Monatsbericht der Arbeitsagentur gelesen, weil mich interessiert hat, wie sich Corona auf die Arbeitslosigkeit ausgewirkt hat, und weil ich mich, was die Beurteilung dieser Zahlen betrifft, in der Vergangenheit auch nicht gut genug auf die Medien verlassen konnte. Deshalb lese ich Medienberichte zu diesem Thema schon längst nicht mehr; dafür lasse ich mich per E-Mail informieren, wenn es bei der Arbeitsagentur etwas Neues gibt. Seit die Arbeitslosigkeit kein großes Thema mehr ist, lese ich die Berichte allerdings nicht mehr regelmäßig, sondern nur noch, wenn etwas Besonderes mich interessierte.

Unter dem Vorbehalt, daß immer noch eine zweite Welle kommen und alles sehr viel schlimmer machen kann, finde ich, bislang sind wir verhältnismäßig gut davongekommen:

Stand 15. Juni 2020 hatten wir 637.000 mehr Arbeitslose als zum selben Zeitpunkt letztes Jahr. Die haben aber nicht alle etwas mit Corona zu tun; wir hatten nämlich schon seit letzten Herbst eine kleine Krise in unseren großen Konzernen, die zu Einstellungsstopps und teilweise auch Entlassungen oder Umstruktuierungen führten. Im letzten halben Jahr vor Corona las man darüber fast täglich in der Zeitung. Letzten Sommer im Juni erfuhr auch mein Sohn, der da gerade seine Masterarbeit fertiggestellt hatte, von dem Einstellungsstopp bei dem Automobilzulieferer, für den er tätig gewesen war, weshalb seine eigentlich fest erwartete Festanstellung geplatzt ist. Das ärgerte ihn, aber es machte dann nichts, denn seine Qualifikation war auch in anderen Branchen begehrt: Einen Monat später begann er im Logistikbereich, und in ein paar Tagen jährt sich dort seine Jobaufnahme zum ersten Mal, und ich habe auch das Gefühl, in seiner jetzigen Branche ist er richtiger plaziert als bei den dauerkriselnden Automobilzulieferern.

Hinzu kommt außerdem, daß Arbeitsgelegenheiten und Umschulungsmaßnahmen während Corona unterbrochen bzw. nicht neu begonnen wurden und damit mehr Personen, die sonst in der zweiten maßgeblichen Zahl der "Unterbeschäftigten" zugeordnet würden, nunmehr als arbeitslos gezählt wurden. Die Unterbeschäftigung ist im Vergleich zum 15. Juni 2019 auch deutlich geringer angestiegen als die Arbeitslosigkeit, nämlich um 439.000 Personen. Das legt die Vermutung nahe, daß ungefähr 200.000 Arbeitslose einfach nur aus der Unterbeschäftigungs-Rubrik in die der Arbeitslosigkeit verschoben worden sind.

Ich vermute, wenn die akuten Corona-Folgen auf dem Arbeitsmarkt weitgehend beseitigt sind (vielleicht im September oder Oktober), wird die Arbeitslosigkeit weiterhin etwas höher liegen als im Vorjahresmonat. In welcher Größenordnung das sein wird, kann ich nicht so richtig einschätzen, vielleicht 100.000 bis 200.000 Personen. Also letztlich nicht die Welt. Wir werden mittlerweile ja auch von der demographischen Entwicklung in ungünstigen Konjunkturlagen abgefedert.

Betrachtet man die Zahlen zur Erwerbstätigkeit, die allerdings immer ein bis zwei Monate hinterherhinken (Stand: Mai 2020), bietet sich ein in Teilbereichen überraschendes Bild:

Erwerbstätige 44,71 Mio., minus 531.000 oder 1,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, also im erwarteten Bereich. Davon macht aus:
  • sozialversicherungspflichtige Beschäftigung: 33,41 Mio., + 30.000 oder 0,1 Prozent gegenüber dem Vorjahr
  • Selbständige (einschließlich mithelfender Familienangehöriger, Angaben zum Ende des ersten Quartals 2020, also zum 1.4.2020 - somit nur begrenzt vergleichbar) 4,07 Mio., minus 112.000 oder 2,7 Prozent
  • Minijobber 
    • ausschließlich geringfügig entlohnt: 4,23 Mio, minus 377.000 oder 8,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.
    • im Nebenjob: 2,80 Mio., minus 114.000 oder 3,9 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. (Dieser Wert ist aber nicht in der Erwerbstätigkeit enthalten, nur der Hauptberuf.)
Wie man sieht, gab es den großen Absturz also nicht in der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung, sondern vor allem bei den Minijobs. Das lag im Grunde aber auch nahe, denn die Gastronomie, die ja von dem Corona-Shutdown besonders stark betroffen war, beschäftigt schon seit fast zwanzig Jahren ungefähr ebenso viele Minijobber wie Festangestellte. Offenbar war es für die Gastronomen eine naheliegende Lösung des Corona-Problems, die Festangestellten eher in Kurzarbeit zu schicken und die Minijobber eher zu entlassen.

Woher die plus 30.000 sozialversicherungspflichtig Angestellten im Vorjahresvergleich kommen, wäre interessant zu wissen, aber so tief bin ich in die Zahlen dann doch wieder nicht eingestiegen. Es sieht jedenfalls so aus, als wäre unser Arbeitsmarkt prinzipiell immer noch aufnahmebereit, nur betrifft das nicht alle Branchen.

Zur Kurzarbeit: Im April wurde für knapp über 8 Millionen Beschäftigte Kurzarbeit angemeldet. Für 6,83 Mio Arbeitnehmer wurde dann tatsächlich konjunkturelles Kurzarbeitergeld gezahlt. Der durchschnittliche Arbeitszeitausfall belief sich dabei auf 50 Prozent.

Hört sich übel an, betrifft aber in diesem Umfang nur den hauptbetroffenen Monat April. Im März, dessen erste Hälfte noch nicht betroffen war, waren es noch 2,49 Millionen, und für Mai liegen zwar keine Zahlen über tatsächlich gezahltes Kurzarbeitergeld vor, aber angemeldet wurde Kurzarbeit "nur" noch für 1,14 Millionen Beschäftigte. Bedenkt man, daß die Gastronomie mehr als den halben Mai lang noch im Shutdown war, ist das ein eindrucksvoller Rückgang. Für Juni lagen bis einschließlich 25.6. Anmeldungen für Kurzarbeit für nur noch 342.000 Personen vor. Für wie viele das dann tatsächlich in Anspruch genommen wird, bleibt abzuwarten.

Zum Vergleich: Im Dezember, also noch vor Corona, erhielten 247.000 Personen Kurzarbeitergeld, davon 97.000 als konjunkturelles Kurzarbeitergeld. Langsam nähern wir uns auf dem Arbeitsmarkt also im Bereich Kurzarbeit wieder den normalen Zuständen.

Alles in allem, finde ich, hätte es wirklich sehr viel schlimmer kommen können. Falls es zu keinen großflächigen Shutdowns mehr kommen sollte, sind wir - gesamtwirtschaftlich betrachtet - mit einem blauen Auge davongekommen. Der Teufel liegt natürlich immer im Detail. Gestern kam ich an einem sehr beliebten Café vorbei, wunderte mich, daß sie dort immer noch geschlossen hatten, und las dann an der Tür einen Aushang, daß sie bis auf weiteres nur am Wochenende öffnen, weil alles andere einen noch höheren Verlust als das Geschlossenbleiben bedeuten würde. Auf diese Weise kann man natürlich nicht dauerhaft existieren, und es gibt bestimmt genügend Unternehmen, die in den nächsten Monaten weiter um ihren Fortbestand kämpfen müssen. Nicht alle werden diesen Kampf gewinnen, und diejenigen, die scheitern, tröstet es gar nicht, wenn "gesamtwirtschaftlich" alles nicht so schlimm gewesen ist.

Noch ein anderer zufälliger Fund aus der Reihe "Zahlen lügen nicht. Aber kann man ihren Interpreten wirklich trauen?" ist eine neue Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Darin steht:
Die Befragung des Jahres 2019 zeigt, dass gegenwärtig insgesamt 7,2 % aller 12- bis 17-jährigen Jugendlichen in Deutschland rauchen. Eine deutliche Mehrheit der Jugendlichen (83,0 %) hat noch nie geraucht. Im Vergleich zu den Jugendlichen sind unter den jungen Erwachsenen im Alter von 18 bis 25 Jahren das Rauchen mit 28,8 % deutlich weiter und das Nierauchen mit 40,5 % deutlich geringer verbreitet.
Woher kommt das eigentlich, daß mehr als die Hälfte der tugendhaften Jugendlichen, die bis zum achtzehnten Geburtstag behaupten, nie geraucht zu haben, sich nach Erreichen der Volljährigkeit vom Pfad der Tugend doch noch abgewandt haben? Das eigentlich Verblüffende dabei sind aus meiner Sicht nicht die ca. 29 Prozent aktiven Raucher, sondern sagenhafte mehr als 30 Prozent Ex-Raucher, von denen wir offenbar glauben sollen, sie hätten vor ihrem 18. Geburtstag niemals und nach ihrem 25. Geburtstag nicht mehr geraucht.

Was mich deprimiert, ist, daß diese Behauptung aus der Pressemitteilung der BzgA, bei der man auf den ersten flüchtigen Blick schon Ungereimtheiten erkennt, von allen "Qualitätsmedien" und ebenso Fachpublikationen bloß stumpf nachgebetet wird, anstatt kritisch hinterfragt zu werden. Das läge alleine deshalb schon nahe, weil es eine eindeutig verzerrende Wirkung hat, die Altersgruppen von 12 bis 17 Jahren zu bündeln, weshalb es naheliegt, zu vermuten, daß genau diese Wirkung auch beabsichtigt wird. Als ich zwölf war, kannte ich gar niemanden meines Alters, der schon rauchte. Als ich 17 war, rauchten um die 50 Prozent meiner Altersgenossen. Das Alter, in dem es ernsthaft losging mit dem Rauchen, lag bei ungefähr 15 bis 16, wobei Rauchen erst ab 16 legal war.


Mit etwas Suchen fand ich dann immerhin eine detailliertere Aufschlüsselung (die freilich nicht an die große Glocke gehängt wurde und sich in der Pressemitteilung zur Studie nicht findet):

Kinder und Jugendliche:
12 und 13 Jahre 96,3 Prozent Nie-Raucher
14 und 15 Jahre 86,2 Prozent Nie-Raucher
16 und 17 Jahre 67,6 Prozent Nie-Raucher

Junge Erwachsene:
18 und 19 Jahre 50,6 Prozent Nie-Raucher
20 und 21 Jahre 43,3 Prozent Nie-Raucher
22 und 23 Jahre 32,5 Prozent Nie-Raucher
24 und 25 Jahre 36,5 Prozent Nie-Raucher
 
Tatsächlich finden sich also die meisten Nie-Raucher in den Altersgruppen, in denen schon vor vierzig Jahren nicht viele Raucher zu finden waren, und in den Altersgruppen, in denen man keine Zigaretten verkauft bekommt (oder jedenfalls bekommen sollte), ist ein deutlicher Anstieg der Nie-Raucher (oder jedenfalls von Jugendlichen, die behaupten, nie geraucht zu haben) festzustellen. Aber bis zum Alter von 25 scheint der Anteil derer, die niemals geraucht haben, immer noch genauso niedrig zu sein wie zu meiner Zeit, als er um die 30 Prozent lag (siehe Grafik S. 32).

Das alles gilt außerdem nur für Zigaretten. Wie man der Studie auf Seite 26 entnehmen kann, muß der Anteil der "Nie-Raucher", die außerdem auch noch nie Wasserpfeife geraucht haben, noch ein gutes Stückchen niedriger liegen. Sogar mein Sohn, der nun wirklich ein in der Wolle gewaschener Zigarettenverächter ist, hat mir erzählt, Shisha hätte er auch schon probiert.

Ich erinnere mich noch daran, wie vor ca. anderthalb Jahrzehnten das geforderte und 2007 dann eingeführte Verbot, Tabakwaren an unter 18jährige zu verkaufen, damit begründet wurde, daß die meisten Raucher vor 18 mit dem Rauchen beginnen, weshalb anscheinend angenommen wurde, wenn man dies im einschlägigen Einstiegsalter verhindere, würden sie dauerhaft nicht mit dem Rauchen anfangen. Sieht so aus, als wäre man durch diese Maßnahme aber nur damit erfolgreich gewesen, das Einstiegsalter beim Rauchen um zwei, drei Jahre nach hinten zu verschieben - oder vielleicht auch dafür zu sorgen, daß jugendliche Raucher ihr Rauchen einfach bei Befragungen nicht mehr zugeben.

Falls sie bei der BzgA wirklich glauben, was sie in ihrer Pressemitteilung geschrieben haben, müßte ich an ihrem Verstand zweifeln, und dann gehört meiner Meinung nach die gesamte Behörde außerdem wegen Inkompetenz aufgelöst. Aber falls sie die Message zu ihren Zahlen wissentlich frisiert haben, damit alles schöner wirkt, als es ist, wäre das ja auch nicht viel besser, denn wofür brauchen wir eine Behörde, die uns fromme Märchen anstelle von realistischen Bestandsaufnahmen vorsetzt?

Daß die Zahlen in ihrer Broschüre stimmen (was ich mal voraussetze) und jeder sich ein eigenes Urteil daraus bilden könnte, wenn er nur wollte, ist für mich keine Entschuldigung, weil ja offenbar niemand außer mir diese Zahlen liest, sondern sich jeder auf das verläßt, was in der Pressemitteilung steht.

Weil mir das nicht nur in diesen drei Fällen, sondern überall, wo Zahlen ins Spiel kommen, regelmäßig auffällt, daß dabei meistens eine Art Paralleluniversum geschaffen wird, das nur auf dem Papier besteht, eine Art statistisches Wolkenkuckucksheim, wundert es mich auch nicht, daß die Politik in so vielen Bereichen keine funktionierenden Lösungen mehr findet. Wo die den Lösungen zugrundegelegten Fakten nicht stimmen, passen natürlich die Lösungen nicht zur tatsächlich gegebenen Situation. Und hinterher wundern sich dann wieder alle, weil die mit viel Propagandafanfaren durchgesetzte Regelung in der Praxis nicht funktioniert hat - wie zum Beispiel damals beim Dosenpfand. Oder natürlich auch wie bei den Empfehlungen, wie man abnehmen sollte.

Gerade in dem letzten Bereich bin ich heilfroh, daß ich schon so lange - beginnend seinerzeit mit ganz anderen Themen - vom Glauben an die Wissenschaft als Ratgeber für Fragen, in denen etwas im richtigen Leben funktionieren soll, abgefallen bin und außerdem einen Weg gefunden habe, mir selbst zu helfen (das hat weiß Gott ja lange genug gedauert). Letztlich interessiert sich dort ja niemand dafür, ob das, was man propagiert, außerhalb des statistischen Wolkenkuckucksheims funktioniert oder nicht, solange man dann nur die Schuld an dem Mißerfolg dem einzelnen gescheiterten Diäthaltenden in die Schuhe schieben kann.

Am Samstag, als ich meinen neuen Tiefststand von 95,1 Kilogramm erreicht hatte, habe ich neugiershalber mal nachgesehen, was das für einen BMI bedeutet. Ich kam bei 33,3 heraus, und bei dem Rechner wurde mir "dringend" empfohlen, doch 5 bis 10 Kilo abzunehmen. Was für §%$$§%, dachte ich bloß. Genau wie dieser blöde Orthopäde, der mir - bei einem Gewicht von 125 Kilo - genau dasselbe empfahl und mir dazu Schwimmen ans Herz legte, ohne mich vorher auch nur zu fragen, ob ich mich zufälligerweise bereits längst um eine Gewichtsabnahme bemühte, was genau ich dabei machte und welchen Erfolg es gebracht habe. Die Antworten hätten gelautet: 1) Ja. 2) Verzicht auf bestimmte Lebensmittel, einmal wöchentlich EMS-Training und täglich eine Viertelstunde Gymnastik. 3) Überhaupt keinen, ich nahm im Gegenteil ständig weiter zu.

Ich bin ja mal gespannt, ob ich dieser Sorte Belästigungen endlich entgehen werde, wenn ich einmal bei 73,5 Kilo angekommen bin, was einem BMI von ca. 25,7 oder 8, also "leichtem Übergewicht" entspricht. Dem ersten Weißkittel oder sonstigen Besserwisser, der mir dann immer noch - und womöglich noch "dringend" - dazu rät, "5 bis 10 Kilo" abzunehmen, springe ich wahrscheinlich mit dem nackten Arsch ins Gesicht.


Montag, 29. Juni 2020

Uhu-Nistplatz und private Experimentierfelder

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des ersten von drei Fastentagen diese Woche: 99,7 Kilogramm. Damit hat sich der Uhu also dauerhaft bei mir niedergelassen, und das soll auch so bleiben. Deshalb werde ich in den nächsten Wochen mit Argusaugen beobachten, ob es auch wirklich dabei bleibt. Sollte ich die 100 in den nächsten drei Wochen zu Beginn der Fastenwoche wieder überschreiten, werde ich in Woche Nr. 4 meine letztwöchige Aktion mit den fünf Fastentagen wiederholen, allerdings in einer modifzierten Variante, nämlich vier Fastentagen und einem "Aufbautag". Was genau ich an so einem Aufbautag alles essen und was ich lieber bleibenlassen will, muß ich mir noch überlegen (Vorschläge von versierten Fastern sind herzlich willkommen!), die Bouillon mit Ei und viel Schnittlauch, mit der ich am Freitagabend eingestiegen bin, ist bestimmt kein Fehler, aber da gibt es bestimmt noch andere Lebensmittel, mit denen ich meinen Verdauungstrakt an die Wiederaufnahme des Essens gewöhnen kann.

Es ist schon verblüffend, wie durchschlagend die Wirkung dieser letzten Woche gewesen ist. Ich habe mein vorheriges Niedrigstgewicht - das ich einen geschlagenen Monat lang nicht einmal annähernd wiedererreicht hatte - um 2,2 Kilogramm unterboten, und heute unterbiete ich mein Gewicht vom letzten Montag, vor Beginn dieser fünf Fastentage, um 2,1 Kilogramm. Eine so starke Gewichtsabnahme von einer Woche zur nächsten hatte ich schon seit einer Ewigkeit nicht mehr, und obwohl ich natürlich hell begeistert bin, grüble ich doch auch über die Gründe dafür nach. Was habe ich letzte Woche richtiger gemacht als in der letzten Maiwoche, in der ich zweimal zwei Fastentage hatte, was ja auch nicht wenig ist? Und falls ich damals nichts falscher und jetzt nichts richtiger gemacht haben sollte: Was spielte sich in meinem Körper ab, das vor einem Monat zu meinem Ärger bewirkte, daß ich fast ein Kilogramm über meinem Niedrigst-Gewicht blieb und nach zwei Tagen schon wieder über 100 Kilogramm auf die Waage brachte?

Wie ich ja schon wiederholt erwähnt habe, hatte ich auch in den Monaten, in denen die Waage nach dem Wochenende immer stur wieder zum Ausgangsgewicht zurückkehrte, trotzdem das Gefühl, daß sich meine Körperform veränderte. Das müßte eigentlich bedeuten, daß das wiederkehrende Gewicht nicht aus Speicherfett bestanden hat, aber was war es dann? Ich zögere, das auf Muskelaufbau zu schieben (obwohl es nicht ausgeschlossen ist, da ja beim Fasten Wachstumshormone ausgeschüttet werden), weil ich mir das in solchem Umfang nicht so recht vorstellen kann, wenn man keinen Sport treibt, und das mache ich ja nicht.

Irgendwas ist da seltsam, aber es muß eine vernünftige Erklärung dafür geben, denn ich bilde mir das nicht nur ein. Vorhin stand ich in einem meiner neuen Kleider vor dem Spiegel - letzten Freitag gekauft, Größe 40/42 - und grübelte darüber nach, wann ich es zuletzt gewagt hätte, in einem solchen Kleid auf die Straße zu gehen. Zu der Zeit, als ich zuletzt knapp unter 100 Kilo gewogen habe, definitiv nicht. Wann das war, weiß ich zufälligerweise sogar ziemlich genau, das war kurz nach meinem Umzug in meine jetzige Wohnung im Jahr 2000, der ohne Urlaub sozusagen während des laufenden Betriebs stattfand; die Umzugshelfer zogen mir mehr oder weniger den Schreibtisch unter meinen zu bearbeitenden Papierstapeln weg. Ich stand so unter Streß, daß ich Schwindelanfälle bekam, und deswegen war ich beim Arzt, der mich unter anderem auf die Waage stellte. Ich selbst besaß ja lange Zeit gar keine. Die exakte Zahl weiß ich nicht mehr, aber es fehlte meiner Erinnerung nach nicht mehr viel zu den 100 Kilo. 2002 war ich im Krankenhaus, und da wurde ich ebenfalls gewogen und hatte ich 100 Kilo überschritten.

Also, ein Kleid, das so geschnitten ist, hätte ich damals vor zwanzig Jahren keinesfalls getragen, obwohl mein Körpergewicht ungefähr meinem jetzigen entsprochen hat. Ich legte damals großen Wert darauf, meine nichtvorhandene Taille zu kaschieren. Das habe ich jetzt, behauptet mein Spiegelbild, eigentlich nicht mehr nötig, die kleine Wölbung des Bäuchleins, das noch abgetragen werden muß, ist zwar erkennbar, fällt aber nicht wirklich unangenehm auf. Damals war mein Oberkörper auch viel wuchtiger. Irgendwie stimmen die Proportionen jetzt wieder, auch wenn ich noch über 20 Kilo abzunehmen habe, bis ich mein Zielgewicht erreicht habe.

Ein bißchen Statistik:

Ich mache das mit dem Intervallfasten seit 39 Monaten, und mit den 36-Stunden-Fastenintervallen habe ich vor 30 Monaten bei einem Körpergewicht von 127,6 Kilogramm ernsthaft begonnen. Die knappen 20 Kilogramm Abnahme davor - mit sehr viel kürzeren Fastenintervallen - führe ich praktisch ausschließlich darauf zurück, daß sich mein Hormonhaushalt durch das Fasten wieder normalisierte. Die extrem schnelle Abnahme fast exakt des Gewichts, das ich in den Monaten davor so extrem schnell zugenommen hatte, fand ein Ende, als der - wie ich vermute - "krankhafte" (und vermutlich auch eine echte Gesundheitsgefahr signalisierende) Teil meiner Gewichtszunahme wieder abgebaut war.

Ich glaube nicht, daß es mir gelungen wäre, mit meinem alten Fastenrhythmus (dreimal die Woche 18:6 bzw. 21:3 im wöchentlichen Wechsel) eine schleichende Gewichtszunahme zu verhindern, die bei mir offenbar genetisches Erbe ist und die mir, egal, was ich getan habe, bevor ich das Fasten entdeckte, im Jahr ca. ein Kilo plus beschert hat. Der konnte ich nur mit Fastenintervallen beikommen, die lang genug waren, um meinen Organismus zu zwingen, seinen Energiebedarf aus dem "Ersparten" zu decken.

In diesen 30 Monaten hatte ich, Stand heute früh, 331 Fastentage. Als ich letztes Frühjahr die durchschnittliche Abnahme pro Fastentag ausgerechnet habe, lag sie noch sehr viel höher als jetzt, nämlich bei 145 Gramm. Mittlerweile sind es nur noch 85. Ich bin mir aber nicht sicher, wie sich diese geringere Abnahme genau erklären läßt, also ob es wirklich eine geringere Abnahme an Fastentagen oder vielleicht doch eine höhere Zunahme an Eßtagen ist - oder eventuell auch beides. Das Desinteresse in der Epidemiologie am Fasten finde ich gerade dann, wenn ich nach Ansatzpunkten suche, um meine durchschnittliche Abnahme pro Fastentag vielleicht wieder zu erhöhen, wirklich ärgerlich, und in solchen Fragen hilft mir dummerweise auch Dr. Fung nicht weiter.

Es gibt zwei Bereiche, in denen ich Jason Fung mittlerweile kritischer sehe. Der eine ist, daß man bei ihm den Eindruck bekommen könnte, daß es keinen Unterschied macht, ob jemand mit 16 100 Kilo wiegt oder mit 60. Das ist aber eindeutig ein Unterschied, weil 16jährige, die 100 Kilo wiegen, noch vor dreißig Jahren eine ausgesprochene Seltenheit waren, während 60jährige mit diesem Gewicht schon damals - bei einer Körpergröße, wie ich sie habe - ziemlich verbreitet waren. Es sind also zwei verschiedene Problemstellungen, von denen eine schon uralt, aber die andere ziemlich neu ist, die dann wohl auch unterschiedliche Lösungsansätze benötigen. Und das zweite ist, daß man von ihm zwar viel über die anfänglichen Abnehmerfolge hört, aber kaum etwas darüber, wie sich die Abnahme im Lauf der Zeit entwickelt. Das ärgert mich ein bißchen, denn es vermittelt einen falschen Eindruck, und das in derselben Weise, wie es auch die von mir ein einem meiner letzten Posts kritisierten wissenschaftlichen Untersuchungen über die Wirkung von Diäten machen.

Ich vermute, meine Erfahrungen, daß es auch mit Fasten im Lauf der Zeit immer zäher wird, sind nicht untypisch, und wenn dagegen keine Strategien entwickelt werden, besteht die Gefahr, daß die Euphorie nach den Anfangserfolgen bei der Mehrheit der Fastenden in ein resigniertes "Auch nicht besser als andere Abnehmmethoden" umschlägt und Intervallfasten am Ende - wie Atkins, Montignac und andere Ansätze, die eher versehentlich hormonelle Faktoren (mit-)nutzten - auf dem Friedhof der Modediäten landet.

Das fände ich eine katastrophale Fehlentwicklung. Der hormonelle Ansatz hat mich absolut überzeugt, und ich bin vor allem sicher, daß - auch wenn spektakuläre Abnahmen zeitlich begrenzt sind - jedenfalls durch alle Abnehmmethoden, die diese hormonellen Faktoren nutzen (vor allem Intervallfasten und Low Carb) die bislang irrtümlich dem Übergewicht selbst zugeschriebenen Gesundheitsgefahren zu einem großen Teil beseitigt werden können, und zwar sogar dann, wenn das Körpergewicht weiterhin im angeblich gefährlichen Bereich liegen sollte.

Wenn niemand anderes bereit ist, herauszufinden, wie man seine Anfangserfolge beim Fasten erfolgreich fortsetzen kann - Vorschläge wie Kalorienzählen oder Sport treiben lehne ich dabei ab, weil das erste nachweislich innerhalb relativ kurzer Zeit fast bei jedem zum Bumerang wird und die Körperzusammensetzung oft negativ beeinflußt, während das zweite nur dann einen Sinn hat, wenn man es dauerhaft beibehalten will und kann -, werde ich eben weiter experimentieren müssen. Denn nachdem ich mir einmal ein Zielgewicht gesetzt habe, will und werde ich es auch erreichen. Es ist mir auch egal, wie lange ich dafür brauche; wenn man ohne Kompaß unterwegs ist und keine Wanderkarten existieren, muß man sich nun einmal darauf einstellen, daß man für seinen Weg ein bißchen länger braucht. Ich hoffe allerdings, daß ich mich in diesem Bereich als talentierter als beim Wandern herausstellen werde, denn ich bin berüchtigt dafür, mich in freier Wildbahn unweigerlich zu verlaufen und deshalb ein dankbarer Nutzer von GPS-Signalen, mit denen ich meinen Standort orten und wieder auf den richtigen Weg zurückfinden kann.

Im Moment interessiert mich vor allem, wie sich bei mir auswirken wird, daß ich jetzt übers Wochenende nur noch zwei statt drei Tage vor dem nächsten Fastentag esse. Sollte das alleine schon ausreichen, um mich unter 100 zu halten, war es vielleicht ja gar nicht eine geringere Abnahme an Fastentagen, sondern eine höhere Zunahme an den Eßtagen, die bei mir die Abnahme so verringert hat. Mir ist aber auch schon durch den Kopf gegangen, daß die an zwei Tagen gespeicherte Glukose schneller verbraucht sein wird als die von drei Tagen, also mein Körper an Fastentagen nach zwei Tagen, an denen ich gegessen habe, schneller wieder in den Fettverbrennungsmodus switcht als nach drei Tagen. Das würde die Frage aufwerfen, was wohl passieren würde, falls ich testhalber an einem Wochenende mal Low Carb essen würde.

So richtig kann ich mich mit dem Gedanken, Low Carb zu essen, nicht anfreunden, jedenfalls nicht als dauerhafte Lösung. Aber ausprobieren könnte ich es schon mal für ein Wochenende, nur um zu sehen, was dann passiert.

Aber das mache ich irgendwann anders, vorläufig bleibe ich auf dem Pfad, den ich jetzt eingeschlagen habe, und hoffe, daß ich nicht wie beim Wandern plötzlich merke, daß ich auf dem Holzweg gelandet bin. Es bleibt spannend, und mein Ziel bleibt weiterhin ein Gewicht von 73,5 Kilogramm.










Samstag, 27. Juni 2020

Bilanz meiner fünftägigen Fastenwoche

Mein Gewicht heute früh: 95,1 Kilogramm. Damit war meine fünftägige Fastenwoche ein ziemlich spektakulärer Erfolg, der mit einem Ergebnis von 2,2 Kilogramm unter meinem bisherigen Niedrigstgewicht meine Erwartungen deutlich getoppt hat. Trotzdem werde ich das in dieser Form nicht wiederholen. In den nächsten Wochen will ich bei drei Fastentagen die Woche bleiben, und sollte ich - was durchaus möglich ist - zu Beginn der Fastenwoche wieder über 100 Kilogramm rutschen, werde ich irgendwann mal eine viertägige Fastenwoche einschieben, aber dann vier Tage am Stück, nicht wie sonst mit einem Eßtag dazwischen. Fünf Tage ist, glaube ich, doch zu lang.

Mir gefiel an dieser Fastenwoche, daß sie wieder so einfach durchzuhalten war, aber am fünften Tag - vielleicht lag das aber zum Teil am schwülen Wetter - hat sich offenbar meine Darmflora von mir verabschiedet, jedenfalls mußte ich zweimal notfallmäßig "für kleine Fasterinnen", und das war verbunden mit heftigem Durst und sogar leichten Schwindelanfällen, die aber immer vergingen, wenn ich erst einmal auf dem stillen Örtchen gewesen war. Ich lernte außerdem, daß der Verdauungsprozeß bei mir fünf Tage zu dauern scheint, obwohl ich immer angenommen hatte, nach drei Tagen dürfte ich nichts mehr in meinem Verdauungstrakt haben. Die Fakten sprachen diese Woche aber eindeutig für einen längeren Verdauungsvorgang.

Was mich am meisten gefreut hat, ist, daß sich schon nach dem dritten Fastentag abgezeichnet hat, daß ich diesmal nicht unter meinen Erwartungen bleiben würde, wie mir das in den letzten Monaten häufig passiert ist.

Mein Mann hat gestern auch wieder gefastet, und diesmal mußte er abends richtig kämpfen. Wir haben deshalb vereinbart, daß wir gleich nach dem Aufstehen miteinander frühstücken, und das hat ihm beim Durchhalten geholfen. Daraus hat sich nebenbei noch ergeben, daß ich mich heute früh dreimal gewogen habe, nämlich das erste Mal vor dem Kaffee; da lag mein Gewicht bei 94,8 Kilogramm, dann nach dem Kaffee, da lag ich bei 95,1, und nach dem Frühstück bei 95,7 Kilogramm. Das war auch mal interessant. Normalerweise wiege ich mich immer nach dem Kaffee, deshalb ist 95,1 der "richtige", nämlich der Wert, mit dem ich die Werte der letzten Tage vergleichen muß. Bislang wußte ich nicht, welche Differenz sich daraus ergibt, weil auf die Waage steigen den Weg einen Stock tiefer erforderlich macht, was ich vor dem ersten Kaffee normalerweise nicht mache. Welchen Unterschied das Frühstück macht, wußte ich aber auch nicht. Also habe ich das jetzt auch mal gesehen.

Wir werden gleich abgeholt, um zur Kirschenernte zu fahren, also soll es das für heute gewesen sein. Aber meinen neuen Allzeit-Tiefststand wollte ich noch publik machen.













Donnerstag, 25. Juni 2020

50!

Mein Gewicht heute morgen, nach drei von fünf Fastentagen diese Woche: 96,8 Kilogramm. Damit habe ich zum ersten Mal eine Gewichtsabnahme von 50 Kilogramm überschritten, und ich nehme an, daß ich am Samstag auch noch ein bißchen weniger als heute wiegen werde ... wenn das auch keine Riesenschritte nach unten mehr sein werden. Angefangen habe ich am Montag mit 101,8 Kilogramm, Dienstag 99,8, Mittwoch 97,8. Mit viel Glück reiße ich diese Woche vielleicht auch noch die 96, aber da lasse ich mich überraschen, denn ab dem vierten Fastentag bewege ich mich wieder in unbekanntem Terrain und habe keine Ahnung, was weiter auf mich zukommen wird, während fünf Kilo Abnahme an drei Fastentagen in etwa das war, worauf ich auch spekuliert hatte. Was ich heute und morgen zusätzlich noch abnehmen werde, dürfte sich langsam der "echten" Abnahme annähern, also kaum noch Wasser enthalten. Das wird also zwangläufig weniger sein als bisher.

Mir geht es blendend, ich habe keinen Hunger und keine irgendwie physischen Beschwerden, allerdings leichte Blähungen, von denen ich keinen Schimmer habe, was sie ausgelöst haben mag, denn eigentlich kann sich in meinem Darmtrakt nach drei Tagen ja nicht mehr viel befinden. Vielleicht schlucke ich nachts im Schlaf eine Menge Luft? Der Erfolg schon nach drei Tagen sorgt zusätzlich für gute Laune. Es war, glaube ich, ein Glücksfall, daß ich just seit Ende letzter Woche so viel Arbeit auf dem Tisch habe, daß ich sie erst morgen fertigstellen werde. An solchen Tagen ist es eine Kleinigkeit, einfach nichts zu essen, weil ich mich auf anderes zu konzentrieren habe.

Am Montag hat nun auch mein Mann das erste Mal einen Fastentag eingelegt. Ihm kommt es nicht auf ein bestimmtes Gewicht an, er will nur seine Hosen wieder vernünftig zukriegen, deshalb hat er sich strikt geweigert, vorher auf die Waage zu steigen. Gestern hat er seinen zweiten Fastentag absolviert und mir gestanden, daß es ihm deutlich schwerer als beim ersten gefallen ist, ihn durchzuhalten, aber er merkt schon jetzt eine Veränderung um den Bauch herum, und das spornt ihn natürlich an, dabei zu bleiben. Er will künftig immer, wenn er Spätschicht hat, drei Tage die Woche, also Montag, Mittwoch und Freitag, fasten, in seinen Frühschichtwochen aber normal essen. Das ist eine vernünftige Herangehensweise, denn wenn er Spätschicht hat, kommt er so spät heim, daß er erst kurz vor Mitternacht essen kann, und daß ihm das nicht bekommt, merkt er schon seit geraumer Zeit.

Am Wochenende fahren wir zusammen zu meiner Mutter, um Kirschen zu ernten. Das wird spannend, nachdem ich eine ganze Woche lang nichts gegessen habe und wir von unseren üblichen Essenszeiten und -ritualen abweichen. Am Freitagabend werde ich deshalb meinen Verdauungstrakt mit einer Bouillon mit Ei darauf vorbereiten, daß er wieder aktiv werden sollte, und am Samstag gegen meine Gewohnheit gleich morgens eine Kleinigkeit frühstücken.

Soviel für diesmal; mir fehlt gerade die Zeit für irgendwelche tiefschürfenderen Betrachtungen, weil ich wieder an die Arbeit muß. Aber daß ich die 50 geknackt habe, die sich so hartnäckig und lange gewehrt hatte, mußte ich jetzt doch noch rasch öffentlich verkünden. ;-)





Montag, 15. Juni 2020

Warum Vorurteile unvermeidlich sind

Mein Gewicht heute morgen: 101,5 Kilogramm. Hört sich besser an, als es eigentlich ist, denn normalerweise hätte ich erst morgen meinen ersten Fastentag der Woche gehabt, aber weil die letzte Woche recht enttäuschend verlaufen ist, habe ich mich entschieden, bis auf weiteres auch in den Frühschichtwochen meines Mannes drei Tage zu fasten, bis ich endlich stabil und dauerhaft unter die 100 Kilo gekommen bin. Ich spiele gerade außerdem mit dem Gedanken, nächste Woche wirklich einmal die ganze Woche durchzufasten, also von Montag bis Freitag, wobei ich aber am Freitag vermutlich schon abends eine Kleinigkeit essen werde, um am Samstag vernünftig frühstücken zu können, ohne daß meine Verdauung sofort einen Salto schlägt.

Aber ob ich das wirklich machen werde, habe ich noch nicht definitiv entschieden.

Ansonsten beschäftigt mich gedanklich gerade vor allem die aktuelle Rassismus-Debatte, in der meinem Gefühl nach einiges aus dem Ruder gelaufen ist.

Die Proteste in den USA finde ich dabei durchaus einleuchtend, auch wenn ich mich frage, wie sehr sie die dortige bedenkliche Corona-Situation verschlimmern könnten. Die "Black Lives Matter"-Bewegung, unter deren Namen das läuft, hat dabei allerdings das wahrscheinlich unverdiente Pech, daß sie mir zum ersten Mal bei einer Gelegenheit richtig aufgefallen war, in der sich manche ihrer Aktivisten nicht gerade mit Ruhm bekleckert haben. Die hatten nämlich irgendeine Online-Kampagne just zu der Zeit, als die Terroranschläge von Paris die Welt erschütterten. Während Twitter überlief vor Trauerbekundungen und Entsetzen sah ich auch Tweets von BLM-Aktivisten, die sich in ziemlich weinerlichem Ton darüber beschwert haben, daß nun ihr Anliegen zu wenig Aufmerksamkeit erlangte. Das schien mir bemerkenswert unempathisch für jemanden, der von anderen für die eigenen Anliegen Empathie verlangt.

Im Kopf weiß ich genau, daß diese Tweets die BLM-Bewegung nicht ausmachen, aber das ändert nichts daran, daß sie bis heute das erste sind, was mir einfällt, wenn ich höre oder lese "Black Lives Matter". Es ist ein Ausdruck meiner Vorurteile, allerdings dennoch kein Rassismus, denn diese Vorurteile hängen nicht mit Hautfarbe, sondern mit meiner generell eher reservierten Haltung gegenüber Massenbewegungen zusammen. In allen weltanschaulichen Bewegungen gibt es meiner Beobachtung nach einen Hang dazu, daß die radikalsten Ansichten und die skrupellosesten Akteure sich mittelfristig durchsetzen, weshalb ich zum Beispiel auch gar nicht unglücklich darüber bin, daß man mittlerweile nicht mehr allzu viel von Fridays for Future hört.

Besonders irritierend finde ich aber, was für Diskussionen über Rassismus in Deutschland ausgelöst wurden.

Wir haben beim Thema Rassismus ein Definitionsproblem, das mir erst vor ein paar Jahren bewußt wurde, als ich in einer Diskussion erkannte, daß mein Kontrahent und ich von völlig verschiedenen Definitionen von Rassismus ausgegangen waren und deshalb total aneinander vorbeiargumentiert hatten. Rassismus, das habe ich damals gelernt, drückt jedes Vorurteil gegenüber Menschen anderer ethnischer Herkunft aus, unabhängig von den Absichten, mit denen sie geäußert werden, und sogar unabhängig von der Frage, ob sie überhaupt irgendeine Wirkung erzielen. Theoretisch könnte es sogar ein "positives Vorurteil" sein, also indem man einer bestimmten Ethnie unterschiebt, sie unterscheide sich positiv von Menschen anderer Herkunft.

Das Problem ist, diese Art von Rassismus - wenn man dies als die korrekte Definition von "Rassismus" akzeptiert - kann man gar nicht sinnvoll bekämpfen, und deshalb sind entsprechende Forderungen von vornherein sinnlos. Vorurteile sind eine notwendige Vorstufe von Urteilen, sozusagen die Arbeitshypothese der Einzelperson über alles, was sie nicht aus eigener Erfahrung kennt, worüber sie aber schon gehört oder gelesen hat. Erst die persönliche Erfahrung verändert das Vorurteil zu einem echten Urteil.

Wenn also ein in Deutschland geborener Schwarzer ständig gefragt wird, wo er herkomme, hängt das damit zusammen, daß in Deutschland geborene Schwarze seltener zum Repertoire der persönlichen Erfahrungen gehören als Schwarze, die aus anderen Ländern eingewandert sind. Bekommt der Frager die Antwort, man sei in Deutschland geboren, hat man sein Erfahrungswissen also verändert.

So gut ich verstehen kann, daß diese Frage die Betroffenen nervt, die Dramatisierung solcher Erfahrungen leuchtet mir nicht ein. Vergleichbare Dinge passieren ja auch Weißen, die auf irgendeine andere Weise "anders" sind, von Rollstuhlfahrern über Kleinwüchsigen bis hin zu stark Übergewichtigen. In meiner Kindheit ging mir das auch als Brillenträgerin noch so. Ich bin kurzsichtig und bekam meine erste Brille schon in Klasse 1, als sich herausstellte, daß ich Wörter auf der Tafel nicht entziffern konnte. Bis zum Ende meiner Schulzeit war ich immerhin nicht mehr die einzige Brillenträgerin in der Klasse, aber blöde Sprüche mußte ich mir noch mit 16, 17 Jahren anhören. Ein paar Jahre später war die Sache dann gekippt, Brillen wurden von einem medizinischen Hilfsmittel zu einem modischen Accessoire, und manche Leute trugen sogar Brillen mit Fensterglas, weil sie auf das Accessoire Brille nicht verzichten wollten.

Eine Nachbarin, die ca. zehn Jahre älter ist als ich, hat mir überzeugend und glaubwürdig davon erzählt, wie sie als Kind darunter gelitten hat, daß sie rothaarig war, weil sie gnadenlos deswegen gehänselt wurde. Das war mir selbst schon ganz fremd; irgendwann in der Hippiezeit war Henna ja in Mode gekommen und damit hörten rote Haare auf, aus dem Rahmen des Üblichen zu fallen. Andererseits hätte sie auch einen noch viel schlechteren historischen Zeitpunkt erwischen können, um rothaarig geboren zu werden, denn im Zeitalter der Hexenverfolgung wäre sie mit roten Haaren wohl ein paar Grade gefährdeter als andere Frauen gewesen, ins Fadenkreuz der Inquisition zu geraten.

Was man ganz bestimmt nicht abschaffen kann, ist, daß das auffallend andere als anders auffällt. Ein Deutscher schwarzer Hautfarbe fällt als "anders" auf, weil die Mehrheit weiß ist. Wo Schwarze ein vergleichsweise seltener und deshalb ungewohnter Anblick sind - also in Großstädten mittlerweile eher nicht mehr so sehr, aber je ländlicher die Gegend, desto wahrscheinlicher -, ziehen sie auch neugierige Blicke auf sich und bekommen Fragen gestellt, die ihnen dumm vorkommen können. Genau dasselbe passiert auch Weißen in Asien oder Afrika in Gegenden, die keine Tourismushochburgen sind, das kann man jeden x-beliebigen Rucksacktouristen oder Expat fragen. Und solange Schwarze typischerweise aus anderen Ländern nach Deutschland gekommen sind, wird auch die Frage nach der Herkunft nicht auszurotten sein, egal wie lästig sie den Betroffenen fällt.

Es ist auch nicht möglich, zu verhindern, daß dies – was sicherlich keine Seltenheit ist, und ich begreife auch, daß das unangenehm ist – auf dümmliche Weise geschieht. Die Bevölkerungsmehrheit ist meiner Erfahrung nach von vornherein außerstande, außerhalb ihres gewohnten Bezugsrahmens besonders intelligent zu reagieren, und davon betroffen sind auch nicht exklusiv Schwarze. Fragen Sie dazu gerne jeden x-beliebigen Rollstuhlfahrer – oder einen stark Übergewichtigen. Deswegen halte ich solche Leute weder für dumm noch für böse; in dem Rahmen, mit dem sie vertraut sind, sind die meisten der Leute, die ich hier meine, weder das eine noch das andere. Schwierigkeiten entstehen nur außerhalb dieses Rahmens. Das ist eine Gegebenheit, die man einfach als vorhanden anerkennen und sie aushalten muß; sie vergeht nämlich nicht, nur weil im Chor ultimativ verlangt wird, daß sie auf der Stelle aufhören müsse.

Ich fände es besser, die heute als verbindliche geltende Definition von "Rassismus" so zu verändern, daß sie nicht dazu führt, daß im hohen moralischen Ton ständig unerfüllbare Forderungen wie die gerade beschriebenen damit verknüpft werden. Denn weder offener oder versteckter Rassenhaß noch strukturelle Benachteiligungen sind etwas, was wir als Gesellschaft einfach hinnehmen sollten. Mir fehlt hier ein Sinn für Prioritäten, wenn sich die Leute ausufernd über läppischen Kram wie die Frage nach der Herkunft beschweren, die lästig, aber unter dem Strich harmlos sind. 

Ich oute mich hiermit selbst in einer weniger harmlosen Frage als einen Rassisten, nämlich in meiner Eigenschaft als Vermieterin. Um das zu erklären, muß ich ein bißchen weiter ausholen:

Als Vermieterin bin ich „vom alten Schlag“: Mit mir kann man nicht nur per Handschlag Vereinbarungen treffen, ich verlange auch weder Verdienstnachweis noch Schufa-Auskunft und noch nicht einmal eine Kaution, ich gehe nämlich davon aus, daß die Zahlungsfähigkeit gegenüber der Zahlungswilligkeit eine nachrangige Frage ist, also interessiere ich mich vor allem für letztere.

Wenn ich eine Wohnung vermiete, entscheide ich – neben meinem „Näschen“ für den richtigen Bewerber – normalerweise nach dem Kriterium, welcher der Bewerber den größten Vorteil davon hat, speziell diese Wohnung mieten zu können, weil ich davon ausgehe, daß genau dieser Mieter im Zweifelsfall alle Hebel in Bewegung setzen wird, um irgendwie das Geld für die Miete aufzutreiben, wenn es bei ihm finanziell einmal klemmt. Damit bin ich jetzt auch zwanzig Jahre lang gut gefahren, obwohl mir klar ist, daß ich irgendwann auch mal den berühmten Griff ins Klo machen kann. Denn natürlich gibt es Leute, die mit Großzügigkeit und Entgegenkommen nicht umgehen können und sich einbilden, dies sei eine Einladung, mit einem Schlitten zu fahren. (Bislang hatte ich noch nie einen solchen Mieter, aber sollte sich das ändern, wird er rasch merken, daß ich auch ganz anders kann, und er wird es ziemlich schnell bereuen, mich unterschätzt zu haben.)

Mein strukturelles Rassismusproblem als Vermieter lautet: Ich fühle mich außerstande, Menschen sicher genug einzuschätzen, deren kultureller Background meinem nicht ähnelt, und selbstverständlich ist das für ausländische Bewerber ein erheblicher Nachteil. Nur, diesen Nachteil kann ich nicht ändern.

Bei allem Respekt, ich vermiete nicht, weil ich anderen damit möglichst viel Gutes tun will, sondern diese Wohnungen sind Bestandteil meiner Altersvorsorge; noch habe ich einen Haufen Schulden, für die ich pünktlich Zins und Tilgung leisten muß, und wenn alles so läuft, wie ich das geplant habe, stehen mir, wenn ich mich zur Ruhe setze, die Mieteinnahmen für meinen Lebensunterhalt zur Verfügung. Sollten die damit verbundenen moralischen Ansprüche gegen mich - die ich, siehe oben, grundsätzlich berechtigt finde - mich meinem Empfinden nach über Gebühr benachteiligen, würde ich meine Wohnungen verkaufen und meine Altersvorsorge irgendwie anders regeln.

Das heißt, die berechtigten Interessen des Mieters und meine berechtigten Interessen müssen unter einen Hut gebracht werden können, damit ich bereit bin, mit ihm ein Vertragsverhältnis einzugehen. Dabei ist mein zentrales Kriterium, daß ich die Sache am liebsten so unkompliziert wie möglich haben möchte. Ich vermiete nicht zu Wucherpreisen, sondern bleibe innerhalb des Rahmens, den der Mietspiegel gibt, aber mir ist ein Mieter dann natürlich auch am liebsten, der nicht wegen jedes tropfenden Wasserhahns bei mir auf der Matte steht, sondern sich - in einem vertretbaren Rahmen - auch ein bißchen selbst zu helfen weiß. Daneben möchte ich natürlich meine Miete regelmäßig und pünktlich haben, und ich möchte auch keine ständigen Beschwerden der Nachbarn über meinen Mieter.

Komme ich zu dem Schluß, daß jemand diese Kriterien erfüllt, sind mir Hautfarbe, Herkunft, Alter und Geschlecht egal. Allerdings vermitteln Männer deutscher Herkunft diesen Eindruck häufiger überzeugend als andere Mietinteressenten. Das ist einfach so, ich kann's nicht ändern, und meine bislang einzige weibliche Mieterin hat meine Vorurteile durch komplette handwerkliche Hilflosigkeit eher noch verschlimmert. Daß ich ihr manchmal keinen Handwerker bestelle, sondern ihr ein YouTube-Video mit einer Anleitung für Anfänger schicke, wenn bei ihr in der Wohnung irgendeine harmlose Kleinigkeit nicht funktioniert, hat sie inzwischen gelernt.

Das alles hat mich aber nicht daran gehindert, vor einigen Jahren eine Wohnung an einen afghanischen Flüchtling zu vermieten, der bis dahin im Flüchtlingswohnheim gelebt hatte. Diesen Mieter hatte mir mein Mann empfohlen, der von ihm als neuen Arbeitskollegen rasch eine hohe Meinung bekommen hatte. Nach mehreren Jahren kann ich ein Zwischenfazit ziehen: Es gibt im Umgang mit ihm schon so ein gewisses kulturelles Dingens, das ein paar Reibungsflächen bietet. Aber im Großen und Ganzen funktioniert die Sache gut, also will ich nicht meckern. Was Vermieter in Deutschland anders haben wollen als in Afghanistan, lernt man am besten nach der Methode Learning by doing, und dafür braucht man erst einmal einen ersten Vermieter. Der bin jetzt halt ich. Den Mehraufwand, den mich das im Vergleich zu meinen sonstigen Mietverhältnissen gekostet hat, schenke ich unserer Gesellschaft, denn für die ist mein Mieter meiner Meinung nach ein Gewinn.

Was lernen wir daraus über strukturellen Rassismus? Persönliche Beziehungen schlagen die Strukturen, genauso, wie sie auch Vorurteile in Urteile verändern können. Strukturen wie Vorurteile verändern sich, aber nicht von alleine und auch nicht, indem man sich möglichst laut über sie beschwert, sondern dadurch, daß ihre Anpassung sich als sinnvoll herausstellt. Wenn genügend Leute die persönliche Erfahrung gemacht haben, daß ihnen bislang unbekannte Schwarze häufig fließend Deutsch sprechen, in Deutschland geboren und/oder deutsche Staatsbürger sind, liegt die Frage nach Herkunft einfach nicht mehr nahe; bis dahin müssen die davon Betroffenen solche Fragen meiner Meinung nach aushalten. Wer keine gravierenderen Beschwerden über selbst erlebten Rassismus vorzubringen hat, der hat nur ein Luxusproblem, das er meiner Meinung nach genauso aushalten kann wie ich die Reibungsverluste in meinem Mietverhältnis.