Montag, 23. Februar 2026

Kopflose Hühner und andere Untote

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des viertägigen Fastenintervalls: 77,7 Kilogramm. Damit bin ich definitiv unzufrieden, das sind mindestens zwei Kilo mehr, als ich vor Beginn dieser Low-Carb-Phase erwartet hatte. Aber es hatte sich ja schon abgezeichnet, daß mein Gewichtsverlauf in dieser Low-Carb-Phase unter meinen Erwartungen bleiben würde. Die letzten paar Kilos, die ich loswerden will - Stand heute geht es um exakt 4,2 Kilogramm hin oder her -, sind offenbar diejenigen, die sich als am anhänglichsten erweisen. Aber das werden wir ja sehen, wer sich am Ende als sturer erweist, sie oder ich. Daß meine bisherigen Methoden ihnen nicht beikommen, habe ich inzwischen eingesehen. Wieviel der neue "Endspurt" bringt, bleibt abzuwarten. 4,2 Kilogramm werde ich damit wohl leider nicht abschütteln können, aber ich hoffe mal, ich gelange wenigstens in die Nähe des Zielgewichts. 

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Einsicht in Veränderungsbedarf erfordert die Bereitschaft, Ursachen und Wirkungen zu hinterfragen, vor allem, wenn die Anwendung der zugehörigen Mittel nicht die erwarteten Ergebnisse zeigt. Es ergibt keinen Sinn, wieder und wieder dasselbe zu versuchen, wenn es offensichtlich nicht die gewünschte Wirkung hat. Warum weiß ich das eigentlich als Laie, aber all den Experten für Adipositas geht das trotz ihres Fachwissens offensichtlich über den Horizont? Denn nur so läßt sich manches erklären, das als angeblich wissenschaftliches Ergebnis in diesem Bereich durch die Medien geht. Etwa dieses hier: 

Intervallfasten funktioniert nicht besser als andere Abnahmemethoden auch! Es bietet gleichzeitig auch keine bessere Lebensqualität! Aber es ist zumindest besser, als gar nichts zu machen! So deutet die Tagesschau einen Review der Cochrane Library. Leider hat man mal wieder keinen Zugriff auf den Volltext, sonst hätte ich noch detaillierter sagen können, wo der Hund bei diesem merkwürdigen Urteil begraben liegt. Schleierhaft ist mir zum Beispiel, nach welchen Kriterien die enthaltenen 22 Studien ausgewählt wurden, bestimmt nur ein Bruchteil dessen, was verfügbar gewesen wäre. Die Erklärung: 

 We included randomised controlled trials (RCTs) and cluster‐RCTs that compared intermittent fasting (including time‐restricted feeding, periodic fasting, alternate‐day fasting, and modified alternate‐day fasting) with regular dietary advice, no intervention or waiting list in men and women with overweight or obesity, with or without associated comorbid conditions. The minimum duration of the intervention was four weeks, and the minimum duration of follow‐up was six months. We excluded cross‐over and quasi‐RCTs.

finde ich nicht überzeugend. Ich halte es für schwer vorstellbar, daß es im Zeitraum 2016 bis 2024 nur 22 Studien gegeben haben soll, die geeignet waren, sich einen Eindruck zu verschaffen. Einen vernünftigen Grund, sich auf diesen Zeítraum zu beschränken, sehe ich außerdem auch nicht, falls es wirklich so gewesen sein sollte. Welchen geringeren Erkenntniswert sollen denn Studien, die aus der Zeit vor 2016 stammen, gehabt haben, sofern sie den zitierten Einschlußkriterien entsprochen haben? 

Daß man eine Einheitlichkeit der gewählten Definition von "Intervallfasten" herstellen wollte, lag der spärlichen Auswahl jedenfalls nicht zugrunde, denn die gewählten Fastenmodelle waren extrem uneinheitlich und es hat den Anschein, als wäre ein Teil davon überhaupt nicht unter die übliche Definition von "Intervallfasten" gefallen, das mit 16 Stunden Fasten beginnen sollte, wenn es eine Abnahmewirkung haben soll. Laut Tagesschau reichte die Spanne aber von 14 Stunden Fasten am Tag bis hin zum "Alternate Day Fasting", also Fasten jeden zweiten Tag. Unklar ist mir, wie Fasten definiert wurde, also ob ein Teil der Studien eine relativ geringe Kalorienmenge an sogenannten "Fastentagen" zuließ, ob Elemente des Heilfastens eingeflossen sind, bei dem ja viel mit Süppchen und Säftchen gearbeitet wird, oder ob es um wirkliches Null-Kalorien-Fasten ging. Vermutlich war alles davon enthalten. Noch dazu betrug die Dauer bei einigen dieser Studien nur vier Wochen. 

Und von dieser sonderbaren Mischung aus Methoden und Anwendungsdauern, die, jede für sich genommen, sehr unterschiedliche Abnehmwirkungen gehabt haben dürften, ermittelte man dann nach strengstmöglichen wissenschaftlichen Kriterien und ausgefeilten Formeln einen Durchschnittswert. Klingt das wirklich nach einer Methode, die allzu viel Erkenntniswert verspricht? Für mich hört sich das eher nach einem Patentrezept für "Garbage in, Garbage out" an. 

Aber das ist noch längst nicht das Hauptproblem mit dieser Übersichtsarbeit von Cochrane. Ein Fall für die Tonne ist sie vor allem wegen des Zeitraums, nach dem über Erfolg oder Mißerfolg geschlußfolgert werden sollte. Denn ausgewertet wurde wieder einmal das Zeitfenster zwischen mindestens Monat 6 und spätestens Monat 12 nach Beginn der Maßnahme. 

Jedes Mal, wenn ich solche Studien sehe, bekomme ich eine grundsätzliche Glaubenskrise, was den Sinn und Nutzen von wissenschaftlicher Arbeit in einem generellen Sinne betrifft. Alternativ könnte ich mich ja nur noch fragen, ob ich nun an dem Verstand der beteiligten Wissenschaftler zweifeln müsse oder an ihrer wissenschaftlichen Integrität. Denn jeder Wissenschaftler in diesem Bereich sollte ja eigentlich wissen, daß in jeder Studie, die länger als zwölf Monate dauert, nach diesen zwölf Monaten Wiederzunahmen die Regel sind. Ernsthaft, wer sich wissenschaftlich mit der Frage nach Gewichtszu- und -abnahmen befaßt und davon noch nie etwas gehört zu haben behauptet (was implizit der Fall ist, wenn man so treudoof kürzere Zeiträume als 12 Monate als vermeintlich maßgeblich behandelt), dem spreche ich jegliche Kompetenz ab. Sechs bis zwölf Monate sind aber eindeutig kein Zeitraum, der für irgendwen interessant sein könnte, der nicht nur abnehmen, sondern das dadurch erreichte Gewicht auch halten können möchte - was in meinen Augen die einzige realitätsgerechte Definition einer erfolgreichen Gewichtsabnahme sein kann. 

Im Umkehrschluß heißt das, Cochrane interessiert sich gar nicht ernsthaft für gelingende Gewichtsreduktion. Und das macht mich gerade richtig sauer. Was bilden die sich eigentlich ein, sich auf idiotische Zahlenspielereien ohne praktischen Nutzwert zu beschränken? Alle Welt heult ständig herum über die horrenden Folgekosten einer sogenannten Adipositasepidemie und schiebt die Schuld daran gar nicht so selten den Betroffenen selbst und ihrer vermeintlichen Undiszipliniertheit in die Schuhe, und die bei Cochrane treiben alberne Sandkastenspielchen ohne irgendwelchen zu erwartenden Nutzwert und plärren anschließend noch dazu irgendwelche offensichtlich hanebüchenen Schlußfolgerungen in die mediale Welt hinaus? Das ist doch einfach nicht zu fassen. 

Die Haare raufen könnte man sich ganz besonders, wenn der Direktor von Cochrane Deutschland dann mit dem klassischen Armutszeugnis an militantem Nichtwissenwollen zu brillieren versucht: 

"Der Review legt nahe, dass Intervallfastende über sechs bis zwölf Monate wahrscheinlich mehr Gewicht verlieren im Vergleich zu Menschen, die ihre Ernährung nicht aktiv ändern - nämlich im Mittel drei bis vier Prozent", erklärt Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland. Allerdings empfehlen klinische Leitlinien für Menschen mit Übergewicht und Adipositas einen Gewichtsverlust von mindestens fünf Prozent.

Was er nicht sagt, der Herr Meerpohl. Kennt der gute Mann eigentlich viele Gewichtsreduktionsmethoden, mit denen man innerhalb von vier Wochen (um die es ja in einem Teil der 22 enthaltenen Studien ging) einen Gewichtsverlust von mindestens fünf Prozent zu verzeichnen hat? Wenn ja, ersuche ich ihn hiermit höflich, mir ein paar Links zu einschlägigen Studien zukommen zu lassen. Ich halte solche Gewichtsabnahmen in einem so kurzen Zeitraum für absolute Ausnahmefälle - auch wenn ich selbst seinerzeit zu diesen Ausnahmefällen gezählt habe. Falls Meerpohl gerne wissen möchte, wie ich das angestellt habe, sei er hiermit höflich auf die Lektüre meines Blogs verwiesen. 

Und sagen die klinischen Leitlinien eigentlich auch irgendwas über die Frage des Gewichthaltens? Wenn nicht, sind sie nämlich sowieso ebenfalls ein Fall für die Tonne. Wiederzunahmen haben die unangenehme Eigenschaft, einen niedrigeren Anteil fettfreier Masse, aber einen höheren an Fettmasse zu umfassen. Wenn ein Gewichtsverlust von fünf Prozent erzielt werden sollte, dann muß er auch gehalten werden können, andernfalls liegt doch auf der Hand, daß man alles nur noch schlimmer macht. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um ohne Hilfe solcher Institutionen herauszubekommen, mit welcher Methode das nicht passiert, und das hätte erheblich schneller gehen können, wenn die Wissenschaft™ eine vergleichbare Lernkurve wie ich hätte, denn dann wäre ihr schon vor Jahrzehnten aufgefallen, daß sie nur unbrauchbaren Datenschrott produziert, solange sie sich nicht dazu bequemt, endlich einmal eine Zieldefinition ihrer Arbeit zu finden, die dazu führt, daß man in der wirklichen Welt außerhalb ihres papiernen Paralleluniversums mit ihren Ergebnissen auch etwas anfangen kann. 

Dr. Jason Fung hatte gegen dieselbe Studie übrigens einen ganz anderen, aber ebenfalls stichhaltigen Einwand:  

 

 

Das ist natürlich ebenfalls richtig, die Autoren kamen in Wirklichkeit nur zu der Schlußfolgerung "Nichts Genaues weiß man nicht". Wie sie dann aber auf das schmale Brett gekommen sind, das Ergebnis ihrer Arbeit stattdessen als "Intervallfasten wirkt allenfalls besser als gar nichts tun" zu promoten, dafür hätte ich gerne mal eine nachvollziehbare Begründung. Hat das aus ihrer Sicht tatsächlich irgendeinen Sinn und wenn ja, welchen? Und hat der dann irgendetwas mit real existierenden Übergewichtigen zu tun? Oder ist das als bloße Reflexhandlung von Zahlenjongleuren zu betrachten, die Zusammenhänge mit der realen Welt für bedeutungslos halten? Ist das vielleicht wie bei einem geköpften Huhn, das trotzdem noch eine Weile herumrennt, bevor es merkt, daß es längst tot ist und umfällt? Und wie lange kann das eigentlich noch dauern, bis die seit Jahrzehnten als kopfloser Untoter herumtaumelnde Adipositasforschung endlich auch umfällt und sich nicht mehr rührt, so daß vielleicht mal wenigstens ein Bewußtsein dafür entsteht, daß man an ihrer Stelle etwas anderes entwickeln müßte? 

Denn, alles was recht ist: Wer braucht diese Art von Forschung denn, da sie für Menschen mit Adipositas überhaupt nicht von Nutzen ist? 

Ich habe übrigens mal Google nach diesem Jörg Meerpohl befragt, dem zitierten deutschen Cochrane-Leiter, nur um auch noch zu sehen, was das eigentlich für einer ist. Irgendwie ist meine Wut speziell auf ihn dabei erloschen. Dieser Mann ist nämlich acht Jahre jünger als ich, aber irgendwie wirkt er erheblich älter und ich möchte sagen, allzuviel Lebensfreude strahlt er nicht aus. Vielleicht bin ich in diesem Eindruck ja voreingenommen, weil ich mich so sehr über ihn geärgert habe. Aber in jedem Fall bin ich ganz froh, daß ich ich sein darf und nicht er sein muß. 

***  

Apropos Dr. Fung: Ich glaube, ich hatte noch gar nicht erwähnt, daß von ihm Anfang März ein neues Buch zu erwarten ist, nämlich "The Hunger Code", und er ist schon fleißig in Podcasts unterwegs, um auf es aufmerksam zu machen. Erst dachte ich ja eigentlich, ich könne darauf verzichten, es zu kaufen. Nachdem ich den "Obesity Code", den "Diabetes Code" und den "Cancer Code" gelesen habe, brauche ich da wirklich noch ein weiteres Buch, das vermutlich einige Überschneidungen zu den Vorgängern enthält, aber den Anpassungsprozeß des Stoffwechsels auch beim Intervallfasten und Low Carb aller Voraussicht nach wieder nicht thematisiert, den ich für einen von allen bislang übersehenen Schlüsselfaktor halte? Was ich aber ganz interessant fand, ist, daß er in einem Podcast erwähnte, daß auch die Abnehmspritzen - trotz all der anderen Bedenken, die man gegen sie haben kann und die er auch tatsächlich hat - so erfolgreich sind, weil sie nicht die Kalorienaufnahme zu regulieren versuchen, sondern weil sie erfolgreich den Hunger regulieren können. 

Dieser Ansatz, also den Hunger zu regulieren, ist also der rote Faden in seinem neuen Buch. Daß er die Abnehmspritzen erwähnte, bringt mich jetzt aber erst mal zu einem kleinen Schlenker zu einer neuen Studie zu diesem Thema: 

Daß Abnehmspritzen häufig wieder abgesetzt werden, ist ja bekannt. Welche Gründe dahinterstecken, untersuchte diese Studie. Ergebnis: Aus einer Gesamtzahl von 8184 Patienten, die Abnehmspritzen verschrieben bekamen, brachen 4492 die Behandlung noch während des ersten Behandlungsjahrs wieder ab. Unter diesen 4492 wurden 288 ausgesucht und Gründe, die sich aus der Patientenakte ergaben, ausgewertet. Erwartungsgemäß wurden die hohen Kosten mit fast 50 Prozent am häufigsten genannt. Etwa 15 Prozent gaben Nebenwirkungen an, erstaunliche 11,8 Prozent nannten Lieferschwierigkeiten des Medikaments. Nur ein geringer Teil, 1,7 Prozent, nannte ein unbefriedigende Abnahme, und fast ebenso niedrig war der Wechsel auf ein anderes Präparat mit vergleichbarer Wirkung (2,4 Prozent) - was mich ein bißchen erstaunt, weil ich den Eindruck hatte, solche Wechsel seien relativ häufig, wenn die Wirkung der Abnehmspritze niedriger als erwartet ausfällt. Aber gut, bei diesem Thema bin ich ja nur Zaungast. 

Bislang gibt es zu Abnehmspritzen noch keine Studie, die einen Fünfjahreszeitraum umfaßt. Die längste dauerte aber immerhin vier Jahre. Ich meine, ich habe mich auch schon in einem früheren Blogbeitrag darüber geäußert. Trotzdem hier nochmal die Grafik mit dem durchschnittlichen Gewichtsverlauf über 221 Wochen hinweg:

 figure 1

Wie man sieht, erfolgt auch bei Semaglutid der größte Teil der Abnahme innerhalb des ersten halben Jahres (26 Wochen), aber sie dauert trotz der Verlangsamung noch ein weiteres halbes Jahr an, bevor sie zum Stillstand kommt. Die eigentliche Besonderheit ist aber, daß es anschließend - jedenfalls als Durchschnittswert - nicht zu einer Wiederzunahme kommt, wie das sonst bei nahezu jeder Gewichtsreduktionsmethode geschieht. Dr. Fung hat also sicherlich recht damit, sich mit der Frage zu befassen, was der Grund dafür ist. Allerdings nehme ich an, daß er mit seinem Hauptverdächtigen, dem Hunger, auf dem Holzweg ist. Die Abnehmspritze muß noch irgendwas anderes machen, das bei anderen Gewichtsabnahmewegen nicht passiert - und speziell bei Low Carb kann man sich ja zum Beispiel problemlos sättigen, so daß dieses Problem überhaupt nicht entstehen sollte. Trotzdem zeigte die Virta-Studie mit den Fünfjahresergebnissen, daß es auch dabei zu Wiederzunahmen kam. Ich möchte außerdem wetten, daß sich Dr. Fung selbst bei seinen Patienten an diesem Problem insgeheim auch häufig die Zähne ausbeißt. 

Es hat aber schon seine Ironie, daß ausgerechnet bei dem einen der neueren Mittel zur Gewichtsabnahme, das erfolgreicher Wiederzunahmen verhindern kann als sogar Low Carb und Intervallfasten, trotzdem der Beginn der Wiederzunahme für mehr als die Hälfte der Patienten ebenfalls schon innerhalb der ersten zwölf Monate kommt, nämlich wegen des häufigen Abbruchs der kostspieligen Behandlung. Denn der Haken bei der Sache besteht darin, daß man dazu verdammt ist, die Spritze für den Rest seines Lebens weiterzunutzen. Andernfalls nimmt man wieder zu, und zwar sogar besonders schnell. Interessant wäre es deshalb auch, zu wissen, wieviele der Nutzer ab dem zweiten Jahr die Abnehmspritze beenden, da es mit der Abnahme nicht mehr weitergeht, und nur eine Minderheit von 12 Prozent ist bis dahin in den Normalgewichtsbereich gelangt. Damit wird die gefühlte Kosten-Nutzen-Rechnung der Abnehmspritze für viele bestimmt immer schlechter. Dagmar Stoeckle hat in ihrer Fernsehreportage ausgerechnet, daß jedes abgenommene Kilo sie mit der Abnehmspritze 300 Euro gekostet hatte. Ab dem zweiten Jahr muß man denselben Gesamtbetrag ohne die geringste Abnahme blechen. Sogar dann, wenn man das Geld mühelos aufbringt, liegt es nahe, daß man dann anfängt, die Sinnfrage zu stellen. 

Gut möglich, daß man bei der Abnehmspritze nach fünf Jahren ebenso wie bei den meisten anderen Abnehmmethoden auch nur bei weniger als zehn Prozent aller Patienten landet, die dauerhaft erfolgreich waren. Nur haben die mehr als 90 Prozent Scheiternden mehr Geld als die meisten anderen für ihr Scheitern ausgegeben. Dies könnte man natürlich ändern, indem man die Abnehmspritze zur Kassenleistung macht. Damit würde man die immensen Kosten allerdings nur auf mehr Personen verteilen, und da die Abnehmspritze es sowieso nicht verhindern kann, daß jemand Adipositas entwickelt (da sie ja erst eingesetzt wird, wenn dies bereits geschehen ist), werden diese Kosten zu Lasten der Krankenversicherung natürlich künftig ständig höher werden. Besser wäre es also, herauszufinden, was genau an der Abnehmspritze das Gewichthalten nach zwölf Monaten bewirkt, und andere Möglichkeiten sucht, diesen unbekannten Faktor nutzen zu können. 

Dr. Fung sieht als den gemeinsamen Faktor seiner Herangehensweise, Intervallfasten, und der von Low Carb (mit dem er einmal angefangen hatte) und der Abnehmspritze in der Regulierung des Hungers. Ich glaube daran nicht so recht. Möglich ist es aber immerhin, daß der ausbleibende Hunger bei allen drei Maßnahmen auf dieselbe Ursache zurückgeführt werden kann. Der ausbleibende Hunger ist außerdem immer dann, wenn er stattfindet, die Wirkung einer tendenziell richtigeren Herangehensweise als die anderen, die durch ständigen Hunger unnötig erschwert werden. Insofern ist der Ansatz bei Dr. Fung jedenfalls lösungsorientiert, auch wenn er mit den theoretischen Grundannahmen vielleicht doch zu sehr der Versuchung nachgegeben hat, Unpassendes für seine Theorie passend zu machen. 

Warum die Abnehmspritze - solange man sie nimmt - diese Wirkung hat, daß man nicht hungert, werde ich in Dr. Fungs Buch noch einmal nachlesen, denn er begründet fast immer nachvollziehbar, was er behauptet, also suche ich jetzt nicht anderswo nach den Wirkmechanismen. Aber was mich im Podcast irritiert hatte, war, daß er behauptete, die Wiederzunahme sei im Verlauf von ebenfalls um die fünf Jahren nach einer Magenverkleinerung ebenso ein typisches Ergebnis, wie es dies bei der Abnehmspritze nicht sei. Das halte ich nämlich für falsch. Meines Wissens ist jedenfalls im Durchschnitt aller Patienten ein Wiederzunahme in erheblichen Umfang nach bariatrischer Chirurgie gerade nicht typisch. Tatsächlich war die Wiederzunahme im Lauf von sogar zehn Jahren in der verlinkten Studie zwar vorhanden, aber doch so gering, daß es angesichts der üblicherweise hohen Abnahmen (die sich durch das typischerweise extrem hohe Ausgangsewicht der Patienten erklären lassen, denn der typische Kandidat für bariatrische Chirurgie  wiegt erheblich mehr als der typische Abnehmspritzen-Patient) gar nicht weiter ins Gewicht fällt. 

 Mir kommt dieser vermeintliche Gegensatz zwischen Magenverkleinerung als kalorienbasierte und Abnehmspritze als hungerbasierte Methode auch ziemlich konstruiert vor, denn beide Methoden werden ja kalorienbasiert begründet, aber bei beiden fiel schon auf, daß ein Teil der Abnahme nicht mit den eingesparten Kalorien erklärt werden kann. 

Aber was ist das überhaupt, Hunger? Es wird ja meistens so getan, als sei das etwas Eindeutiges, aber das stimmt in Wirklichkeit gar nicht, und das wußte ich schon, bevor ich Dr. Fungs Namen jemals gelesen hatte. Denn was einen von einer Diät abkommen läßt, ist ja weniger der Hunger an sich, sondern eher das Kopfkino, das einem verbotene Genüsse vorgaukelt, denen man nicht nachgeben zu dürfen glaubt - was aber umso schwieriger durchzuhalten ist, je mehr die Erfolge der Diät nachlassen und dieses Kopfkino immer mehr von den Einflüsterungen des kleinen Versuchungsteufelchens begleitet wird: "Nur einmal ...!" und wenn man dem nachgegeben hat "Jetzt hat es doch sowieso keinen Sinn mehr!" - und ähnliche Dinge. 

Jason Fung unterscheidet drei Arten von Hunger, den physiologischen, den hedonistischen und den konditionierten. Alle drei von Fung genannten Arten überschneiden sich natürlich beim einen mehr und beim anderen etwas weniger, aber je nachdem, welche Art dominiert, liegt es eigentlich auf der Hand, daß unterschiedliche Lösungsansätze erfolgversprechend sind, wie das offenbar in seinem Buch beschrieben wird.  

Der physiologische Hunger ist das, was den Magen knurren läßt, ein körperliches Signal, mit dem signalisiert wird, daß der Körper der Meinung ist, eigentlich wäre zum jeweiligen Zeitpunkt mal wieder eine Zufuhr an Nahrung zu erwarten gewesen. Es bedeutet aber nicht, daß diese Zufuhr nun unbedingt erforderlich ist. Wer regelmäßig fastet, kennt das Phänomen, daß man einen knurrenden Magen einfach aussitzen kann. Das Knurren hört ja ziemlich schnell wieder auf und kommt zwar in gewissen Zeitabständen wieder, verschlimmert sich aber nicht und hört immer von alleine wieder auf. Je länger man fastet, desto seltener entsteht es außerdem. Diese Sorte Hunger kann man außerdem bei einer Diät ganz gut vermeiden, indem man seinen Magen mit kalorienarmen Dingen füllt. Meiner persönlichen Diät-Erfahrung nach paßt sich der physiologische Hunger außerdem dem Rhythmus und Umfang der Diät-Mahlzeiten an. Der Magen knurrt dann brav erst dann, wenn die nächste Karotte geknabbert werden darf, und hört damit auf, nachdem die gemäß Erfahrung der letzten Zeit zu erwartende Menge verzehrt worden ist. 

Physiologischer Hunger bei einer Diät ist am ehesten das Hauptproblem, wenn jemand seinen Stoffwechsel schon jahrelang mit einer unzureichenden Ernährung (zu wenig Nahrungsenergie generell oder evtl. auch zu wenig von einem bestimmten Nährstoff) drangsaliert hat. Dann kann es passieren, daß man wirklich ständig von physiologischem Hunger gequält wird. Die Besonderheit bei dieser Art von Hunger bei Diäten liegt darin, daß man diesen Hunger an sich jederzeit stillen könnte. Aber in jeder anderen Hinsicht ist es, wenn physiologischer Hunger das Problem ist, dieselbe Art von Hunger, die man hätte, wenn es die erforderliche Nahrung einfach nicht gäbe. Das heißt, es liegt ein Mangel zugrunde. Wer physiologischem Hunger nachgibt, tut meines Erachtens eigentlich das Richtige, auch wenn damit sein Abnehmerfolg nicht zustande kommt. Ich habe Leute noch nie verstanden, die glauben, die Nahrungsrationen des Hungerwinters 1945/46 seien das physiologische Optimum, mit dem man besonders lange gesund bleiben werde. 

Was einen bei einer Diät viel häufiger schwach werden läßt, ist, siehe oben, aber der hedonistische Hunger, der als Eßlust eigentlich besser bezeichnet wäre: Man hat Lust, etwas mit einem ganz bestimmten Geschmack zu essen. Ist das nicht verfügbar, befriedigt es einen nicht, einfach irgendetwas anderes zu essen. Man phantasiert von diesem speziellen Essen, und falls man es zufälligerweise im Kühlschrank haben sollte, reicht dafür die Willenskraft nicht immer aus. Das unterscheidet ihn von dem "kulinarischen Kopfkino", das ich beim Fasten - meistens abends, wenn ich zu Bett gehe - öfter mal habe. Den Drang, das Zusammenphantasierte sofort haben zu müssen, habe ich dann nicht. Es ist mehr eine Art Vorfreude auf den bevorstehenden Genuß, wenn das Fastenintervall beendet ist. 

Der Umgang mit dem hedonistischen Hunger ist bei nahezu jeder Methode, mit der das Körpergewicht kontrolliert oder reduziert werden soll, offen oder versteckt der weitaus wichtigere als der mit dem physiologischen Hunger. Für gewöhnlich bestehen die Lösungsvorstellungen bei konventionellen wie auch bei unorthodoxen Methoden der Gewichtsregulierung darin, einem diese Eßlust auf unerwünschte Arten von Essen möglichst abzugewöhnen. Das stieß mir auch bei dem vor einigen Jahren von Dr. Eenfeldt entwickelten Satiety-Index so unangenehm auf. In Ansätzen, die das Essen weniger lustvoll machen, steckt mir zu viel quasireligiöse Vorstellung von Sünde, Buße und Erlösung. Tatsächlich ist es mit dem Essen genau wie mit dem Sex: Es soll, verdammt nochmal, Spaß machen, nicht lediglich das Minimum an Nahrungsenergie zuführen, das benötigt wird, um zu funktionieren. 

Theresia von Avila wird der Satz zugeschrieben: "Man soll dem Leib etwas Gutes gönnen, damit die Seele Lust hat, in ihm zu wohnen", und ich bin jetzt viele Jahre lang gut damit gefahren, dies auch so umzusetzen. 

Tatsächlich wird der hedonistische Hunger aber meiner Meinung nach häufig mit der Art von Hunger verwechselt, der entsteht, wenn man seinem Leib zu lange zu wenig von dem gegönnt hat, was er für "etwas Gutes" hält, also ein Mangel an Nahrungsenergie oder bestimmten Nährstoffen besteht, mit dem sich der Stoffwechsel nicht abzufinden gedenkt - und der Stoffwechsel hat Mittel und Wege, um einen zu zwingen, ihm das zu geben, wonach es ihm verlangt. Der Hunger, der daraus entsteht, hat etwas Suchtartiges, besonderes Kennzeichen: Man kann nicht aufhören, nicht einmal, wenn es einem längst nicht mehr schmeckt und vielleicht sogar der Magen schon übervoll ist. So etwas hat aber gar nichts mit Hedonismus oder Lust zu tun, obwohl es oft dieselben Arten von Lebensmitteln betrifft. Es ist eher eine Zwangshandlung. Mir ist das bislang nur einmal passiert, daß ich diese Art von Hungergefühl erlebt habe, und ich war selbst daran schuld, weil ich damals über einen zu langen Zeitraum zu viele lange Fastenintervalle mit zu kurzen Eßphasen kombiniert hatte. Nachdem ich das korrigiert hatte, habe ich es in dieser intensiven Form nie wieder erlebt. Und weil nichts so schlecht ist, daß es nicht für irgendetwas gut wäre, weiß ich nun immerhin, wovon die Leute sprechen, die überzeugt davon sind, daß ihre Ernährung sie süchtig (nach Zucker oder was auch immer) gemacht hat. 

Normale Eßlust - also: etwas Bestimmtes essen wollen, obwohl man gerade eigentlich gar keinen Hunger hat - bekommt man meiner Erfahrung nach nur äußerst selten, wenn man sich bei seinen Hauptmahlzeiten richtig satt ißt. Also: so lange ißt, bis man keine Lust mehr hat, weiterzuessen, also nicht nur der physiologische, sondern auch der hedonistische Hunger bei einer Mahlzeit vollständig befriedigt wurde. Das merke ich vor allem an Wochenenden, an denen wir ja erst um die Mittagszeit frühstücken, was später ist, als ich es aus eigenem Antrieb tun würde. Zwischen diesem Frühstück und dem Abendessen entwickle ich nur in Ausnahmefällen Lust auf irgendeinen Snack oder eine Süßigkeit. Oft genug könnte ich sogar das Abendessen ganz ausfallen lassen, aber das mache ich grundsätzlich nicht, wenn danach ein Fastentag folgt, und auch sonst eher selten, weil ich meistens schon das eine oder andere fürs Abendessen vorbereitet habe, und dann sollte ich es natürlich auch kochen. Ich merke dann aber, daß ich an solchen Tagen beim Abendessen viel schneller satt bin als sonst. 

So ganz glücklich bin ich ja mit dem Rhythmus unserer gemeinsamen Mahlzeiten nicht, aber sie sind der beste Kompromiß, den wir finden konnten, also bleiben wir auch dabei, bis Gott ein Wunder tut und meinem Mann vielleicht doch noch die zwei Stunden früher Hungergefühle schenkt, die mir zu einem ausreichenden zeitlichen Abstand zwischen Frühstück und Abendessen verhelfen würden. Das jedenfalls führt bei mir dazu, daß ich gar nicht so selten esse, obwohl ich nicht hungrig bin, was eine Menge Leute, Laien wie Experten, für absolut des Teufels halten und fest davon überzeugt sind, dies sei der sicherste Weg ins Übergewicht. Da ich dieses Essen ohne Hungergefühl aber eigentlich immer gemacht habe, weiß ich es besser. Bevor ich mit dem Intervallfasten begonnen habe, habe ich damit zugenommen, und danach habe ich damit abgenommen. Es machte schlicht keinen Unterschied. 

Der konditionierte Hunger hat mit Gewohnheiten zu tun. Wer es gewohnt ist, Punkt 12 Uhr zu essen, wird um diese Zeit Hunger bekommen. Oder man verbindet bestimmte Situationen mit dem Bedürfnis, meist auch bestimmte Dinge zu essen, etwa nachmittags zum Kaffee ein Stück Kuchen. Dieses Bedürfnis konnte ich früher nie nachvollziehen. Den Kuchen zum Nachmittagskaffee gibt es bei uns eigentlich erst, seit mein Mann um diese Zeit von seiner Frühschicht kommt und dann meistens den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Und so verbinde ich unseren gemeinsamen Nachmittagskaffee auch mit dem Wunsch nach Kuchen. Hat er aber Spätschicht, trinke ich meinen Kaffee "trocken" und brauche keinen Kuchen dazu. 

Im Podcast erwähnte Dr. Fung, das Hauptproblem in den USA bestünde darin, daß praktisch jede Situation dort mittlerweile mit Essen verknüpft sei, also der konditionierte Hunger eine bedeutende Rolle spiele.  

Ich habe eine ziemlich kuriose Variante von konditioniertem Hunger an mir bemerkt: Normalerweise bekomme ich vormittags erst zwischen 9 und 10 Uhr Hunger. Außer, wenn ich bei meiner Mutter bin, dann habe ich tatsächlich sofort nach dem Aufstehen das Bedürfnis zu essen. Sobald ich wieder daheim bin, ist dieses Bedürfnis sofort wieder weg. Das finde ich schon interessant. Der Stoffwechsel merkt sich offenbar bestimmte Ernährungsmuster in auch spezielleren und seltener vorkommenden Situationen. Kein Wunder, daß es so schwierig ist, sich immer neue Methoden auszudenken, mit denen man doch nochmal zwei, drei Kilo loswerden kann, wenn er den Output mal wieder an den Input des Ernährungsmusters angepaßt hat.  

Das sind also die Inhalte des demnächst erscheinenden Buches "The Hunger Code", die ich dem oben verlinkten Podcast entnommen habe, weil mir dazu das eine oder andere einfiel. Falls das Buch selbst mir noch weitere interessante Erkenntnisse bringen oder mich in anderen zum Widerspruch reizen sollte, schreibe ich nach der Lektüre noch eine richtige Rezension. 

***

Am 19. Februar hatte ich zum ersten Mal seit dem 31. Januar wieder eine Maus in der Falle, eine ziemlich große, die aber deutlich weniger pummelig war als andere Mäuse ihrer Größe, die ich schon hatte. Sie wohnt jetzt wie ihre Kolleginnen am Flußufer, und ich hoffe, es geht ihr dort gut. Seither waren die Mausefallen wieder jeden Tag leer. 

Den Garten habe ich jetzt seit Wochen nur betreten, wenn es unumgänglich war, weil ich unter der Woche extrem mit Arbeit ausgelastet war und es an den Wochenenden immer entweder lausig kalt war oder geregnet hat. Aber der Sonntag machte es dann endlich möglich, erst alleine und dann zusammen mit meinem Mann einen Rundgang durch den Garten zu machen und die Arbeiten zu besprechen, die in den nächsten Wochen dort anstehen. Eine dieser Arbeiten hat sich freilich schon bei dem Rundgang erledigt, denn der efeubewachsene tote Baum, den wir immer nur den "hohlen Zahn" nannten, weil er schon so arg wackelte, hatte sich über den Winter dermaßen extrem geneigt, daß er jeden Moment umkrachen konnte. Er wurde nur noch von einem Nadelgehölz gestützt, und da wir das sowieso loswerden wollten, hat mein Mann kurzerhand am heiligen Sonntag zur Säge gegriffen und es abgesäbelt. Den hohlen Zahn legte er dann um, indem er ihm einfach die Hände auflegte und kurz in die gewünschte Fallrichtung drückte. Da liegt er jetzt, und ich bin froh darüber, denn ich hatte mir echt Sorgen gemacht, daß er ausgerechnet auf die Gartenhütte fallen könnte. 

So geht es jetzt also draußen endlich in die nächste Runde. Erst jetzt merke ich, wie sehr ich das vermißt hatte. 


Freitag, 13. Februar 2026

Ich bin die Leute, vor denen die ZEIT uns immer gewarnt hat

Mein Gewicht heute früh, nach dem vierten von vier aufeinanderfolgenen Fastentagen: 73,0 Kilogramm - und da ist es passiert: Das sind 200 Gramm mehr als vor zwei Wochen. Auch wenn ich diesmal keinen restentleerten Magen-Darm-Bereich mit einkalkulieren kann - im Gegensatz zum letzten Mal - ist das doch eine Enttäuschung. Allerdings ist es andererseits kein Grund zur Panik, denn das letzte lange Fastenintervall war schon atypisch, weil ich am Wochenende davor unpäßlich gewesen bin. 

Trotzdem, vor der Low-Carb-Phase im Herbst hätte ich eigentlich damit gerechnet, daß ich jetzt schon sehr nahe an meinem Zielgewicht sein oder es vielleicht sogar schon erreicht haben würde. Das folgte einem Frühjahr/Sommer, in dem ich ebenfalls nicht in der Lage gewesen bin, die eigentlich erwartete geringfügige Abnahme zu realisieren. Also läuft es bei mir seit etwa einem Jahr ständig anders als vorher und schlechter als erwartet. Das muß ich zur Kenntnis nehmen, wenn ich am Ende doch noch bei meinem Zielgewicht aufschlagen möchte. Und das täte ich halt doch gerne auch noch. Es sind ja jetzt eigentlich nur noch diese paar wenigen Kilos, man sollte meinen, daß das kein großes Problem mehr sein sollte. Aber tatsächlich finde ich es seit meinem Umzug um einiges komplizierter, neue Ideen konsequent durchzuziehen. Irgendwie bin ich jetzt doch geselliger geworden, und damit muß ich wohl meine Methode, bei Einladungen zu unterbrechen, doch mal überdenken. 

Kommt Zeit, kommt Rat. Irgendeine Lösung finde ich bestimmt noch. Bislang habe ich ja früher oder später immer eine gefunden. 

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Chinesische Krebsforscher wiederum haben eine Sache herausgefunden, die gerade durch die Medien geht: 

Eine mögliche Ursache für den starken Gewichtsverlust im Zuge fortgeschrittener Krebserkrankungen hat ein chinesisches Forschungsteam ausfindig gemacht. Erhöhte Laktatwerte könnten der Grund sein, berichtet die Gruppe um Xinli Hu und Rui-Ping Xiao von der Universität Peking im Fachjournal "Nature Metabolism". Möglicherweise biete diese Erkenntnis künftig Ansatzpunkte für eine Therapie.

Anfangs fand ich es kurios, daß dem Laktat die Schuld an der Tumorkachexie gegeben wird, und dachte, hier würde irgendwie Ursache und Wirkung verwechselt. Nach etwas Nachdenken glaube ich, zu ahnen, wie die Zusammenhänge sein müssen. Sind die erhöhten Laktatwerte die Ursache des Gewichtsverlusts oder nur deren Symptom? Geht man nach Professor Seyfried, wäre das letztere der Fall. Die Autoren scheinen das Gegenteil anzunehmen, und dafür haben sie sogar einen recht vernünftigen Grund. Bei krebsfreien Mäusen trat eine Kachexie nämlich auch dann auf, wenn man ihnen eine Laktatinfusion verpaßte. 

Dieses letztere Teilergebnis ist tatsächlich sehr interessant. Bislang dachte ich immer, dieses Abfallprodukt Laktat sei halt eine Meßgröße, die auf Krebs hinweist und die eine oder andere eher unangenehme Nebenwirkung hat - bei Dr. Fung las ich etwa, daß es die Bekämpfung der Krebszellen behindert -, aber keine aktive Rolle bei dessen Verbreitung spielt. Wenn Laktat bei Mäusen Kachexie auslöst, klingt das aber schon, als spiele es auch eine Rolle bei der Metastasierung.  Da sich erhöhte Laktatwerte auch bei Krebserkrankungen in einem früheren Stadium messen lassen (bei metastasiertem Krebs werden aber sicherlich erheblich höhere gemessen, weil es dann natürlich viel mehr Krebszellen im Körper gibt), könnte es durchaus auch sein, daß Laktat eine bislang unterschätzte Rolle bei dem Übergang vom lokal begrenzten Tumor zu einer metastasierten Krebserkrankung spielt. Falls das so wäre, hoffe ich sehr, daß es bei den Folgeforschungen zu dieser Studie vielleicht entdeckt wird.

Laktat müßte dann aber auch irgendeine Rolle dabei spielen, daß die Krebszellen plötzlich so gierig auf Glutamin werden, das sie nicht nur den Nahrungsproteinen, sondern auch der Muskulatur entnehmen können. Glutamin ist ja bekanntlich neben Glukose der zweite Stoff, der zur Energieerzeugung nicht unbedingt Sauerstoff benötigt, sondern auch fermentiert werden kann, und es spielt bei metastasiertem Krebs häufig sogar eine wichtigere Rolle als Glukose. Deswegen ist eine ketogene Ernährung in diesem Fall auch nur begrenzt wirksam, denn Glutamin läßt sich durch Ernährungsumstellung nun einmal nicht vergleichbar begrenzen wie Glukose.

Je mehr ich über diese Sache nachdenke, desto interessanter finde ich sie. Angenommen, die Metastasierung hängt teilweise oder ganz von der Menge des Laktats ab, die ein Tumor im lokalen Stadium ausstößt, dann ist das wohl der Grund dafür, daß schnell wachsende Tumoren - die natürlich immer mehr Laktat von sich geben - auch schneller metastasieren, während dieses Risiko bei langsam wachsenden sowie bei früh erkannten und bekämpften geringer ist. Ich muß mich mal schlau machen, was Professor Seyfried zu dieser Sache so einfällt. Letztlich ließe sie sich gut mit seinen Grundannahmen kombinieren. Falls also die "Mainstream"-Seite sich jetzt intensiver mit dem Laktat befaßt, sie aber ebenso in das Press-Pulse-Verfahren integriert wird, wird die Kluft zwischen beidem vielleicht ein bißchen kleiner. Bislang hat man ja das Gefühl, zwischen beiden Verfahren bestünde ein Abgrund, über den von der anderen Seite her niemand zu springen riskieren will. 

Vielleicht ändert sich das gerade, denn ich las, daß das das US-National Cancer Institute nunmehr dieWirkung eines berüchtigten "Alternativ-Medikaments" namens Ivermectin auf Krebs in einer Studie untersuchen will. Was genau spricht eigentlich aus Sicht der Wissenschaft dagegen? Ivermectin enthält den Wirkstoff Fenbendazol, ich schrieb schon darüber, und wird als eines der besten verfügbaren Mittel, um den Glutamin-Stoffwechsel zu verschlechtern, auch im Press-Pulse-Verfahren eingesetzt. Auch wenn es dabei nur als eine Art Notnagel eingesetzt wird - das eigentlich bevorzugte, weil wirksamere Mittel, DON, darf man nicht einsetzen -, hat es in diesem Rahmen offenbar doch einen Nutzen gezeigt. 

Ivermectin hat im wissenschaftlichen und medizinischen Mainstream nicht nur deshalb einen schlechten Ruf, weil es sich eigentlich um ein Mittel zur Bekämpfung von Parasiten handelt, sondern auch, weil es während der Coronapandemie schon einmal allem Haareraufen der Wissenschaft zum Trotz in den Ruf eines Wundermittels gelangte. Ganz ehrlich - mit diesem Aspekt habe ich mich nicht befaßt, deswegen kann ich auch nicht sagen, ob dieses Haareraufen damals berechtigt war. Aber Seyfried ist Biologe am Boston College, und das schon so lange, daß die dort von der Qualität seiner wissenschaftlichen Arbeit überzeugt sein müssen, und hat Unmengen von Studien und anderen Arbeiten publiziert. Seine Thesen sind das Ergebnis wissenschaftlicher Arbeit, nicht etwa göttlicher Eingebungen oder vager Bauchgefühle. Wenn es bei dem von ihm mitentwickelten Verfahren eingesetzt wird und er dies befürwortet, dann hat das aus seiner Sicht seinen Grund, und auch wenn sich herausstellen sollte, daß er damit falsch liegt, ist es doch gut, richtig und vernünftig, dies nicht einfach mit einem "Das haben wir schon immer so gemacht, das haben wir noch nie so gemacht, da könnte ja jeder kommen" zu begründen, sondern hieb- und stichfeste Argumente zu erarbeiten. 

In diesem Sinne, alles Gute dieser Ivermectin-Studie, was auch immer aus ihr herauskommen mag.  

***

Ich hörte einen Podcast von Bayern 2, in dem das "Sanesplaining", über das ich schon in einem frühen Blogartikel geschrieben hatte - dort unter dem Begriff "Sanewashing" (den ich freilich nicht ganz so treffende finde) -, das Thema war. Positiv war, daß sich hier eine Diskussionsrunde einmal als Medien ein wenig selbst hinterfragte, also, wie es zu diesem Phänomen eigentlich kommt, obwohl den Medien eigentlich ja auch nichts daran liegt, Trumps irrationales Verhalten zu normalisieren. Negativ war, daß die eigentlich sonst ganz gescheite Sachen erzählenden Herrschaften sich selbst in ihrer Rolle als Medienakteure mehr oder weniger für außerstande erklärt haben, daran etwas zu ändern. Es hat damit zu tun, sagen sie, daß Journalisten auch aus dem irrationalsten Ausfall des US-Präsidenten "die Nachricht", sprich den sachlichen Gehalt und dessen mögliche Konsequenzen herauszufiltern versuchen müssen. Es sei nicht ihr Job, dem jedesmal eine Präambel voranzustellen, in der sie darauf hinweisen, daß Trump die eine oder andere Schraube locker hat, denn es widerspricht dem Schema, nach dem sie arbeiten, denn dies stelle ja per se schon eine Wertung dar, die man eigentlich vermeiden wolle. 

So hart das klingen mag, aber wenn die sonst gültigen Berichterstattungsschemata bei Trump nun einmal nicht passen, um das wiederzugeben, worauf es bei ihm in Wirklichkeit ankommt (nämlich daß bei ihm die eigentlich Nachricht nicht der spärliche Sachgehalt, sondern die gehässigen Ausfälligkeiten sind, mit denen er sie immer begleitet), dann müssen die Medien eben andere entwickeln - und zwar subito. Andernfalls sind sie schlimmer als überflüssig, denn sie informieren uns dann falsch. Niemand braucht aber Medien, die falsch informieren. Falls sie das also nicht gebacken kriegen, schreib ich ihnen gerne einen Nachruf, denn dann haben sie sich - in der heutigen Form - offenbar überlebt. 

Aber das Medienversagen hat ja nicht mit Trump angefangen. Ich verlinke jetzt mal nichts aus meinem Blog, aber die ständigen Beschwerden über die Medien sind hier ja einer der roten Fäden. Das, was heute als gute Medienpraxis gilt, funktioniert schon länger nicht mehr vernünftig, und in vielen Bereichen fehlt mir dafür eine vergleichbar überzeugende Erklärung - es sei denn, ich setze voraus, daß journalistische Arbeit klassischer Prägung heute schlicht für die meisten Medien so unbezahlbar geworden ist, daß sie sie nur noch in homöopathischer Dosierung einsetzen. 

Woran mich speziell die Trump-Berichterstattung erinnert, ist die über Putin, denn die wies schon 2014, nach der Krim-Annexion, genau dieselbe Art von Fehlern auf. Ich bin der Meinung, kein Medium sollte mehr vorrangig über das berichten, was Leute wie Putin oder Trump sagen/schreiben. Ergänzen kann man das allenfalls als Anhängsel zur Berichterstattung über das, was sie tun, denn beides hat schlicht zu wenig miteinander zu tun. Wer jeden verbalen Pups eines dieser beiden aufgreift, der müllt die mediale Welt mit so viel Vernebelung zu, daß die Dinge, die tatsächlich passieren und wirklich wichtig wären, im Wust gar nicht mehr erkannt weren. 

Das ist aber nur ein Bruchteil dessen, was in den Medien schon seit Jahren schiefläuft, und das störte mich in dem Podcast, daß der Eindruck erweckt wurde, das Problem sei neu und sonst gäbe es keine. Ich glaube, es ist schon um die zwanzig Jahre her, daß ich angefangen habe, von allem, was ich wirklich wissen will, die Quelle zu suchen, weil man sich auf rein gar nichts mehr in Medienberichten verlassen konnte. 

Deshalb bin ich auch nur mäßig überrascht, daß Richard Edelman, Autor des "Trust Barometer", in einem interessanten Interview mit der ZEIT voller Entsetzen feststellt, daß jüngere Leute aufgehört haben, den Medien zu vertrauen. Es verlief seiner Darstellung nach in mehreren Schüben und Covid brachte wohl einen ausgeprägteren Shift hin zu den sozialen Medien als wichtigster Informationsquelle. Es ist als Meinungsbildungsverfahren üblich geworden, erst die Schlagzeile, dann die Meinung anderer Leser in den Kommentaren und erst dann den Artikel zu lesen. Was Edelman merkwürdigerweise aber nicht erwähnt, ist, daß dieser dritte Teil zwangsläufig entfällt, wenn besagter Artikel sich hinter einer Bezahlschranke befindet. Diese Veränderung kann meiner Meinung nach durchaus etwas damit zu tun haben, daß man sich daran gewöhnt hat, Berichte meistens nicht mehr vollständig lesen zu können, sondern nur noch die Schlagzeite und einen Teaser. Ich jedenfalls finde es nachvollziehbar, in so einem Fall dann erst mal herausfinden zu wollen, ob irgendwer den Volltext doch gelesen und was er darüber zu sagen hat. 

Das hier aus dem Interview: 

Junge Menschen setzen keine Hoffnung mehr in die Zukunft. Wenn man sich Deutschland, die USA oder Frankreich ansieht, findet man überall die gleiche Desillusionierung: Nur wenige glauben noch, dass sie mal einen festen Job, ein höheres Einkommen als ihre Eltern oder gar ein eigenes Haus besitzen werden. Das hat zu einem Vertrauensverlust in die Institutionen und auch die Verantwortlichen geführt. Wenn zwei Drittel der jungen Menschen sagen, dass Journalisten, Regierungs- oder Wirtschaftsführer sie belügen, ist das ein echtes Problem.

habe ich auch schon am Rande thematisiert, und zwar hier. Ich kann diesen jungen Menschen weiterhin nur eines sagen: Willkommen im Club. Meine Altersgruppe ist diejenige, aus der heraus der Slogan "No Future" geboren wurde. Da die jungen Menschen von heute uns so glühend beneiden, nehme ich an, in vierzig Jahren wird es ihnen ganz ordentlich gehen, so, wie man das von meiner Altersgruppe im Großen und Ganzen ja auch sagen kann. Und dann wünsche ich ihnen viel Spaß dabei, sich gegen die Neider aus ihrer Enkelgeneration zur Wehr setzen zu müssen. ;-)

Ob ich das, sagen wir im Jahre 2056, auch noch miterleben werde? Dafür müßte ich immerhin 91 Jahre alt werden. Aber man sollte sich seine Ziele ja immer ein bißchen ehrgeizig setzen - und beim zu erreichenden Alter gerade als Raucher, noch dazu mit überstandener Krebserkrankung, sowieso. Inzwischen kenne ich aber sage und schreibe vier noch rüstige Mittneunziger, die entweder hier im Dorf leben oder von hier irgendwann in einen Nachbarort gezogen sind. Wir haben unser Häuschen offenbar in einer langlebigen Gegend ausgesucht. Also, vielleicht erlebe ich es ja doch noch. 

Noch ein abschließendes Zitat, weil ich darüber in schallendes Gelächter ausgebrochen bin: 

 In unserem jüngsten Barometer beobachten wir Anzeichen dafür, dass ein paralleles Ökosystem für Gesundheitsfragen entstanden ist. Zum Beispiel glauben junge Menschen, dass sie durch die Suche im Netz Informationen finden können, die qualitativ genauso gut sind wie die von einem Arzt.

ZEIT: Das ist ziemlich schockierend.

Daß ich diesen Tag noch erleben darf! Ich bin mit meinem Blog, der zweifelsfrei besagtem Ökosystem angehört, auf einmal die "Leute, vor denen uns unsere Eltern immer gewarnt haben". Dafür war ich meiner Lebtag nie unangepaßt genug. Aber jetzt in meinem gesetzten Alter hat es doch endlich mal dafür gereicht, die gute alte Tante ZEIT auf einmal zu schockieren. Noch dazu, ohne mir dafür erst mal einen lilagefärbten Iro und Zungenpiercings zulegen zu müssen. 

Das mit dem Zungenpiercing wäre mir zu eklig, aber den Iro hole ich vielleicht noch nach - an meinem 91. Geburtstag. Ja, ihr dürft in diesem Fall auf diesen Blogbeitrag zurückkommen, falls ich nicht freiwillig ein Foto poste. ;-) 

 

Dienstag, 10. Februar 2026

Mein persönlicher Donald-Trump-Moment

Mein Gewicht heute früh nach dem ersten Tag des viertägigen Fastenintervalls: 75,7 Kilogramm. Gestern bin ich mit unvorstellbaren 78,3 Kilogramm gestartet - 1,6 Kilogramm Differenz zum Gewicht vom Sonntag. Alles, was ich am Sonntag im Laufe des Tages gegessen habe, hat zusammengenommen höchstens halb so viel gewogen. Mit anderen Worten: Das war irgendein komischer Sondereffekt, der nichts mit einer "echten" Zunahme zu tun hatte und vermutlich ausschließlich aus Wasser bestand. Das zeigte sich jetzt auch in einer Low-Carb-untypisch hohen Abnahme von gestern auf heute. Eine Ursache für die Wassereinlagerungen kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, aber was die Waage anzeigt, ist nun mal ein Faktum. Noch bin ich nicht beruhigt, dafür müßte ich am Freitag mein Gewicht von vor zwei Wochen unterbieten, und das bedeutet mindestens ein Kilo minus pro weiteren Fastentag. Schauen wir also mal, wie die Sache am Freitag aussehen wird.

Auf der positiven Seite habe ich jetzt endlich meinen Mann darüber informiert, daß ich im Anschluß an Low Carb einen maximal vierwöchigen Endspurt plane. Sonderlich begeistert darüber war er nicht, aber da muß er jetzt halt durch. Damit gehe ich also ab dem 2. März in die Verlängerung, indem ich jede Woche vier Tage faste. Eigentlich hatte ich dabei vorgehabt, wieder vier Tage am Stück zu fasten, aber jetzt findet sich fast in jeder Märzwoche ein Termin, zu dem ich vermutlich unterbrechen muß, meistens am Mittwoch. Also wird es wohl überwiegend auf zwei Tage Fasten, einen Tag essen, zwei Tage Fasten hinauslaufen. 

Ziel ist, noch vor dem April erstmals vor dem Fasten ein Gewicht von 73,5 Kilogramm oder weniger zu haben. Ist das mal erreicht, habe ich meinen Seelenfrieden und kann mein Abnahmeprojekt endlich mal für erledigt erklären.  

Und wie geht es dann hier weiter? Nun ja. Natürlich will ich mein Gewicht dann - in etwa - halten. Es bleibt also auch dann weiterhin spannend. 

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Ich habe einen interessanten Nachtrag zu meinem Blogbeitrag zum Thema Rente: 

Daß "Bestandsrentner" jedenfalls im Moment tatsächlich keine niedrigere Rente als Neurentner haben - im verlinkten Beitrag stellte ich mir ja diese Frage - ergibt sich aus einer Grafik, über die ich heute stolperte. Es ist sogar umgekehrt, jedenfalls bei Männern: Die Zugangsrenten sind niedriger als die Bestandsrenten, wenn man die Neurentner von 2024 mit dem Durchschnitt aller Rentner vergleicht. Am höchsten ist die Differenz mit einem Minus, das fast zweihundert Euro monatlich ausmacht, bei Männern im Osten. Die einzigen, bei denen es statt Einbußen geringfügige Verbesserungen im Vergleich zu den Bestandsrentnerinnen gab, sind Frauen im Westen. Aber bei denen liegt die Eingangsrente 2024 trotzdem im Durchschnitt immer noch niedriger als 1000 Euro. Schuld daran ist die Minijobfalle. 

Die bestürzend stark eingebrochenen Renten bei ostdeutschen Männern (etwas weniger ausgeprägt ist die Differenz bei ostdeutschen Frauen), die jetzt ins Ruhestandsalter kommen (die Ende der Fünfziger Geborenen), im Vergleich zum Durchschnitt aller ostdeutschen Rentner sind das Erbe der zwei Jahrzehnte andauernden Niedriglohnphase nach der Wende für diejenigen, die nicht sowieso arbeitslos waren. Im Westen hat erst mit Zeitverzögerung die Agenda 2010 ihre nicht ganz so tiefen Spuren hinterlassen. Aber erkennbar sind sie auch. Dafür dürfen wir uns bei Gerhard Schröder bedanken. 

Angesichts dessen halte ich es aber vor allem für ausgeschlossen, daß die Neurentner von 2024 bei der Rente im Durchschnitt günstiger dran sind, als die Berufseinsteiger desselben Jahres es einmal sein werden. Das sollte irgendwer mal diesen wirtschaftswissenschaftlichen Wichtigtuern schonend beibringen, wenn sie mit ihren Renditeberechnungen daherkommen. 

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Der Bundesregierung mißlingt es weiterhin mit atemberaubender Zuverlässigkeit, irgendjemandem in diesem Land eine Art Sicherheitsgefühl zu geben oder wenigstens den Teil der Sicherheit, der noch gefühlt wird, nicht zu beschädigen. Die Kakophonie der von diversen Seiten vorgeschlagenen Abbauarbeiten an der sozialen Sicherheit hört einfach nicht auf. Dabei spielt es übrigens keine Rolle, wenn solche Vorschläge nicht von innerhalb der Politik kommen, sondern von irgendwelchen Interessengruppen von außen via Medien an sie herangetragen werden. Sobald so was in den Radionachrichten war, bekomme ich das, wann immer es gesprächsweise erwähnt wird, unter der Formel "Weißt du, was DIE jetzt schon wieder vorhaben?" als mehr oder weniger beschlossene Sache präsentiert. Es spielt keine Rolle, ob es diese "DIE" als vermeintliche Einheit in Wirklichkeit gibt oder nicht. Wenn etwa laut einer Schlagzeile in der Wirtschaftswoche empfohlen wurde, den Kündigungsschutz zu lockern, dann verbucht der typische Leser das sofort auf dem ohnehin schon ellenlangen Sündenkonto der Bundesregierung.

Sollte die Bundesregierung so dämlich sein, daß ihr das gar nicht bewußt ist, fehlt es ihr an Kompetenz. Sollte sie es wissen und ignorieren, anstatt sich irgendwas Schlaues dazu einfallen zu lassen, wie sie so etwas wieder einfangen kann, dann spielt sie Hasard mit dem Fortbestand der Demokratie. Denn mittlerweile habe ich den Eindruck, schlichtweg jeder ist in tausend Ängsten vor dem, was ihm in Zukunft durch "DIE" angetan werden soll. Vermutlich wäre ich selbst längst in Panik, wenn ich mir nicht sicher wäre, daß ich mit allem klarkommen kann, was die sich an Grausamkeiten einfallen lassen mögen. Daß die Staatsfinanzen besser geordnet werden müssen, finde ich ja eigentlich einzusehen, und natürlich ist mir klar, daß ich von dieser Neuordnung am einen oder anderen Punkt im Vergleich zu jetzt einen Nachteil haben werde. Aber da dazu ein erkennbarer Rahmen fehlt, innerhalb dessen man sich selbst und seine jeweilige Lebenssituation wiederfinden kann, wird es aber natürlich von denen, die in gefühlt oder real weniger stabilen Verhältnissen leben, als Bedrohung der eigenen Person empfunden, und was besonders problematisch ist, ist, daß dann in der Regel auch noch mit unfairen Unterstellungen und Beleidigungen verbunden wird. Daß alle Reformvorschläge den einen roten Faden enthalten, daß sie auf Kosten von Menschen mit niedrigem bis mittleren Einkommen erfolgen sollen, während Besserbetuchte offenbar ungeschoren davonkommen und vielleicht sogar profitieren sollen, macht die Sache natürlich auch nicht besser. 

Die unfähige Wirtschaftsministerin hat, als wäre die Stimmung nicht ohnehin beschissen genug, wirksam dafür gesorgt, daß sich die Deutschen nun auch noch darum sorgen, ob ihre Heizung vielleicht bald kalt bleiben wird. 

Man könnte geradezu den Verdacht bekommen, Merz erfülle als Bundeskanzler einen Auftrag, nämlich die deutsche Gesellschaft populistenreif zu schießen, und die öffentlich-rechtlichen Sender unterstützten ihn dabei, damit es schneller geht. "Ist Donald Trump ein Vorbild für Deutschland, Herr Chrupalla?", fragte Caren Miosga im NDR etwa allen Ernstes. Meine einzige Rückfrage an Frau Miosgas Sender lautet: "Wer hat euch eigentlich ins Hirn geschissen, so was allen Ernstes zu senden?" Frau Miosga irgendetwas zu fragen, erübrigt sich wohl. Als langjährige routinierte Talk-Tante versucht sie, die Quoten ihrer schwächelnden Talksendung zu pushen, und hat offenbar kein moralisches Problem damit, dies auf eine Weise zu tun, mit der sich meiner Meinung nach der Verfassungsschutz befassen sollte. Muß ich das noch begründen? Ein Blick auf die USA-bezogenen Nachrichten sollte eigentlich ausreichen, um diesen Punkt zu klären. Donald Trump tut dort so manches, was hier wie dort verfassungswidrig ist, und einstweilen sehe ich noch nicht, daß dort irgendwer imstande ist, ihn daran zu hindern. Die bloße Frage, ob Trump für uns eine Vorbildfunktion haben könnte, verbietet sich da ja wohl von selbst. 

Auch dann, falls es eine rhetorische Frage gewesen sein sollte, was ich nicht weiß. Ich habe diese Talksendung nicht gesehen und werde das auch nicht nachholen, aber mir ist natürlich klar, daß dieser Talk unter dem Vorwand geschah, die AfD "inhaltlich stellen" zu wollen. Und weil ich Caren Miosga schon verabscheut habe, als sie noch bei den Tagesthemen war, habe ich davon, wie das geschehen sollte, auch eine ungefähre Vorstellung. Hier aber erst einmal dies: damit wird man keinen AfD-Fan irgendwie beeindrucken. Der Zufall hat es nämlich gefügt, daß ich gestern mit jemandem, der diese Sendung gesehen hat, ins Gespräch kam. Ja, ein AfD-Wähler, jedenfalls einer, der sie künftig wählen will. Diese Person hat sich über die inquisitorische, als unverschämt empfundene Art, wie Miosga Chrupalla befragte, nicht weniger empört als ich über diese Fragestellung, mit der dieses Gespräch übertitelt worden ist. Wenn überhaupt, dann hat es ihren Entschluß gefestigt, daß ihr, so wörtlich, "gar nichts anderes übrigbleibe", als AfD zu wählen. 

Diese Reaktion wundert mich noch nicht einmal. Was habe ich schon vor fast zwanzig Jahren, als ich noch regelmäßig die Tagesthemen angesehen habe, ihren "investigativen" Interviewstil gehaßt, dieses mokante Lächeln, das gegenüber jedem Interviewpartner ausdrückte "Du lügst, aber ich krieg die Wahrheit schon aus dir raus", dieses Ins-Wort-Fallen, dieses Von-oben-Herab - ja, ich habe es auch als unverschämt empfunden, sogar dann, wenn ich den Interviewpartner selbst nicht leiden konnte. Denn so muß man solche Interviews nicht führen, jede "Zur Person"-Sendung mit Günter Gaus beweist das, in der Adenauer, Brandt, Schmidt und Strauß die unangenehmsten Fragen gestellt wurden, ohne daß durch Mimik, Gestik und Art der Fragestellung die Wertung des Interviewers von vornherein feststand, ohne daß er ihnen ins Wort fiel - und weil sie ausreden durften, legten sie sich auch keine Strategien dafür fest, sondern man bekam ein recht gutes Bild davon, wie sie ticken - sogar dann, wenn man ihnen kein einziges Wort glaubte. Das half dabei, die Antwort einzuordnen. 

Dabei ist dieser Interviewstil völlig sinnlos, meistens jedenfalls. Die gewohnheitsmäßigen Lügner aus Politik und Wirtschaft, die dieses Spiel beherrschen, sind durch so etwas kaum zu beeindrucken. Auftrumpfen kann man damit bei medienungewohnten Personen, die wohl mit einem Interview gar nicht einverstanden gewesen wären, wenn sie nicht bei der im Ruf der Seriosität stehenden Tagesthemen selbstverständlich von einer fairen Behandlung im Interview ausgegangen wären. Mit etwas Pech landete man dann in einer hochnotpeinlichen Befragung, und das hatte bestimmt nicht jeder von denen verdient, die sich dem in der Zeit aussetzten, als ich noch Tagesthemen anschaute. 

Bis Miosga eines Tagesthemen-Abends dann auf Uwe Hück traf, damals Betriebsratsvorsitzender bei Porsche. Der verpaßte ihr nämlich die Klatsche ihres Lebens. Am Ende des Interviews sah sie aus, als wäre sie von einem Panzer überfahren worden. Leider finde ich diesen Interview nicht auf YouTube, nur eines mit Marietta Slomka, die für das ZDF den Poltergeist vom Porsche ebenfalls interviewte. Das mit Miosga gefiel mir allerdings noch um einiges mehr, weil sie so viel mehr Federn dabei lassen mußte. 

Caren Miosgas Tagesthemen-Interview mit Uwe Hück im Jahr 2009 war mein persönlicher Donald-Trump-Moment. Denn eigentlich redete Hück brüllenden Blödsinn (das brüllend ist in diesem Fall außerdem wörtlich zu nehmen), und das habe ich sehr wohl gemerkt. Nur, es war mir egal. Für dieses Interview habe ich Uwe Hück jahrelang geliebt, weil es mir so eine aus der tiefsten Seele aufsteigende Genugtuung war, daß er es dieser unangenehmen und hinterhältigen Tagesthemen-Dame mal "so richtig gezeigt" hatte. Im Gegenteil, sein Verhalten schien ja seine Medienungeübtheit zu beweisen, und daß er trotzdem das Interview - ich kann es nicht anders ausdrücken - "gewonnen" hatte, das war irgendwie die verdiente Rache für all die früheren inquisitorischen Befragungen, über die ich mich so geärgert hatte. 

Jahre später ist mir erst aufgegangen, was da überhaupt mit mir passiert ist: Ich wurde von einem Populisten geködert. Genau so hat auch Donald Trump seine Wähler gewonnen, und erst als ich das mitbekam, fiel bei mir dieser Groschen. Vermutlich können wir alle von Glück sagen, daß Uwe Hück damals nicht zum Spitzenkandidaten der SPD geworden ist. 

Daß Miosga sich heute damit profilieren will, einen US-Präsidenten, der ein mieser Charakter, unzuverlässig, verlogen, ohne Skrupel, brutal und egoistisch ist sowie bedenkliche Anzeichen zunehmender Demenz zeigt, als grundsätzlich mögliches Vorbild für Deutschland zu präsentieren, fügt sich perfekt in das, was ich sowieso von ihr dachte. Dasselbe gilt dafür, daß sie diese Frage ausgerechnet einem Vertreter der AfD stellt und ihm eine Menge Sendezeit für seine Meinung zu dieser Frage bietet. Und dann verhält sie sich ihm gegenüber noch auf eine Weise, die garantiert dafür sorgen wird, daß eine Menge Zuschauer das als unangemessen empfunden haben werden - womit sie der AfD genützt hat, nicht geschadet. Gar nicht davon anzufangen, daß jede Minute Sendezeit und jede Zeile, die sich mit der AfD befaßt, egal wie negativ, ihr ausweislich der Entwicklung der Wahlumfragen auch nützt. 

Mir geht dieses gestrige Gespräch mit dem AfD-Wähler auch deshalb noch im Kopf herum, weil es sich als unmöglich erwiesen hat, mit ihm einen richtigen Dialog zu führen, obwohl wir in unserer Unzufriedenheit mit dem, was die anderen Parteien tun, eigentlich eine große inhaltliche Schnittmenge hatten und uns in diesem Bereich auch einig waren. Nach eigenem Bekunden handelt es sich bei ihm um einen sogenannten Protestwähler - im Verlauf des Gesprächs hat er gefühlt zwanzigmal wiederholt, daß er ja gar keine AfD-Regierung haben will. Es ist mir nicht gelungen, ihn dazu zu bewegen, sich auch nur einen Satz vollständig anzuhören, in dem ich darauf hinweisen wollte, daß er sie aber trotzdem bekommen kann, wenn er sie wählt, und dann gar nicht glücklich darüber sein wird. Er hat mich aber jedes Mal unterbrochen und wie eine gesprungene Schallplatte denselben Text wieder von vorn begonnen. 

Er will AfD wählen, weil er glaubt, keine andere Wahl zu haben, weil, wie er sagt - und da kann ich ihm, siehe oben, kaum widersprechen - die anderen Parteien im Bundestag ja sowieso nur Mist machen. Er will, daß sie in eine Koalition mit der AfD gezwungen werden, denn er glaubt für diesen Fall etwas sehr Merkwürdiges: einerseits, daß der oder die Koalitionspartner der AfD sie mühelos im Griff behalten würden (nicht sehr logisch, da es ja dieselben Parteien sind, die er gleichzeitig für unfähig hält), aber gleichzeitig auch durch diesen Koalitionspartner gezwungen wären, endlich vernünftiger zu werden. Ich gebe das jetzt mal so wieder, wie sich das in dem ansonsten fruchtlosen Gespräch nach und nach herauskristallisiert hat. Erwähnen sollte ich auch, daß ich den Eindruck hatte, daß dieser Wähler sich enorm anstrengt, nur keinerlei Zweifel an sich heranzulassen, deswegen auch die ständigen Unterbrechungen. Er steht erkennbar unter hohem inneren Druck. Das Ergebnis seiner eigenen inneren Bilanz lautet, daß ihm nichts anderes übrigbleibt, als AfD zu wählen, aber offenbar muß er auch Einwände seiner eigenen inneren Stimme bekämpfen. 

Was mich beschäftigt: Implizit drückte er ja ein großes Vertrauen in die Stabilität unserer staatlichen Ordnung aus - ein Vertrauen, wie es die Trump-Wähler in den USA auch gehabt haben dürften. Falls ich ihn überhaupt mit irgendeinem Argument doch erreicht habe, dann war es der Verweis auf das, was in den USA seit Trumps Amtübernahme vor einem Jahr tatsächlich geschehen ist, obwohl die US-Demokratie keineswegs instabil war. Und daß die AfD außerdem von Trump und Konsorten unterstützt wird und wir damit rechnen müßten, daß wir mit einer AfD-Regierung solche Dinge, wie sie die Amis gerade im eigenen Land erleben, ebenfalls bekommen werden. 

Die gute Nachricht, die ich aus dem Gespräch mitnehme, ist, daß es grundsätzlich schon möglich sein müßte, durch veränderte politische Angebote - ggf. eine neue Partei, die alten sind wohl längst zu abgewirtschaftet, um sich noch einmal entsprechend neu erfinden zu können - Wähler mit diesem Mindset von der AfD wieder abzubringen. Und daß im Osten bei Wahlen im regionalen und lokalen Bereich Parteilose der AfD vorgezogen werden, spricht dafür, daß sie einen bedeutenden Anteil der AfD-Wähler ausmachen. 

Die schlechte Nachricht lautet, daß es solche Angebote außer im lokalen/regionalen Bereich im Moment gar nicht gibt. Entweder also es bildet sich bald eine wählbare und glaubwürdige neue Partei (oder etwas, das die Rolle einer Partei bei der nächsten Bundestagswahl ausfüllen kann) oder ich sehe dieses Land in nicht allzu ferner Zeit mit viel Karacho gegen die Wand fahren. Niemand traut dieser Bundesregierung ja noch über den Weg, und das gilt auch für diejenigen, die die CDU oder SPD trotzdem immer noch wählen würden. Das liegt nicht nur daran, daß sie gar nichts tut, um vielleicht ja doch noch "die Köpfe und Herzen" zu gewinnen (offenbar hält sie das für unnötig), sondern auch daran, daß ihre Lösungsvorstellungen keinen roten Faden enthalten und deshalb wie ein Haufen beliebige und wahllos zusammengestellte Grausamkeiten aussehen, die nur deshalb ausgewählt wurden, weil sie halt die Chance bieten, zu denjenigen, die sich am wenigsten wehren können, grausam sein zu dürfen. 

Das Problem ist nur, sie können sich sehr wohl wehren, nämlich an der Wahlurne. Und wie soll man denen, die sich vor diesen Grausamkeiten fürchten, denn vermitteln, daß das verglichen mit dem, was uns mit der AfD blühen würde, noch der reinste Kindergeburtstag ist? Deren Grausamkeiten müssen sich offenbar erst materialisieren. 

*** 

Jetzt ist es wahrhaftig zehn Tage her, daß ich das letzte Mal ein Mäuschen unter dem Dach vorgefunden hatte. Offenbar haben wir jetzt zwar noch "Garten-Mäuse", aber keine mehr, die unser Haus als gewohnten Teil ihres Lebensraums betrachten. Das ist doch mal ein Fortschritt - obwohl ich gestehen muß, irgendwie fehlt mir jetzt doch was. Meine Mutter beschwert sich auch schon, weil ich gar keine Mäusegeschichten mehr zu erzählen habe. 

 

 

 


Mittwoch, 4. Februar 2026

Zum Weltkrebstag: Warum hassen die beim RKI uns eigentlich so sehr?

Mein Gewicht heute morgen nach dem ersten von zwei nicht verbundenen Fastentagen diese Woche: 74,7 Kilogramm. Ungefähr das, womit ich auch gerechnet hatte. Viel mehr wüßte ich im Moment auch gar nicht über die Entwicklungen bei mir zu erzählen, ich liege halbwegs im Plan, und nichts daran ist besonders aufsehenerregend. 

 ***

Vor ein paar Tagen kam in den Radionachrichten die Meldung, das RKI habe gemeldet, daß im Laufe seines Lebens fast jeder zweite Deutsche an Krebs erkranken werde. Es sei wichtig, dafür ein Bewußtsein zu wecken. Wie es meine Gewohnheit ist, habe ich die Quelle für die lapidare Radiomeldung gesucht und am Ende auch gefunden. Es gibt offenbar einen Weltkrebstag (der war bislang meiner Aufmerksamkeit entgangen), nämlich am heutigen 4. Februar. Aus diesem Anlaß findet das RKI es also wichtig, daß jeder Bürger sich mit dem Gedanken vertraut macht, daß er mit einer Wahrscheinlichkeit von beinahe fifty-fifty ein Schicksal erleiden wird, von dem die meisten Leute glauben, es sei schlimmer als der Tod, und an dessen Ende als Bonus außerdem noch eine besonders gräßliche Art zu sterben stehen werde. Weshalb sie es für gewöhnlich vorziehen, darüber lieber nicht nachzudenken. Das RKI findet, man solle sie daran hindern. 

Warum hassen die beim RKI uns eigentlich so sehr? 

Natürlich ist es in Wirklichkeit ja gar nicht so, daß jede Krebsdiagnose in einen gräßlichen Tod am Krebs führen wird, wie das ganz bestimmt und zu Recht vom RKI nun eiligst eingewandt würde und mir natürlich bestens bekannt ist. Nur, das war nicht die Botschaft, wie sie im Radio verbreitet wurde, und diese Botschaft traf auf Menschen, deren Wissen über Krebs bereits vorgebildet wurde, und zwar neben den Erfahrungen mit Krebserkrankungen im eigenen Umfeld vor allem durch die Botschaften der Krebspräventionsarbeit. Die Logik  dieser ebenfalls vom RKI mitgepflegten Bewußtseinsbildung geht aber davon aus, daß der Verzicht auf Dinge, die uns angenehm sind, die aber die Gefahr einer Krebserkrankung gemäß der Schulweisheit vergrößern, bei den Leuten nur erreicht werden kann, indem man die Schecken der Bestrafung dieses Verhaltens lustvoll in den gräßlichsten Farben ausmalt. Dies wird uns schon so viele Jahrzehnte lang nonstop eingehämmert, daß das RKI eigentlich genau wissen sollte, was damit bei den Empfängern der Botschaften ausgelöst wird: ein breites Spektrum möglicher unerwünschter Reaktionen zwischen den Polen "Verdrängen und Weitermachen wie bisher" und "Zwangshandlungen und Panikattacken". 

Mehr "Bewußtsein wecken" auf dieser Basis bedeutet natürlich auch mehr von diesen unerwünschten Reaktionen. Und da dieses Bewußtsein ja pausenlos auf die unterschiedlichste Weise geweckt wird (unglaublich, daß so getan wird, es geschehe in diesem Bereich immer noch zu wenig), wirft das die Frage auf, warum das Wecken des Bewußtseins offenbar nicht so wirkt, wie es vorausgesetzt wird. Und die Folgefrage, warum man es trotzdem immer weiter mit der Methode "Noch mehr vom Gleichen" weiterversucht. 

Augenscheinlich haben wir, was Krebs betrifft, ein grundsätzliches Kommunikationsproblem. Ich würde dem RKI dringend raten, sich endlich einmal vorrangig mit der Frage zu befassen, was genau sie eigentlich meinen, wenn sie davon sprechen, sie wollten "Bewußtsein wecken", bevor sie damit anfangen, es tun zu wollen. Ich weiß nicht, was das für Leute sind, die dort die Eckpunkte der Kommunikationsstrategie festlegen, aber wer auch immer sie sind, sie sind es doch, denen das richtige Bewußtsein fehlt, und zwar für das, was sie mit ihrer Art der Kommunikation bewirken. Wo der Hund begraben ist, zeigt sich ja auch daran, was für ein häufiger und schwerwiegender psychischer Belastungfaktor bei aktuell krebsfreien ehemaligen Krebspatienten die Angst vor der Wiederkehr des Krebses sogar über Jahrzehnte hinweg bleiben kann und nicht selten erhebliche Begleitsymptome hat, von Schlafstörungen bis zur ausgewachsenen Depression. Hier unbedingt noch mehr Bewußtsein wecken zu wollen, grenzt meines Erachtens an Körperverletzung. Aber sicherlich kennt auch jeder völlig Gesunde, deren Ängste vor Krebs auch ohne bewußtseinsweckende Maßnahmen schon weit über jedes vernünftige Maß hinausreichen. Bei denen ist das ebenso. 

Ein Bewußtsein wecken müßte man allerdings darüber, daß diesem jeden Zweiten deshalb nicht zwangsläufig auch der gedanklich von fast jedem damit verknüpfte baldige und besonders gräßliche Krebstod bevorsteht. Denn in Wirklichkeit trifft das ja schon jetzt nur auf eine Minderheit zu. Und es gibt ja außerdem auch manche ermutigenden Entwicklungen, also auch die Hoffnung, daß diese Minderheit künftig immer kleiner wird. Das alles ist sogar unabhängig davon, daß die Therapien meiner Meinung nach auf falschen Grundannahmen über die Krebsentstehung beruhen und, wenn sich das einmal ändert, noch sehr viel wirksamer sein könnten. 

Krebs ist eine Scheißkrankheit. Aber es wäre überfällig, sie endlich mal zu "entdämonisieren". Die Botschaft zum Weltkrebstag vermittelt ziemlich genau das Gegenteil, solange das nicht geschehen ist. 

*** 

Peter Attia, von dem ich einmal so viel gehalten hatte, kommt massenhaft in den Epstein-Files vor. Anscheinend war er ein persönlicher Freund von Jeffrey Epstein, der nach seiner Verhaftung 2019 in Untersuchungshaft unter so verdächtigen Umständen starb, daß sich bis heute Gerüchte halten, er habe nicht, wie behauptet, Selbstmord begangen, sondern sei ermordet worden. Für den Hauptverdächtigen für diesen Mord hält man dann für gewöhnlich den damaligen US-Präsidenten (der, wie es der Zufall fügte, heute wieder Präsident ist) oder sein Umfeld. Putin - Epstein hatte, wie sich aus den Files ergibt, zahlreiche und enge Verbindungen in den Kreml - habe ich noch nicht verdächtigt gesehen, läge aber, wenn man schon hier eine Verschwörung am Werk sieht, wohl genauso nahe. Aber das nur fürs Protokoll. Einstweilen habe ich zu dieser Frage keine Meinung, weil ich nicht tief genug in die Thematik eingestiegen bin und auch nicht die Absicht habe, das noch zu tun. 

Attia jedenfalls hat zu seiner Verbindung mit Epstein auf Twitter eine lange und emotionale persönliche Erklärung abgegeben, die man glauben oder es bleiben lassen kann. Ich habe dazu gemischte Gefühle. Einerseits traue ich es Attia wirklich nicht zu, an Epsteins Straftaten in irgendeiner Form mitbeteiligt zu sein. Andererseits bieten diese Epstein-Files Einblicke in soche Abgründe, daß ich niemanden, der Epstein kannte und freundschaftliche Gefühle entgegenbrachte, für unverdächtig halten möchte, solange diese Sache nicht gründlich untersucht ist. 

Außerdem haben wir jetzt 2026, und Epstein starb 2019. Das spricht aus meiner Sicht eher gegen die ehrliche Zerknirschung, die aus seiner jetzigen Botschaft zu sprechen scheint. Wäre er über die Verbindung zu einem stinkreichen Sexmonster, zu dessen Hobbys offenbar jahrzehntelang der Mißbrauch von sehr jungen weiblichen Teenagern gehörte, als wäre die Welt ein Schundroman von Harold Robbins, wirklich erschüttert gewesen, hätte er die Sache früher zur Sprache gebracht. Daß er es jetzt tut, spricht eher dafür, daß ihn vor allem erschüttert, daß die Verbindung ans Tageslicht gekommen ist und sein Ansehen ramponiert hat. 

Daß so etwas wie Epsteins Mißbrauchs-Netzwerk sich so lange halten konnte, zeigt, daß eine ganze Menge Leute entweder mitgemacht oder weggeschaut haben müssen. Auch wenn auf Attia sehr wahrscheinlich höchstens das zweite zutrifft, macht ihn das doch zu einem Teil eines Problems, über das zu reden ein wichtiger Bestandteil der dringend erforderlichen Aufarbeitung sein muß. Vorausgesetzt, es kommt zu einer Aufarbeitung überhaupt.

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Mäusebesuch hatten wir seit dem letzten Blogartikel exakt zweimal, den letzten davon am Samstag, 31.1. Es waren immer einzelne Mäuse, und ihr Verhalten unterschied sich deutlich von dem der Maus Pinky, die in der Falle immer Saltos schlug. Ich gestehe, damit hatte ich nicht gerechnet, daß es es einen so großen Unterschied machen könnte, wenn ich die Mäuse in den Fallen weiter wegbringe. Das Mauseloch unter dem Dach besteht noch immer, weil wir irgendwie gerade zu nichts kommen.

 

Freitag, 30. Januar 2026

Jasper Cavens Businessideen - und wer daran schuld ist. Außerdem: Nachdenken über die Zukunft der Rente. (Vorsicht, Überlänge!)

Mein Gewicht nach dem vierten von vier Fastentagen: 72,8 Kilogramm. Das ist ein Fall von Naja, entspricht aber ungefähr dem, was ich erwartet hatte, nachdem ich über Weihnachten wohl wirklich etwas zugenommen habe - das ist neu, in früheren Jahren fiel mir das nicht auf. Wenn ich mein heutiges Gewicht mit dem nach dem letzten langen Fastenintervall vor Weihnachten vergleiche, liegt es 1,2 Kilogramm höher. Damit kann ich eigentlich leben, es sind immerhin 7 Kilogramm weniger als zu Anfang des Jahres, wenn es auch nur 2,8 Kilogramm weniger als am Montag sind. Aber zu Beginn des Fastenintervalls war ich ja sowieso schon mehr oder weniger entwässert, also bildet diese Abnahme während des Fastens zu einem größeren Anteil als sonst eine Abnahme im eigentlichen Sinne ab, anstatt zu 90 Prozent aus Wasser zu bestehen. 

Das Problem mit der ersten Mahlzeit erst am Nachmittag an den Eßtagen der nächsten Woche hat sich übrigens für zwei der drei betreffenden Tage gewissermaßen von alleine gelöst. Denn am Montag bin ich bei einem Meeting, wo es auch einen Imbiß gibt: Rippchen mit Brot. Ich werde die Carnivore-Brötchen mitbringen, weil sich andere Leute dafür interessieren. Also werde ich am Montag diese Brötchen um eine Zeit backen, die es nahelegt, daß wir zum Kaffee auch welche essen. Am Mittwoch wiederum muß ich nachmittags zu einer Beerdigung, und da esse ich vorher einfach gar nicht. Da es vermutlich anschließend eine Einladung gibt, werde ich allerdings wohl carblastig essen und trinken, denn der Verstorbene war mein Patenonkel, und ich ehre sein Andenken sicherlich am besten, wenn ich auf ihn ein Bier trinke. Er mochte Bier, und er freute sich, daß ich es auch mochte, als ich das letzte Mal bei ihm zu Besuch war. Wie ich die Sache am Freitag mache, weiß ich momentan noch nicht, aber vielleicht fügt sich das ja ebenfalls von alleine. 

Mal sehen, ob diese neue Variante: Low Carb plus zwei ganze Fastentage in der Woche plus drei Tage 18:6-Fasten dazu führt, daß ich in zwei Wochen schon wieder an dem Punkt bin, an dem ich vor Weihnachten war. Idealerweise wäre ich sogar über ihn hinaus. 

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Im Tauschregal fand ich mal wieder einen Abnehmratgeber, der mich neugierig machte: "Hungerstoffwechsel" von Jasper Caven. Ein ziemlich schmales Bändchen, das noch dazu etliche Seiten mit vorgedruckten Formularen enthielt, die man selbst ausfüllen soll. Wäre ja kein Thema, wenn der Inhalt lesenswert wäre. Aber der Inhalt stellte sich als eine Variante des üblichen kalten Kaffees heraus: Kalorienlogik, Sport, Tricks, wie man sich selbst diszipliniert, Mittel, um sich dafür selbst zu überwachen, und so weiter. Fasten wird nur einmal ganz am Rande in einer Aufzählung seiner Meinung nach unwirksamer Methoden erwähnt. Es schien eines dieser typischen belanglosen Trittbrettfahrer-Ratgeberbücher zu sein. 

Mehr als ein flüchtiges Durchblättern fand ich sinnlos. Aber ich schloß ich noch eine kurze Onlinerecherche über diesen Wunderknaben an, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Und da zeigte sich, daß das belanglose Büchlein noch der harmloseste Teil von Cavens Aktivitäten ist. Denn das Büchlein wird zwar auch zum Kauf angeboten, aber überwiegend scheint es verschenkt zu werden. Und das nicht etwa aus Hilfsbedürfnis. Als Influencer vertreibt Caven - außer seinen Büchern - nämlich auch Nahrungsergänzungsmittel, und die zu promoten scheint auch das eigentliche Ziel zu sein. Früher gab es auf seiner Website wohl eine ganze Palette von diesem Zeug, heute nur noch einen Abnehmshake, der angeblich die Leber entfettet, und, Überraschung, dies soll - anders als er das in seinem Büchlein darstellt - sogar ganz von alleine wirken. Da er viel Werbung schaltet - auch als auf den ersten Blick wie redaktionelle Artikel wirkende in Magazinen -, scheint die Sache für ihn vor allem eine Geldmachmaschine zu sein. 

Und Geld macht er damit anscheinend mehr als genug. Falls die Angaben zum Gewinn des Unternehmens omos media, an dem Jasper Caven von Beginn an als Gesellschafter mitbeteiligt ist und das auch im Impressum seines Abnehmratgebers steht, stimmen sollten, stieg der Unternehmensgewinn seit der Eintragung des Unternehmens 2018 stetig und belief sich im Jahre 2023 auf mehr als 25 Millionen Euro. Caven ist darüber hinaus auch Gesellschafter in einer Reihe anderer Unternehmen, bei all denen in wechselnder Besetzung immer dieselben drei Personen Gesellschafter sind, von denen die meisten irgendwie vorrangig mit dem Themenkomplex "Wie zocke ich verzweifelte Übergewichtige ab?" zu tun haben. Ein Teil der auf Cavens Seite nicht mehr erhältlichen Abnehmprodukte findet sich auf manchen jener anderen Websites immer noch. Als vierter im Bunde beteiligt sich unter Umständen auch ein Rechtsanwalt als Abmahnabzocker mit, der irgendwelche womöglich ja ebenfalls zwielichtige Trittbrettfahrer daran hindert, das anscheinend erfolgreiche Konzept aufzugreifen, jedenfalls berichtet eine andere Rechtsanwaltskanzlei über eine solche Abmahnung für einen ihrer eigenen Mandanten im Auftrag der omos GmbH. Vielleicht tue ich der Kanzlei mit diesem Verdacht aber auch Unrecht und sie wurde einfach nur beauftragt und hat den Auftrag halt abgewickelt, weil so was nun mal ihr Job ist. 

Daneben gibt es aber auch eine "Caven Ventures GmbH" mit dem Zweck der Verwaltung des eigenen Vermögens und Beteiligungen an anderen Unternehmen. Erwähnenswert finde ich außerdem, daß sein Firmengeflecht auch eine Caven Immobilien GmbH enthält, Gegenstand: Erwerb sowie Halten und Verwalten von eigenen Grundstücken, Gebäuden und Gebäudeteilen. Vielleicht meint er ja, als Immobilien-Influencer ein zweites Standbein schaffen zu können, wenn das Geschäft mit seinen Abnehmprodukten einmal nachläßt, zu dem, was man auf YouTube im Bereich Immobilien-Influencer teils zu sehen bekommt, würde so eine Gestalt eigentlich auch gut passen. Aber bislang scheint er jedenfalls nicht schlecht mit seinem Zeug verdient zu haben, also vielleicht dient das ja nur der Geldanlage für seine jährlichen Millionengewinne mit dem Zeug, das er verkauft. 

Sicherlich ließen sich über diese mehr als zwielichtige Figur, über die nirgends irgendwelche biographischen Angaben zu finden waren, noch mehr interessante Details herausfinden. Alleine der Name klingt ja schon wie ein Pseudonym, also wäre ich nicht weiter erstaunt, falls sich herausstellen sollte, daß er in Wirklichkeit ganz anders heißt. Aber ich hatte keine Lust darauf. Der Typ ist ein simpler Abzocker, nicht mehr und nicht weniger als das, und das, fand ich, war hier eine Bemerkung über ihn wert. Das Büchlein ist folglich noch nicht einmal dafür tauglich, wieder zurück ins Tauschregal gestellt zu werden, man will ja nicht andere Leute auf der Suche nach Lösungen versehentlich in die Klauen eines Abzockers treiben. Giftmüllverbrennung wäre wohl doch übertrieben, also landet das Ding nunmehr einfach im Papiermüll. Dasselbe mache ich mit allen anderen Expemplaren, die mir vielleicht künftig in einem Tauschregal begegnen werden. 

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"Why does the public seem largely indifferent to the attacks on science?" fragt ein Autor, immerhin Professor in Yale über die einschlägigen Aktivitäten der US-Regierung, und antwortet selbst darauf: "This may be related to the public view that higher education is headed in the wrong direction." Es folgen eine durchaus eindrucksvolle Selbstkritik eines Wissenschafts-Insiders, der sich als keineswegs blind für das outet, was seit vielen Jahren in der Wissenschaft schiefläuft, und die Behauptung, insgeheim wisse das innerhalb der Wissenschaft jeder. Noch wichtiger, er macht ein paar Lösungsvorschläge. 

Von so etwas möchte ich gerne mehr sehen und hören, denn ich schließe mich in den wissenschaftlichen Bereichen, die mich persönlich tangieren, der öffentlichen Meinung hiermit mit großem Nachdruck an, möchte aber betonen, daß ich keineswegs Wissenschaftler durch irgendwelche Schamanen oder Gesundbeter ersetzen möchte, sondern durch eine Wissenschaft, die endlich mal ein paar offensichtliche systembedingte Fehlerquellen beseitigt und dann vielleicht ja wirklich wieder imstande ist, ihre Arbeit auch von ihrem Ende her zu denken. Und dieses Ende müßte halt sein, daß die Ergebnisse wirklich ein bestimmtes Wissensgebiet weiterbringen, anstatt lediglich sinnlose Zahlenspielereien zu betreiben. Eine Studie kann methodisch, rechnerisch und in der Datengrundlage absolut richtig und gleichzeitig irrelevant sein. Wenn ihr aber in der zugehörigen Pressemitteilung der erwünschte Spin verpaßt wird, werden die Publikumsmedien einem das, was man als Folgerung aus dem Ergebnis angeblich tun oder lassen sollte, in jedem Fall wieder servieren, obwohl man damit nur scheitern kann. 

Ein typisches Beispiel für das erste sind Abnehmstudien, die maximal ein halbes Jahr gelaufen sind und deshalb Erfolge präsentieren können, von denen jeder, der sich auskennt, von vornherein weiß, daß es bei den Teilnehmern anschließend sowieso zu einer Wiederzunahme kommen wird, weshalb es gar keine Rolle spielt, ob sich eine Methode zuvor mehr oder weniger erfolgreich gezeigt hat. Ein typisches Beispiel für das zweite sind Studien zum selben Gegenstand, die zwei Jahre oder mehr liefen und bei denen der Erfolg als bewiesen gilt, weil im Durchschnitt das Gewicht der Teilnehmer am Ende niedriger lag als am Anfang - obwohl grafische Darstellungen des Verlaufs es abbilden, daß nach Ablauf der ersten sechs Monate eine Wiederzunahme erfolgte, von der man annehmen muß, daß sie sich auch weiter fortsetzen wird. In diesem zweiten Fall ist ein Vergleich der Ergebnisse unterschiedlicher Strategien immerhin noch von einem gewissen Interesse. Allerdings wird niemals erwähnt, daß es sich nur um einen Vergleich zwischen "schlecht" und "noch schlechter" handelt. 

Ich habe diese Mätzchen zum Kotzen satt. Und doch stoße ich immer wieder aufs Neue auf sie. Warum, frage ich, sollte ich einer Wissenschaft, die mich bei diesem Thema ständig veräppelt, dann aber bei anderen Themen vertrauen? Mir bleibt doch gar nichts anderes übrig, als mit den Mitteln, die einem Laien zur Verfügung stehen, zu versuchen, mir auf wissenschaftliche Fragen, die mich selbst berühren, einen eigenen Reim zu machen. Daß ich schlechter mit Fachwissen ausgestattet bin als die Experten, trifft zwar zu. Aber aus Gründen des Selbstschutzes bleibt mir trotzdem nichts anderes übrig, als alles selbst zu überprüfen. Dabei versteht sich von selbst, daß ich mich an Faktoren halten muß, die ich als Laie auch beurteilen kann. Im Fall von Gewichtsreduktion ist dies der in allen Studien, die mindestens ein Jahr umfassen, auch durch jeden Laien beobachtbare Wiederanstieg des Gewichts nach ca. sechs Monaten. 

Es passiert nämlich immer. Jedes. Verdammte. Einzelne. Mal. 

Ich habe keine Strichliste geführt, aber bestimmt habe ich schon eine dreistellige Zahl von Studien auf diesen Faktor hin überprüft. Ein Vertun ist da gar nicht möglich. Und jedes Mal frage ich mich dann außerdem, weil die Autoren solche Entwicklungen niemals erwähnen: Warum zum Teufel tun die das? Eine überzeugende Antwort habe ich noch nicht gefunden, aber es beweist jedenfalls eines: Ob real existierende Menschen auf Basis ihrer Erkenntnisse ihr Gewicht regulieren - also abnehmen oder ihr Gewicht halten - können, interessiert sie von vornherein nicht. 

Es gefällt mir aber überhaupt nicht, bei dem, was für mich wichtig ist, immer wieder so völlig auf mich selbst zurückgeworfen zu sein und mir auf die Dinge, die mir offensichtlich von der Wissenschaft falsch erzählt wurden, meinen eigenen Reim machen zu müssen. Es mag besser sein, als sich an offensichtlich nicht hilfreiche wissenschaftlich untermauerte Ratschläge zu halten, aber eigentlich sollte es nicht so sein. Ich möchte gerne eine Wissenschaft, der ich grundsätzlich erst einmal vertrauen kann. Auch wenn ich Fehlbarkeit natürlich akzeptiere, weil Irrtümer und Fehlschlüsse nun einmal nicht völlig vermeidbar sind: Das, was ich beschrieben habe, gehört nicht zu der verzeihlichen Fehlern, es ist wissentliche Irreführung, und was mich am meisten aufregt: So geht das schon seit Jahrzehnten. Niemand kann mir weismachen, daß die nicht ganz genau wissen, was sie da tun. Auch wenn Akademikern für meinen Geschmack zu viel Ehrfurcht entgegengebracht wird: Für so dämlich, den typischen Abnahmeverlauf innerhalb eines Jahres einfach übersehen zu haben, halte ich sie dann doch nicht. Aber warum sie sich so verhalten, bin ich mir nach wie vor nicht wirklich sicher, obwohl ich auch dazu ein paar Theorien habe. 

Von der Minderheit derer, die ein vergleichsweise hohes Mißtrauen wie ich entwickelt haben, geht aber kaum jemand so vor wie ich, wenn sie über ein solches Thema etwas herausfinden wollen. Fast alle gehen irgendwelchen zweifelhaften Wunderheilern auf den Leim, und nur manche unter diesen blinden Hühnern haben das Glück, daß ihr Favorit tatsächlich teilweise Dinge empfiehlt, die meiner wissenschaftlich absolut unfundierten, aber dafür praktisch erlebten Erfahrung nach wirksamer sind als das, was die Schulweisheit zu bieten hat. Andere fallen aber auf einen Jasper Caven herein, der sich daran eine goldene Nase verdienen kann. Tatsächlich hat die Wissenschaft mit ihrer irritierenden Gleichgültigkeit gegenüber der Wirkung, die sich mit Hilfe ihrer Erkenntnisse erzielen oder nicht erzielen lassen, einen beträchtlichen Anteil daran, daß solche Geschäftsmodelle weiterhin florieren. 

In meinem kleinen gallischen Dorf hatte ich jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit, im wachsenden Kreis der Bekannten (und langsam kann ich auch mal anfangen, einen Teil davon als Freunde zu bezeichnen) jemandem, der eine Prädiabetes-Diagnose hat  und offenbar einen Arzt, der ihm zu kohlenhydratarmer Ernährung geraten hat, ein paar einschlägige und leicht umsetzbare Ernährungstipps zu geben. Ich gab sie umso lieber, weil sie ihn wirklich interessierten, denn er wußte nicht so recht, was er mit dem ärztlichen Ratschlag nun in der Praxis anfangen sollte. Daß wir gerade Low Carb essen, paßt dazu ausgezeichnet. Wir werden also demnächst mal zum Abendessen Besuch bekommen, damit er sich davon überzeugen kann, daß das erstens sehr wohl schmeckt, auch wenn keine Spätzle oder Pommes mit im Spiel sind, und zweitens auch kein Hexenwerk bei der Zubereitung ist. Und dann muß ich dringend noch fragen, wer denn dieser Arzt ist, denn das hatte ich bislang ganz vergessen. 

Also, der Aufruf hat in jedem Fall seine Berechtigung. Bleibt dieser US-Wissenschafter aber nur ein einsamer Rufer in der wissenschaftlichen Wüste oder ist das diesmal vielleicht ja doch der Beginn einer Bewegung innerhalb der Wissenschaft? Dies bleibt abzuwarten. Sonderlich optimistisch bin ich aber nicht. 

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Kürzlich geriet ich, mehr aus Versehen, in einen Podcast in dem sich der Podcaster Holger Klein mit zwei Wirtschaftswissenschaftlern, Rüdiger Bachmann und Christian Bayer über Wirtschaftsthemen austauscht. Ich fand die aktuelle Folge, in der es auch um ein paar sehr aktuelle Themen ging, so überraschend interessant, daß ich mir noch eine zweite gönnte, die sich um das Thema Rente drehte. Auch aus der Folge habe ich das eine oder andere mitgenommen, das ich interessant zu erfahren fand, aber an einem Punkt hätte ich gerne meinen Zweifeln durch ein paar kritische Rückfragen Ausdruck verliehen. Denn ich gehe zwar davon aus, daß die beiden eine ganze Menge von Dingen verstehen, von denen ich keinen blassen Dunst habe, aber weil die Sache mit der Rente und etwaigen Veränderungen bei den zugehörigen Regelungen ja am Ende bei Leuten wie mir diese oder jene Wirkung haben sollte, hatte ich das Gefühl, diesen entscheidenden letzten Schritt haben sie nur unvollkommen nachvollzogen. Liegt das daran, daß sie ein implizit als richtig vorausgesetztes wirtschaftswissenschaftliches Ziel hatten? Solche Ziele sollten dem Ziel "Die Gesellschaft soll im Großen und Ganzen funktionieren" als ein untergeordnetes Teilziel eingefügt werden können. Die Wirtschaft hält allerdings ihr optimales eigenes Funktionieren  für einen Wert an sich und die zugehörige Wissenschaft übernimmt das vielfach unhinterfragt, indem gesellschaftliche Störfaktoren auf dem Weg zu diesem Ziel nur dann eine Rolle spielen, wenn sie dieses angestrebte Ziel behindern würden.

Für meine Verhältnisse habe ich meine Zweifel ungewohnt zurückhaltend und geradezu wohlwollend ausgedrückt, nicht wahr? Das liegt daran, daß ich mich gerade auf Terrain bewege, das mir nicht sonderlich vertraut ist und zu dem ich mich - insgesamt wie auch in vielen Teilbereichen - noch nicht ausreichend befähigt glaube, mir eine Meinung zu bilden. Ich formuliere meine Einwände deshalb mit aller gebotenen Vorsicht, weil ich nicht sicher bin, ob mir doch irgendwo noch Denkfehler unterlaufen sind. 

Das gilt aber nicht für den Sinn von Wirtschaft. Die Wirtschaft ist meines Erachtens ein Mittel, um ein andersgeartetes Ziel zu erreichen, und deshalb spielt es auch eine Rolle, sich zu vergegenwärtigen, daß die Ziele der Wirtschaft niemals mit den Zielen von Wirtschaftspolitik deckungsgleich sein können. Daß die Wirtschaft selbst ihre Ziele absolut setzt, kann man ihr ja kaum vorwerfen, aber es wäre Aufgabe der Wirtschaftspolitik, dafür einen gesellschaftszuträglichen Rahmen zu setzen (Ludwig Erhards soziale Marktwirtschaft tat das zum Beispiel auf überzeugende Weise), und der Medien, dies zu kommunizieren. An dieser Klippe scheitern meinem Eindruck nach aber alle beide, und zwar nicht erst, seit Pinocchio Bundeskanzler und Schneewittchens Stiefmutter Wirtschaftsministerin geworden ist. Schon seit anno Gerhard Schröder hat man permanent den Eindruck, der Bürger zählt nur noch als Wirtschaftsfaktor, als der er entweder nützlich ist, was aber in den Augen der Wirtschaft niemals ausreicht, sondern immer irgendwie (und meist auf Kosten der Nützlichen) optimiert werden soll, oder nicht nützlich, was man ihm mit Feuer und Schwert auszutreiben versucht. In diesem Modell spielt der Bürger also nur die Rolle eines nützlichen oder unnützen Idioten. Wo immer über wirtschaftliche Erfordernisse gesprochen wird, entstehen die Einwände auf Seiten derer, die sich nur ungern zu Idioten machen lassen wollen. Einige davon sind berechtigt, auch wenn diese Interessenvertretungen wiederum deren Eigeninteresse absolut setzen, was natürlich genauso falsch ist. 

Das Gegenstück zu den Propagandisten der Wirtschaftsinteressen sind nämlich die Parteien, Institutionen und NGOs, die sich dem Schutz der Schwächeren verschrieben haben. In ihrer Argumentation kommt die Frage nicht vor, wofür man die Wirtschaft womöglich doch auch noch braucht, und außerdem funktioniert sie da von ganz alleine und steuernde Eingriffe sind nur nötig, um sie daran zu hindern, uns allesamt mit Haut und Haaren aufzufressen. Und auch dies wird  durch die Medien nie so richtig eingeordnet. Manchmal passiert es auch, daß beide inkompatiblen Sichtweisen in ein und derselben Zeitschrift nebeneinander stehen, ohne daß irgendwer es für erklärungsbedürftig hält, daß aus Sicht des Spiegels oder wem auch immer anscheinend beides richtig sein soll, obwohl beides sich erkennbar gegenseitig ausschließt. 

Als Kommunikationsmuster ist das dem gesellschaftlichen Frieden kaum zuträglich, wenn diese Dinge ständig nur einander ohne Einordnung gegenübergestellt werden, und das ließe sich verbessern. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, eine öffentliche Debatte über den Sinn der Wirtschaft im Rahmen einer Gesellschaft anzufachen, die vor allem verdeutlicht, was der einzelne in seiner jeweils individuellen persönlichen Situation davon hat, daß die Wirtschaft funktioniert, und die Bereiche, in denen sie zu gut funktioniert und dabei das Leben der Bürger unzumutbar verschlechtert, einzukreisen, damit man auch darüber sprechen kann, wie man die gesamtgesellschaftliche Wirkung verbessern könnte. Eingebettet müßte beides in das Gesamtkonzept sein, daß die Wirtschaft nicht der Endzweck ist und auch nicht sein soll. Es reicht außerdem nicht mehr, so etwas schweigend vorauszusetzen. Die Leute müssen es hören und daran glauben können. Aber diejenigen, die irrtümlich glauben, sie müßten die Interessen der Wirtschaft vertreten, weil sie auch ihre eigenen seien, müssen auch lernen, daß sie damit auf einem Holzweg sind.

Ein Beispiel dafür, wie so etwas zwangsläufig schieflaufen muß:  

Die berüchtigte Durchschnittssekretärin habe ich in diesem Blog schon das eine oder andere Mal erwähnt. Sie wäre schuld daran gewesen, falls Angela Merkel 2005 die Wahl doch noch gegen Gerhard Schröder verloren hätte. Die Durchschnittssekretärin war nach Darstellung des Merkelschen Wirtschaftsminister-Kandidaten, jenes "Professors aus Heidelberg", wie Schröder sich im Wahlkampf über ihn mokierte, teilweise verheiratet und hatte 1,3 Kinder. Bestimmt ergaben solche Familienverhältnisse im speziellen Biotop der Wirtschaftswissenschaften irgendeinen Sinn. Im richtigen Leben tun sie das aber nicht. Die Durchschnittssekretärin ist kein Mensch, der einem auf der Straße über den Weg laufen kann, sondern ein statistisches Konstrukt und deshalb ungeeignet als Beispiel für wirtschaftspolitische Pläne, die von denen unterstützt oder wenigstens hingenommen werden sollen, denen man im Gegensatz zu ihr wirklich auf der Straße begegnet und die selbstverständlich erwarten dürfen, daß die deutsche Wirtschaftspolitik sich für das, was sie benötigen, ein bißchen mehr interessiert als für das, was ein rechnerischer Mittelwert aller Deutschen zusammen vielleicht mögen würde.

Aber außerdem hatte diese Durchschnittssekretärin auch noch ein Gehalt, bei dem mir - wenige Jahre zuvor hatte ich vorübergehend ebenfalls in einem Vorzimmer gearbeitet - einfach die Luft wegblieb. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Betrag und will ihn jetzt nicht recherchieren, weil er sowieso keine Rolle spielt. Aber ich erinnere mich sehr genau daran, daß ich jede einzelne Sekretärin, deren ich habhaft werden konnte, danach fragte, ob sie irgendeine Sekretärin kenne, die so einen Haufen Geld verdient. Niemand kannte eine. Das zugrundegelegte Gehalt einer Durchschnittssekretärin war augenscheinlich genauso utopisch wie ihr Familienstand, dem man im richtigen Leben ja auch nirgends begegnen kann. 

Ich glaube, dieser zweite Punkt war auch der wichtigere, warum der Professor Kirchhoff Frau Merkel so um die Ohren geflogen ist, daß sie die Notbremse ziehen und sich von ihm trennen mußte. Es gibt viel zu viele Sekretärinnen, um ihrem Beruf ungestraft Phantasiegehälter in aberwitziger Höhe zuschreiben zu können. Der kuriose Familienstand und die Kinderzahl führten dagegen vor allem dazu, daß alle, mit denen ich über das Thema sprach, vor Lachen unter dem Tisch lagen, und das durchschnittliche Renommee von Wirtschaftswissenschaftlern in der Bevölkerung ist bestimmt ein Stückchen gesunken, weil dies so deutlich demonstrierte, wie weit das Denken dieser Zunft von der Lebenswirklichkeit entfernt ist. Das zweite machte einen aber sauer, und zwar nicht nur mich. Wenn einen der künftige Wirtschaftsminister schon im Wahlkampf auf so groteske Weise veräppelt, was hätte man von ihm dann erst zu erwarten, wenn er erst einmal in Amt und Würden ist? 

Aber irgendwie muß er ja auf diese Zahl gekommen sein, und eigentlich wüßte ich immer noch gerne, wo genau der Fehler lag, der ihm den Zorn sämtlicher Sekretärinnen Deutschlands nebst ihrer Anverwandten zugezogen hat. Andererseits ist es mir aber nicht wichtig genug, um der Frage hinterherzurecherchieren. Und warum der Herr Professor nicht merkte, in welchen Fettnapf er treten würde, kann ich mir ja gut genug vorstellen. Die permanente Beschäftigung mit wirtschaftswissenschaftlichen Abstraktionen macht wohl ein bißchen weltfremd. Andernfalls hätte er wenigstens seine eigene Sekretärin mal nach ihrer Meinung zu seinem Beispiel gefragt. 

Ein ganz ähnliches Problem besteht mit der Zauberformel der Rendite, um die es in diesem Renten-Podcast ging.

Fürs Protokoll: Die Rendite meint, wieviel Gewinn eingesetztes Kapital abwirft. Also: Wieviele Cents bekomme ich rechnerisch während eins bestimmten Zeitraums auf einen als Kapital eingesetzten Euro noch obendrauf? Hier ging es speziell um die Rendite, die rechnerisch für aktuell in die Rente eintretende Rentner und für heutige Berufseinsteiger später, wenn sie soweit sind, aus den Renteneinzahlungen ihres Arbeitslebens erwirtschaftet werden kann. 

Bei den Jungen soll sie erheblich niedriger als bei uns liegen. Das wird folgendermaßen begründet: Wir mußten während unseres Arbeitslebens rechnerisch weniger Rentner mit unseren Beiträgen versorgen, als sie es einmal müssen werden. Und dem müsse aus Gerechtigkeitsgründen gegengesteuert werden, was aber deshalb schwierig ist, weil wir alten Knochen, die natürlich unsere Besitzstände wahren wollen, uns nichts wegnehmen lassen wollen. Da muß man also ein bißchen herumlavieren und die Stellschrauben vorsichtig drehen - aber drehen muß man sie eben doch, sofern man bei der Rente Generationengerechtigkeit herstellen will. 

Davon bin ich aber nicht überzeugt - und zwar weniger von der Berechnung als solcher, von der verstehe ich außerdem sowieso nichts, und bis es Hinweise auf das Gegenteil gibt, gehe ich davon aus, daß sie schon ihre Richtigkeit hat. Ich frage mich aber, ob das Ergebnis der Berechnung für eine Beurteilung wirklich verwendbar und inwieweit sie für Gerechtigkeitsfragen zwischen den Generationen relevant ist. 

Mein Mißtrauen in dieser Frage liegt auch daran, daß die ständige Argumentation mit der niedrigeren Rendite beim Erwerb eigengenutzter Immobilien im Vergleich zu ETFs sich ja näher betrachtet als Mogelpackung erweist. Der leistbare Investitionsbetrag bei Immobilien ist schließlich um einiges höher als der für ETFs, da er den möglichen Investitionsbetrag für ETFs plus die nicht mehr zu zahlende Miete beträgt. Deshalb ist es irrelevant, ob die Rendite je eingesetzten Euro bei ETFs vielleicht ja wirklich etwas höher liegt. Je niedriger das Einkommen, desto höher außerdem der Anteil der Mietkosten und desto geringer der mögliche Investitionsbetrag - das heißt, je niedriger das Einkommen, desto mehr übersteigt der mögliche Investitonsbetrag beim Kauf einer eigengenutzten Immobilie den, der rechnerisch für ETFs zur Verfügung steht. Was unter dem Strich nicht in Prozenten vom Einsatzbetrag, sondern in harten Euros und Cents für den Investor herauskommt, ist bei eigengenutzten Immobilien umso wahrscheinlicher höher als bei ETFs, je niedriger der mögliche Einsatzbetrag für Investitionen für ihn als Mieter noch ist und je höher der Anteil seines Einkommens, den er an seinen Vermieter zu bezahlen hat. 

Von einer höheren Rendite kann sich im Alter aber niemand seine Miete leisten, wenn die Ansparleistung zuvor so gering gewesen ist, daß der Ertrag nur ein Zehntel dieser Miete ausmacht. Bei einer abbezahlten Immobilie entspricht der Ertrag der nicht zu bezahlenden Miete minus ein paar Kosten, die Mietern nicht entstehen. Aber die fallen nicht sonderlich ins Gewicht. 

Verbirgt sich in der Renten-Renditekalkulation dieser Wirtschaftswissenschaftler also vielleicht ein vergleichbarer Kalkulationsfehler? Also: Hat eine der beiden verglichenen Gruppen vielleicht zwar eine höhere Rendite, aber eine niedrigere Kalkulationsbasis, aus der sie errechnet wird? Ist es sogar denkbar, daß die vermeintlich Bevorzugten sich nach einem renditebezogenen Interessenausgleich als doppelt Angeschissene erweisen würden? 

Das ist es, was ich gerne erfahren würde.  

Ich bin bereit, mich davon überzeugen zu lassen, daß es nicht der Fall ist. Allerdings nur dann, wenn mir jemand nachvollziehbar belegt, daß es bei dieser Renditekalkulation, bei der die Millennials sich als den Boomern gegenüber benachteiligt erweisen (daß das wirklich rechnerisch belegbar ist, setze ich - wie schon erwähnt - einmal voraus) nicht nur um die Frage des Ertrags in Cents pro eingesetzten Euro geht, sondern daß auch die Faktoren mitberücksichtigt werden, die uns Boomer während unserer Erwerbsbiographie gegenüber den heutigen Einsteigern bei der Höhe der Rentenanwartschaften benachteiligen und somit von vornherein für weniger Euros, aus denen sie die Rendite bekommen, sorgen als bei den Millennials: 

  • Berufseinstieg durchschnittlich ein knappes Jahr später - dies übrigens wüßte ich ohne den Podcast gar nicht, danke dafür!
  • Durchschnittliche Arbeitslosenzeiten liegen sehr wahrscheinlich erheblich höher und betrafen weitaus mehr Personen, das galt vor allem im Osten für die gesamten Neunziger und im Anschluß bundesweit für die Phase bis ungefähr 2010 herum. 
  • Dasselbe gilt für Phasen, in denen man nicht arbeitslos, aber in Umschulungsmaßnahmen, Ein-Euro-Jobs und anderen Zeiten ohne Erwerbseinkommen gewesen ist.  
  • Und außerdem für Phasen mit Niedriglohn. Und dies bedeutete vor Einführung des Mindestlohns Stundenlöhne von 5 bis 6 Euro - das hat zu so niedrigen RV-Beiträgen geführt, daß es eine Unverschämtheit wäre, einem die angeblich bessere Rendite gegenüber jemandem vorzuhalten, der letztes Jahr als Niedriglöhner mindestens doppelt so viel verdient hat. Millennials waren nie in Gefahr, jahrelang in solchen Arbeitsverhältnissen festzustecken. Meinen Sohn hat es nach Ende seiner Ausbildung gerade noch für zwei, drei Jahre erwischt. Aber ich kenne Altersgenossen von mir, die haben von Beginn der Neunziger bis zur Mindestlohn-Einführung auf Basis solcher Stundenlöhne RV-Beiträge bezahlt.
  • Bei Männern: Wehr- und Ersatzdienstzeiten, die nahezu unbezahlt waren.
  • Bei Frauen: Einkommenseinbußen durch jahrzehntelanges aktives Verhindern von Erwerbstätigkeit von Müttern mittels Verweigerung der Infrastruktur sowie politischer wie gesellschaftlicher Mißbilligung berufstätiger Mütter, meist mit Auswirkungen auf die gesamte weitere Berufsbiographie und selbstredend der Vergütung ihrer Arbeit. 

Von alldem müßten sich Durchschnittswerte ermitteln lassen. Falls dies bei den Formeln, die der Renditeberechnung zugrundeliegen, von vornherein nicht enthalten sein sollte, dann glaube ich so lange nicht daran, daß unter dem Strich die Millennials einmal bei der Rente schlechter dran sein werden, bis mir jemand das Gegenteil mit nachvollziehbaren Belegen beweist. Daß sie pro Euro Rentenbeitrag weniger herausbekommen als wir, benachteiligt sie dann nicht, wenn ihre Rentenbeiträge soviel höher sind, daß sie von vornherein im Vorteil gegenüber uns sein sollten. Und ich nehme bis zum Beweis des Gegenteils jetzt einmal an, daß dies der Fall ist. Die Begründung ergibt sich aus vermutlich weit weniger rentenschädlichen Brüchen in der Erwerbsbiographie bei den Jüngeren, und darauf komme ich nachher auch noch einmal zurück. 

Außerdem möchte ich gerne wissen, ob die auf ja niedrigeren Einkommen und damit auch niedrigeren Ansprüchen aus den RV-Beiträgen beruhenden Renten heutiger Eingangsrenter in dreißig Jahren wirklich dieselbe Höhe erreichen werden wie die Renten derjenigen, die erst dann in Rente gehen. Oder, wenn wir die Vergangenheit für diese Einschätzung heranziehen: Trifft es wirklich zu, daß jemand, der 1993 nach 45 Berufsjahren mit in Rente ging und dafür Rentenansprüche von 986 Euro erworben hatte, heute genausoviel Rente bekommt wie ein Rentner mit Renteneintritt 2024, dessen Anspruch sich auf 1606 belief? Dazu konnte ich nämlich nichts herausfinden. Vielleicht lag's ja an mir - es hängt ja immer viel davon ab, die richtigen Suchbegriffe zu kennen oder auf dem Wege göttlicher Eingebung zu erfahren. 

Falls es so sein sollte und auch künftig so sein wird, ist dieser Punkt jedenfalls gegenstandslos. Falls es nicht so sein sollte, ist der rechnerisch nunmehr 97jährige finanziell gegenüber dem heute 67jährigen finanziell im Nachteil und das würde heißen, dem heute 67jährigen blüht gegenüber den heute 37jährigen dasselbe. 

Und das alles sind natürlich wieder mal nur Durchschnittswerte der Durchschnittsrentner. Die Frage nach der Rendite kommt mir auch deshalb lebensfremd vor, weil wir - und das streitet ja niemand ab - in den nächsten Jahren, also innerhalb der Generation der angeblich Bevorzugten, ein wachsendes Problem mit Renten bekommen werden, die von vornherein nicht existenzsichernd sind. Das hat eine Reihe von Gründen, die hier zu weit führen würden. Die Frage, die ich aufwerfen will, lautet: Ist es bei den Millennials zu erwarten, daß dieser Anteil noch höher ausfallen wird, und wenn ja, wie läßt sich dies belegen? Ich sehe das nämlich nicht, auch wenn junge Akademiker gerade Probleme mit dem Berufseinstieg haben und bestimmte Branchen, etwa die Automobilindustrie, erheblich schwächeln. Gerade in der Automobilindustrie sieht es nämlich in Wirklichkeit so aus, daß vielleicht Junge schlechte Einstellungschancen haben. Aber entlassen werden doch ganz gerne meine Altersgenossen, weil die teurer sind und weil sich das häufig konfliktfrei regeln läßt, wenn man entsprechende Abfindungen anbietet. (Denen fehlen dann übrigens auch ein paar Rentenbeitragsjahre.) 

Die aktuellen Arbeitslosenzahlen sind längst nicht so katastrophal wie anno 2005, und es ist nicht zu erwarten, daß sie so lange wie seinerzeit weitersteigen werden. Diejenigen, die heute nicht so schnell und leicht einen so gut bezahlten Job finden, wie sie das während des Studiums erwartet haben, werden bestimmt nicht jahrelang suchen und dies mit Arbeitslosigkeit und, um überhaupt vermittlungsfähig zu bleiben, arbeitsamtfinanzierten Fortbildungen überbrücken müssen, nur um am Ende aufzugeben und einfach Briefträger zu werden, wie das meiner Schwester nach dem Ende ihrers Studiums Ende der Neunziger im Verlauf der darauffolgenden ungefähr sechs, sieben Jahre passiert ist. Das ist übrigens die Grundlage ihrer eigenen Armutsrente, von der sie als Single keinesfalls ohne aufstockende Leistungen leben können würde, aber zum Glück ist sie ja verheiratet. Welche Brüche auch immer künftige Erwerbsbiographien aufweisen werden, sie werden nicht denselben Charakter haben wie die meiner Altersgenossen, die viele von ihnen für lange Zeit oder sogar dauerhaft ans untere Ende der Einkommensskala oder ganz aus dem Erwerbsleben gekegelt und dadurch auch nach Renteneintritt ärmer gemacht haben. 

Phasen der Arbeitslosigkeit und dergleichen in der durchschnittlichen Berufsbiographie des Jahrgangs, der 2026 67 Jahre alt wird, müßten sich bestimmt ermitteln lassen, aber ich habe gewisse Zweifel, daß mir das gelingen würde, und außerdem keine Lust - also sei dies den Experten mal als Hausaufgabe mitgegeben. Es fällt mir aber echt schwer, mir wirtschaftliche Verwerfungen vorzustellen, die vergleichbar finanziell ins Gewicht fallende Entwertungen von Kompetenzen und Leistungen für die Generation der Berufseinsteiger von 2026 mit sich bringen würden. 

Ich glaube, es war in der ZEIT, wo ich in der Überschrift zu einem paywallumgebenen Artikel, den ich deshalb nicht gelesen habe, den Satz las "Die Rente habe ich schon jetzt abgeschrieben". Geäußert wurde er von jemandem aus der jungen Generation. Keine Ahnung, wie er das genau begründet hat. Vielleicht hat er ja nur zu häufig von Wirtschaftswissenschaftlern gehört, daß er einmal viel ärmer als die bösen Boomer sein würde? Aber das ist nicht das Interessante daran, sondern daß mir das in den Neunzigern gar nicht so viel anders gegangen ist. 

Also, liebe Millennials: Willkommen im Club. Ich gehe jede Wette ein, wenn ihr mal in meinem Alter seid, werdet ihr euch rückblickend ebenfalls fragen, warum ihr euch damals so ins Bockshorn habt jagen lassen. 

Mir war seinerzeit in den Neunzigern nämlich immer bewußt, daß ich der Generation angehörte, die zahlenmäßig am kopfstärksten war. Das lag auch daran, daß ich das von klein auf immer wieder zu spüren bekam. Wir waren die Kinder, die in Schulklassen mit vierzig Schülern unterrichtet wurden, später gab es für uns nicht genug Ausbildungsplätze. Wir waren von Anfang an immer zu viele und bekamen das natürlich auch mit. Mir war klar, daß mich dieses Problem auch weiter begleiten würde, natürlich auch bis zur Rente und darüber hinaus. Alleine schon, weil die Medien nicht müde wurden, ständig darauf hinzuweisen. Und selbstverständlich machte mir das Sorgen.

Es machte mir sogar noch heftigere Sorgen, weil ich damals verbeamtet war und am Ende einer Welle von zusätzlich geschaffenen Beamtenstellen stand. Solche Sorgen klingen erst mal kontraintuitiv - jeder "weiß" ja, daß nichts so sicher ist wie das Ruhegehalt eines Beamten -, aber schon damals wurde ja wegen dieser Stellenschaffungen vor explodierenden Kosten für Beamtenpensionen gewarnt, die ungefähr zu meinem Renteneintritt ihren Höhepunkt erreichen sollten, und ich stellte mir deshalb die Frage, was eigentlich passieren würde, wenn sie sich, sagen wir, durch jahrzehntelange unkluge Finanzpolitik, als nicht mehr bezahlbar erweisen würden und die Frage nicht mehr lauten würde, ob ein Parlament sie nicht mehr in voller Höhe bezahlen wollte, sondern sie einfach nicht mehr bezahlen könnte. Die Antwort darauf ist simpel genug: Die Beamtenbezüge wie auch die Pensionen können, falls es nötig ist, mit einer Parlamentsmehrheit sehr zeitnah reduziert werden. In der Weltwirtschaftskrise wurde das um 1930 herum auch schon wirklich gemacht, ich glaube sogar, mehrmals. Und es wäre außerdem in der Bevölkerung sehr populär, falls es sich einmal als erforderlich erweisen würde, schnell Einsparungen zu bewirken und das Drehen an speziell dieser Stellschraube sich dafür anbieten würde. Die Beamten hätten in so einem Fall nicht den Hauch einer Chance auf irgendeine Art von Gegenwehr. Ob dies ein Grund zum Bedauern oder zur Schadenfreude wäre, sei dahingestellt. Aber Sicherheit sieht meiner Meinung nach anders aus. 

Daß ich die angebliche Sicherheit des Beamtenstatus deshalb schon vor dreißig Jahren für eine Mogelpackung hielt, war nicht der Grund, warum ich aus dem Beamtenstatus ausgestiegen bin. Ich tat das, weil ich auf ein befriedigerendes weiteres Berufsleben hoffte, eine Hoffnung, die sich dann ja auch erfüllt hat, während meine noch aktiven einstigen Kollegen, wenn ich sie mal sehe, immer noch zutiefst unzufrieden sind. Eine Zusatzrente war auch nicht der Grund, warum ich Anfang der Neunziger die Wohnung kaufte. Ich tat das, weil ich zusammen mit meinem Kind irgendwo wohnen mußte, eine Mietwohnung bei aller Anstrengung nicht aufzutreiben war und ich mich schon monatelang von Provisorium zu Provisorium gehangelt hatte und mich langsam fragte, ob ich womöglich unter der Neckarbrücke enden würde. Und natürlich auch, weil Mamas und Omas Bausparverträge mir die Möglichkeit boten, die Kosten zu stemmen. 

Aber klar, wieviel finanzielle Erleichterung die wegfallende Miete auch im Alter bedeuten würde, das wußte ich schon damals. Obbwohl ich da den Denkfehler bei der Renditekalkulation noch nicht begriff, die schon damals die wirtschaftswissenschaftlichen Spatzen und die zugehörigen Papageien von allen Dächern pfiffen, flöteten und krächzten. 

Obwohl mich die Finanzierung meiner Wohnung zunächst in eine finanziell angespanntere Lage denn je brachte, vor Altersarmut habe ich mich seit damals nicht mehr gefürchtet. Man brauchte nämlich kein Wirtschaftsstudium, um das ausrechnen zu können: Um die 900 bis 1000 DM Miete hätte ich seinerzeit für eine vergleichbare Wohnung bezahlen müssen, wenn ich nur eine bekommen hätte. Also wußte ich, daß meine Zusatzrente, sofern das Objekt bis zur Rente abgezahlt ist, mindestens 800 DM entsprechen würde - damalige Kaltmiete minus Zusatzkosten, die man als Eigentümer einkalkulieren muß. 400 Euro Zusatzrente bei dauerhaftem Erhalt des Kapitals in Form der Wohnung: die dafür nötige Ansparleistung schaffen auch heute viele nicht so einfach nebenher. Nur, dieselbe Wohnung würde heute nicht mehr 450 bis 500, sondern um die 1000 Euro Miete kosten. Meine implizite Zusatzrente durch wegfallende Kosten wäre also längst doppelt so hoch, auch dann, wenn ich das bescheidene Objekt von damals behalten hätte. Daß ich (durch viel Glück, aber auch ein bißchen Können) ein glückliches Händchen damit hatte, mir zusätzlich ein weiteres Zusatzeinkommen zu schaffen, das ungefähr doppelt so hoch liegt, und im schuldenfreien eigenen Haus wohne, kam da nur noch on top. Das, was ich brauchte, um mich vor Altersarmut zu schützen, hatte ich von dem Moment an, als ich 1992 den Kaufvertrag für meine bescheidene Wohnung unterzeichnete, die im übrigen für damalige Verhältnisse sogar ziemlich überteuert gewesen ist. 

Und eine weitere Tatsache steht ebenfalls fest: Mit ETFs wäre mir etwas Vergleichbares keinesfalls gelungen. 

Wie hätte ich als alleinerziehende Mutter denn neben 900 DM Miete von meinen damaligen Beamtenbezügen in Besoldungsgruppe A7 auch nur einen einzigen Hunderter pro Monat für irgendwelche Investitionen abzweigen sollen? Daß ich diese 900 DM Miete nicht bezahlt, sondern ins Abstottern meiner Immobilienverpflichtungen gesteckt habe (was ziemlich mühsam war, aber das hätte für die Miete ja ebenso gegolten), hat mir ja überhaupt erst ermöglicht, nach ungefähr zwanzig Jahren, als ich auf die Zielgerade der Finanzierung gelangt war, andere Arten von Geldanlagen auch noch ins Auge zu fassen. Als Mieter hätte sich natürlich parallel zu den Verbesserungen meines Einkommens auch meine Miete erhöht, also hätte sich da lange nichts daran geändert. Auch wenn das Kind dann irgendwann finanziell halbwegs auf eigenen Füßen stand und sich alles ein bißchen entspannte: Ich hätte erst ziemlich spät anfangen können, wirklich erwähnenswerte Beträge in eine Altersvorsorge zu stecken. Meine Möglichkeiten, Geld für Altersvorsorge abzuzweigen, wären außerdem dauerhaft nur ein Bruchteil dessen geblieben, das mir durch die abbezahlte eigengenutzte Wohnung nun zur Verfügung stand. Und falls ich irgendwann mit einer Eigenbedarfskündigung konfrontiert worden wäre, hätte ich die Reserven angreifen müssen und höchstwahrscheinlich von Stund an noch weniger Spielraum für Geldanlagen gehabt.  

Egal, von welcher Seite aus ich das betrachte: Der Schlüsselfaktor dafür, daß ich im Alter mein gutes Auskommen haben werde, war diese verdammte Wohnung, und zwar deshalb, weil sie mir für die ersten mindestens zehn, fünfzehn Jahre ermöglichte, überhaupt Kapital zu bilden, und später bewirkte, daß ich erheblich größere Beträge für die Kapitalanlage erübrigen konnte, als ich das als Mieter hätte aufbringen können. Ohne sie wäre ich also auch bei größter Disziplin bei der Zusatzvorsorge nahezu vollständig auf meine Rentenversicherungsbeiträge angewiesen. Die mein Dienstherr übrigens nachentrichten mußte, als ich den Beamtenstatus aufgab - aber es zeigte sich dabei, daß das System solche Deserteure wir mich dabei ganz dreist in der Höhe bescheißen darf. Weshalb meine RV-Beiträge für diese Zeit auch um einiges niedriger ausfielen, als wenn ich in derselben Behörde in gleicher Position stattdessen nur angestellt gewesen wäre. 

Na gut, so schlecht sind meine Rentenprognosen auch wieder nicht, ich liege ein wenig über dem Durchschnitt. Eine Wohnung wie die, die ich damals kaufte, würde ich mir als Mieter alleine von der Rente, die ich in fünf Jahren zu erwarten habe, aber definitiv nicht leisten können. 

Warum sollte also ausgerechnet ich daran glauben, es wäre eine Frage der Gerechtigkeit, einen Renditenachteil der Renteneintretenden in dreißig, vierzig Jahren gegenüber denen dieses Jahres zu eliminieren? Als ob es auf den in Wirklichkeit ankäme. Es kommt vor allem darauf an, ob heutige und künftige Rentner damit ihren Lebensunterhalt in einer angemessenen Weise bestreiten können. Können sie das, spielen ein paar Euro hin oder her keine so große Rolle, daß sie es rechtfertigen würden, dafür den bröckelnden sozialen Frieden noch weiter zu destabilisieren. Können sie es nicht, was wäre dann aber daran gerecht, es einen heutigen Armutsrentner zum Wohle eines eventuell künftigen Armutsrenters wegzunehmen? In beiden Fällen ist es aber eindeutig falsch, die beiden gegeneinander aufzuhetzen, und das ist es, was diese Debatten um die angebliche Benachteiligung der Millennials bei der Rente bewirken. Vielleicht ist das ja sogar so gewollt, aber wenn, ist das ein hochgefährliches Spiel mit dem Feuer. Wir Boomer sind nämlich immer noch verdammt viele.   

Wenn Rentner heutzutage nicht ihren Lebensunterhalt angemessen bestreiten können, spielen die Wohn- und Energiekosten sehr häufig eine zentrale Rolle. Damit könnte eigentlich klar sein, wohin die Reise gehen müßte, damit die künftigen Rentner seltener mit diesem Problem zu kämpfen haben: Bessere Rahmenbedingungen für die Schaffung von Wohneigentum (insbesondere, diese Art der Altersvorsorge nicht permanent totzuschweigen oder sogar schlechtzureden).Und für die Eigenerzeugung von Energie, für die ja außerdem auch aus anderen Gründen ein politisches Interesse besteht. Ich hätte auch gar kein Problem damit, wenn eine Lösung auf Basis der Kosten für Wohnen und Energie dazu führen würde, daß meine Enkelgeneration am Ende finanziell doch besser dran sein sollte als meine Generation. Und von mir aus dürfen dafür auch gerne ein paar Euro von meinen Steuern lockergemacht werden, wenn das nötig ist, um die Weichen richtig zu stellen. Auch das leiste ich mir gerne. Am Ziel "Unsere Kinder (bzw. Enkel) sollen es einmal besser haben" ist ja nach wie vor gar nichts verkehrt. 

Was ich aber nicht einsehen kann, das ist Panikmache, die gezielte Erzeugung von Neid und manchmal sogar Haß auf die Boomer unter Millennials, und noch weniger, daß alle Welt sich einbildet, uns Demnächst-Rentnern unbegründete Schuldgefühle einreden zu dürfen, wahrscheinlich, damit wir möglichst wenig Gegenwehr leisten, wenn man sich aus vermeintlichen Gerechtigkeitsgründen von unseren Ansprüchen etwas abzweigt. 

So. Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben, aber jetzt breche ich doch besser mal ab. Ich entschuldige mich außerdem für die Länge dieser Abhandlung. Aber es war mir schon länger ein Bedürfnis, die Bestandteile dieser Überlegungen - das eine oder andere habe ich ja schon, manches mehrmals, im Blog erwähnt - einmal zu einem Ganzen zusammenzufügen. Der Podcast hat es so gefügt, daß ich es endlich wirklich getan habe, und jetzt ist es mir wieder wohler.