Dienstag, 21. April 2026

Die Onko-Astrologin

Mein Gewicht heute früh nach dem ersten von vier aufeinanderfolgenden Fastentagen: 77,7 Kilogramm. Gestern früh habe ich ärgerlicherweise die 80-Kilo-Marke gerissen. Damit hatte ich nun gar nicht gerechnet, und ich muß mir folglich für dieses Sommerhalbjahr irgendetwas einfallen lassen, denn so kann das natürlich nicht weitergehen, daß mein Gewicht weiter nach oben schleicht, statt runterzugehen, wie ich das eigentlich nach zwei LC-Phasen und einem zweiten "Endspurt" erwartet hatte. Leider habe ich aber im Moment noch keinen Schimmer, was das sein könnte, das ich machen kann. Aber kommt Zeit, kommt Rat. 

Sorry außerdem, daß ich mich so lange nicht gemeldet habe. Es gibt keinen "vernünftigen" Grund dafür, außer, daß ich nie genug Muße hatte, um mich mal ein Stündchen intensiv genug mit einem Blogartikel zu befassen. Unsere Küchenbaustelle macht meinen Alltag nach wie vor ein bißchen mühsam, wir haben 8 Kubikmeter Erde für den Garten vor die Gartentür geliefert bekommen und in einem Gewaltakt binnen drei Tagen mit Schaufel, Eimer und Schubkarre durch die Terrasse hindurch und die vier Treppenstufen hinauf an insgesamt drei Zwischenlagerplätze im Garten geschafft (über zu wenig Bewegung in letzter Zeit konnte ich mich echt nicht beklagen), und zwischendurch saß ich an eiligen Projekten, und dazu kam noch allerhand sonstiger Kleinkram, oft solcher, für den ich kurzfristig alles fallenlassen mußte, was ich in der Hand hatte, und mich sofort darum kümmern. 

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Meine spezielle Freundin, die Frau Professorin Jutta Hübner, tingelt mal wieder durch die Medien, um alle Welt vor Krebsdiäten zu warnen. Anlaß sind die aktualisierten Leitlinien zur Ernährung bei Krebs (hier außerdem die ausführlichere Langversion). Es ist keine sonderliche Überraschung, daß sie in diese Warnung auch ketogene Ernährung und Fasten mit einschließt, und ebensowenig, daß sie dies mit denselben Risiken begründet, die schon bei ihren früheren Publikationen aufgezählt wurden, sich aber näher betrachtet (insbesondere hier und hier) nicht im Entferntesten als stichhaltig erwiesen, und manches davon sogar unfreiwillig komisch wäre, wenn es nicht real existierende Patienten schädigen würde. Das gilt vor allem für die ach so rührende Besorgnis um eine mögliche und nach Meinung von Jutta Hübner um beinahe jeden Preis unbedingt zu vermeidende Gewichtsabnahme von Krebspatienten. Dies nämlich ist ihr Hauptargument nicht nur gegen das Fasten, sondern auch bei ketogener Ernährung. 

Man würde sich wirklich wünschen, daß Hübner sich einmal in einen fachlichen Austausch mit Adipositasmedizinern begibt. Denen ist das nämlich überwiegend völlig neu, daß es kalorienunabhängige Gewichtsabnahmen wirklich gibt, obwohl genau dies der Punkt ist, in dem Hübner tatsächlich richtig liegt. Falsch liegt sie dafür mit der Annahme, daß das von ihr heraufbeschworene Risiko einer Mangelernährung an der Bewegung abgelesen werden kann, die der Zeiger einer Personenwaage beim Patienten macht. Tatsächlich sind bei Krebserkrankungen im nicht metastasierten Stadium die meisten Gewichtsabnahmen entweder neutral (bei Normalgewicht) oder positiv zu werten (bei Übergewicht). Bei von vornherein untergewichtigen Patienten ist es richtig, vorsichtiger zu sein, jedenfalls was das Fasten betrifft. Daß mit ketogener Ernährung dies verschlimmert werden könnte, ist dagegen nur schwer vorstellbar. 

Das gilt alleine schon deshalb, weil die vergleichsweise hohen Abnahmen innerhalb von zwei bis drei Wochen, über die die Frau Professorin sich bei den Angaben in einer Studie so sehr entsetzt, ja zu einem großen Teil rein wasserbedingt sind. Das wiederum ist eine Sache, die nicht nur Adipositasmediziner und Onkologen nicht wissen, sondern die auch unter Keto-Profis viel zu wenigen bewußt ist. Das liegt daran, daß ketogene Ernährung für gewöhnlich als dauerhafte Ernährungsumstellung behandelt wird und damit meist unter dem Radar bleibt, daß die sehr schnelle Abnahme zu Beginn und die ebensoschnelle Zunahme am Ende etwa ein bis zwei Kilogramm Wasser enthält, die einen Einfluß von exakt null auf die sonstige Körperzusammensetzung haben, sondern sozusagen ein durchlaufender Posten sind. Jahrelang konnte ich das Phänomen, das zu Beginn und Ende meiner Low-Carb-Phasen grundsätzlich immer auftritt, nur beschreiben, wußte aber nicht, was es bedeutet, bis ich davon las, daß der Grund die Leerung der Glykogenspeicher in der Muskulatur sei. 

Irgendwie werden Fachleute der medizinischen Sparten immer nur von Teilen der bekannten Fakten erreicht. So weiß Frau Professorin Hübner über Adipositas etwas, das für einen Adipositasmediziner wichtig zu wissen wäre, aber in diesem Bereich nur einer Minderheit bekannt ist. Sie wiederum weiß offenbar nicht, daß Gewichtsabnahmen sich sehr unterschiedlich zusammensetzen können, was wiederum in der Ernährungsmedizin im Grundsatz bekannt ist. Die Gründe für die hohe anfängliche Abnahme wiederum wissen beide nicht ausreichend nach dem Prinzip Ursache und Wirkung einzuordnen. Das wirft die Frage auf, auf welche Weise medizinisch relevante Fakten denen vermittelt werden müßten, die sie kennen sollten, denn im Moment funktioniert das ja offenbar nicht so richtig, und das wirkt sich natürlich hemmend auch auf mögliche darauf aufbauende wissenschaftliche Erkenntnisse aus. Den Schaden - durch die verzögerte Forschung wie auch durch in sich widersprüchliche und fehlerhafte medizinische Anwendungen - haben natürlich wir als Patienten. Und eigentlich ist das nicht einzusehen. 

Nichts an diesem Wasserphänomen ist jedenfalls für einen Krebspatienten gefährlich, und es ist schon irritierend, wenn eine Persönlichkeit, die so großen Einfluß auf das hat, was Onkologen ihren Patienten empfehlen oder ihnen verbieten wollen, offenbar so wichtige Dinge nicht weiß. Wobei mich noch mehr stört, daß diese Persönlichkeit, also die Frau Professorin Hübner, nicht von alleine merkt, wie unwissenschaftlich sie dabei argumentiert. Wenn alleine die Veränderung der Zahl, die von der Waage angezeigt wird, als Risikofaktor behandelt wird, dann hat das nämlich gar nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern eher mit Zahlenmagie, und wer dies spontan für zielführend bei der Behandlung von Krankheiten hält, der hat seinen Beruf verfehlt und sollte es vielleicht mal stattdessen als Astrologe versuchen. 

Gewichtsabnahme als ein in der Tat alarmierendes Symptom für einen Krebspatienten ist ja immer die Gewichtsabnahme, die ohne eigenes Zutun erfolgte, nicht eine, die sich durch bestimmte Ernährungsveränderungen ergeben hat. Eine nicht aktiv angestrebte und auch nicht durch Therapienebenwirkungen (Übelkeit/Erbrechen/Durchfall) erklärbare Gewichtsabnahme bei einem Krebspatienten deutet auf eine metastasierte Erkrankung hin - und darauf, daß der Krebs sich am körpereigenen Protein bedient und dadurch Muskelschwund auslöst - die sogenannte Tumorkachexie. Alle anderen Arten von Gewichtsabnahmen kann man unbesorgt so lange für harmlos halten, wie sich keine Symptome für negative Wirkungen einstellen - was natürlich beobachtet und ggf. behandelt werden sollte. Die Tumorkachexie wiederum läßt sich kaum abmildern und gar nicht beseitigen. Nur indem die Grunderkrankung, also der Krebs, beseitigt wird, läßt sich auch die Kachexie beseitigen, was aber bei metastasiertem Krebs keine typische Entwicklung ist. Auch wenn die durchschnittliche weitere Lebenserwartung in diesem Erkrankungsstadium erfreulicherweise höher geworden ist, die Chancen für Patienten, die von dieser Kachexie betroffen sind, liegen weiterhin erheblich schlechter. 

Zu einem makaberen Witz würden die Leitlinien des Jahres 2026 aber, falls Thomas Seyfrieds Krebsentstehungstheorie wie auch die darauf basierenden in Entwicklung befindlichen Therapien sich durchsetzen sollten, wie ich das mittelfristig für wahrscheinlich halte, obwohl dieser Prozeß unangenehm zäh ist und noch verdammt lange dauern kann. Diese Therapien enthalten ketogene Ernährung und/oder Fasten als eines der Elemente, das für den Erfolg der Therapie erforderlich, aber keineswegs hinreichend ist. Damit steht diese Theorie außerdem nicht im Widerspruch dazu, daß die Erfolge von ketogener Ernährung und Fasten in Studien zugegebenermaßen bescheiden ausgefallen sind und beides also nicht den von manchen erhofften großen Durchbruch brachte. Ketogene Ernährung und/oder Fasten für sich alleine genommen ist natürlich kein Wundermittel gegen Krebs. Das ist die bescheidene Schnittmenge, in der sich meine Annahmen zur Ernährungsfrage bei Krebs mit denen von Jutta Hübner in Deckung bringen lassen. 

Was schwerer wiegt, ist aber, daß die Frau Professorin nicht nur voreingenommen ist, sondern außerdem mit gespaltener Zunge spricht, wenn die Fakten sich mit ihren Überzeugungen beim besten Willen nicht vereinbaren lassen. Die Einzelheiten kann man den weiter oben verlinkten Blogbeiträgen entnehmen. 

Ich fand nur einen einzigen kleinen Fortschritt in den Leitlinien bezogen auf ketogene Ernährung und Fasten. Denn irgendwem ist es gelungen, der Frau Professorin zu vermitteln, daß es völlig absurd ist, eine Gewichtsabnahme im Verlauf einer Krebsbehandlung auch bei übergewichtigen Patienten für besorgniserregend zu halten. Und vielleicht hat dieser Irgendwer sie auch darauf hingewiesen, daß bei nichtmetastasiertem Brustkrebs während der Chemotherapie eher eine Gewichtszunahme zu erwarten ist, und daß dies insbesondere bei bereits Übergewichtigen keineswegs geeignet ist, sie gesünder zu machen. Denn nunmehr rät sie "nur" noch bei normal- und untergewichtigen Patienten vor ketogener Ernährung mit aller Vehemenz ab, und ich bin mir ziemlich sicher, daß sie nicht von alleine draufgekommen ist, wie absurd es ist, Übergewichtige vor Gewichtsabnahme zu warnen. Dem Unbekannten für seine Überzeugungsarbeit meinen ehrlich gemeinten Dank. 

Ich fand noch einen zweiten Kritikpunkt aus meinem Blogartikel zur Stellungnahme zum Fasten, auf den die Frau Prof. immerhin diesmal eingegangen ist, wenn sie sich auch nicht dazu überwinden konnten, auch den nächsten Schritt vorzunehmen, nämlich sich logisch zu durchdenken, was die Sache in der Praxis bedeutet. Im Fall einer Studie war nämlich bei der Interventionsgruppe (die gefastet hatte), auf die Gabe von Dexamethason verzichtet worden.  Dexa wird ausdrücklich gegeben, um die Nebenwirkungen der Chemotherapie zu verringern. Wenn also die Fastengruppe kein Dexa bekam, die nicht fastende Kontrollgruppe hingegen schon, dann finde ich es ziemlich anmaßend, zu behaupten, Fasten hätte keinen positiven Effekt auf die Nebenwirkungen gehabt, nur weil die nebenwirkungsreduzierende Wirkung von Dexa nicht übertroffen wurde. Tatsächlich ist es, was die Nebenwirkungen betrifft, ein eindrucksvoller Erfolg, daß Fasten offenbar im Durchschnitt Dexa ebenbürtig gewesen ist. Dieses Zeug wird ja nicht zum Spaß verabreicht, und ich entsinne mich noch einer Mitpatientin, die mir ziemlich drastisch beschrieben hat, was passierte, als sie das Dexa nach einem Chemotag vergessen hatte. 

Das läßt vermuten, daß die Kombiniation Dexa plus Fasten noch erheblich wirksamer sein müßte - wie das ja immerhin in meiner persönlichen Anekdote auch tatsächlich gewesen ist, auch wenn das für sich genommen natürlich nichts beweist. Denn ich hatte zu jenem Zeitpunkt noch keine Ahnung, daß Dexa, legt man die Annahmen von Professor Seyfried zugrunde, kontraproduktiv wirken soll, was die Entwicklung der Größe des Tumors betrifft, also verwendete ich es auch, und zum Glück erwies sich das bei mir auch nicht als schädlich - ob ich die erhoffte pCR andernfalls vielleicht schon ein, zwei Zyklen früher erlebt hätte, werde ich genausowenig erfahren wie ich jemals eine Anwort auf die Frage finden werde, ob mein Tumor stärker geschrumpft wäre, wenn ich mich nicht dazu entschlossen hätte, meine Fastenintervalle während der ersten vier Zyklen auschließlich auf die Tage um die Infusionen herum. 

Der feindseligen Haltung zum Fasten der Frau Professorin habe ich es mitzuverdanken, daß ich bei meinen Vor-Chemotherapie-Recherchen, für die ich ja noch dazu entsetzlich wenig Zeit hatte, zu keinem Ergebnis kommen konnte, das mir hinreichende Sicherheit beim Urteil hätte erbringen können. Nur aufgrund meiner langjährigen Fastenerfahrungen konnte ich mir logisch erschließen, daß das Fasten um die Chemosessions herum jedenfalls kaum einen Schaden bewirken konnte, egal, was verwirrte Angehörige der Wissenschaftlerzunft sich dazu zusammenfabuliert hatten. Zwischen den Zyklen zu fasten, habe ich mich wegen widersprüchlicher Informationen und Unsicherheit, ob die Wirkung gut oder schlecht sei für das Ziel, den Tumor wegzukriegen, aber nicht getraut. Mit dem Wissensstand von heute hätte ich das anders gemacht. Die pathologische Komplettremission hatte ich zum Glück, obwohl ich mit Wissen von heute die Sache anders gemacht hätte. 

Danke für gar nichts dabei an Sie, Frau Prof. Hübner, denn Ihr Verdienst ist das nicht. Hätte ich mich vollständig an Ihre Empfehlungen gehalten, wäre es dazu meiner Meinung nach auch nicht gekommen. Es war ja noch bei der letzten Mammographie vor der OP nicht völlig eindeutig, ob sich noch überlebende Krebszellen finden würden. Gut möglich, daß die letzten Krebszellen erst in den Tagen vor der OP ihren letzten Seufzer gemacht haben. Daß Low Carb und Fasten den Tumor vor der Therapiewirkung schützen könnten, behauptet aber niemand, nicht einmal Jutta Hübner. Es gibt also nur zwei Möglichkeiten, entweder hatten Fasten/LC gar keinen Einfluß oder einen positiven - und egal, wie geringfügig dieser positive Einfluß gewesen wäre, er hat dann wahrscheinlich den Ausschlag gegeben. 

Bluesky erfreute mich parallel zu Hübers Märchenstunde mit so etwas

 

Na, wer hat den Denkfehler gleich entdeckt? Er besteht darin, daß "Wissenschaftler" mit "Wissenschaft" gleichgesetzt werden. Wissenschaftler verhalten sich aber nicht immer wissenschaftlich, sondern manchmal auch wie Astrologen. Siehe weiter oben. 

Vielleicht hört ja wenigstens diese irrationale Verteufelung von ketogener Ernährung und Fasten auf, wenn die Frau Professorin Hübner endlich mal in den Ruhestand geht (das sollte in ca. zwei Jahren geschehen) und das, was sie glaubt, nicht mehr die Leitlinien so vollständig dominiert. Diese Frau ist für sich alleine genommen schon ein guter Grund, Forderungen nach längeren Lebensarbeitszeiten für Akademiker abzulehnen. 

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Wir haben für unsere Küche auch ein schönes altes Küchenbuffet gekauft, das nun an der Stelle steht, wo bislang Schränke der vorherigen Einbauküche plus eine Arbeitsplatte (aus dem Billigmöbelhaus Poco, vom Vorgänger aus zweiter Hand erworben) das Auge sehr viel weniger erfreut hatten. Das Problem mit diesem linken Teil der Einbauküche (gegenüber der Küchenzeile mit den Geräten): Sie war zu lang und zu tief. Die Arbeitsplatte verdeckte einen großen Teil des Heizkörpers, der nun endlich frei zugänglich ist. Die gesamte Küche wirkt jetzt viel größer, und trotzdem paßt mehr in das Buffet, als ich zuvor in den Schränken der Einbauküche hatte unterbringen können. Mal abgesehen davon, daß es außerdem viel schöner ist. 

Die Küchenbaustelle wird uns aber noch geraume Zeit weiter begleiten, obwohl das Schlimmste nun fast geschafft ist. Aktuell kann die endlich eingepaßte neue Arbeitsplatte aus Kirschbaumholz (nobel geht die Welt zugrunde, gell?) noch nicht benutzt werden, weil mein Mann sie noch zweimal ölen muß. Bis zum Wochenende sollte ich dann aber endlich wieder vernünftig kochen können - in den letzten Wochen machte das überhaupt keinen Spaß, weil zeitweise keine Spüle vorhanden war, zeitweise kein Kochfeld und nach wie vor fehlen mir Arbeitsflächen. Was auch zum Wochenende noch weiter fehlen wird, ist das Innenleben von zwei Unterschränken, das mein Mann auch selber machen will, und die Türen der Unterschränke, die zuvor noch furniert werden müssen. Keine Ahnung, wie lange es dauern wird, bis das fertig ist, aber danach kommen dann endlich die Obeschränke an die Reihe. Ich hoffe, das passiert bald, damit ich endlich den Sperrmüll bestellen kann.

Langweilig wird es mir also so schnell nicht werden. Im Moment wird die neu beschaffte Erde strategisch in unserem steinigen Äckerle verteilt, damit wir endlich die Kartoffeln setzen können. Die anderen angezogenen Pflanzen brauchen noch ein, zwei Wochen, bis sie nach draußen können, und ich hoffe, bis dahin sind wir soweit mit der Erde. Und haben wir die Küchenbaustelle einmal abgehakt, sind die Split-Klimaanlagen und das Balkonkraftwerk an der Reihe. Ach ja, und irgendwann müssen wir auch noch die letzte der dafür vorgesehenen Eigentumswohnungen verkaufen. Das hatte ich ja verschieben wollen, bis der Gesetzentwurf für die Änderungen am Gebäudeenergiegesetz vorliegt, was ursprünglich bis Ende März der Fall sein sollte. Aber unsere Bundesregierung kommt auch damit mal wieder nicht zu Potte. Jetzt bin ich mir unschlüssig, ob ich loslegen soll oder ob es sinnvoller ist, noch ein bißchen abzuwarten. 

 

 

 


Freitag, 27. März 2026

Blinde Hühner und gesundheitspolitische Luftbuchungen

 

Mein Gewicht heute früh nach vier aufeinanderfolgenden Tagen: 73,2 Kilogramm. Das ist auch nach meinen heruntergeschraubten Erwartungen ziemlich enttäuschend, da braucht man nicht lange drum herumzureden. Auf der positiven Seite habe ich die vier Wochen mit je vier Fastentagen ansonsten gut überstanden und bin auch froh, daß sie vorbei sind, denn es hat meinen Wochenrhythmus schon ein wenig durcheinandergebracht und auch beim Einkaufen mußte ich höllisch aufpassen, daß ich nicht zu viel einkaufe für die wenigen Tage, an denen ich gegessen habe. 

Jetzt muß ich bloß wieder imstande sein, in meiner Küche auch wirklich zu kochen. Immerhin, es gibt einen Lichtblick: Das Spülbecken wurde provisorisch installiert und ich kann es wieder benutzen. Mein Mann hätte mich wahrhaftig noch bis zum Einpassen der Arbeitsplatte ohne Spüle gelassen, aber als er vorgestern damit daherkam und so tat, als wäre ein Provisorium - das er mir zuvor noch versprochen hatte - gar nicht möglich, habe ich ihm verdeutlicht, daß er dann bis zum fraglichen Zeitpunkt sein Essen nebenan beim Bäcker holen müsse und den Kaffee auch, weil ich in einen Küchenstreik treten werde. Und siehe da, auf einmal ging es dann doch. 

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Die Agitation für eine Zuckersteuer nimmt einfach kein Ende, und eigentlich habe ich gar keine Lust mehr, mich damit zu befassen. Sollen sie den Blödsinn halt einführen, daran hindern kann ich sie ja doch nicht. Interessant diesmal fand ich aber diese Anmerkung im Ärzteblatt: 

In Großbritannien habe sich nach der Einführung einer Zuckersteuer auf Softdrinks vor allem bei Kindern und Jugendlichen und dabei vor allem bei jungen Mädchen ein Einfluss auf das Körpergewicht gezeigt, der Anstieg der Adipositas-Prävalenz sei abgeflacht, sagte Karl Emmert-Fees, wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Professur für Public Health und Prävention der TU München, kürzlich dem Science Media Center. Man könne diese Ergebnisse aber immer auf zwei Arten lesen, sagte er mit Blick auf Stimmen, die die Steuer aufgrund der Entwicklung der Zahlen in Großbritannien als wirkungslos beschrieben.

Wer außer meiner Wenigkeit könnten diese Stimmen gewesen sein? Ich kenne nämlich keine einzige. Oder ist der Herr Emmert-Fees womöglich ein Leser meines Blogs und spricht hier von mir im Pluralis majestatis? ;-) 

Wie auch immer, die Zuckersteuer hat ausweislich der aktuellsten Zahlen jedenfalls keinen Einfluß auf die Adipositas-Prävalenz gehabt, und die Kurve ist mitnichten dadurch abgeflacht. Wer das Gegenteil behauptet, der betet ohne Überprüfung Behauptungen Dritter nach oder lügt absichtlich. Im ersten Fall ist er aus wissenschaftlicher Sicht nicht satisfaktionsfähig, und im zweiten gehört er, falls er sich mit wissenschaftlichen Ehren schmücken kann, in seiner Dienststelle fristlos entlassen. Ich verliere wirklich die Geduld mit dieser toxischen Mischung aus Inkompetenz und militantem Nichtwissenwollen angesichts der Tatsache, daß die Betroffenen unter Adipositas ja wirklich physisch, psychisch und sozial zu leiden haben. Es ist fahrlässige Körperverletzung, sich nicht mit dem gebotenen Ernst mit dieser Thematik zu befassen, und das vor allem dann, wenn man für gesundheitspolitische Maßnahmen agitiert, die dann wie bei der Zuckersteuer bloß "richtig" aussehen sollen, damit man sich als furchtloser Kämpfer wider die Zuckerlobby aufspielen kann, obwohl die Maßnahmen keinerlei Wirkung erbringen und vermutlich aus Perspektive der Kämpfer für die Zuckersteuer auch gar nicht erbringen müssen. 

Das haben die Betroffenen nun wirklich nicht verdient, als wohlfeiler Vorwand für gesundheitspolitische Profilierung mit bloßen Luftbuchungen herhalten zu müssen. Ich bitte mir aus, daß dieses Thema endlich einmal ernsthaft behandelt wird, nicht mit diesen sinnlosen So-tun-als-ob-Aktivitäten. 

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In all dem Wust von Empörung über nahezu alle von der Bundesregierung angestrebten Maßnahmen muß man echt aufpassen, nicht zu übersehen, daß ein paar richtige Sachen bislang dabei waren und auch unter den debattierten Punkten dabei sein werden. Das bedeutet natürlich nicht, daß sie jedermann gefallen müssen. Wer persönlich negativ von einer Gesetzesänderung betroffen wäre, der beschwert sich darüber natürlich. Das muß aber nicht heißen, daß die Maßnahmen unbedingt falsch sein müssen. 

Hier gilt es also genau hinzusehen, um in all dem Wehgeschrei nicht alles gleichermaßen für berechtigt oder im Gegenteil alles für unberechtigt zu halten. Auch ein so blindes Huhn wie unsere aktuelle Bundesregierung findet das eine oder andere Korn. 

Das sprichwörtliche Körnchen, das das blinde Huhn Bundesregierung in meinem eigenen Fall gefunden hat, ist die Streichung des § 71l im bisherigen GEG, künftig GMG - falls dies wirklich so verabschiedet werden sollte, was ich erst glaube, wenn es dies noch enthält, wenn der Bundestag der Gesetzesänderung zustimmt. Der war wirklich falsch: juristisch fragwürdig (weil es der WEG in puncto Heizung Eingriffsmöglichkeiten in das jeweilige Sondereigentum gab, was unter Umständen von Gerichten wieder einkassiert worden wäre), benachteiligend gegenüber Besitzern von Eigentumswohnungen nach WEG im Vergleich zu Gebäuden mit einem Besitzer, und noch dazu unsinnig, wo die Wärmeplanung der Kommune mindestens in den nächsten zehn Jahren noch keinerlei Alternativen zum Gas bieten kann, während es gleichzeitig davon abschreckt, innerhalb einer Wohnung die Heizung zu modernisieren. 

Diese Negativwirkung sollte niemand unterschätzten. Von den 43,8 Millionen Wohnungen in Deutschland sind nämlich 9,3 Millionen Eigentumwohnungen in nach WEG aufgeteilten Häusern. Das sind mehr als zwanzig Prozent aller Wohnungen, in denen nach dem bisherigen Gesetz niemand, der bei Verstand war, irgendetwas an seiner bestehenden Gasetagenheizung veränderte, wenn sie nicht irreparabel defekt war. Dabei entwickeln sich ja mittlerweile immer mehr für Einzelwohnungen taugliche Einzellösungen, die kostenmäßig schon jetzt zum Teil günstiger sind, als sich mit einer Zentralheizung herumärgern zu müssen, die dann sowieso noch zehn Jahre lang oder noch länger mit Gas laufen würde. Kürzlich sah ich das brandaktuelle Video von einer Heizungsmesse, in dem zwei weitere Varianten von "Etagen-Wärmepumpen" gezeigt wurden. Da tut sich in den nächsten Jahren bestimmt noch mehr. Es war weder zielführend noch erforderlich, WEGs in die Verlegenheit zu bringen, sich über Jahrzehnte hinweg mit aller Gewalt aktiv gegen einen versehentlich ausgelösten Zwang zur Zentralheizung stemmen zu müssen. 

Der wichtigste Fehler des GEG lag in der Kommunikation, das gilt für den beschriebenen Fall, obwohl oder gerade deshalb, weil er in der öffentlichen Debatte bis heute gar nicht vorkommt. Ich kenne außer mir niemanden, der darüber schreibt, obwohl in allen mir bekannten WEGs die Leute dreiviertel der Zeit während der Miteigentümerversammlung sich darüber die Köpfe heißreden. Wahrscheinlich ist er auch unter dem Radar der aktuellen Bundesregierung geblieben, weil alle immer nur von der Denkschablone "Ein Haus = ein Besitzer" ausgehen. Erleichtert bin ich natürlich trotzdem, aber ich sehe wenig Grund, zu vermuten, daß diesmal die Bundesregierung WEGs wirklich auf dem Schirm hatte. Der § 71l steckt halt zwischen den Paragraphen 71a bis 71p und wird nach dem Prinzip "Mitgefangen, mitgehangen" wieder gestrichen. Daß und warum er falsch war, hat wahrscheinlich bis heute kein Mensch in der Bundesregierung verstanden. Also war es wirklich ein Fall von "Auch ein blindes Huhn findet einmal ein Korn". 

Aber auch dort, wo im Bereich der enegetischen Gebäudesanierung aktiv kommuniziert wurde, nicht nur durch Totschweigen, haben auch die letzte Bundesregierung und der federführende Minister Robert Habeck  nichts von dem, was deren Vorgängerregierung Merkel durch falsche Kommunikation bereits versaut hatte, zu verbessern versucht. Daraus läßt sich ableiten, daß sie das, was ihre Art der Kommunikation auslöst, auch nicht verstanden hatten. Daß auch die aktuelle Regierung dies nicht versteht, erkennt man an den Wählerreaktionen und daraus, daß sich trotzdem nichts am Kommunikationsstil verändert. 

Katrin Göring-Eckardt erwähnte in einem TAZ-Interview, daß in ihrer ostdeutschen dörflichen Nachbarschaft die Leute ziemlich panisch auf das GEG reagierten. Das ist auch sehr begreiflich. Jahrelang wurde uns eingehämmert, eine Wärmepumpe sei nur mit einem superdupergedämmten Gebäude sinnvoll. Kaum jemand in ostdeutscher dörflicher Umgebung wohnt aber in superdupergedämmten Gebäuden. Was soll so jemand anders annehmen, als daß von ihm gerade verlangt werde, die Kosten für die Superduperdämmung UND die Wärmepumpe UND die diversen anderen gebäudeertüchtigenden Maßnahmen, die wir ja auch noch machen sollten, ginge es nach der Politik, hintereinanderweg zu stemmen? 

Sogar die Minderheit, die imstande wäre, Kosten in sechsstelliger Höhe für ein solches energetisches Gesamtkonzept aufzubringen, sieht es natürlich nicht ein, das tun zu müssen. Aber die Mehrheit kann das von vornherein nicht aufbringen. Völlig klar, daß die Leute hyperventilieren, wenn ihnen der Eindruck vermittelt wird, das Gesetz werde sie über kurz oder lang zum Einbau einer Wärmepumpe zwingen. Es ist nicht die Wärmepumpe, vor der sie die meiste Angst haben, es ist das gesamte Drumherum. 

Nur, in Wirklichkeit ist vieles von dem Drumherum überhaupt nicht nötig. Das sagt einem aus den Reihen der von Beruf Klimabeflissenen bloß keiner. Warum? Weil aus dieser Sicht weniger als hundert Prozent möglicher Planerfüllung aus ideologischen Gründen ein Fall von "Ziel verfehlt" sind. Daß man mit zehn Prozent der Kosten bereits mindestens achtzig Prozent der angestrebten Wirkung erreichen kann, ist aus deren Sicht Begünstigung der Klimakatastrophe und strikt abzulehnen. Für mich beweist das lediglich, daß solche Leute nicht rechnen können. Denn wenn man zehn Prozent der Eigentümer sanierungswürdiger Häuser durch die übliche Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche dazu bringen kann, diese Hundert-Prozent-Leistung zu erbringen, dann ist die Klimaschutzwirkung nur halb so hoch, als wenn fünfzig Prozent durch einen erheblich kleineren finanziellen Einsatz ihr Gebäude um achtzig Prozent verbessern. Und von dem Nutzen des dafür erforderlichen erheblich niedrigeren finanziellen Einsatzes lassen sich sehr viel mehr Leute überzeugen, sogar dann, wenn man sich auf das Zuckerbrot Förderung beschränkt und die Peitsche gesetzliche Pflichten wegläßt. 

Ein weiterer zu beachtender Faktor ist, daß von zehn Prozent eine viel geringere Sogwirkung auf Nachbarn ausgeht als von 50 Prozent. Außerdem gehe ich davon aus, daß die fünfzig Prozent um einiges zufriedener mit ihrer Investition sein werden und ihren Nachbarn überzeugendere Kosten-Nutzen-Rechnungen vorrechnen werden. Denn letzten zwanzig Prozent Energieoptimierung rechnen sich finanziell für den, der sie umsetzt, überhaupt nicht. 

Vor einem Zwang, der sie zu teils komplett unrentablen Mitteln zwingt, haben die Leute Angst - und zwar völlig zu Recht. Denn in anderen Bereichen hat man das ja schon vielfach erlebt, daß jede mit Moral unterfütterte Kampagne dieser Art früher oder später zur Zwangsmaßnahmen führte, und zwar immer mit der Begründung, daß die Erfolge der freiwilligen Lösungen nicht ausreichend gewesen seien. Stichworte etwa Dosenpfand, Rauchverbot oder Plastiktütenverbot. Wer eine erwünschte Entwicklung mit "Nudging"-Maßnahmen vorantreiben will, etwa den Veggie-Day oder eben den Umstieg auf strombasierte Heizungen, der braucht über ablehnende bis fuchsteufelswilde Reaktionen wirklich nicht erstaunt zu tun. Das nunmehr geplante Umsteuern durch die aktuelle Bundesregierung ist wahrscheinlich sogar das Beste, was aus Blickwinkel der Klimaschützer passieren konnte, zumal es auch noch mit einer Energiekrise durch den Irankrieg zusammenfällt. Niemand ist doch wild darauf, unbedingt fossile Energie zu verheizen, wenn er seine Heizwärme auf andere Weise günstiger bekommen kann - jedenfalls dann, wenn sich herauskristallisiert, daß dafür keine ruinöse Anfangsinvestition erforderlich ist. Es ist völlig ausreichend, dafür zu sorgen, daß allgemein bekannter wird, daß dies auch in der Tat gar nicht nötig ist. 

Ein weiterer Bereich, in dem auf den zweiten Blick eine vermeintliche sozialpolitische Grausamkeit vermutlich eine positive Wirkung auf die Frage der Altersarmut bei Frauen haben wird:  

Im Moment kursieren Meldungen über die Streichung der kostenlosen Mitversicherung von Ehefrauen, es sei denn, es liegen spezifische Voraussetzungen vor (kleine Kinder, Pflege von Angehörigen). Klingt erst einmal wie eine der üblichen Grausamkeiten, aber näher betrachtet, würde dies über die Bande vermutlich dazu führen, daß ein wichtiger Anreiz für Minijobs wegfiele. Wenn man schon anscheinend mal wieder nicht die Traute hat, die Minijobregelung und/oder das Ehegattensplitting abzuschaffen, wäre dies tatsächlich die drittbeste Maßnahme zur Verringerung von Altersarmut bei Frauen. 

Eine öffentliche Debatte ist natürlich notwendig, um dahinterzukommen, welche weiteren Voraussetzungen zu den beiden genannten noch ergänzt werden müßten, um die kostenlose Mitversicherung in Fällen weiter aufrechtzuerhalten, in denen das erforderlich ist. Aber grundsätzlich ist das eine Maßnahme, die die jungen Mütter von heute davor bewahren kann, im Alter einmal aufstockend Grundsicherung beantragen zu müssen. Auch dann, wenn es für sie heute erst mal zu einer Einbuße beim verfügbaren Einkommen führt. 

Genau so müßte man das aber auch kommunizieren. Es muß anschließend immer noch nicht jedem gefallen, vor allem denen nicht, die ad hoc erst einmal mit einer höheren finanziellen Belastung rechnen müssen. Aber es ist ein Kunstfehler, dies in dieser rein negativ argumentieren Form zu fordern, die aus Perspektive der Betroffenen für sie nicht nur nachteilig, sondern auch beleidigend ist. 

Lars Klingbeil findet anscheinend, daß man nach 45 Berufsjahren aus dem Berufsleben ausscheiden können müßte. Für jemanden wie mich, die mit 16 ins Berufsleben eingestiegen ist, würde das heißen, daß ich auf eine Rente mit 61 pochen können müßte. Ist Klingbeil sich WIRKLICH sicher, daß er mich gerne schon zum ersten Juli dieses Jahres in den Ruhestand verschwinden sehen möchte? Ich hätte nichts dagegen, aber ich bin trotzdem der Meinung, dieser verwirrte Mensch weiß nicht, was er da fordert. Mehr als die Hälfte der Berufstätigen in der Altergruppe Ü50 hat eine geringe bis mittlere Qualifikation, ist also mit Haupt- oder Realschulabschluß und typischerweise, so wie ich, mit 16 Jahren ins Berufsleben eingestiegen. Hinzu kämen aber auch noch diejenigen, die bei demselben frühen Berufseinstieg später durch Qualifizierung beruflich aufgestiegen sind. Will der Klingbeil das wirklich, daß die Mehrheit der 61jährigen sich in die Rente verabschiedet, nur damit er die Minderheit derjenigen, die erst mit 25 nach Studienabschluß ins Berufsleben eingestiegen sind, dazu zwingen kann, erst später in den Ruhestand zu gehen?

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Endlich habe ich es geschafft, im Staatsarchiv einmal nach der Geschichte unseres Häuschens zu suchen. Ein Erbauungsjahr ließ sich zwar nicht ermitteln, aber es ist mindestens zweihundert Jahre alt, denn im Jahre Anno domini 1826 wurde es nach dem Tod des Eigentümers vererbt und im "Güterbuch", so hieß damals das Grundbuch, auf seine Witwe eingetragen. Kinder waren nach damaligem Erbrecht erst Nacherben, wenn beide Elternteile verstorben waren, und im 19. Jahrhundert war dieser Nacherbe für gewöhnlich der älteste überlebende Sohn. Seine Geschwister mußte er wahrscheinlich auszahlen. Das wird nicht jedem leichtgefallen sein, und vielleicht ist das die Erklärung dafür, daß im Fall unseres Hauses nach dem Tod der Witwe des Hauseigentümers nicht dessen ältester Sohn, sondern sein jüngerer Bruder das Haus bekam. Womöglich hatte er bislang vergeblich auf sein Erbteil gewartet und der gesetzliche Erbe des Hauses, ein noch junger Mann, hatte auch nicht die Mittel, um ihn auszuzahlen. Die Übertragung des Hauses auf seinen Onkel war vielleicht dann die günstigste Lösung für alle Beteiligten, und der junge Mann konnte wiederum vom Onkel Geld verlangen und sich anderswo eine Existenz schaffen.

Keine Ahnung, ob es wirklich so gewesen ist, aber es ist eine Möglichkeit, die die ungewöhnliche Erbfolge des Hausbesitzes erklären könnte.   

Es kann auch sein, daß das Haus sogar noch viel älter ist, denn im achtzehnten Jahrhundert werden die Güterbücher ziemlich undurchsichtig. Wir fanden noch zwei mögliche Kandidaten, die schon sehr viel früher in unserem Haus gewohnt haben könnten, nämlich um 1700 herum, aber in ihrem Fall läßt sich nicht nachvollziehen, ob ihre "Behausung" (so das selbstgenutzte Haus im damaligen Amtsdeutsch) nun dieses Haus oder ein anderes war. Der Erblasser von1826 hat nämlich neben diesem Haus noch ein zweites vererbt, das in einer anderen Straße und näher an der Kirche lag. Es ist also möglich, daß unser Haus noch relativ neu war (es lag im Ortsplan von 1832 auch noch direkt am Ortsrand) und das andere, zentraler im Ortskern gelegene der alte Familiensitz, in dem auch die beiden Mitglieder der Familie um das beginnende 18. Jahrhundert herum gelebt haben könnten.Ich bin gespannt, ob ich dazu noch etwas herausfinden kann. Zwischen 1826 und 1989 war das Haus durchgehend von derselben Familie bewohnt, also will ich jetzt noch die Eltern- und Großelterngeneration der ältesten bekannten Eigentümer ermitteln und dann recherchieren, was im Stadtarchiv über sie bekannt ist, vielleicht ergibt sich daraus ja ein Hinweis auf dieses Haus und, was mich besonders interessieren würde, dessen einstigen Neubau und damit auch ein Erbauungsjahr.


Mittwoch, 25. März 2026

Die SPD und ihre Suche nach einer neuen Zielgruppe

Mein Gewicht heute früh nach dem zweiten von vier aufeinanderfolgenden Fastentagen: 74,8 Kilogramm. Das ist nicht berauschend, aber auch kein Grund, sich zu entsetzen. Ich habe jetzt bis Ostern Urlaub (um mich im Garten auszutoben), in so einer Situation zu fasten, ist ziemlich ungewohnt, aber von Montag bis heute um die Mittagszeit, als es dann leider zu regnen begann, war ich praktisch den gesamten Tag im Garten, und an Essen habe ich nicht einmal gedacht. 

Ab nächster Woche mache ich mit meinem gewohnten Fastenrhythmus weiter, also in meines Mannes Frühschichtwochen zwei nicht zusammenhängende und in seinen Spätschichtwochen drei oder vier zusammenhängende Fastentage - je nachdem, wie es sich am sinnvollsten einrichten läßt. Ob ich in der Woche nach Ostern mit nur vier Werktagen wirklich viermal fasten will, bin ich mir gerade noch nicht ganz schlüssig, aber das wird sich schon finden. 

Mein Mann ist gerade dabei, die Unterzeile der neuen Küche einzubauen, und das Stadium, in dem wir in der Küche eine nahezu unbenutzbare Baustelle haben, was er anfangs auf "idealerweise zwei bis drei Tage" einschätzte, dauert inzwischen den zehnten Tag. Das liegt vor allem an der Spüle, auf deren Lieferung wir immer noch warten - für morgen wurde sie jetzt endlich angekündigt, und ich hoffe, sie kommt dann auch wirklich. Die alte Spüle provisorisch wieder einbauen wollte er nicht. Auch insofern war es nicht schlecht, daß ich einen so großen Teil der Zeit gefastet habe, denn auf diese Weise zu kochen hat nun wirklich einen Spaßfaktor unter dem Gefrierpunkt. Das Kochen ist im Moment also auch an Eßtagen ziemlich auf Sparflamme. Ein zweiter nicht erwarteter Faktor war, daß beim Gaskochfeldnach dem Anschließen Gasgeruch wahrnehmbar war. Also mußte ein neues Gaskochfeld her, aber das muß zunächst von einem Fachbetrieb auf Dichtigkeit geprüft werden. Das Kochfeld ist heute glücklich eingetroffen (vor der Spüle, die weit früher bestellt worden war, grummel), aber den Installateur erreicht man nachmittags kaum, also werde ich morgen früh bei ihm anrufen, und dann kommt es darauf an, wann er Zeit hat. Mit etwas Pech dauert das bis nächste Woche. 

Tja, das kommt davon, wenn man sich keinen Fachmann leistet, weil der Göttergatte so wild darauf war, die Küche selbst zu bauen. Eine Arbeitsplatte hat er auch noch nicht bestellt, bis auf weiteres werden wir also mit einem Provisorium arbeiten müssen - sobald das Arbeiten in dieser Küche generell wieder möglich ist, denn im Moment habe ich keinerlei Arbeitsflächen übrig. Bis die Küche *wirklich* fertig ist - also auch die Oberschränke ersetzt wurden und auf der Gegenseite das von mir ersehnte schöne alte Küchenbuffet steht -, das wird noch geraume Zeit dauern. Fragt mich also lieber nicht nach meiner Laune. Ich zehre gerade von Durchhalteparolen, denn auch die längste Baustelle wird ja irgendwann ein Ende finden, und dann habe ich eine Küche, in der das Arbeiten viel mehr Spaß machen wird als in der alten. 

***

Schon klar: Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer. Und zwei Studien, die sich mit den ungewollten Nebenwirkungen politischer Maßnahmen befassen, die den Menschen - mit besten Absichten - eigene Entscheidungsspielräume beschneiden und zu genau den betrüblichen Ergebnissen kommen, die ich qua gesundem Menschenverstand von vornherein erwartet hätte, bedeuten noch kein Umdenken in Wissenschaft und Politik. Trotzdem ist es eine Erwähnung wert, daß ein gewisser Patrick Bernau in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 22. März 26 so ausführlich über die Problematik berichtet hat, die sich aus diesen Studien ergab. Kein Link, sorry. Ich fand den Artikel seltsamerweise nicht online. Der Titel lautete "Ein bißchen Hilfe für die anderen."

Eine dieser Studien, aus Dänemark, untersuchte die Zufriedenheit junger Ehepaare mit der Arbeitsverteilung nach Geburt eines Kindes, nachdem qua Gesetz festgelegt worden war, daß ein Teil der Elternzeit - elf Wochen - verfällt, falls er nicht vom Vater des Kindes genommen wird. Obwohl alle anderen Ergebnisse der Veränderung (etwa die Verringerung von Ungleichheit der Geschlechter in beruflicher und finanzieller Hinsicht) zur Zufriedenheit derjenigen, die sich die Sache ausgedacht hatten, ausgefallen waren, ergab sich, daß im Vergleich zur vorherigen Regelung die Zufriedenheit beider Geschlechter überraschenderweise erheblich gesunken war, und zwar bei den Müttern noch stärker als bei den Vätern: von 90 auf nur noch 50 Prozent. 

Es ehrt die Autoren der Studie, daß sie empfiehlt, sich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob dieser Preis für die angestrebten Ziele in Form von geringerer Zufriedenheit der Betroffenen die Sache wirklich wert ist, denn das ist gerade heutzutage keine Selbstverständlichkeit. Ich jedenfalls rechne von vornherein nicht damit, daß irgendwer in der Wissenschaft meine Zufriedenheit für einen anzustrebenden Wert halten könnte. 

Die zweite Studie ist noch interessanter, weil sie eine Frage untersucht, die ich sehr wichtig finde, nämlich ob und wenn ja wie hoch die Bedeutung der Möglichkeit ist, uneingeschränkt über eine Sache selbst entscheiden zu können. Dazu wurde eine Methode ausgetüftelt, in der sich dies in Euros und Cents ausdrückte, die man mehr zu bezahlen bereit war, wenn man dies nach eigenem Gutdünken tun konnte. Es ergab sich, daß dieser Wert bei 8,9 Prozent liegt - wobei es aber Unterschiede gibt: Etwa ein Fünftel möchte die Entscheidung am liebsten gar nicht selbst treffen, ebensovielen ist es egal, ob die Wahl selbst- oder fremdbestimmt ist, solange sie nur für vorteilhaft gehalten wird. Aber mehr als die Hälfte mißt der Möglichkeit, selbst entscheiden zu können, einen Eigenwert bei ("intrinsischer Wert"), der davon unabhängig ist. Das bedeutet, die eigene Wahlmöglichkeit ist ihnen ggf. höhere Kosten - oder höhere Unsicherheit bei den Kosten - wert.

Wahlmöglichkeiten zu haben ist meiner Überzeugung nach der am häufigsten noch nicht einmal unterschätzte, sondern sogar ganz übersehene wichtige Bestandteil der Menschenwürde. Wahlmöglichkeiten auf dem gesetzgeberischen Weg zu verringern, ist per se eine heikle Sache, aber unangenehmerweise gerade in der Politik schwer in Mode. Niemand findet etwas dabei, dieses Instrument auch dann einzusetzen, wenn man damit absehbar kaum etwas bewirken kann. Es wird davon ausgegangen, daß dies über die angestrebte positive Wirkung hinaus keine Nebenwirkungen hätte.Wie man an den beiden Studien sieht, wäre es aber ratsam, sich mit möglichen Nebenwirkungen zu befassen, die aus der beschnittenen Selbstbestimmung entsteht. Ich hoffe deshalb, das Thema findet wenigstens so viel Beachtung, daß es wissenschaftlich weiterverfolgt wird und politisch zu einer Anpassung der Entscheidungskriterien führt. 

Irgendwann jedenfalls. 

So schnell darf man damit nämlich wohl noch nicht rechnen, denn wenn es einen Kardinalfehler gibt, den alle Parteien teilen, dann ist es dieses dumpfbackige Ignorieren von Emotionen, die ihre Maßnahmen erzeugen, sowie mögliche eigentlich unerwünschte Wirkungen, die sich aus dieser Gefühlslage ergebem. Wahrscheinlich deshalb, weil sie sich nur schwer messen und zählen und insbesondere als Wirkung einer bestimmten Ursache zuordnen lassen und damit unter dem Radar der meisten Experten liegen - deshalb freute ich mich auch über diese Studien, denen es gelungen ist, sie einzufangen.  

Einstweilen hat ausgerechnet die SPD mit der Präzision eines falsch programmierten Computers auf die Wahlschlappe in BW und RLP reagiert. Künftig, so war nun zu lesen, wolle man sich auf Arbeitnehmer mit einem Einkommen zwischen 3000 und 4000 Euro fokussieren. Für sie wolle man das Leben besser machen. Als Reaktion auf die Wahrnehmung in großen Teilen der Öffentlichkeit - die sich bei beiden Wahlen auch in Umfragen ergabe -, die SPD kümmere sich vor allem noch um Transferleistungesempfänger. 

Ich fürchte, wir können langsam anfangen, Nachrufe auf die gute alte Tante SPD zu schreiben. Klar, die SPD muß darauf reagieren, daß ihre Performance in der Bundesregierung sie ein weiteres Mal in der Wählergunst abrutschen lassen hat. Aber das ist noch lange kein Grund, es sich nun auch noch mit der letzten gesellschaftlichen Gruppe zu verscherzen, die der SPD weitergehend als alle anderen die Treue gehalten haben. Und das sind laut Tagesschau-Umfragen die Rentner. Die haben überhaupt kein Erwerbseinkommen und sehr selten eine Rente, die einem Nettoeinkommen aus 3000 brutto oder mehr entspricht. 

 Umfrage, Landtagswahl Rheinland-Pfalz 2026, SPD-Stimmanteile in Altersgruppen im Vergleich zu 2021, in % | Alle 26,0 ([Vgl. 2021] 36,0) | 18 - 24 Jahre 19,0 ([Vgl. 2021] 24,0) | 25 - 34 Jahre 19,0 ([Vgl. 2021] 25,0) | 35 - 44 Jahre 20,0 ([Vgl. 2021] 31,0) | 45 - 59 Jahre 23,0 ([Vgl. 2021] 36,0) | 60 - 69 Jahre 31,0 ([Vgl. 2021] 40,0) | 70 und älter 34,0 ([Vgl. 2021] 45,0) | Infratest-dimap. 23.03.2026, 08:51 Uhr

Genau wie schon in Baden-Württemberg hat die Tagesschau darauf verzichtet, Arbeitslose zu befragen und leider ebenso auf eine Einkommensverteilung, deshalb hat es keinen Sinn, auch die Grafik zu den beruflichen Verteilungen zu posten. Das ist auch deshalb bedauerlich, weil es mich brennend interessiert hätte, was eigentlich diejenigen, die angeblich am meisten von SPD-Politik profitieren, nämlich die Bürgergeldempfänger, gewählt haben. Es würde mich nämlich sehr überraschen, wenn die SPD bei denen nicht noch mehr Wähler verloren haben würde als bei allen anderen Gruppen. Egal, wieviele Wähler die SPD irrtümlich für Wohltäter der Bezieher von leistungslosen Transfereinkommen halten, die Betroffenen sind in den letzten Monaten ständig von der SPD beleidigt worden. Es ist nämlich beleidigend, jemandem, der seine Arbeit verloren hat, zu unterstellen, wenn man ihn nicht pausenlos schurigelt, würde er nicht bereit sein, seinen Lebensunterhalt mit eigenen Händen zu verdienen. Eine Kommunikationskatastrophe fand ich vor allem den Satz von Bärbel Bas, die sich ja sogar noch damit brüstete, bei den geplanten Maßregelungen bis an die Grenze des verfassungsrechtlich Zulässigen gegangen zu sein. Vermutlich wollte sie damit ihre Bereitschaft ausdrücken, der CDU so weit wie möglich entgegenzukommen, also eine gute Kompromißbereitschaft und damit die Koalitionstauglichkeit der SPD bewiesen zu haben. Aber hat sich diese Frau gar nicht vorzustellen versucht, wie ihr Satz für jemanden klang, der gerade Bürgergeld bezieht? Denn selbstverständlich muß das so verstanden werden, als sei sie so scharf darauf, Arme zu sanktionieren, daß sie alles dafür tun würde, um dies möglichst häufig tun zu können. 

Nein, ich glaube nicht, daß besonders viele Arbeitslose SPD gewählt haben. Aber warum interessiert das Wahlverhalten Arbeitsloser - insbesondere im Vergleich zur letzten Wahl - außer mir eigentlich niemanden? Ich verstehe das wirklich nicht. 

Die neue Zielgruppe der SPD wird wegen ein paar steuerlicher Erleichterungen (sofern die SPD überhaupt imstande ist, sie durchzusetzen) kaum anfangen, SPD zu wählen, für die Ärmeren fühlt sie sich nach eigenem Bekunden nicht mehr zuständig und ihre letzte verbleibende Hauptwählergruppe interessiert sie dem Augenschein nach auch nicht mehr, und wird bestimmt nicht erfreut darauf reagieren. Aber sogar wenn sämtliche Arbeitnehmer mit dem passenden Einkommen SPD wählen würden (und dafür alle anderen es nicht täten), würde das unter dem Strich ziemlich genauso viele Wähler wie bei der letzten Bundestagswahl bedeuten, also was wäre damit gewonnen? 

Tatsächlich macht die SPD sich gerade selbst bei fast allen unwählbar. Bei der nächsten Wahl wird sie noch ein weiteres Stück abrutschen, wenn sie die neue Strategie wirklich umsetzt. 

Hätte die SPD sich die Daten etwas genauer angesehen, wäre ihr aufgefallen, daß die SPD dort besonders abgeschmiert ist, wo die AfD besonders erfolgreich war: Je kleiner der Ort, desto weniger SPD-Wähler. Jede Strategie, wieder in der Wählergunst zu steigen, müßte also eigentlich in den Dörfern anfangen. Erst einmal Präsenz zeigen und mit den Leuten sprechen und einen Eindruck zu gewinnen versuchen, was diese Leute umtreibt und wie man sie von der SPD überzeugen könnte. Erst in meinem letzten Blogartikel hatte ich darüber schon gesprochen.

Es wäre außerdem klug von der Bundes-SPD, sich die vergleichsweise seltenen Erfolge auf kommunaler Ebenen näher anzuschauen, da gab es nämlich einen in Schweinfurt, wo der SPD-Kandidat gewonnen hat. Wie er sich seinen Erfolg gegen den sonstigen Trend bei der SPD auf allen politischen Ebenen erklärt, das kann man in der TAZ nachlesen. Die Bundes-SPD sollte das ebenfalls tun, anstatt sich von irgendwelchen neunmalklugen Zahlenschubsern die Welt nach dem Prinzip "Malen nach Zahlen" erklären zu lassen - diese Erklärungen stimmen meiner Erfahrung nach sowieso so gut wie nie.

Mir ist schon klar, daß nichts dergleichen passieren wird. Aber dann hat die SPD den Abstieg zur Splitterpartei auch wirklich verdient. 

***

Neues aus meinem Garten, über den gerade der Frühling mit aller Macht hereinbricht, weshalb ich es eilig habe mit dem destruktiven Teil meiner Arbeit: Ich bin dabei, die allerletzten noch zu beseitigenden Baumwurzeln zu entfernen - jetzt sind nur noch drei oder vier Ahornwurzeln übrig, dann verbleiben nur noch die Stümpfe von den dicken Bäumen, die ich natürlich mit meinen Mitteln nicht rauskriegen kann. Mein Mann findet diese Aktion eigentlich überflüssig, aber vor allem Ahornbäume sind ziemlich renitente Gesellen und kommen immer wieder, wenn man sie nicht mit Stumpf und Stiel beseitigt. Und wie schnell der Efeu dabei ist, den kompletten Garten übernehmen zu wollen, sehe ich an dem einstweilen weiter geduldeten Efeu am Zaun neben dem Gartentor. Gestern hat er von mir den ca. alle halbes Jahr erforderlichen Haircut bekommen und das alleine war schon eine große Gartenabfall-Tasche voll. 

Endlich haben wir außerdem den "hohlen Zahn" sowie einen zweiten abgestorbenen Baum sowie zwei überlebensgroße Zypressen gefällt. Nun ist neben der Eibe nur noch ein weiteres Nadelgehölz im Garten. Die Eibe werden wir wahrscheinlich stehen lassen, aber das andere Teil wird nächstes Jahr wohl auch gefällt. Dieses Jahr brauchen wir es aber noch, um an dieser Stelle Schatten zu haben. Bis nächstes Jahr wird der - ebenfalls ziemlich radikal gestutzte - Holunder wohl diese Funktion wieder erfüllen können.  

Von den vier gefällten Bäumen (zwei aus dem Ruder gelaufene Koniferen und zwei tote Bäume, die schon vor zehn Jahren nur noch als Efeu-Unterlage dienten, was die Vor-Vorgängerin offenbar pittoresk fand), sind bis auf die Stämme die meisten Äste und Zweige gehäckselt und werden teils zum Auffüllen des Bodens mitverwendet. Die Äste, die zum Häckseln zu dick waren, werden wir in einem Ungetüm von Feuerschale in Rauch aufgehen lassen, die sich mein Mann letzte Woche in den Kopf gesetzt und sofort bestellt hatte. Nun ja, noch ein Teil, das wir irgendwo unterstellen müssen, und kein Platz, um dies zu tun. Aber nächstes Wochenende gibt es zur Feier der Feuerschale bei uns jedenfalls Stockbrot. ;-) Und die Stämme dienen dazu, das abfallende Gelände hinter der Gartenhütte zu terrassieren. So findet alles noch seine Verwendung. 

Unser im letzten Herbst umgestürzter und wieder aufgerichteter hundertjähriger Quittenbaum soll allerdings leben -und das tut er auch unübersehbar: Er bekommt gerade viele, viele Blätter, und wir freuen uns mordsmäßig darüber. Ob wir auch Blüten bekommen werden, bleibt einstweilen noch abzuwarten. Unter dem gestutzten Haselstrauch kommt dafür gerade der Bärlauch heraus - eigentlich mag Bärlauch es aber schattig, und so haben wir ihm wohl keinen Gefallen getan, als wir den Hasel so radikal gestutzt haben. Ich bin deshalb am Überlegen, ob ich nicht einen Teil ausgraben und an die nunmehr geeignetere Stelle beim Feigenbaum umsiedeln sollte. Aber einstweilen warte ich noch darauf, daß die Blätter noch ein bißchen größer werden, damit ich anfangen kann, zu pflücken. 

Ansonsten haben wir - nachdem die Winterlinge, die Schneeglöckchen, die Alpenveilchen und der einzelne Krokus, der sich zu uns verirrt hatte, bereits abgeblüht sind - Tulpen, Osterglocken, Veilchen und eine Menge Traubenhyazinthen, die gerade blühen. Die Pfingstrose, die letztes Jahr sehr zeitige im Frühjahr nur eine einzelne riesige Blüte mit duftigen weißen Blättern um eine gelbe Mitte herum bekam - wir nannten sie deshalb "Spiegeleiblume" -, wirkt dieses Jahr entschlossen, erheblich mehr Blüten zu produzieren, die Knospen sind riesig und können jetzt jeden Tag aufgehen. Auch der Kirschbaum steht in den Startlöchern, das erste Weiß blitzt aus den Knospen heraus. Bei den Apfelbäumen wiederum kommen bereits die ersten Blätter, was mich ein bißchen wundert, ich dachte eigentlich, das beginne erst, wenn die Kirschblüten schon da sind. Sie wachsen jedenfalls schnell, und es sieht so aus, als würden beide Bäume auch mit viel Nachdruck blühen wollen. Im Moment sehen sie aus wie auf dem Foto des "Grünknospenstadiums". In den nächsten Tagen soll es nachts ja Minusgrade geben, aber vorhergesagt sind aktuell als niedrigster Wert minus zwei Grad - das müßten die Blüten eigentlich aushalten. Trotzdem, jetzt wünsche ich mir natürlich doch, daß der Kirschbaum sich noch bis Anfang nächster Woche Zeit läßt mit dem Aufblühen. Die Apfelblüten kommen, wenn ich nach der verlinkten Quelle gehe, sowieso erst in ca. zwei Wochen. 

Nur eine Kleinigkeit, aber ich habe mich total darüber gefreut: Letzten Herbst habe ich sämtlichen Schnittlauch geerntet, der bis dahin noch übrig war, und eingefroren. Den Topfinhalt habe ich im Garten einfach aus dem Topf herausgenommen und lose auf den Boden aufgesetzt, weil ich dachte, nun ja, schlimmstenfalls passiert eben gar nichts, dann habe ich nicht viel verloren. Jetzt habe ich an dieser Stelle einen kleinen Erdhügel, aus dem gerade sehr munter eine Menge neuer Schnittlauch herauskommt. Wegen des Hügels ist eine Verwechslung mit Unkraut nicht möglich. Das finde ich super, ich glaube, das probiere ich künftig mit allen Topfkräutern. Rieseneinsparungen bringt das beim Einkaufen zwar nicht, aber trotzdem. 

Am Sonntag setzte sich ein - meinem Empfinden nach - riesiger Greifvogel auf den Hühnerstall und ließ sich ein Weilchen von mir anschauen, obwohl ich ihn gleich diplomatisch darauf hinwies, daß er in dem Hühnerstall keine Hühner finden würde, nur Gartengeräte. Ich glaube, das war ein Rotmilan, die haben wir hier nämlich massenhaft. Für einen Mäusebussard, den wir ebenfalls ständig sehen (und vor allem hören), war dieser Vogel nämlich viel zu groß. Mäusebussarde sind kleiner als Krähen, das weiß ich, weil ich einmal mitverfolgt habe, wie ein halbes Dutzend Krähen einen Mäusebussard attackierten. Anscheinend brütet in Ortsnähe auch ein Wanderfalkenpärchen, aber das wird vermutlich eher nicht direkt in den Ort kommen. Also war es wohl wirklich der rote Milan. Sonst sehe ich die immer nur im Flug, dann leicht erkennbar an dem gegabelten Schwanz. Ich war begeistert über diesen seltenen Besucher auf unserer bescheidenen Hütte. Der darf gerne wiederkommen. 

Ansonsten sind unsere Nistkästen leider wieder nicht angenommen worden. Das lag vermutlich daran, daß wir in der kritischen Phase zu aktiv im Garten waren und die Meisen verschreckt haben. Einmal haben wir ein Kohlmeisenpärchen beobachtet, wie es einen der Kästen inspizierte. Das war am Tag, bevor wir unser Bäume geschnitten haben - womöglich haben sie den Baum nicht mehr wiedererkannt. Hübsch ist es aber, daß manche der Meisen - eine Kohlmeise und eine Blaumeise - ans Futterhaus kommen, auch wenn ich gerade auf  der Terrasse sitzen - jedenfalls, wenn ich ganz still sitze und möglichst noch das Atmen einstelle. Sie setzt sich dann immer auf unsere Teppichstange und wirkt ein bißchen mit sich uneins, ob sie es riskieren soll oder nicht, manchmal schimpft sie mich auch aus. Ab und und zu fliegt sie dann doch wieder weg, aber meistens kommt sie jetzt heran, um sich am Futterhaus eine Erdnuß oder einen Sonnenblumenkern zu holen. Mal sehen, wieviele Sonnenblumen uns die Meisenbesuche bescheren werden. 

Das Rotschwänzchenmännchen - seine Allerliebste habe ich bis jetzt freilich noch nicht gesehen - ist auch aus seinem Winterdomizil zurückgekommen und ständig zu hören und manchmal auch zu sehen. Vermutlich ist es derselbe wie letztes Jahr, denn er ist sehr unerschrocken. Heute vormittag hat er unsere Terrasse inspiziert und sich nicht durch meine Anwesenheit dabei stören lassen.

Das Amselpärchen - mindestens das Männchen ist ein anderes als letztes Jahr, es singt nämlich anders - hat uns heute auch im Garten beehrt. Der Amselhahn inspizierte den Rand des Gartenwegs, wo ich gerade das Unkraut entfernt hatte, und die Menge der Insekten und Würmer fiel offenbar zu seiner Zufriedenheit aus, denn später kam er samt Gattin noch einmal, und sie machten eine kleine Runde zu Fuß durch den vorderen Garten.  

Die Mausefallen habe ich jetzt weggeräumt, da wir nun seit fast vier Wochen keine Mäuse mehr gehabt haben. Die fühlen sich jetzt alle im Freien so wohl, daß sie wohl vor dem späteren Herbst nicht mehr nach einem Dach über dem Kopf suchen werden. An unserem Dachspitz ist für so ein Mäuschen ja nur der Schutz vor Kälte interessant. Im Herbst werden die Fallen dann wieder scharfgestellt. 


Freitag, 20. März 2026

Sozialdemokraten an die Zapfhähne?

Mein Gewicht heute früh nach dem dritten von vier viertägigen Fastenintervallen in vier Wochen: 72,8 Kilogramm. Das ist so na ja, aber erfreulich ist, daß ich vom Körpergefühl her tatsächlich weniger geworden sein muß. Mittlerweile ist es nämlich oft nicht mehr ganz leicht, hier Unterschiede festzustellen, weil meine Verdauung seit der Chemo häufig so langsam geworden ist, daß ich oft das Gefühl habe, um den Bauch herum mehr zu sein, als ich es in Wirklichkeit bin. Ich habe ja das Gefühl, daß es inzwischen wieder normaler wird, also für immer längere Phasen normal ist, aber dazwischen habe ich halt doch immer noch öfter, als es mir lieb ist, diese Beton-im-Gedärm-Phasen. Wie soll man damit ein normales Körpergefühl haben?

Nächste Woche ist das letzte der vier langen Fastenintervalle, die ich eigentlich wieder als Endspurt geplant hatte, mir das Erreichen des Zielgewichts dann aber - gegen jede Erwartung - doch wieder abschminken mußte. Grund ist, daß die Low-Carb-Phasen diesmal eine deutlich geringe Wirkung gezeigt haben. Ich werde mir also etwas Neues ausdenken müssen, um mein Zielgewicht doch noch zu erreichen, aber das habe ich jetzt, glaube ich, oft genug wiederholt und werde nun damit aufhören, es immer wieder vorzubeten. Was das sein soll, weiß ich im Moment noch nicht genau, aber das wird sich wohl früher oder später finden. 

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So viel Neues gab es in meinen Interessenbereichen gar nicht.  

Eine interessante Meldung fand ich aber den ntv-Bericht über eine Studie, nach der schwere Covid-Verläufe auch das Lungenkrebsrisiko erhöhen. Das ist ein Indiz dafür, daß mein Verdacht, daß Infektionen (aller Art) bei Krebserkrankungen (aller Art) nach wie vor unterschätzte Risikofaktoren sind, nicht so ganz unberechtigt ist. Für Grippe soll es ganz ähnlich sein - aber nur bei schweren Verläufen. 

Aus Blickwinkel der Seyfriedschen Mitochondrien-Theorie ergibt beides sogar noch viel mehr Sinn als wenn man die aktuell für wahr gehaltenen Krebstheorien für richtig hält, da einfache Infektionen weniger Schäden innerhalb der Zelle an den Mitochondrien anrichten sollten als schwere Infektionen. Glaubt man an die aktuellen Krebsentstehungsmodelle, ist der Zusammenhang hingegen ein rein statistischer, einen naheliegenden Kausalzusammenhang gibt es für Mutationen des Zellkerns nicht, darauf wies auch der ntv-Bericht hin. 

 

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Aber wenn ich schon gerade beim Lungenkrebs bin ... ein aktueller Anlaß legt es mir nahe, mal wieder das Thema Rauchen aufzugreifen, in einer Weise, die vermutlich ein bißchen überraschend ist. 

Für einen Raucher wie mich ist das zwar kein allzu überraschendes Bekenntnis, auch wenn viele Raucher mittlerweile das Gegenteil behaupten: Ich habe das Rauchverbot in der Gastronomie seinerzeit - das ist nun auch schon wieder fast zwanzig Jahre her - für eine bemerkenswert schlechte Idee gehalten und bin dieser Meinung immer noch. Aber nicht deshalb, weil ich mich als Raucher damit diskriminiert oder unterdrückt fühlte.Obwohl ich Nichtrauchergastronomie nach wie vor meide, wenn es nicht die Höflichkeit gebietet, sie mit anderen zusammen aufzusuchen. Aber es gibt ja keine Gaststättenbesuchspflicht, und schon vorher galt ja das Prinzip: Wenn ich mich in einem Lokal nicht wohlfühle, dann gehe ich halt nicht hin. Die Gastronomie verdient an mir deshalb seit etlichen Jahren viel weniger als vor dem Rauchverbot, aber falls sie an meiner Stelle einen Haufen zusätzliche nichtrauchende Gäste gewonnen haben sollte, dann sei ihr das, was mich betrifft, von Herzen gegönnt. Ich muß ja nicht unbedingt dauernd auswärts essen. Immerhin koche ich ja selbst gut und gerne. 

Meine damaligen Einwände gegen ein gesetzliches Rauchverbot in der Gastronomie hatten etwas mit der erwähnten Freiwilligkeit von Gaststättenbesuchen zu tun, die ja für Raucher wie für Nichtraucher gleichermaßen gilt. Aus Perspektive des Geschäftsinhabers, der mit Leuten seinen Lebensunterhalt verdient, die (absolut freiwillig) seine Gaststätte aufsuchen und dort konsumieren, fand ich die Veränderung der zugehörigen Geschäftsgrundlage mit dem damit verbundenen Risiko eines Gästeschwunds eine ziemliche Zumutung, und zwar in meiner Eigenschaft als Selbständige, die das bei ihrer eigenen Geschäftsgrundlage auch nicht sonderlich angenehm fände. Der Gesetzgeber hätte außerdem eine Reihe anderer Möglichkeiten gehabt. Eine davon wäre ein Bestandsschutz für bestehende Lokale (und die Möglichkeit sowie ggf. Anreize, freiwillig selbst Nichtraucherbereiche einzurichten) und ein Rauchverbot als Regelfall für neu eröffnende Lokale gewesen. Das hätte die wirtschaftlichen Turbulenzen für die Gastronomie wegen der Umstellung erheblich verringert und damit auch die eine oder andere Pleite verhindert, aber wegen der hohen Fluktuation im Gastgewerbe relativ schnell dazu geführt, daß der Anteil der Lokale, in denen geraucht werden darf, immer geringer geworden wäre. 

Die Gastronomie als Ganzes hatte sich natürlich innerhalb einiger Jahre gut an die Gegebenheiten angepaßt, und statistisch würde sich ein Gaststättensterben in der Breite nicht nachweisen lassen. Das liegt daran, daß die Fluktuation in der Gastronomie, wie erwähnt, generell hoch ist und mit dem Rauchverbot unrentablere Geschäftsmodelle bei Betriebsaufgaben durch besser an diese Gegebenheit angepaßte ersetzt wurden. 

Jedenfalls war das in Innenstädten und viel von Touristen frequentierten Gebieten so. 

In (untouristischen) Dörfern und sogar schon in unscheinbareren Vorstädten - überall dort, wo ein Lokal nicht mit viel Laufkundschaft rechnen kann -  ist es aber anders. Das Gaststättensterben auf dem Land, über das auch die Medien regelmäßig berichten, habe ich schon vor zehn Jahren beobachtet, wenn ich, wie ich das viele Jahre lang tat, auf mehrtägige Wanderungen ging, bei denen ich unterwegs zwei bis drei Übernachtungen einplante. Daß ich fast immer in gähnend leeren Lokalen mein Abendessen einnehmen mußte, fand ich schon auffallend. In einem Lokal war außer mir nur noch ein stark angetrunkener Mann anwesend, der am Tisch saß, der der Theke am nächsten lag, und die Bedienung entschuldigte sich ununterbrochen bei mir für diesen unpassenden Gast. Aber gerade dieser Mann zeigte mir, was in diesem Lokal nicht stimmte. Innerhalb einer fröhlichen Stammtischgruppe mit unterschiedlichem Alkoholpegel wäre er nämlich gar nicht weiter aufgefallen. Aber das Lokal war natürlich überhaupt nicht mehr auf Stammtische ausgelegt, sondern verstand sich als reines Speiselokal - am Essen war auch tatsächlich nichts auszusetzen. Aber wo findet man auf dem Dorf eine ausreichend große Zielgruppe, um ein solches Lokal rentabel zu führen? Ich sehe das bei uns am Ort, wo die letzte traditionelle Dorfwirtschaft vor acht Jahren aus Altersgründen der Inhaber geschlossen wurde. Jahrelang stand das Lokal leer, vor drei Jahre versuchte es dann ein Restaurant, mußte aber nach zwei Jahren wieder aufgeben. Vor ein paar Wochen hat jetzt ein Asiate aufgemacht. Ob er sich halten kann, wird man sehen. 

Ein Dorf bräuchte halt eine Dorfwirtschaft, und eine Dorfwirtschaft braucht alle Arten von Gästen, von den Essensgästen von innerhalb und außerhalb des Orts über die Stammtische und Kartenspielrunden bis zu denen, die nur an der Theke ein Feierabendbier trinken wollen. Dann reicht es auch, um von so einem Lokal leben zu können. Dieses Konzept hat bis zum Rauchverbot auch noch funktioniert. Danach tat es das nicht mehr. Die Stammtischrunden wurden weniger, hielten sich weniger lang auf und konsumierten weniger. Sogar dort, wo Raucherbereiche eingerichtet werden konnten, funktionierten sie häufig nicht, wenn Raucher auf Nichtraucher in der Runde Rücksicht nehmen wollten und man sich im Nichtraucherbereich traf und nur ab und zu auf eine schnelle Zigarette in den Raucherbereich ging. Für den Wirt waren Raucherbereiche dann umsatzlose Zonen und die Runde machte den Beteiligten weniger Spaß. 

Bis so etwas zu Schließungen führt, das dauert auf dem Dorf aber viel länger als in Städten. Viele Dorfwirtschaften waren etwa in der Hand der Besitzer des betreffenden Gebäudes, manchmal immer noch in Verbindung mit einer Metzgerei und häufig in Kombination mit einfachen Übernachtungsgelegenheiten. Da geht man so schnell nicht pleite. Daß sich die Sache eigentlich schon lange nicht mehr gerechnet hatte, zeigt sich oft erst, wenn aus Alters- oder Gesundheitsgründen ein Nachfolger gefunden werden müßte, aber wegen der fehlenden Rentabilität nicht zu finden ist. Also sind mittlerweile nicht mehr allzu viele Dorfwirtschaften zu finden, und denjenigen, die es noch gibt, haben seitdem zusätzlich noch Corona, steigende Lebensmittelpreise, gestiegene Energiekosten und fehlendes Personal zugesetzt, was den Prozeß weiter beschleunigt hat. Schon vor dem Rauchverbot eingesetzt hatten außerdem veränderte Ausgehgewohnheiten und generell sinkender Alkoholkonsum. Das Rauchverbot ist also nur einer von zahlreichen Faktoren, die zu dieser Entwicklung geführt haben.

Wenn bei einem komplexen System wie den typischerweise ebenfalls zahlreichen Auslösern einer Krebserkrankung die Prävention bei der Vermeidung aller einigermaßen leicht vermeidbaren Risikofaktoren ansetzt, dann hätte man einem Gaststättensterben auf dieselbe Weise entgegenwirken können, wenn man es nur für wichtig gehalten hätte, so etwas zu verhindern. Corona ließ sich nicht verhindern. Die Preisanstiege für Lebensmittel und Getränke auch oder jedenfalls nur bedingt.  Beim Rauchverbot hätte man aber auch das Überleben der betroffenen Gastronomie mit zu einer der Zielstellungen machen können (und, siehe oben, dafür auch praktikable Lösungen finden können), und hat dies unterlassen. Ob man gar nicht auf die Idee kam, eine Gefährdung zu vermuten, oder ob es der Politik einfach egal und als Kollateralschaden einkalkuliert war, kann ich nicht sagen. 

Daß dies zur Destabilisierung des Gefüges der Gesellschaft mit beigetragen hat, dafür gibt es Hinweise. Das ist kein Witz. Es gibt wissenschaftliche Ergebnisse, die dies belegen können. 

In Frankreich nämlich wurde ein Zusammenhang zwischen schließenden sogenannten "Bar-Tabac"-Kneipen und einer Zunahme von Wählern rechtspopulistischer Parteien in einer Studie ermittelt. Die Stammtische mit ihrem notorisch schlechten Ruf waren wohl insgeheim doch ein ganz gutes Korrektiv - man mußte die Meinungen anderer Leute am Tisch aushalten und sich mit ihnen auseinandersetzen. Die neuen Online-Stammtische in den sozialen Medien hingegen kann man mit lauter Gleichgesinnten bestücken und alle anderen blockieren. Wir haben mit unserem Dorf noch Glück gehabt: Ein Verein ist eingesprungen und dort trifft man sich einmal die Woche, um Neues zu erzählen und zu hören - und nebenbei anderer Leute Meinungen zu ertragen, die man nicht teilt. Aber ein Verein muß auch keine Gewinne machen, die einem Wirt die Existenz sichern. Auf diese Weise geht die Sache dann doch wieder, jedenfalls solange man ehrenamtlich Engagierte findet, die bereit sind, Zeit und Energie in diese Tätigkeit zu stecken. 

Nun stellt sich aber außerdem heraus, daß das Wirtshaussterben für die AfD zu einem strategischen Faktor geworden ist. Denn es wurde jedenfalls in der AfD Rheinland-Pfalz mittlerweile die Strategie entwickelt, sich in leerstehende Wirtshaus- und vergleichbare Gebäude einzumieten und sie wieder zum - nunmehr AfD-geführten - dörflichen Dreh- und Angelpunkt zu machen, der sie früher einmal gewesen sind. Die TAZ berichtete im Zusammenhang mit dem Wahlkampf in Rheinland-Pfalz darüber. Als Normalisierungsstrategie ist dieses Vorgehen der AfD geradezu genial, wenn und wo sie aufgeht, sie also nicht an Protesten scheitert, wie sie in den beschriebenen Beispielfall am Ende zur Kündigung des Mietverhältnisses führten. Damit füllt die AfD eine Lücke im dörflichen Gefüge, die zu ihrem Erfolg selbst mit beigetragen hatte und die man alleine schon deshalb niemals hätte aufreißen lassen dürfen. 

Ob dort geraucht werden darf oder nicht, spielt übrigens keine große Rolle mehr, denn erstens ist das Thema Rauchen in der Gastronomie sowieso schon lange gegessen - ich bin nahezu die einzige, die nachtragend genug ist, um immer noch darüber zu sprechen -, und zweitens muß eine parteistrategische Maßnahme sich ja genau wie ein Vereinsangebot auch nicht nach betriebswirtschaftlichen Gesichtspunkten rentieren. Jedenfalls nicht vor der Machtergreifung, danach werden die AfDler genauso die Sau rauslassen wie alle, die sich in den USA durch Donald Trump bereichern können, an der Spitze Trump selbst und seine verkommene Familie.

Mit dem Rauchverbot ist es wie mit der neuen Rechtschreibung: Es wäre sinnlos, es wieder rückgängig zu machen, obwohl die konkrete Ausgestaltung in beiden Fällen echt keine Glanzleistung gewesen ist. Aber es spräche nichts dagegen, von dieser Initiative der AfD etwas zu lernen: Die haben die Bedeutung der Dorfgaststätten erkannt. Niemand würde die anderen Parteien daran hindern, dies ebenfalls zu erkennen und sich ein paar eigene Weichenstellungen zu überlegen. Gerade die mittlerweile ja aus dem vorletzten Loch pfeifende SPD hätte außerdem allen Grund, den "normalen Leuten" wieder häufiger aus der Nähe zu begegnen, zu hören, was für Themen sie umtreiben, und daraus zu lernen, anstatt sich nur noch im eigenen Biotop zu tummeln und dort den guten alten Zeiten nachzutrauern. In diesen guten alten Zeiten haben die Sozialdemokraten Vergleichbares ja auch gemacht, von Arbeitersportvereinen bis zu Arbeiterbildungsstätten. Kneipen gab es damals hingegen genug. Heute ist es umgekehrt, wer sich bilden will, braucht keine SPD. Aber vielleicht würde man bei ihr ja ein Feierabendbier trinken, wenn es dieses Angebot gäbe? 

Ich bin nun wirklich kein Fan der SPD. Aber einer feindlichen Übernahme der wegen mangelnder Rentabilität geschlossenen Gastronomie durch die AfD wäre sie allemal noch vorzuziehen. 

 

Mittwoch, 11. März 2026

Zahnweh, Bruttosozialglück und Robert Bosch. Gedanken zum Gender Pay Gap

Mein Gewicht heute früh nach zwei von vier Fastentagen: 74,9 Kilogramm. Das ist okay nach der Umstellung von Low Carb auf Normalkost, aber fast in Ohnmacht gefallen bin ich am Montag, begonnen habe ich nämlich mit 79,2 Kilogramm. Das war eine Art Überreaktion auf die Ernährungsveränderung, glaube ich, dafür habe ich in zwei Tagen so viel Gewicht verloren wie während Low Carb innerhalb von vier Tagen - so viel macht das Wasser aus, das man mehr als mit Low Carb gespeichert hat. Trotzdem beißt die Maus keinen Faden ab: Die Wirkung von Low Carb war diesmal unter dem Strich beinahe gleich null, und darüber bin ich schon enttäuscht. Damit ist außerdem absehbar, daß ich nicht damit rechnen kann, bis Ende März mein Zielgewicht zu erreichen.

Das ist aber auch wie verhext. Alle emotional bedeutenden Schallmauern wehren sich besonders hartnäckig. Die 100-Kilo-Grenze und die 90-Kilo-Grenze haben sich auch ziemlich energisch gewehrt. Aber diesmal hätte ich eigentlich am Ziel ankommen müssen, wenn nur, tja, die Wirkung von Low Carb nicht ausgeblieben wäre. 

Ich weiß noch nicht, was ich genau aus dieser Erkenntnis machen werde. Aber kommt Zeit, kommt Rat. Jetzt ist jedenfalls einer dieser Momente, in denen ich froh sein kann, daß mir Fasten so leicht fällt und das kleine Teufelchen keine Munition hat, um mich in Versuchung zu führen, es doch einfach bleibenzulassen. 

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David Ludwig gehört zu der Minderheit der Wissenschaftler, die in der Ernährungsfrage auf der "richtigen" Seite stehen, also das Kohlenhydrat/Insulin-Modell für richtig halten, und dazu auch schon wiederholt Studien publiziert haben. Ihm scheint es aber ein bißchen wie Prof. Seyfried zu gehen, man versucht ihn angestrengt zu ignorieren. Jetzt hat Ludwig dem ernährungswissenschaftlichen Mainstream eine Breitseite auf der Metaebene verpaßt, nämlich in einem Fachjournal eine Abhandlung dazu publiziert, wie wissenschaftliche Erkenntnisse sich verbreiten - nämlich nicht, wie sich viele das vorstellen, linear, sondern in Erkenntnissprüngen, der eine mehr oder weniger lange Phase vorausgeht, in der sich der Mainstream erfolgreich gegen eine Veränderung seines Weltbilds zur Wehr setzt. Zusätzlich zum Fachartikel publizierte Ludwig auch noch eine andere Version auf Medium, anscheinend eine Vor-Version mit leichten Abweichungen. 

Ob er damit mehr Aufmerksamkeit auf seine Arbeit lenken kann, wird man sehen. Neu ist, daß nun auch Ludwig in einer Studie eine positive Wirkung ketogener Ernährung auf Krebs gefunden hat und darauf bei Twitter aufmerksam machte. Von Prof. Seyfried hat er bestimmt auch schon gehört, aber dies hier scheint davon unabhängig zu sein. 

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Aber heute möchte ich mich mal wieder zu einem ganz anderen Thema ausgiebiger auslassen, das allerdings auch etwas mit populären Lebenslügen zu tun hat, die man teils deshalb nicht aufgeben will, weil sie einem so schön ins eigene Konzept passen, teils aber wohl einfach die falschen Werte betrachtet und daraus nur falsche Schlußfolgerungen ziehen kann. 

Zum Equal-Pay-Day brachte ver.di nämlich einen Bericht über den Gender Pay Gap. Das Besondere daran, ist, daß in diesem Bericht ausnahmsweise mal ein sonst gerne übersehener Elefant im Raum angesprochen wurde: In der freien Kulturbranche (und wie ich vermute in den meisten anderen Formen der Selbständigkeit) ist die Differenz zwischen den Einkommen von Männern und Frauen nämlich noch ein gutes Stück höher als bei Angestellten in Unternehmen. Darüber wird nur ziemlich selten gesprochen. Mir ist es seit fast zwei Jahrzehnten bekannt und es irritiert mich schon länger, daß darüber kaum gesprochen wird. 

ver.di nun zu dieser Sache:  

Im Bereich Wort/Literatur und damit auch in der Berufsgruppe der Journalistinnen sind die durchschnittlichen Einkommen am höchsten.  Dennoch liegt der Gender Pay Gap auch hier bei 21 Prozent – Frauen verdienen durchschnittlich 21.629 Euro, Männer 27.360 Euro. Insgesamt sind die Einkommen oft so niedrig, dass viele Frauen zusätzliche Jobs benötigen. Studien zeigen: Nur eine Minderheit erzielt ein auskömmliches Einkommen, wenige Spitzenverdienende stehen einer großen Zahl prekär Arbeitender gegenüber.

Ich bin so frei, beide Werte mal zu aktualisieren: Aktuell sind es laut Künstlersozialkasse bei Frauen 22.586 und bei Männern 28.325 Euro. Diese Einkommen sind für beide Geschlechter trotzdem so niedrig, daß ich erwähnen sollte, daß ich die Werte bei der Künstlersozialkasse, und zwar bei beiden Geschlechtern, nicht vollständig glaubwürdig finde. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung als KSK-Versicherte mit einem Jahreseinkommen, das fast doppelt so hoch liegt wie das des männlichen Durchschnitts, obwohl meine Stundensätze nach meinem Kenntnisstand nur durchschnittlich sind. 

Leider verrät die KSK nicht den zeitlichen Umfang der Tätigkeit ihrer Versicherten, vermutlich, weil sie ihn einfach nicht kennt. Die Frage ist: Wieviele der dort Versicherten versuchen wirklich, ihren Lebensunterhalt damit vollständig zu bestreiten? Einen Hinweis gibt, daß ver.di der Meinung ist, wegen ihres niedrigen Verdienstes müßten viele von ihnen etwas in anderen Bereichen hinzuverdienen. Es könnte aber auch umgekehrt sein. Im Jahr nach der Flüchtlingskrise fingen nämlich aus dem Bereich Wort viele an, auch Deutschkurse zu geben - damals wurden Lehrkräfte so händeringend gesucht, daß man Quereinsteiger aus sprachlastigen Bereichen gerne genommen hat. Ein Teil davon wird auch dauerhaft dabei geblieben sein und hatte logischerweise nun weniger Kapazitäten für ihr freiberufliche Tätigkeit. Gut möglich, daß auch der Schwund an Freiberuflerin im Bereich Wort damit zusammenhängt, daß manche ganz beim Lehrberuf geblieben sind. Es sind in den letzten zehn Jahren nämlich im Bereich Wort jedes Jahr weniger Versicherte geworden. 2015 waren es noch mehr als 43.000. Davon sind 2025 gerade mal 37.000 übriggeblieben. 

Es wäre aber sonderbar, wenn diejenigen, die weiter bei ihrer Beschäftigung blieben, ausgerechnet diejenigen gewesen sein sollten, die die größten Probleme damit hatten, sich damit über Wasser zu halten. Mir fällt aber generell auf, daß die Freiberuflichkeit immer weniger Leute zu verlocken scheint. Ich habe noch keine Ahnung, wem ich meine Kunden anvertrauen soll, wenn ich einmal in den Ruhestand gehe. Freiberuflichen Nachwuchs gibt es mittlerweile nämlich kaum noch.

Ich nehme an, die niedrigen durchschnittlichen Jahreseinkommen lassen sich teils so erklären, teils aber auch durch strukturelle Anreize bei der Künstlersozialversicherung, sein Einkommen zu niedrig anzugeben. Die Differenz zwischen Männern und Frauen dürfte mit Familienphasen zusammenhängen, in denen gerade Freiberuflerinnen bessere Möglichkeiten als andere haben, ihren Arbeitsumfang so anzupassen, daß sie sich nicht unnötig im Alltag abhetzen müssen. 

ver.di formuliert die Sache natürlich ein bißchen anders. Gewerkschaften suchen natürlich immer nach Schuldigen - und finden sie für gewöhnlich auch. So auch dieses Mal: 

Mögliche Ursachen der Einkommenslücke, so ver.di, sind fehlende Honortransparenz, unsichere Verhandlungen, Teilzeitstrukturen durch ungleiche Sorgearbeit sowie sexistische Branchenstrukturen. Öffentliche Kulturkürzungen verschärfen den Konkurrenzdruck überdies und schwächen die Verhandlungspositionen – insbesondere von Frauen.

Das finde ich alles wenig beeindruckend. Zum in Wirklichkeit nichtexistenten Konkurrenzdruck jedenfalls in meinem Bereich habe ich mich ja bereits geäußert. Fehlende Honorartransparenz liegt in der Natur der Sache, wo immer Honorare frei ausgehandelt werden und ich wüßte nicht, warum das verkehrt sein sollte. Die Teilzeitstrukturen werden hier implizit negativ gewertet, was sie keineswegs verdient haben - jedenfalls, wenn es um Halbtagsbeschäftigung oder mehr geht. Irgendwann werde ich dazu vielleicht mal einen ganzen Blogartikel schreiben müssen. Auf Verhandlungen und Verhandlungspositionen werde ich weiter unten noch ausführlicher eingehen. 

An dieser Stelle befindet sich aber noch ein zweiter Elefant im Raum. Und zwar der, daß das männliche Honorar als Norm gesetzt wird, an der sich das, was Frauen ausgehandelt haben, messen muß. Wobei Frauen gemessen an dieser Norm im Durchschnitt schlechter abschneiden. 

Rundheraus: Ich halte das für üble sexistische Scheiße. 

Die sexistische Scheiße zusätzlich noch mit Paternalismus würzen, macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Es ist übergriffig, wenn es mir ständig als angebliche Selbstverständlichkeit vorgesetzt wird, das, was ein Mann an meiner Stelle täte, sei die Norm, und wenn ich die nicht erfülle, stimme etwas an den Kriterien nicht, mit denen ich über meine Honorarangebote entschieden habe. 

Machen wir doch mal eine Logikprobe: 

Bitte alle mal melden, die der Meinung sind, ich sollte meinen Mietern den maximal möglichen Betrag als Miete abverlangen, anstatt mich an die Vorgaben des Mietspiegels zu halten, um bei den erzielten Quadratmetermieten auf Augenhöhe mit dem zu sein, was andere Vermieter verlangen. 

...

Komisch, ich hör gar nix. Wenn das gegenüber Mietern nicht so gesehen wird, warum sollte ich es dann aber bei meinen Kunden anders machen? 

Ich kalkuliere das, was ich von ihnen haben will, nämlich bei beiden, Mietern wie Kunden, nach demselben Prinzip: Ich möchte preislich in der Nähe des Durchschnitts liegen. Dafür habe ich eigennützige Gründe, denn dabei komme ich unter dem Strich beim für mich bestmöglichen Ergebnis heraus. Der Unterschied zur finanziellen Optimierung mittels Maximalpreisen besteht bei meiner Art der Optimierung darin, daß mein "bestmögliches Ergebnis" nicht den maximal möglichen Betrag je Quadratmeter oder Arbeitsstunde bedeutet, sondern das optimale Verhältnis von Jahreseinkommen und Lebensqualität. Will heißen: Ich möchte die Stundenhonorare und Quadratmetermieten, die mir das bestmögliche Jahreseinkommen bei geringstmöglichen unbezahlten Nebenarbeiten und bei maximaler Nervenschonung verschaffen. Durch die zusätzlichen Faktoren, die ich mit einbeziehe, unterscheidet sich meine Kalkulation von der Art der Optimierung, die allen Gender-Pay-Gap-Kalkulationen zugrundeliegt, ungefähr so, wie sich auch Bhutans "Bruttosozialglück" von unserem Bruttosozialprodukt unterscheidet. 

Der Gender Pay Gap besteht in meinem Fall, nehme ich die Durchschnittszahlen der KSK wörtlich, übrigens, wenn überhaupt, dann nur beim Stundenhonorar, nicht aber beim jährlichen Betriebsgewinn.  Mein Betriebsgewinn würde auch den durchschnittlichen männlichen KSK-Versicherten vor Neid erblassen lassen ... falls sein angegebener Betriebsgewinn tatsächlich stimmt und dem Bestreben nach einer Arbeitsbelastung stammt, die einem Vollzeitjob entsprechen soll. 

Bei der Höhe des Honorars weder auffallend billig noch auffallend teuer zu sein, lohnt sich nämlich. Niedrighonorare, also Honorare, die auffallend weit unter dem Branchendurchschnitt liegen, sind für die meisten Kunden eher verdächtig als verlockend. Wer vernünftige Qualität haben will, läßt von so etwas von vornherein die Finger. Diejenigen, die zugreifen, sind dann aber nicht selten sogar überdurchschnittlich nervtötend im Umgang, weil sie bei dem verdächtigen Dienstleister alles besonders kritisch überprüfen und natürlich dann immer auch Kritikpunkte finden werden, und zwar auch dann, wenn die Qualität an sich auf Augenhöhe mit mir sein sollte. Aber die Kollegen mit den Maximalhonoraren haben ein ganz ähnliches Problem. Sie bekommen häufig Kunden, die, weil sie ja bereit sind, für beste Qualität beste Honorare zu bezahlen, Qualitätsvorstellungen haben, die gar nicht erreichbar sind, und sie erwarten ein nach unerreichbaren Maßstäben perfektes Arbeitsergebnis, wobei Qualitätssicherung aber nicht ihr Bier ist und oft genug sogar durch ihre eigene Wurstigkeit sabotiert wird. Sie erwarten außerdem, daß man auf Zuruf alles andere fallen läßt, was man gerade an anderen Arbeiten (für ganz ähnliche Kunden, wie sie selbst es sind) in der Hand hat, und auch ihre Zeitvorgaben sind oft nicht realistisch. Das alles führt dazu, daß gerade bei ihnen das Risiko, daß etwas schiefläuft, überdurchschnittlich hoch ist, und dann hat man ungünstigenfalls das Honorar vor Gericht einzuklagen, weil sie nicht zahlen wollen. Sowohl bei besonders niedrigen als auch bei besonders hohen Honorarforderungen kommt deshalb einiges an unbezahltem Mehraufwand zusammen, der im ersten Fall das gesamte Geschäftsmodell unrentabel macht und im zweiten Fall das höhere Honorar doch wieder relativiert. Die ramponierten Nerven bezahlt einem sowieso niemand. 

Bei Mietverhältnissen ist es ungefähr genauso. Man macht sich nur unglücklich, wenn man gar zu sozial denkt, weil Mieter das gar zu häufig keineswegs honorieren, sondern einen vielmehr für blöd halten und entsprechend mit einem umgehen. Aber wer besonders teuer vermietet, riskiert nicht nur häufigere und längere Leerstände, sondern hat auch Mieter, die für ihre überdurchschnittliche Miete natürlich auch etwas Überdurchschnittliches verlangen. Ersteres verringert die Rendite, letzteres erhöht den erforderlichen Zeitaufwand. Auch hier kann man durch eine unklug gewählte Quadratmetermiete seine Nerven mehr strapazieren, als es ein ein, zwei Euro pro Quadratmeter hin oder her wert sind. Wer als privater Vermieter nebenbei auch noch einem Beruf nachgeht, der merkt schnell, daß das Beste, was ihm passieren kann, Mieter sind, die sich nur an einen wenden, wenn es sich wirklich um etwas handelt, wofür sie ihren Vermieter brauchen, und sich ansonsten selbst zu helfen wissen, etwa wenn der Wasserhahn tropft. Und Mieter, die wissen, daß sie eine faire Miete bezahlen, sind da meistens durchaus aufgeschlossen. 

Die überwiegend männlichen Kollegen, für die möglichst hohe Honorare eine Frage der Ehre sind, machen meiner Meinung nach einen schlechteren Schnitt als ich und sich außerdem das Leben saurer, als es nötig wäre. Über Gebühr anspruchsvolle Kunden sind nämlich ungefähr so angenehm wie Zahnweh. Ich denke gar nicht daran, möglichst viel Geld so wichtig zu finden, daß ich dafür täglich Zahnweh aushalten muß. Wenn männliche Kollegen das typischerweise eher andersherum machen, dann ist das ihr gutes Recht, aber keinesfalls ein Vorbild, dem ich nachzueifern gedenke. Und ich ärgere mich deshalb jedes Mal, wenn solche Gender-Pay-Gap-Parolen mit solcher Selbstverständlichkeit suggerieren, ich müsse eigentlich das haben wollen, was diese männlichen Kollegen haben. Nein, will ich nicht! Ich bin meiner Lebtag noch nie scharf auf Zahnweh gewesen. 

Aber das ist natürlich auch nur die halbe Geschichte. 

Wahr ist nämlich ebenso, daß Verhandlungen um Geld Frauen wirklich oft merklich schwerer fallen - vor allem, wenn sie in einer schwachen Verhandlungsposition sind - und sie sich deshalb häufiger mit weniger als dem zufriedengeben, als sie eigentlich auch bei Anpeilen eines durchschnittlichen Ergebnisses verlangen könnten. Gleichzeitig gibt es einen Typus Mann, der so etwas gnadenlos bei Verhandlungen auszunutzen bereit ist. Außerdem entspricht es der Gewinnmaximierungslogik von Unternehmen, sich Verhandlungsschwächen zunutze zu machen. Deshalb werden Frauen auch in Honorarverhandlungen meinem Eindruck nach tatsächlich mit höherer Wahrscheinlichkeit übervorteilt als Männer. Die Frage ist freilich, wie man es verhindern soll, daß Frauen häufiger bereit sind, sogar unverschämt niedrige Angebote zu akzeptieren. Solche Angebote werden ja auch Männern gemacht, und die nehmen sie dann halt nicht an. Hier sehe ich, sofern es nicht in den Bereich des Sittenwidrigen gelangt, wenig Möglichkeiten, etwas zu verändern. 

Selbst erlebt habe ich etwas in dieser Art zum Beispiel bei den Kaufpreisverhandlungen der Wohnung meiner einstigen Nachbarin (für schon länger hier Mitlesende: die mit der Katze). Ich war gebeten worden, die finalen Kaufpreisverhandlungen zu führen, weil sie selbst sich das nicht zutraute. Tatsächlich haben der Käufer und ich uns schriftlich auf einen meiner Meinung nach auch fairen Preis geeinigt. Bei der  Besichtigung mit den Handwerkern ergab sich dann allerdings ein nicht vorhergesehener Faktor, der für den Käufer von beiden Seiten nicht erwartete und deshalb auch nicht eingepreiste Zusatzkosten bedeutete und deshalb ein Grund war, ihm im Preis noch einmal entgegenzukommen. Daß er ein neues Angebot machte, das niedriger war als das vorherige, war also eigentlich in Ordnung. Nicht in Ordnung war aber, daß er seinem neuen Angebot einen von vornherein niedrigeren Ausgangspreis zugrundelegte, als wir das schriftlich vereinbart hatten. Später, als die ganze Sache vorbei war, habe ich es diesem Mann klipp und klar gesagt: Wäre das meine Wohnung gewesen, dann hätte ich das Gespräch, als er seine neue Kalkulation darlegte, abgebrochen und die Suche nach einem Käufer noch einmal aufgenommen. So etwas tut man einfach nicht. Aber es war halt nicht meine Wohnung, sondern die der Nachbarin. Mir war klar, daß sie keinen neuen Käufer suchen wollte, sofern der, den sie hatte, nicht ganz absprang. Also riß ich mich zusammen und nahm den Mann stattdessen noch einmal in die Zange. Ich bin mir sicher, ich hätte wenigstens 10.000 Euro von den 20.000, die sein Gebot nun niedriger lag, als es auf Basis des zuvor vereinbarten Preises hätte sein müssen, noch gerettet. Aber die Nachbarin hat es mir dann selbst verdorben, indem sie mich auf einmal ohne Vorwarnung unterbrach und sagte, sie sei mit dem niedrigeren Gebot einverstanden. Der Käufer hat die Chance natürlich sofort genutzt und einen Vorvertrag mit ihr auf dieser Basis geschlossen. Da saß ich nun und fühlte mich wie ein Idiot. Es war aber wohl trotzdem sinnvoll, daß ich dabei war. Wäre die Nachbarin mit dem Typ alleine gewesen, wer weiß, was dann passiert wäre. 

Letztlich ging es aber nicht um mein Geld, sondern um das der Nachbarin. Der Kaufpreis lag immer noch innerhalb eines Rahmens, der akzeptabel war, wenn auch am unteren Ende. Was mich so irritierte, war etwas anderes, nämlich, daß sie die Begleitumstände einer aus meiner Sicht indiskutablen Verhandlungsstrategie des Käufers so bereitwillig zu akzeptieren bereit war, und das, obwohl sie sogar in einer ausgezeichneten Verhandlungsposition gewesen wäre - einen anderen Käufer für ihre Wohnung hätte ich ihr nämlich innerhalb von maximal zwei Wochen auftreiben können . Das ist ziemlich typisch weiblich, und es auszunutzen ist ziemlich typisch männlich, bzw. männlich geprägte Unternehmenslogik, falls ein Unternehmen im Spiel ist. Und so etwas nicht zu akzeptieren, ist der Punkt, an dem die Sache wiederum für mich immer, wenn jemand solche Spielchen mit mir versucht, zu einer Frage der Ehre wird. Ich kann es nun einmal auf den Tod nicht ausstehen, wenn jemand mich zu linken versucht. 

Wenn jemand mit Drucksituationen aber so schlecht klarkommt, daß er oder sie einen solchen Drang hat, sie sich schnellstmöglich wieder vom Hals zu schaffen, daß er/sie lieber dabei Geld verliert, als sie noch länger ertragen zu müssen, hat der Gesetzgeber keine Chance, ihm irgendwie zu helfen. Aus seiner/ihrer subjektiven Sicht ist das Ende der Drucksituation einfach mehr wert als das verlorene Geld. Gesetzliche Vorgaben ändern daran oft wenig: Wo kein Kläger, da nämlich kein Richter. und wer sich lieber über den Tisch ziehen läßt, als eine Drucksituation durchzustehen, der klagt ganz bestimmt nicht, weil er damit eine neue Drucksituation für sich selbst erzeugen würde. 

Die fünf Prozentpunkte hin oder her, die die Kluft zwischen Einkommen von Männern und Frauen bei Freiberuflern tiefer ist als bei Angestellten, könnte in etwa die Differenz beziffern, die dieser Faktor ausmacht.  

Die gesetzlichen Vorgaben, um jedenfalls schwerwiegende Benachteiligungen aus solchen Konstellationen heraus zu verhindern, sind natürlich trotzdem erforderlich und vernünftig. Einen Menschen vor sich selbst schützen zu wollen, mag sinnlos sein, aber vor allem in schwerwiegenderen Fällen (was bei meiner Nachbarin zum Glück nicht vorlag) müssen immerhin dessen Angehörige geschützt werden - oder eventuell auch die Allgemeinheit, falls jemand durch so etwas sogar in der Grundsicherung landen würde. Also, es ist gut, richtig und vernünftig, daß es Regeln gibt, die greifen, wenn ein Vertrag einen der Vertragspartner so sehr benachteiligt, daß ein Gericht es als sittenwidrig einkassiert, falls der Benachteiligte von der Möglichkeit, es einzuklagen, Gebrauch macht. Aber klar ist eben auch, daß eine Menge Betroffene diesen Weg nicht nutzen, weil er ihnen unerträglicher ist, als sich mit ihrer Benachteiligung abzufinden. Damit sind sie natürlich bei Verhandlungen von vornherein im Nachteil. Und wie sollte der Gesetzgeber daran etwas ändern können? Weil das meinem Eindruck nach so viel häufiger Frauen als Männer betrifft, behaupte ich: Der Teil des Gender Pay Gap, der wirklich auf Benachteiligung beruht, wird sich unter anderem aus diesem Grund niemals ganz schließen, egal wie viele gesetzliche Regelungen man einführt. Es ärgert mich immer, wenn so getan wird, als wäre das anders, wenn nur der Gesetzgeber das Richtige dagegen tun würde. 

Aber es gibt außerdem einen - meiner Vermutung nach größeren - Teil des Gender Pay Gaps, der nichts mit Benachteiligung zu tun hat, sondern mit rational kalkulierten unterschiedlichen Präferenzen bei Männern und Frauen. Wie läßt sich das aber beziffern? Vielleicht hilft ein Blick auf die Miete weiter, die ich bei meiner letzten Neuvermietung von meinen Mietern für eine 3-Zimmer-Wohnung verlangt habe: 990 Euro kalt. Diese Miethöhe halte ich für die optimale. Gerade habe ich Immoscout nach Vergleichsobjekten gleicher Größe in einem Radius von einem Kilometer zu meiner Wohnung befragt. Die Kaltmieten für unmöblierte Wohnungen dieser Größe fangen dort, Tauschwohnungen und ein Objekt mit Sonderfaktoren ausgenommen, bei 1150 Euro an. 

Der Gender Pay Gap in meiner Eigenschaft als Vermieterin entspricht, wenn ich meine Wohnung mit der nächstpreisgünstigsten vergleiche, also um die 160 Euro. Das sind fast genau 14 Prozent. Das spricht meiner Meinung nach dafür, daß ein großer Teil der 16 Prozent Gender Pay Gap in Anstellungsverhältnissen nicht auf Benachteiligung, sondern auf die beschriebenen unterschiedlichen Präferenzen zurückzuführen ist, die rational begründet werden können und meiner persönlichen Meinung auch einen Mehrwert gegenüber der rein monetären Optimierung bieten können, und ich sehe keinen Grund, diesen Mehrwert dann nur deshalb nicht wahrzunehmen, weil einem Mann an der Stelle einer Frau ein paar Euro mehr im Monat lieber wären. Gleichzeitig sehe ich ja im Beruf, daß mein Jahreseinkommen das des Branchendurchschnitts bei Männern mit dieser Herangehensweise sogar übersteigt. Ich wäre nicht sonderlich überrascht, wenn ich auch in meiner Eigenschaft als Vermieter mit meinen moderaten Quadratmetermieten bei der Nettorendite die Nase vorn hätte. "Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne bezahle", brachte einst Robert Bosch dieselbe Philosophie auf den Punkt. 

Ich finde, solche Errungenschaften sollte frau sich nicht von irgendwelchen männlichen Rechenkünstlern wegreden lassen und dafür Zahnweh, das auch vermeidbar wäre, als alltägliche Begleiterscheinung der Arbeit akzeptieren müssen. Genauso, wie man sich als Vermieter den Umgang mit seinen Mietern nicht unangenehmer als nötig machen muß. Robert Bosch würde mir bestimmt zustimmen. 

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Die SPD wäre bei der Landtagswahl in BW mit gerade mal 5,5 Prozent beinahe nicht einmal mehr in den Landtag eingezogen. Nun war die SPD zwar im Ländle schon immer chancenlos, aber ich bin alt genug, um mich an Zeiten zu erinnern, als sie noch über 30 Prozent der Stimmen bekam. Das Absinken auf unter 30 Prozent in den Neunzigern war erkennbar dem Aufstieg der Grünen geschuldet, aber inzwischen hat die SPD, fürchte ich, eher ein AfD-Problem in ihrer einstigen Stammwählerschaft. 

 

Tatsächlich ist die AfD in den Altersgruppen, die sich größtenteils im Erwerbsleben befinden, gegenüber Jüngeren (unter 25) und Älteren (ab 60) auch deutlich überrepräsentiert, und würde man innerhalb der betreffenden Altersgruppen noch einmal nach Tätigkeit unterteilen, wäre der Wert bei den Arbeitern wahrscheinlich noch ein bißchen höher. 

Die SPD täte gut daran, damit aufzuhören, sich die Sache schönzureden, indem von der Zuspitzung auf die Spitzenkandidaten von CDU und Grünen geschwafelt wird. Ja, das hat die SPD Stimmen gekostet, aber maximal 5,5 Prozentpunkte. Das ist weniger, als sie in BW zwischen 2001 und 2006 verloren hat, das waren nämlich mehr als 7 Prozentpunkte. Und von den 25 Prozent der Landtagswahl von 2006 - also nach dem Verlust dieser sieben Prozentpunkte - kann die BW-SPD seitdem nur noch träumen. 

Die SPD hat meiner Meinung mit der Agenda 2010 ihre einstigen Stammwähler politisch heimatlos und damit anfällig für die Parolen der AfD gemacht. 

Was mich an der Grafik irritiert: Wie Arbeitslose gewählt haben, hat bei der ARD wohl niemanden interessiert? Das ist schade, denn mich hätte es interessiert, ob bei ihnen die AfD noch stärker gewesen ist oder vielleicht doch die Linkspartei oder eine der Sonstigen häufiger gewählt wurden. 

Eine interessante Äußerung las ich in einem TAZ-Interview mit einem Soziologen: 

Als wir vor einigen Jahren bei Mercedes in Baden-Württemberg geforscht haben, war der Ehrverlust ein entscheidender Punkt: Die Arbeit als ehrwürdiges Tun – das gehört zur Industriearbeiterschaft immer ganz stark dazu. Das wird nicht mehr ausreichend gesellschaftlich, politisch respektiert – auch nicht seitens der SPD. Das führt nicht gleich nach rechts außen, aber kann von Rechtsradikalen instrumentalisiert werden, indem man es in Außenseiterstolz umwandelt.

AfD-Wähler aus verlorener Ehre also? 

"Ehrverlust", das klingt irgendwie anachronistisch, aber es trifft die Sache, glaube ich, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ganz gut. Man hat schon öfter das Gefühl, der Mensch fängt erst mit dem Abitur oder besser noch dem Bachelor an. Leute, die sich bei der Arbeit die Hände schmutzig machen, zählen irgendwie nicht mehr. Umgekehrt hatte ich aber auch das Gefühl, als wir in unser gallisches Dorf gezogen sind, daß wir unter anderem auch deshalb dort so freundlich in die Mitte der Dorfgemeinschaft aufgenommen wurden, weil zumindest mein Mann einen total normalen Beruf hat wie andere Leute hier auch, und meiner damit wohl als normal ehrenhalber betrachtet wird. Ich glaube, einem Akademikerehepaar gegenüber wären die Leute reservierter, in Gesprächen klingt manchmal an, daß man diese oder jene Person mit einem entsprechenden Beruf für etwas abgehoben, wenn nicht gar dünkelhaft hält. 

Blöd-Zeitung hin, sozialen Medien her: Das Grundgefühl, mit dem der Neid auf Leute geschürt wird, die vermeintlich leistungslos alles bekommen, was sie selbst sich im Schweiße ihres Angesichts erarbeiten müssen, hat die Neoliberalisierung speziell der SPD seit Schröders Zeiten als eine der wichtigsten Ursachen. Das Gefühl des Ehrverlusts spielt dabei bestimmt eine Rolle, also der fehlende Respekt vor der Leistung von Leuten, die kein BWL- oder Politikstudium als Grundlage ihrer Erwerbsbiographie haben. 

Aber wo ist eine positive Perspektive für Arbeiter unter den demokratischen Parteien zu finden? Es scheint im Moment nirgends eine zu geben. 

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In meiner ersten von voraussichtlich drei Miteigentümerversammlungen dieses Jahr war auch das Gebäudeenergiegesetz auf der Tagesordnung, und auch wenn angekündigt wurde, daß es abgeschafft wird, ist es im Moment ja noch Stand der Gesetzgebung. Wir haben also lange und ausführlich darüber gesprochen, aber Abstimmungen auf das nächste Jahr verschoben, ausgehend von der Rechtslage, die dann bestehen wird. 

Was ich aus dieser Diskussion mitnehme: Niemand hat die ernsthafte Absicht, dauerhaft bei Gas-Etagenheizung zu bleiben. Gleichzeitig sind alle strikt gegen einen Umstieg auf Zentralheizung, nicht nur, weil dieser Umstieg schweineteuer wäre, sondern auch, weil es bis auf weiteres nur die Möglichkeit gibt, auf Gas-Zentralheizung umzusteigen. Den Sinn einer solchen Umstellung versteht kein Mensch. Mittlerweile kristallisiert es sich auch heraus, daß auf Basis der bestehenden Fernwärmenetze in der Stadt wahrscheinlich ein Fernwärmeanschluß in unserem Stadtteil gar nicht möglich wäre, weil die Kapazitäten des Fernwärmenetzes damit gesprengt würden. Hinzu kommt, daß ein Fernwärmeanschluß, wie ich gerade erst gelesen habe, die WEG voraussichtlich einen sechsstelligen Betrag kosten würde, falls er in Frage käme. Dafür bekäme man dann aber eine Heizlösung, die bekanntermaßen aktuell erheblich teurer als Gas ist und dies auch bei steigenden Gaskosten vermutlich noch geraume Zeit bleiben würde. 

Alle werden deshalb aufatmen, sollte das Ende des Paragraphen 71l im Gebäudeenergiegesetz tatsächlich kommen, und viele sitzen längst in den Startlöchern, um die Heizung in ihrer Wohnung umzustellen, sobald es dafür realistische Möglichkeiten gibt. Die HeatPump23 wurde in diesem Zusammenhang auch besprochen. Als Speerspitze des Fortschritts stellte sich ausgerechnet der Senior unter den Miteigentümern heraus, der schon hoch in den Achtzigern ist. Er nutzt neben seinem uralten Gas-Einzelofen wahrhaftig schon seit zehn Jahren eine Split-Klimaanlage zum Heizen seines Wohnzimmers. Den Einzelofen will er vor allem deshalb weiter behalten, weil "es ja auch mal einen Stromausfall geben" könne. Ich soll nächstes Jahr in der Versammlung berichten, wie meine Erfahrungen mit der Split-Anlage über den nächsten Winter gewesen sind, und dann wird ggf. auch über eine Genehmigung der WEG für die erforderlichen Außengeräte in meinen beiden Wohnungen abgestimmt, und ebenso über eine Genehmigung für ein Balkonkraftwerk in der Dachgeschoßwohnung - wobei aber noch unklar ist, ob sich das überhaupt rechnen würde, wenn es am Balkon angebracht wird. Vermutlich bringt das nur etwas, wenn es auf dem Balkondach erfolgt. Die Frage ist, wie teuer die Installation dort dann wäre - vielleicht ist das so teuer, daß ich doch lieber die Finger davon lasse. 

Jetzt muß das Gesetz nur noch so kommen, wie es angekündigt wurde. Ich bin mir nach diesem Meinungsbild sehr unterschiedlicher Miteigentümer einer WEG jetzt ziemlich sicher, daß sich die Frage der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zum Heizen von alleine lösen wird. Das ist ähnlich wie bei der Beleuchtung. Energiesparlampen waren kein adäquater Ersatz für Glühbirnen. LED, das mit wenigen Jahren Zeitverzögerung den Markt eroberte, hat ziemlich schnell dazu geführt, daß heute kein Mensch mehr den Glühbirnen nachtrauert. Attraktive Lösungen für Einzelwohnungen werden Gasthermen ziemlich schnell an den Rand des Aussterbens bringen. Niemand will die bloß aus Prinzip behalten. 

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Die ältere Tochter unserer Nachbarn hat mir vor ein paar Tagen, als ich im Garten war, um die Äste vom Bäumeschneiden durch den Häcksler zu jagen, erzählt, daß sie am liebsten auch Kartoffeln in ihren Hochbeeten anbauen würde, weil sie so gerne Kartoffeln ißt. Ich sollte mal die Eltern fragen, ob das für sie okay wäre, wenn sie bei uns im Garten ein kleines Kartoffeläckerle zum Selbstbetreuen kriegt - zum Geburtstag oder so. Die haben nämlich auf ihrer Seite kaum Platz für Beete. Ihr Garten ist kleiner als unserer und eher als Erholungsgarten gedacht - mit einer großen Terrasse mit Sitzmöglichkeiten, darum Rasen und ein großes Trampolin. Ein bißchen Naschobst und -gemüse haben sie schon, aber der Platz dafür ist halt begrenzt. Wir haben viel mehr mögliche Anbaufläche. 

Mäuse haben wir seit meinem letzten Beitrag gar keine mehr gehabt.