Mittwoch, 11. März 2026

Zahnweh, Bruttosozialglück und Robert Bosch. Gedanken zum Gender Pay Gap

Mein Gewicht heute früh nach zwei von vier Fastentagen: 74,9 Kilogramm. Das ist okay nach der Umstellung von Low Carb auf Normalkost, aber fast in Ohnmacht gefallen bin ich am Montag, begonnen habe ich nämlich mit 79,2 Kilogramm. Das war eine Art Überreaktion auf die Ernährungsveränderung, glaube ich, dafür habe ich in zwei Tagen so viel Gewicht verloren wie während Low Carb innerhalb von vier Tagen - so viel macht das Wasser aus, das man mehr als mit Low Carb gespeichert hat. Trotzdem beißt die Maus keinen Faden ab: Die Wirkung von Low Carb war diesmal unter dem Strich beinahe gleich null, und darüber bin ich schon enttäuscht. Damit ist außerdem absehbar, daß ich nicht damit rechnen kann, bis Ende März mein Zielgewicht zu erreichen.

Das ist aber auch wie verhext. Alle emotional bedeutenden Schallmauern wehren sich besonders hartnäckig. Die 100-Kilo-Grenze und die 90-Kilo-Grenze haben sich auch ziemlich energisch gewehrt. Aber diesmal hätte ich eigentlich am Ziel ankommen müssen, wenn nur, tja, die Wirkung von Low Carb nicht ausgeblieben wäre. 

Ich weiß noch nicht, was ich genau aus dieser Erkenntnis machen werde. Aber kommt Zeit, kommt Rat. Jetzt ist jedenfalls einer dieser Momente, in denen ich froh sein kann, daß mir Fasten so leicht fällt und das kleine Teufelchen keine Munition hat, um mich in Versuchung zu führen, es doch einfach bleibenzulassen. 

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David Ludwig gehört zu der Minderheit der Wissenschaftler, die in der Ernährungsfrage auf der "richtigen" Seite stehen, also das Kohlenhydrat/Insulin-Modell für richtig halten, und dazu auch schon wiederholt Studien publiziert haben. Ihm scheint es aber ein bißchen wie Prof. Seyfried zu gehen, man versucht ihn angestrengt zu ignorieren. Jetzt hat Ludwig dem ernährungswissenschaftlichen Mainstream eine Breitseite auf der Metaebene verpaßt, nämlich in einem Fachjournal eine Abhandlung dazu publiziert, wie wissenschaftliche Erkenntnisse sich verbreiten - nämlich nicht, wie sich viele das vorstellen, linear, sondern in Erkenntnissprüngen, der eine mehr oder weniger lange Phase vorausgeht, in der sich der Mainstream erfolgreich gegen eine Veränderung seines Weltbilds zur Wehr setzt. Zusätzlich zum Fachartikel publizierte Ludwig auch noch eine andere Version auf Medium, anscheinend eine Vor-Version mit leichten Abweichungen. 

Ob er damit mehr Aufmerksamkeit auf seine Arbeit lenken kann, wird man sehen. Neu ist, daß nun auch Ludwig in einer Studie eine positive Wirkung ketogener Ernährung auf Krebs gefunden hat und darauf bei Twitter aufmerksam machte. Von Prof. Seyfried hat er bestimmt auch schon gehört, aber dies hier scheint davon unabhängig zu sein. 

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Aber heute möchte ich mich mal wieder zu einem ganz anderen Thema ausgiebiger auslassen, das allerdings auch etwas mit populären Lebenslügen zu tun hat, die man teils deshalb nicht aufgeben will, weil sie einem so schön ins eigene Konzept passen, teils aber wohl einfach die falschen Werte betrachtet und daraus nur falsche Schlußfolgerungen ziehen kann. 

Zum Equal-Pay-Day brachte ver.di nämlich einen Bericht über den Gender Pay Gap. Das Besondere daran, ist, daß in diesem Bericht ausnahmsweise mal ein sonst gerne übersehener Elefant im Raum angesprochen wurde: In der freien Kulturbranche (und wie ich vermute in den meisten anderen Formen der Selbständigkeit) ist die Differenz zwischen den Einkommen von Männern und Frauen nämlich noch ein gutes Stück höher als bei Angestellten in Unternehmen. Darüber wird nur ziemlich selten gesprochen. Mir ist es seit fast zwei Jahrzehnten bekannt und es irritiert mich schon länger, daß darüber kaum gesprochen wird. 

ver.di nun zu dieser Sache:  

Im Bereich Wort/Literatur und damit auch in der Berufsgruppe der Journalistinnen sind die durchschnittlichen Einkommen am höchsten.  Dennoch liegt der Gender Pay Gap auch hier bei 21 Prozent – Frauen verdienen durchschnittlich 21.629 Euro, Männer 27.360 Euro. Insgesamt sind die Einkommen oft so niedrig, dass viele Frauen zusätzliche Jobs benötigen. Studien zeigen: Nur eine Minderheit erzielt ein auskömmliches Einkommen, wenige Spitzenverdienende stehen einer großen Zahl prekär Arbeitender gegenüber.

Ich bin so frei, beide Werte mal zu aktualisieren: Aktuell sind es laut Künstlersozialkasse bei Frauen 22.586 und bei Männern 28.325 Euro. Diese Einkommen sind für beide Geschlechter trotzdem so niedrig, daß ich erwähnen sollte, daß ich die Werte bei der Künstlersozialkasse, und zwar bei beiden Geschlechtern, nicht vollständig glaubwürdig finde. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung als KSK-Versicherte mit einem Jahreseinkommen, das fast doppelt so hoch liegt wie das des männlichen Durchschnitts, obwohl meine Stundensätze nach meinem Kenntnisstand nur durchschnittlich sind. 

Leider verrät die KSK nicht den zeitlichen Umfang der Tätigkeit ihrer Versicherten, vermutlich, weil sie ihn einfach nicht kennt. Die Frage ist: Wieviele der dort Versicherten versuchen wirklich, ihren Lebensunterhalt damit vollständig zu bestreiten? Einen Hinweis gibt, daß ver.di der Meinung ist, wegen ihres niedrigen Verdienstes müßten viele von ihnen etwas in anderen Bereichen hinzuverdienen. Es könnte aber auch umgekehrt sein. Im Jahr nach der Flüchtlingskrise fingen nämlich aus dem Bereich Wort viele an, auch Deutschkurse zu geben - damals wurden Lehrkräfte so händeringend gesucht, daß man Quereinsteiger aus sprachlastigen Bereichen gerne genommen hat. Ein Teil davon wird auch dauerhaft dabei geblieben sein und hatte logischerweise nun weniger Kapazitäten für ihr freiberufliche Tätigkeit. Gut möglich, daß auch der Schwund an Freiberuflerin im Bereich Wort damit zusammenhängt, daß manche ganz beim Lehrberuf geblieben sind. Es sind in den letzten zehn Jahren nämlich im Bereich Wort jedes Jahr weniger Versicherte geworden. 2015 waren es noch mehr als 43.000. Davon sind 2025 gerade mal 37.000 übriggeblieben. 

Es wäre aber sonderbar, wenn diejenigen, die weiter bei ihrer Beschäftigung blieben, ausgerechnet diejenigen gewesen sein sollten, die die größten Probleme damit hatten, sich damit über Wasser zu halten. Mir fällt aber generell auf, daß die Freiberuflichkeit immer weniger Leute zu verlocken scheint. Ich habe noch keine Ahnung, wem ich meine Kunden anvertrauen soll, wenn ich einmal in den Ruhestand gehe. Freiberuflichen Nachwuchs gibt es mittlerweile nämlich kaum noch.

Ich nehme an, die niedrigen durchschnittlichen Jahreseinkommen lassen sich teils so erklären, teils aber auch durch strukturelle Anreize bei der Künstlersozialversicherung, sein Einkommen zu niedrig anzugeben. Die Differenz zwischen Männern und Frauen dürfte mit Familienphasen zusammenhängen, in denen gerade Freiberuflerinnen bessere Möglichkeiten als andere haben, ihren Arbeitsumfang so anzupassen, daß sie sich nicht unnötig im Alltag abhetzen müssen. 

ver.di formuliert die Sache natürlich ein bißchen anders. Gewerkschaften suchen natürlich immer nach Schuldigen - und finden sie für gewöhnlich auch. So auch dieses Mal: 

Mögliche Ursachen der Einkommenslücke, so ver.di, sind fehlende Honortransparenz, unsichere Verhandlungen, Teilzeitstrukturen durch ungleiche Sorgearbeit sowie sexistische Branchenstrukturen. Öffentliche Kulturkürzungen verschärfen den Konkurrenzdruck überdies und schwächen die Verhandlungspositionen – insbesondere von Frauen.

Das finde ich alles wenig beeindruckend. Zum in Wirklichkeit nichtexistenten Konkurrenzdruck jedenfalls in meinem Bereich habe ich mich ja bereits geäußert. Fehlende Honorartransparenz liegt in der Natur der Sache, wo immer Honorare frei ausgehandelt werden und ich wüßte nicht, warum das verkehrt sein sollte. Die Teilzeitstrukturen werden hier implizit negativ gewertet, was sie keineswegs verdient haben - jedenfalls, wenn es um Halbtagsbeschäftigung oder mehr geht. Irgendwann werde ich dazu vielleicht mal einen ganzen Blogartikel schreiben müssen. Auf Verhandlungen und Verhandlungspositionen werde ich weiter unten noch ausführlicher eingehen. 

An dieser Stelle befindet sich aber noch ein zweiter Elefant im Raum. Und zwar der, daß das männliche Honorar als Norm gesetzt wird, an der sich das, was Frauen ausgehandelt haben, messen muß. Wobei Frauen gemessen an dieser Norm im Durchschnitt schlechter abschneiden. 

Rundheraus: Ich halte das für üble sexistische Scheiße. 

Die sexistische Scheiße zusätzlich noch mit Paternalismus würzen, macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Es ist übergriffig, wenn es mir ständig als angebliche Selbstverständlichkeit vorgesetzt wird, das, was ein Mann an meiner Stelle täte, sei die Norm, und wenn ich die nicht erfülle, stimme etwas an den Kriterien nicht, mit denen ich über meine Honorarangebote entschieden habe. 

Machen wir doch mal eine Logikprobe: 

Bitte alle mal melden, die der Meinung sind, ich sollte meinen Mietern den maximal möglichen Betrag als Miete abverlangen, anstatt mich an die Vorgaben des Mietspiegels zu halten, um bei den erzielten Quadratmetermieten auf Augenhöhe mit dem zu sein, was andere Vermieter verlangen. 

...

Komisch, ich hör gar nix. Wenn das gegenüber Mietern nicht so gesehen wird, warum sollte ich es dann aber bei meinen Kunden anders machen? 

Ich kalkuliere das, was ich von ihnen haben will, nämlich bei beiden, Mietern wie Kunden, nach demselben Prinzip: Ich möchte preislich in der Nähe des Durchschnitts liegen. Dafür habe ich eigennützige Gründe, denn dabei komme ich unter dem Strich beim für mich bestmöglichen Ergebnis heraus. Der Unterschied zur finanziellen Optimierung mittels Maximalpreisen besteht bei meiner Art der Optimierung darin, daß mein "bestmögliches Ergebnis" nicht den maximal möglichen Betrag je Quadratmeter oder Arbeitsstunde bedeutet, sondern das optimale Verhältnis von Jahreseinkommen und Lebensqualität. Will heißen: Ich möchte die Stundenhonorare und Quadratmetermieten, die mir das bestmögliche Jahreseinkommen bei geringstmöglichen unbezahlten Nebenarbeiten und bei maximaler Nervenschonung verschaffen. Durch die zusätzlichen Faktoren, die ich mit einbeziehe, unterscheidet sich meine Kalkulation von der Art der Optimierung, die allen Gender-Pay-Gap-Kalkulationen zugrundeliegt, ungefähr so, wie sich auch Bhutans "Bruttosozialglück" von unserem Bruttosozialprodukt unterscheidet. 

Der Gender Pay Gap besteht in meinem Fall, nehme ich die Durchschnittszahlen der KSK wörtlich, übrigens, wenn überhaupt, dann nur beim Stundenhonorar, nicht aber beim jährlichen Betriebsgewinn.  Mein Betriebsgewinn würde auch den durchschnittlichen männlichen KSK-Versicherten vor Neid erblassen lassen ... falls sein angegebener Betriebsgewinn tatsächlich stimmt und dem Bestreben nach einer Arbeitsbelastung stammt, die einem Vollzeitjob entsprechen soll. 

Bei der Höhe des Honorars weder auffallend billig noch auffallend teuer zu sein, lohnt sich nämlich. Niedrighonorare, also Honorare, die auffallend weit unter dem Branchendurchschnitt liegen, sind für die meisten Kunden eher verdächtig als verlockend. Wer vernünftige Qualität haben will, läßt von so etwas von vornherein die Finger. Diejenigen, die zugreifen, sind dann aber nicht selten sogar überdurchschnittlich nervtötend im Umgang, weil sie bei dem verdächtigen Dienstleister alles besonders kritisch überprüfen und natürlich dann immer auch Kritikpunkte finden werden, und zwar auch dann, wenn die Qualität an sich auf Augenhöhe mit mir sein sollte. Aber die Kollegen mit den Maximalhonoraren haben ein ganz ähnliches Problem. Sie bekommen häufig Kunden, die, weil sie ja bereit sind, für beste Qualität beste Honorare zu bezahlen, Qualitätsvorstellungen haben, die gar nicht erreichbar sind, und sie erwarten ein nach unerreichbaren Maßstäben perfektes Arbeitsergebnis, wobei Qualitätssicherung aber nicht ihr Bier ist und oft genug sogar durch ihre eigene Wurstigkeit sabotiert wird. Sie erwarten außerdem, daß man auf Zuruf alles andere fallen läßt, was man gerade an anderen Arbeiten (für ganz ähnliche Kunden, wie sie selbst es sind) in der Hand hat, und auch ihre Zeitvorgaben sind oft nicht realistisch. Das alles führt dazu, daß gerade bei ihnen das Risiko, daß etwas schiefläuft, überdurchschnittlich hoch ist, und dann hat man ungünstigenfalls das Honorar vor Gericht einzuklagen, weil sie nicht zahlen wollen. Sowohl bei besonders niedrigen als auch bei besonders hohen Honorarforderungen kommt deshalb einiges an unbezahltem Mehraufwand zusammen, der im ersten Fall das gesamte Geschäftsmodell unrentabel macht und im zweiten Fall das höhere Honorar doch wieder relativiert. Die ramponierten Nerven bezahlt einem sowieso niemand. 

Bei Mietverhältnissen ist es ungefähr genauso. Man macht sich nur unglücklich, wenn man gar zu sozial denkt, weil Mieter das gar zu häufig keineswegs honorieren, sondern einen vielmehr für blöd halten und entsprechend mit einem umgehen. Aber wer besonders teuer vermietet, riskiert nicht nur häufigere und längere Leerstände, sondern hat auch Mieter, die für ihre überdurchschnittliche Miete natürlich auch etwas Überdurchschnittliches verlangen. Ersteres verringert die Rendite, letzteres erhöht den erforderlichen Zeitaufwand. Auch hier kann man durch eine unklug gewählte Quadratmetermiete seine Nerven mehr strapazieren, als es ein ein, zwei Euro pro Quadratmeter hin oder her wert sind. Wer als privater Vermieter nebenbei auch noch einem Beruf nachgeht, der merkt schnell, daß das Beste, was ihm passieren kann, Mieter sind, die sich nur an einen wenden, wenn es sich wirklich um etwas handelt, wofür sie ihren Vermieter brauchen, und sich ansonsten selbst zu helfen wissen, etwa wenn der Wasserhahn tropft. Und Mieter, die wissen, daß sie eine faire Miete bezahlen, sind da meistens durchaus aufgeschlossen. 

Die überwiegend männlichen Kollegen, für die möglichst hohe Honorare eine Frage der Ehre sind, machen meiner Meinung nach einen schlechteren Schnitt als ich und sich außerdem das Leben saurer, als es nötig wäre. Über Gebühr anspruchsvolle Kunden sind nämlich ungefähr so angenehm wie Zahnweh. Ich denke gar nicht daran, möglichst viel Geld so wichtig zu finden, daß ich dafür täglich Zahnweh aushalten muß. Wenn männliche Kollegen das typischerweise eher andersherum machen, dann ist das ihr gutes Recht, aber keinesfalls ein Vorbild, dem ich nachzueifern gedenke. Und ich ärgere mich deshalb jedes Mal, wenn solche Gender-Pay-Gap-Parolen mit solcher Selbstverständlichkeit suggerieren, ich müsse eigentlich das haben wollen, was diese männlichen Kollegen haben. Nein, will ich nicht! Ich bin meiner Lebtag noch nie scharf auf Zahnweh gewesen. 

Aber das ist natürlich auch nur die halbe Geschichte. 

Wahr ist nämlich ebenso, daß Verhandlungen um Geld Frauen wirklich oft merklich schwerer fallen - vor allem, wenn sie in einer schwachen Verhandlungsposition sind - und sie sich deshalb häufiger mit weniger als dem zufriedengeben, als sie eigentlich auch bei Anpeilen eines durchschnittlichen Ergebnisses verlangen könnten. Gleichzeitig gibt es einen Typus Mann, der so etwas gnadenlos bei Verhandlungen auszunutzen bereit ist. Außerdem entspricht es der Gewinnmaximierungslogik von Unternehmen, sich Verhandlungsschwächen zunutze zu machen. Deshalb werden Frauen auch in Honorarverhandlungen meinem Eindruck nach tatsächlich mit höherer Wahrscheinlichkeit übervorteilt als Männer. Die Frage ist freilich, wie man es verhindern soll, daß Frauen häufiger bereit sind, sogar unverschämt niedrige Angebote zu akzeptieren. Solche Angebote werden ja auch Männern gemacht, und die nehmen sie dann halt nicht an. Hier sehe ich, sofern es nicht in den Bereich des Sittenwidrigen gelangt, wenig Möglichkeiten, etwas zu verändern. 

Selbst erlebt habe ich etwas in dieser Art zum Beispiel bei den Kaufpreisverhandlungen der Wohnung meiner einstigen Nachbarin (für schon länger hier Mitlesende: die mit der Katze). Ich war gebeten worden, die finalen Kaufpreisverhandlungen zu führen, weil sie selbst sich das nicht zutraute. Tatsächlich haben der Käufer und ich uns schriftlich auf einen meiner Meinung nach auch fairen Preis geeinigt. Bei der  Besichtigung mit den Handwerkern ergab sich dann allerdings ein nicht vorhergesehener Faktor, der für den Käufer von beiden Seiten nicht erwartete und deshalb auch nicht eingepreiste Zusatzkosten bedeutete und deshalb ein Grund war, ihm im Preis noch einmal entgegenzukommen. Daß er ein neues Angebot machte, das niedriger war als das vorherige, war also eigentlich in Ordnung. Nicht in Ordnung war aber, daß er seinem neuen Angebot einen von vornherein niedrigeren Ausgangspreis zugrundelegte, als wir das schriftlich vereinbart hatten. Später, als die ganze Sache vorbei war, habe ich es diesem Mann klipp und klar gesagt: Wäre das meine Wohnung gewesen, dann hätte ich das Gespräch, als er seine neue Kalkulation darlegte, abgebrochen und die Suche nach einem Käufer noch einmal aufgenommen. So etwas tut man einfach nicht. Aber es war halt nicht meine Wohnung, sondern die der Nachbarin. Mir war klar, daß sie keinen neuen Käufer suchen wollte, sofern der, den sie hatte, nicht ganz absprang. Also riß ich mich zusammen und nahm den Mann stattdessen noch einmal in die Zange. Ich bin mir sicher, ich hätte wenigstens 10.000 Euro von den 20.000, die sein Gebot nun niedriger lag, als es auf Basis des zuvor vereinbarten Preises hätte sein müssen, noch gerettet. Aber die Nachbarin hat es mir dann selbst verdorben, indem sie mich auf einmal ohne Vorwarnung unterbrach und sagte, sie sei mit dem niedrigeren Gebot einverstanden. Der Käufer hat die Chance natürlich sofort genutzt und einen Vorvertrag mit ihr auf dieser Basis geschlossen. Da saß ich nun und fühlte mich wie ein Idiot. Es war aber wohl trotzdem sinnvoll, daß ich dabei war. Wäre die Nachbarin mit dem Typ alleine gewesen, wer weiß, was dann passiert wäre. 

Letztlich ging es aber nicht um mein Geld, sondern um das der Nachbarin. Der Kaufpreis lag immer noch innerhalb eines Rahmens, der akzeptabel war, wenn auch am unteren Ende. Was mich so irritierte, war etwas anderes, nämlich, daß sie die Begleitumstände einer aus meiner Sicht indiskutablen Verhandlungsstrategie des Käufers so bereitwillig zu akzeptieren bereit war, und das, obwohl sie sogar in einer ausgezeichneten Verhandlungsposition gewesen wäre - einen anderen Käufer für ihre Wohnung hätte ich ihr nämlich innerhalb von maximal zwei Wochen auftreiben können . Das ist ziemlich typisch weiblich, und es auszunutzen ist ziemlich typisch männlich, bzw. männlich geprägte Unternehmenslogik, falls ein Unternehmen im Spiel ist. Und so etwas nicht zu akzeptieren, ist der Punkt, an dem die Sache wiederum für mich immer, wenn jemand solche Spielchen mit mir versucht, zu einer Frage der Ehre wird. Ich kann es nun einmal auf den Tod nicht ausstehen, wenn jemand mich zu linken versucht. 

Wenn jemand mit Drucksituationen aber so schlecht klarkommt, daß er oder sie einen solchen Drang hat, sie sich schnellstmöglich wieder vom Hals zu schaffen, daß er/sie lieber dabei Geld verliert, als sie noch länger ertragen zu müssen, hat der Gesetzgeber keine Chance, ihm irgendwie zu helfen. Aus seiner/ihrer subjektiven Sicht ist das Ende der Drucksituation einfach mehr wert als das verlorene Geld. Gesetzliche Vorgaben ändern daran oft wenig: Wo kein Kläger, da nämlich kein Richter. und wer sich lieber über den Tisch ziehen läßt, als eine Drucksituation durchzustehen, der klagt ganz bestimmt nicht, weil er damit eine neue Drucksituation für sich selbst erzeugen würde. 

Die fünf Prozentpunkte hin oder her, die die Kluft zwischen Einkommen von Männern und Frauen bei Freiberuflern tiefer ist als bei Angestellten, könnte in etwa die Differenz beziffern, die dieser Faktor ausmacht.  

Die gesetzlichen Vorgaben, um jedenfalls schwerwiegende Benachteiligungen aus solchen Konstellationen heraus zu verhindern, sind natürlich trotzdem erforderlich und vernünftig. Einen Menschen vor sich selbst schützen zu wollen, mag sinnlos sein, aber vor allem in schwerwiegenderen Fällen (was bei meiner Nachbarin zum Glück nicht vorlag) müssen immerhin dessen Angehörige geschützt werden - oder eventuell auch die Allgemeinheit, falls jemand durch so etwas sogar in der Grundsicherung landen würde. Also, es ist gut, richtig und vernünftig, daß es Regeln gibt, die greifen, wenn ein Vertrag einen der Vertragspartner so sehr benachteiligt, daß ein Gericht es als sittenwidrig einkassiert, falls der Benachteiligte von der Möglichkeit, es einzuklagen, Gebrauch macht. Aber klar ist eben auch, daß eine Menge Betroffene diesen Weg nicht nutzen, weil er ihnen unerträglicher ist, als sich mit ihrer Benachteiligung abzufinden. Damit sind sie natürlich bei Verhandlungen von vornherein im Nachteil. Und wie sollte der Gesetzgeber daran etwas ändern können? Weil das meinem Eindruck nach so viel häufiger Frauen als Männer betrifft, behaupte ich: Der Teil des Gender Pay Gap, der wirklich auf Benachteiligung beruht, wird sich unter anderem aus diesem Grund niemals ganz schließen, egal wie viele gesetzliche Regelungen man einführt. Es ärgert mich immer, wenn so getan wird, als wäre das anders, wenn nur der Gesetzgeber das Richtige dagegen tun würde. 

Aber es gibt außerdem einen - meiner Vermutung nach größeren - Teil des Gender Pay Gaps, der nichts mit Benachteiligung zu tun hat, sondern mit rational kalkulierten unterschiedlichen Präferenzen bei Männern und Frauen. Wie läßt sich das aber beziffern? Vielleicht hilft ein Blick auf die Miete weiter, die ich bei meiner letzten Neuvermietung von meinen Mietern für eine 3-Zimmer-Wohnung verlangt habe: 990 Euro kalt. Diese Miethöhe halte ich für die optimale. Gerade habe ich Immoscout nach Vergleichsobjekten gleicher Größe in einem Radius von einem Kilometer zu meiner Wohnung befragt. Die Kaltmieten für unmöblierte Wohnungen dieser Größe fangen dort, Tauschwohnungen und ein Objekt mit Sonderfaktoren ausgenommen, bei 1150 Euro an. 

Der Gender Pay Gap in meiner Eigenschaft als Vermieterin entspricht, wenn ich meine Wohnung mit der nächstpreisgünstigsten vergleiche, also um die 160 Euro. Das sind fast genau 14 Prozent. Das spricht meiner Meinung nach dafür, daß ein großer Teil der 16 Prozent Gender Pay Gap in Anstellungsverhältnissen nicht auf Benachteiligung, sondern auf die beschriebenen unterschiedlichen Präferenzen zurückzuführen ist, die rational begründet werden können und meiner persönlichen Meinung auch einen Mehrwert gegenüber der rein monetären Optimierung bieten können, und ich sehe keinen Grund, diesen Mehrwert dann nur deshalb nicht wahrzunehmen, weil einem Mann an der Stelle einer Frau ein paar Euro mehr im Monat lieber wären. Gleichzeitig sehe ich ja im Beruf, daß mein Jahreseinkommen das des Branchendurchschnitts bei Männern mit dieser Herangehensweise sogar übersteigt. Ich wäre nicht sonderlich überrascht, wenn ich auch in meiner Eigenschaft als Vermieter mit meinen moderaten Quadratmetermieten bei der Nettorendite die Nase vorn hätte. "Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne bezahle", brachte einst Robert Bosch dieselbe Philosophie auf den Punkt. 

Ich finde, solche Errungenschaften sollte frau sich nicht von irgendwelchen männlichen Rechenkünstlern wegreden lassen und dafür Zahnweh, das auch vermeidbar wäre, als alltägliche Begleiterscheinung der Arbeit akzeptieren müssen. Genauso, wie man sich als Vermieter den Umgang mit seinen Mietern nicht unangenehmer als nötig machen muß. Robert Bosch würde mir bestimmt zustimmen. 

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Die SPD wäre bei der Landtagswahl in BW mit gerade mal 5,5 Prozent beinahe nicht einmal mehr in den Landtag eingezogen. Nun war die SPD zwar im Ländle schon immer chancenlos, aber ich bin alt genug, um mich an Zeiten zu erinnern, als sie noch über 30 Prozent der Stimmen bekam. Das Absinken auf unter 30 Prozent in den Neunzigern war erkennbar dem Aufstieg der Grünen geschuldet, aber inzwischen hat die SPD, fürchte ich, eher ein AfD-Problem in ihrer einstigen Stammwählerschaft. 

 

Tatsächlich ist die AfD in den Altersgruppen, die sich größtenteils im Erwerbsleben befinden, gegenüber Jüngeren (unter 25) und Älteren (ab 60) auch deutlich überrepräsentiert, und würde man innerhalb der betreffenden Altersgruppen noch einmal nach Tätigkeit unterteilen, wäre der Wert bei den Arbeitern wahrscheinlich noch ein bißchen höher. 

Die SPD täte gut daran, damit aufzuhören, sich die Sache schönzureden, indem von der Zuspitzung auf die Spitzenkandidaten von CDU und Grünen geschwafelt wird. Ja, das hat die SPD Stimmen gekostet, aber maximal 5,5 Prozentpunkte. Das ist weniger, als sie in BW zwischen 2001 und 2006 verloren hat, das waren nämlich mehr als 7 Prozentpunkte. Und von den 25 Prozent der Landtagswahl von 2006 - also nach dem Verlust dieser sieben Prozentpunkte - kann die BW-SPD seitdem nur noch träumen. 

Die SPD hat meiner Meinung mit der Agenda 2010 ihre einstigen Stammwähler politisch heimatlos und damit anfällig für die Parolen der AfD gemacht. 

Was mich an der Grafik irritiert: Wie Arbeitslose gewählt haben, hat bei der ARD wohl niemanden interessiert? Das ist schade, denn mich hätte es interessiert, ob bei ihnen die AfD noch stärker gewesen ist oder vielleicht doch die Linkspartei oder eine der Sonstigen häufiger gewählt wurden. 

Eine interessante Äußerung las ich in einem TAZ-Interview mit einem Soziologen: 

Als wir vor einigen Jahren bei Mercedes in Baden-Württemberg geforscht haben, war der Ehrverlust ein entscheidender Punkt: Die Arbeit als ehrwürdiges Tun – das gehört zur Industriearbeiterschaft immer ganz stark dazu. Das wird nicht mehr ausreichend gesellschaftlich, politisch respektiert – auch nicht seitens der SPD. Das führt nicht gleich nach rechts außen, aber kann von Rechtsradikalen instrumentalisiert werden, indem man es in Außenseiterstolz umwandelt.

AfD-Wähler aus verlorener Ehre also? 

"Ehrverlust", das klingt irgendwie anachronistisch, aber es trifft die Sache, glaube ich, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ganz gut. Man hat schon öfter das Gefühl, der Mensch fängt erst mit dem Abitur oder besser noch dem Bachelor an. Leute, die sich bei der Arbeit die Hände schmutzig machen, zählen irgendwie nicht mehr. Umgekehrt hatte ich aber auch das Gefühl, als wir in unser gallisches Dorf gezogen sind, daß wir unter anderem auch deshalb dort so freundlich in die Mitte der Dorfgemeinschaft aufgenommen wurden, weil zumindest mein Mann einen total normalen Beruf hat wie andere Leute hier auch, und meiner damit wohl als normal ehrenhalber betrachtet wird. Ich glaube, einem Akademikerehepaar gegenüber wären die Leute reservierter, in Gesprächen klingt manchmal an, daß man diese oder jene Person mit einem entsprechenden Beruf für etwas abgehoben, wenn nicht gar dünkelhaft hält. 

Blöd-Zeitung hin, sozialen Medien her: Das Grundgefühl, mit dem der Neid auf Leute geschürt wird, die vermeintlich leistungslos alles bekommen, was sie selbst sich im Schweiße ihres Angesichts erarbeiten müssen, hat die Neoliberalisierung speziell der SPD seit Schröders Zeiten als eine der wichtigsten Ursachen. Das Gefühl des Ehrverlusts spielt dabei bestimmt eine Rolle, also der fehlende Respekt vor der Leistung von Leuten, die kein BWL- oder Politikstudium als Grundlage ihrer Erwerbsbiographie haben. 

Aber wo ist eine positive Perspektive für Arbeiter unter den demokratischen Parteien zu finden? Es scheint im Moment nirgends eine zu geben. 

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In meiner ersten von voraussichtlich drei Miteigentümerversammlungen dieses Jahr war auch das Gebäudeenergiegesetz auf der Tagesordnung, und auch wenn angekündigt wurde, daß es abgeschafft wird, ist es im Moment ja noch Stand der Gesetzgebung. Wir haben also lange und ausführlich darüber gesprochen, aber Abstimmungen auf das nächste Jahr verschoben, ausgehend von der Rechtslage, die dann bestehen wird. 

Was ich aus dieser Diskussion mitnehme: Niemand hat die ernsthafte Absicht, dauerhaft bei Gas-Etagenheizung zu bleiben. Gleichzeitig sind alle strikt gegen einen Umstieg auf Zentralheizung, nicht nur, weil dieser Umstieg schweineteuer wäre, sondern auch, weil es bis auf weiteres nur die Möglichkeit gibt, auf Gas-Zentralheizung umzusteigen. Den Sinn einer solchen Umstellung versteht kein Mensch. Mittlerweile kristallisiert es sich auch heraus, daß auf Basis der bestehenden Fernwärmenetze in der Stadt wahrscheinlich ein Fernwärmeanschluß in unserem Stadtteil gar nicht möglich wäre, weil die Kapazitäten des Fernwärmenetzes damit gesprengt würden. Hinzu kommt, daß ein Fernwärmeanschluß, wie ich gerade erst gelesen habe, die WEG voraussichtlich einen sechsstelligen Betrag kosten würde, falls er in Frage käme. Dafür bekäme man dann aber eine Heizlösung, die bekanntermaßen aktuell erheblich teurer als Gas ist und dies auch bei steigenden Gaskosten vermutlich noch geraume Zeit bleiben würde. 

Alle werden deshalb aufatmen, sollte das Ende des Paragraphen 71l im Gebäudeenergiegesetz tatsächlich kommen, und viele sitzen längst in den Startlöchern, um die Heizung in ihrer Wohnung umzustellen, sobald es dafür realistische Möglichkeiten gibt. Die HeatPump23 wurde in diesem Zusammenhang auch besprochen. Als Speerspitze des Fortschritts stellte sich ausgerechnet der Senior unter den Miteigentümern heraus, der schon hoch in den Achtzigern ist. Er nutzt neben seinem uralten Gas-Einzelofen wahrhaftig schon seit zehn Jahren eine Split-Klimaanlage zum Heizen seines Wohnzimmers. Den Einzelofen will er vor allem deshalb weiter behalten, weil "es ja auch mal einen Stromausfall geben" könne. Ich soll nächstes Jahr in der Versammlung berichten, wie meine Erfahrungen mit der Split-Anlage über den nächsten Winter gewesen sind, und dann wird ggf. auch über eine Genehmigung der WEG für die erforderlichen Außengeräte in meinen beiden Wohnungen abgestimmt, und ebenso über eine Genehmigung für ein Balkonkraftwerk in der Dachgeschoßwohnung - wobei aber noch unklar ist, ob sich das überhaupt rechnen würde, wenn es am Balkon angebracht wird. Vermutlich bringt das nur etwas, wenn es auf dem Balkondach erfolgt. Die Frage ist, wie teuer die Installation dort dann wäre - vielleicht ist das so teuer, daß ich doch lieber die Finger davon lasse. 

Jetzt muß das Gesetz nur noch so kommen, wie es angekündigt wurde. Ich bin mir nach diesem Meinungsbild sehr unterschiedlicher Miteigentümer einer WEG jetzt ziemlich sicher, daß sich die Frage der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zum Heizen von alleine lösen wird. Das ist ähnlich wie bei der Beleuchtung. Energiesparlampen waren kein adäquater Ersatz für Glühbirnen. LED, das mit wenigen Jahren Zeitverzögerung den Markt eroberte, hat ziemlich schnell dazu geführt, daß heute kein Mensch mehr den Glühbirnen nachtrauert. Attraktive Lösungen für Einzelwohnungen werden Gasthermen ziemlich schnell an den Rand des Aussterbens bringen. Niemand will die bloß aus Prinzip behalten. 

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Die ältere Tochter unserer Nachbarn hat mir vor ein paar Tagen, als ich im Garten war, um die Äste vom Bäumeschneiden durch den Häcksler zu jagen, erzählt, daß sie am liebsten auch Kartoffeln in ihren Hochbeeten anbauen würde, weil sie so gerne Kartoffeln ißt. Ich sollte mal die Eltern fragen, ob das für sie okay wäre, wenn sie bei uns im Garten ein kleines Kartoffeläckerle zum Selbstbetreuen kriegt - zum Geburtstag oder so. Die haben nämlich auf ihrer Seite kaum Platz für Beete. Ihr Garten ist kleiner als unserer und eher als Erholungsgarten gedacht - mit einer großen Terrasse mit Sitzmöglichkeiten, darum Rasen und ein großes Trampolin. Ein bißchen Naschobst und -gemüse haben sie schon, aber der Platz dafür ist halt begrenzt. Wir haben viel mehr mögliche Anbaufläche. 

Mäuse haben wir seit meinem letzten Beitrag gar keine mehr gehabt. 



 

Freitag, 27. Februar 2026

GEG aka Heizungsgesetz, künftig: GMG: Kein russisches Roulette mehr für WEGs

Mein Gewicht heute früh: 73,2 Kilogramm. Das ist, nun ja, total unbefriedigend, aber damit hatte ich leider auch rechnen müssen - wobei ich nicht erwartet hatte, noch nicht einmal die 73 Kilo zu unterbieten. Aber jetzt isses so, wie es ist, eine vernünftige Erklärung für die Entwicklung habe ich nicht, also gilt: neue Woche, neues Glück. Manchmal sind die Gewichtsschwankungen ja völlig unvorhersehbar, und womöglich geht es nächste Woche dafür steiler als erwartet nach unten. Denn am Sonntag ist unser letzter Low-Carb-Tag, und dann geht es mal wieder in den Endspurt. Das heißt konkret: vier Fastentage unter der Woche, und mit Ausnahme des ersten Tags nach viel aufeinanderfolgenden Fastentagen esse ich normal. Nächste Woche lege ich also los mit zwei Fastentagen Montag und Dienstag, am Mittwoch kriegen wir Besuch, also faste ich da nicht, aber dafür noch einmal am Donnerstag und Freitag. In der Woche drauf habe ich aber die Absicht, wirklich vier Tage am Stück zu fasten, wahrscheinlich von Montag bis Donnerstag, wie mir das am liebsten ist. 

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Ich bin kein Fan von Autokratien, weder voll ausgebildeten noch solchen, die eine bisherige Demokratie mit zunehmende Erfolg in eine solche umzuwandeln anstreben, und so brachte mich der US-Gesundheitsminister in den letzten Monaten zuweilen in einen ernsthaften Zielkonflikt, weil er mit solcher Hemmungslosigkeit manchmal auch Dinge tut, von denen ihm das gesamte Gesundheitssystem der USA im Chor dringend abgeraten hätte, die ich aber für höchstwahrscheinlich richtig und potentielle Gamechanger halte. Wie löst man das Problem, daß man sich einerseits im Ernährungsbereich und ebenso im Fall von Krebs mehr davon wünschen würde, aber dies andererseits einen längeren Fortbestand einer ansonsten völlig untragbaren US-Regierung voraussetzen würde? 

Etwas ähnliches ging mir jetzt bei dieser chinesischen Studie durch den Kopf, deren Volltext leider mal wieder hinter einer Bezahlschranke versteckt wurde, die aber herausgefunden haben will, daß Tumore es überhaupt nicht mögen, wenn man fastet, jedenfalls dann, wenn im Anschluß an dieses kurze Fastenintervall eine Immuntherapie erfolgt. Was wohl meine spezielle Freundin, die Frau Professorin Hübner, dazu meint? Oder meint sie gar nichts, weil sie bei diesem Thema generell auf Autopilot läuft? Hier wenigstens der Text des Abstacts:  

Dietary interventions hold promise for cancer therapy but often require prolonged, poorly tolerated regimens. Furthermore, how transient nutrient deprivation affects the metabolic interplay between tumor and immune cells within the tumor microenvironment (TME) remains unknown. Here, we introduce a brief, 16-h fasting regimen that enhances immunotherapy efficacy in both mice and humans. We found that this transient nutrient stress alters tumor-cell nutrient preferences, creating a metabolic window that can be leveraged to augment treatment. Mechanistically, short-term fasting induces intratumoral accumulation of isoleucine, which reconfigures CD8+ T cell epigenetic programs and phospholipid remodeling, thereby licensing enhanced anti-tumor capacity. In patients receiving neoadjuvant immunotherapy, short-term fasting was able to enhance CD8+ clonal expansion and cytotoxic programs. These findings establish a clinically feasible, well-tolerated dietary regimen that counters nutrient competition in the TME and that provides a tractable path to strengthen existing immunotherapy regimens. 

Und hier außerdem ein paar Details, die bei Twitter von einem gewissen David Sinclair angesprochen wurden. Die Diskussion im Thread erinnert mich zwar wieder daran, warum ich mich bei Twitter nicht mehr so viel aufhalte, aber ein paar zusätzliche Informationsschnipsel von jemandem, der die Studie im Volltext gelesen hat, sind ja besser als nichts. 

Interessant, daß die Wirkung schon bei sechzehnstündigem Fasten meßbar war. Wobei ich ein bißchen verwirrt über dieses "in both mice and humans" bin. Mäuse haben ja einen wesentlich schnelleren Stoffwechsel als Menschen. Ich hab nicht mehr im Kopf, wie lange ein Mensch fasten müßte, damit es 16 Stunden bei einer Maus entspricht, aber es waren mindestens 36 Stunden, vielleicht sogar zwei volle Tage. Ich nehme an, die Forscher haben aber wirklich Mäuse wie Menschen über dieselbe Stundenzahl hinweg fasten lassen, sonst hätten sie das doch sicher erwähnt. Da wüßte man schon gerne, ob die Wirkung bei Menschen schwächer ausgefallen ist, oder ob der Effekt vergleichbar war. 

Wie auch immer, mit zwei Fastentagen vor der Chemo, die ich mir geleistet habe, war ich mindestens auf Augenhöhe mit den Mäusen. Weil ich mich, als sich in den letzten vier Zyklen herausstellte, daß die Nebenwirkungen des Carboplatins doch unangenehmer waren, als ich das von Epirubicin und Cyclophosphamid gewohnt war, aber mehr auf die Nebenwirkungen fokussiert habe und den Eindruck hatte, daß es dafür sinnvoller ist, den Teil der viertägigen Fastenphase zu verlängern, der nach der Chemo stattfindet, habe ich die zwei Tage vorher auf einen verkürzt. Die Wirkung auf den Tumor habe ich damit unter Umständen ein wenig verringert, aber da ich auch so die erhoffte pathologische Komplettremission hatte, würde das ja keine Rolle spielen. Wobei der Tumor in der EC-Phase, als ich das noch andersrum machte, deutlich langsamer als später mit der Immuntherapie geschrumpft ist, also spielt die längere Dauer des Fastens vor der Chemo kaum eine Schlüsselrolle.  

Spannend ist es immerhin, daß diese Studie ausgerechnet aus China kam. Es ist schon ein Weilchen her, daß ich irgendwo hörte oder las, daß in Chinas Wissenschaft das Interesse an therapeutischer Ketose als Behandlungsmethode bei Krebs zunehme, obwohl ich nicht mehr genau weiß, woher ich das hatte. Ich erinnere mich jedenfalls noch, daß ich dachte, dann wäre Chinas autokratisches System womöglich doch mal für was gut - ebenso, wie die DDR in den Siebzigern das kleine Kunststück fertiggebracht hat, sich um das unbegründete Zögern der weltweiten Wissenschaft einfach nicht zu scheren und die Bauchlage in Kinderkrippen zu verbieten, weshalb in der DDR viel weniger plötzliche Kindstode vorkamen als in der BRD. Ob das denkbar ist, daß der Durchbruch von Seyfrieds Krebsentstehungstheorie gar nicht in den USA geschehen wird, sondern in China? Einfach deshalb, weil das dortige Wissenschaftssystem andere unwissenschaftliche Einflußvariablen hat, und es durchaus eine Ordre di Mufti geben könnte, der betreffenden Frage auf den Grund zu gehen? Das kann in manchen Fragen unangenehme Folgen haben, aber in diesem Fall würde es vielleicht den entscheidenden Schubs bedeuten. 

Es gibt beim Krebs, wo ja gerade erfreulicherweise einiges in Bewegung ist, noch eine weitere interessante Nachricht: "Forscher in Texas und Portugal haben eine Methode entwickelt, mit der sich Tumorzellen gezielt mit Licht zerstören lassen – ganz ohne Chemo, Strahlung oder Operation. Statt teurer Laser nutzt das Verfahren gewöhnliche LED-Lampen und winzige Flocken aus Zinnoxid." So meldete das der Focus. Den Abstract der Studie (Volltext wurde hinter einer Bezahlschranke versteckt) findet man hier. Klingt echt vielversprechend. Der Haken daran ist, daß es sich erst um Laborversuche handelt. Auch wenn alles so funktionieren sollte wie erhofft (was noch keineswegs gesagt ist), wird das also niemandem helfen, der gerade eben eine Krebsdiagnose erhalten hat. Bis daraus eine Behandlung entstehen kann, das kann noch Jahre dauern. 

Aber es lohnt sich bestimmt, das weiter im Auge zu behalten. Falls es zur Anwendungsreife kommen sollte und nur halb so gut wirken sollte, wie das einem hier weisgemacht wird, wäre das ein echter Gamechanger. Vor allem bei metastasierten Krebserkrankungen wäre das eine sensationelle Verbesserung der Therapie. Die Krankenkassenbeiträge würden vermutlich sinken, wenn bei den jährlich 500.000 Krebspatienten Chemotherapeutika, Bestrahlung und vielleicht sogar in manchen Fällen die OP nicht mehr erforderlich wären, denn im Moment machen Krebsbehandlungen immerhin zehn Prozent der Ausgaben der Krankenkassen aus. Den einzigen Schaden hätten diejenigen, die im Moment am meisten davon profitieren, daß Krebsbehandlungen so schweineteuer sind. 

Wobei ich gewisse Zweifel habe, ob dies wirklich geeignet ist, den Krebs auch rückstandsfrei, also ohne überlebende Krebszellen, die dann auf der Stelle wieder zu wuchern beginnen, zu beseitigen, deshalb bin ich, was einen möglichen Wegfall der OP betrifft, eher skeptisch. Im Anschluß an die Behandlung wird außerdem wohl sehr viel engmaschiger und auch mit technologischem Einsatz überwacht werden müssen. Ich frage mich auch, ob und wenn ja welche Nebenwirkungen dieses Zinnoxid haben mag. Aber irgendwie fällt es mir schwer, mir vorzustellen, daß das schlimmer als die einer durchschnittlichen Chemotherapie sein könnte, und überhaupt sind meine Wenns und Abers weniger mäkelig gemeint, als sie vielleicht klingen. Ich frage mich nur, wo der Haken sein könnte, falls es einen geben sollte, um nicht zu enttäuscht zu sein, falls die Sache am Ende doch sang- und klanglos wieder eingestampft wird. Das gab es ja auch schon mehr als einmal, daß man sich von neuen Behandlungsmethoden bei Krebs mehr versprochen hat, als dann dabei herauskam. 

***

Sollte die Ankündigung, die bezüglich des GEG kam, umgesetzt werden, ist das eine sehr gute Nachricht für jeden, der eine Eigentumswohnung in einem Gebäude besitzt, in dem bislang die Wohnungen jeweils einzeln beheizt wurden, meist mit Gas-Etagenheizungen. Für solche Gebäude entfällt künftig neben anderem auch die absurde Pflicht für WEGs, sich nach Einbau einer neuen Gas-Etagenheizung in einer der Wohnungen im Gebäude gegen einen Umstieg auf Zentralheizung entscheiden zu müssen, also im anderen Fall dazu verpflichtet ist, dies zu tun. Dafür verzeihe ich der Bundesregierung so manches Ärgerliche in anderen Bereichen und auch die billigen Seitenhiebe auf Robert Habeck, die eigentlich nicht nötig gewesen wären. 

Man könnte ja einwenden, diese Verpflichtung ließe sich doch ganz leicht abwenden, wenn sie nicht sinnvoll umgesetzt werden kann und deshalb in einer WEG sich die Miteigentümer weitgehend einig seien, daß man das bleiben lassen solle. Aber ganz so einfach ist das nicht. Man kann nicht einfach einmal entscheiden, und dann ist der Pflicht Genüge getan. Bei der nächsten neu eingebauten Gastherme, weil in einer der anderen Wohnungen im Gebäude die alte Therme irreparabel ausgefallen ist, ist dasselbe Prozedere, also eine Abstimmung der WEG, nämlich wieder fällig, und das Spielchen ist theoretisch nie zu Ende, bis auch die letzte Wohnung im Haus dann nicht mehr mit einer Gastherme ausgestattet ist. 

Wer schon öfter versucht hat, seinen Strom- oder Gasanbieter zu wechseln, hat damit Erfahrung: So was kann nicht nur schiefgehen, es geht viel häufiger schief, als man sich das zuvor hätte vorstellen können. Ich bin schon zweimal am Ende eines solchen Bestellprozesses wieder in der Grundversorgung gelandet, und nur einmal war ein Versäumnis von mir daran schuld - das Prozedere war zu komplex und die Informationen des Anbieters, zu dem ich wollte, waren so spärlich, daß es kein großes Wunder war, daß die Sache schiefging. Aus diesem Grund finde ich das Energieanbieter-Hopping auch nicht eine sonderlich gute Methode, um Geld zu sparen, und suchte mir daraufhin einen Anbieter, bei dem ich dauerhaft zu bleiben gedachte, und nachdem es bei dem schließlich klappte mit der Anmeldung, tat ich das dann auch. 

Genau das ist auch das Problem bei diesem Zwang, immer wieder aufs neue abzustimmen - und zwar vor allem wegen der vorgeschriebenen Mehrheitsverhältnisse, daß also nicht eine einfache Mehrheit der Abstimmenden ausreicht, sondern zwei Drittel aller Miteigentümer ausdrücklich gegen den Wechsel auf eine Zentralheizung stimmen müssen. Dabei kann so vieles schiefgehen, daß völlig klar ist, daß eine Menge WEGs unabsichtlich und gegen ihren Willen in die Zentralheizungspflicht hineinrutschen. Im Falle des Hauses, in dem ich vor meinem Umzug gewohnt habe, wäre es ausreichend, wenn vier Miteigentümer aus welchen Gründen auch immer bei der Abstimmung einfach nicht anwesend oder durch Vollmacht vertreten sind, damit alle zehn zu dieser Umstellung verpflichtet sind. Das heißt, wenn man das verhindern will, muß man wie ein Schießhund aufpassen, daß niemand zur Unzeit in Urlaub fährt oder krank wird, ohne wenigstens eine Vollmacht für die Abstimmung erteilt zu haben. Daß die Hausverwaltung sich auch darum noch kümmert, kann man realistischerweise aber nicht annehmen. Alle Hausverwaltungen, die ich kenne, sind auch so schon heillos überlastet, was auch mit den umfangreichen Berichtspflichten aus dem GEG zu tun hat, die nun glücklicherweise auch bald Geschichte sein werden. Die werden deshalb den Teufel tun, den Miteigentümern hinterherzurennen, womöglich nicht einmal gegen Extravergütung. Daneben gibt es außerdem auch nicht nur kompetente Hausverwaltungen, und eine, die verschnarcht oder unfähig ist, kann die Sache auch aus Verschnarchtheit oder Inkompetenz vermasseln. Es kann auch passieren, daß niemand etwas falsch gemacht hat, und die Sache durch einen unglücklichen Zufall schieflief. 

Ist die Sache aber einmal vermasselt, ist das wie beim Russischen Roulette: eine Wiederholung ist dann nicht mehr möglich, mit der man alles wieder rückgängig machen könnte. Alle müssen die Umstellung dann mitbezahlen - und der Pechvogel, dessen kaputte Therme die Sache ausgelöst hatte, muß dies zusätzlich zu den Kosten seiner neuen Therme. Alleine schon, daß einer der Miteigentümer roundabout 10.000 Euro einfach in den Sand hat setzen müssen, falls eine Zweidrittelmehrheit aus irgendwelchen Gründen nicht zustande kommen sollte, ist aber mehr als nur eine Zumutung, es ist eine krasse Benachteiligung durch den Gesetzgeber. Noch dazu ist es ja so, daß eine neue Therme nun einmal zügig eingebaut werden muß, wenn die vorhandene den Löffel abgibt, und je tiefer in der Heizperiode, desto schneller. Da hat man keine Zeit, noch lange Feldforschungen zu möglichen Alternativen zu betreiben, und ebensowenig Zeit, dafür lange Umbauzeiten in Kauf zu nehmen. Das gilt auch und sogar ganz besonders für vermietete Wohnungen. Neben diesem besonderen Pechvogel sind aber auch die Miteigentümer um so stärker benachteiligt, je neuer und damit effizienter ihre Thermen sind. Noch übler sind allenfalls diejenigen Miteigentümer dran, die noch mit Einzelöfen heizen, denn denen blühen dann in ihrem Sondereigentum natürlich auch noch die Kosten für die benötigten Leitungen und Heizkörper. Aber für die Besitzer von Etagenheizungen gilt: Je älter die Heizung, desto länger haben sie in die Heizung nicht mehr investiert und desto weniger hart sind sie deshalb von den entstehenden Umstellungskosten getroffen.

Und dieses Damoklesschwert hängt über jeder WEG mit einzelnen Beheizungslösungen pro Wohnung, und das so lange, bis die letzte Gasetagenheizung aus dem gesamten Gebäude verschwunden ist. 

All dies ist meiner Meinung nach eine unzumutbare Benachteiligung von Miteigentümern in WEGs gewesen, deshalb ist es gut, daß das abgeschafft wird. Ich weiß wirklich nicht, was Robert Habeck gebissen hat, so etwas federführend zu verantworten. Denn diese Vorgehensweise beruht auf dem Prinzip, die Dummen und Leichtsinnigen erwischen und zu etwas verpflichten zu können, was sie normalerweise nie tun würden. Die ständig von bestimmten Gruppen geforderte Widerspruchslösung bei der Organspende beruht auf demselben Prinzip. So etwas tut man als anständige Regierung einfach nicht, es ist schlicht unanständig - genau so funktioniert nämlich auch das Abofallenprinzip. Mit so einem Vorgehen drückt man außerdem auch aus, daß man von vornherein weiß, daß man etwas anstrebt, für das sich niemand aus eigenem Entschluß entscheiden würde. Die gefundene Lösung ist scheinheilig, weil sie nur so tut, als ginge es um Freiwilligkeit. Es geht in Wirklichkeit aber nur darum, die Leute unfreiwillig in eine Falle laufen zu lassen. 

Dafür, keinesfalls freiwillig auf Zentralheizung umzusteigen, gibt es mindestens im Moment auch für viele betroffene WEGs sehr plausible Gründe. Denn zu dem Wohngebiet, in dem ich meine vermieteten Wohnungen habe, lese ich in der kommunalen Wärmeplanung folgendes: 

 Klimaneutrale Wärmeversorgung besonders herausfordernd (Rot): In diesen Gebieten ist eine Versorgung über Einzellösungen besonders schwierig, die erneuerbaren Potenziale für eine zentrale Versorgung sind aber auch sehr begrenzt. 

Geheizt wird zu 91 Prozent mit Gas, 76 % der Gebäude stehen unter Denkmalschutz, und 48 % sind im Besitz von WEGs. Und liest man den zugehörigen Quartierssteckbrief, klingen die Pläne der Stadt eher ein bißchen hilflos, denn es ist auch nicht so richtig klar, wie man das bislang in diesem Gebiet nicht existente kommunale Wärmenetz dort überhaupt herstellen soll. 

Mit anderen Worten, eine Zentralheizungslösung müßte bis auf weiteres ebenfalls auf Basis von Gas erfolgen. Bis auf weiteres meint hier: Mindestens noch bis zum Jahr 2035. Falls das, was man als zu untersuchende eventuelle Lösungsmöglichkeiten aufgeschrieben hat, sich nicht doch noch als nicht umsetzbar erweisen wird - und bis man das weiß, werden noch mehrere Jahre vergehen. 

Bis dahin könnten aber alle Wohnungen längst mit Etagen-Wärmepumpen ausgestattet sein. Die sind im Moment zwar noch dreimal so teuer wie Gasthermen, aber das ist ja immer so, wenn ein Produkt ganz neu ist. Es kann ja nur eine Frage der Zeit sein, bis weitere Hersteller mit vergleichbaren Produkten auf den Markt kommen, sofern sich die erste Generation dieser Geräte in der Praxis bewährt. Photovoltaikanlagen waren auch mal sehr viel teurer, als sie es jetzt sind. Wer würde aber, Förderung hin oder her, die aktuell noch verlangten 30.000 Euro (mit Förderung trotzdem gerade so noch einigermaßen konkurrenzfähig in den Anschaffungskosten) für so ein Gerät investieren, wenn er sich nie so ganz sicher sein kann, daß er sich demnächst zusätzlich doch noch an den Kosten der Umstellung auf Zentralheizung fürs ganze Haus beteiligen muß, weil halt ein anderer Nachbar seine alte Gastherme durch eine neue Gastherme ersetzt und damit die Zentralheizungsfrage erneut auf den WEG-Tisch bringt? 

Die zwangsläufige Folge dieser Zwickmühle, in die das GEG speziell WEGs mit Etagenheizunen bringt, lautet: Niemand investiert auch nur einen Cent mehr als zwingend erforderlich in die Heizung seines eigenen Sondereigentums, solange dieser idiotische Paragraph 71l keine Planungssicherheit zuläßt. Und das wiederum bedeutet, daß niemand alte Thermen ersetzt, solange sie noch laufen oder repariert werden können - und mein Installateur hat mir glaubhaft versichert, daß gerade die alten Thermen meist problemlos repariert werden können. Sie wurden vor dem GEG trotzdem häufig ersetzt, wenn ein Neugerät energieeffizienter und weniger reparaturanfällig war. Aber mit dem GEG bietet sich das wegen des hohen finanziellen Risikos, das man damit eingeht, nicht mehr an. 

All das Geschwafel von Technologieoffenheit, von Biogas und was auch immer, das im Moment in allen Medien durchgekaut (und meist verworfen) wird, ist im Grunde Pipifax, ein Nebenkriegsschauplatz, sobald die Frage, wie man all die neuen Zentralheizungen in WEG-Mehrfamilienhäuser, die das alte Gesetz erzwungen hat, eigentlich ohne Erdgas über städtische Wärmenetze beheizen soll, sich nicht mehr stellt, wie das durch die Gesetzesänderung nun geschehen wird. Ich weiß nicht, ob der CDU bewußt ist, wie bedeutungslos das, worum sie so ein Theater macht, für die Heizgewohnheiten in Mehrfamilienhäusern wird, sobald es einen vernünftigen Ersatz auch für die Beheizung von einzelnen Wohnungen mit Gas gibt. Und da gibt es mittlerweile zwei ganz brauchbar wirkende Lösungen, die "Etagen-Wärmepumpe", die besonders einfach als Ersatz für Gasthermen eingesetzt werden kann, und die Split-Klimaanlagen. Bestimmt kommen noch weitere Neuentwicklungen in den nächsten Jahren hinzu. Anstatt Zeter und Mordio zu schreien, täte man seitens der Klimabeflissenen meiner Meinung nach besser, sich eine Strategie zu überlegen, auf welche Weise man dazu beitragen kann, daß diese Geräte möglichst schnell möglichst vielen WEG-Verwaltern und -Miteigentümern bekannt werden. 

In Ein- bis Zweifamilienhäusern ist die Wärmepumpe - in Neubauten sowieso, aber allmählich auch in Altbauten - aber längst dabei, sich durchzusetzen. Es muß sich nur noch ein bißchen weiter herumsprechen, daß man dafür nicht gleich sein komplettes Altbau-Haus für sechsstellige Beträge rundumsanieren muß, die eine Menge Häuslesbesitzer nicht ausgeben können oder ausgeben wollen. Daß hier ständig so getan wurde, als wäre die Fassadendämmung und die Fußbodenheizung und alles mögliche sonst noch eine zwingend Vorbedingung, ohne die ein Wechsel der Beheizungsform gar nicht angefangen werden könne, hat die Wechselbereitschaft natürlich kaum erhöht - und dies ist auch mit dafür verantwortlich, daß die Leute mit solcher Panik auf das GEG reagiert haben. Außer diesem einen komplett mißratenen Paragraphen 71l für WEGs ist mir nämlich kaum etwas aufgefallen, das ansonsten bei Hausbesitzern einen wirklichen Grund zur Panik geboten hätte - es sei denn, ich habe einen anderen Sonderfall übersehen, weil er außerhalb meines Erfahrungshorizonts liegt. Den gefühlten Grund für die unbegründete massenhafte Panik unter Hausbesitzern haben die Klimabeflissenen aber selbst mit ihren ständigen Forderungen nach hundertfünfzigprozentigen Maximallösungen miterzeugt, obwohl in Wirklichkeit weit weniger als dies erforderlich wäre. Das ist jetzt kein Vorwurf, nur eine Feststellung. 

Die Leute wollen an sich immer die Heizungen, die sich für sie, Umbauaufwand und spätere Einsparungen zueinander ins Verhältnis gesetzt, am besten rechnen, vorausgesetzt, sie müssen sich selbst dafür nicht erst an den Bettelstab bringen, weil ihre Kosten jenseits ihrer finanziellen Möglichkeiten liegen. Es ist doch so gut wie niemand scharf darauf, aus reiner Prinzipienreiterei Gas weiter zu behalten, wenn man dabei im Vergleich zu anderen Lösungen draufzahlen muß. Hätte es die Etagen-Wärmepumpe im März 2022, als meine Gastherme den Löffel abgab, bereits gegeben, hätte ich mich vermutlich für sie entschieden, nicht für eine Brennwerttherme. Meiner Meinung nach wird der Abschied von den fossilen Energien zum Heizen in den nächsten Jahren, da nunmehr erste Lösungen für Einzelheizungen bestehen, sehr unkompliziert weiter fortschreiten, auch wenn niemand mehr mit vorgehaltener Waffe dazu gezwungen wird. Je kleiner die Minderheit wird, die aus irgendwelchen Gründen lieber bei Gas oder Öl bleiben will, desto weniger fällt sie aber ins Gewicht. Es ist geradezu idiotisch, sich an ihr mit solcher Hingabe abzuarbeiten, wie das manche tun. 

Hier kann ich nur an den gesunden Menschenverstand appellieren: Eine freiwillige 90-Prozent-Compliance ist allemal besser als eine 96-prozentige, die auf Zwang basiert. 100 Prozent erreicht man sowieso nicht, und sollte jemals der Fortbestand der Welt wirklich davon abhängen, daß 100 Prozent eine bestimmte Sache tun oder unterlassen, dann ist ihr unausweichliches Ende gekommen. Aber zum Glück sind solche Behauptungen immer dramatisierende Übertreibungen, die man getrost ignorieren kann. Die restlichen 10 Prozent werden halt irgendwann später hinterherziehen. So, wie meine Wohnung Ende der Achtziger, die noch mit Holz und Kohle beheizt wurde, irgendwann in den Neunzigern doch noch mit einer Gas-Etagenheizung ausgestattet wurde. Oder wie eine Wohnung, die ich vor roundabout 15 Jahren besichtigte, die noch über kein Badezimmer verfügte, weil der langjährige Mieter völlig zufrieden war, wie es war, unter Garantie beim nächsten Mieterwechsel vor dem Neubezug mit einem Bad ausgestattet wurde oder werden wird. Einen Anteil von sagen wir zehn Prozent verspäteten Umstellungen kann und muß unsere Gesellschaft und auch das Klima verkraften.  

Das Ziel Klimaschutz wird in dem Fall aber nicht als Hauptzweck verfolgt, wenn jemand sich eine Wärmepumpe, ob nun Luft/Wasser oder - wie wir das planen - Luft/Luft, deshalb anschafft, weil diese Heizlösung einfach überzeugend ist. Und das ist es wohl, was die einschlägigen Organisationen sosehr daran so stört. Dieser nur notdürftig bemäntelte Wunsch, die vermeintlichen Sünder unbedingt auch unangenehme Bußübungen verrichten zu lassen, ist der rote Faden in allen moralisch unterfütterten Debatten. 

Das gilt natürlich noch mehr für Vermieter, die viele Leute ja ganz generell und überhaupt ständig dafür bestrafen wollen, daß sie halt Vermieter sind. Nur deshalb wird jetzt überall die Not der unschuldigen Mieter heraufbeschworen, die ja gar keine Chance haben, hohen Heizkosten zu entgehen, wenn ihre Vermieter aus reinem Geiz die Achseln zucken und sie auf ihrer alten Gasheizung sitzenlassen, wie sie das ja immer täten, wenn nicht der Gesetzgeber sie mit vorgehaltener Waffe dazu zwingt, es anders zu machen. Das halte ich für Unsinn, denn tatsächlich - wie weiter oben beschrieben - waren mit dem Habeckschen Gesetz die Anreize, alte Thermen weiterlaufen zu lassen, sehr viel höher als jetzt. Und was die großen Gesellschaften betrifft, warum sollte so etwas für sie lukrativer sein, als die Förderungen und die Abschreibemöglichkeiten zu nutzen? Das sieht man ja alleine schon daran, daß vor allem Mieter großer Gesellschaften in den letzten Jahren mit energetischen Sanierungen von deren Gebäuden mit allen Problemen, die damit verbunden waren, konfrontiert waren. Von Baustellen bis zur anschließenden Mieterhöhung. 

Private Vermieter, wie sie in WEGs der Regelfall sind, können aber auch rechnen. Wenn eine Maßnahme in ihrem Sondereigentum für sie selbst vorteilhaft ist, dann machen sie sie auch. Das bisherige GEG hat wirksam dafür gesorgt, daß alles, was sie bei der Heizung getan hätten, für sie mit ein bißchen Pech in einen gravierenden Nachteil umschlagen konnte, siehe weiter oben. Natürlich tun sie das dann lieber nicht. Aber tatsächlich ist eine zukunftsfeste und möglichst effiziente Heizungslösung auch beim Vermieten vorteilhaft. Das gilt vielleicht ein bißchen weniger in Großstädten mit Wohnungsmangel, aber überall sonst sind günstige Heizkosten ein Faktor, mit dem man sich positiv abheben kann. Und die Kosten, soweit sie die Förderung übersteigen, kann man ja gerade als Vermieter in voller Höhe steuerlich geltend machen. 

Freilich, nicht jeder Mieter wird uneingeschränkt davon begeistert sein, wenn sein Vermieter nun natürlich auch nicht mehr bereit ist, sich mit der bescheideneren Kaltmiete für das zuvor unsanierte Objekt zu begnügen, sondern seine Investitionskosten in die Miete mit einpreist. 

Diese ganze Debatte um das Gebäudeenergiegesetz alias Heizungsgesetz alias Gebäudemodernisierungsgesetz wird ziemlich scheinheilig geführt, und zwar von beiden Seiten. 

Es ist doch Hybris, wenn ständig so getan wird, als könne ausgerechnet nur am deutschen Wesen das Weltklima genesen, und deshalb müßte man alle Widerstrebenden unter den wohnungs- oder hausbesitzenden Bürgern dazu zwingen, mindestens mit 110 Prozent Planerfüllung buchstabengetreu das zu tun, was die Fachleute im Moment für richtig halten. Deutschlands Industrie mag uns auch wirklich zu einem der großen CO2-Ausstoßer machen, aber unsere Privathaushalte sind kaum energieintensiver als in vergleichbaren anderen westlichen Ländern. Es ergibt also nicht viel Sinn, sich bei den Verboten und Zwangsmaßnahmen ausgerechnet auf die Privathaushalte zu konzentrieren. Nur: An die Unternehmen traut sich keine Regierung so richtig ran. 

In Wirklichkeit waren es außerdem immer die überzeugenden technischen Entwicklungen, auf die es vor allem ankam. Die brauchen für den Anfang Erfindergeist und mutige Pioniere, die die Erfindungen praktisch einsetzen. In dieser Phase läßt sich die Entwicklung auch tatsächlich verstärken, indem man Anreize dafür setzt. An irgendeinem Punkt erweist sich aber dieses oder jenes der ausgetüftelten Dinge als Selbstläufer. Spätestens seit China anfängt, von fossil auf erneuerbar umzusteuern, darf man annehmen, daß dies mittlerweile auch geschehen ist, und diese Entwicklung sollte für das Klima eine so gute Nachricht sein, daß es doch Pipifax ist, wenn das Ende der Gasheizungen in Deutschland etwas langsamer erfolgt als eigentlich geplant - ich gehe, wie gesagt, aber sowieso davon aus, daß man den Unterschied kaum bemerken wird. Es ist viel besser, wenn sich so etwas deshalb durchsetzt, weil es eine überzeugende Lösung ist. China oder Indien hätte nun einmal niemand zu irgendwas zwingen können, also ist der Effekt einer überzeugenden Lösung global gesehen weitaus höher, als er durch Zwangsmaßnahmen in Deutschland je erzielt werden könnte. 

Seit Afrika anfängt, von China entsprechende Anlagen zu kaufen, ist spätestens klar, daß die wirtschaftlichen Kalkulationen dazu einfach überzeugender sein müssen, als sich von den Amis oder womöglich Rußland Öl liefern zu lassen. Im winzigen afrikanischen Ländchen Gambia hatten noch vor zehn Jahren die Kosten für dieses Öl  mindestens zwei Drittel des Staatshaushalts aufgezehrt. Das weiß ich nur, weil ich zur Zeit der Flüchtlingskrise auffallend fand, wieviele Gambier nach Deutschland kamen, und mal den Wikipedia-Artikel über das Land durchgelesen habe. Dort stand das. Inzwischen finde ich es nicht mehr, also hat es sich offenbar mittlerweile auch verändert. Wenn Deutschland schlau ist, dann bilden wir hier am besten massenhaft afrikanischstämmige Solartechniker aus mit der Perspektive, später im Herkunftsland die Ausbildung in diesem Beruf vorzunehmen. Erstens dürfte es keine bessere Methode geben, um mittelfristig die Zuwanderung speziell aus Gründen der Perspektivlosigkeit in Afrika zu verringern, die dort besonders häufig der Grund für Migration nach Europa ist. Und zweitens, wenn wir es nicht tun, dann machen das vermutlich auch die Chinesen. Im Ergebnis wäre das letztere natürlich die zweitbeste Lösung, aber man wünscht sich ja doch immer, daß die eigenen Leute Chancen erkennen, wenn sie sie direkt vor der Nase haben. 

Um aber nochmal auf die deutschen Privathaushalte zurückzukommen: Der Stuttgarter Architekt und Ingenieur Werner Sobek schreibt gerade an einem dreiteiligen Fachbuch zum Thema Klimawandel, das er bewußt allgemeinverständlich zu halten versucht, und von dem zwei Bände bereits erschienen sind. Darin tut er offenbar etwas, das so selten geworden ist, daß ich darüber nachdenke, mir das gesamte Werk zu kaufen, obwohl ich eigentlich nicht vorhatte, mich tiefgreifender mit diesem Thema zu befassen: Er untersucht darin Zusammenhänge. Solche, die seiner Meinung nach in der Klimafrage zu kurz kommen. Und das interessiert mich wirklich, weil ich bei allen Themen, bei denen ich in diesem oder jenem Teilbereich gut genug im Bilde bin, um mitreden zu können, genau dasselbe festgestellt habe. 

In dem Buch stellt Sobek unter anderem folgendes fest: 

 "Bei heutigen Neubauten entstehen, auf eine Lebensspanne von 50 Jahren bezogen, etwa 50% aller Emissionen bereits in der Herstellphase, also bevor das Gebäude zum ersten Mal benutzt wird." 

Nun mag man einwenden, das läge hauptsächlich daran, daß die Emissionen während der Wohnnutzung ja bei den energieeffizienteren Neubauten so niedrig seien. Aber bei Null liegen sie auch wieder nicht

 

Das Interessante daran ist, daß diese Neubauten typischerweise mehr Quadratmeter pro darin wohnende Person vorsehen, als das in älteren Wohngebäuden der Fall war. Wieder Zitat Sobek:

"Man hat es tatsächlich geschafft, den Energiebedarf pro Quadratmeter Wohnfläche innerhalb von 40 Jahren zu halbieren. In der gleichen Zeit hat sich aber die Wohnfläche pro Kopf verdoppelt: Der Bedarf pro Mensch blieb der gleiche." 

Das relativiert die Sache mit der eingesparten Energie und der Emissionen doch ganz beträchtlich. Was ich nicht weiß, ist, ob die Emissionen der Herstellung früher ebenso hoch oder noch höher oder niedriger als heute waren, aber ich tippe auf das letztere. Alleine die Wege werden schon geringer gewesen sein, die Baustoffe waren weniger anspruchsvoll in der Herstellung und erforderten somit wohl auch weniger Energie in der Erzeugung. Es gibt eine ganze Menge Faktoren, wo beim Bauen heute mehr Aufwand als früher getrieben wird. Ich gebe zu, da kann ich mich aber auch irren und bin bereit, mich mittels Belegen vom Gegenteil überzeugen zu lassen.   

Daß wir im Jahr 2076 eine deutlich geschrumpfte deutsche Bevölkerung haben werden, ist ebenfalls eine angesichts der demographischen Entwicklung sehr naheliegende Annahme. Wieviel Zuwanderung daran ändern kann, sei dahingestellt, aber die Wahrscheinlichkeit, daß in fünfzig Jahren eher Häuser abgerissen als neu gebaut werden müssen, ist schon ziemlich hoch. Die Frage ist, ob es nicht gescheiter wäre, weniger neu zu bauen, sondern primär Altbauten zu sanieren und mit etwas geringeren Wohnflächen pro Kopf in Wohnraum aufzuteilen. Saniert man speziell bisherige Bürogebäude - für Bürojobs wird ja in Zeiten von Homeoffice weniger Platz benötigt -, dann sollte das besonders leicht funktionieren. Und daß beim Sanieren von Altbauten die Energiebilanz um einiges günstiger ist, weiß man ja. Die Frage ist nämlich, wieviele supertolle energieeffiziente Neubauten heute hingestellt werden, die in fünfzig Jahren energetisch genauso veraltet sein werden wie heute ein Haus mit Baujahr 1976. Aber in Zeiten knappen Wohnraums wohnen die Leute auch in solchen Häusern. Wenn in fünfzig Jahren kein Wohnungsmangel, sondern Wohnraumleerstand - je nach Standort - häufiger das Problem sein wird, wieviele der Bauten von heute wird man dann wohl nach fünfzig Jahren Nutzungsdauer wieder abreißen? Ich halte es für ausgeschlossen, daß die Emissionsbilanz dieser Gebäude über ihre gesamte Nutzungsdauer betrachtet, besonders überzeugend ausfallen wird. Denn ihr Abriß wird ja ebenfalls nochmal Emissionen bedeuten. 

Welche anderen Zusammenhänge nicht nur, aber auch im Bereich Bauen mir selbst noch nicht bewußt sind, das kann ich vielleicht aus Sobeks Buch besser als irgendwo anders erfahren. Und das macht mich neugierig auf das Buch. Ich bin immer wieder fasziniert davon, an was für unerwarteten Stellen plötzlich ein halbes Dutzend neue Schachtelteufelchen aufpoppen, wenn man an einer Strippe zieht und sich eingebildet hat, zu wissen, was danach passieren wird. 

Es ist halt immer ein bißchen deprimierend, daß die tagesaktuellen Debatten irgendwie nie über das Niveau von "Vier Beine gut, zwei Beine schlecht" hinausgelangen. Ich merke das auch daran, daß meine Einlassungen zu der GEG-Problematik bei Bluesky die Leute immer so verwirren, daß sie es vorziehen, sich gar nicht dazu zu äußern. Viele würden mir vermutlich gerne widersprechen, wissen aber nicht, wie, weil das, was ich vertrete, nicht in die gewohnten Schemata (und die zugehörigen Freund/Feind-Kategorien) einzuordnen ist. Ich freu mich immer, wenn tatsächlich mal eine Diskussion zustandekommt, in der man seine Ansichten einem Härtetest aussetzen muß. Am Ende gehen dann für gewöhnlich beide Seiten klüger aus der Diskussion heraus, als sie hineingegangen sind, also auch ich.

Ich riskiere jetzt mal einen Tipp: In fünfzig Jahren sind die Erneuerbaren von niemandem mehr hinterfragter Alltag und Gasheizungen stehen längst im Museum. Die Welt wird in einem neuen Normal leben, wie auch immer es im Detail aussehen mag, und das wird den Leuten dann ebenso normal vorkommen wie uns unser heutiges Normal. Vielleicht ist es noch nicht einmal schlechter als das heutige Normal, und fast schon amüsant fände ich es, wenn es entgegen allen heute heraufbeschworenen apokalyptischen Visionen sogar besser sein sollte. Selbstverständlich wird man aber auch in fünfzig Jahren Probleme haben, entweder schwerwiegende oder solche, die eher geringfügig sind, aber subjektiv schwerwiegend erscheinen. Denn es gibt ja immer ein aktuell schlimmstes Problem. Und mit diesem schlimmsten Problem wird man sich genauso intensiv befassen wie heute mit dem Klimawandel, und vor allem junge Leute werden wegen dieses Problems überzeugt davon sein, die benachteiligtste Generation zu sein, die je auf Erden gelebt hat. So, wie das alle Generationen vor ihnen im gleichen Alter auch gedacht haben. Meine eigene mit eingeschlossen, und ja, ich habe damals auch ehrlich daran geglaubt.

Um das alles noch selbst mitzuerleben, muß ich 111 Jahre alt werden, und das kommt mir bei allem grundsätzlichen Optimismus doch ein bißchen arg sportlich vor, also plane ich das lieber nicht in meine Biographie mit ein. Aber vielleicht hab ich ja Glück, und irgendwer Jüngeres erinnert sich in fünfzig Jahren daran, daß dies von mir im Jahre 2026 prophezeit worden ist.  

*** 

Unsere eigenen Pläne bezüglich Split-Klimaanlage und Balkonkraftwerk konkretisieren sich allmählich. Sobald der untere Teil der Küchenzeile fertiggestellt ist (was hoffentlich noch vor dem ersten April geschehen sein wird), werden wir mal von den zwei einschlägigen Fachbetrieben am Ort Angebote einholen. Ich hätte vor allem die Klimaanlage nämlich gerne noch vor dem Hochsommer, denn die Kühlfunktion ist mir ja auch nicht unwichtig. Vor allem wegen meines Mannes, ich komme mit Hitze besser klar als er. Bis auf weiteres ist die Sache als Zusatzheizung geplant, aber falls sich das gut bewähren sollte, wir also die Therme nur noch für Warmwasser und den Gasherd benötigen, kann es auch sein, daß die Heizkörper dauerhaft kalt bleiben. Einstweilen will ich sie aber weiter behalten, um erforderlichenfalls auch darauf weiter zurückgreifen zu können. 

Wegen des Gasherds kommen wir natürlich dauerhaft nicht ohne wenigstens diese Gasleitung aus, also belassen wir es auch beim Warmwasser einstweilen beim Gas. Das muß das Klima eben aushalten, und ich glaube, die 20 bis 30 Kilowattstunden pro Monat, die Kochen und Warmwasser zusammen ausmachen, sollte das Klima auch dauerhaft verkraften können. Falls die ja immerhin erst knapp drei Jahre alte Therme eines unschönen Tages den Löffel abgeben sollte, werden wir vermutlich auch beim Warmwasser umsteigen, auf Durchlauferhitzer oder was auch immer es als noch interessantere Alternativen bis dahin geben mag. 

Meine Mieter müssen wegen Heizungs-Initiativen von mir leider noch bis nächstes Jahr warten, denn ich will erst die Ein-Jahres-Ergebnisse von unserem Haus vorliegen haben, bevor ich in meinen vermieteten Wohnungen meinen Mietern anbiete, das einbauen zu lassen. - Außerdem wäre es mir auch ein bißchen zu viel, vier Aktionen gleichzeitig finanziell zu stemmen, Förderung hin, Abschreibungen her. Und natürlich muß ich zuvor noch mit den WEGs und in zwei Fällen auch mit dem Denkmalamt abklären, ob die das Außengerät überhaupt genehmigen. Den Betrieb, der das bei uns einbauen wird, möchte ich dann auch in diesen Wohnungen damit beauftragen. Außerdem interessieren sich bereits mehrere Freunde und Bekannte für unsere Erfahrungen mit der Split-Klimaanlage, teils am Ort, teils in der näheren Umgebung, aber jedenfalls nahe genug, um seine Arbeit weiterzuempfehlen. Er hat also gute Gründe, uns so zu beraten und die Sache so umzusetzen, daß wir mit dem Ergebnis möglichst zufrieden sind. 

Das sind immer meine liebsten Momente, wenn sich aus vagen Ideen endlich ein konkreter Plan herauskristallisiert. 

***

Am heutigen 27. Februar - also acht Tage nach der letzten - habe ich wieder mal eine Maus zum Flußufer getragen.  Das war diesmal eine Maus, von der ich schwören könnte, daß ich sie zum ersten Mal gesehen habe. Sie war mittelgroß, hatte aber im Verhältnis zu einem ziemlich ausladenden Hinterteil einen recht zierlichen Oberkörper. Ob das ein Weibchen war? War sie womöglich schwanger? Ich habe sie gestern abend schon in der Falle rumoren gehört, als ich bereits im Bett war, und weil ich heute morgen nicht sofort Zeit für den Fußweg zum Fluß hatte, bekam sie erst einmal eine Haselnuß, damit sie während der Wartezeit nicht länger hungern mußte. Bis wir am Fluß waren, war nur noch ein kleines Stück von der Nuß übrig. Ich wünsche dem Mäuschen und ggf. allen ihren Kindern und Kindeskindern ein schönes Mäuseleben am Flußufer. :-) 

 

 

Montag, 23. Februar 2026

Kopflose Hühner und andere Untote

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des viertägigen Fastenintervalls: 77,7 Kilogramm. Damit bin ich definitiv unzufrieden, das sind mindestens zwei Kilo mehr, als ich vor Beginn dieser Low-Carb-Phase erwartet hatte. Aber es hatte sich ja schon abgezeichnet, daß mein Gewichtsverlauf in dieser Low-Carb-Phase unter meinen Erwartungen bleiben würde. Die letzten paar Kilos, die ich loswerden will - Stand heute geht es um exakt 4,2 Kilogramm hin oder her -, sind offenbar diejenigen, die sich als am anhänglichsten erweisen. Aber das werden wir ja sehen, wer sich am Ende als sturer erweist, sie oder ich. Daß meine bisherigen Methoden ihnen nicht beikommen, habe ich inzwischen eingesehen. Wieviel der neue "Endspurt" bringt, bleibt abzuwarten. 4,2 Kilogramm werde ich damit wohl leider nicht abschütteln können, aber ich hoffe mal, ich gelange wenigstens in die Nähe des Zielgewichts. 

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Einsicht in Veränderungsbedarf erfordert die Bereitschaft, Ursachen und Wirkungen zu hinterfragen, vor allem, wenn die Anwendung der zugehörigen Mittel nicht die erwarteten Ergebnisse zeigt. Es ergibt keinen Sinn, wieder und wieder dasselbe zu versuchen, wenn es offensichtlich nicht die gewünschte Wirkung hat. Warum weiß ich das eigentlich als Laie, aber all den Experten für Adipositas geht das trotz ihres Fachwissens offensichtlich über den Horizont? Denn nur so läßt sich manches erklären, das als angeblich wissenschaftliches Ergebnis in diesem Bereich durch die Medien geht. Etwa dieses hier: 

Intervallfasten funktioniert nicht besser als andere Abnahmemethoden auch! Es bietet gleichzeitig auch keine bessere Lebensqualität! Aber es ist zumindest besser, als gar nichts zu machen! So deutet die Tagesschau einen Review der Cochrane Library. Leider hat man mal wieder keinen Zugriff auf den Volltext, sonst hätte ich noch detaillierter sagen können, wo der Hund bei diesem merkwürdigen Urteil begraben liegt. Schleierhaft ist mir zum Beispiel, nach welchen Kriterien die enthaltenen 22 Studien ausgewählt wurden, bestimmt nur ein Bruchteil dessen, was verfügbar gewesen wäre. Die Erklärung: 

 We included randomised controlled trials (RCTs) and cluster‐RCTs that compared intermittent fasting (including time‐restricted feeding, periodic fasting, alternate‐day fasting, and modified alternate‐day fasting) with regular dietary advice, no intervention or waiting list in men and women with overweight or obesity, with or without associated comorbid conditions. The minimum duration of the intervention was four weeks, and the minimum duration of follow‐up was six months. We excluded cross‐over and quasi‐RCTs.

finde ich nicht überzeugend. Ich halte es für schwer vorstellbar, daß es im Zeitraum 2016 bis 2024 nur 22 Studien gegeben haben soll, die geeignet waren, sich einen Eindruck zu verschaffen. Einen vernünftigen Grund, sich auf diesen Zeítraum zu beschränken, sehe ich außerdem auch nicht, falls es wirklich so gewesen sein sollte. Welchen geringeren Erkenntniswert sollen denn Studien, die aus der Zeit vor 2016 stammen, gehabt haben, sofern sie den zitierten Einschlußkriterien entsprochen haben? 

Daß man eine Einheitlichkeit der gewählten Definition von "Intervallfasten" herstellen wollte, lag der spärlichen Auswahl jedenfalls nicht zugrunde, denn die gewählten Fastenmodelle waren extrem uneinheitlich und es hat den Anschein, als wäre ein Teil davon überhaupt nicht unter die übliche Definition von "Intervallfasten" gefallen, das mit 16 Stunden Fasten beginnen sollte, wenn es eine Abnahmewirkung haben soll. Laut Tagesschau reichte die Spanne aber von 14 Stunden Fasten am Tag bis hin zum "Alternate Day Fasting", also Fasten jeden zweiten Tag. Unklar ist mir, wie Fasten definiert wurde, also ob ein Teil der Studien eine relativ geringe Kalorienmenge an sogenannten "Fastentagen" zuließ, ob Elemente des Heilfastens eingeflossen sind, bei dem ja viel mit Süppchen und Säftchen gearbeitet wird, oder ob es um wirkliches Null-Kalorien-Fasten ging. Vermutlich war alles davon enthalten. Noch dazu betrug die Dauer bei einigen dieser Studien nur vier Wochen. 

Und von dieser sonderbaren Mischung aus Methoden und Anwendungsdauern, die, jede für sich genommen, sehr unterschiedliche Abnehmwirkungen gehabt haben dürften, ermittelte man dann nach strengstmöglichen wissenschaftlichen Kriterien und ausgefeilten Formeln einen Durchschnittswert. Klingt das wirklich nach einer Methode, die allzu viel Erkenntniswert verspricht? Für mich hört sich das eher nach einem Patentrezept für "Garbage in, Garbage out" an. 

Aber das ist noch längst nicht das Hauptproblem mit dieser Übersichtsarbeit von Cochrane. Ein Fall für die Tonne ist sie vor allem wegen des Zeitraums, nach dem über Erfolg oder Mißerfolg geschlußfolgert werden sollte. Denn ausgewertet wurde wieder einmal das Zeitfenster zwischen mindestens Monat 6 und spätestens Monat 12 nach Beginn der Maßnahme. 

Jedes Mal, wenn ich solche Studien sehe, bekomme ich eine grundsätzliche Glaubenskrise, was den Sinn und Nutzen von wissenschaftlicher Arbeit in einem generellen Sinne betrifft. Alternativ könnte ich mich ja nur noch fragen, ob ich nun an dem Verstand der beteiligten Wissenschaftler zweifeln müsse oder an ihrer wissenschaftlichen Integrität. Denn jeder Wissenschaftler in diesem Bereich sollte ja eigentlich wissen, daß in jeder Studie, die länger als zwölf Monate dauert, nach diesen zwölf Monaten Wiederzunahmen die Regel sind. Ernsthaft, wer sich wissenschaftlich mit der Frage nach Gewichtszu- und -abnahmen befaßt und davon noch nie etwas gehört zu haben behauptet (was implizit der Fall ist, wenn man so treudoof kürzere Zeiträume als 12 Monate als vermeintlich maßgeblich behandelt), dem spreche ich jegliche Kompetenz ab. Sechs bis zwölf Monate sind aber eindeutig kein Zeitraum, der für irgendwen interessant sein könnte, der nicht nur abnehmen, sondern das dadurch erreichte Gewicht auch halten können möchte - was in meinen Augen die einzige realitätsgerechte Definition einer erfolgreichen Gewichtsabnahme sein kann. 

Im Umkehrschluß heißt das, Cochrane interessiert sich gar nicht ernsthaft für gelingende Gewichtsreduktion. Und das macht mich gerade richtig sauer. Was bilden die sich eigentlich ein, sich auf idiotische Zahlenspielereien ohne praktischen Nutzwert zu beschränken? Alle Welt heult ständig herum über die horrenden Folgekosten einer sogenannten Adipositasepidemie und schiebt die Schuld daran gar nicht so selten den Betroffenen selbst und ihrer vermeintlichen Undiszipliniertheit in die Schuhe, und die bei Cochrane treiben alberne Sandkastenspielchen ohne irgendwelchen zu erwartenden Nutzwert und plärren anschließend noch dazu irgendwelche offensichtlich hanebüchenen Schlußfolgerungen in die mediale Welt hinaus? Das ist doch einfach nicht zu fassen. 

Die Haare raufen könnte man sich ganz besonders, wenn der Direktor von Cochrane Deutschland dann mit dem klassischen Armutszeugnis an militantem Nichtwissenwollen zu brillieren versucht: 

"Der Review legt nahe, dass Intervallfastende über sechs bis zwölf Monate wahrscheinlich mehr Gewicht verlieren im Vergleich zu Menschen, die ihre Ernährung nicht aktiv ändern - nämlich im Mittel drei bis vier Prozent", erklärt Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland. Allerdings empfehlen klinische Leitlinien für Menschen mit Übergewicht und Adipositas einen Gewichtsverlust von mindestens fünf Prozent.

Was er nicht sagt, der Herr Meerpohl. Kennt der gute Mann eigentlich viele Gewichtsreduktionsmethoden, mit denen man innerhalb von vier Wochen (um die es ja in einem Teil der 22 enthaltenen Studien ging) einen Gewichtsverlust von mindestens fünf Prozent zu verzeichnen hat? Wenn ja, ersuche ich ihn hiermit höflich, mir ein paar Links zu einschlägigen Studien zukommen zu lassen. Ich halte solche Gewichtsabnahmen in einem so kurzen Zeitraum für absolute Ausnahmefälle - auch wenn ich selbst seinerzeit zu diesen Ausnahmefällen gezählt habe. Falls Meerpohl gerne wissen möchte, wie ich das angestellt habe, sei er hiermit höflich auf die Lektüre meines Blogs verwiesen. 

Und sagen die klinischen Leitlinien eigentlich auch irgendwas über die Frage des Gewichthaltens? Wenn nicht, sind sie nämlich sowieso ebenfalls ein Fall für die Tonne. Wiederzunahmen haben die unangenehme Eigenschaft, einen niedrigeren Anteil fettfreier Masse, aber einen höheren an Fettmasse zu umfassen. Wenn ein Gewichtsverlust von fünf Prozent erzielt werden sollte, dann muß er auch gehalten werden können, andernfalls liegt doch auf der Hand, daß man alles nur noch schlimmer macht. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um ohne Hilfe solcher Institutionen herauszubekommen, mit welcher Methode das nicht passiert, und das hätte erheblich schneller gehen können, wenn die Wissenschaft™ eine vergleichbare Lernkurve wie ich hätte, denn dann wäre ihr schon vor Jahrzehnten aufgefallen, daß sie nur unbrauchbaren Datenschrott produziert, solange sie sich nicht dazu bequemt, endlich einmal eine Zieldefinition ihrer Arbeit zu finden, die dazu führt, daß man in der wirklichen Welt außerhalb ihres papiernen Paralleluniversums mit ihren Ergebnissen auch etwas anfangen kann. 

Dr. Jason Fung hatte gegen dieselbe Studie übrigens einen ganz anderen, aber ebenfalls stichhaltigen Einwand:  

 

 

Das ist natürlich ebenfalls richtig, die Autoren kamen in Wirklichkeit nur zu der Schlußfolgerung "Nichts Genaues weiß man nicht". Wie sie dann aber auf das schmale Brett gekommen sind, das Ergebnis ihrer Arbeit stattdessen als "Intervallfasten wirkt allenfalls besser als gar nichts tun" zu promoten, dafür hätte ich gerne mal eine nachvollziehbare Begründung. Hat das aus ihrer Sicht tatsächlich irgendeinen Sinn und wenn ja, welchen? Und hat der dann irgendetwas mit real existierenden Übergewichtigen zu tun? Oder ist das als bloße Reflexhandlung von Zahlenjongleuren zu betrachten, die Zusammenhänge mit der realen Welt für bedeutungslos halten? Ist das vielleicht wie bei einem geköpften Huhn, das trotzdem noch eine Weile herumrennt, bevor es merkt, daß es längst tot ist und umfällt? Und wie lange kann das eigentlich noch dauern, bis die seit Jahrzehnten als kopfloser Untoter herumtaumelnde Adipositasforschung endlich auch umfällt und sich nicht mehr rührt, so daß vielleicht mal wenigstens ein Bewußtsein dafür entsteht, daß man an ihrer Stelle etwas anderes entwickeln müßte? 

Denn, alles was recht ist: Wer braucht diese Art von Forschung denn, da sie für Menschen mit Adipositas überhaupt nicht von Nutzen ist? 

Ich habe übrigens mal Google nach diesem Jörg Meerpohl befragt, dem zitierten deutschen Cochrane-Leiter, nur um auch noch zu sehen, was das eigentlich für einer ist. Irgendwie ist meine Wut speziell auf ihn dabei erloschen. Dieser Mann ist nämlich acht Jahre jünger als ich, aber irgendwie wirkt er erheblich älter und ich möchte sagen, allzuviel Lebensfreude strahlt er nicht aus. Vielleicht bin ich in diesem Eindruck ja voreingenommen, weil ich mich so sehr über ihn geärgert habe. Aber in jedem Fall bin ich ganz froh, daß ich ich sein darf und nicht er sein muß. 

***  

Apropos Dr. Fung: Ich glaube, ich hatte noch gar nicht erwähnt, daß von ihm Anfang März ein neues Buch zu erwarten ist, nämlich "The Hunger Code", und er ist schon fleißig in Podcasts unterwegs, um auf es aufmerksam zu machen. Erst dachte ich ja eigentlich, ich könne darauf verzichten, es zu kaufen. Nachdem ich den "Obesity Code", den "Diabetes Code" und den "Cancer Code" gelesen habe, brauche ich da wirklich noch ein weiteres Buch, das vermutlich einige Überschneidungen zu den Vorgängern enthält, aber den Anpassungsprozeß des Stoffwechsels auch beim Intervallfasten und Low Carb aller Voraussicht nach wieder nicht thematisiert, den ich für einen von allen bislang übersehenen Schlüsselfaktor halte? Was ich aber ganz interessant fand, ist, daß er in einem Podcast erwähnte, daß auch die Abnehmspritzen - trotz all der anderen Bedenken, die man gegen sie haben kann und die er auch tatsächlich hat - so erfolgreich sind, weil sie nicht die Kalorienaufnahme zu regulieren versuchen, sondern weil sie erfolgreich den Hunger regulieren können. 

Dieser Ansatz, also den Hunger zu regulieren, ist also der rote Faden in seinem neuen Buch. Daß er die Abnehmspritzen erwähnte, bringt mich jetzt aber erst mal zu einem kleinen Schlenker zu einer neuen Studie zu diesem Thema: 

Daß Abnehmspritzen häufig wieder abgesetzt werden, ist ja bekannt. Welche Gründe dahinterstecken, untersuchte diese Studie. Ergebnis: Aus einer Gesamtzahl von 8184 Patienten, die Abnehmspritzen verschrieben bekamen, brachen 4492 die Behandlung noch während des ersten Behandlungsjahrs wieder ab. Unter diesen 4492 wurden 288 ausgesucht und Gründe, die sich aus der Patientenakte ergaben, ausgewertet. Erwartungsgemäß wurden die hohen Kosten mit fast 50 Prozent am häufigsten genannt. Etwa 15 Prozent gaben Nebenwirkungen an, erstaunliche 11,8 Prozent nannten Lieferschwierigkeiten des Medikaments. Nur ein geringer Teil, 1,7 Prozent, nannte ein unbefriedigende Abnahme, und fast ebenso niedrig war der Wechsel auf ein anderes Präparat mit vergleichbarer Wirkung (2,4 Prozent) - was mich ein bißchen erstaunt, weil ich den Eindruck hatte, solche Wechsel seien relativ häufig, wenn die Wirkung der Abnehmspritze niedriger als erwartet ausfällt. Aber gut, bei diesem Thema bin ich ja nur Zaungast. 

Bislang gibt es zu Abnehmspritzen noch keine Studie, die einen Fünfjahreszeitraum umfaßt. Die längste dauerte aber immerhin vier Jahre. Ich meine, ich habe mich auch schon in einem früheren Blogbeitrag darüber geäußert. Trotzdem hier nochmal die Grafik mit dem durchschnittlichen Gewichtsverlauf über 221 Wochen hinweg:

 figure 1

Wie man sieht, erfolgt auch bei Semaglutid der größte Teil der Abnahme innerhalb des ersten halben Jahres (26 Wochen), aber sie dauert trotz der Verlangsamung noch ein weiteres halbes Jahr an, bevor sie zum Stillstand kommt. Die eigentliche Besonderheit ist aber, daß es anschließend - jedenfalls als Durchschnittswert - nicht zu einer Wiederzunahme kommt, wie das sonst bei nahezu jeder Gewichtsreduktionsmethode geschieht. Dr. Fung hat also sicherlich recht damit, sich mit der Frage zu befassen, was der Grund dafür ist. Allerdings nehme ich an, daß er mit seinem Hauptverdächtigen, dem Hunger, auf dem Holzweg ist. Die Abnehmspritze muß noch irgendwas anderes machen, das bei anderen Gewichtsabnahmewegen nicht passiert - und speziell bei Low Carb kann man sich ja zum Beispiel problemlos sättigen, so daß dieses Problem überhaupt nicht entstehen sollte. Trotzdem zeigte die Virta-Studie mit den Fünfjahresergebnissen, daß es auch dabei zu Wiederzunahmen kam. Ich möchte außerdem wetten, daß sich Dr. Fung selbst bei seinen Patienten an diesem Problem insgeheim auch häufig die Zähne ausbeißt. 

Es hat aber schon seine Ironie, daß ausgerechnet bei dem einen der neueren Mittel zur Gewichtsabnahme, das erfolgreicher Wiederzunahmen verhindern kann als sogar Low Carb und Intervallfasten, trotzdem der Beginn der Wiederzunahme für mehr als die Hälfte der Patienten ebenfalls schon innerhalb der ersten zwölf Monate kommt, nämlich wegen des häufigen Abbruchs der kostspieligen Behandlung. Denn der Haken bei der Sache besteht darin, daß man dazu verdammt ist, die Spritze für den Rest seines Lebens weiterzunutzen. Andernfalls nimmt man wieder zu, und zwar sogar besonders schnell. Interessant wäre es deshalb auch, zu wissen, wieviele der Nutzer ab dem zweiten Jahr die Abnehmspritze beenden, da es mit der Abnahme nicht mehr weitergeht, und nur eine Minderheit von 12 Prozent ist bis dahin in den Normalgewichtsbereich gelangt. Damit wird die gefühlte Kosten-Nutzen-Rechnung der Abnehmspritze für viele bestimmt immer schlechter. Dagmar Stoeckle hat in ihrer Fernsehreportage ausgerechnet, daß jedes abgenommene Kilo sie mit der Abnehmspritze 300 Euro gekostet hatte. Ab dem zweiten Jahr muß man denselben Gesamtbetrag ohne die geringste Abnahme blechen. Sogar dann, wenn man das Geld mühelos aufbringt, liegt es nahe, daß man dann anfängt, die Sinnfrage zu stellen. 

Gut möglich, daß man bei der Abnehmspritze nach fünf Jahren ebenso wie bei den meisten anderen Abnehmmethoden auch nur bei weniger als zehn Prozent aller Patienten landet, die dauerhaft erfolgreich waren. Nur haben die mehr als 90 Prozent Scheiternden mehr Geld als die meisten anderen für ihr Scheitern ausgegeben. Dies könnte man natürlich ändern, indem man die Abnehmspritze zur Kassenleistung macht. Damit würde man die immensen Kosten allerdings nur auf mehr Personen verteilen, und da die Abnehmspritze es sowieso nicht verhindern kann, daß jemand Adipositas entwickelt (da sie ja erst eingesetzt wird, wenn dies bereits geschehen ist), werden diese Kosten zu Lasten der Krankenversicherung natürlich künftig ständig höher werden. Besser wäre es also, herauszufinden, was genau an der Abnehmspritze das Gewichthalten nach zwölf Monaten bewirkt, und andere Möglichkeiten sucht, diesen unbekannten Faktor nutzen zu können. 

Dr. Fung sieht als den gemeinsamen Faktor seiner Herangehensweise, Intervallfasten, und der von Low Carb (mit dem er einmal angefangen hatte) und der Abnehmspritze in der Regulierung des Hungers. Ich glaube daran nicht so recht. Möglich ist es aber immerhin, daß der ausbleibende Hunger bei allen drei Maßnahmen auf dieselbe Ursache zurückgeführt werden kann. Der ausbleibende Hunger ist außerdem immer dann, wenn er stattfindet, die Wirkung einer tendenziell richtigeren Herangehensweise als die anderen, die durch ständigen Hunger unnötig erschwert werden. Insofern ist der Ansatz bei Dr. Fung jedenfalls lösungsorientiert, auch wenn er mit den theoretischen Grundannahmen vielleicht doch zu sehr der Versuchung nachgegeben hat, Unpassendes für seine Theorie passend zu machen. 

Warum die Abnehmspritze - solange man sie nimmt - diese Wirkung hat, daß man nicht hungert, werde ich in Dr. Fungs Buch noch einmal nachlesen, denn er begründet fast immer nachvollziehbar, was er behauptet, also suche ich jetzt nicht anderswo nach den Wirkmechanismen. Aber was mich im Podcast irritiert hatte, war, daß er behauptete, die Wiederzunahme sei im Verlauf von ebenfalls um die fünf Jahren nach einer Magenverkleinerung ebenso ein typisches Ergebnis, wie es dies bei der Abnehmspritze nicht sei. Das halte ich nämlich für falsch. Meines Wissens ist jedenfalls im Durchschnitt aller Patienten ein Wiederzunahme in erheblichen Umfang nach bariatrischer Chirurgie gerade nicht typisch. Tatsächlich war die Wiederzunahme im Lauf von sogar zehn Jahren in der verlinkten Studie zwar vorhanden, aber doch so gering, daß es angesichts der üblicherweise hohen Abnahmen (die sich durch das typischerweise extrem hohe Ausgangsewicht der Patienten erklären lassen, denn der typische Kandidat für bariatrische Chirurgie  wiegt erheblich mehr als der typische Abnehmspritzen-Patient) gar nicht weiter ins Gewicht fällt. 

 Mir kommt dieser vermeintliche Gegensatz zwischen Magenverkleinerung als kalorienbasierte und Abnehmspritze als hungerbasierte Methode auch ziemlich konstruiert vor, denn beide Methoden werden ja kalorienbasiert begründet, aber bei beiden fiel schon auf, daß ein Teil der Abnahme nicht mit den eingesparten Kalorien erklärt werden kann. 

Aber was ist das überhaupt, Hunger? Es wird ja meistens so getan, als sei das etwas Eindeutiges, aber das stimmt in Wirklichkeit gar nicht, und das wußte ich schon, bevor ich Dr. Fungs Namen jemals gelesen hatte. Denn was einen von einer Diät abkommen läßt, ist ja weniger der Hunger an sich, sondern eher das Kopfkino, das einem verbotene Genüsse vorgaukelt, denen man nicht nachgeben zu dürfen glaubt - was aber umso schwieriger durchzuhalten ist, je mehr die Erfolge der Diät nachlassen und dieses Kopfkino immer mehr von den Einflüsterungen des kleinen Versuchungsteufelchens begleitet wird: "Nur einmal ...!" und wenn man dem nachgegeben hat "Jetzt hat es doch sowieso keinen Sinn mehr!" - und ähnliche Dinge. 

Jason Fung unterscheidet drei Arten von Hunger, den physiologischen, den hedonistischen und den konditionierten. Alle drei von Fung genannten Arten überschneiden sich natürlich beim einen mehr und beim anderen etwas weniger, aber je nachdem, welche Art dominiert, liegt es eigentlich auf der Hand, daß unterschiedliche Lösungsansätze erfolgversprechend sind, wie das offenbar in seinem Buch beschrieben wird.  

Der physiologische Hunger ist das, was den Magen knurren läßt, ein körperliches Signal, mit dem signalisiert wird, daß der Körper der Meinung ist, eigentlich wäre zum jeweiligen Zeitpunkt mal wieder eine Zufuhr an Nahrung zu erwarten gewesen. Es bedeutet aber nicht, daß diese Zufuhr nun unbedingt erforderlich ist. Wer regelmäßig fastet, kennt das Phänomen, daß man einen knurrenden Magen einfach aussitzen kann. Das Knurren hört ja ziemlich schnell wieder auf und kommt zwar in gewissen Zeitabständen wieder, verschlimmert sich aber nicht und hört immer von alleine wieder auf. Je länger man fastet, desto seltener entsteht es außerdem. Diese Sorte Hunger kann man außerdem bei einer Diät ganz gut vermeiden, indem man seinen Magen mit kalorienarmen Dingen füllt. Meiner persönlichen Diät-Erfahrung nach paßt sich der physiologische Hunger außerdem dem Rhythmus und Umfang der Diät-Mahlzeiten an. Der Magen knurrt dann brav erst dann, wenn die nächste Karotte geknabbert werden darf, und hört damit auf, nachdem die gemäß Erfahrung der letzten Zeit zu erwartende Menge verzehrt worden ist. 

Physiologischer Hunger bei einer Diät ist am ehesten das Hauptproblem, wenn jemand seinen Stoffwechsel schon jahrelang mit einer unzureichenden Ernährung (zu wenig Nahrungsenergie generell oder evtl. auch zu wenig von einem bestimmten Nährstoff) drangsaliert hat. Dann kann es passieren, daß man wirklich ständig von physiologischem Hunger gequält wird. Die Besonderheit bei dieser Art von Hunger bei Diäten liegt darin, daß man diesen Hunger an sich jederzeit stillen könnte. Aber in jeder anderen Hinsicht ist es, wenn physiologischer Hunger das Problem ist, dieselbe Art von Hunger, die man hätte, wenn es die erforderliche Nahrung einfach nicht gäbe. Das heißt, es liegt ein Mangel zugrunde. Wer physiologischem Hunger nachgibt, tut meines Erachtens eigentlich das Richtige, auch wenn damit sein Abnehmerfolg nicht zustande kommt. Ich habe Leute noch nie verstanden, die glauben, die Nahrungsrationen des Hungerwinters 1945/46 seien das physiologische Optimum, mit dem man besonders lange gesund bleiben werde. 

Was einen bei einer Diät viel häufiger schwach werden läßt, ist, siehe oben, aber der hedonistische Hunger, der als Eßlust eigentlich besser bezeichnet wäre: Man hat Lust, etwas mit einem ganz bestimmten Geschmack zu essen. Ist das nicht verfügbar, befriedigt es einen nicht, einfach irgendetwas anderes zu essen. Man phantasiert von diesem speziellen Essen, und falls man es zufälligerweise im Kühlschrank haben sollte, reicht dafür die Willenskraft nicht immer aus. Das unterscheidet ihn von dem "kulinarischen Kopfkino", das ich beim Fasten - meistens abends, wenn ich zu Bett gehe - öfter mal habe. Den Drang, das Zusammenphantasierte sofort haben zu müssen, habe ich dann nicht. Es ist mehr eine Art Vorfreude auf den bevorstehenden Genuß, wenn das Fastenintervall beendet ist. 

Der Umgang mit dem hedonistischen Hunger ist bei nahezu jeder Methode, mit der das Körpergewicht kontrolliert oder reduziert werden soll, offen oder versteckt der weitaus wichtigere als der mit dem physiologischen Hunger. Für gewöhnlich bestehen die Lösungsvorstellungen bei konventionellen wie auch bei unorthodoxen Methoden der Gewichtsregulierung darin, einem diese Eßlust auf unerwünschte Arten von Essen möglichst abzugewöhnen. Das stieß mir auch bei dem vor einigen Jahren von Dr. Eenfeldt entwickelten Satiety-Index so unangenehm auf. In Ansätzen, die das Essen weniger lustvoll machen, steckt mir zu viel quasireligiöse Vorstellung von Sünde, Buße und Erlösung. Tatsächlich ist es mit dem Essen genau wie mit dem Sex: Es soll, verdammt nochmal, Spaß machen, nicht lediglich das Minimum an Nahrungsenergie zuführen, das benötigt wird, um zu funktionieren. 

Theresia von Avila wird der Satz zugeschrieben: "Man soll dem Leib etwas Gutes gönnen, damit die Seele Lust hat, in ihm zu wohnen", und ich bin jetzt viele Jahre lang gut damit gefahren, dies auch so umzusetzen. 

Tatsächlich wird der hedonistische Hunger aber meiner Meinung nach häufig mit der Art von Hunger verwechselt, der entsteht, wenn man seinem Leib zu lange zu wenig von dem gegönnt hat, was er für "etwas Gutes" hält, also ein Mangel an Nahrungsenergie oder bestimmten Nährstoffen besteht, mit dem sich der Stoffwechsel nicht abzufinden gedenkt - und der Stoffwechsel hat Mittel und Wege, um einen zu zwingen, ihm das zu geben, wonach es ihm verlangt. Der Hunger, der daraus entsteht, hat etwas Suchtartiges, besonderes Kennzeichen: Man kann nicht aufhören, nicht einmal, wenn es einem längst nicht mehr schmeckt und vielleicht sogar der Magen schon übervoll ist. So etwas hat aber gar nichts mit Hedonismus oder Lust zu tun, obwohl es oft dieselben Arten von Lebensmitteln betrifft. Es ist eher eine Zwangshandlung. Mir ist das bislang nur einmal passiert, daß ich diese Art von Hungergefühl erlebt habe, und ich war selbst daran schuld, weil ich damals über einen zu langen Zeitraum zu viele lange Fastenintervalle mit zu kurzen Eßphasen kombiniert hatte. Nachdem ich das korrigiert hatte, habe ich es in dieser intensiven Form nie wieder erlebt. Und weil nichts so schlecht ist, daß es nicht für irgendetwas gut wäre, weiß ich nun immerhin, wovon die Leute sprechen, die überzeugt davon sind, daß ihre Ernährung sie süchtig (nach Zucker oder was auch immer) gemacht hat. 

Normale Eßlust - also: etwas Bestimmtes essen wollen, obwohl man gerade eigentlich gar keinen Hunger hat - bekommt man meiner Erfahrung nach nur äußerst selten, wenn man sich bei seinen Hauptmahlzeiten richtig satt ißt. Also: so lange ißt, bis man keine Lust mehr hat, weiterzuessen, also nicht nur der physiologische, sondern auch der hedonistische Hunger bei einer Mahlzeit vollständig befriedigt wurde. Das merke ich vor allem an Wochenenden, an denen wir ja erst um die Mittagszeit frühstücken, was später ist, als ich es aus eigenem Antrieb tun würde. Zwischen diesem Frühstück und dem Abendessen entwickle ich nur in Ausnahmefällen Lust auf irgendeinen Snack oder eine Süßigkeit. Oft genug könnte ich sogar das Abendessen ganz ausfallen lassen, aber das mache ich grundsätzlich nicht, wenn danach ein Fastentag folgt, und auch sonst eher selten, weil ich meistens schon das eine oder andere fürs Abendessen vorbereitet habe, und dann sollte ich es natürlich auch kochen. Ich merke dann aber, daß ich an solchen Tagen beim Abendessen viel schneller satt bin als sonst. 

So ganz glücklich bin ich ja mit dem Rhythmus unserer gemeinsamen Mahlzeiten nicht, aber sie sind der beste Kompromiß, den wir finden konnten, also bleiben wir auch dabei, bis Gott ein Wunder tut und meinem Mann vielleicht doch noch die zwei Stunden früher Hungergefühle schenkt, die mir zu einem ausreichenden zeitlichen Abstand zwischen Frühstück und Abendessen verhelfen würden. Das jedenfalls führt bei mir dazu, daß ich gar nicht so selten esse, obwohl ich nicht hungrig bin, was eine Menge Leute, Laien wie Experten, für absolut des Teufels halten und fest davon überzeugt sind, dies sei der sicherste Weg ins Übergewicht. Da ich dieses Essen ohne Hungergefühl aber eigentlich immer gemacht habe, weiß ich es besser. Bevor ich mit dem Intervallfasten begonnen habe, habe ich damit zugenommen, und danach habe ich damit abgenommen. Es machte schlicht keinen Unterschied. 

Der konditionierte Hunger hat mit Gewohnheiten zu tun. Wer es gewohnt ist, Punkt 12 Uhr zu essen, wird um diese Zeit Hunger bekommen. Oder man verbindet bestimmte Situationen mit dem Bedürfnis, meist auch bestimmte Dinge zu essen, etwa nachmittags zum Kaffee ein Stück Kuchen. Dieses Bedürfnis konnte ich früher nie nachvollziehen. Den Kuchen zum Nachmittagskaffee gibt es bei uns eigentlich erst, seit mein Mann um diese Zeit von seiner Frühschicht kommt und dann meistens den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Und so verbinde ich unseren gemeinsamen Nachmittagskaffee auch mit dem Wunsch nach Kuchen. Hat er aber Spätschicht, trinke ich meinen Kaffee "trocken" und brauche keinen Kuchen dazu. 

Im Podcast erwähnte Dr. Fung, das Hauptproblem in den USA bestünde darin, daß praktisch jede Situation dort mittlerweile mit Essen verknüpft sei, also der konditionierte Hunger eine bedeutende Rolle spiele.  

Ich habe eine ziemlich kuriose Variante von konditioniertem Hunger an mir bemerkt: Normalerweise bekomme ich vormittags erst zwischen 9 und 10 Uhr Hunger. Außer, wenn ich bei meiner Mutter bin, dann habe ich tatsächlich sofort nach dem Aufstehen das Bedürfnis zu essen. Sobald ich wieder daheim bin, ist dieses Bedürfnis sofort wieder weg. Das finde ich schon interessant. Der Stoffwechsel merkt sich offenbar bestimmte Ernährungsmuster in auch spezielleren und seltener vorkommenden Situationen. Kein Wunder, daß es so schwierig ist, sich immer neue Methoden auszudenken, mit denen man doch nochmal zwei, drei Kilo loswerden kann, wenn er den Output mal wieder an den Input des Ernährungsmusters angepaßt hat.  

Das sind also die Inhalte des demnächst erscheinenden Buches "The Hunger Code", die ich dem oben verlinkten Podcast entnommen habe, weil mir dazu das eine oder andere einfiel. Falls das Buch selbst mir noch weitere interessante Erkenntnisse bringen oder mich in anderen zum Widerspruch reizen sollte, schreibe ich nach der Lektüre noch eine richtige Rezension. 

***

Am 19. Februar hatte ich zum ersten Mal seit dem 31. Januar wieder eine Maus in der Falle, eine ziemlich große, die aber deutlich weniger pummelig war als andere Mäuse ihrer Größe, die ich schon hatte. Sie wohnt jetzt wie ihre Kolleginnen am Flußufer, und ich hoffe, es geht ihr dort gut. Seither waren die Mausefallen wieder jeden Tag leer. 

Den Garten habe ich jetzt seit Wochen nur betreten, wenn es unumgänglich war, weil ich unter der Woche extrem mit Arbeit ausgelastet war und es an den Wochenenden immer entweder lausig kalt war oder geregnet hat. Aber der Sonntag machte es dann endlich möglich, erst alleine und dann zusammen mit meinem Mann einen Rundgang durch den Garten zu machen und die Arbeiten zu besprechen, die in den nächsten Wochen dort anstehen. Eine dieser Arbeiten hat sich freilich schon bei dem Rundgang erledigt, denn der efeubewachsene tote Baum, den wir immer nur den "hohlen Zahn" nannten, weil er schon so arg wackelte, hatte sich über den Winter dermaßen extrem geneigt, daß er jeden Moment umkrachen konnte. Er wurde nur noch von einem Nadelgehölz gestützt, und da wir das sowieso loswerden wollten, hat mein Mann kurzerhand am heiligen Sonntag zur Säge gegriffen und es abgesäbelt. Den hohlen Zahn legte er dann um, indem er ihm einfach die Hände auflegte und kurz in die gewünschte Fallrichtung drückte. Da liegt er jetzt, und ich bin froh darüber, denn ich hatte mir echt Sorgen gemacht, daß er ausgerechnet auf die Gartenhütte fallen könnte. 

So geht es jetzt also draußen endlich in die nächste Runde. Erst jetzt merke ich, wie sehr ich das vermißt hatte.