Freitag, 3. Juli 2026

Das elfte Gebot: "Du sollst so lange wie möglich leben wollen" vs. das "Schicksal, schlimmer als der Tod"

Mein Gewicht heute früh nach dem vierten von vier aufeinanderfolgenden Fastentagen: 75,3 Kilogramm. Das macht schon ein bißchen autsch, in vier Tagen habe ich damit nur 4,6 Kilogramm verloren, das ist weit unter Durchschnitt. Aber das werde ich wohl sportlich nehmen müssen, denn wenn es mal über 6 Kilo sind, was auch weit vom Durchschnitt abweicht, nehme ich das ja auch gerne mit. Über die Gründe von Ausreißern sowohl nach oben wie auch nach unten kann man ja immer nur spekulieren. Vielleicht liegt's ja daran, daß die Temperaturen zwar im Vergleich zur letzten Woche runtergegangen, aber immer noch ziemlich hoch sind. Die Wasserspeicher in mir sind wohl nicht so richtig geleert worden. 

Mein Mann macht mir aber gerade ein bißchen mehr Sorgen. Er müßte zum Arzt, sich ein neues Rezept für seine Medikamente holen, will das aber nicht machen. Sie sind ihm schon vor über einer Woche ausgegangen, und er behauptet, so gut habe er sich schon lange nicht mehr gefühlt wie jetzt. Er sei trotz der Hitzewelle viel weniger schlapp gewesen und das Nasenbluten sei fast ganz verschwunden. Das Nasenbluten war im Prinzip schon vorher gelegentlich aufgetaucht, aber seit er das halbe Dutzend Medikamente nehmen mußte, hatte er es nahezu täglich, manchmal auch mehrere Male an einem Tag. Der Arzt sagte, das käme davon, daß eines der Medikamente die Gefäße brüchig mache. Da kann man sich natürlich schon ein paar Gedanken machen, ob das nicht im Widerspruch zu dem steht, was mit der Behandlung erreicht werden soll.

Mein Mann sagt jedenfalls, wenn er sein Befinden seit Beginn der Einnahme mit seinem jetzigen vergleicht, dann stellt sich ihm schon die Frage, ob er ungeachtet solcher Fragen und auch dann, wenn er ohne Medikamente riskanter lebt als mit ihnen, nicht doch lieber das Risiko der Nichteinnahme eingehen sollte, anstatt sich für denRest seiner Tage mit diesem ständigen Unwohlsein abzufinden. Das finde ich im Prinzip zwar auch einleuchtend, aber mir gefällt daran nicht, daß er sich darüber nicht mit einem Arzt auseinandersetzen will, denn ich an seiner Stelle würde das wollen. Ich kann verstehen, daß ihm der Gang zu seinem (und meinem früheren eigenen) Hausarzt ziemlich verleidet ist, aber er sollte dann halt zu einem anderen Arzt gehen und sich beraten lassen. Niemand kann ihn ja zwingen, diese Medikamente einzunehmen, wenn er die Vorteile der Einnahme für geringer als die Nachteile hält und sie deshalb nicht haben will. Aber vielleicht gibt es ja dazwischen einen Mittelweg. Mindestens fände ich es gut, wenn ein Arzt da wäre, der weiß, daß er eigentlich Medikamente nehmen müßte und es nicht tut und wenigstens ein Auge darauf hat und es merken würde, wenn sich bei ihm irgendwelche Alarmzeichen auftun würden. 

Aber zwingen kann ich ihn natürlich zu nichts, und ich würde das auch nicht wollen, wenn ich es könnte. Mein Mann ist erwachsen und es ist sein eigenes Leben, über das nur er entscheidungsbefugt ist. Ich sag ihm, was ich an seiner Stelle täte, und das nur, wenn er mich fragt oder es im Kontext naheliegt, daß ich meine Meinung äußere. Es ist nicht meine Art, zu drängeln, auch in so einem Fall nicht. Deswegen halte ich mich auch bezüglich Krebs mit Ernährungsempfehlungen stärker zurück, als es der Sache nach eigentlich naheliegen würde. Will heißen, wer mich fragt, was ich von dieser oder jener Meinung halte, dem sage ich es und wenn es im Kontext naheliegt, erkläre ich auch, was ich gemacht habe, warum ich es gemacht habe und was die wissenschaftlichen Grundlagen dafür sind. Mehr kann ich meinem Empfinden nach nicht tun, und alles, was zuviel ist, bleibt im besten Fall wirkungslos und wirkt im ungünstigeren Fall sogar kontraproduktiv. 

Immer noch bin ich mir außerdem nicht sicher, ob die Behandlung meines Mannes, die ja der eines Herzinfarktpatienten entspricht, nicht vielleicht von Anfang an falsch gewesen ist, unabhängig von der Frage, ob auch eine richtige Behandlung einem den Rest des Lebens spürbar beeinträchtigen kann. Denn der Herzinfarkt war ja immer eher eine Art Verdachtsdiagnose, das ergab sich aus den Arztbriefen der Klinik, auch wenn der Hausarzt so tut, als stünde die Sache völlig fest. Ich bin mir nicht sicher, ob die Sache richtig interpretiert ist, wenn dieser Verdacht als Tatsache gewertet wird, weil mein Mann ja unter sich verschlimmernden Erkältungssymptomen, darunter begleitend zu einem heftigen Husten auch zunehmende Atemnot, gelitten hatte. Ich fand es von Anfang an irritierend, daß man das den Ärzten so oft erklären konnte, wie man wollte, ohne daß es jemals auch nur ansatzweise in die Beurteilung mit eingeflossen ist. Aber die Infektionserkrankung war genauso real wie die Atemnot, die ohne dies sicherlich ein Symptom für einen möglichen Pumpenschaden ist und dies vielleicht auch mit Erkältungssymptomen sein kann. Mir fehlte aber von Anfang an eine Begründung dafür, warum die Atemnot nicht auch darauf zurückzuführen sein könne, denn mir leuchtet das nicht ein. Solange ich diese Begründung nicht habe, kann ich aber auch nicht sicher sein, daß die Symptome nicht doch auf die Infektionskrankheit zurückzuführen waren. 

Aber worauf muß ich mich jetzt eigentlich bei meinem Mann gefaßt machen?  

Es gibt eine Studie, die zeigte, daß Patienten, die sechs Monate nach einem Herzinfarkt mindestens ein Medikament abgesetzt hatten, im Lauf der nächsten zwölf Monate kein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko aufwiesen. Setzten sie aber alle Medikamente ab, dann stieg es eindeutig an. In Zahlen: Von 1000 Patienten, die alle Medikamente nahmen, ebenso wie von 1000, die nur ein Medikament absetzten, starben innerhalb von 18 Monaten 93 Patienten - und von denen, die nur die Betablocker abgesetzt hatten, lag sie sogar mit 91 um zwei Zehntelprozentpunkte niedriger. Unter denen, die alle Medikamente abgesetzt hatten, waren es aber 143 Todesfälle. Das ist prozentual betrachtet ein Anstieg um 50 %. 

Es klingt aber nach mehr, als es in Wirklichkeit ist. Denn von 1000 Patienten überlebten in den ersten beiden Fällen 907 bzw. 909, aber im dritten immer noch 857, für die sich das Risiko, die Medikamente abzusetzen, doch gelohnt hatte. Und es gab immerhin 93 auch unter den vorbildlich complianten Patienten, für die sich auch die Vorsicht gar nicht gelohnt hatte, denn sie starben trotzdem. Das legt nahe, daß auch von den 143 risikobereiten nicht mehr als 50 zum Opfer ihrer Entscheidung geworden sind, während weitere 93 auch dann gestorben wären, wenn sie die ärztliche Anweisung vorbildlich befolgt hätten. 

Das ist also die Risikogröße, mit der es auch mein Mann zu tun hat. Fünf Prozentpunkte rechnerisches Todesfallrisiko hin oder her. Und klar, es macht einen Unterschied, ob sich dann herausstellt, daß man zu den 95 oder zu den 5 Prozent gehört. 

Die OP meines Mannes ist allerdings schon fast zwei Jahre her. Ob die Risiken eines Absetzens zu diesem Zeitpunkt vergleichbar oder höher oder niedriger sind, weiß offenbar niemand, jedenfalls fand ich dazu nichts. Angenommen aber, es war überhaupt kein Herzinfarkt, und die Medikamente laufen damit ins Leere und erst sie machen meinen Mann wegen der Nebenwirkungen unnötigerweise krank, dann wäre sein Risiko gerade durch die Einnahme letztlich höher, als wenn er die Medikamente absetzen würde. Diese Möglichkeit macht mir auch schon seit einer Weile zu schaffen. Wären die Nebenwirkungen nicht, spräche nichts dagegen, vorsichtshalber die Medikamente halt weiterzunehmen. Aber diese Nebenwirkungen haben sie. Sie stehen der Schutzwirkung auch dann gegenüber, wenn ihre Einnahme eindeutig sinnvoll ist. Aber wir können uns nicht einmal sicher sein, ob sie sinnvoll ist. 

Ein Kompromiß wäre es vielleicht, die Medikation zu verändern, um die Nebenwirkungen zu verringern. Aber der Hausarzt hat sich auf dem Ohr als taub erwiesen, und so würde ich meinen Atem ebenfalls nicht darauf verschwenden, mit ihm weiter herumzudiskutieren. Aber einen anderen Arzt, vielleicht auch zwei, würde ich in dieser Frage jedenfalls noch zu Rate ziehen, wäre ich an meines Mannes Stelle. Dabei ist mir freilich klar, daß das Risiko enorm ist, bei beiden Zweitmeinungen dieselbe Art von Niete zu ziehen. Ich täte es trotzdem, nur um mir selbst sagen zu können, daß ich es immerhin versucht habe, die Nadel im Heuhaufen der Ärzte doch zu finden. 

Vielleicht überlegt mein Mann es sich ja doch noch anders. Aber wenn nicht, unterstütze ich ihn bei seiner Entscheidung, mag sie sich nun als falsch oder als richtig erweisen. Es bleibt mir sowieso kaum etwas anderes übrig. 

***

Im Moment wird ja ein weiteres Mal über die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende im Bundestag debattiert. Daß und warum ich dagegen bin, habe ich schon wiederholt erwähnt und auch begründet. Eine Bestätigung meiner Annahme, daß bei einer Widerspruchslösung Organe von Menschen, die niemals aktiv zugestimmt hätten, sich aber aus psychischer Unfähigkeit, über diesen Schatten zu springen, davor drücken, ausdrücklich "Nein" zu sagen, durch eine bloße Zustimmungsfiktion abgegriffen werden sollen, erhielt auf unerwartete Weise eine Bestätigung.

Nämlich im Podcast "Machtwechsel" von Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander. Die brachten nämlich eine komplette Podcastfolge zum Thema Organspende. In einer späteren Folge erwähnten sie dann ganz en passant, daß es regelmäßige Podcast-Hörer gegeben habe, die ausdrücklich kundgetan hatten, diese spezielle Folge ausgelassen zu haben, weil dies ein Thema sei, mit dem sie sich nicht befassen wollten. Das erstaunt dann im ersten Moment doch ein wenig, denn als politisches Thema wurde es ja von den Podcastern genauso behandelt wie andere Themen auch, und der Blick hinter die Kulissen des Politikbetriebs hatte in dieser  Podcastfolge auch genauso viel Erkenntnis- und Unterhaltungswert. Hinter diesem spontanen Nichtanhörenwollen steckt also genau derselbe spontane Reflex, der auch dafür verantwortlich ist, daß jemand einer Entscheidung über Organspende ausweicht. 

Das sind meiner Meinung nach alles Leute, die die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sterblichkeit nicht ertragen. Genau diesen Leuten will man nun aber mit Hilfe der Widerspruchsregelung Organe entnehmen können, und zwar nicht deshalb, weil irgendwer im Ernst annehmen würde, sie hätten dem implizit ja durch das Fehlen eines ausdrücklichen Widerspruchs wirklich zugestimmt. Sie wollen über sie verfügen, weil das Potemkinsche Dorf der Zustimmungsfiktion dazu führt, daß niemand sie daran hindern wird.

Niemand interessiert sich in Wirklichkeit dafür, ob ein Organspender zugestimmt hätte oder nicht, es reicht völlig, diesen Anschein erwecken zu können. Es ist klassisches "So tun, als ob". In einer Frage, in der es um das Verfügungsrecht über den eigenen Körper geht, ist diese scham- und hemmungslose Trickbetrügerei auf eine so grundlegende Weise falsch, daß auch gerettete Menschenleben den damit angerichteten Schaden an der Würde der "Spender" (die in Wirklichkeit nicht gespendet haben, sondern ausgeplündert wurden) nicht aufwiegen. Damit setzt man nämlich - quasi als Strafe für eine Unterlassung, die mit einer Zustimmung zur Organentnahme eigentlich nicht verwechselt werden kann - fest, daß ein Mensch, der den Gedanken an seinen eigenen Tod nicht ertragen kann und ihn so weit wie möglich von sich selbst wegschiebt, das Recht auf Selbstbestimmung über seinen Körper verliert, sofern er im Fall des Hirntods noch als Ersatzteillager verwertet werden kann. Es geht hier nicht um eine Zustimmung im aktuell gemeinten Sinne des Wort, sondern um eine Orwellsche Verdrehung der Bedeutung von "Zustimmung" rein aus Nützlichkeitserwägungen heraus. Und: es geht ums Ausnutzen einer subjektiven psychischen Zwangslage. Das ist, als würde man die Vergewaltigung einer Person, die vor Angst erstarrt und subjektiv bewegungsunfähig ist, für akzeptabel halten, weil sie sich ja hätte wehren können und müssen. 

Das ist ein sehr grundsätzlicher Einwand, und ich finde es immer wieder erstaunlich, daß außer mir auch unter Gegnern der Widerspruchslösung niemand diesen Punkt wichtig zu finden scheint. Tatsächlich käme ich mit einer allgemeinen Organspendepflicht sogar noch eher klar als mit diesem scheinheiligen Konstrukt. Wenn halb Europa das scheinheilige Konstrukt bereits anwendet, zeigt das nur, wie leicht es ist, solche Verkorkstheiten durchzusetzen, weil das Denken in Machbarkeits- und Optimierungskriterien uns alle mehr oder weniger stark verkorkst hat. Sogar ich habe oft Schwierigkeiten, mich aus diesem Denkschema zu lösen, und muß mir das aktiv erarbeiten. Wenn mir eine Sache wichtig genug ist, mache ich aber so lange daran herum, bis ich den Knoten aufgedröselt habe und klar benennen kann, warum ich die Sache so und nicht anders sehe. 

Vor längerer Zeit unterhielt ich mich mal mit meinem Bruder über das Thema Organspende, und da stellte er mir eine Frage, die bei dieser Thematik gerne dann gestellt wird, wenn man den Gefragten als Heuchler entlarven möchte: Und was, wenn du selbst ein Spenderorgan brauchen würdest? Damit kann man nämlich eine Menge Leute gedanklich ins Schleudern bringen. Fast jeder setzt ja unausgesprochen voraus, daß der Tod das Allerschlimmste ist, was einem passieren kann, und daß man alles tun würde, um dies zu verhindern. Bloß, ich sehe das anders. Das, was ich tun würde, um meinen Tod zu verhindern, hat gewisse Grenzen und ein Spenderorgan liegt jenseits dieser Grenze. Mit einer Widerspruchslösung sogar noch mehr, denn ich fände den Gedanken unerträglich, Profiteur einer Regelung zu sein, die die Menschenwürde des Organ-"Spenders" mit Füßen tritt. Ich kannte aber auch mal einen Mann, der sein Leben durch ein Spenderherz verlängern konnte. Immerhin um ca. 15 Jahre. Die persönlichkeitsverändernde Wirkung der Medikamente, die er diese 15 Jahre lang nehmen mußte, hatte allerdings ein paar Auswirkungen, die ein Preis wären, den ich selbst niemals fürs Weiterleben bezahlen wollen würde. 

Mir wäre es aber auch alleine schon unerträglich, für den Rest meines Lebens in der medizinischen Maschinerie festzustecken, die die transplantierten Organe weiter am Laufen hält. Denn von alleine tun sie das ja nicht. Der Körper erkennt sie ja weiter als fremd und möchte sie am liebsten abstoßen. Ich müßte also für den Rest meines Lebens ständig gegen den eigenen Körper kämpfen. Daß ich diesen Preis bezahle, dafür müßte ich schon Grund haben, mich zum Weiterleben verpflichtet zu fühlen, etwa, weil ich Angehörige habe, die auf mein Weiterleben existentiell angewiesen sind. 

Wir leben ein Leben, in dem man sich ständig das Schienbein blauschlagen kann, weil man dauernd über irgendwelche Widersprüchlichkeiten stolpert. Einerseits sollen wir in einer Art biographischem Langstreckenlauf so lange wie möglich durchhalten können, bevor wir schließlich doch am Streckenrand in die Knie gehen (und das passiert ja unweigerlich jedem von uns), und es wird uns zu einer Art Pflicht gemacht, alles uns Menschenmögliche dafür zu tun, daß wir nicht früher als gerade noch möglich aus diesem Rennen auscheiden. Andererseits bringt die aktuelle Lebenserwartung die Rentenkasse ja schon jetzt ins Schleudern (sollen wir also möglichst viele Lebensjahre in Armut und Dürftigkeit verbringen wollen?) und wenn wir einmal Pflege benötigen, dann wird uns die Pflegeversicherung dafür garantiert keinen Dank wissen (und die Qualität der Pflege ist ebenfalls schon jetzt durch dünne Personaldecken arg strapaziert). Wenn unsere Organe versagen, dann geht jeder davon aus, daß wir mit Selbstverständlichkeit ein Ersatzteil haben wollen, für das freilich erst einmal eine andere Person den Hirntod erleiden müßte und womöglich zu dem Personenkreis derjenigen gehörte, die es vor ihrem Lebensende so gegruselt hat, daß sie den Gedanken an diese Situation immer aus Leibeskräften von ihrem Bewußtsein fernzuhalten versucht hat. Das wiederum wird geradezu ohrenbetäubend laut beschwiegen. Trotz dieses unausgesprochenen elften Gebots "Du sollst so lange wie möglich leben wollen" wissen aber immer mehr Menschen gar nicht mehr so recht, warum und wofür sie eigentlich weiterleben sollten. Das legt der Anstieg der Zahl diagnostizierter Depressionen nahe. Die Suizidraten zeigen einen umso dramatischeren Anstieg, je höher das Lebensalter ist. Die Zahl der Suizidversuche ist schwieriger zu ermitteln, liegt aber noch einmal ungefähr zehnmal so hoch. 

 

Was ich nicht herausbekommen konnte, ist, ob das alles "wilde" Suizide waren oder auch assistierte Suizide in den Zahlen mit enthalten sind. Die Zahlen der assistierten Suizide sind aber sehr niedrig im kleinen dreistelligen Bereich. Das kann sich freilich noch ändern, da die Zahl der Mitglieder einschlägiger Vereine in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Es ist gut möglich, daß die Zahl der assistierten Suizide in einigen Jahren ungefähr genauso hoch liegen wird wie die der Empfänger von Spenderorganen. In der Schweiz, wo die Sterbehilfe schon länger als bei uns möglich ist, ist das jedenfalls der Fall: Link 1, Link 2.   

Der assistierte Suizid für Menschen, die glaubhaft darlegen können, daß und warum das Weiterleben ihnen nicht mehr lebenswert erscheint, ist meiner Meinung nach das Gegenmodell zur Organspende als ein Mittel, um jeden Preis weiterleben zu wollen. Solange in beidem der freie Wille entscheidet, ist das eine Widersprüchlichkeit in unserer Gesellschaft, die man aushalten können sollte. Genau wie die Organspende hat es aber eine dunkle Seite, denn es gibt genügend Hinweise darauf, daß der Grund für den Todeswunsch derjenigen, die assistiert aus dem Leben scheiden wollen, gar nicht so selten die Angst davor ist, von anderen Menschen in allen Alltagsverrichtungen abhängig zu werden und "ihnen nur zur Last zu fallen". Ist man einmal nicht mehr imstande sich selbst zu helfen, ist man den damit verbundenen Risiken für das eigene Wohlergehen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wer präventiv aus dem Leben scheiden will, um keinesfalls in diese Lage zu kommen (und das ist sicherlich bei Älteren häufig der Fall), hat wahrscheinlich vorher immer kontrollieren können, wie sein Leben verläuft und war dabei risikoavers. Garantiert sind manche hinfälligen älteren Menschen bereits jetzt damit konfrontiert, daß ihre Angehörigen offen oder subtil sie zu einem assistierten Suizid bewegen wollen. Das ist eine kaum vermeidbare Nebenwirkung der Legalisierung dieses Modells. 

Assistierter Suizid ist nicht in jedem Fall das selbstbestimmte Sterben als Akt der eigenen Würde, womit die Legalisierung ja immer begründet wurde. Auch hier fehlt mir eine Debatte darüber, wie man damit umgeht. Mit etwas Glück käme dann auch der unausgesprochene gesellschaftliche Faktor zu Sprache, daß an sich jeder Bürger dieser Gesellschaft in einem Sinne der optimalen wirtschaftlichen Verwertbarkeit so nützlich wie möglich sein soll. In hohem Alter und bei schlechter Gesundheit ist das nicht mehr der Fall. Das macht etwas mit dem davon Betroffenen, und es macht etwas mit den Menschen, die sich um ihn kümmern, jedenfalls dann, wenn sie diesem Primat der Wirtschaftsinteressen grundsätzlich zustimmen, wie das im Moment ja die Grundlage des Verständnisses einer funktionierenden Gesellschaft zu sein scheint. 

Eine bessere wirtschaftliche Verwertbarkeit der Bürger bei möglichst kostengünstiger Aufrechterhaltung der Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse, soweit sie sich sie nicht selbst verschaffen können, ist aus Perspektive der Bürger der einzige rote Faden, der in den Reformbemühungen unserer Bundesregierung erkennbar ist. Der Blickwinkel von Unternehmen mag wohlgefälliger sein, denn ihre Interessen scheinen als denen von Menschen übergeordnet zu gelten. Ob und wie weit es in Regierungkreise allmählich durchdringt, daß es dies ist, was von den Bürgern negativ aufgenommen wird, weiß ich nicht. Dem jüngsten Ergebnis der Koalitionspartner kann man aber in jedem Fall ansehen, daß es ein Kompromiß ist, um den hart gerungen wurde und bei dem alle Beteiligten ein paar Federn gelassen haben. Und vielleicht ist es ja schon an sich positiv, daß es trotzdem am Ende ein Ergebnis gab und sich die Herrschaften im Kampf um die Partikularinteressen ihrer jeweiligen Fraktion nicht heillos zerstritten haben. Heutzutage muß man ja schon für so etwas dankbar sein. Freilich, einen roten Faden erzeugt man auf diese Weise nicht, und nichts, worin unsereins das wiederfinden könnte, was ihm selbst am Leben wichtig ist. 

Hinter den Kulissen scheint es nicht harmonisch zugegangen zu sein, und das letzte Wort ist in manchen Bereichen außerdem wohl noch nicht gesprochen. Ich habe mir die Pressekonferenz komplett angesehen und fiel fast vom Stuhl, als Markus Söder ganz nebenbei, als wäre das selbstverständlich, die Minijobs so erwähnte, als würden sie doch aus dem Rentenpaket rausgenommen und fortbestehen. Würde das geschehen, könnte man sich die Arbeit mit der Rentenreform meiner Meinung nach einfach sparen. Zum Glück - und auch das ist heute nicht mehr selbstverständlich - hakte in der Fragerunde eine Journalistin nach, der die Sache auch aufgefallen war, und zwar mit einer Frage an Friedrich Merz, der zu Beginn der PK ja noch davon gesprochen hatte, daß die Vorschläge der Rentenkommission vollständig umgesetzt werden sollten. Der Bundeskanzler wies in seiner Antwort darauf hin, daß über das Rentenpaket erst im September verhandelt würde und es hier lediglich um den Pauschalsteuersatz bei den Minijobs gegangen sei, der angehoben weden solle. 

Wenn es keine Minijobs mehr geben sollte, wird es diese Pauschalsteuer aber natürlich auch nicht geben. Daß diese Regelung überhaupt getroffen wurde, macht mich mißtrauisch. An eine Abschaffung der Minijobs glaube ich erst wieder, wenn sie wirklich beschlossen ist. Zumal es jetzt offenbar wirklich zu einer Verschiebung auch beim Gebäudemodernisierungsgesetz kommen wird. Die Sache soll jetzt im Herbst über die Bühne gehen. Falls dieses Gesetz nicht doch ganz gekippt wird, denn es wurden ja schon vor Monaten Zweifel an ihrer verfassungsrechtlichen Zulässigkeit artikuliert. Auf nichts kann man sich also bei dieser Regierung verlassen. Es kann also auch sein, daß das gesamte Rentenkonzept durch Nacharbeiten verdorben wird.

Sehr wahrscheinlich ist außerdem, daß im Fall der Minijobs eine Menge Leute erleichtert aufatmen, dazu stürmisch applaudieren und dann zur Tagesordnung übergehen werden. Der Preis dafür wäre das Fortbestehen von Fehlsteuerungen, die schon meine Generation teuer genug zu stehen gekommen ist und für die nächste auch nicht billiger wird, und wann sich wieder jemand traut, das in Angriff zu nehmen, steht in den Sternen. 

Was mir sonst noch erwähnenswert vorkam: Handwerkerleistungen können künftig nur noch zu 15 Prozent steuerlich geltend gemacht werden. Gut also, daß wir dieses Jahr noch unsere letzten großen Sachen erledigen lassen. Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft und - aber das war möglicherweise unklar formuliert, denn da scheinen Teile der Bundesregierung gerade wieder zurückzurudern - die ärztliche Krankschreibung soll schon am ersten Krankheitstag erfolgen.  Ach ja, und Özdemirs Ankündigung, wie er in BW den Bürokratieabbau angehen wird, hat die Bundesregierung anscheinend beim Ehrgeiz gepackt, denn sie will es jetzt auf dieselbe Weise angehen, also alle Berichtspflichten, die nicht auf EU-Recht beruhen, auslaufen lassen und nur verlängern, wenn die Notwendigkeit überzeugend begründet wird. Ansonsten war auch viel Pipifax dabei, etwa daß Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken sonntags länger öffnen dürfen, also Dinge, für die es sich meines Erachtens innerhalb einer Koalition nicht zu streiten gelohnt hätte, weil das Überleben der Wirtschaft daran garantiert nicht hängt. 

Offenbar hat die Union aber immerhin endlich eingesehen, daß es unmöglich ist, Besserverdiener nicht ebenfalls zu belasten, da ja außer den Reichen durch dieses wie auch alle vorherigen Pakete praktisch jeder belastet wird. Der bisherige Spitzensteuersatz soll deshalb künftig bei einem etwas niedrigeren Jahreseinkommen als bislang gelten, nämlich ab 250.000 Euro, und es gibt einen neuen, noch höheren Spitzensteuersatz, der bei Einkommen ab 280.000 Euro anfallen wird. Freilich, das ist nur eine einzelne Maßnahme, die sich speziell auf Besserverdiener auswirkt. Dem gegenüber steht eine große Zahl an Maßnahmen, die sich auf Normalverdiener und/oder Geringverdiener und/oder die Allerärmsten auswirken, plus solche, die alle gleich treffen, was bedeutet: Je niedriger das Einkommen, umso härter wird man davon getroffen. Ich würde deshalb sagen: Das ist ein Fall von "Zu wenig und zu spät". Falls damit die Umfragewerte ein Stückchen nach oben gepusht werden sollten, bin ich mir sicher, daß dieses Ziel nicht erreicht werden wird.  

Das Gesamtkonzept, aber das gilt für die meisten Kompromisse, ist eine Art Patchworkdecke, in die alles mögliche eingenäht wurde, das nichts miteinander zu tun hat und nicht miteinander harmoniert, sagen wir, um im Bild zu bleiben: vom Samtkleid über den Jeansstoff bis zum Mehlsack oder vielleicht sogar die eine oder andere Plastiktüte, durch die das Werk von vornherein zu einem baldigen Reißen verurteilt wäre.  

*** 

Die Erklärung für die Wirkung des kalten Duschens für einen guten Nachtschlaf bei Hitze fand ich jetzt selbst heraus. Der Schlafforscher Dr. Michael Feld erwähnte bei NTV, daß der Körper sich abends auf das Schlafen vorbereitet, indem er die Körpertemperatur etwas herunterkühlt. An sehr heißen Tagen funktioniert das aber nicht gut genug und man muß dem aktiv Vorschub leisten. Die Tipps von Dr. Feld, diese Abkühlung auf andere Weise selbst vorzunehmen, waren Lüften, Ventilatoren und feuchtkalte Wickel. Das sorgt dafür, daß die physischen Voraussetzungen fürs Einschlafenkönnen geschaffen werden, die sich bei weniger ungünstigen Wettervoraussetzungen der Körper von alleine schaffen würde. 

Die Sache mit dem kalten Duschen erwähnte Dr. Feld nicht (wieso eigentlich nicht?), aber es liegt nahe, daß die von mir und meinem Mann erlebte Wirkung des kalten Duschens vor dem Schlafengehen plus der Verzicht aufs anschließende Abtrocknen genau auf dem von ihm beschriebenen Mechanismus des Herunterkühlens als Schlafvorbereitung beruhen muß. Nachtragen kann ich dazu übrigens, daß mein Mann dafür plädiert, beim Duschen lauwarm zu beginnen und die Temperatur dann langsam zu senken. Und: mehrere Minuten duschen. Ich mach das freilich anders. Das allererste Wasser, das aus der Dusche kommt, ist an heißen Tagen sowieso nicht richtig kalt, weil es in den Leitungen stehend ja wärmer geworden ist. Die Abkühlung des Wassers erfolgt dann von ganz alleine und ist für mich nicht unangenehm und sogar kaum wahrnehmbar, wenn ich das Wasser erst anstelle, wenn ich schon unter der Dusche stehe. Meine Duschzeit ist auch kürzer, meistens so um eine Minute herum. Für die beschriebene Wirkung reicht das bei mir auch locker aus. Also, man kann das Konzept nach persönlichem Gusto und je nach erlebter Wirkung auch variieren. 

Im Moment machen wir das mit dem Duschen vor dem Einschlafen aber beide nicht. Ich habe meinen Mann nicht gefragt, aber ich mache das nur dann, wenn ich abends vor dem Zubettgehen schwitze. Bei den aktuellen Temperaturen passiert das nicht.

Montag, 29. Juni 2026

Selbstermächtigung zur Altersteilzeit oder Rente mit 65?

Mein Gewicht heute früh zum Beginn des viertägigen Fastenintervalls: 79,9 Kilogramm. Mehr, als ich gerne gehabt hätte, aber im Rahmen dessen, was ich erwarten mußte. Da die große Hitzewelle jetzt vorbei ist, nehme ich an, daß ich immerhin die paar hundert hitzebedingte Gramm zusätzlich verlieren werde. Und erstaunt stelle ich fest, daß es mit 3,5 Monaten gar nicht mehr so wahnsinnig lange bis zu meiner nächsten Low-Carb-Phase ist. Wollen wir hoffen, daß das dieses Jahr nicht wieder ein Fall von "Außer Spesen nichts gewesen" sein wird.  Immerhin, es hat den Anschein, als hätte sich seit meiner Dulcolax-Notbremse meine Verdauung von alleine halbwegs normalisiert. Deswegen habe ich einstweilen auch mit den Flohsamenschalen nicht weitergemacht, sondern beobachte und werde ggf. wieder damit anfangen, wenn die Sache erneut problematisch zu werden droht. Ob die normalisierte Verdauung aber auch einen Einfluß auf meine Körpergewichtsentwicklung hat und Low Carb wieder die gewohnte Wirkung haben wird, kann ich im Moment noch nicht einschätzen. 

Möglicherweise liegt es ja an unserem jetzigen Wohnort im Dorf statt in der Innenstadt, aber ich fand die aktuelle Hitzewelle eigentlich weniger schlimm, als es die Berichterstattung nahelegen würde. Für mich fühlte es sich nicht anders an als in früheren Hitzephasen auch, wenn ich zum Einkaufen oder aus sonstigen Gründen unterwegs war. Es war ja bis zum Samstag eine trockene Hitze, damit komme ich gut klar. Mein subjektiv empfunden heißester Sommer meines Lebens bleibt einstweilen der des Jahres 2003, aber da wog ich 25 Kilo mehr als heute, und das macht natürlich auch einen Unterschied. 

Die Vögel im Garten fanden das Wetter erheblich unangenehmer. Wir haben mehrere Vogeltränken an strategischen Plätzen aufgestellt, die lebhaft genutzt wurden. Mein Mann hat am Wochenende, als er mit dem Wasserschlauch im Garten war, um unsere Pflanzen zu wässern, von unserem Haus-und-Hof-Amselhahn eine Art Liebeserklärung bekommen. Herr Amsel war ihm nämlich durch den halben Garten gefolgt, und so hängte mein Mann zum Schluß den Schlauch über die Teppichstange und ließ das Wasser noch in einem dünnen Rinnsal weiterlaufen. Herr Amsel begab sich auf der Stelle unter das Rinnsal und nahm eine ausgiebige Dusche. Anschließend setzte er sich auf unsere Pflanzkästen mit den Radieschen direkt neben meinen Mann auf die Terrasse (keine zwanzig Zentimeter von ihm entfernt) und blieb dort ein Weilchen bei ihm sitzen. Mein Mann meint, er wollte damit seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, und war sehr gerührt. Er sprach sogar davon, für seinen neuen allerbesten Freund einen solarbetriebenen Springbrunnen zu kaufen, aber davon ist er wieder abgekommen, weil sich das Wasser darin gerade an heißen Tagen wohl so sehr erwärmt, daß das für Vögel in Wirklichkeit gar nicht so toll ist. Bleiben wir also bei den Vogeltränken. 

Meine Geheimwaffe für einen erholsamen Nachtschlaf in sogenannten Tropennächten lautet: Alle Fenster und Zimmertüren aufreißen, denn schon der leiseste Durchzug hilft ein bißchen. Und vor dem Schlafengehen einmal kurz kalt abduschen und dann nicht abtrocknen, sondern im Bett am Körper trocknen lassen. Das hat mir über die gesamte Hitzewelle gut hinweggeholfen, nur gestern abend mußte ich es noch einmal wiederholen, weil ich zu früh geduscht und anschließend noch ein Stündchen gelesen hatte, und dann fing ich doch wieder an zu schwitzen. Eine zweite Dusche, nach der ich dann gleich schlafen gegangen bin, löste das Problem, obwohl die letzte Nacht noch ein paar Grad wärmer als die Nächte davor und die meiste Zeit komplett windstill war. Ich bin während der Hitzephase morgens nur ein einziges Mal verschwitzt aufgewacht, und das war, als ich am Sonntag zwei Stunden länger als gewohnt geschlafen hatte. Da waren die Raumtemperaturen bereits so angestiegen, daß es mich auch im Schlaf ins Schwitzen gebracht hat. 

Mein Mann dachte lange, bei ihm wirke meine Methode nicht, aber dann stellte sich heraus, daß er sich nach dem Duschen immer säuberlich abgetrocknet hatte. Als er das wegließ, klappte es bei ihm genauso. Bekanntlich glaube ich an Ursachen und Wirkungen. Wenn also diese Sache bei zwei Personen diese Wirkung hat, muß es dafür auch eine Ursache geben, auch wenn ich sie zugegebenermaßen nicht kenne. Überzeugende Erklärungen von Leuten, die zu wissen glauben, auf welchen Mechanismen das beruht, also gerne in den Kommentaren. :-)

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Bluesky spülte mir dieses Beispiel wissenschaftlicher Arroganz und Selbstüberschätzung in die Timeline:  

 

Ein Wissenschaftler, der eine solche Einlassung mit "Scientist here" einleitet, ist in meinen Augen ungefähr so vertrauenswürdig wie ein Schlangenölverkäufer. Als Erstes mußte ich mich deshalb vergewissern, daß Dr. Rasmussen hier wirklich richtig zitiert wurde. Dies ist der Fall. Nun sehe ich zwar ein, daß die Science-Community in den USA wenig Grund hat, ihren Gesundheitsminister zu mögen. Die an den Haaren herbeigezerrte Pointe mit den Masern finde ich aber schockierend armselig. Kennedys Meinung zur Masernschutzimpfung ist sowieso eher ambivalent als negativ, und wie auch immer man dazu stehen mag, sie hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was Kennedy hier sagte. Wenn Rasmussen tatsächlich die amerikanische Wissenschaftselite repräsentieren sollte, dann braucht sich niemand darüber zu wundern, daß es so viele Leute gibt, die ihnen nicht vertrauen. 

Ist's außer mir jemandem aufgefallen? Frau Dr. Rasmussen hat in ihrer Antwort den entscheidenden Begriff kurzerhand unterschlagen, nämlich "inflammation". Mitochondrien sind gerade, zugegebenermaßen, so in Mode, das eine Menge seltsames Zeug über sie verbreitet wird. Trotzdem kann Frau Dr. Rasmussen ja weder abstreiten, daß Mitochondrien existieren, noch, daß sie geschädigt werden können und daß dies dann einen Einfluß auf die Gesundheit hat und daß es mit Entzündungsreaktionen in Verbindung gebracht wird. Einmal unabhängig von der Frage, ob man über RFKs Schlußfolgerungen aus seinen Beobachtungen vielleicht wirklich nur mitleidig den Kopf schütteln kann: Da Mitochondrien in jeder Körperzelle enthalten sind - sie dienen dazu, unter Zuhilfenahme von Sauerstoff aus Nährstoffen Energie zu erzeugen -, was genau ist dann daran lächerlich, anzunehmen, daß man es einem Menschen, auch einem Kind, ansehen kann, wenn ein nennenswert großer Teil seiner Körperzellen Schwierigkeiten hat, Energie zu erzeugen? 

Frau Dr. Rasmussen behauptet hier nicht lediglich, daß Kennedys Diagnosemethode fragwürdig ist - wogegen nichts einzuwenden wäre. Sie behauptet, daß es bei den von ihm erwähnten mutmaßlichen Symptomen auf Mitochondrien von vornherein nicht ankomme, daß es also ausgeschlossen ist, daß dieser Zusammenhang bestehen könne. Und was dazu die Wissenschaft in zwanzig oder fünfzig Jahren sagen wird ... ich wäre mir an ihrer Stelle nicht sicher, daß man dann vielleicht doch auch über sie mitleidig den Kopf schütteln wird. 

Rasmussen vermittelt hier außerdem implizit, daß aus ihrer Sicht - im Gegensatz zu Kennedys Meinung - alles im Grunde okay ist, wie es ist. Nur der Kinderschreck Kennedy müsse weg und eventuell ja zusätzlich noch eine Masernimpfpflicht her. Ansonsten ist offenbar aus ihrer Sicht alles in Ordnung. Nur, daß in den USA bezüglich der Gesundheit der Bevölkerung rein gar nichts in Ordnung ist und dies auch dann der Fall wäre, wenn restlos jeder US-Bürger gegen Masern, Covid und was auch immer alles an Schutzimpfungen angeboten wird, geimpft wäre. Die Lebenserwartung sinkt, Adipositas und Diabetes werden immer häufiger, immer mehr Amerikaner nehmen Psychopharmaka und gleichzeitig sind Krankheitskosten für einen beträchtlichen Teil der US-Bürger unbezahlbar, teils, weil sie nicht krankenversichert sind, teils, weil ihre Krankenversicherung erforderliche Behandlungen nicht übernimmt. Ist die Zahl der möglichen Todesfälle durch Masern - die kaum den zweistelligen Bereich übersteigen werden, solange Impfungen nicht gerade verboten werden und für jeden, der sie haben will, verfügbar sind - wirklich so viel vordringlicher als neue Lösungsansätze für das, was in den letzten Jahren zu einer sinkenden Lebenserwartung im reichsten Land der Welt geführt hat, da ja mit den alten Ansätzen das Problem ständig nur noch schlimmer geworden ist? Egal, was man von Kennedys Herangehensweise hält, das erklärte Ziel, das er dabei verfolgt, kann ich wirklich nicht falsch finden. Stattdessen finde ich es falsch, dieses Ziel ins Lächerliche zu ziehen, nur weil man eine Person, die es auf wie verdrehte Art auch immer verfolgen will, unbedingt ins Lächerliche ziehen möchte. 

Wäre ich ein Wissenschaftler, dann würde ich in jedem Satz des Gesundheitsministers, egal für wie blöd ich ihn halten mag, nach dem Punkt suchen, an dem ich andocken könnte, um die Schnittmenge zu finden, die wenigstens in Teilbereichen konstruktive Lösungen ermöglicht, durch die sich die Gesundheit der US-Bürger möglicherweise ja wirklich verbessern kann. Dafür muß man den Gesundheitsminister nicht mögen, es reicht völlig, sich seiner Verantwortung bewußt zu sein. Dr. Rasmussen findet es aber offenbar wichtiger, von ihrer Fanbase für Pointen bejubelt zu werden, die so dürftig ausfallen, daß man eine Fanbase, die darauf so ekstatisch reagiert, eigentlich eher ein bißchen peinlich finden sollte. 

Darmkrebs ist beispielsweise eine Sache, die auch Dr. Rasmussen Sorgen machen könnte und m. E. sollte. Es ist eine beunruhigende Entwicklung, daß er ausgerechnet bei jüngeren Leuten immer häufiger wird. Ob dabei nun geschädigte Mitochondrien mit im Spiel sind (was Prof. Seyfrieds Krebsentstehungstheorie entsprechen würde, die ich für richtig halte) oder vielleicht doch nicht, wie das vermutlich eher Dr. Rasmussens Annahmen entspricht, es ist eine neuere Entwicklung und deshalb wäre es angebracht, die Ursachen in Faktoren zu suchen, durch die sich das Leben jüngerer Leute von heute von dem meiner Generation unterscheidet. 

Die gute Nachricht für uns in Deutschland lautet: Darmkrebs bei unter 40jährigen nahm in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland nicht so stark zu wie in den USA. Die schlechte Nachricht: Die Inzidenz nahm auch in Deutschland zu. Daß das etwas mit der geringeren Adipositasrate in Deutschland im Vergleich zu den USA zu tun hat, darüber wird spekuliert, aber mit gehöriger Vorsicht: Die Übergewichtsrate scheine als alleiniger Grund zu vereinfacht. Mir scheint es jedenfalls keine allzu verwegene Annahme, daß es irgendetwas mit der Art der Ernährung zu tun haben könnte, und zwar mit Ernährungsbestandteilen jüngerer Leute, die in den USA noch verbreiteter als bei uns, aber auch hier üblicher als zu meiner Zeit geworden sind. 

***

Bislang hält sich meine Begeisterung über die Reformen der Regierung Merz ja ziemlich in Grenzen. Die einzige Ausnahme ist das Gebäudemodernisierungsgesetz, und das beruhte sicherlich nicht auf Vorsatz von Frau Reiche, speziell die Sache, die mir am bislang geltenden Gesetz so falsch vorkam, zu verbessern. Wir WEGs hatten einfach das Glück, daß der Paragraph 71 Buchstabe l sich zwischen den anderen Buchstaben mitverbarg und nach dem Prinzip "Mitgefangen, mitgehangen" nun mit abgeschafft werden soll. Ich hoffe inständig, das neue Gesetz wird wirklich noch vor der Sommerpause verabschiedet, denn im August werden wir unseren letzten Wohnungsverkauf nun endgültig in Angriff nehmen, und es wäre ärgerlich, wenn wir in dieser Sache dann immer noch in der Luft hängen würden. 

Eines der nicht ganz so schlechten Konzepte dieser Bundesregierung scheint mir aber die angekündigte Rentenreform zu sein, auch wenn ich ihretwegen meine Pläne, in vier Jahren abschlagsfrei mit 65 in Rente zu gehen, möglicherweise in den Kamin schreiben kann. Das hatte ich ja auch schon befürchtet, wenn ich auch angesichts der CDU-Wahlversprechen zu diesem Punkt doch gehofft hatte, daß die Regelung diese Legislaturperiode noch übersteht und ich es dadurch noch über die Ziellinie schaffe. Aber unter den unzähligen gebrochenen Wahlversprechen dieser Bundesregierung ist der hoch und heilig versprochene Beibehalt der Möglichkeit des zwei Jahre früheren Ruhestands für "besonders langjährig" Versicherte - gemeint: mindestens 45 Jahre rentenversichert, bei mir wären es mit 65 bereits 49 Jahre - bestimmt nicht das schwerwiegendste. Da im Gesamtpaket neben der sofortigen und perspektivisch geplanten Aufnahme weiterer Versichertengruppen - von Selbständigen über Abgeordnete bis mittelfristig vielleicht sogar Beamte - auch eine unverzügliche Abschaffung der Minijobregelung enthalten ist, werde ich, statt nun in das übliche Mimimi auszubrechen, die Sache diesmal sportlich nehmen. Die Minijobregelung ist für einen großen Teil der weiblichen Altersarmut mitverantwortlich. Wenn die wirklich entsorgt wird, verzeihe ich der Bundesregierung ihren Wortbruch in der Angelegenheit, die mich etwas persönlich angeht und mir eigentlich auch ziemlich wichtig gewesen wäre. Sollten außerdem noch Selbständige, und, finanziell zu vernachlässigen, aber symbolisch nicht ganz unwichtig, die Bundestagsabgeordneten selbst künftig in die Rentenversicherung einzahlen, ist vermutlich eine gute Basis für ein Rentensystem geschaffen, das die kritische Phase des Ruhestandseintritts meiner Generation überstehen kann. 

Das heißt aber natürlich nicht, daß ich nicht im Rahmen meiner Möglichkeiten reagieren werde. 

Wie, das hängt davon ab, was genau gemäß den Empfehlungen der Alterssicherungskommission beschlossen wird und ab wann es gilt. Ich las irgendwo, daß die Rentenkommission fünf Jahre Vorlauf als Vertrauensschutz für die Altersgruppen, die schon nahe an der Rente sind, für geboten hielte, konnte das aber nicht verifizieren. Falls ich auf diese Weise mit meinen zu Beginn des nächsten Jahres noch dreieinhalb Jahren doch noch durchrutschen sollte, bin ich mit 65 natürlich weg, aber das glaube ich erst, wenn es dafür eine amtliche Bestätigung gibt. Denkbar wäre es ansonsten, eine Rente mit Abschlägen in Anspruch zu nehmen. Dagegen spricht aber, daß genau darauf von den Autoren des Papiers in aller Selbstverständlichkeit spekuliert wird. Man möchte, daß wir das tun, weil auch die geringeren Auszahlungen die Rentenkasse entlasten. Die 400 Euro weniger im Monat kann ich mir im Grunde ja leisten, und alleine das ist ja schon ein Luxus und Privileg, mit dem ich etlichen Gleichaltigen einiges voraus habe. Aber eigentlich sehe ich es nicht ein und habe auch nicht die Absicht, bis an mein Lebensende pro Jahr auf fast 5000 Euro Rente zu verzichten. Eleganter scheint es mir, da ich als sv-pflichtige Selbständige diese Möglichkeit habe, einfach meine Arbeitsmenge zurückzufahren und auf diese Weise eine Art selbstgehäkelte Altersteilzeit zu nutzen und am Ende trotzdem höchstwahrscheinlich nahezu meine vollen Rentenansprüche einkassieren zu können. 

Die einfachste Methode dafür dürfte nämlich sein, meine Honorarsätze so lange regelmäßig zum Jahreswechsel - und sehr viel deutlicher als bislang - anzuheben, und zwar so lange, bis die Arbeitsmenge durch den verbleibenden Rest der mir nicht davongelaufenen Kunden in etwa meiner Vorstellung entspricht. Damit würde ich aber nicht erst in vier Jahren, sondern unmittelbar nach Verabschiedung der Reform beginnen. Falls sie also im Herbst beschlossen wird, drehe ich zum ersten Januar kräftiger als geplant an meiner Honorarschraube. Was mich betrifft, wird die Bundesregierung das Ziel nicht erreichen, aus mir irgendwelche Mehrarbeit herauszukitzeln. Im Gegenteil werde ich gerade wegen der Reform weniger als bislang geplant arbeiten. Ich peile gegebenenfalls 6 Jahre mal ca. 50 Prozent meiner aktuellen Arbeitszeit an, was unter dem Strich so viel weniger Arbeit bedeutet, als wenn ich von heute ab nicht in vier, sondern in drei Jahren in den Ruhestand gehen würde. 

Ach ja, selbstverständlich würde das ab kommendem Jahr nicht nur die Höhe meiner Rentenversicherungsbeiträge, sondern auch die meiner Krankenversicherungsbeiträge verringern. Sorry wegen des Kollateralschadens für die Krankenversicherungsfinanzierung, aber das ist dann halt so. 

Ich nutze mein persönliches Schlupfloch, falls ich es brauchen sollte, ohne deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben, wie das andere Generationen ja wegen ihrer jeweiligen anderen Privilegien ebenfalls nicht haben. Von dreißigjährigen Work-Life-Balance-Enthusiasten, die sich nach dem Abi und vor dem Politikwissenschaften- oder "Irgendwas mit Medien"-Studium ein Sabbatjahr für eine Backpacker-Reise gegönnt haben und im Jahr zweieinhalb Fernreisen für ihr gottgegebenes Menschenrecht halten, laß ich mich doch nicht zum Wohle der Wirtschaft™ so lange nutzbringend verwerten, bis ich von selbiger als nicht mehr weiter ausquetschbarer menschlicher Ausschuß betrachtet werde. Ich bin immerhin im Berufsleben, seit ich 16 Jahre alt war, und das ist mittlerweile 45 Jahre her. Irgendwann möchte ich gerne auch einmal genügend Zeit in Dinge stecken können, für die mich niemand bezahlt und die ich mache, weil ich sie einfach tun will. Falls ich mich selbst aktiv dazu zu ermächtigen muß, mache ich das auch. 

Insgesamt kann ich also - auch dank meiner persönlichen Reaktionsmöglichkeiten - mit dieser Rentenreform leben. Nicht gefallen hat mir allerdings diese verpflichtende Kapitalmarktrente, die ebenfalls Bestandteil werden soll. Ich bin nicht davon überzeugt, daß das ein sinnvoller Weg zur Alterssicherung ist. Als Kleinaktionärin mit einigen handverlesenen Aktien kenne ich die irrationalen Bestandteile des Aktienmarkts zu gut, um ihn mit dem tatsächlichen Wert des zugehörigen Unternehmens zu verwechseln. Der Kapitalmarkt ist zu undurchsichtig in den konkreten Werten, die dahinterstehen, und ich bin mir auch nicht sicher genug, daß es diesen Kapitalmarkt in der aktuellen Form in fünfzig Jahren überhaupt noch geben wird. Er wird so lange funktionieren, wie eine kritische Masse an Investoren jedenfalls daran glaubt, daß die in den Charts angegebenen Werte reale Werte repräsentieren. Hören zu viele auf, daran zu glauben - egal, ob zu Recht oder als sich selbsterfüllende Prophezeiung -, wird er vermutlich in der heutigen Form schneller Geschichte sein, als man ETF sagen kann. 

Bei der Alterssicherung kommt es nicht darauf an, über welche theoretisch existierenden und zum aktuellen Zeitpunkt leicht monetarisierbaren Werte man verfügt, sondern ob sie ab dem Ruhestandseintritt dauerhaft ausreichend dafür sind, die konkreten Alltagsbedürfnisse zu sichern. Dafür sind eigengenutzte Immobilien kategorial so viel besser (dazu habe ich an anderer Stelle, u. a. hier, schon mehr als genug geschrieben), daß es ein richtiger Jammer ist, daß diese Form der Alterssicherung in dem Papier nicht einmal am Rande erwähnt wurden. Das mag damit zusammenhängen, daß die Autoren der Empfehlungen allesamt der jungen Generation der Koalitionsparteien angehören und wohl die Annahme, von Angehörigen ihrer Generation werde sich sowieso niemand mehr eigengenutzte Immobilien leisten können, vollkommen verinnerlicht haben. 

Hinzu kommt aber außerdem noch etwas anderes: Die gravierendsten wirtschaftlichen Fehlsteuerungen der letzten Jahrzehnte waren auf die Durchsetzung der Interessen der Konzerne via Kapitalmärkte zurückzuführen. Je mehr Geld am Kapitalmarkt angelegt wird, desto besser kann er aber die Interessen durchsetzen, die seiner inneren Logik entsprechen, nicht aber derjenigen der Gesellschaft. Ein markantes Beispiel sind Wohnungskonzerne wie Vonovia, die wegen ihrer attraktiven Dividenden bei Fonds wie Privatanlegern beliebt sind. Ein Vonovia-Mieter kann also über die Kapitalmarktrente gleichzeitig Vonovia-Aktionär sein und in seiner zweiten Eigenschaft das Gewicht der Kapitaleigner-Seite mitverstärken, die wiederum dafür sorgt, daß er in seiner ersten Eigenschaft als Mieter so viel wie möglich an Miete für so wenig Leistung wie möglich seitens des Vermieters bezahlt. Weil ich diesen Faktor so problematisch finde, fehlt mir auch bei der Rentenreform ein großes Ganzes als Rahmen, innerhalb dessen sie eingeordnet werden kann. 

Interessiert man sich für einen übergeordneten Rahmen nicht, ist die Rentenreform rein für sich genommen akzeptabler als so manches andere, das gerade an Reformen in Arbeit ist. Sie wird im betreffenden Bereich meiner Einschätzung nach mehr Probleme lösen können als beispielsweise die Gesundheitsreform in ihrem Bereich. Was noch ein Bonus ist: Mindestens die Abschaffung der Mini- und Midijobregelung wird natürlich auch der Kranken- und Pflegeversicherung zugute kommen. Das geht also tatsächlich in Richtung übergreifender gesellschaftlicher Vorteile, obwohl niemand es für nötig hält, das zu erwähnen. 

Die TAZ brachte einen Podcast, in dem diese Rentenpläne diskutiert wurden, darunter sprach man ziemlich ausführlich die Minijobs. Was mich daran verwundert hat: Es wurde dort wie in anderen Meinungsäußerungen in den Medien so getan, als wäre es künftig nicht mehr möglich, Mitarbeiter geringfügig zu beschäftigen. Das ist aber einfach nicht wahr, es wird lediglich teurer, wenn dieselben Nettoeinkommen verlangt und bezahlt werden, oder schlechter bezahlt, wenn der Arbeitgeber dieselbe Entlohnung anbietet wie bisher. Gestaunt habe ich über eine Phantasiezahl, die ganz beiläufig in diesem Podcast als (keine Ahnung auf welcher gedanklichen Grundlage) imaginierte neue Belastung des Arbeitgebers durch die Änderung erwähnt wurde: 1800 Euro, das wäre im Vergleich zu 603 Euro plus 30 Prozent pauschale Abgaben (Gesamtkosten eines Minijobs also ca. 800 Euro), schon eine gewaltige Verteuerung. Mir kam diese aus irgendeinem Ärmel geschüttelte Zahl auch für den Fall, daß Arbeitgeber keine Wahl haben, als ihren bisherigen Minijob-Beschäftigten das gleiche Nettoeinkommen zu bieten, viel zu hoch vor, also habe ich mal im Web einen der üblichen Brutto-Netto-Rechner befragt. Hier das Ergebnis:

Wenn ich für einen vergleichbaren Halbtagsjob - also vom Stundenumfang zwei dieser Minijobs - einen auch für die Minijobs vorausgesetzten Netto-Stundenlohn von 15 Euro bekommen, also ein Nettogehalt von 1200 Euro erreichen will, muß ich brutto 1500 bis 1600 Euro im Monat verdienen. Weil das noch innerhalb der Midijob-Grenze liegt, sind die SV-Beiträge um ca. 20 Euro niedriger, als sie nach Wegfall der Midijob-Regelung wären, also sind eher 1600 Euro zu kalkulieren. Dazu Arbeitgeberbeiträge von ca. 25 Prozent entsprechen weiteren 400 Euro für den Arbeitgeber. Der zugehörige Arbeitgeber kommt also für zwei bisherige Minijobs auf um die 2000 Euro Kosten. 1000 anstelle von 800 Euro, also 200 Euro mehr im Monat, muß man als Arbeitgeber pro bisherigen Minijob bei gleichem Nettostundenlohn tatsächlich einkalkulieren, keineswegs die zusammenphantasierten 1800 Euro. Wenn auch nur zwei Minijobs zu einem 50-%-Job zusammengelegt werden, relativieren sich die Mehrkosten außerdem ein wenig, weil die Produktivität einer Halbtagskraft allemal höher ist als die von zwei Minijobbern. 

Allerdings zwingt natürlich niemand die Arbeitgeber, für Jobs in geringerem Stundenumfang einen besonders hohen Nettolohn zu bezahlen, im Gegenteil sollte wohl der Anreiz höher sein, mehrere Minijobs zu bündeln und als existenzsichernde Arbeitsverhältnisse anzubieten. Die Rechnung beruhte auf der nicht begründeten Annahme der TAZ, Arbeitgeber müßten diesen Nettolohn bezahlen. Lege ich aber den Mindestlohn zugrunde - ab 2027 14,60 Euro -, dann kommen anstelle der Mehrkosten für den Arbeitgeber bei demselben Halbtagsjob 1200 Euro plus 300 Euro Lohnnebenkosten heraus, also sogar einen Hunderter weniger als die Kosten für zwei Minijobs. Dafür verdient die zugehörige Halbtagskraft weder 15 noch 14,60 Euro netto pro Stunde, sondern nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge kommen noch zwischen 10 und 11 Euro die Stunde netto heraus. Da aber auch niemand Arbeitgeber dazu zwingt, sich auf den Mindestlohn zu beschränken, ist eher anzunehmen, daß das tatsächliche Lohnangebot irgendwo in der Mitte liegen wird - vermutlich so, daß es für den Arbeitgeber in etwa kostenneutral zur bisherigen Regelung ist. 

Warum ausgerechnet Schüler die einzige Gruppe sind, die weiterhin als Minijobber zum bestehenden Modell angestellt werden können sollen, leuchtet mir nicht ein. Wenn schon, dann sollte die Sache ohne Ausnahmen umgesetzt werden, und was wäre daran falsch, schon als Schüler ein bißchen Geld aufs Rentenkonto zu bekommen? Gerade die Generation, der in den letzten Jahren so viel Angst davor eingejagt wurde, im Alter gar keine Rente mehr zu bekommen, fände das bestimmt eher beruhigend, als sich über die Abzüge zu ärgern. Rentner wären noch eher eine einleuchtende Ausnahme, aber bei denen würde dann auch bei Jobs in geringem Stundenumfang ja die Aktivrente greifen, nach der für die ersten 2000 Euro keine Steuern bezahlt werden müssen und an Sozialabgaben nur die Krankenversicherung. Für die aktuell bestehenden Minijobs gilt diese Regelung nicht, das würde sich dann aber ändern. 

Natürlich leuchtet es mir ein, daß alle, die momentan einem Minijob nachgehen und dies nicht nur als Notbehelf tun, sondern als Bestandteil ihrer Lebensplanung, wenig begeistert von solchen Änderungen sind und befürchten, am Ende ganz ohne Job dazustehen oder viel weniger Geld als vorher dafür zu bekommen. Die Beschwerden der Arbeitgeberseite sind überwiegend (wenn auch nicht in jedem Fall) eher im Bereich Mimimi anzusiedeln. So wie ich beim Wegfall der Rente mit 65 (daß immer noch von der Rente mit 63 die Rede ist, die in Wirklichkeit schon jetzt niemand mehr bekommt, ärgert mich wahnsinnig) eine praktikable Umgangsweise finden kann, werden sie auch eine finden. Die Vorteile sowohl für den Arbeitsmarkt wie auch für den Schutz vor Altersarmut sind neben der angestrebten Sanierung der Sozialkassen so hoch, daß ich finde, das sollte in Kauf genommen werden. Jobs im Minijob-Umfang wird es in jedem Fall ja weiter geben, nur wird man jetzt sehen können, wieviele davon wirklich im Minijob-Stundenumfang sinnvoller sind als in anderen Varianten, also werden es weniger als vorher sein, wenn es für Unternehmen keinen Anreiz mehr gibt, Arbeitsplätze, die auch in Vollzeit besetzt werden könnten, in Minijobs zu verhackstücken. Für verheiratete Mütter gibt es dann den Fehlanreiz nicht mehr, auf den dauerhaften Fortbestand der Ehe zu pokern und sich in der Altersversorgung dabei auf Gedeih und Verderb davon abhängig zu machen. 

Man könnte aber darüber nachdenken, ob man eine Entlastung für Kleinbetriebe mit nur einem oder zwei Minijobbern  (beispielsweise für Betriebe bis zu einem Umsatz x, oder vielleicht auch für Vereine vergleichbarer Größe) nicht auf der SV-, sondern auf der steuerlichen Seite vornimmt. Auch für regelmäßig wiederkehrende kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse und maximal 50 Arbeitstage im Jahr, etwa im Tourismus in der Hochsaison oder bei Erntehelfern, fände ich es logischer, lieber auf der steuerlichen Ebene Vergünstigungen anzubieten, um Härten für kleinere Betriebe zu vermeiden. Warum speziell kleinere Betriebe? Weil die ohnehin einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Großen ihrer jeweiligen Branche haben und ein Nachteilsausgleich für sie auch für uns gesellschaftlich wichtig wäre, denn die Zusammenballung von immer weniger und dafür immr größeren großen Wettbewerbern führt nur kurzfristig zu preislichen Vorteilen, ist aber langfristig mit einer Unzahl von Nachteilen verbunden. Eine solche Vergünstigung fände ich nicht nur vertretbar, sondern einen angemessenen Baustein, der vorzugsweise noch mit weiteren nachteilsausgleichenden Bausteinen kombiniert werden sollte. Speziell in der Landwirtschaft liegt es für mich auf der Hand, daß wir von weniger Branchenriesen und mehr kleinen und mittleren Betrieben profitieren würden, auch deshalb, weil es mehr Vielfalt in der Lebensmittelproduktion bedeuten würde. Ach ja, und ein praktikables Modell für Privathaushalte als Arbeitgeber sollte man sich auch ausdenken. Ich finde aber, hier wäre es sinnvoller, über ein Selbständigkeitsmodell nachzudenken - vor allem dann, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte, daß Selbständige, die sich neu anmelden, automatisch in die Sozialversicherung kommen. Nach der Minijobregelung ist es so kompliziert, für mehrere Haushalte zu arbeiten, daß sich niemand wundern sollte, wenn das überwiegend in Form von Schwarzarbeit geschieht. 

Angestrebt werden sollte jedenfalls, daß die Sozialversicherungen sich möglichst vollständig alleine aus Beitragszahlungen tragen können. Zuschüsse aus Steuermitteln finde ich nur angebracht, wenn sie Leistungen abdecken sollen, die schlicht und einfach unverzichtbar sind,  für die aber nie Beiträge entrichtet wurden. Alles andere sollte sich möglichst direkt aus den Beitragszahlungen finanzieren lassen, und damit das gelingt, sollte man Ausnahmen meiner Meinung nach möglichst vermeiden. Das Ziel, daß sich alle Sozialversicherungen, Rente, Kranken, Pflege und Arbeitslosigkeit, aus ihren Beiträgen selbst tragen, ist eines, das ich für sehr vernünftig halte. Wenn das erreicht werden kann, ist meiner Meinung nach sehr viel gewonnen. Die richtigen Stellschrauben, um unbillige Härten zu vermeiden oder weitestmöglich zu verringern, befinden sich im Steuerrecht. 

Sollte diese Reform umgesetzt werden und Bestand haben, wird sie rückblickend in fünfzig Jahren bestimmt für eine wirklich sinnvolle Veränderung gehalten werden. Freilich, sollte sie als Einzelmaßnahme zusammen mit einem Bündel weiterer nicht zusammenhängender - und sich im dümmsten Fall gegenseitig aufhebenden Wirkungen - in die Welt gesetzt werden, bin ich pessimistisch, daß sie trotzdem dazu führen könnten, daß die nächsten Wahlen von der AfD gewonnen werden. Und was dann geschieht - und welche dauerhaften Wirkungen es haben wird -, kann niemand so genau voraussehen. 

***

Vorletztes Wochenende sah ich den Nachbarn mit dem Kirschenbaum, an dem ich einige Tage zuvor einen kleinen Mundraub begangen hatte, und beichtete ihm die Sache. Seine Reaktion: Ich solle mich unbedingt auch noch an dem anderen (Sauer-)Kirschbaum bedienen, dessen Kirschen inzwischen auch reif geworden sind, soweit ich halt am Zaun rankomme. Er werde vielleicht für die Zukunft irgendwann mal einen Durchgang in den Zaun für uns machen, damit wir nächstes Jahr mehr davon ernten können. Solche Nachbarn haben wir hier! Mit solchen Nachbarn möchte man selbstverständlich auch seinen selbsterzeugten Strom teilen. Ich habe übrigens inzwischen recherchiert und tue kund und zu wissen, daß es innerhalb eines Gebäudes - zum Beispiel einem Doppelhaus - tatsächlich legal  ist, per Direktleitung dem Nachbarn Strom zu verkaufen oder zu schenken. Für diejenigen, die das interessiert: In Paragraphen gegossen wurde das im Energiewirtschaftsgesetz, Teil 4, Paragraph 42b. In allen anderen Fällen muß man beim Teilen des Stroms mit Nachbarn aber wirklich das Netz des Versorgers in Anspruch nehmen, der dafür auch seine Hand ziemlich weit aufhält. Blöd nur, daß der Nachbar an versteckter Stelle doch schon eine PV-Anlage hat also den Strom doch nicht braucht. 

Nun habe ich ein Pfund Sauerkirschen, die sich nahe genug am Zaun befanden, geerntet und entsteint, die ich vorerst mal einfrieren muß, aber nächstes Wochenende in einen leckeren Braunen Kirschkuchen verwandeln werde. Die Nachbarn sind dann zum Kaffee natürlich mit eingeladen. Außerdem habe ich zum zweiten Mal meinen Schnittlauch komplett abgeerntet, kleingeschnitten und eingefroren. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie lange es her ist, daß ich das zum ersten Mal im Jahr gemacht habe, aber das kann noch keine vier Wochen her sein. Ich glaube nicht, daß ich es jemals wieder nötig haben werde, Schnittlauch zu kaufen. Das Zeug wächst im Garten wie Unkraut.  

Unser Garten hört nicht auf, uns in Erstaunen zu versetzen. Eine Blume, die wir vor zwei Wochen erstmals sahen, wurde von der Pflanzenerkennungs-App als Schlafmohn erkannt. Wie ist das Opium nur in unseren harmlosen schwäbischen Garten hineingeraten? Nein, ich bin nicht in Versuchung, die Wirkung der Samenkapseln mal auszuprobieren. Opiate haben mich nicht einmal in dem Alter interessiert, in dem man besonders risiko- und experimentierfreudig ist, und das ist bei mir schon lange her. Aber die Blüte finde ich wirklich ausgesprochen hübsch. Sogar noch schöner als die vom Klatschmohn, den ich ja auch sehr liebe und der an einer anderen Stelle im Garten auch wächst. Ich bringe es nicht übers Herz, dieser gefährlichen Schönheit einfach den Garaus zu machen, obwohl sie inzwischen ihre Blütenblätter verloren hat und stattdessen eine eindrucksvolle Mohnkapsel entwickelt hat, also lasse ich sie in Ruhe und hoffe, mich nächstes Jahr wieder an ihrem Anblick erfreuen zu können. Gespannt bin ich außerdem, wieviele dieser Blumen wir nächstes Jahr haben werden. 

Letztes Jahr hatten wir die gar nicht, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Aber wir haben dieses Jahr auch sonst eine ganze Menge Pflanzen im Garten, die wir letztes Jahr nicht hatten. Die hatten sich wohl in der Wildnis, die wir übernommen hatten, einfach nicht durchsetzen können, und freuen sich jetzt daran, daß der Efeu sie nicht mehr erstickt. 


 

 

 

 

Freitag, 19. Juni 2026

Zeckenalarm in der Pflegeversicherung?

Mein Gewicht heute früh nach dem vierten von vier aufeinanderfolgenden Fastentagen: 74,7 Kilogramm. Ein klarer Fall von "Na ja", aber die Hitze aktuell hat mich sicherlich mindestens ein Pfund zusätzlich gekostet. Immerhin, meine Verdauung fühlt sich jetzt wieder halbwegs normal an, wobei das leichte Verstopfungsgefühl, das ich schon seit der Chemo habe, mir weiter erhalten geblieben ist. Immerhin, auch das hatte ich aber schon sehr viel heftiger als jetzt. 

Mit den Flohsamenschalen habe ich bis jetzt nicht wieder begonnen. Ich glaube zwar nicht, daß die Flohsamenschalen schuld an dem Problem waren, aber ich habe den Verdacht, daß sie die Wirkung des Wasauchimmer verschlimmert haben, das ich da hatte. Ich tippe tatsächlich darauf, daß es an irgendeinem Lebensmittel lag, das ich zu mir genommen hatte. Vermutlich war es der Rest Nudelsalat, vielleicht die Eier darin. Aber jedenfalls hat das meiner Meinung dazu geführt, daß die Darmpassage an einer spezifischen Stelle verengt war, denn genauso fühlte sich das an. Es führte neben dem unvermeidlichen Druckgefühl auch zu Schmerzen, und zwar relativ weit oben im mittleren Rückenbereich. Nach dem Befreiungsschlag mit dem Dulcolax wanderte das Druckgefühl deutlich tiefer, aber erst während des langen Fastenintervalls verringerte es sich auf das Level, das zuvor normal gewesen war. 

Keine Ahnung, ob ein Arzt zu einer anderen Schlußfolgerung wegen des Auslösers gelangt wäre, und ich werde es auch nie erfahren, da das Problem ja jetzt gelöst ist. Falls ich aber recht hatte, ist mehr Volumen beim Darminhalt natürlich nicht gerade hilfreich. Deshalb wollte ich mit den Flohsamenschalen in jedem Fall abwarten, bis ich wieder beim "Vorher-Zustand" bin, und das sollte jetzt in etwa wieder der Fall sein. Vermutlich fange ich nächste Woche wieder an, aber anstelle von zwei Teelöffeln beschränke ich mich künftig lieber - bis auf weiteres - auf einen. Nur für den Fall, daß die Sache doch noch nicht ganz in Ordnung ist. 

***

Vorgestern habe ich auf Bluesky nach einigem Zögern den gefühlt am schärfsten formulierten Beitrag abgeschickt, den ich dort bislang geschrieben hatte, und ich habe tatsächlich mehr als nur kurz nachdenken müssen, bevor ich auf Senden ging. Das passiert mir eher selten, und generell bemühe ich mich, auf Bluesky meine polemischen Anwandlungen nicht zu weit zu treiben. Aber hier ging es um die Frage, wie man reagieren darf und sollte, wenn andere einen implizit am liebsten einfach sozialverträglich tot umfallen sehen würden. Ich finde, da darf man schon mal den Ton etwas verschärfen. 

 

Die gelassene Antwort ehrte den Adressierten dann wieder, denn die Threaderstellerin war offenbar über mich so schockiert, daß sie mich als Reaktion geblockt hat. Ich war auf mehr als eine aggressive Antwort von unterschiedlichen Boomer-Hassern gefaßt gewesen, aber das kam nicht. Leider. Denn ich hätte mich eigentlich ganz gerne mit solchen Reaktionen auseinandergesetzt, dabei mehr über den Blickwinkel, aus dem heraus so geurteilt wurde, erfahren, und vielleicht auch bei der Gegenseite den einen oder anderen Aha-Effekt erzeugt. Vermutlich ist es symptomatisch für unsere Zeit, sich solchen Auseinandersetzungen lieber von vornherein zu entziehen und sich im Kreise Gleichgesinnter für seine Meinungsäußerungen lieber im Chor beklatschen zu lassen. Ich bin davon ja auch nicht völlig frei. 

Ob der von mir Angesprochene erkannt hat, daß ich ihm einen Spiegel vorhalten wollte, ihn zwingen wollte, wahrzunehmen, was das, was er schrieb, für seine eigenen Eltern bedeuten würde, weiß ich natürlich nicht, aber wenn es so gewesen wäre, hätte er sich wohl für seinen Beitrag entschuldigt, also nehme ich an, das war nicht der Fall. Wie auch immer, ich habe bloß in gleicher Stärke zurückgehauen, als mir auf die linke Wange geschlagen wurde, und als alter Heide, der der christlichen Lehre sowieso nicht folgt, darf ich das auch. Also bleibt nur die Hoffnung, daß mein Satz ihm oder anderen, die ihn gelesen haben, bei dieser oder jener Gelegenheit wieder in den Sinn kommt und dort an den Überzeugungen an irgendeiner Stelle eine leicht bröckelnde Erosion auslöst. 

Tatsächlich trifft die geplante Änderung, falls sie wirklich kommen sollte, als erstes sowieso die Boomer in ihrer Eigenschaft als Angehörige von Pflegebedürftigen, und das häufig gleich unmittelbar nach Inkrafttreten. Denn im Moment sind wir noch zwei bis drei Jahrzehnte vom Eintreten der Pflegebedürftigkeit für einen größeren Anteil unserer Altersgruppe entfernt. Dafür haben viele von uns noch lebende Eltern bzw. Elternteile in der Altersgruppe Ü80, und da sieht die Sache schon anders aus. Achtzig Jahre ist heute ja kein Alter mehr. Vermutlich trifft man inzwischen auch auf dem Mount Everest Achtzigjährige an. Erst im Laufe des folgenden Jahrzehnts steigt der Anteil der Pflegebedürftigen ständig weiter an, und bei denen, die ihren neunzigsten Geburtstag hinter sich haben, liegt er dann fast bei 90 Prozent. Das gilt, obwohl das Durchschnittsalter bei Pflegeleistungen bei knapp unter 80 Jahren liegt. Das hat damit zu tun, daß die Zahlen Menschen vom Säuglings- bis zum Greisenalter enthalten. 

Bleiben wir an dieser Stelle trotzdem weiter bei alten und sehr alten Menschen, die aus der Pflegeversicherung Leistungen beziehen. Sie machen ja den größten Teil der Pflegebedürftigen aus, und die Eltern meiner Generation werden gerade nach und nach zu einem immer größeren Teil pflegebedürftig. 

Knapp 5,7 Millionen Menschen haben einen Pflegegrad. Davon beziehen ungefähr 432.000 Sozialhilfe, sei es ganz oder aufstockend. Weiter aufgeschlüsselt

  • Von  4,89 Millionen, die zu Hause gepflegt werden, beziehen 82.000 Sozialhilfe
  • Von 800.000, die in einem Pflegeheim sind, beziehen knapp 354.000 Sozialhilfe.

Denvon Pflegebedürftigen noch aus eigenen Mitteln zu stemmenden Kostenrahmen übertreffen also vor allem die Heimkosten.  

Es würde mich interessieren, wie stark in Pflegeheimen Kinderlose bereits jetzt überrepräsentiert sind. Denn häusliche Pflege kommt viel schneller an die Grenzen des Möglichen, wenn keine Angehörigen sich zusätzlich um den zu Pflegenden kümmern. Der Anteil der dauerhaft Kinderlosen in den Jahrgängen der zu Pflegenden, die typischerweise in den dreißiger und vierziger Jahren geboren sein müßten, war geringer als in meiner Generation, machte aber immerhin unter den Frauen ca. 20 Prozent aus. Es ist zu vermuten, daß sie in Pflegeeinrichtungen zu mehr als 20 % vertreten sind und dort wohl auch häufiger Sozialhilfe beziehen, da Frauen sowieso in Pflegeheimen überrepräsentiert sind und ihre Rentenansprüche meistens deutlich niedriger als die von gleichaltrigen Männern liegen. 

Dafür war es aber die Kindergeneration, die sie in die Welt gesetzt hat, in der immer mehr eine akademische Bildung erworben haben, mit der im Durchschnitt eine deutlich höhere berufliche Mobilität verbunden ist. Wessen Kind Elektriker oder Bankkauffrau wurde, bei dem kann man annehmen, daß die meisten ihrer Kinder in einem Radius von um die 50 Kilometer vom Elternhaus wohnen, und häufig wohnt eines mindestens im selben Ort oder sogar im gleichen Haus. Wer allen seinen Kindern den Bildungsaufstieg ermöglichen konnte, hat typischerweise, wenn die Pflegebedürftigkeit eintritt, lauter Kinder, die ziemlich weit weg wohnen. Auch dann führt eine Pflegebedürftigkeit schneller zu einer Aufnahme in eine stationäre Pflegeeinrichtung, vor allem, wenn die erwachsenen Kinder bei Eintritt der Pflegebedürftigkeit noch im Berufsleben stehen oder sich noch um ihre heranwachsenen Kinder kümmern müssen. 

Damit sind also die Gruppen schon einmal eingekreist, an die vermutlich der höchste Anteil an aufstockender Sozialhilfe fließt: 

  • Kinderlose, im Prinzip aller Altersgruppen, aber natürlich sind die Altersgruppen Ü85 besonders stark vertreten. 
  • Die Eltern der heutigen Boomer, deren Kinder aus beruflichen oder anderen Gründen nicht in ihrer Nähe bleiben konnten oder wollten. 

Bei den Kinderlosen gibt es im Falle von Sozialhilfebezug bei niemandem etwas zu holen, also will man sich an den Kindern der anderen Gruppe schadlos halten. Und das ist im Moment nun einmal nicht die Generation meines Sohnes, sondern meine Generation. Unsere Kinder sind natürlich indirekt trotzdem mitbetroffen. Denn die Beträge, die wir für die Pflege der Eltern trotz eines mittleren bis bescheidenen Einkommens aufbringen müssen, fehlen ja wieder uns bei der Altersvorsorge und können deshalb, wenn es blöd läuft, in dreißig Jahren dazu führen, daß unsere Kinder dann auch wieder die Differenz zwischen Pflegeheimkosten und Pflegegeld plus Rente bezahlen müssen, falls wir deshab keine oder deutlich niedrigere Rücklagen haben, die schnell aufgebraucht sind. 

Es ärgert mich wirklich sehr, wenn so getan wird, als würden hier Boomer der Generation ihrer Kinder und Enkel Geld "absaugen", weil das einfach nicht stimmt. Schon die Formulierung ist eine Frechheit. Als würden wir als Zecken betrachtet, die man am besten einfach totschlagen sollte.  Im Gegenteil sind erst einmal diejenigen Boomer, die Kinder bekommen haben - also auch für die wohlstandsverwahrloste Brut verantwortlich sind, die uns jetzt das Schwarze unter dem Fingernagel nicht gönnen will -, diejenigen, die die Kinderlosen ihrer Altersgruppe quersubventionieren müssen. Diejenigen unter uns, die nicht so reich geworden sind, wie die Jungen uns das dauernd unterstellen, und deren Pflege ihre Kinder einmal Geld kosten kann, wenn es dumm läuft, sind aber kaum Profiteure von irgendwelchen Ungerechtigkeiten zu Lasten der Jüngeren gewesen. Andernfalls brächte sie die Pflegebedürftigkeit kaum in Geldverlegenheiten. Der Vorwurf trifft also in jedem Fall die Falschen, auch wenn er höflicher umformuliert wird.  

Nun könnte man sagen, die Kinderlosen haben ihre Kosten-Nutzen-Bilanz in Bezug auf die Pflegeversicherung am besten optimiert, auch wenn ihre Pflegeversicherungsbeiträge höher ausfallen. Aber  im Fall der Pflegebedürftigkeit beneide ich sie auch nicht. Meine Mutter ging um die Jahrtausendwende heraum regelmäßig zwei- bis dreimal die Woche ins Heim, nicht nur, um meine Großmutter zu besuchen, sondern auch, um sich zu vergewissern, daß alles in Ordnung ist, ggf. die Pflegerinnen anzusprechen, wenn es irgendein Problem gab, um die Wäsche zu holen und wieder zu bringen und so weiter. Glücklicherweise klappte es überwiegend alles gut, aber vor einiger Zeit erzählte mir ein Bekannter, daß es im Pflegeheim, in dem seine hochbetagten Eltern waren, ständig Probleme mit nachlässiger und eben gleichgültiger Pflege gab, die durchaus manchmal auch gravierende Auswirkungen hatten, etwa Wundliegen. Wie soll das dann aber erst bei Pflegebedürftigen sein, bei denen keine Angehörigen ständig nachhaken und Versäumtes notfalls einfordern? Die Pflege von Kinderlosen, die die Kosten nicht komplett selbst aufbringen können, sollte theoretisch zwar ebensogut sein wie die der Pflegebedürftigen mit Kindern. In der Praxis kann man sich freilich nicht darauf verlassen, daß es ohne regelmäßige kritische Blicke von Angehörigen wirklich so ist. Je weniger der Gepflegte selbst die Möglichkeit hat, seine Rechte einzufordern, desto höher das Risiko, daß ihn wirklich beschissene letzte Lebensjahre erwarten. Auch wenn sie die Angehörigen - oder die Allgemeinheit - so viel Geld kostet, daß nur eine Minderheit sie aus eigenen Geldmitteln bezahlten könnte. 

Am Ende ist eine solche Kalkulation also auch eine Mogelpackung. 

Aus dem Pflegeheim am Ort ist kürzlich ein Bewohner "ins Wasser gegangen", so wurde mir das erzählt, in einer Formulierung, die so antiquiert klang, als hätte ich sie in einem Schundroman aus dem 19. Jahrhundert gelesen. Und doch trifft das, was in diesem Begriff alles an Assoziationen mitschwingt, die Sache verblüffend präzise. Man fand am Ufer seinen Rollator und einen Abschiedsbrief. Ich weiß nicht, was der Auslöser war, aber offenbar war er an einem Punkt angekommen, an dem das Weiterleben und die darin noch enthaltenen Perspektiven ihm ein Schicksal schlimmer als der Tod schienen. So, wie genau diese trübselig erscheinende Perspektive auch bei einem damaligen "gefallenen Mädchen" wohl der Auslöser gewesen ist, das Leben lieber gleich zu beenden, als es auf diese Weise weiterführen zu müssen. 

Unsere Gesellschaft leidet an einer Unzahl innerer Widersprüche. Niemand bezeichnet Pflegebedürftige als "unnütze Esser", und doch denken ihn die selbst davon Betroffenen wahrscheinlich gar nicht so selten über sich selbst. Vor allem dann, wenn sie während ihres Arbeitslebens selbst immer überzeugte Anhänger des Leistungsprinzips gewesen sind. Aber der Umgang mit denen, die unserer Wirtschaft nicht mehr so richtig nützlich sind, enthält das zwischen den Zeilen halt doch auch, und selbstverständlich wird das von den Betroffenen auch vielfach wahrgenommen, und es schmerzt dann auch. Das ist ein strukturelles Problem in einer Zeit, in der die meisten zwar von allem den Preis, aber von nichts mehr den Wert kennen. Bestenfalls kann man wohl erwarten, daß die Form gewahrt wird und niemandem seine Pflegebedürftigkeit offen zum Vorwurf gemacht wird. Aber gerade deshalb ist es mir ein Anliegen, wo nicht einmal das mehr für nötig gehalten wird, auch deutlichere Worte bei meinem Widerspruch zu finden. 

Die Pflegeversicherung muß wirklich so ausgestaltet werden, daß mit den Einnahmen die Ausgaben gedeckt werden können, auf welche Weise auch immer das geschehen soll. Die komplette Abschaffung der Einkommensfreigrenze für Angehörige von Pflegebedürftigen ist nicht wünschenswert und ich hoffe, dazu kommt es nicht. Aber eine Untergrenze von 100.000 Euro Haushaltseinkommen finde ich tatsächlich sehr großzügig. Das ist immerhin das Jahreseinkommen der bestverdienenden zehn bis 15 Prozent. Bei denen kann man ja in den allermeisten Fällen davon ausgehen, daß ein Einspringen der Kinder von vornherein gar nicht nötig wird, weil schon die Eltern genügend Geld haben, um den Teil der Kosten, der aus dem Einkommen nicht abgedeckt wird, für den gesamten Pflegezeitraum aus ihren Rücklagen tragen zu können. Ich würde eine Einkommensgrenze so setzen, daß die bestverdienenden 25 Prozent eine Eigenbeteiligung leisten müssen, wenn ihre Eltern Sozialhilfe benötigen. Damit wäre auch die Wirkung der Inflation von vornherein mitberücksichtigt, das Jahreseinkommen würde sich dann entsprechend anpassen. 

***

Inzwischen hat der Ortstermin unseres Klimatechnikers stattgefunden und wir haben das Gefühl, tatsächlich die richtige Person für unser Anliegen gefunden zu haben. Wir wurden ausgiebig zu allen Punkten beraten, die wir wissen wollten, und zu einigen, auf die wir von alleine gar nicht gekommen wären. Der Mann hat 17 Jahre Erfahrung in diesem Bereich und wirkt sehr kompetent. Er hat uns auch einige Detail erzählt, in denen die Realität von den Hochglanzprospekten der Hersteller abweicht. Nun warten wir auf das Angebot, das zwei Varianten enthalten wird, nämlich einmal Multisplit mit zwei Innengeräten und einmal zwei Monosplit-Anlagen. Ich tendiere zu letzterem, auch wenn es etwas mehr kosten wird. (Insgesamt rechne ich mit Kosten von unter 10.000 Euro, mit ein bißchen Glück deutlich darunter.) Erstens ist der Wirkungsgrad dann besser, zweitens kann man beide Anlagen vollumfänglich individuell einstellen. 

Mir scheint es naheliegend, statt des teureren Modells von Mitsubishi, mit dem er mehr als zehn Jahre Erfahrung hat, oder dem noch teureren von Bosch, das nicht mehr als technische Gleichwertigkeit zu bieten hat, das billigere von LG zu nehmen, mit dem er in bislang zwei Jahren keine typischen immer wieder auftauchenden gerätebedingten Probleme hatte, aber die Hand für längere Zeiträume mangels eigener Erfahrung nicht ins Feuer legen kann. Mir kam dazu nämlich das Langlebigkeits-Argument für Tupperware in den Sinn. In Wirklichkeit wirkten Tupper-Sachen aus den Siebzigern doch schon in den Neunzigern antiquiert und wurden genauso wie Billig-Kunststoffbehälter durch schickere neue Modelle ersetzt. Genauso geht es natürlich auch bei Klimaanlagen, die ein gewisses Alter überschritten haben. Muß man sie ersetzen, bekommt man Geräte, die besser sind, einen höheren Wirkungsgrad haben und deren Einbau weniger kostet, weil die Leitungen ja weitergenutzt werden können. Es kann aber auch sein, daß unser Gerät trotz aller Sorgfalt nicht optimal dimensioniert sein wird, und dann hat man früher die Gelegenheit, das zu korrigieren. Das heißt, der niedrigere Preis jetzt könnte in diesem Fall auch längérfristig vorteilhaft sein. 

Im Arbeitszimmer hat der Klimatechniker anstelle eines der üblichen Wandgeräte ein Truhengerät vorgeschlagen. Er sah nämlich sofort die perfekte Stelle, von der aus dieses Gerät bei offenen Tür auch das Schlafzimmer problemlos mitheizt und -kühlt. Wobei das Kühlen im Schlafzimmer sehr viel wichtiger als das dort sowieso nur wenig genutzte Heizen ist. Im Winter werde ich voraussichtlich die Verbindungstür beider Räume tagsüber geschlossen halten und lediglich am Abend für ein Stündchen auflassen. Im Moment steht an der Stelle für das Truhengerät ein kleiner Schiebentürenschrank, aber den stelle ich ohne Bedauern an eine andere Stelle. Überraschenderweise weiß sogar schon, welche. 

Vor Beginn der Arbeiten werden wir natürlich noch einen Förderantrag stellen, aber dann den Einbau unverzüglich vornehmen lassen. Ungewiß ist zwar, ob wir die Förderung auch bekommen, und es kann Monate dauern, bis wir darüber einen Bescheid bekommen (und bis Geld fließt, dauert es noch länger). Aber zum Glück ist die Förderung für uns ja auch nur ein Nebenaspekt. Wir nehmen das Geld, wenn wir es bewilligt bekommen - und für zwei Monosplitanlagen spricht, daß eines der Innengeräte mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit förderfähig sein wird. Das Truhengerät ist eine wackligere Sache. Andernfalls nutzen wir eben die Möglichkeit, die Sache steuerlich geltend zu machen, was wohl in jedem Fall möglich ist. Im schlimmsten Fall kriegen wir bei einem oder beiden Geräten statt 30 Prozent Förderung 20 Prozent, die steuerlich geltend gemacht werden können. 

Unerwarteterweise hat sich dafür die Sache mit dem Balkonkraftwerk etwas verkompliziert, weil der Handwerker meines Vertrauens, der die Installation auf seiner Website auch anbietet, dieses Angebot leider eingestellt hat. Balkonkraftwerke, sagte er, hätten ihm nur Scherereien eingebracht. Ich nehme an, die Leute haben sich von ihm beraten lassen und dann Billigmodule im Baumarkt gekauft. Da ist es natürlich einzusehen, daß er keine Lust mehr hat, unbezahlte Arbeitszeit auf so etwas zu verschwenden. Aber Pech für uns, denn auf einen Monteur, den uns der Baumarkt heraussucht, greifen wir nur zurück, wenn wir wirklich keine andere Möglichkeit finden, weil das vermutlich ein längere Zusammenarbeit wird, bei der mindestens ein- oder zweimal die Anlage erweitert wird. Und bei Do-it-yourself kann man einfach zuviel falsch machen, wenn man, wie wir, das Balkonkraftwerk nur als Zwischenstation nutzen und in einem Zeitrahmen von zwei bis drei Jahren aufeine "erwachsene" Anlage erweitern will. Diese ganzen Renditeberechnungen, in denen die Ersparnis durch möglichst hohe Eigenleistungen immer so vorteilhaft dargestellt wird, berücksichtigen den Faktor "Anfängerfehler" natürlich nie. 

Also bin ich mal wieder auf Handwerkersuche. 

Einen Handwerker habe ich auf Empfehlung von privat angemailt und, Überraschung, bislang keine Antwort bekommen. Der Klimatechniker arbeitet aber, wie sich herausstellte, auch mit einem solchen zusammen und wird ihn mal direkt fragen. Mal sehen, ob einer der beiden sich bei uns meldet, und wenn ja, welcher von ihnen schneller reagiert. Falls es beide sind, möchte ich Angebote von beiden, wobei mir die Empfehlung des Klimatechnikers eigentlich die bessere Option zu sein scheint. Eine Empfehlung von jemandem, der regelmäßig mit dem Empfohlenen an Projekten arbeiten muß, ist, glaube ich, ein bißchen mehr wert als eine von jemandem, der nur einmal eine Anlage von ihm installiert bekommen hat. 

Es gibt da eine Website, auf der man die Sonneneinstrahlung für sein Haus überprüfen und den möglichen Ertrag berechnen kann. Das war ziemlich interessant, aber auch ein wenig ernüchternd, denn es stellte sich heraus, daß ich in den Sommermonaten mit einem komplett mit Solarmodulen ausgestatteten Werkstattdach wohl in jedem Fall  unerwartet viel an überschüssigem Strom haben werde, der auch die Kapazitäten eines großzügig dimensionierten Speichers übersteigt. Ich habe aber überhaupt keine Lust, diese Überschüsse ins Netz einzuspeisen. Das ist MEIN Strom. Ich will ihn selbst nutzen. Deshalb ist mir auch die gerade so lebhaft diskutierte Streichung der Einspeisevergütung im Prinzip egal. Ich würde nie Strom deshalb selbst erzeugen wollen, weil ich auf Einspeisevergütung scharf wäre.Wir werden deshalb, wenn wir von Balkonanlage auf eine "erwachsene" Solaranlage wechseln, wahrscheinlich den überschüssigen Strom, der in den Sommermonaten trotz Speicher wohl nicht vermieden werden kann, an unseren Nachbarn verschenken, sofern er ihn haben will. Bevor ich meinen Strom an die EnBW verschenken muß, finde ich es allemal besser, ihn dem netten Nachbarn zu schenken, der uns schon so viel geholfen hat. Eine Photovoltaikanlage hat er jedenfalls im Moment nicht, sondern eine Solarthermieanlage, und damit auch nur noch begrenzte Kapazitäten auf seinem Dach. Also hätte er für unsere zu erwartenden sommerlichen Überschüsse höchstwahrscheinlich Verwendung. Was mir an der Idee auch gefällt, ist, daß der Weg von unserer Haushälfte zu seiner so kurz ist, daß keine oder jedenfalls nur sehr geringe Übertragungsverluste entstehen. Das gefällt meiner schwäbischen Hausfrauenseele, die Verschwendung nun einmal nicht ausstehen kann. 

Unklar ist mir einstweilen noch, ob eine Direktleitung zulässig ist oder wir dafür wahrhaftig als zwei Teile einer Doppelhaushälfte auch das Netz nutzen müssen, das natürlich laufende Kosten erzeugt, die ich der EnBW nun einmal nicht gönnen mag. Unter dem Link im letzten Absatz hieß es, eine Direktleitung sei zulässig. Anderswo las ich aber, es ginge nicht. Nun gut, bis die Sache spruchreif wird, kann es ja noch zwei, drei Jahre dauern. Bis dahin kann sich an der Rechtslage alles mögliche geändert haben. Vielleicht finden wir in dieser Zeit ja auch einen anderen Dreh, nach dem die Nachbarn unseren Stromüberschuß legal nutzen können, ohne daß die EnBW dabei die Hand aufhalten darf.

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Im Garten tobt, wie zu dieser Jahreszeit üblich, das Leben. Anders als letztes Mal haben uns die Schnecken diesmal etwas zu schaffen gemacht, und eine Woche lang sind wir nach Einbruch der Dunkelheit mit der Taschenlampe zum Schneckeneinsammeln rausgegangen, um sie daran zu hindern, an unseren Zucchinipflanzen einen Meuchelmord zu begehen. Da es jetzt heiß und trocken ist, dürfte das Problem sich erledigt haben. Vorsichtshalber haben wir aber die gefährdetsten unserer Pflanzen mit Schneckenkrägen geschützt. Merkwürdigerweise haben die Schnecken unsere Kartoffeln ganz ignoriert, die Pflanzen wachsen und gedeihen vortrefflich, und die hinter dem Hühnerstall haben inzwischen Blütenknospen. Die vorne an der Terrasse brauchen wohl noch ein Weilchen. 

An unseren Vogelfutterstellen findet sich inzwischen eine ganze Schar halbstarker Jung-Kohlmeisen samt einem Elternteil ein. Jetzt ist meine Welt wieder in Ordnung, ich hatte mich nämlich schon gewundert, daß bislang noch gar keine Jungvögel bei uns zu sehen waren. 

Wir haben Vogeltränken im Einsatz, aber bislang werden sie wohl nur ganz sporadisch genutzt, beobachtet habe ich das jedenfalls bislang nur einmal. Aber bei der jetzigen Hitze sind sie der Hit bei den Feldwespen, die natürlich auch dieses Jahr meinen Rolladenkasten besetzt haben und vermutlich noch weitere Nester in der Nähe haben. Sie brauchen das Wasser, um ihre Brut zu kühlen. 

Ach ja, und unter dem Dach haben wir das möglicherweise schwangere Besuchs-Mäuschen gefangen und zum Flußufer gebracht. Dreimal hat es uns besucht, dann ging es in die Falle. Seitdem sind im Mäusekino nur noch gelegentlich vorbeistelzende Spinnen zu sehen gewesen.  

 

 

Mittwoch, 10. Juni 2026

Tönendes Erz, klingende Schellen und Prokrustesbetten in der Medizin

Mein Gewicht heute früh nach dem ersten Fastentag von zwei nicht zusammenhängenden diese Woche: 76,4 Kilogramm.

Die Sache mit den Flohsamenschalen habe ich unterbrochen, weil ich einen Verstopfungsrückfall hatte, allerdings einen so seltsamen und unangenehmen, daß ich mir nicht sicher war, ob ich mit den Flohsamenschalen vielleicht alles nur noch schlimmer gemacht hätte, also hörte ich einstweilen damit auf. Ärgerlich, denn bis dahin ließ sich die Sache ja super an.. Ich vermute, ich hatte was Falsches gegessen, jedenfalls war es nicht nur das übliche Blockadegefühl einer Verstopfung, sondern wirklich schmerzhaft, erst einen Tag lang so fies, daß ich an diesem Tag mehr oder weniger ein Totalausfall war, dann erheblich weniger fies, aber doch tagelang gleichbleibend unangenehm, anstatt allmählich wieder besser zu werden. Erst habe ich, wie meistens, versucht, die Sache auszusitzen, vorgestern wurde es mir dann aber zu blöd und ich habe zur Gewaltmaßnahme eines Dulcolax-Zäpfchens gegriffen. Das hat gewirkt, aber wirklich in Ordnung kommt mir die Sache noch nicht vor. Ich schau mir das noch ein paar Tage an, und wenn sich das nicht weiter normalisiert, dann werde ich meine neue Hausärztin zum ersten Mal aufsuchen müssen. Nun ja, einmal ist immer das erste Mal. Ich hätte mir nur gewünscht, daß ich vor diesem ersten Mal die Unterlagen von meinem bisherigen Hausarzt bereits vorliegen hätte, und die fehlen dummerweise immer noch. 

Eigentlich hätte ich sie schon vor Wochen anfordern sollen, aber die Praxis erreicht man ja nicht telefonisch, und so kam ich auf die glorreiche Idee, lieber bei meiner Krankenkasse die EPA-Anmeldung durchzuführen, wofür ich mehrere Anläufe und entsprechend mehrere Wochen benötigte. Ich dachte, in der Elektronischen Patientenakte hätte ich dann sowieso alles, was meine neue Hausärztin braucht. Aber Pustekuchen! Da ist alles mögliche drauf, aber überhaupt nichts von meinem gewesenen Hausarzt. Wofür ist der Kram mit dieser Akte dann aber überhaupt gut? Wie auch immer, vor einer Woche habe ich meinen Hausarzt angemailt mit der Bitte, mir meine Akte zukommen zu lassen. Eine Antwort bekam ich bislang noch nicht, wie ich auch befürchtet hatte. Ich sehe es kommen, ich werde dort doch noch persönlich vorsprechen müssen. 

Zur Zeit ist das generell mal wieder ganz schrecklich. Gar niemand scheint mehr auf E-Mails zu reagieren, da habe ich inzwischen mehrere offene Baustellen, um die ich mich jetzt langsam mal auf andere Weise kümmern muß. Auch dieser Klimafritze hat sich nicht bei mir gemeldet, und langsam macht mich das ein bißchen sauer. Was ist das eigentlich für ein Umgang mit Kunden, einfach nicht auf Anfragen zu reagieren? Sogar wenn man in Aufträgen erstickt, bricht man sich jedenfalls nicht die Finger, wenn man kurz mailt, daß man so ausgelastet ist, daß man gerade keine weiteren Projekte annehmen kann. So was könnte man ja verstehen. Morgen versuche ich ihn ein weiteres Mal telefonisch zu erreichen, und falls das - wie im ersten telefonischen Versuch - wieder nicht klappt, probiere ich es vielleicht doch lieber woanders mit unserer Split-Klimaanlage. 

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Ich gebe es zu, ich habe wirklich gedacht, die sonderbare Art, Nebenwirkungen von Krebsbehandlungen einzuschätzen, die mir in den Stellungnahmen zu Fasten und Keto wie auch in den neuen Leitlinien zur Ernährung bei Krebs so unangenehm auffielen, sei speziell dem offensichtlichen Herzensanliegen der Frau Professorin Jutta Hübner zuzuschreiben: nämlich dafür zu sorgen, daß keinesfalls irgendein Patient es zu riskieren wagt, eines von beidem begleitend zu einer Chemotherapie auszuprobieren. Zu meiner Verteidigung kann ich nur vorbringen, daß dies wirklich gut in das Bild gepaßt hätte, das ich von ihr gewonnen habe. Aber im Gegensatz zu ihr bin ich bereit, Irrtümer einzugestehen. Denn es war wohl ein Irrtum. Die Frau Professorin tat in speziell diesem Punkt lediglich das, was die Fachleute alle tun. Damit hatte ich zugegebenermaßen nicht gerechnet, weil es überhaupt keinen Sinn ergibt, Nebenwirkungen nach einer so realitätsfernen Methode einzuschätzen. 

Auf dem Fachkongress ASCO26 wurde nun nämlich eine Debatte zu dieser Frage losgetreten oder jedenfalls der Versuch dazu gemacht, denn ich weiß nicht, ob außer mir hier im Blog wirklich irgendwer in der Fachwelt darauf reagiert hat - außer natürlich denen, die von vornherein schon kritisch eingestellt waren, aber wenig Zugang zu den "inner circles" der Branche haben. Tatsächlich scheint es in einschlägigen Studien absolut üblich zu sein, die Dauer von Nebenwirkungen in die Beurteilung ihrer Erträglichkeit von vornherein nicht mit einzubeziehen. Auch die subjektive Einschätzung der Patienten spielt bei der Einordnung in die Schweregrade dieser Nebenwirkungen nur eine Nebenrolle, da sie zwar die Daten dazu liefern, aber die Interpretation unabhängig von ihrem subjektiven und objektiven Befinden stattfindet. 

Schweregrade von Nebenwirkungen gibt es vier, davon ist Grad 1 am harmlosesten und Grad 4 der schwerwiegendste mit Ausnahme des Tods des Patienten, der als Grad 5 bezeichnet wird. Und ja, Grad 5 passiert leider auch zuweilen. Die Art der Bewertung der Nebenwirkungen nach diesem Grad-System jedenfalls führt manchmal zu merkwürdigen Ergebnissen: Während einer Chemotherapie zusätzlich noch einen Schlaganfall mit schweren neurologischen Folgen zu erleiden, soll nur Grad 3 sein? Das sollte man den Patienten dann aber bitte vor Beginn der Chemotherapie sagen müssen. Ich riskiere die Behauptung, daß ein erhöhtes Risiko dieser speziellen Nebenwirkung dritten Grades zusätzlich zum Krebs die Bereitschaft, sich behandeln zu lassen, dramatisch verringern würde. 

Der Autor der Kritik an der Bestimmung des Schweregrads von Chemo-Nebenwirkungen weist zu Recht darauf hin, daß aber auch der Faktor Dauer der jeweiligen Nebenwirkung eine so große Rolle dabei spielen kann, daß es grob verfälschend ist, ihn nicht zu berücksichtigen. Zwei bis drei Tage Durchfall, der danach vorbei ist, damit beispielsweise kann man sich ja noch arrangieren, auch wenn er so heftig ausfällt, wie ich das bei Pertuzumab erlebt habe. Geht es um zwei bis drei Wochen oder sogar um zwei bis drei Monate oder womöglich die gesamte Behandlungsdauer, sieht die Sache schon anders aus. 

Wir Patienten bräuchten dringend mehr solche Onkologen wie Bishal Gyawali, die uns vor Schaden durch  Maßstäbe bewahren wollen, die offensichtlich nicht zum Ziel passen, uns nicht durch die Behandlung schlimmeren Schaden anzutun, als wir durch die Krankheit selbst erleiden, und weniger Jutta Hübners, die uns umgekehrt an dieses Prokrustesbett solcher vorgegebenen Maßstäbe anzupassen versuchen, egal, was das für uns bedeutet. Eigentlich unglaublich, daß auch im Jahre 2026 anscheinend niemand es für nötig hält, Patienten die Fragen zu stellen, die für sie ja eindeutig relevant wären. Aber da das bei Krebs absolut üblich zu sein scheint, wundere ich mich jetzt ein bißchen weniger über die Frau Professorin als zuvor. Sie ist Teil eines Systems, das zwar eigentlich nicht böse sein will, sich aber strukturell nicht für den einzelnen Patienten interessiert, was es in Betrachtung der Ergebnisse für den einzelnen Patienten, falls er deshalb tatsächlich einen Schaden erleidet, de facto böse macht. 

Es gereicht Jutta Hübner nicht zur Ehre, daß sie dies nicht hinterfragt. Aber das tun offenbar die allerwenigsten, also ist sie damit andererseits auch nichts Besonderes. Das Besondere sind vielmehr Ärzte wie Bishal Gyawali. Jutta Hübner repräsentiert etwas anderes. Ich bin ja nicht religiös (genaugenommen bin ich sogar ein ziemlich verstockter Heide), aber weil ich dennoch meine Bibel gelesen habe, kam mir Luthers wunderbare Übersetzung von 1 Korinther 13,1 in den Sinn: "Wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle." Das trifft die Sache genauso auf den Punkt wie Terry Pratchetts Feststellung, die einzige Sünde bestehe darin, Menschen wie Dinge zu behandeln, was mehr oder weniger dasselbe ausdrückt. 

Ein lesenswerter Blogbeitrag, über den ich auf Bluesky stolperte, brachte auf den Punkt, was am System nicht stimmt, zu dem die Frau Prof. Hübner so ausgezeichnet paßt, daß sie in der Position landete, in der sich sich gerade befindet. An sich war mir das alles sogar längst klar gewesen, aber nicht in dieser analytischen Schärfe: Unser Gesundheitssystem funktioniert offenbar generell bemerkenswert schlecht, wenn es um Leiden geht, deren Ursachen nach aktuellem Wissensstand schwierig zu diagnostizieren und/oder die kaum erfolgreich zu therapieren sind. Das, so die Autorin, ergibt sich aus dem Umgang mit Long Covid. Das Gesundheitssystem, schlußfolgert sie, ist optimiert für Patienten mit Krankheiten, die eine eindeutige und durch Tests überprüfbare Ursache haben, deren Behandlung einen voraussehbaren Verlauf nimmt - und: bei denen eine Heilung erwartet werden kann. 

Da ist in der Tat etwas dran - jeder kennt ja diese Krankheitsgeschichten, die damit beginnen, daß ein Patient eine monate- oder sogar jahrelange Odyssee hinter sich bringen muß, bis die Ursache seines Problems richtig erkannt und daraufhin auch die richtige Therapie verordnet wurde. Mich irritiert an solchen Beschreibungen immer, für wie normal das gehalten wird. Denn falls dies normal sein sollte, müßte das bedeuten, daß der weitaus häufigere Fall ist, daß Patienten, die ein solches Stehvermögen nicht aufbringen und deshalb falsch behandelt werden. Immerhin, wer krank zum Arzt geht, läuft ja sowieso schon auf halber Kraft, und nicht jeder hat neben der nötigen Energie auch genügend Widerspruchsgeist einem Halbgott in Weiß gegenüber, um eine solche Odyssee überhaupt anzufangen. Ich finde es geradezu eine Frechheit, das Aufbegehren gegen den Fachmann dem Patienten als eine Bringschuld aufzuerlegen. Vielen fehlen dazu ja von vornherein die Voraussetzungen. 

Das Ganze gilt außerdem nicht nur für schwere Erkrankungen, sondern auch für den Umgang mit Zipperlein, die dem Patienten nicht so wahnsinnig schwerwiegend vorkommen und für die sie vor allem eine Erklärung haben wollen - und natürlich wenn möglich eine Bestätigung, daß sie die Gefährlichkeit der Sache nicht etwa unterschätzen. Wenn auch der Arzt da nicht so recht weiter weiß und sich das aber um Gottes willen nicht vor dem Patienten anmerken lassen will, kann es sein, daß man sich unversehens in einer Behandlung wiederfindet, die einem nicht hilft oder sogar schadet, oder man bekommt eine dieser Verlegenheitsdiagnosen, wie ich sie auch schon bekommen habe. Vermutlich ist das jedem schon passiert. 

Über die beginnende Kniearthrose, ausgelöst angeblich durch mein Übergewicht (damals, 2015, ca. 125 Kilogramm), mit der zweimal innerhalb kürzerer Zeit akut aufgetretene Kniebeschwerden bei mir einmal erklärt wurden, hatte ich ja schon einmal geschrieben, und ebenso, daß der Orthopäde mir empfahl, abzunehmen, und mir Schwimmen dafür ans Herz legte. Er fragte nicht einmal, ob ich das mit dem Abnehmen vielleicht ja doch schon einmal versucht hätte und welche Erfahrungen ich damit gemacht hatte. Für ihn schien das offensichtlich zu sein, daß ich hohes Übergewicht hatte, weil ich hohes Übergewicht haben wollte, und so sah er seine Mission anscheinend darin, mich davon abzubringen. Die Kniebeschwerden ließen übrigens im Lauf der darauffolgenden Tage nach und kamen anschließend niemals wieder. Ich weiß immer noch nicht, was sie ausgelöst hatte, aber die beginnende Kniearthrose war es jedenfalls nicht, obwohl ich annehme, daß ich sie wirklich habe. Sie läßt sich aber bei Patienten meines Alters sowohl mit als auch bei solchen ohne einschlägige Symptome mit einer 50:50-Wahrscheinlichkeit diagnostizieren. Das ist für einen Orthopäden ähnlich bequem wie für einen HNO-Arzt, für jede Erkältung eines Rauchers sein Rauchen verantwortlich zu machen, und in beiden Fällen macht er es sich auf Kosten des Patienten bequem. 

Das ist der Hauptgrund, warum ich Arztbesuche im Zweifelsfall lieber ein bißchen länger hinauszögere, da ich ja keine Krankschreibungen brauche. Alles, was sich auch ohne Medizinmann wieder hinkriegen läßt, bedeutet auch ein geringeres Risiko von Fehlbehandlungen, und als Raucher oder Übergewichtiger hat man darauf ein erhöhtes Risiko, weil beides so viele Allzweck-Erklärungen für eine Krankheit bietet, daß viele Ärzte es sich ähnlich einfach machen wie mein damaliger Orthopäde. Ratschläge dieser Qualität sind aber so nutzlos, daß ich auf sie auch ganz verzichten kann. Nicht immer, aber in vielen Fällen. Der Trick besteht darin, beide Arten von Krankheiten voneinander zu unterscheiden. 

Abhängig Beschäftigte können meistens gar nicht so wie ich vorgehen, weil sie eine Krankschreibung brauchen, wenn sie krank sind, aber das heißt wohl nicht, daß sie alle immer von dem überzeugt sind, was ihr Arzt mit ihnen macht. Es gibt meinem Eindruck nach eine Menge Leute, die verschriebene Medikamente dann nicht nehmen, teils von vornherein, teils dann, wenn die Wirkung ausbleibt und/oder Nebenwirkungen auftreten. Oft genug erfährt der Arzt davon überhaupt nichts. Dem gegenüber stehen mindestens ebenso häufig - vermutlich sogar noch um einiges häufiger - aber auch die Patienten, die willig alle Medikamente nehmen, die ihnen verordnet wurden, manchmal klaglos, manchmal schimpfend, weil sie ihrem Eindruck nach nicht wirken oder sogar neue Beschwerden hervorrufen. Man sollte echt einmal untersuchen, welche der beiden Gruppen die bessere weitere Lebenserwartung hat und unter dem Strich bei besserer Gesundheit ist. Ich bin mir nämlich nicht sicher, daß es die letztere Gruppe ist. 

Insofern, ja, die Autorin des Blogbeitrags hat mit ihrer Analyse wohl leider recht. Wir haben einerseits ein gutes bis sehr gutes Gesundheitssystem, aber in den genannten Teilbereichen funktioniert es so viel schlechter, daß das eigentlich Gegenstand einer Gesundheitsreform werden müßte. 

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Eine Ergänzung zu meinen diversen Beiträgen zur Frage, ob jüngere Leute sich Wohneigentum leisten können oder nicht. Ich stieß auf das LBS|empirica-Erschwinglichkeitsbarometer, das meine Einschätzung bestätigt, daß das eigentliche Problem das gerade von jüngeren Kaufinteressenten meistens kaum aufzubringende Eigenkapital ist. Interessanterweise war der Anteil derer, die ausreichend Eigenkapital aufgebracht hätten, mit zehn Prozent vor der Finanzkrise am höchsten, aber 2015 lag der Anteil derer, bei denen das Einkommen für eine Finanzierung eigentlich ausreichend gewesen wäre, auch wenn das Eigenkapital in der vorgegebenen Höhe nicht erbracht werden konnte, zehn Prozentpunkte höher und bei mehr als 60 Prozent. 

Daß der Anteil derer, die sich eine Immobilien vom Einkommen her im Prinzip leisten könnten, aktuell mehr als zwanzig Prozentpunkte niedriger liegt, ist die Wirkung der stark gestiegenen Immobilienpreise einerseits und der gestiegenen Zinsen andererseits. In diesem Bereich kam der große Absturz aus dem Möglichen ins Unmögliche im Jahr 2022, wie das deutlich in der Grafik erkennbar ist, und obwohl es seither wieder ein kleines bißchen besser geworden ist, ist das Verhältnis von (gesunkenen) Kaufpreisen und gestiegenen Zinsen weiterhin erheblich schlechter, als es das vorher gewesen war. 

Trotzdem: Daß, wenn man den Faktor Eigenkapital ausklammert, sogar 2022 mehr als ein Drittel der 30- bis 44-jährigen Mieterhaushalte sich Wohneigentum eigentlich hätte leisten können, ist eine Erwähnung wert. 20 Prozent des Kaufpreises plus die Kaufnebenkosten sind als Anforderung von Banken ja auch keineswegs in Stein gemeißelt. Je nach konkreter Situation werden auch heute noch sogar Vollfinanzierungen von Banken akzeptiert, aber am ehesten für kleinere Objekte und bei Leuten, die schon andere Immobilien besitzen. Aber die Banken sind gerade jetzt tatsächlich sehr restriktiv bei Hypothekendarlehen, und ich kenne mehrere Leute, denen es ganz oder teilweise wegen des Eigenkapitals nicht gelungen ist, eine Finanzierung zu bekommen, die sie sich eigentlich hätten leisten können. 

Meine Idee, wie das Problem zu lösen sein könnte, wären staatliche Bürgschaften als möglicher Ersatz für das Eigenkapital. Voraussetzung dafür müßte natürlich sein, daß die Finanzierbarkeit grundsätzlich realistisch ist. Ich fände es spannend, die Wirkung zu sehen, wenn eine solche Bürgschaft beantragt werden könnte, sofern die monatliche Belastung der Finanzierung maximal zehn Prozent höher als die bezahlte Miete liegt und nachgewiesen werden kann, daß die Mietzahlungen seit mindestens zwei Jahren pünktlich und vollständig erfolgt sind.

Wieso werden solche Dinge also nicht einmal diskutiert? Auch die Vorschläge der LBS enthalten so etwas nicht. Dabei würde es den Anteil der Haushalte im Alter zwischen 33 und 44 Jahren, die eine realistische Chance auf den Erwerb von Wohneigentum hätten, dramatisch erhöhen und ihnen damit auch die bestmögliche Altersversorgung verschaffen, die ich mir vorstellen kann.  

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Unsere Kartoffeln im Garten wachsen gerade wie Unkraut und an der ersten Pflanze bilden sich Blütenknospen. Das fällt mir immer wieder auf, daß es bei Pflanzen jeglicher Art immer eine "Pionierpflanze" gibt, die es mit dem Blühen eiliger hat als ihre Artgenossen. Womöglich wird sie ja von allen als Späher vorgeschickt, der erst mal testen soll, ob es sich überhaupt lohnt, Mühe in die Bildung von Blüten zu stecken. 

Auch sonst tobt in unserem Garten gerade das Leben. Zwei der drei Zucchinipflanzen, so klein sie noch sind, hatten bereits ihre erste Blüte. Und am alten Quittenbaum kann ich mittlerweile die ersten noch ziemlich kleinen Früchte erkennen. Zwiebeln und Knoblauch kommen jetzt auch langsam, und zu meinem Verdruß muß ich unter dem Kirschbaum neuerdings auf Zehenspitzen laufen, um keine Zwiebeln zu zertreten. Wie ist mein Mann nur auf die Idee gekommen, ausgerechnet unter den Obstbäumen Zwiebeln zu stecken? Die erste Erdbeere wurde reif und ist geerntet, und die leider nur exakt neun Kirschen vom Kirschbaum ebenfalls. Beides ist in einen leckeren Obstsalat mit Nektarinen und Aprikosen vom Wochenmarkt mit eingeflossen. Die Stachelbeeren brauchen aber noch ein Weilchen, und von den Mirabellen der Nachbarin, die sie mir zum Abschuß freigegeben hat, ist einstweilen noch nichts zu sehen, aber so, wie der Baum dieses Jahr geblüht hat, ist es sicherlich nur eine Frage der Zeit, bis es dort auch losgeht. 

Daß das Leben bei uns unter dem Dach nicht auch wieder zu toben beginnt, dem steuere ich seit heute wieder mit einer Mausefalle entgegen, denn letzte Nacht wurde zum ersten Mal seit Monaten unser Mäusekino wieder aktiviert. Eine geradezu unverschämt wohlgenährt wirkende Maus (womöglich eine werdende Mäusemutter?) kam aus dem bekannten Loch spaziert und sah sich zwei Minuten lang in den Räumlichkeiten um, bevor sie wieder durch das Mauseloch verschwand. Das hätte mir gerade noch gefehlt, eine Mäuse-Wochenstube unter dem Dach. So niedlich sie sind, sie sollen bitte draußen im Garten niedlich sein. Ich bin gespannt, ob sie mir vielleicht schon heute Nacht in die Falle geht.