Montag, 13. Juli 2026

Mein (Un-)Glaubensbekenntnis

Mein Gewicht zu Beginn des nächsten langen Fastenintervalls: 81,6 Kilogramm. Eine herbe Enttäuschung. Dazu kommt aber auch noch, daß ich in der Woche nach dem Ende des langen Fastenintervalls gar nicht fasten werde, weil ich meine Mutter besuche. Eigentlich war dieser Besuch von Sonntag bis Sonntag geplant, aber ich werde meine Abfahrt auf den Freitag vorverlegen müssen, meinen ersten Eßtag also, und das mache ich eher ungern. Das lange Fastenintervall verkürzen möchte ich andererseits aber auch nicht. Was ich tun werde, weiß ich noch nicht so genau, die Notwendigkeit der Vorverlegung kam vorgestern ziemlich überraschend. 

Also, es läuft gerade nicht so, wie es eigentlich laufen sollte, und ich kann im Moment nichts dagegen tun. Also finde ich mich damit ab. Vorerst jedenfalls. 

Die positive Nachricht lautet, daß meine Verdauung nach wie vor auf "Vor-Chemo-Stand" geblieben ist. Daß ein Dulcolax-Zäpfchen im richtigen Moment so viel bewirken kann, hätte ich mir ja nicht träumen lassen.  

***

Ich weiß ja, es ist eigentlich irreführend, wenn ich über etwas meckere, das "die TAZ" geschrieben hat. Die TAZ hat ja - ebenso wie andere Medien - keine Einheitsmeinung. Trotzdem steht die TAZ natürlich für eine bestimmte weltanschauliche Ausrichtung. Sie ist "links", also für einen Interessenausgleich, der in der Gesellschaft Benachteiligten zugutekommen, ob nun finanziell, sozial, gesundheitlich oder kulturell benachteiligt, und der soll normalerweise dann von den in der Gesellschaft Bevorteilten erbracht werden. Und "grün", also mit Fokus auf Umwelt und Klima. Alle ihre Ziele möchte sie aktiv promoten, das heißt, mittels Aufklärung dafür sorgen, daß jeder halbwegs vernünftige sowie halbwegs anständige Mensch durch das Mittel der Einsicht dazu gelangt, die Richtigkeit dieses Ziels einzusehen und die dafür angewandten Mittel zu akzeptieren. Und an den Zielen einer gerechten Gesellschaft und einer intakten Umwelt kann eigentlich ja niemand etwas auszusetzen haben. Das gilt allerdings nicht für die Mittel, von denen angenommen wird, mit ihnen erreiche man sie am besten. 

Eines dieser Mittel ist die nervtötende Gewohnheit, die zugehörigen Botschaften so häufig wie möglich zu wiederholen. Ich bin mir nie ganz sicher gewesen, was der Hauptgedanke dabei ist. Wird angenommen, daß man auf diese Weise wirklich die meisten Leute überzeugen kann? Oder geht es doch eher darum, sie so zu zermürben, daß sie bereit sind, alles zu tun, nur damit der Lärm endlich nachläßt? Denn es handelt sich um Lärm, und der Gedanke ist nicht abwegig, daß er ähnlich einen ungünstigen Einfluß auf das Wohlbefinden hat, als wäre man im Alltag permanent einer lauten Geräuschkulisse ausgesetzt.  

Ein Beispiel aus persönlicher Erfahrung, wie ich auf dieses spezielle Mittel reagiere. Das war während der neunziger Jahre und betraf das Thema Zahngesundheit bei Kindern. Das erste Mal hörte ich den üblichen belehrenden Vortrag, was man tun und was unterlassen sollte, um sein Kind vor Zahnschäden zu bewahren, wenn ich das noch richtig im Kopf habe, als mein Kind zwei Jahre alt war. Vermutlich im Tagheim. Ich fand es bei diesem ersten Mal auch wichtig zu wissen und habe genau zugehört. Aber das galt nur für dieses erste Mal, und es gab zwischen ihm und dem Schulabschluß des zugehörigen Kinds jährlich mehrmals Wiederholungen unterschiedlicher Vortragenden, immer in der "Version für Anfänger", und mit jedem weiteren Mal wurde ich immer gereizter. Alles, was mir beim ersten Mal eingeleuchtet hatte, das hatte ich ja bereits umgesetzt. Was ich nicht umsetzte, das setzte ich deshalb nicht um, weil es mir nicht einleuchtete oder nicht praktikabel schien. Über diesen Teil hätte ich tatsächlich gerne ein "Gespräch für Fortgeschrittene" geführt. Aber das hat nie so funktioniert, wie ich das wollte, denn es bringt die Vortragenden aus dem Konzept, von der Anfängerversion abweichen zu müssen, und etwas anderes als nichtssagendes Blabla bekam ich nie zu hören, wenn ich meine Einwände gegen dieses oder jenes Detail vorzubringen versuchte. Also hörte ich damit nach einigen vergeblichen Anläufen wieder auf und bemühte mich, die Anfängervorträge widerspruchslos auszusitzen, damit sie schneller vorbei waren. 

Es ist mir nicht entgangen, daß die meisten anderen Eltern weniger negativ als ich reagiert haben, wobei: In die Köpfe schauen konnte ich ihnen natürlich nicht. Zu meinem Ärger - weil ich diese Vorträge ja nur rasch hinter mich bringen wollte - fanden sich fast immer ein paar Klassenstreber, die meinten, mit einigen zustimmenden Bemerkungen positiv auffallen zu müssen. Ich erinnere mich noch, da war mal eine Mutti, die sich als Ernährungsberaterin outete und überhaupt nicht mehr aufhören wollte, über das, was sie dazu beizutragen hatte, zu schwadronieren. Ihr gingen die Empfehlungen nicht weit genug. Die Zielgruppe, die die "Version für Anfänger" noch nie gehört hatte, wären vermutlich diejenigen gewesen, die bei solchen Anlässen durch Abwesenheit glänzten. Sie wurden also, ebenso wie diejenigen, die die Sache nicht verstanden, gar nicht erreicht Mich hat es immer erstaunt, daß außer mir niemand das Beleidigende in diesen Wiederholungen zu empfinden schien. Denn das drückte ja aus, daß man uns für zu vernagelt hielt, um eine Sache spätestens nach der dritten Wiederholung verstanden zu haben, und/oder für zu träge, um ohne ständiges Schubsen dabei zu bleiben, es umzusetzen.

Aber vielleicht irre ich mich ja, und diejenigen, die ähnlich genervt waren wie ich, hatten auch nur keine Lust, sich in einer Sache zu exponieren, gegen die niemand irgendwelche Einwände zu haben schien. 

Wie auch immer, ich empfinde das Beleidigende daran auch heute, wenn ich einer solchen Dauerbeschallung ausgesetzt bin. Dies macht es mir auch nicht einfacher, generell oder ggf. auch in Teilbereichen so zu handeln, wie es von mir verlangt wird, falls ich mal zufälligerweise unabhängig von den Predigten sowieso eigentlich so handeln wollte. Es ist nämlich gar nicht so einfach, in so einem Fall über den Schatten des eigenen Ärgers zu springen. Ich fühle mich immer unheimlich erwachsen, wenn es mir gelingt, aber jedes Mal ist mein erster Impuls eigentlich der, das Gegenteil des Verlangten zu tun. Ich kann es deshalb gut verstehen, daß eine Menge Leute in solchen Situtationen aus einer bockigen Gesamt-Verweigerungshaltung nicht herausfinden. 

Die selten hinterfragte und ebenso selten direkt ausgesprochene Grundannahme, daß man mit so häufigen und so dringlichen Botschaften wie möglich Zweifler am ehesten überzeugen kann, hat gleich mehrere Haken, insbesondere, wenn die Sache schon so lange läuft wie im Fall des Klimawandels. Einer davon besteht darin, daß die Leute, die man am dringendsten überzeugen möchte, sich längst nicht mehr im Prozeß der Meinungsbildung befinden, sondern ihn abgeschlossen haben. Der zweite, daß man sich bei der Überzeugungsarbeit unweigerlich auf Autoritäten berufen muß, die von manchen dieser Leute für Lügner gehalten werden. Wer sich auf sie beruft, überzeugt sie nur davon, daß man selbst ebenfalls ein Lügner ist. Der dritte Haken besteht darin, daß die vermeintliche Wahrheit vielleicht ja doch falsch ist - und diese Gefahr sollte niemals unterschätzt werden, denn ich kenne mindestens zwei allgemein geglaubte vermeintliche Wahrheiten aus dem Gesundheitsbereich, die eigentlich schon lange fällig gewesen wären, als Irrtümer erkannt zu werden. Der vierte Haken besteht darin, daß auch Wahrheiten, denen dies nicht droht, in der Regel mit einem mehr oder weniger starken Spin verbreitet werden. Es wird also nicht "die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit" verbreitet, sondern es wird gewichtet und gewertet, übertrieben und heruntergespielt und manchmal auch etwas weggelassen, das man eigentlich nicht weglassen dürfte. Der fünfte Haken besteht darin, daß auch ein richtiges Ziel mit falschen Mitteln verfolgt werden kann, die entweder nicht wirksam sein werden oder zu Kollateralschäden jenseits des in den Augen von Kritikern Akzeptablen führen. 

Kurz und gut, bei denen, die aus einem der aufgezählten Gründe - oder mehreren von ihnen - die Botschaft nicht akzeptieren wollen, bewirkt das Konzept "Mehr Aufklärung" höchst selten ein Umdenken, führt dafür aber häufig zu immer mehr Verärgerung. 

Die Annahme, man müsse Zweifler an der selbst geglaubten guten Sache nur lange und intensiv genug "aufklären", und dann würden sie begreifen und selbst auch glauben, ist ein Irrtum, auf den man in allen Medien stoßen kann, aber nirgends so häufig wie in der TAZ, ironischerweise gerade deshalb, weil die TAZ weniger als andere Medien von Zynismus angekränkelt ist.  Und so denke ich halt doch "Na klar, die TAZ", wenn ich dies hier lese. 

Kostprobe: 

Für die nächsten Tage sind die Temperaturprognosen wieder ins Aushaltbare abgesunken. Das löst bei uns, die sich nicht nur mit beispiellosen Hitzewellen, sondern ganzjährig mit dem Klima beschäftigen, paradoxerweise Stress aus. Denn jetzt sehen wir, wie sich das Zeitfenster schließt, in dem endlich gesamtgesellschaftlich über Klimawandel und -folgen gesprochen wird. 

Ich habe spontan erst einmal aufgestöhnt. Reicht nicht das nichtendenwollende Gezeter während jeder Hitzephase der letzten mehr als zwanzig Jahre sowie nach jeder Meldung, die von den Medien in Aufregernachrichten verwandelt werden kann, wie jetzt die Daten zur Übersterblichkeit während der KW 26? Diejenigen, die über den Klimawandel und dessen Folgen sprechen möchten, tun das ja die ganze Zeit, aber in Hitzewellen und bei anderen Meldungen zum Thema mit Sensationspotential werden sie immer hyperaktiv, zumal dann auch die Medien, auch die von Zynismus angekränkelten, auf den Zug aufspringen Man bekommt das Gefühl, im Chor angegrölt zu werden, und das nervt mich praktisch immer, aber am meisten, wenn es sich um Botschaften handelt, zu denen ich von vornherein nie etwas anders als "Nein" sagen wollte. 

Die Hyperaktiven lauern übrigens auch während einer Kältewelle ständig auf Äußerungen aus dem "Feindlager", die einen Vorwand bieten, um die Pointe anzubringen, jener Feind sei sogar zu doof, um Wetter und Klima unterscheiden zu können. Während einer Hitzewelle ist dann aber natürlich alles Klima und gar nichts Wetter, und wehe dem, der auch nur andeutet, es könne nicht so sein ...

Eine Anmerkung aber noch zu dieser Übersterblichkeit. Es ist dabei dauernd von der KW 26 die Rede, einer ganzen Woche also. Aber näher betrachtet, fand das eigentlich Alarmierende erst auf dem Höhepunkt der Hitzewelle, dem Samstag, 27. Juni, und Sonntag, 28, Juni statt. Jeweils mehr als 4000 Todesfälle an einem einzigen Tag, das hat es noch in keinem Sommer, jedenfalls nicht seit dem Jahr 2000 gegeben, und diesmal geschah es an zwei Tagen hintereinander, daß fast doppelt so viele Menschen starben wie bei einem Tag mit normalen Temperaturen. Mittlerweile ist das auch der TAZ aufgefallen, also: Ehre, wem Ehre gebührt. Gereon Asmuth fiel mir schon öfter dadurch auf, daß er genauso wie ich gerne Daten, die publik gemacht werden, selbst noch einmal anschaut. Trotzdem ärgert es mich jetzt, daß ich diesen Blogartikel nicht schon gestern abgeschickt habe, denn herausgefunden habe ich die Sache schon am Samstag, und ich wäre gerne mal wieder Erste gewesen. ;-) 

Daß Asmuth sich so sehr auf den Sonntag mit der Rekordzahl an Todesfällen fokussiert, obwohl schon der Samstag ungewöhnlich war, finde ich freilich wieder ein bißchen zu sensationshascherisch, ebenso auch, daß er erklärtermaßen keine Ursachen außer der Rekordhitze erkennen konnte. Es starben an beiden Tagen aber jeweils um die 1000 Menschen mehr, als es bei früheren Hitzewellen maximal in den Statistiken verzeichnet ist. Die Todesfallzahlen der Restwoche von KW 26 waren hingegen in etwa dem vergleichbar, was bei früheren Hitzewellen ebenfalls verzeichnet wurde. Und mindestens die vom August 2003 war von den Temperaturen und der langen Dauer her durchaus mit der vom Juni 2026 vergleichbar. Die damaligen Maximaltemperaturen an den heißesten Tagen im August 2003 lagen in meiner Stadt kaum niedriger als am 27. und 28. Juni 2026, und anderswo wird es nicht viel besser gewesen sein. Trotzdem blieben die Todesfallzahlen der einzelnen Hitzetage aber weit unter denen, die am 27./28.6.26 verzeichnet wurden. 

Daß hochsommerliche Temperaturen einen Anstieg bei den Todesfällen bewirken, ist grundsätzlich keine Überraschung. Dasselbe passiert auch bei Kälteeinbrüchen im Winter und ebenso bei starken Temperaturschwankungen in anderen Jahreszeiten, das kann man den Daten ebenfalls entnehmen, wenn man solche Dinge nur wissen will (Klimaschützer interessieren sich allerdings nur für die Todesfälle, die mit Hitze zu tun haben - das gehört zu dieser Sache mit der "ganzen Wahrheit", siehe oben), und ich halte es auch für unmöglich, das ganz zu vermeiden. Es zu verringern, ist dagegen erstens möglich und zweitens auch wünschenswert. 

Aber zurück zum Jahr 2003, denn weil ich die Hitzewellen jenes Jahres noch so gut in Erinnerung habe, haben mich auch die Daten zur Übersterblichkeit interessiert, und zwar diejenigen des Gesamtjahrs. Denn das Jahr 2003 hatte ja nicht nur die Hitzewelle im August, der komplette Juni und Juli waren auch heiß, und im Juni gab es auch schon eine Phase, in der es SEHR heiß war. Aber sogar in den zweiten Septemberhälfte, nominell bereits Herbst, gab es noch Tage mit Temperaturen über 30 Grad. 

Und tatsächlich: Übers Jahr gepeilt, lag die Gesamtzahl der Todesfälle 2003 höher im Vergleich zu den Vorjahren, und in Zusammenhang damit dürfte es auch stehen, daß im Jahr darauf, 2004, bei den Todesfällen ein ungefähr ebenso großer Ausreißer nach unten stattgefunden hat. 2003 gab es also insgesamt eine kleine fünfstellige Zahl mehr Todesfälle, als auf Basis der Vorjahreswerte zu erwarten gewesen wäre. Im Jahr darauf war es genau umgekehrt. Das läßt darauf schließen, daß die vorzeitig Verstorbenen im Durchschnitt nicht lediglich einige Lebenstage oder -wochen, sondern etliche Monate an Lebenszeit verloren hatten. Es irritiert mich, daß so viel Zahlenabrakadabra von der Wissenschaft™ getrieben wird, aber dieses Detail meiner Erinnerung nach nie erwähnt wurde. Vielleicht ist es Insidern ja bekannt, aber so richtig an die große Glocke gehängt wurde es gegenüber der Öffentlichkeit nicht. Bis ich für das Jahr 2026 einen solchen Vergleich mit 2027 führen kann, wird es allerdings noch bis 2028 dauern. 

Unabhängig davon fände ich es aber auch wichtig, herauszufinden, was genau den enormen Ausreißer nach oben bei den Todesfallzahlen an jenem Wochenende Ende Juni 2026 ausgelöst hat. Wurde also mit diesen geringfügig höheren Temperaturen dieses Jahr im Vergleich zum August 2003 tatsächlich eine Grenze des physiologisch Erträglichen überschritten, oder war die Ursache vielleicht doch, daß es ein Wochenende war, unter Umständen ja verbunden mit dünneren Personaldecken in Kliniken und Pflegeeinrichtungen (dünner als 2003?) und damit tendenziell Zeitverzögerungen beim Erkennen und Behandeln von hitzebedingten Problemen? Oder hat es etwas mit der zunehmenden Vereinsamung älterer Menschen ohne Partner oder nahe Angehörige zu tun, daß also mehr Menschen als vor 23 Jahren alleine in ihrer Wohnung kollabierten? Ich befürchte, die aktuelle Berichterstattung führt eher nicht dazu, daß etwas anderes als der reine Hitzeschutz diskutiert wird - der natürlich wichtig und sinnvoll ist -, obwohl die Todesfallzahlen pro einzelnen Tag des letzten Juniwochenendes so ungewöhnlich waren, daß ich daran zweifle, daß dafür alleine die hohen Temperaturen verantwortlich gemacht werden können. Ich glaube, da war noch irgendwas anderes mit im Spiel, und ich würde gerne wissen, was es gewesen ist. Aber ich bin mir ziemlich sicher, daß sich außer mir kein Mensch dafür interessiert. Warum? Weil diese Übersterblichkeit ins politische Konzept derjenigen paßt, die den Kampf gegen den Klimawandel für das vordringliche Thema der Zeit halten. Man könnte sagen, sie instrumentalisieren dies und überhaupt alles, das als Argument für ihre Sache tauglich scheint und um das man medialen Lärm machen kann. 

Nur daß das mit dem Lärm so, wie sie glauben, halt doch nicht funktioniert.  

Wir leiden seit ich weiß nicht genau wann doch sowieso längst an einer Katastrophenalarm-Übersättigung. Kein psychisch gesunder Mensch ist imstande, sich über Jahre oder gar Jahrzehnte hinweg permanant in dem Alarmzustand zu halten, in dem uns alle möglichen Interessengruppen - darunter auch die Klimaforscher - gerne dauerhaft haben möchten. Normal ist, daß man im Laufe der Zeit gegen Alarm abstumpft. Wenn wir uns aber beeinflussen lassen, dann selektiv in den Bereichen, die uns persönlich etwas anzugehen scheinen. 

So gesehen, ist es natürlich logisch, alles publik zu machen, das dazu führen könnte, daß möglichst viele die Überzeugung erlangen, der Klimawandel ginge sie persönlich eine Menge an. Aber, der Klimawandel ist in dieser Hinsicht für die meisten Leute trotzdem zu weit weg von den Sorgen, die sie unmittelbar berühren, etwa die Massenentlassungen und Betriebsschließungen bei Volkswagen, Daimler, Porsche und Bosch - vor allem in Verbindung mit den Änderungen bei der Grundsicherung, von denen sich diejenigen, die jetzt die Kündigung bekommen haben oder befürchten, sie demnächst zu kriegen, ja durchaus persönlich bedroht fühlen können. Der Klimawandel hat derzeit als Angst-Thema überhaupt keine Chance, gegen die Angst vor den Maßnahmen der Bundesregierung anstinken zu können, von denen sich ja eine Menge Leute - und viele von ihnen mit gutem Grund - persönlich und akut bedroht fühlen. Soviel nüchternen Realismus sollten auch Klimaschützer aufbringen, daß sie begreifen, daß sie im Moment nur diejenigen beeindrucken können, die sowieso schon das Klima zu ihrem persönlichen Anliegen gemacht haben. Die Frage ist freilich, ob das nicht eher eine negative Wirkung haben wird, viele von den Beeindruckten stehen meinem Eindruck nach, etwa auf Bluesky, längst am Rande der Hysterie. 

Was mich außerdem so irritiert, ist, daß das Einfordern von Glaubensbekenntnissen in dieser Klimasache immer so viel wichtiger genommen wird, als konkrete Handlungen auszulösen. Das gilt gerade beim Heizen. Mir ist schon klar, warum so viele Hausbesitzer sich gegen Wärmepumpen wehren: Weil vor der Wärmepumpe erst einmal eine energetische Grundsanierung zu stemmen ist, und damit reden wir von Kosten im sechsstelligen Bereich. Das findet nicht jeder einfach in seiner Portokasse. Hausbesitzer sind aber überdurchschnittlich häufig bereits im Rentenalter, und dann bekommt man von seiner Bank auch dann nicht mehr ohne weiteres ein Darlehen in benötigter Höhe, wenn man es eigentlich gerne haben wollte, um das Häuschen energetisch zu sanieren. Aber einzusehen ist es natürlich auch, wenn jemand überhaupt keine Lust hat, sich für eine Sache für den Rest seines Lebens in Schulden zu stürzen und dabei zu wissen, daß sich dies zu eigenen Lebzeiten sowieso nicht mehr amortisieren kann. Jüngere Hausbesitzer befinden sich wiederum meist noch in der Abzahlungsphase und können über diese Kosten hinaus finanziell selten noch große Sprünge machen. 

Und bitteschön, die Förderung ist bei dermaßen hohen Kosten gar kein Argument, denn die Förderung erhält man ja erst im nachhinein, wenn die Kosten bereits bezahlt sind, und deshalb muß man das nötige Geld dafür erst einmal haben, bevor man die Sache in Auftrag gibt. Banken sind aber mittlerweile so risikoavers, daß das Risiko, daß die Förderung vielleicht verweigert werden könnte, bei ihnen bestimmt auch gesehen und in die Risikokalkulation mit einbezogen wird. Außerdem kommen solche Verweigerungen tatsächlich vor

Hier hat meiner Meinung nach die Klimakommunikation ganz einfach versagt. Es war inhaltlich falsch, immer die Maximallösung als die einzig sinnvolle und moralisch vertretbare Handlung eines Hausbesitzers durchsetzen zu wollen, und es war die falsche Methode, uns mit diesbezüglicher Propaganda so lange zuzuschütten, bis auch eigentlich Gutwillige nur noch schreiend davonlaufen wollen, weil sie eigentlich ja gerne täten, was man von ihnen verlangt, aber einfach nicht wissen, wo sie das Geld dafür hernehmen sollen. Hinzu kommt: Je teurer die Maßnahme, desto höher der mögliche Schaden. Solche Sanierungen bergen ja auch ihre Risiken. Schäden durch Fehlplanung oder Pfuscharbeit waren bei den Idealisten, die sich für energetische Komplettsanierung ihres Altbaus entscheiden hatten, noch nie auszuschließen. Energieberatung neigt außerdem dazu, einem Konzepte zu empfehlen, die für den eigenen Bedarf eher überdosiert sind. Das alles wirkt abschreckend, vor allem dann, wenn man selbst jemanden kennt, der sich mit einer energetischen Vollsanierung in enorme Unkosten gestürzt und dabei tief ins Klo gegriffen hat. 

6500 Euro brutto für eine Wärmepumpe fürs gesamte Haus - so lautet das Angebot unseres Klimatechnikers für den Einbau von zwei Single-Split-Klimaanlagen, mit denen wir ab dem nächsten Winter im Idealfall für das Heizen gar kein Gas mehr benötigen und in jedem anderen Fall mindestens unseren Gasverbrauch drastisch reduzieren werden. Die Gasheizung wird für uns künftig schlimmstenfalls noch eine Zusatzheizung für besonders kalte Tage sein. Je stärker das unseren Gasverbrauch senkt, umso interessanter wird es für uns aber auch werden, auch für das Warmwasser eine andere Lösung zu finden, etwa einen strombetriebenen Durchlauferhitzer. Das einzige, wo ich gar nicht auf Gas verzichten will, ist das Kochfeld. Mit Gas kochen will ich weiterhin, und wenn ich dafür irgendwann doch noch selbst eine Biogasanlage erfinden muß, mit der ich meine eigenen Fäkalien dafür nutzbar machen kann. 

Für uns ist es auch nicht nötig, dafür das komplette Haus in Styropor einzupacken oder die meisten Heizkörper auszutauschen bzw. durch eine Fußbodenheizung zu ersetzen. Allenfalls noch ratsam, sofern ohne viel Aufwand umsetzbar, um neben dem Gasverbrauch auch den Stromverbrauch für die neue Heizung teilweise abzudecken, ist die Anschaffung eines Balkonkraftwerks, und das erhöht die Kosten nicht sonderlich. Alles, was man sonst noch tun könnte, um den Energieverbrauch noch weiter zu reduzieren - Dach dämmen und mit Photovoltaik ausstatten, Fenster austauschen, Kellerdecke dämmen - kann man auch auf einen Zeitpunkt verschieben, wenn eine Maßnahme, mit der man es kostengünstiger kombinieren kann, aus anderen Gründen sowieso erforderlich wird. 

 

Eine aktuelle Umfrage unter Vermietern zeigte, daß der Anteil der energetisch komplettsanierten Altbau-Gebäude nach wie vor sehr überschaubar ist, aber Teilsanierungen etwa so häufig sind wie der Verzicht auf Sanierungen. Das gilt aber nur für komplette Gebäude. Daß die Sanierungsrate bei Eigentumswohnungen so viel niedriger ist, liegt daran, daß Sanierungen für WEGs erstens aus sich selbst heraus vor höheren Hürden stehen und zweitens der Gesetzgeber es außerdem unnötig kompliziert für sie macht. Würde das kostengünstige Split-Klimaanlagen-Modell promotet, sähen die Zahlen zu den unsanierten Gebäuden bestimmt längst ganz anders aus, und das würde bei Eigentumswohnungen besonders stark zu Buche schlagen. Als Maßnahme im Sondereigentum muß ihr Einbau zwar von der WEG genehmigt werden, aber ansonsten ist es die Entscheidung von dessen Eigentümer. Da es weniger kostet, als eine neue Gastherme einzubauen, ist es außerdem für Eigentümer eine attraktive Lösung. Und ganz nebenbei wäre auch das Problem mit dem Hitzeschutz in den zugehörigen Wohnungen mitgelöst. 

Aber die Meinungs-Multiplikatoren haben ja nicht einmal eine Ahnung, daß es das überhaupt gibt. Also werden gerade die eigentlich Gutwilligen von einer Anschaffung der kostengünstigsten und simpelsten Wärmepumpen-Lösung sogar noch mit ökobewegter Begründung abgeschreckt. Da bekommt man  den Eindruck, es gehe überhaupt nicht um den Klimawandel, sondern maßgeblich seien alleine die richtigen Glaubensbekenntnisse als eine Art Unterwerfungsgeste. Daran ist rein gar nichts wissenschaftlich begründbar, und einen praktischen Nutzen hat es auch nicht. 

Fast auf der Stelle stieß ich in der TAZ nämlich auch noch auf ein Beispiel für den oben erwähnten Fall, daß "die vermeintliche Wahrheit sich vielleicht ja doch als falsch herausstellen könnte": Der Kommentator Nick Reimer offenbarte in einem anderen Meinungsartikel eine geradezu erschütternde Ahnungslosigkeit über Split-Klimaanlagen. Er schreibt über sie, als könnten sie nichts anderes, als im Sommer zu kühlen, und findet, sie seien deshalb ein ökologisches No-Go. Schließlich verbrauchen sie ja Strom, den man irgendwo herkriegen muß. Herr Reimer kann sich nichts anderes vorstellen, als daß das dann diese Gaskraftwerke sein werden, die Frau Reiche unbedingt haben möchte. Er empfiehlt statt dessen, Wärmepumpen in den neuesten Versionen zu kaufen, denn, oh staunenswerte Errungenschaft, die könnten auch kühlen. Diese Zusatzfunktion bei herkömmlichen Luft-Wasser-Wärmepumpen nachzurüsten oder eines der Hightech-Geräte, die das von vornherein bieten, zu kaufen, erzeugt Mehrkosten, die kaum niedriger sind als die Kosten aus dem Angebot meines Klimatechnikers. Zusätzlich zum ohnehin hohen Anschaffungspreis für Wärmepumpen, die auch ein Herr Reimer als Wärempumpe erkennen kann, wohlgemerkt. Wer noch keine dieser Wärmepumpen hat, für den spricht aus Kostensicht alles dafür, stattdessen eine Luft-Luft-Wärmepumpe, nämlich eine Split-Klimaanlage einzubauen. Und die Effizienz dieser Lösung spricht auch nicht dagegen. 

Reimer hat natürlich ein Recht auf eine eigene Meinung, aber bei den dieser Meinung zugrundeliegenden Fakten liegt er in praktisch jedem Punkt falsch, und so hätte er besser darauf verzichtet, sie zu artikulieren. Tatsächlich ist sogar der Strombedarf der Klimaanlagen im Sommer in Wirklichkeit eine nützliche Sache und kein Schaden. Heult uns die Energiewirtschaft denn nicht neuerdings dauernd die Ohren voll, weil wir im Sommer viel zu viel selbsterzeugten Solarstrom ins Netz einspeisen und es dadurch überlasten? Das geschieht aber gerade zu den Zeiten, wenn Klimaanlagen auf Hochtouren laufen. Mit ihnen kann jeder Kleinerzeuger von Strom einen Teil dieses ungeliebten Stroms innerhalb seines eigenen Stromkreises sofort wieder verbrauchen, ohne damit das Betreibernetz belästigen zu müssen. Haushalte, die selbst keinen Strom erzeugen, haben gute Verwendung für diese Überschüsse im Stromnetz bei heißem Sommerwetter, falls sie Klimaanlagen laufen lassen. Daß solche Haushalte mitten im Hochsommer ausgerechnet Strom aus Gaskraftwerken benötigen würden, ist eine mehr als abenteuerliche Behauptung. 

Das alles weiß Nick Reimer nicht bzw. hat sich darüber keine Gedanken gemacht, deswegen findet er Klimaanlagen auch total "uncool". Die Dinge, die er weiß oder zu wissen glaubt, sind wiederum zusätzlich mit dem oben ebenfalls erwähnten Spin versehen, der die Uncoolness untermauern soll. 

Er selbst hatte mit Klimaanlagen nämlich offenbar das eine oder andere traumatisierende Erlebnis am Arbeitsplatz, deshalb kann er sich auch nicht vorstellen, daß sie keineswegs bedeuten müssen, ständig in der Zugluft zu sitzen, wie das dann passiert, wenn es am Arbeitsplatz niemanden interessiert, ob man Zugluft abkann oder nicht. Die Kosten des Einbaus, siehe das Angebot meines Klimatechnikers, übertreibt er maßlos und bildet sich wahrhaftig auch noch ein, für dieses Geld bekäme man nichts weiter als eine Kühlfunktion geboten. In Wirklichkeit erhält man eine vollwertige Wärmepumpe, verbraucht im Winter viel weniger Gas oder Öl und im optimalen Fall sogar überhaupt keines mehr. Bei einem SCOP (Seasonal Coefficient of Performance) von 4,5 bis 6 spielt es auch gar keine Rolle, wieviel von dem Strom, der verbraucht wird, im Winter nur nicht aus regenerativen Energien erzeugt werden konnte, denn das im Gegenzug eingesparte Gas oder Öl hätte bei gleichem Heizverhalten in jedem Fall einen höheren Verbrauch an fossiler Energie bedeutet. Wieviel von dem Tagesverbrauch beim Heizen mit Split-Klimaanlage im Winter durch ein Balkonkraftwerk mit Speicher abgedeckt wird, kann ich erst nach dem nächsten Winter sagen, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß jedenfalls in den Übergangsmonaten der eigene Strom locker ausreichen wird, um das Heizen komplett abzudecken. 

Ahnungslos ist Nick Reimer außerdem auch über die enorm weite Verbreitung von Klimaanlagen in anderen europäischen Ländern, insbesondere Norwegen. Das mag damit zu tun haben, daß sie in Statistiken für gewöhnlich unter der Bezeichnung "Wärmepumpen" laufen, weil Split-Klimaanlagen dies in Wirklichkeit ja auch sind. Das könnte man wissen, wenn man sich vor dem Texten eines solchen Textes ein bißchen informiert

Man verzeihe mir, wenn ich jetzt mal provokativ weiterfrage: Wenn jemand von einer Sache, die ich beurteilen kann, so wenig Ahnung hat wie Nick Reimer, aber mit so viel Selbstbewußtsein so viel tief überzeugte Meinung zu Papier bringt: Warum sollte ich ihm denn in einer Frage, die ich selbst nicht beurteilen kann, mehr Sachverstand zutrauen, als er hier bewiesen hat? Beispielsweise in der Frage, ob es den Klimawandel wirklich gibt und welche Maßnahmen dazu führen würden, ihn zu verhindern oder wenigstens zu dämpfen?

Ich sehe keinen Grund, warum ich Klimawissenschaftlern mehr vertrauen sollte als Ernährungswissenschaftlern, und letzteren zu trauen fehlt mir jeder Grund - mein kompletter Blog legt für die Gründe Zeugnis ab. Kein Grund aber, nun in Schnappatmung zu verfallen. Darauf, wie vertrauenswürdig Klimaprognosen sind, kommt es glücklicherweise nämlich sowieso nicht an. Nichts ist daran falsch, die bloße Möglichkeit, das sie stimmen könnten, zur Grundlage von Anpassungsstrategien zu machen, wenn sie sich nebenbei noch als ein so vorteilhaftes Geschäft wie die Anschaffung einer Split-Klimaanlage herausstellen. Daß fossile Energieträger eine endliche Ressource sind, kommt ja noch hinzu, eine Sache, über die merkwürdigerweise kein Mensch mehr spricht und die auch dann für erneuerbare Energien spräche, falls der Klimawandel von A bis Z erfunden wäre. Die Überschneidung zwischen den Zielen der Klimabewegten und dem, was ich rein aus schnödem Eigennutz tun werde, damit wird man sich in meinem Fall zufriedengeben müssen. Die Wirkung entsteht nämlich auch ganz ohne Glaubensbekenntnisse. Und von mir wird sowieso niemand ein Glaubensbekenntnis zum Klimawandel bekommen. 

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Daß der vermaledeite Paragraph 71n seit Freitag Geschichte ist, weil in einem Überraschungsangriff die geänderte Fassung des Gebäudemodernisierungsgesetzes doch noch vor der Sommerpause auf die Tagesordnung kam (wo diese Abstimmung bis zum Donnerstag noch nicht mit angegeben war) und am Freitag durch den Bundestag und den Bundesrat gepeitscht wurde, war am Freitag für mich die überraschende gute Nachricht des Tages. Das Damoklesschwert ist weg, ich kann also in die Heizung meiner Eigentumswohnungen investieren und dort, sofern die Performance unserer Split-Anlage mich überzeugt, nächstes Jahr ebenfalls welche einbauen lassen. Auf Basis des Angebots, das wir für die Anlage für unser Haus bekommen haben, schätze ich, die Kosten werden etwas weniger als das Doppelte dieser Kosten ausmachen, wenn ich als Grobeinschätzung mit zwei Single- und einer Multisplit mit drei angeschlossenen Geräten kalkuliere. Förderung spielt in diesem Fall noch weniger als im eigenen Haus eine Rolle, da diese Kosten ja komplett als Sanierungskosten absetzbar sind. Wahrscheinlich verzichte ich ganz darauf, dafür Förderung zu beantragen, damit die Sache nicht unnötig kompliziert wird. Von unseren beiden Anlagen bei uns im Haus wird übrigens eine förderfähig sein und die andere nicht. Die Förderregeln sind nämlich nicht in jeder Hinsicht so richtig logisch. Eine der beiden Single-Split-Anlagen hätte mit einem förderfähigen Modell längst nicht so gut funktioniert wie mit dem nicht förderfähigen, und so ist es ein Glück, daß die Kosten eine Förderung nicht zu zwingenden Voraussetzung machen, damit man nicht an den Bettelstab kommt. 

Meine Mieter werden sich bestimmt freuen, vor allem die im Dachgeschoß, die von der Kühlfunktion im Sommer besonders profitieren werden. 

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Mein Mann hat für die Terrasse aus einer alten Pflanzschale, diversen Steinen aus unserem "steinigen Äckerle" und einer kleinen Pumpe (Kaufpreis acht Euro) einen kleinen Springbrunnen gebastelt. Eigentlich war ich ja nie ein Freund solches Dekorations-Chichis im Garten. Womöglich ändert sich das ja gerade, siehe den "Gänseberg" im Bildhintergrund. Ich muß außerdem zugeben, ich mag das Geplätscher sehr und finde den Brunnen auch dekorativ. Und mir gefällt daran, daß fast alles, was dafür gebraucht wurde, sowieso vorhanden gewesen war und bislang nur sinnlos herumlag. 

 


Die Vögel trauen sich da natürlich nicht ran, jedenfalls nicht, wenn wir uns auf der Terrasse aufhalten, aber die Wespen haben ihn sofort genutzt, um sich mit Wasser für die Kühlung ihrer Nester bei der Hitze zu versehen. Ich fand es ganz interessant, wie unterschiedlich sie mit den Gegebenheiten umgehen. Die Feldwespen holen sich das Wasser kopfunter vom Rand der Pflanzschale, sie vermeiden die Steine und finden sie ja vielleicht zu glitschig. Dann haben wir noch schwarze Grabwespen, die haben eine besonders ausgeprägte Untergliederung. Sie finden die Steine bequemer, fremdeln aber trotzdem noch ein bißchen mit dem Konzept und holen sich lieber feuchte Erde, wenn sie vorhanden ist. Und dann gibt es noch die normalen Wespen, die viel weniger wasserscheu sind, was auch einleuchtet, da sie sich ja auch unter Lebensgefahr in Bier- und Limogläser stürzen. Eine einzelne Wespe tauften wir "Grautvornix", denn die stürzt sich immer auf einen besonders glitschigen, weil ständig von Wasser überspülten Stein, um sich dort zu versorgen. Ich bin mir ziemlich sicher, daß das immer dieselbe war. Alle Wespen haben ja ihre bevorzugte Wasserstelle in ihrem Navi gespeichert und fliegen immer die gleiche Stelle an. 

Unsere Vogeltränken werden vor allem, wenn es auf den Abend zugeht, rege genutzt. Gestern sah ich drei von den Jungamseln auf einmal an der Tränke. Unser Amselpärchen hat offenbar sehr erfolgreich gebrütet, mein Mann behauptet sogar, das wären mindestens vier oder fünf Jungtiere. Seit er beobachtet hat, daß die Amseln so scharf auf Rosinen sind, daß sie sie aus einer ziemlich kippeligen Futterstation holen, streue ich abends immer ein paar in der Nähe der Terrasse aus. Frau Amsel kommt dann immer ziemlich schnell (und verblüffend lautlos), um sie zu holen. Manchmal ist freilich eines von ihren halbstarken Kindern schneller. 

Nachdem wir geraume Zeit um unsere Zucchinipflanzen zittern mußten, haben sie mittlerweile eine eindrucksvolle Größe erreicht und eine davon entwickelt gerade die ersten Früchte. Wenn ich am Freitag zu meiner Mutter fahre, werde ich wohl die erste mitnehmen können. Gurken haben wir schon mehrere geerntet, und auch davon bringe ich ihr eine mit, und wahrscheinlich auch unsere erste Kohlrabi. Die Nachbars-Mirabellen sollten dann auch soweit sein, daß ich ein paar als Kostprobe mitnehmen kann. Eigentlich könnte man jetzt auch die ersten Mangoldblätter ernten, aber ob ich auch davon welche mitnehme, entscheide ich am Freitag ad hoc. Das kommt darauf an, wie stark sie bis dahin wachsen und ob ich das Gefühl habe, man täte ihnen keinen Gefallen, sie zehn weitere Tage lang weiterwachsen zu lassen. Daß mein Mann sie in meiner Abwesenheit nicht ernten und verspeisen wird, bin ich mir nämlich ziemlich sicher. 

Aber auch alles andere, bei dem die Erntezeit noch länger hin ist, wächst gerade gewaltig, Tomaten, Bohnen, Paprika und Spitzkraut, die Feigen natürlich, die Äpfel, und ein paar Quitten werden wir auch dieses Jahr ernten können, freilich sehr viel weniger als im letzten. Aber immerhin, der umgestürzte Baum lebt nicht nur, der hat auch ein paar Früchte produziert, darüber freue ich mich sehr. 

 


 

 

Freitag, 3. Juli 2026

Das elfte Gebot: "Du sollst so lange wie möglich leben wollen" vs. das "Schicksal, schlimmer als der Tod"

Mein Gewicht heute früh nach dem vierten von vier aufeinanderfolgenden Fastentagen: 75,3 Kilogramm. Das macht schon ein bißchen autsch, in vier Tagen habe ich damit nur 4,6 Kilogramm verloren, das ist weit unter Durchschnitt. Aber das werde ich wohl sportlich nehmen müssen, denn wenn es mal über 6 Kilo sind, was auch weit vom Durchschnitt abweicht, nehme ich das ja auch gerne mit. Über die Gründe von Ausreißern sowohl nach oben wie auch nach unten kann man ja immer nur spekulieren. Vielleicht liegt's ja daran, daß die Temperaturen zwar im Vergleich zur letzten Woche runtergegangen, aber immer noch ziemlich hoch sind. Die Wasserspeicher in mir sind wohl nicht so richtig geleert worden. 

Mein Mann macht mir aber gerade ein bißchen mehr Sorgen. Er müßte zum Arzt, sich ein neues Rezept für seine Medikamente holen, will das aber nicht machen. Sie sind ihm schon vor über einer Woche ausgegangen, und er behauptet, so gut habe er sich schon lange nicht mehr gefühlt wie jetzt. Er sei trotz der Hitzewelle viel weniger schlapp gewesen und das Nasenbluten sei fast ganz verschwunden. Das Nasenbluten war im Prinzip schon vorher gelegentlich aufgetaucht, aber seit er das halbe Dutzend Medikamente nehmen mußte, hatte er es nahezu täglich, manchmal auch mehrere Male an einem Tag. Der Arzt sagte, das käme davon, daß eines der Medikamente die Gefäße brüchig mache. Da kann man sich natürlich schon ein paar Gedanken machen, ob das nicht im Widerspruch zu dem steht, was mit der Behandlung erreicht werden soll.

Mein Mann sagt jedenfalls, wenn er sein Befinden seit Beginn der Einnahme mit seinem jetzigen vergleicht, dann stellt sich ihm schon die Frage, ob er ungeachtet solcher Fragen und auch dann, wenn er ohne Medikamente riskanter lebt als mit ihnen, nicht doch lieber das Risiko der Nichteinnahme eingehen sollte, anstatt sich für denRest seiner Tage mit diesem ständigen Unwohlsein abzufinden. Das finde ich im Prinzip zwar auch einleuchtend, aber mir gefällt daran nicht, daß er sich darüber nicht mit einem Arzt auseinandersetzen will, denn ich an seiner Stelle würde das wollen. Ich kann verstehen, daß ihm der Gang zu seinem (und meinem früheren eigenen) Hausarzt ziemlich verleidet ist, aber er sollte dann halt zu einem anderen Arzt gehen und sich beraten lassen. Niemand kann ihn ja zwingen, diese Medikamente einzunehmen, wenn er die Vorteile der Einnahme für geringer als die Nachteile hält und sie deshalb nicht haben will. Aber vielleicht gibt es ja dazwischen einen Mittelweg. Mindestens fände ich es gut, wenn ein Arzt da wäre, der weiß, daß er eigentlich Medikamente nehmen müßte und es nicht tut und wenigstens ein Auge darauf hat und es merken würde, wenn sich bei ihm irgendwelche Alarmzeichen auftun würden. 

Aber zwingen kann ich ihn natürlich zu nichts, und ich würde das auch nicht wollen, wenn ich es könnte. Mein Mann ist erwachsen und es ist sein eigenes Leben, über das nur er entscheidungsbefugt ist. Ich sag ihm, was ich an seiner Stelle täte, und das nur, wenn er mich fragt oder es im Kontext naheliegt, daß ich meine Meinung äußere. Es ist nicht meine Art, zu drängeln, auch in so einem Fall nicht. Deswegen halte ich mich auch bezüglich Krebs mit Ernährungsempfehlungen stärker zurück, als es der Sache nach eigentlich naheliegen würde. Will heißen, wer mich fragt, was ich von dieser oder jener Meinung halte, dem sage ich es und wenn es im Kontext naheliegt, erkläre ich auch, was ich gemacht habe, warum ich es gemacht habe und was die wissenschaftlichen Grundlagen dafür sind. Mehr kann ich meinem Empfinden nach nicht tun, und alles, was zuviel ist, bleibt im besten Fall wirkungslos und wirkt im ungünstigeren Fall sogar kontraproduktiv. 

Immer noch bin ich mir außerdem nicht sicher, ob die Behandlung meines Mannes, die ja der eines Herzinfarktpatienten entspricht, nicht vielleicht von Anfang an falsch gewesen ist, unabhängig von der Frage, ob auch eine richtige Behandlung einem den Rest des Lebens spürbar beeinträchtigen kann. Denn der Herzinfarkt war ja immer eher eine Art Verdachtsdiagnose, das ergab sich aus den Arztbriefen der Klinik, auch wenn der Hausarzt so tut, als stünde die Sache völlig fest. Ich bin mir nicht sicher, ob die Sache richtig interpretiert ist, wenn dieser Verdacht als Tatsache gewertet wird, weil mein Mann ja unter sich verschlimmernden Erkältungssymptomen, darunter begleitend zu einem heftigen Husten auch zunehmende Atemnot, gelitten hatte. Ich fand es von Anfang an irritierend, daß man das den Ärzten so oft erklären konnte, wie man wollte, ohne daß es jemals auch nur ansatzweise in die Beurteilung mit eingeflossen ist. Aber die Infektionserkrankung war genauso real wie die Atemnot, die ohne dies sicherlich ein Symptom für einen möglichen Pumpenschaden ist und dies vielleicht auch mit Erkältungssymptomen sein kann. Mir fehlte aber von Anfang an eine Begründung dafür, warum die Atemnot nicht auch darauf zurückzuführen sein könne, denn mir leuchtet das nicht ein. Solange ich diese Begründung nicht habe, kann ich aber auch nicht sicher sein, daß die Symptome nicht doch auf die Infektionskrankheit zurückzuführen waren. 

Aber worauf muß ich mich jetzt eigentlich bei meinem Mann gefaßt machen?  

Es gibt eine Studie, die zeigte, daß Patienten, die sechs Monate nach einem Herzinfarkt mindestens ein Medikament abgesetzt hatten, im Lauf der nächsten zwölf Monate kein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko aufwiesen. Setzten sie aber alle Medikamente ab, dann stieg es eindeutig an. In Zahlen: Von 1000 Patienten, die alle Medikamente nahmen, ebenso wie von 1000, die nur ein Medikament absetzten, starben innerhalb von 18 Monaten 93 Patienten - und von denen, die nur die Betablocker abgesetzt hatten, lag sie sogar mit 91 um zwei Zehntelprozentpunkte niedriger. Unter denen, die alle Medikamente abgesetzt hatten, waren es aber 143 Todesfälle. Das ist prozentual betrachtet ein Anstieg um 50 %. 

Es klingt aber nach mehr, als es in Wirklichkeit ist. Denn von 1000 Patienten überlebten in den ersten beiden Fällen 907 bzw. 909, aber im dritten immer noch 857, für die sich das Risiko, die Medikamente abzusetzen, doch gelohnt hatte. Und es gab immerhin 93 auch unter den vorbildlich complianten Patienten, für die sich auch die Vorsicht gar nicht gelohnt hatte, denn sie starben trotzdem. Das legt nahe, daß auch von den 143 risikobereiten nicht mehr als 50 zum Opfer ihrer Entscheidung geworden sind, während weitere 93 auch dann gestorben wären, wenn sie die ärztliche Anweisung vorbildlich befolgt hätten. 

Das ist also die Risikogröße, mit der es auch mein Mann zu tun hat. Fünf Prozentpunkte rechnerisches Todesfallrisiko hin oder her. Und klar, es macht einen Unterschied, ob sich dann herausstellt, daß man zu den 95 oder zu den 5 Prozent gehört. 

Die OP meines Mannes ist allerdings schon fast zwei Jahre her. Ob die Risiken eines Absetzens zu diesem Zeitpunkt vergleichbar oder höher oder niedriger sind, weiß offenbar niemand, jedenfalls fand ich dazu nichts. Angenommen aber, es war überhaupt kein Herzinfarkt, und die Medikamente laufen damit ins Leere und erst sie machen meinen Mann wegen der Nebenwirkungen unnötigerweise krank, dann wäre sein Risiko gerade durch die Einnahme letztlich höher, als wenn er die Medikamente absetzen würde. Diese Möglichkeit macht mir auch schon seit einer Weile zu schaffen. Wären die Nebenwirkungen nicht, spräche nichts dagegen, vorsichtshalber die Medikamente halt weiterzunehmen. Aber diese Nebenwirkungen haben sie. Sie stehen der Schutzwirkung auch dann gegenüber, wenn ihre Einnahme eindeutig sinnvoll ist. Aber wir können uns nicht einmal sicher sein, ob sie sinnvoll ist. 

Ein Kompromiß wäre es vielleicht, die Medikation zu verändern, um die Nebenwirkungen zu verringern. Aber der Hausarzt hat sich auf dem Ohr als taub erwiesen, und so würde ich meinen Atem ebenfalls nicht darauf verschwenden, mit ihm weiter herumzudiskutieren. Aber einen anderen Arzt, vielleicht auch zwei, würde ich in dieser Frage jedenfalls noch zu Rate ziehen, wäre ich an meines Mannes Stelle. Dabei ist mir freilich klar, daß das Risiko enorm ist, bei beiden Zweitmeinungen dieselbe Art von Niete zu ziehen. Ich täte es trotzdem, nur um mir selbst sagen zu können, daß ich es immerhin versucht habe, die Nadel im Heuhaufen der Ärzte doch zu finden. 

Vielleicht überlegt mein Mann es sich ja doch noch anders. Aber wenn nicht, unterstütze ich ihn bei seiner Entscheidung, mag sie sich nun als falsch oder als richtig erweisen. Es bleibt mir sowieso kaum etwas anderes übrig. 

***

Im Moment wird ja ein weiteres Mal über die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende im Bundestag debattiert. Daß und warum ich dagegen bin, habe ich schon wiederholt erwähnt und auch begründet. Eine Bestätigung meiner Annahme, daß bei einer Widerspruchslösung Organe von Menschen, die niemals aktiv zugestimmt hätten, sich aber aus psychischer Unfähigkeit, über diesen Schatten zu springen, davor drücken, ausdrücklich "Nein" zu sagen, durch eine bloße Zustimmungsfiktion abgegriffen werden sollen, erhielt auf unerwartete Weise eine Bestätigung.

Nämlich im Podcast "Machtwechsel" von Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander. Die brachten nämlich eine komplette Podcastfolge zum Thema Organspende. In einer späteren Folge erwähnten sie dann ganz en passant, daß es regelmäßige Podcast-Hörer gegeben habe, die ausdrücklich kundgetan hatten, diese spezielle Folge ausgelassen zu haben, weil dies ein Thema sei, mit dem sie sich nicht befassen wollten. Das erstaunt dann im ersten Moment doch ein wenig, denn als politisches Thema wurde es ja von den Podcastern genauso behandelt wie andere Themen auch, und der Blick hinter die Kulissen des Politikbetriebs hatte in dieser  Podcastfolge auch genauso viel Erkenntnis- und Unterhaltungswert. Hinter diesem spontanen Nichtanhörenwollen steckt also genau derselbe spontane Reflex, der auch dafür verantwortlich ist, daß jemand einer Entscheidung über Organspende ausweicht. 

Das sind meiner Meinung nach alles Leute, die die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sterblichkeit nicht ertragen. Genau diesen Leuten will man nun aber mit Hilfe der Widerspruchsregelung Organe entnehmen können, und zwar nicht deshalb, weil irgendwer im Ernst annehmen würde, sie hätten dem implizit ja durch das Fehlen eines ausdrücklichen Widerspruchs wirklich zugestimmt. Sie wollen über sie verfügen, weil das Potemkinsche Dorf der Zustimmungsfiktion dazu führt, daß niemand sie daran hindern wird.

Niemand interessiert sich in Wirklichkeit dafür, ob ein Organspender zugestimmt hätte oder nicht, es reicht völlig, diesen Anschein erwecken zu können. Es ist klassisches "So tun, als ob". In einer Frage, in der es um das Verfügungsrecht über den eigenen Körper geht, ist diese scham- und hemmungslose Trickbetrügerei auf eine so grundlegende Weise falsch, daß auch gerettete Menschenleben den damit angerichteten Schaden an der Würde der "Spender" (die in Wirklichkeit nicht gespendet haben, sondern ausgeplündert wurden) nicht aufwiegen. Damit setzt man nämlich - quasi als Strafe für eine Unterlassung, die mit einer Zustimmung zur Organentnahme eigentlich nicht verwechselt werden kann - fest, daß ein Mensch, der den Gedanken an seinen eigenen Tod nicht ertragen kann und ihn so weit wie möglich von sich selbst wegschiebt, das Recht auf Selbstbestimmung über seinen Körper verliert, sofern er im Fall des Hirntods noch als Ersatzteillager verwertet werden kann. Es geht hier nicht um eine Zustimmung im aktuell gemeinten Sinne des Wort, sondern um eine Orwellsche Verdrehung der Bedeutung von "Zustimmung" rein aus Nützlichkeitserwägungen heraus. Und: es geht ums Ausnutzen einer subjektiven psychischen Zwangslage. Das ist, als würde man die Vergewaltigung einer Person, die vor Angst erstarrt und subjektiv bewegungsunfähig ist, für akzeptabel halten, weil sie sich ja hätte wehren können und müssen. 

Das ist ein sehr grundsätzlicher Einwand, und ich finde es immer wieder erstaunlich, daß außer mir auch unter Gegnern der Widerspruchslösung niemand diesen Punkt wichtig zu finden scheint. Tatsächlich käme ich mit einer allgemeinen Organspendepflicht sogar noch eher klar als mit diesem scheinheiligen Konstrukt. Wenn halb Europa das scheinheilige Konstrukt bereits anwendet, zeigt das nur, wie leicht es ist, solche Verkorkstheiten durchzusetzen, weil das Denken in Machbarkeits- und Optimierungskriterien uns alle mehr oder weniger stark verkorkst hat. Sogar ich habe oft Schwierigkeiten, mich aus diesem Denkschema zu lösen, und muß mir das aktiv erarbeiten. Wenn mir eine Sache wichtig genug ist, mache ich aber so lange daran herum, bis ich den Knoten aufgedröselt habe und klar benennen kann, warum ich die Sache so und nicht anders sehe. 

Vor längerer Zeit unterhielt ich mich mal mit meinem Bruder über das Thema Organspende, und da stellte er mir eine Frage, die bei dieser Thematik gerne dann gestellt wird, wenn man den Gefragten als Heuchler entlarven möchte: Und was, wenn du selbst ein Spenderorgan brauchen würdest? Damit kann man nämlich eine Menge Leute gedanklich ins Schleudern bringen. Fast jeder setzt ja unausgesprochen voraus, daß der Tod das Allerschlimmste ist, was einem passieren kann, und daß man alles tun würde, um dies zu verhindern. Bloß, ich sehe das anders. Das, was ich tun würde, um meinen Tod zu verhindern, hat gewisse Grenzen und ein Spenderorgan liegt jenseits dieser Grenze. Mit einer Widerspruchslösung sogar noch mehr, denn ich fände den Gedanken unerträglich, Profiteur einer Regelung zu sein, die die Menschenwürde des Organ-"Spenders" mit Füßen tritt. Ich kannte aber auch mal einen Mann, der sein Leben durch ein Spenderherz verlängern konnte. Immerhin um ca. 15 Jahre. Die persönlichkeitsverändernde Wirkung der Medikamente, die er diese 15 Jahre lang nehmen mußte, hatte allerdings ein paar Auswirkungen, die ein Preis wären, den ich selbst niemals fürs Weiterleben bezahlen wollen würde. 

Mir wäre es aber auch alleine schon unerträglich, für den Rest meines Lebens in der medizinischen Maschinerie festzustecken, die die transplantierten Organe weiter am Laufen hält. Denn von alleine tun sie das ja nicht. Der Körper erkennt sie ja weiter als fremd und möchte sie am liebsten abstoßen. Ich müßte also für den Rest meines Lebens ständig gegen den eigenen Körper kämpfen. Daß ich diesen Preis bezahle, dafür müßte ich schon Grund haben, mich zum Weiterleben verpflichtet zu fühlen, etwa, weil ich Angehörige habe, die auf mein Weiterleben existentiell angewiesen sind. 

Wir leben ein Leben, in dem man sich ständig das Schienbein blauschlagen kann, weil man dauernd über irgendwelche Widersprüchlichkeiten stolpert. Einerseits sollen wir in einer Art biographischem Langstreckenlauf so lange wie möglich durchhalten können, bevor wir schließlich doch am Streckenrand in die Knie gehen (und das passiert ja unweigerlich jedem von uns), und es wird uns zu einer Art Pflicht gemacht, alles uns Menschenmögliche dafür zu tun, daß wir nicht früher als gerade noch möglich aus diesem Rennen auscheiden. Andererseits bringt die aktuelle Lebenserwartung die Rentenkasse ja schon jetzt ins Schleudern (sollen wir also möglichst viele Lebensjahre in Armut und Dürftigkeit verbringen wollen?) und wenn wir einmal Pflege benötigen, dann wird uns die Pflegeversicherung dafür garantiert keinen Dank wissen (und die Qualität der Pflege ist ebenfalls schon jetzt durch dünne Personaldecken arg strapaziert). Wenn unsere Organe versagen, dann geht jeder davon aus, daß wir mit Selbstverständlichkeit ein Ersatzteil haben wollen, für das freilich erst einmal eine andere Person den Hirntod erleiden müßte und womöglich zu dem Personenkreis derjenigen gehörte, die es vor ihrem Lebensende so gegruselt hat, daß sie den Gedanken an diese Situation immer aus Leibeskräften von ihrem Bewußtsein fernzuhalten versucht hat. Das wiederum wird geradezu ohrenbetäubend laut beschwiegen. Trotz dieses unausgesprochenen elften Gebots "Du sollst so lange wie möglich leben wollen" wissen aber immer mehr Menschen gar nicht mehr so recht, warum und wofür sie eigentlich weiterleben sollten. Das legt der Anstieg der Zahl diagnostizierter Depressionen nahe. Die Suizidraten zeigen einen umso dramatischeren Anstieg, je höher das Lebensalter ist. Die Zahl der Suizidversuche ist schwieriger zu ermitteln, liegt aber noch einmal ungefähr zehnmal so hoch. 

 

Was ich nicht herausbekommen konnte, ist, ob das alles "wilde" Suizide waren oder auch assistierte Suizide in den Zahlen mit enthalten sind. Die Zahlen der assistierten Suizide sind aber sehr niedrig im kleinen dreistelligen Bereich. Das kann sich freilich noch ändern, da die Zahl der Mitglieder einschlägiger Vereine in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Es ist gut möglich, daß die Zahl der assistierten Suizide in einigen Jahren ungefähr genauso hoch liegen wird wie die der Empfänger von Spenderorganen. In der Schweiz, wo die Sterbehilfe schon länger als bei uns möglich ist, ist das jedenfalls der Fall: Link 1, Link 2.   

Der assistierte Suizid für Menschen, die glaubhaft darlegen können, daß und warum das Weiterleben ihnen nicht mehr lebenswert erscheint, ist meiner Meinung nach das Gegenmodell zur Organspende als ein Mittel, um jeden Preis weiterleben zu wollen. Solange in beidem der freie Wille entscheidet, ist das eine Widersprüchlichkeit in unserer Gesellschaft, die man aushalten können sollte. Genau wie die Organspende hat es aber eine dunkle Seite, denn es gibt genügend Hinweise darauf, daß der Grund für den Todeswunsch derjenigen, die assistiert aus dem Leben scheiden wollen, gar nicht so selten die Angst davor ist, von anderen Menschen in allen Alltagsverrichtungen abhängig zu werden und "ihnen nur zur Last zu fallen". Ist man einmal nicht mehr imstande sich selbst zu helfen, ist man den damit verbundenen Risiken für das eigene Wohlergehen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wer präventiv aus dem Leben scheiden will, um keinesfalls in diese Lage zu kommen (und das ist sicherlich bei Älteren häufig der Fall), hat wahrscheinlich vorher immer kontrollieren können, wie sein Leben verläuft und war dabei risikoavers. Garantiert sind manche hinfälligen älteren Menschen bereits jetzt damit konfrontiert, daß ihre Angehörigen offen oder subtil sie zu einem assistierten Suizid bewegen wollen. Das ist eine kaum vermeidbare Nebenwirkung der Legalisierung dieses Modells. 

Assistierter Suizid ist nicht in jedem Fall das selbstbestimmte Sterben als Akt der eigenen Würde, womit die Legalisierung ja immer begründet wurde. Auch hier fehlt mir eine Debatte darüber, wie man damit umgeht. Mit etwas Glück käme dann auch der unausgesprochene gesellschaftliche Faktor zu Sprache, daß an sich jeder Bürger dieser Gesellschaft in einem Sinne der optimalen wirtschaftlichen Verwertbarkeit so nützlich wie möglich sein soll. In hohem Alter und bei schlechter Gesundheit ist das nicht mehr der Fall. Das macht etwas mit dem davon Betroffenen, und es macht etwas mit den Menschen, die sich um ihn kümmern, jedenfalls dann, wenn sie diesem Primat der Wirtschaftsinteressen grundsätzlich zustimmen, wie das im Moment ja die Grundlage des Verständnisses einer funktionierenden Gesellschaft zu sein scheint. 

Eine bessere wirtschaftliche Verwertbarkeit der Bürger bei möglichst kostengünstiger Aufrechterhaltung der Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse, soweit sie sich sie nicht selbst verschaffen können, ist aus Perspektive der Bürger der einzige rote Faden, der in den Reformbemühungen unserer Bundesregierung erkennbar ist. Der Blickwinkel von Unternehmen mag wohlgefälliger sein, denn ihre Interessen scheinen als denen von Menschen übergeordnet zu gelten. Ob und wie weit es in Regierungkreise allmählich durchdringt, daß es dies ist, was von den Bürgern negativ aufgenommen wird, weiß ich nicht. Dem jüngsten Ergebnis der Koalitionspartner kann man aber in jedem Fall ansehen, daß es ein Kompromiß ist, um den hart gerungen wurde und bei dem alle Beteiligten ein paar Federn gelassen haben. Und vielleicht ist es ja schon an sich positiv, daß es trotzdem am Ende ein Ergebnis gab und sich die Herrschaften im Kampf um die Partikularinteressen ihrer jeweiligen Fraktion nicht heillos zerstritten haben. Heutzutage muß man ja schon für so etwas dankbar sein. Freilich, einen roten Faden erzeugt man auf diese Weise nicht, und nichts, worin unsereins das wiederfinden könnte, was ihm selbst am Leben wichtig ist. 

Hinter den Kulissen scheint es nicht harmonisch zugegangen zu sein, und das letzte Wort ist in manchen Bereichen außerdem wohl noch nicht gesprochen. Ich habe mir die Pressekonferenz komplett angesehen und fiel fast vom Stuhl, als Markus Söder ganz nebenbei, als wäre das selbstverständlich, die Minijobs so erwähnte, als würden sie doch aus dem Rentenpaket rausgenommen und fortbestehen. Würde das geschehen, könnte man sich die Arbeit mit der Rentenreform meiner Meinung nach einfach sparen. Zum Glück - und auch das ist heute nicht mehr selbstverständlich - hakte in der Fragerunde eine Journalistin nach, der die Sache auch aufgefallen war, und zwar mit einer Frage an Friedrich Merz, der zu Beginn der PK ja noch davon gesprochen hatte, daß die Vorschläge der Rentenkommission vollständig umgesetzt werden sollten. Der Bundeskanzler wies in seiner Antwort darauf hin, daß über das Rentenpaket erst im September verhandelt würde und es hier lediglich um den Pauschalsteuersatz bei den Minijobs gegangen sei, der angehoben weden solle. 

Wenn es keine Minijobs mehr geben sollte, wird es diese Pauschalsteuer aber natürlich auch nicht geben. Daß diese Regelung überhaupt getroffen wurde, macht mich mißtrauisch. An eine Abschaffung der Minijobs glaube ich erst wieder, wenn sie wirklich beschlossen ist. Zumal es jetzt offenbar wirklich zu einer Verschiebung auch beim Gebäudemodernisierungsgesetz kommen wird. Die Sache soll jetzt im Herbst über die Bühne gehen. Falls dieses Gesetz nicht doch ganz gekippt wird, denn es wurden ja schon vor Monaten Zweifel an ihrer verfassungsrechtlichen Zulässigkeit artikuliert. Auf nichts kann man sich also bei dieser Regierung verlassen. Es kann also auch sein, daß das gesamte Rentenkonzept durch Nacharbeiten verdorben wird.

Sehr wahrscheinlich ist außerdem, daß im Fall der Minijobs eine Menge Leute erleichtert aufatmen, dazu stürmisch applaudieren und dann zur Tagesordnung übergehen werden. Der Preis dafür wäre das Fortbestehen von Fehlsteuerungen, die schon meine Generation teuer genug zu stehen gekommen ist und für die nächste auch nicht billiger wird, und wann sich wieder jemand traut, das in Angriff zu nehmen, steht in den Sternen. 

Was mir sonst noch erwähnenswert vorkam: Handwerkerleistungen können künftig nur noch zu 15 Prozent steuerlich geltend gemacht werden. Gut also, daß wir dieses Jahr noch unsere letzten großen Sachen erledigen lassen. Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft und - aber das war möglicherweise unklar formuliert, denn da scheinen Teile der Bundesregierung gerade wieder zurückzurudern - die ärztliche Krankschreibung soll schon am ersten Krankheitstag erfolgen.  Ach ja, und Özdemirs Ankündigung, wie er in BW den Bürokratieabbau angehen wird, hat die Bundesregierung anscheinend beim Ehrgeiz gepackt, denn sie will es jetzt auf dieselbe Weise angehen, also alle Berichtspflichten, die nicht auf EU-Recht beruhen, auslaufen lassen und nur verlängern, wenn die Notwendigkeit überzeugend begründet wird. Ansonsten war auch viel Pipifax dabei, etwa daß Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken sonntags länger öffnen dürfen, also Dinge, für die es sich meines Erachtens innerhalb einer Koalition nicht zu streiten gelohnt hätte, weil das Überleben der Wirtschaft daran garantiert nicht hängt. 

Offenbar hat die Union aber immerhin endlich eingesehen, daß es unmöglich ist, Besserverdiener nicht ebenfalls zu belasten, da ja außer den Reichen durch dieses wie auch alle vorherigen Pakete praktisch jeder belastet wird. Der bisherige Spitzensteuersatz soll deshalb künftig bei einem etwas niedrigeren Jahreseinkommen als bislang gelten, nämlich ab 250.000 Euro, und es gibt einen neuen, noch höheren Spitzensteuersatz, der bei Einkommen ab 280.000 Euro anfallen wird. Freilich, das ist nur eine einzelne Maßnahme, die sich speziell auf Besserverdiener auswirkt. Dem gegenüber steht eine große Zahl an Maßnahmen, die sich auf Normalverdiener und/oder Geringverdiener und/oder die Allerärmsten auswirken, plus solche, die alle gleich treffen, was bedeutet: Je niedriger das Einkommen, umso härter wird man davon getroffen. Ich würde deshalb sagen: Das ist ein Fall von "Zu wenig und zu spät". Falls damit die Umfragewerte ein Stückchen nach oben gepusht werden sollten, bin ich mir sicher, daß dieses Ziel nicht erreicht werden wird.  

Das Gesamtkonzept, aber das gilt für die meisten Kompromisse, ist eine Art Patchworkdecke, in die alles mögliche eingenäht wurde, das nichts miteinander zu tun hat und nicht miteinander harmoniert, sagen wir, um im Bild zu bleiben: vom Samtkleid über den Jeansstoff bis zum Mehlsack oder vielleicht sogar die eine oder andere Plastiktüte, durch die das Werk von vornherein zu einem baldigen Reißen verurteilt wäre.  

*** 

Die Erklärung für die Wirkung des kalten Duschens für einen guten Nachtschlaf bei Hitze fand ich jetzt selbst heraus. Der Schlafforscher Dr. Michael Feld erwähnte bei NTV, daß der Körper sich abends auf das Schlafen vorbereitet, indem er die Körpertemperatur etwas herunterkühlt. An sehr heißen Tagen funktioniert das aber nicht gut genug und man muß dem aktiv Vorschub leisten. Die Tipps von Dr. Feld, diese Abkühlung auf andere Weise selbst vorzunehmen, waren Lüften, Ventilatoren und feuchtkalte Wickel. Das sorgt dafür, daß die physischen Voraussetzungen fürs Einschlafenkönnen geschaffen werden, die sich bei weniger ungünstigen Wettervoraussetzungen der Körper von alleine schaffen würde. 

Die Sache mit dem kalten Duschen erwähnte Dr. Feld nicht (wieso eigentlich nicht?), aber es liegt nahe, daß die von mir und meinem Mann erlebte Wirkung des kalten Duschens vor dem Schlafengehen plus der Verzicht aufs anschließende Abtrocknen genau auf dem von ihm beschriebenen Mechanismus des Herunterkühlens als Schlafvorbereitung beruhen muß. Nachtragen kann ich dazu übrigens, daß mein Mann dafür plädiert, beim Duschen lauwarm zu beginnen und die Temperatur dann langsam zu senken. Und: mehrere Minuten duschen. Ich mach das freilich anders. Das allererste Wasser, das aus der Dusche kommt, ist an heißen Tagen sowieso nicht richtig kalt, weil es in den Leitungen stehend ja wärmer geworden ist. Die Abkühlung des Wassers erfolgt dann von ganz alleine und ist für mich nicht unangenehm und sogar kaum wahrnehmbar, wenn ich das Wasser erst anstelle, wenn ich schon unter der Dusche stehe. Meine Duschzeit ist auch kürzer, meistens so um eine Minute herum. Für die beschriebene Wirkung reicht das bei mir auch locker aus. Also, man kann das Konzept nach persönlichem Gusto und je nach erlebter Wirkung auch variieren. 

Im Moment machen wir das mit dem Duschen vor dem Einschlafen aber beide nicht. Ich habe meinen Mann nicht gefragt, aber ich mache das nur dann, wenn ich abends vor dem Zubettgehen schwitze. Bei den aktuellen Temperaturen passiert das nicht.

Montag, 29. Juni 2026

Selbstermächtigung zur Altersteilzeit oder Rente mit 65?

Mein Gewicht heute früh zum Beginn des viertägigen Fastenintervalls: 79,9 Kilogramm. Mehr, als ich gerne gehabt hätte, aber im Rahmen dessen, was ich erwarten mußte. Da die große Hitzewelle jetzt vorbei ist, nehme ich an, daß ich immerhin die paar hundert hitzebedingte Gramm zusätzlich verlieren werde. Und erstaunt stelle ich fest, daß es mit 3,5 Monaten gar nicht mehr so wahnsinnig lange bis zu meiner nächsten Low-Carb-Phase ist. Wollen wir hoffen, daß das dieses Jahr nicht wieder ein Fall von "Außer Spesen nichts gewesen" sein wird.  Immerhin, es hat den Anschein, als hätte sich seit meiner Dulcolax-Notbremse meine Verdauung von alleine halbwegs normalisiert. Deswegen habe ich einstweilen auch mit den Flohsamenschalen nicht weitergemacht, sondern beobachte und werde ggf. wieder damit anfangen, wenn die Sache erneut problematisch zu werden droht. Ob die normalisierte Verdauung aber auch einen Einfluß auf meine Körpergewichtsentwicklung hat und Low Carb wieder die gewohnte Wirkung haben wird, kann ich im Moment noch nicht einschätzen. 

Möglicherweise liegt es ja an unserem jetzigen Wohnort im Dorf statt in der Innenstadt, aber ich fand die aktuelle Hitzewelle eigentlich weniger schlimm, als es die Berichterstattung nahelegen würde. Für mich fühlte es sich nicht anders an als in früheren Hitzephasen auch, wenn ich zum Einkaufen oder aus sonstigen Gründen unterwegs war. Es war ja bis zum Samstag eine trockene Hitze, damit komme ich gut klar. Mein subjektiv empfunden heißester Sommer meines Lebens bleibt einstweilen der des Jahres 2003, aber da wog ich 25 Kilo mehr als heute, und das macht natürlich auch einen Unterschied. 

Die Vögel im Garten fanden das Wetter erheblich unangenehmer. Wir haben mehrere Vogeltränken an strategischen Plätzen aufgestellt, die lebhaft genutzt wurden. Mein Mann hat am Wochenende, als er mit dem Wasserschlauch im Garten war, um unsere Pflanzen zu wässern, von unserem Haus-und-Hof-Amselhahn eine Art Liebeserklärung bekommen. Herr Amsel war ihm nämlich durch den halben Garten gefolgt, und so hängte mein Mann zum Schluß den Schlauch über die Teppichstange und ließ das Wasser noch in einem dünnen Rinnsal weiterlaufen. Herr Amsel begab sich auf der Stelle unter das Rinnsal und nahm eine ausgiebige Dusche. Anschließend setzte er sich auf unsere Pflanzkästen mit den Radieschen direkt neben meinen Mann auf die Terrasse (keine zwanzig Zentimeter von ihm entfernt) und blieb dort ein Weilchen bei ihm sitzen. Mein Mann meint, er wollte damit seine Dankbarkeit zum Ausdruck bringen, und war sehr gerührt. Er sprach sogar davon, für seinen neuen allerbesten Freund einen solarbetriebenen Springbrunnen zu kaufen, aber davon ist er wieder abgekommen, weil sich das Wasser darin gerade an heißen Tagen wohl so sehr erwärmt, daß das für Vögel in Wirklichkeit gar nicht so toll ist. Bleiben wir also bei den Vogeltränken. 

Meine Geheimwaffe für einen erholsamen Nachtschlaf in sogenannten Tropennächten lautet: Alle Fenster und Zimmertüren aufreißen, denn schon der leiseste Durchzug hilft ein bißchen. Und vor dem Schlafengehen einmal kurz kalt abduschen und dann nicht abtrocknen, sondern im Bett am Körper trocknen lassen. Das hat mir über die gesamte Hitzewelle gut hinweggeholfen, nur gestern abend mußte ich es noch einmal wiederholen, weil ich zu früh geduscht und anschließend noch ein Stündchen gelesen hatte, und dann fing ich doch wieder an zu schwitzen. Eine zweite Dusche, nach der ich dann gleich schlafen gegangen bin, löste das Problem, obwohl die letzte Nacht noch ein paar Grad wärmer als die Nächte davor und die meiste Zeit komplett windstill war. Ich bin während der Hitzephase morgens nur ein einziges Mal verschwitzt aufgewacht, und das war, als ich am Sonntag zwei Stunden länger als gewohnt geschlafen hatte. Da waren die Raumtemperaturen bereits so angestiegen, daß es mich auch im Schlaf ins Schwitzen gebracht hat. 

Mein Mann dachte lange, bei ihm wirke meine Methode nicht, aber dann stellte sich heraus, daß er sich nach dem Duschen immer säuberlich abgetrocknet hatte. Als er das wegließ, klappte es bei ihm genauso. Bekanntlich glaube ich an Ursachen und Wirkungen. Wenn also diese Sache bei zwei Personen diese Wirkung hat, muß es dafür auch eine Ursache geben, auch wenn ich sie zugegebenermaßen nicht kenne. Überzeugende Erklärungen von Leuten, die zu wissen glauben, auf welchen Mechanismen das beruht, also gerne in den Kommentaren. :-)

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Bluesky spülte mir dieses Beispiel wissenschaftlicher Arroganz und Selbstüberschätzung in die Timeline:  

 

Ein Wissenschaftler, der eine solche Einlassung mit "Scientist here" einleitet, ist in meinen Augen ungefähr so vertrauenswürdig wie ein Schlangenölverkäufer. Als Erstes mußte ich mich deshalb vergewissern, daß Dr. Rasmussen hier wirklich richtig zitiert wurde. Dies ist der Fall. Nun sehe ich zwar ein, daß die Science-Community in den USA wenig Grund hat, ihren Gesundheitsminister zu mögen. Die an den Haaren herbeigezerrte Pointe mit den Masern finde ich aber schockierend armselig. Kennedys Meinung zur Masernschutzimpfung ist sowieso eher ambivalent als negativ, und wie auch immer man dazu stehen mag, sie hat überhaupt nichts mit dem zu tun, was Kennedy hier sagte. Wenn Rasmussen tatsächlich die amerikanische Wissenschaftselite repräsentieren sollte, dann braucht sich niemand darüber zu wundern, daß es so viele Leute gibt, die ihnen nicht vertrauen. 

Ist's außer mir jemandem aufgefallen? Frau Dr. Rasmussen hat in ihrer Antwort den entscheidenden Begriff kurzerhand unterschlagen, nämlich "inflammation". Mitochondrien sind gerade, zugegebenermaßen, so in Mode, das eine Menge seltsames Zeug über sie verbreitet wird. Trotzdem kann Frau Dr. Rasmussen ja weder abstreiten, daß Mitochondrien existieren, noch, daß sie geschädigt werden können und daß dies dann einen Einfluß auf die Gesundheit hat und daß es mit Entzündungsreaktionen in Verbindung gebracht wird. Einmal unabhängig von der Frage, ob man über RFKs Schlußfolgerungen aus seinen Beobachtungen vielleicht wirklich nur mitleidig den Kopf schütteln kann: Da Mitochondrien in jeder Körperzelle enthalten sind - sie dienen dazu, unter Zuhilfenahme von Sauerstoff aus Nährstoffen Energie zu erzeugen -, was genau ist dann daran lächerlich, anzunehmen, daß man es einem Menschen, auch einem Kind, ansehen kann, wenn ein nennenswert großer Teil seiner Körperzellen Schwierigkeiten hat, Energie zu erzeugen? 

Frau Dr. Rasmussen behauptet hier nicht lediglich, daß Kennedys Diagnosemethode fragwürdig ist - wogegen nichts einzuwenden wäre. Sie behauptet, daß es bei den von ihm erwähnten mutmaßlichen Symptomen auf Mitochondrien von vornherein nicht ankomme, daß es also ausgeschlossen ist, daß dieser Zusammenhang bestehen könne. Und was dazu die Wissenschaft in zwanzig oder fünfzig Jahren sagen wird ... ich wäre mir an ihrer Stelle nicht sicher, daß man dann vielleicht doch auch über sie mitleidig den Kopf schütteln wird. 

Rasmussen vermittelt hier außerdem implizit, daß aus ihrer Sicht - im Gegensatz zu Kennedys Meinung - alles im Grunde okay ist, wie es ist. Nur der Kinderschreck Kennedy müsse weg und eventuell ja zusätzlich noch eine Masernimpfpflicht her. Ansonsten ist offenbar aus ihrer Sicht alles in Ordnung. Nur, daß in den USA bezüglich der Gesundheit der Bevölkerung rein gar nichts in Ordnung ist und dies auch dann der Fall wäre, wenn restlos jeder US-Bürger gegen Masern, Covid und was auch immer alles an Schutzimpfungen angeboten wird, geimpft wäre. Die Lebenserwartung sinkt, Adipositas und Diabetes werden immer häufiger, immer mehr Amerikaner nehmen Psychopharmaka und gleichzeitig sind Krankheitskosten für einen beträchtlichen Teil der US-Bürger unbezahlbar, teils, weil sie nicht krankenversichert sind, teils, weil ihre Krankenversicherung erforderliche Behandlungen nicht übernimmt. Ist die Zahl der möglichen Todesfälle durch Masern - die kaum den zweistelligen Bereich übersteigen werden, solange Impfungen nicht gerade verboten werden und für jeden, der sie haben will, verfügbar sind - wirklich so viel vordringlicher als neue Lösungsansätze für das, was in den letzten Jahren zu einer sinkenden Lebenserwartung im reichsten Land der Welt geführt hat, da ja mit den alten Ansätzen das Problem ständig nur noch schlimmer geworden ist? Egal, was man von Kennedys Herangehensweise hält, das erklärte Ziel, das er dabei verfolgt, kann ich wirklich nicht falsch finden. Stattdessen finde ich es falsch, dieses Ziel ins Lächerliche zu ziehen, nur weil man eine Person, die es auf wie verdrehte Art auch immer verfolgen will, unbedingt ins Lächerliche ziehen möchte. 

Wäre ich ein Wissenschaftler, dann würde ich in jedem Satz des Gesundheitsministers, egal für wie blöd ich ihn halten mag, nach dem Punkt suchen, an dem ich andocken könnte, um die Schnittmenge zu finden, die wenigstens in Teilbereichen konstruktive Lösungen ermöglicht, durch die sich die Gesundheit der US-Bürger möglicherweise ja wirklich verbessern kann. Dafür muß man den Gesundheitsminister nicht mögen, es reicht völlig, sich seiner Verantwortung bewußt zu sein. Dr. Rasmussen findet es aber offenbar wichtiger, von ihrer Fanbase für Pointen bejubelt zu werden, die so dürftig ausfallen, daß man eine Fanbase, die darauf so ekstatisch reagiert, eigentlich eher ein bißchen peinlich finden sollte. 

Darmkrebs ist beispielsweise eine Sache, die auch Dr. Rasmussen Sorgen machen könnte und m. E. sollte. Es ist eine beunruhigende Entwicklung, daß er ausgerechnet bei jüngeren Leuten immer häufiger wird. Ob dabei nun geschädigte Mitochondrien mit im Spiel sind (was Prof. Seyfrieds Krebsentstehungstheorie entsprechen würde, die ich für richtig halte) oder vielleicht doch nicht, wie das vermutlich eher Dr. Rasmussens Annahmen entspricht, es ist eine neuere Entwicklung und deshalb wäre es angebracht, die Ursachen in Faktoren zu suchen, durch die sich das Leben jüngerer Leute von heute von dem meiner Generation unterscheidet. 

Die gute Nachricht für uns in Deutschland lautet: Darmkrebs bei unter 40jährigen nahm in den letzten zwanzig Jahren in Deutschland nicht so stark zu wie in den USA. Die schlechte Nachricht: Die Inzidenz nahm auch in Deutschland zu. Daß das etwas mit der geringeren Adipositasrate in Deutschland im Vergleich zu den USA zu tun hat, darüber wird spekuliert, aber mit gehöriger Vorsicht: Die Übergewichtsrate scheine als alleiniger Grund zu vereinfacht. Mir scheint es jedenfalls keine allzu verwegene Annahme, daß es irgendetwas mit der Art der Ernährung zu tun haben könnte, und zwar mit Ernährungsbestandteilen jüngerer Leute, die in den USA noch verbreiteter als bei uns, aber auch hier üblicher als zu meiner Zeit geworden sind. 

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Bislang hält sich meine Begeisterung über die Reformen der Regierung Merz ja ziemlich in Grenzen. Die einzige Ausnahme ist das Gebäudemodernisierungsgesetz, und das beruhte sicherlich nicht auf Vorsatz von Frau Reiche, speziell die Sache, die mir am bislang geltenden Gesetz so falsch vorkam, zu verbessern. Wir WEGs hatten einfach das Glück, daß der Paragraph 71 Buchstabe l sich zwischen den anderen Buchstaben mitverbarg und nach dem Prinzip "Mitgefangen, mitgehangen" nun mit abgeschafft werden soll. Ich hoffe inständig, das neue Gesetz wird wirklich noch vor der Sommerpause verabschiedet, denn im August werden wir unseren letzten Wohnungsverkauf nun endgültig in Angriff nehmen, und es wäre ärgerlich, wenn wir in dieser Sache dann immer noch in der Luft hängen würden. 

Eines der nicht ganz so schlechten Konzepte dieser Bundesregierung scheint mir aber die angekündigte Rentenreform zu sein, auch wenn ich ihretwegen meine Pläne, in vier Jahren abschlagsfrei mit 65 in Rente zu gehen, möglicherweise in den Kamin schreiben kann. Das hatte ich ja auch schon befürchtet, wenn ich auch angesichts der CDU-Wahlversprechen zu diesem Punkt doch gehofft hatte, daß die Regelung diese Legislaturperiode noch übersteht und ich es dadurch noch über die Ziellinie schaffe. Aber unter den unzähligen gebrochenen Wahlversprechen dieser Bundesregierung ist der hoch und heilig versprochene Beibehalt der Möglichkeit des zwei Jahre früheren Ruhestands für "besonders langjährig" Versicherte - gemeint: mindestens 45 Jahre rentenversichert, bei mir wären es mit 65 bereits 49 Jahre - bestimmt nicht das schwerwiegendste. Da im Gesamtpaket neben der sofortigen und perspektivisch geplanten Aufnahme weiterer Versichertengruppen - von Selbständigen über Abgeordnete bis mittelfristig vielleicht sogar Beamte - auch eine unverzügliche Abschaffung der Minijobregelung enthalten ist, werde ich, statt nun in das übliche Mimimi auszubrechen, die Sache diesmal sportlich nehmen. Die Minijobregelung ist für einen großen Teil der weiblichen Altersarmut mitverantwortlich. Wenn die wirklich entsorgt wird, verzeihe ich der Bundesregierung ihren Wortbruch in der Angelegenheit, die mich etwas persönlich angeht und mir eigentlich auch ziemlich wichtig gewesen wäre. Sollten außerdem noch Selbständige, und, finanziell zu vernachlässigen, aber symbolisch nicht ganz unwichtig, die Bundestagsabgeordneten selbst künftig in die Rentenversicherung einzahlen, ist vermutlich eine gute Basis für ein Rentensystem geschaffen, das die kritische Phase des Ruhestandseintritts meiner Generation überstehen kann. 

Das heißt aber natürlich nicht, daß ich nicht im Rahmen meiner Möglichkeiten reagieren werde. 

Wie, das hängt davon ab, was genau gemäß den Empfehlungen der Alterssicherungskommission beschlossen wird und ab wann es gilt. Ich las irgendwo, daß die Rentenkommission fünf Jahre Vorlauf als Vertrauensschutz für die Altersgruppen, die schon nahe an der Rente sind, für geboten hielte, konnte das aber nicht verifizieren. Falls ich auf diese Weise mit meinen zu Beginn des nächsten Jahres noch dreieinhalb Jahren doch noch durchrutschen sollte, bin ich mit 65 natürlich weg, aber das glaube ich erst, wenn es dafür eine amtliche Bestätigung gibt. Denkbar wäre es ansonsten, eine Rente mit Abschlägen in Anspruch zu nehmen. Dagegen spricht aber, daß genau darauf von den Autoren des Papiers in aller Selbstverständlichkeit spekuliert wird. Man möchte, daß wir das tun, weil auch die geringeren Auszahlungen die Rentenkasse entlasten. Die 400 Euro weniger im Monat kann ich mir im Grunde ja leisten, und alleine das ist ja schon ein Luxus und Privileg, mit dem ich etlichen Gleichaltigen einiges voraus habe. Aber eigentlich sehe ich es nicht ein und habe auch nicht die Absicht, bis an mein Lebensende pro Jahr auf fast 5000 Euro Rente zu verzichten. Eleganter scheint es mir, da ich als sv-pflichtige Selbständige diese Möglichkeit habe, einfach meine Arbeitsmenge zurückzufahren und auf diese Weise eine Art selbstgehäkelte Altersteilzeit zu nutzen und am Ende trotzdem höchstwahrscheinlich nahezu meine vollen Rentenansprüche einkassieren zu können. 

Die einfachste Methode dafür dürfte nämlich sein, meine Honorarsätze so lange regelmäßig zum Jahreswechsel - und sehr viel deutlicher als bislang - anzuheben, und zwar so lange, bis die Arbeitsmenge durch den verbleibenden Rest der mir nicht davongelaufenen Kunden in etwa meiner Vorstellung entspricht. Damit würde ich aber nicht erst in vier Jahren, sondern unmittelbar nach Verabschiedung der Reform beginnen. Falls sie also im Herbst beschlossen wird, drehe ich zum ersten Januar kräftiger als geplant an meiner Honorarschraube. Was mich betrifft, wird die Bundesregierung das Ziel nicht erreichen, aus mir irgendwelche Mehrarbeit herauszukitzeln. Im Gegenteil werde ich gerade wegen der Reform weniger als bislang geplant arbeiten. Ich peile gegebenenfalls 6 Jahre mal ca. 50 Prozent meiner aktuellen Arbeitszeit an, was unter dem Strich so viel weniger Arbeit bedeutet, als wenn ich von heute ab nicht in vier, sondern in drei Jahren in den Ruhestand gehen würde. 

Ach ja, selbstverständlich würde das ab kommendem Jahr nicht nur die Höhe meiner Rentenversicherungsbeiträge, sondern auch die meiner Krankenversicherungsbeiträge verringern. Sorry wegen des Kollateralschadens für die Krankenversicherungsfinanzierung, aber das ist dann halt so. 

Ich nutze mein persönliches Schlupfloch, falls ich es brauchen sollte, ohne deshalb ein schlechtes Gewissen zu haben, wie das andere Generationen ja wegen ihrer jeweiligen anderen Privilegien ebenfalls nicht haben. Von dreißigjährigen Work-Life-Balance-Enthusiasten, die sich nach dem Abi und vor dem Politikwissenschaften- oder "Irgendwas mit Medien"-Studium ein Sabbatjahr für eine Backpacker-Reise gegönnt haben und im Jahr zweieinhalb Fernreisen für ihr gottgegebenes Menschenrecht halten, laß ich mich doch nicht zum Wohle der Wirtschaft™ so lange nutzbringend verwerten, bis ich von selbiger als nicht mehr weiter ausquetschbarer menschlicher Ausschuß betrachtet werde. Ich bin immerhin im Berufsleben, seit ich 16 Jahre alt war, und das ist mittlerweile 45 Jahre her. Irgendwann möchte ich gerne auch einmal genügend Zeit in Dinge stecken können, für die mich niemand bezahlt und die ich mache, weil ich sie einfach tun will. Falls ich mich selbst aktiv dazu zu ermächtigen muß, mache ich das auch. 

Insgesamt kann ich also - auch dank meiner persönlichen Reaktionsmöglichkeiten - mit dieser Rentenreform leben. Nicht gefallen hat mir allerdings diese verpflichtende Kapitalmarktrente, die ebenfalls Bestandteil werden soll. Ich bin nicht davon überzeugt, daß das ein sinnvoller Weg zur Alterssicherung ist. Als Kleinaktionärin mit einigen handverlesenen Aktien kenne ich die irrationalen Bestandteile des Aktienmarkts zu gut, um ihn mit dem tatsächlichen Wert des zugehörigen Unternehmens zu verwechseln. Der Kapitalmarkt ist zu undurchsichtig in den konkreten Werten, die dahinterstehen, und ich bin mir auch nicht sicher genug, daß es diesen Kapitalmarkt in der aktuellen Form in fünfzig Jahren überhaupt noch geben wird. Er wird so lange funktionieren, wie eine kritische Masse an Investoren jedenfalls daran glaubt, daß die in den Charts angegebenen Werte reale Werte repräsentieren. Hören zu viele auf, daran zu glauben - egal, ob zu Recht oder als sich selbsterfüllende Prophezeiung -, wird er vermutlich in der heutigen Form schneller Geschichte sein, als man ETF sagen kann. 

Bei der Alterssicherung kommt es nicht darauf an, über welche theoretisch existierenden und zum aktuellen Zeitpunkt leicht monetarisierbaren Werte man verfügt, sondern ob sie ab dem Ruhestandseintritt dauerhaft ausreichend dafür sind, die konkreten Alltagsbedürfnisse zu sichern. Dafür sind eigengenutzte Immobilien kategorial so viel besser (dazu habe ich an anderer Stelle, u. a. hier, schon mehr als genug geschrieben), daß es ein richtiger Jammer ist, daß diese Form der Alterssicherung in dem Papier nicht einmal am Rande erwähnt wurden. Das mag damit zusammenhängen, daß die Autoren der Empfehlungen allesamt der jungen Generation der Koalitionsparteien angehören und wohl die Annahme, von Angehörigen ihrer Generation werde sich sowieso niemand mehr eigengenutzte Immobilien leisten können, vollkommen verinnerlicht haben. 

Hinzu kommt aber außerdem noch etwas anderes: Die gravierendsten wirtschaftlichen Fehlsteuerungen der letzten Jahrzehnte waren auf die Durchsetzung der Interessen der Konzerne via Kapitalmärkte zurückzuführen. Je mehr Geld am Kapitalmarkt angelegt wird, desto besser kann er aber die Interessen durchsetzen, die seiner inneren Logik entsprechen, nicht aber derjenigen der Gesellschaft. Ein markantes Beispiel sind Wohnungskonzerne wie Vonovia, die wegen ihrer attraktiven Dividenden bei Fonds wie Privatanlegern beliebt sind. Ein Vonovia-Mieter kann also über die Kapitalmarktrente gleichzeitig Vonovia-Aktionär sein und in seiner zweiten Eigenschaft das Gewicht der Kapitaleigner-Seite mitverstärken, die wiederum dafür sorgt, daß er in seiner ersten Eigenschaft als Mieter so viel wie möglich an Miete für so wenig Leistung wie möglich seitens des Vermieters bezahlt. Weil ich diesen Faktor so problematisch finde, fehlt mir auch bei der Rentenreform ein großes Ganzes als Rahmen, innerhalb dessen sie eingeordnet werden kann. 

Interessiert man sich für einen übergeordneten Rahmen nicht, ist die Rentenreform rein für sich genommen akzeptabler als so manches andere, das gerade an Reformen in Arbeit ist. Sie wird im betreffenden Bereich meiner Einschätzung nach mehr Probleme lösen können als beispielsweise die Gesundheitsreform in ihrem Bereich. Was noch ein Bonus ist: Mindestens die Abschaffung der Mini- und Midijobregelung wird natürlich auch der Kranken- und Pflegeversicherung zugute kommen. Das geht also tatsächlich in Richtung übergreifender gesellschaftlicher Vorteile, obwohl niemand es für nötig hält, das zu erwähnen. 

Die TAZ brachte einen Podcast, in dem diese Rentenpläne diskutiert wurden, darunter sprach man ziemlich ausführlich die Minijobs. Was mich daran verwundert hat: Es wurde dort wie in anderen Meinungsäußerungen in den Medien so getan, als wäre es künftig nicht mehr möglich, Mitarbeiter geringfügig zu beschäftigen. Das ist aber einfach nicht wahr, es wird lediglich teurer, wenn dieselben Nettoeinkommen verlangt und bezahlt werden, oder schlechter bezahlt, wenn der Arbeitgeber dieselbe Entlohnung anbietet wie bisher. Gestaunt habe ich über eine Phantasiezahl, die ganz beiläufig in diesem Podcast als (keine Ahnung auf welcher gedanklichen Grundlage) imaginierte neue Belastung des Arbeitgebers durch die Änderung erwähnt wurde: 1800 Euro, das wäre im Vergleich zu 603 Euro plus 30 Prozent pauschale Abgaben (Gesamtkosten eines Minijobs also ca. 800 Euro), schon eine gewaltige Verteuerung. Mir kam diese aus irgendeinem Ärmel geschüttelte Zahl auch für den Fall, daß Arbeitgeber keine Wahl haben, als ihren bisherigen Minijob-Beschäftigten das gleiche Nettoeinkommen zu bieten, viel zu hoch vor, also habe ich mal im Web einen der üblichen Brutto-Netto-Rechner befragt. Hier das Ergebnis:

Wenn ich für einen vergleichbaren Halbtagsjob - also vom Stundenumfang zwei dieser Minijobs - einen auch für die Minijobs vorausgesetzten Netto-Stundenlohn von 15 Euro bekommen, also ein Nettogehalt von 1200 Euro erreichen will, muß ich brutto 1500 bis 1600 Euro im Monat verdienen. Weil das noch innerhalb der Midijob-Grenze liegt, sind die SV-Beiträge um ca. 20 Euro niedriger, als sie nach Wegfall der Midijob-Regelung wären, also sind eher 1600 Euro zu kalkulieren. Dazu Arbeitgeberbeiträge von ca. 25 Prozent entsprechen weiteren 400 Euro für den Arbeitgeber. Der zugehörige Arbeitgeber kommt also für zwei bisherige Minijobs auf um die 2000 Euro Kosten. 1000 anstelle von 800 Euro, also 200 Euro mehr im Monat, muß man als Arbeitgeber pro bisherigen Minijob bei gleichem Nettostundenlohn tatsächlich einkalkulieren, keineswegs die zusammenphantasierten 1800 Euro. Wenn auch nur zwei Minijobs zu einem 50-%-Job zusammengelegt werden, relativieren sich die Mehrkosten außerdem ein wenig, weil die Produktivität einer Halbtagskraft allemal höher ist als die von zwei Minijobbern. 

Allerdings zwingt natürlich niemand die Arbeitgeber, für Jobs in geringerem Stundenumfang einen besonders hohen Nettolohn zu bezahlen, im Gegenteil sollte wohl der Anreiz höher sein, mehrere Minijobs zu bündeln und als existenzsichernde Arbeitsverhältnisse anzubieten. Die Rechnung beruhte auf der nicht begründeten Annahme der TAZ, Arbeitgeber müßten diesen Nettolohn bezahlen. Lege ich aber den Mindestlohn zugrunde - ab 2027 14,60 Euro -, dann kommen anstelle der Mehrkosten für den Arbeitgeber bei demselben Halbtagsjob 1200 Euro plus 300 Euro Lohnnebenkosten heraus, also sogar einen Hunderter weniger als die Kosten für zwei Minijobs. Dafür verdient die zugehörige Halbtagskraft weder 15 noch 14,60 Euro netto pro Stunde, sondern nach Abzug der Sozialversicherungsbeiträge kommen noch zwischen 10 und 11 Euro die Stunde netto heraus. Da aber auch niemand Arbeitgeber dazu zwingt, sich auf den Mindestlohn zu beschränken, ist eher anzunehmen, daß das tatsächliche Lohnangebot irgendwo in der Mitte liegen wird - vermutlich so, daß es für den Arbeitgeber in etwa kostenneutral zur bisherigen Regelung ist. 

Warum ausgerechnet Schüler die einzige Gruppe sind, die weiterhin als Minijobber zum bestehenden Modell angestellt werden können sollen, leuchtet mir nicht ein. Wenn schon, dann sollte die Sache ohne Ausnahmen umgesetzt werden, und was wäre daran falsch, schon als Schüler ein bißchen Geld aufs Rentenkonto zu bekommen? Gerade die Generation, der in den letzten Jahren so viel Angst davor eingejagt wurde, im Alter gar keine Rente mehr zu bekommen, fände das bestimmt eher beruhigend, als sich über die Abzüge zu ärgern. Rentner wären noch eher eine einleuchtende Ausnahme, aber bei denen würde dann auch bei Jobs in geringem Stundenumfang ja die Aktivrente greifen, nach der für die ersten 2000 Euro keine Steuern bezahlt werden müssen und an Sozialabgaben nur die Krankenversicherung. Für die aktuell bestehenden Minijobs gilt diese Regelung nicht, das würde sich dann aber ändern. 

Natürlich leuchtet es mir ein, daß alle, die momentan einem Minijob nachgehen und dies nicht nur als Notbehelf tun, sondern als Bestandteil ihrer Lebensplanung, wenig begeistert von solchen Änderungen sind und befürchten, am Ende ganz ohne Job dazustehen oder viel weniger Geld als vorher dafür zu bekommen. Die Beschwerden der Arbeitgeberseite sind überwiegend (wenn auch nicht in jedem Fall) eher im Bereich Mimimi anzusiedeln. So wie ich beim Wegfall der Rente mit 65 (daß immer noch von der Rente mit 63 die Rede ist, die in Wirklichkeit schon jetzt niemand mehr bekommt, ärgert mich wahnsinnig) eine praktikable Umgangsweise finden kann, werden sie auch eine finden. Die Vorteile sowohl für den Arbeitsmarkt wie auch für den Schutz vor Altersarmut sind neben der angestrebten Sanierung der Sozialkassen so hoch, daß ich finde, das sollte in Kauf genommen werden. Jobs im Minijob-Umfang wird es in jedem Fall ja weiter geben, nur wird man jetzt sehen können, wieviele davon wirklich im Minijob-Stundenumfang sinnvoller sind als in anderen Varianten, also werden es weniger als vorher sein, wenn es für Unternehmen keinen Anreiz mehr gibt, Arbeitsplätze, die auch in Vollzeit besetzt werden könnten, in Minijobs zu verhackstücken. Für verheiratete Mütter gibt es dann den Fehlanreiz nicht mehr, auf den dauerhaften Fortbestand der Ehe zu pokern und sich in der Altersversorgung dabei auf Gedeih und Verderb davon abhängig zu machen. 

Man könnte aber darüber nachdenken, ob man eine Entlastung für Kleinbetriebe mit nur einem oder zwei Minijobbern  (beispielsweise für Betriebe bis zu einem Umsatz x, oder vielleicht auch für Vereine vergleichbarer Größe) nicht auf der SV-, sondern auf der steuerlichen Seite vornimmt. Auch für regelmäßig wiederkehrende kurzfristige Beschäftigungsverhältnisse und maximal 50 Arbeitstage im Jahr, etwa im Tourismus in der Hochsaison oder bei Erntehelfern, fände ich es logischer, lieber auf der steuerlichen Ebene Vergünstigungen anzubieten, um Härten für kleinere Betriebe zu vermeiden. Warum speziell kleinere Betriebe? Weil die ohnehin einen Wettbewerbsnachteil gegenüber den Großen ihrer jeweiligen Branche haben und ein Nachteilsausgleich für sie auch für uns gesellschaftlich wichtig wäre, denn die Zusammenballung von immer weniger und dafür immr größeren großen Wettbewerbern führt nur kurzfristig zu preislichen Vorteilen, ist aber langfristig mit einer Unzahl von Nachteilen verbunden. Eine solche Vergünstigung fände ich nicht nur vertretbar, sondern einen angemessenen Baustein, der vorzugsweise noch mit weiteren nachteilsausgleichenden Bausteinen kombiniert werden sollte. Speziell in der Landwirtschaft liegt es für mich auf der Hand, daß wir von weniger Branchenriesen und mehr kleinen und mittleren Betrieben profitieren würden, auch deshalb, weil es mehr Vielfalt in der Lebensmittelproduktion bedeuten würde. Ach ja, und ein praktikables Modell für Privathaushalte als Arbeitgeber sollte man sich auch ausdenken. Ich finde aber, hier wäre es sinnvoller, über ein Selbständigkeitsmodell nachzudenken - vor allem dann, wenn es tatsächlich dazu kommen sollte, daß Selbständige, die sich neu anmelden, automatisch in die Sozialversicherung kommen. Nach der Minijobregelung ist es so kompliziert, für mehrere Haushalte zu arbeiten, daß sich niemand wundern sollte, wenn das überwiegend in Form von Schwarzarbeit geschieht. 

Angestrebt werden sollte jedenfalls, daß die Sozialversicherungen sich möglichst vollständig alleine aus Beitragszahlungen tragen können. Zuschüsse aus Steuermitteln finde ich nur angebracht, wenn sie Leistungen abdecken sollen, die schlicht und einfach unverzichtbar sind,  für die aber nie Beiträge entrichtet wurden. Alles andere sollte sich möglichst direkt aus den Beitragszahlungen finanzieren lassen, und damit das gelingt, sollte man Ausnahmen meiner Meinung nach möglichst vermeiden. Das Ziel, daß sich alle Sozialversicherungen, Rente, Kranken, Pflege und Arbeitslosigkeit, aus ihren Beiträgen selbst tragen, ist eines, das ich für sehr vernünftig halte. Wenn das erreicht werden kann, ist meiner Meinung nach sehr viel gewonnen. Die richtigen Stellschrauben, um unbillige Härten zu vermeiden oder weitestmöglich zu verringern, befinden sich im Steuerrecht. 

Sollte diese Reform umgesetzt werden und Bestand haben, wird sie rückblickend in fünfzig Jahren bestimmt für eine wirklich sinnvolle Veränderung gehalten werden. Freilich, sollte sie als Einzelmaßnahme zusammen mit einem Bündel weiterer nicht zusammenhängender - und sich im dümmsten Fall gegenseitig aufhebenden Wirkungen - in die Welt gesetzt werden, bin ich pessimistisch, daß sie trotzdem dazu führen könnten, daß die nächsten Wahlen von der AfD gewonnen werden. Und was dann geschieht - und welche dauerhaften Wirkungen es haben wird -, kann niemand so genau voraussehen. 

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Vorletztes Wochenende sah ich den Nachbarn mit dem Kirschenbaum, an dem ich einige Tage zuvor einen kleinen Mundraub begangen hatte, und beichtete ihm die Sache. Seine Reaktion: Ich solle mich unbedingt auch noch an dem anderen (Sauer-)Kirschbaum bedienen, dessen Kirschen inzwischen auch reif geworden sind, soweit ich halt am Zaun rankomme. Er werde vielleicht für die Zukunft irgendwann mal einen Durchgang in den Zaun für uns machen, damit wir nächstes Jahr mehr davon ernten können. Solche Nachbarn haben wir hier! Mit solchen Nachbarn möchte man selbstverständlich auch seinen selbsterzeugten Strom teilen. Ich habe übrigens inzwischen recherchiert und tue kund und zu wissen, daß es innerhalb eines Gebäudes - zum Beispiel einem Doppelhaus - tatsächlich legal  ist, per Direktleitung dem Nachbarn Strom zu verkaufen oder zu schenken. Für diejenigen, die das interessiert: In Paragraphen gegossen wurde das im Energiewirtschaftsgesetz, Teil 4, Paragraph 42b. In allen anderen Fällen muß man beim Teilen des Stroms mit Nachbarn aber wirklich das Netz des Versorgers in Anspruch nehmen, der dafür auch seine Hand ziemlich weit aufhält. Blöd nur, daß der Nachbar an versteckter Stelle doch schon eine PV-Anlage hat also den Strom doch nicht braucht. 

Nun habe ich ein Pfund Sauerkirschen, die sich nahe genug am Zaun befanden, geerntet und entsteint, die ich vorerst mal einfrieren muß, aber nächstes Wochenende in einen leckeren Braunen Kirschkuchen verwandeln werde. Die Nachbarn sind dann zum Kaffee natürlich mit eingeladen. Außerdem habe ich zum zweiten Mal meinen Schnittlauch komplett abgeerntet, kleingeschnitten und eingefroren. Ich bin mir nicht ganz sicher, wie lange es her ist, daß ich das zum ersten Mal im Jahr gemacht habe, aber das kann noch keine vier Wochen her sein. Ich glaube nicht, daß ich es jemals wieder nötig haben werde, Schnittlauch zu kaufen. Das Zeug wächst im Garten wie Unkraut.  

Unser Garten hört nicht auf, uns in Erstaunen zu versetzen. Eine Blume, die wir vor zwei Wochen erstmals sahen, wurde von der Pflanzenerkennungs-App als Schlafmohn erkannt. Wie ist das Opium nur in unseren harmlosen schwäbischen Garten hineingeraten? Nein, ich bin nicht in Versuchung, die Wirkung der Samenkapseln mal auszuprobieren. Opiate haben mich nicht einmal in dem Alter interessiert, in dem man besonders risiko- und experimentierfreudig ist, und das ist bei mir schon lange her. Aber die Blüte finde ich wirklich ausgesprochen hübsch. Sogar noch schöner als die vom Klatschmohn, den ich ja auch sehr liebe und der an einer anderen Stelle im Garten auch wächst. Ich bringe es nicht übers Herz, dieser gefährlichen Schönheit einfach den Garaus zu machen, obwohl sie inzwischen ihre Blütenblätter verloren hat und stattdessen eine eindrucksvolle Mohnkapsel entwickelt hat, also lasse ich sie in Ruhe und hoffe, mich nächstes Jahr wieder an ihrem Anblick erfreuen zu können. Gespannt bin ich außerdem, wieviele dieser Blumen wir nächstes Jahr haben werden. 

Letztes Jahr hatten wir die gar nicht, da bin ich mir hundertprozentig sicher. Aber wir haben dieses Jahr auch sonst eine ganze Menge Pflanzen im Garten, die wir letztes Jahr nicht hatten. Die hatten sich wohl in der Wildnis, die wir übernommen hatten, einfach nicht durchsetzen können, und freuen sich jetzt daran, daß der Efeu sie nicht mehr erstickt.