Mein Gewicht heute früh zu Beginn des viertägigen Fastenintervalls: 77,7 Kilogramm. Damit bin ich definitiv unzufrieden, das sind mindestens zwei Kilo mehr, als ich vor Beginn dieser Low-Carb-Phase erwartet hatte. Aber es hatte sich ja schon abgezeichnet, daß mein Gewichtsverlauf in dieser Low-Carb-Phase unter meinen Erwartungen bleiben würde. Die letzten paar Kilos, die ich loswerden will - Stand heute geht es um exakt 4,2 Kilogramm hin oder her -, sind offenbar diejenigen, die sich als am anhänglichsten erweisen. Aber das werden wir ja sehen, wer sich am Ende als sturer erweist, sie oder ich. Daß meine bisherigen Methoden ihnen nicht beikommen, habe ich inzwischen eingesehen. Wieviel der neue "Endspurt" bringt, bleibt abzuwarten. 4,2 Kilogramm werde ich damit wohl leider nicht abschütteln können, aber ich hoffe mal, ich gelange wenigstens in die Nähe des Zielgewichts.
***
Einsicht in Veränderungsbedarf erfordert die Bereitschaft, Ursachen und Wirkungen zu hinterfragen, vor allem, wenn die Anwendung der zugehörigen Mittel nicht die erwarteten Ergebnisse zeigt. Es ergibt keinen Sinn, wieder und wieder dasselbe zu versuchen, wenn es offensichtlich nicht die gewünschte Wirkung hat. Warum weiß ich das eigentlich als Laie, aber all den Experten für Adipositas geht das trotz ihres Fachwissens offensichtlich über den Horizont? Denn nur so läßt sich manches erklären, das als angeblich wissenschaftliches Ergebnis in diesem Bereich durch die Medien geht. Etwa dieses hier:
Intervallfasten funktioniert nicht besser als andere Abnahmemethoden auch! Es bietet gleichzeitig auch keine bessere Lebensqualität! Aber es ist zumindest besser, als gar nichts zu machen! So deutet die Tagesschau einen Review der Cochrane Library. Leider hat man mal wieder keinen Zugriff auf den Volltext, sonst hätte ich noch detaillierter sagen können, wo der Hund bei diesem merkwürdigen Urteil begraben liegt. Schleierhaft ist mir zum Beispiel, nach welchen Kriterien die enthaltenen 22 Studien ausgewählt wurden, bestimmt nur ein Bruchteil dessen, was verfügbar gewesen wäre. Die Erklärung:
We included randomised controlled trials (RCTs) and cluster‐RCTs that compared intermittent fasting (including time‐restricted feeding, periodic fasting, alternate‐day fasting, and modified alternate‐day fasting) with regular dietary advice, no intervention or waiting list in men and women with overweight or obesity, with or without associated comorbid conditions. The minimum duration of the intervention was four weeks, and the minimum duration of follow‐up was six months. We excluded cross‐over and quasi‐RCTs.
finde ich nicht überzeugend. Ich halte es für schwer vorstellbar, daß es im Zeitraum 2016 bis 2024 nur 22 Studien gegeben haben soll, die geeignet waren, sich einen Eindruck zu verschaffen. Einen vernünftigen Grund, sich auf diesen Zeítraum zu beschränken, sehe ich außerdem auch nicht, falls es wirklich so gewesen sein sollte. Welchen geringeren Erkenntniswert sollen denn Studien, die aus der Zeit vor 2016 stammen, gehabt haben, sofern sie den zitierten Einschlußkriterien entsprochen haben?
Daß man eine Einheitlichkeit der gewählten Definition von "Intervallfasten" herstellen wollte, lag der spärlichen Auswahl jedenfalls nicht zugrunde, denn die gewählten Fastenmodelle waren extrem uneinheitlich und es hat den Anschein, als wäre ein Teil davon überhaupt nicht unter die übliche Definition von "Intervallfasten" gefallen, das mit 16 Stunden Fasten beginnen sollte, wenn es eine Abnahmewirkung haben soll. Laut Tagesschau reichte die Spanne aber von 14 Stunden Fasten am Tag bis hin zum "Alternate Day Fasting", also Fasten jeden zweiten Tag. Unklar ist mir, wie Fasten definiert wurde, also ob ein Teil der Studien eine relativ geringe Kalorienmenge an sogenannten "Fastentagen" zuließ, ob Elemente des Heilfastens eingeflossen sind, bei dem ja viel mit Süppchen und Säftchen gearbeitet wird, oder ob es um wirkliches Null-Kalorien-Fasten ging. Vermutlich war alles davon enthalten. Noch dazu betrug die Dauer bei einigen dieser Studien nur vier Wochen.
Und von dieser sonderbaren Mischung aus Methoden und Anwendungsdauern, die, jede für sich genommen, sehr unterschiedliche Abnehmwirkungen gehabt haben dürften, ermittelte man dann nach strengstmöglichen wissenschaftlichen Kriterien und ausgefeilten Formeln einen Durchschnittswert. Klingt das wirklich nach einer Methode, die allzu viel Erkenntniswert verspricht? Für mich hört sich das eher nach einem Patentrezept für "Garbage in, Garbage out" an.
Aber das ist noch längst nicht das Hauptproblem mit dieser Übersichtsarbeit von Cochrane. Ein Fall für die Tonne ist sie vor allem wegen des Zeitraums, nach dem über Erfolg oder Mißerfolg geschlußfolgert werden sollte. Denn ausgewertet wurde wieder einmal das Zeitfenster zwischen mindestens Monat 6 und spätestens Monat 12 nach Beginn der Maßnahme.
Jedes Mal, wenn ich solche Studien sehe, bekomme ich eine grundsätzliche Glaubenskrise, was den Sinn und Nutzen von wissenschaftlicher Arbeit in einem generellen Sinne betrifft. Alternativ könnte ich mich ja nur noch fragen, ob ich nun an dem Verstand der beteiligten Wissenschaftler zweifeln müsse oder an ihrer wissenschaftlichen Integrität. Denn jeder Wissenschaftler in diesem Bereich sollte ja eigentlich wissen, daß in jeder Studie, die länger als zwölf Monate dauert, nach diesen zwölf Monaten Wiederzunahmen die Regel sind. Ernsthaft, wer sich wissenschaftlich mit der Frage nach Gewichtszu- und -abnahmen befaßt und davon noch nie etwas gehört zu haben behauptet (was implizit der Fall ist, wenn man so treudoof kürzere Zeiträume als 12 Monate als vermeintlich maßgeblich behandelt), dem spreche ich jegliche Kompetenz ab. Sechs bis zwölf Monate sind aber eindeutig kein Zeitraum, der für irgendwen interessant sein könnte, der nicht nur abnehmen, sondern das dadurch erreichte Gewicht auch halten können möchte - was in meinen Augen die einzige realitätsgerechte Definition einer erfolgreichen Gewichtsabnahme sein kann.
Im Umkehrschluß heißt das, Cochrane interessiert sich gar nicht ernsthaft für gelingende Gewichtsreduktion. Und das macht mich gerade richtig sauer. Was bilden die sich eigentlich ein, sich auf idiotische Zahlenspielereien ohne praktischen Nutzwert zu beschränken? Alle Welt heult ständig herum über die horrenden Folgekosten einer sogenannten Adipositasepidemie und schiebt die Schuld daran gar nicht so selten den Betroffenen selbst und ihrer vermeintlichen Undiszipliniertheit in die Schuhe, und die bei Cochrane treiben alberne Sandkastenspielchen ohne irgendwelchen zu erwartenden Nutzwert und plärren anschließend noch dazu irgendwelche offensichtlich hanebüchenen Schlußfolgerungen in die mediale Welt hinaus? Das ist doch einfach nicht zu fassen.
Die Haare raufen könnte man sich ganz besonders, wenn der Direktor von Cochrane Deutschland dann mit dem klassischen Armutszeugnis an militantem Nichtwissenwollen zu brillieren versucht:
"Der Review legt nahe, dass Intervallfastende über sechs bis zwölf Monate wahrscheinlich mehr Gewicht verlieren im Vergleich zu Menschen, die ihre Ernährung nicht aktiv ändern - nämlich im Mittel drei bis vier Prozent", erklärt Jörg Meerpohl, Direktor von Cochrane Deutschland. Allerdings empfehlen klinische Leitlinien für Menschen mit Übergewicht und Adipositas einen Gewichtsverlust von mindestens fünf Prozent.
Was er nicht sagt, der Herr Meerpohl. Kennt der gute Mann eigentlich viele Gewichtsreduktionsmethoden, mit denen man innerhalb von vier Wochen (um die es ja in einem Teil der 22 enthaltenen Studien ging) einen Gewichtsverlust von mindestens fünf Prozent zu verzeichnen hat? Wenn ja, ersuche ich ihn hiermit höflich, mir ein paar Links zu einschlägigen Studien zukommen zu lassen. Ich halte solche Gewichtsabnahmen in einem so kurzen Zeitraum für absolute Ausnahmefälle - auch wenn ich selbst seinerzeit zu diesen Ausnahmefällen gezählt habe. Falls Meerpohl gerne wissen möchte, wie ich das angestellt habe, sei er hiermit höflich auf die Lektüre meines Blogs verwiesen.
Und sagen die klinischen Leitlinien eigentlich auch irgendwas über die Frage des Gewichthaltens? Wenn nicht, sind sie nämlich sowieso ebenfalls ein Fall für die Tonne. Wiederzunahmen haben die unangenehme Eigenschaft, einen niedrigeren Anteil fettfreier Masse, aber einen höheren an Fettmasse zu umfassen. Wenn ein Gewichtsverlust von fünf Prozent erzielt werden sollte, dann muß er auch gehalten werden können, andernfalls liegt doch auf der Hand, daß man alles nur noch schlimmer macht. Ich habe zehn Jahre gebraucht, um ohne Hilfe solcher Institutionen herauszubekommen, mit welcher Methode das nicht passiert, und das hätte erheblich schneller gehen können, wenn die Wissenschaft™ eine vergleichbare Lernkurve wie ich hätte, denn dann wäre ihr schon vor Jahrzehnten aufgefallen, daß sie nur unbrauchbaren Datenschrott produziert, solange sie sich nicht dazu bequemt, endlich einmal eine Zieldefinition ihrer Arbeit zu finden, die dazu führt, daß man in der wirklichen Welt außerhalb ihres papiernen Paralleluniversums mit ihren Ergebnissen auch etwas anfangen kann.
Dr. Jason Fung hatte gegen dieselbe Studie übrigens einen ganz anderen, aber ebenfalls stichhaltigen Einwand:
Das ist natürlich ebenfalls richtig, die Autoren kamen in Wirklichkeit nur zu der Schlußfolgerung "Nichts Genaues weiß man nicht". Wie sie dann aber auf das schmale Brett gekommen sind, das Ergebnis ihrer Arbeit stattdessen als "Intervallfasten wirkt allenfalls besser als gar nichts tun" zu promoten, dafür hätte ich gerne mal eine nachvollziehbare Begründung. Hat das aus ihrer Sicht tatsächlich irgendeinen Sinn und wenn ja, welchen? Und hat der dann irgendetwas mit real existierenden Übergewichtigen zu tun? Oder ist das als bloße Reflexhandlung von Zahlenjongleuren zu betrachten, die Zusammenhänge mit der realen Welt für bedeutungslos halten? Ist das vielleicht wie bei einem geköpften Huhn, das trotzdem noch eine Weile herumrennt, bevor es merkt, daß es längst tot ist und umfällt? Und wie lange kann das eigentlich noch dauern, bis die seit Jahrzehnten als kopfloser Untoter herumtaumelnde Adipositasforschung endlich auch umfällt und sich nicht mehr rührt, so daß vielleicht mal wenigstens ein Bewußtsein dafür entsteht, daß man an ihrer Stelle etwas anderes entwickeln müßte?
Denn, alles was recht ist: Wer braucht diese Art von Forschung denn, da sie für Menschen mit Adipositas überhaupt nicht von Nutzen ist?
Ich habe übrigens mal Google nach diesem Jörg Meerpohl befragt, dem zitierten deutschen Cochrane-Leiter, nur um auch noch zu sehen, was das eigentlich für einer ist. Irgendwie ist meine Wut speziell auf ihn dabei erloschen. Dieser Mann ist nämlich acht Jahre jünger als ich, aber irgendwie wirkt er erheblich älter und ich möchte sagen, allzuviel Lebensfreude strahlt er nicht aus. Vielleicht bin ich in diesem Eindruck ja voreingenommen, weil ich mich so sehr über ihn geärgert habe. Aber in jedem Fall bin ich ganz froh, daß ich ich sein darf und nicht er sein muß.
***
Apropos Dr. Fung: Ich glaube, ich hatte noch gar nicht erwähnt, daß von ihm Anfang März ein neues Buch zu erwarten ist, nämlich "The Hunger Code", und er ist schon fleißig in Podcasts unterwegs, um auf es aufmerksam zu machen. Erst dachte ich ja eigentlich, ich könne darauf verzichten, es zu kaufen. Nachdem ich den "Obesity Code", den "Diabetes Code" und den "Cancer Code" gelesen habe, brauche ich da wirklich noch ein weiteres Buch, das vermutlich einige Überschneidungen zu den Vorgängern enthält, aber den Anpassungsprozeß des Stoffwechsels auch beim Intervallfasten und Low Carb aller Voraussicht nach wieder nicht thematisiert, den ich für einen von allen bislang übersehenen Schlüsselfaktor halte? Was ich aber ganz interessant fand, ist, daß er in einem Podcast erwähnte, daß auch die Abnehmspritzen - trotz all der anderen Bedenken, die man gegen sie haben kann und die er auch tatsächlich hat - so erfolgreich sind, weil sie nicht die Kalorienaufnahme zu regulieren versuchen, sondern weil sie erfolgreich den Hunger regulieren können.
Dieser Ansatz, also den Hunger zu regulieren, ist also der rote Faden in seinem neuen Buch. Daß er die Abnehmspritzen erwähnte, bringt mich jetzt aber erst mal zu einem kleinen Schlenker zu einer neuen Studie zu diesem Thema:
Daß Abnehmspritzen häufig wieder abgesetzt werden, ist ja bekannt. Welche Gründe dahinterstecken, untersuchte diese Studie. Ergebnis: Aus einer Gesamtzahl von 8184 Patienten, die Abnehmspritzen verschrieben bekamen, brachen 4492 die Behandlung noch während des ersten Behandlungsjahrs wieder ab. Unter diesen 4492 wurden 288 ausgesucht und Gründe, die sich aus der Patientenakte ergaben, ausgewertet. Erwartungsgemäß wurden die hohen Kosten mit fast 50 Prozent am häufigsten genannt. Etwa 15 Prozent gaben Nebenwirkungen an, erstaunliche 11,8 Prozent nannten Lieferschwierigkeiten des Medikaments. Nur ein geringer Teil, 1,7 Prozent, nannte ein unbefriedigende Abnahme, und fast ebenso niedrig war der Wechsel auf ein anderes Präparat mit vergleichbarer Wirkung (2,4 Prozent) - was mich ein bißchen erstaunt, weil ich den Eindruck hatte, solche Wechsel seien relativ häufig, wenn die Wirkung der Abnehmspritze niedriger als erwartet ausfällt. Aber gut, bei diesem Thema bin ich ja nur Zaungast.
Bislang gibt es zu Abnehmspritzen noch keine Studie, die einen Fünfjahreszeitraum umfaßt. Die längste dauerte aber immerhin vier Jahre. Ich meine, ich habe mich auch schon in einem früheren Blogbeitrag darüber geäußert. Trotzdem hier nochmal die Grafik mit dem durchschnittlichen Gewichtsverlauf über 221 Wochen hinweg:

Wie man sieht, erfolgt auch bei Semaglutid der größte Teil der Abnahme innerhalb des ersten halben Jahres (26 Wochen), aber sie dauert trotz der Verlangsamung noch ein weiteres halbes Jahr an, bevor sie zum Stillstand kommt. Die eigentliche Besonderheit ist aber, daß es anschließend - jedenfalls als Durchschnittswert - nicht zu einer Wiederzunahme kommt, wie das sonst bei nahezu jeder Gewichtsreduktionsmethode geschieht. Dr. Fung hat also sicherlich recht damit, sich mit der Frage zu befassen, was der Grund dafür ist. Allerdings nehme ich an, daß er mit seinem Hauptverdächtigen, dem Hunger, auf dem Holzweg ist. Die Abnehmspritze muß noch irgendwas anderes machen, das bei anderen Gewichtsabnahmewegen nicht passiert - und speziell bei Low Carb kann man sich ja zum Beispiel problemlos sättigen, so daß dieses Problem überhaupt nicht entstehen sollte. Trotzdem zeigte die Virta-Studie mit den Fünfjahresergebnissen, daß es auch dabei zu Wiederzunahmen kam. Ich möchte außerdem wetten, daß sich Dr. Fung selbst bei seinen Patienten an diesem Problem insgeheim auch häufig die Zähne ausbeißt.
Es hat aber schon seine Ironie, daß ausgerechnet bei dem einen der neueren Mittel zur Gewichtsabnahme, das erfolgreicher Wiederzunahmen verhindern kann als sogar Low Carb und Intervallfasten, trotzdem der Beginn der Wiederzunahme für mehr als die Hälfte der Patienten ebenfalls schon innerhalb der ersten zwölf Monate kommt, nämlich wegen des häufigen Abbruchs der kostspieligen Behandlung. Denn der Haken bei der Sache besteht darin, daß man dazu verdammt ist, die Spritze für den Rest seines Lebens weiterzunutzen. Andernfalls nimmt man wieder zu, und zwar sogar besonders schnell. Interessant wäre es deshalb auch, zu wissen, wieviele der Nutzer ab dem zweiten Jahr die Abnehmspritze beenden, da es mit der Abnahme nicht mehr weitergeht, und nur eine Minderheit von 12 Prozent ist bis dahin in den Normalgewichtsbereich gelangt. Damit wird die gefühlte Kosten-Nutzen-Rechnung der Abnehmspritze für viele bestimmt immer schlechter. Dagmar Stoeckle hat in ihrer Fernsehreportage ausgerechnet, daß jedes abgenommene Kilo sie mit der Abnehmspritze 300 Euro gekostet hatte. Ab dem zweiten Jahr muß man denselben Gesamtbetrag ohne die geringste Abnahme blechen. Sogar dann, wenn man das Geld mühelos aufbringt, liegt es nahe, daß man dann anfängt, die Sinnfrage zu stellen.
Gut möglich, daß man bei der Abnehmspritze nach fünf Jahren ebenso wie bei den meisten anderen Abnehmmethoden auch nur bei weniger als zehn Prozent aller Patienten landet, die dauerhaft erfolgreich waren. Nur haben die mehr als 90 Prozent Scheiternden mehr Geld als die meisten anderen für ihr Scheitern ausgegeben. Dies könnte man natürlich ändern, indem man die Abnehmspritze zur Kassenleistung macht. Damit würde man die immensen Kosten allerdings nur auf mehr Personen verteilen, und da die Abnehmspritze es sowieso nicht verhindern kann, daß jemand Adipositas entwickelt (da sie ja erst eingesetzt wird, wenn dies bereits geschehen ist), werden diese Kosten zu Lasten der Krankenversicherung natürlich künftig ständig höher werden. Besser wäre es also, herauszufinden, was genau an der Abnehmspritze das Gewichthalten nach zwölf Monaten bewirkt, und andere Möglichkeiten sucht, diesen unbekannten Faktor nutzen zu können.
Dr. Fung sieht als den gemeinsamen Faktor seiner Herangehensweise, Intervallfasten, und der von Low Carb (mit dem er einmal angefangen hatte) und der Abnehmspritze in der Regulierung des Hungers. Ich glaube daran nicht so recht. Möglich ist es aber immerhin, daß der ausbleibende Hunger bei allen drei Maßnahmen auf dieselbe Ursache zurückgeführt werden kann. Der ausbleibende Hunger ist außerdem immer dann, wenn er stattfindet, die Wirkung einer tendenziell richtigeren Herangehensweise als die anderen, die durch ständigen Hunger unnötig erschwert werden. Insofern ist der Ansatz bei Dr. Fung jedenfalls lösungsorientiert, auch wenn er mit den theoretischen Grundannahmen vielleicht doch zu sehr der Versuchung nachgegeben hat, Unpassendes für seine Theorie passend zu machen.
Warum die Abnehmspritze - solange man sie nimmt - diese Wirkung hat, daß man nicht hungert, werde ich in Dr. Fungs Buch noch einmal nachlesen, denn er begründet fast immer nachvollziehbar, was er behauptet, also suche ich jetzt nicht anderswo nach den Wirkmechanismen. Aber was mich im Podcast irritiert hatte, war, daß er behauptete, die Wiederzunahme sei im Verlauf von ebenfalls um die fünf Jahren nach einer Magenverkleinerung ebenso ein typisches Ergebnis, wie es dies bei der Abnehmspritze nicht sei. Das halte ich nämlich für falsch. Meines Wissens ist jedenfalls im Durchschnitt aller Patienten ein Wiederzunahme in erheblichen Umfang nach bariatrischer Chirurgie gerade nicht typisch. Tatsächlich war die Wiederzunahme im Lauf von sogar zehn Jahren in der verlinkten Studie zwar vorhanden, aber doch so gering, daß es angesichts der üblicherweise hohen Abnahmen (die sich durch das typischerweise extrem hohe Ausgangsewicht der Patienten erklären lassen, denn der typische Kandidat für bariatrische Chirurgie wiegt erheblich mehr als der typische Abnehmspritzen-Patient) gar nicht weiter ins Gewicht fällt.
Mir kommt dieser vermeintliche Gegensatz zwischen Magenverkleinerung als kalorienbasierte und Abnehmspritze als hungerbasierte Methode auch ziemlich konstruiert vor, denn beide Methoden werden ja kalorienbasiert begründet, aber bei beiden fiel schon auf, daß ein Teil der Abnahme nicht mit den eingesparten Kalorien erklärt werden kann.
Aber was ist das überhaupt, Hunger? Es wird ja meistens so getan, als sei das etwas Eindeutiges, aber das stimmt in Wirklichkeit gar nicht, und das wußte ich schon, bevor ich Dr. Fungs Namen jemals gelesen hatte. Denn was einen von einer Diät abkommen läßt, ist ja weniger der Hunger an sich, sondern eher das Kopfkino, das einem verbotene Genüsse vorgaukelt, denen man nicht nachgeben zu dürfen glaubt - was aber umso schwieriger durchzuhalten ist, je mehr die Erfolge der Diät nachlassen und dieses Kopfkino immer mehr von den Einflüsterungen des kleinen Versuchungsteufelchens begleitet wird: "Nur einmal ...!" und wenn man dem nachgegeben hat "Jetzt hat es doch sowieso keinen Sinn mehr!" - und ähnliche Dinge.
Jason Fung unterscheidet drei Arten von Hunger, den physiologischen, den hedonistischen und den konditionierten. Alle drei von Fung genannten Arten überschneiden sich natürlich beim einen mehr und beim anderen etwas weniger, aber je nachdem, welche Art dominiert, liegt es eigentlich auf der Hand, daß unterschiedliche Lösungsansätze erfolgversprechend sind, wie das offenbar in seinem Buch beschrieben wird.
Der physiologische Hunger ist das, was den Magen knurren läßt, ein körperliches Signal, mit dem signalisiert wird, daß der Körper der Meinung ist, eigentlich wäre zum jeweiligen Zeitpunkt mal wieder eine Zufuhr an Nahrung zu erwarten gewesen. Es bedeutet aber nicht, daß diese Zufuhr nun unbedingt erforderlich ist. Wer regelmäßig fastet, kennt das Phänomen, daß man einen knurrenden Magen einfach aussitzen kann. Das Knurren hört ja ziemlich schnell wieder auf und kommt zwar in gewissen Zeitabständen wieder, verschlimmert sich aber nicht und hört immer von alleine wieder auf. Je länger man fastet, desto seltener entsteht es außerdem. Diese Sorte Hunger kann man außerdem bei einer Diät ganz gut vermeiden, indem man seinen Magen mit kalorienarmen Dingen füllt. Meiner persönlichen Diät-Erfahrung nach paßt sich der physiologische Hunger außerdem dem Rhythmus und Umfang der Diät-Mahlzeiten an. Der Magen knurrt dann brav erst dann, wenn die nächste Karotte geknabbert werden darf, und hört damit auf, nachdem die gemäß Erfahrung der letzten Zeit zu erwartende Menge verzehrt worden ist.
Physiologischer Hunger bei einer Diät ist am ehesten das Hauptproblem, wenn jemand seinen Stoffwechsel schon jahrelang mit einer unzureichenden Ernährung (zu wenig Nahrungsenergie generell oder evtl. auch zu wenig von einem bestimmten Nährstoff) drangsaliert hat. Dann kann es passieren, daß man wirklich ständig von physiologischem Hunger gequält wird. Die Besonderheit bei dieser Art von Hunger bei Diäten liegt darin, daß man diesen Hunger an sich jederzeit stillen könnte. Aber in jeder anderen Hinsicht ist es, wenn physiologischer Hunger das Problem ist, dieselbe Art von Hunger, die man hätte, wenn es die erforderliche Nahrung einfach nicht gäbe. Das heißt, es liegt ein Mangel zugrunde. Wer physiologischem Hunger nachgibt, tut meines Erachtens eigentlich das Richtige, auch wenn damit sein Abnehmerfolg nicht zustande kommt. Ich habe Leute noch nie verstanden, die glauben, die Nahrungsrationen des Hungerwinters 1945/46 seien das physiologische Optimum, mit dem man besonders lange gesund bleiben werde.
Was einen bei einer Diät viel häufiger schwach werden läßt, ist, siehe oben, aber der hedonistische Hunger, der als Eßlust eigentlich besser bezeichnet wäre: Man hat Lust, etwas mit einem ganz bestimmten Geschmack zu essen. Ist das nicht verfügbar, befriedigt es einen nicht, einfach irgendetwas anderes zu essen. Man phantasiert von diesem speziellen Essen, und falls man es zufälligerweise im Kühlschrank haben sollte, reicht dafür die Willenskraft nicht immer aus. Das unterscheidet ihn von dem "kulinarischen Kopfkino", das ich beim Fasten - meistens abends, wenn ich zu Bett gehe - öfter mal habe. Den Drang, das Zusammenphantasierte sofort haben zu müssen, habe ich dann nicht. Es ist mehr eine Art Vorfreude auf den bevorstehenden Genuß, wenn das Fastenintervall beendet ist.
Der Umgang mit dem hedonistischen Hunger ist bei nahezu jeder Methode, mit der das Körpergewicht kontrolliert oder reduziert werden soll, offen oder versteckt der weitaus wichtigere als der mit dem physiologischen Hunger. Für gewöhnlich bestehen die Lösungsvorstellungen bei konventionellen wie auch bei unorthodoxen Methoden der Gewichtsregulierung darin, einem diese Eßlust auf unerwünschte Arten von Essen möglichst abzugewöhnen. Das stieß mir auch bei dem vor einigen Jahren von Dr. Eenfeldt entwickelten Satiety-Index so unangenehm auf. In Ansätzen, die das Essen weniger lustvoll machen, steckt mir zu viel quasireligiöse Vorstellung von Sünde, Buße und Erlösung. Tatsächlich ist es mit dem Essen genau wie mit dem Sex: Es soll, verdammt nochmal, Spaß machen, nicht lediglich das Minimum an Nahrungsenergie zuführen, das benötigt wird, um zu funktionieren.
Theresia von Avila wird der Satz zugeschrieben: "Man soll dem Leib etwas Gutes gönnen, damit die Seele Lust hat, in ihm zu wohnen", und ich bin jetzt viele Jahre lang gut damit gefahren, dies auch so umzusetzen.
Tatsächlich wird der hedonistische Hunger aber meiner Meinung nach häufig mit der Art von Hunger verwechselt, der entsteht, wenn man seinem Leib zu lange zu wenig von dem gegönnt hat, was er für "etwas Gutes" hält, also ein Mangel an Nahrungsenergie oder bestimmten Nährstoffen besteht, mit dem sich der Stoffwechsel nicht abzufinden gedenkt - und der Stoffwechsel hat Mittel und Wege, um einen zu zwingen, ihm das zu geben, wonach es ihm verlangt. Der Hunger, der daraus entsteht, hat etwas Suchtartiges, besonderes Kennzeichen: Man kann nicht aufhören, nicht einmal, wenn es einem längst nicht mehr schmeckt und vielleicht sogar der Magen schon übervoll ist. So etwas hat aber gar nichts mit Hedonismus oder Lust zu tun, obwohl es oft dieselben Arten von Lebensmitteln betrifft. Es ist eher eine Zwangshandlung. Mir ist das bislang nur einmal passiert, daß ich diese Art von Hungergefühl erlebt habe, und ich war selbst daran schuld, weil ich damals über einen zu langen Zeitraum zu viele lange Fastenintervalle mit zu kurzen Eßphasen kombiniert hatte. Nachdem ich das korrigiert hatte, habe ich es in dieser intensiven Form nie wieder erlebt. Und weil nichts so schlecht ist, daß es nicht für irgendetwas gut wäre, weiß ich nun immerhin, wovon die Leute sprechen, die überzeugt davon sind, daß ihre Ernährung sie süchtig (nach Zucker oder was auch immer) gemacht hat.
Normale Eßlust - also: etwas Bestimmtes essen wollen, obwohl man gerade eigentlich gar keinen Hunger hat - bekommt man meiner Erfahrung nach nur äußerst selten, wenn man sich bei seinen Hauptmahlzeiten richtig satt ißt. Also: so lange ißt, bis man keine Lust mehr hat, weiterzuessen, also nicht nur der physiologische, sondern auch der hedonistische Hunger bei einer Mahlzeit vollständig befriedigt wurde. Das merke ich vor allem an Wochenenden, an denen wir ja erst um die Mittagszeit frühstücken, was später ist, als ich es aus eigenem Antrieb tun würde. Zwischen diesem Frühstück und dem Abendessen entwickle ich nur in Ausnahmefällen Lust auf irgendeinen Snack oder eine Süßigkeit. Oft genug könnte ich sogar das Abendessen ganz ausfallen lassen, aber das mache ich grundsätzlich nicht, wenn danach ein Fastentag folgt, und auch sonst eher selten, weil ich meistens schon das eine oder andere fürs Abendessen vorbereitet habe, und dann sollte ich es natürlich auch kochen. Ich merke dann aber, daß ich an solchen Tagen beim Abendessen viel schneller satt bin als sonst.
So ganz glücklich bin ich ja mit dem Rhythmus unserer gemeinsamen Mahlzeiten nicht, aber sie sind der beste Kompromiß, den wir finden konnten, also bleiben wir auch dabei, bis Gott ein Wunder tut und meinem Mann vielleicht doch noch die zwei Stunden früher Hungergefühle schenkt, die mir zu einem ausreichenden zeitlichen Abstand zwischen Frühstück und Abendessen verhelfen würden. Das jedenfalls führt bei mir dazu, daß ich gar nicht so selten esse, obwohl ich nicht hungrig bin, was eine Menge Leute, Laien wie Experten, für absolut des Teufels halten und fest davon überzeugt sind, dies sei der sicherste Weg ins Übergewicht. Da ich dieses Essen ohne Hungergefühl aber eigentlich immer gemacht habe, weiß ich es besser. Bevor ich mit dem Intervallfasten begonnen habe, habe ich damit zugenommen, und danach habe ich damit abgenommen. Es machte schlicht keinen Unterschied.
Der konditionierte Hunger hat mit Gewohnheiten zu tun. Wer es gewohnt ist, Punkt 12 Uhr zu essen, wird um diese Zeit Hunger bekommen. Oder man verbindet bestimmte Situationen mit dem Bedürfnis, meist auch bestimmte Dinge zu essen, etwa nachmittags zum Kaffee ein Stück Kuchen. Dieses Bedürfnis konnte ich früher nie nachvollziehen. Den Kuchen zum Nachmittagskaffee gibt es bei uns eigentlich erst, seit mein Mann um diese Zeit von seiner Frühschicht kommt und dann meistens den ganzen Tag noch nichts gegessen hatte. Und so verbinde ich unseren gemeinsamen Nachmittagskaffee auch mit dem Wunsch nach Kuchen. Hat er aber Spätschicht, trinke ich meinen Kaffee "trocken" und brauche keinen Kuchen dazu.
Im Podcast erwähnte Dr. Fung, das Hauptproblem in den USA bestünde darin, daß praktisch jede Situation dort mittlerweile mit Essen verknüpft sei, also der konditionierte Hunger eine bedeutende Rolle spiele.
Ich habe eine ziemlich kuriose Variante von konditioniertem Hunger an mir bemerkt: Normalerweise bekomme ich vormittags erst zwischen 9 und 10 Uhr Hunger. Außer, wenn ich bei meiner Mutter bin, dann habe ich tatsächlich sofort nach dem Aufstehen das Bedürfnis zu essen. Sobald ich wieder daheim bin, ist dieses Bedürfnis sofort wieder weg. Das finde ich schon interessant. Der Stoffwechsel merkt sich offenbar bestimmte Ernährungsmuster in auch spezielleren und seltener vorkommenden Situationen. Kein Wunder, daß es so schwierig ist, sich immer neue Methoden auszudenken, mit denen man doch nochmal zwei, drei Kilo loswerden kann, wenn er den Output mal wieder an den Input des Ernährungsmusters angepaßt hat.
Das sind also die Inhalte des demnächst erscheinenden Buches "The Hunger Code", die ich dem oben verlinkten Podcast entnommen habe, weil mir dazu das eine oder andere einfiel. Falls das Buch selbst mir noch weitere interessante Erkenntnisse bringen oder mich in anderen zum Widerspruch reizen sollte, schreibe ich nach der Lektüre noch eine richtige Rezension.
***
Am 19. Februar hatte ich zum ersten Mal seit dem 31. Januar wieder eine Maus in der Falle, eine ziemlich große, die aber deutlich weniger pummelig war als andere Mäuse ihrer Größe, die ich schon hatte. Sie wohnt jetzt wie ihre Kolleginnen am Flußufer, und ich hoffe, es geht ihr dort gut. Seither waren die Mausefallen wieder jeden Tag leer.
Den Garten habe ich jetzt seit Wochen nur betreten, wenn es unumgänglich war, weil ich unter der Woche extrem mit Arbeit ausgelastet war und es an den Wochenenden immer entweder lausig kalt war oder geregnet hat. Aber der Sonntag machte es dann endlich möglich, erst alleine und dann zusammen mit meinem Mann einen Rundgang durch den Garten zu machen und die Arbeiten zu besprechen, die in den nächsten Wochen dort anstehen. Eine dieser Arbeiten hat sich freilich schon bei dem Rundgang erledigt, denn der efeubewachsene tote Baum, den wir immer nur den "hohlen Zahn" nannten, weil er schon so arg wackelte, hatte sich über den Winter dermaßen extrem geneigt, daß er jeden Moment umkrachen konnte. Er wurde nur noch von einem Nadelgehölz gestützt, und da wir das sowieso loswerden wollten, hat mein Mann kurzerhand am heiligen Sonntag zur Säge gegriffen und es abgesäbelt. Den hohlen Zahn legte er dann um, indem er ihm einfach die Hände auflegte und kurz in die gewünschte Fallrichtung drückte. Da liegt er jetzt, und ich bin froh darüber, denn ich hatte mir echt Sorgen gemacht, daß er ausgerechnet auf die Gartenhütte fallen könnte.
So geht es jetzt also draußen endlich in die nächste Runde. Erst jetzt merke ich, wie sehr ich das vermißt hatte.