Mein Gewicht heute früh nach dem vierten von vier aufeinanderfolgenden Fastentagen: 73,7 Kilogramm. 200 Gramm weniger als vor zwei Wochen, das ist so lala und ein bißchen enttäuschend, zumal ich gestern früh noch auf ein heutiges Gewicht von 73 Kilo plusminus ein bißchen was hoffen konnte. Es kann aber sein, daß es etwas mit dem Temperaturanstieg zu tun hat, denn gestern abend wog ich - obwohl ich den ganzen Tag nichts gegessen hatte - ein volles Kilo mehr als am gestrigen Morgen.
Mal sehen also, wie sich die Sache weiterentwickelt. Die Flohsamenschalen während mehrtägigen Fastenintervallen haben sich jedenfalls ein zweites Mal bewährt und schützen möglicherweise auch vor Muskelkrämpfen. Ein guter Grund, sie bei mehrtägigen Fastenintervallen beizubehalten.
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Es ist gerade ja keine Zeit, in der allzuviel Optimismus verbreitet wird. Aber genau deshalb sollte man gute Nachrichten nicht verschweigen, und das ganz besonders, wenn sie unerwartet sind.
Wo steht es nämlich eigentlich geschrieben, daß menschengemachte Veränderungen immer unheilvolle Wirkungen haben müssen? Kann das nicht auch umgekehrt laufen? Dafür scheint es jetzt ein Beispiel zu geben.
In China boomt ja neuerdings bekanntlich die Erzeugung von Solarstrom - das alleine ist ja schon eine gute Nachricht. Denn niemand hätte China zwingen können, das zu tun. Daß China es trotzdem tut, sollte all denen zu denken geben, die glauben, das Klima wäre nur zu retten, indem man hierzulande Leute dazu zwingt, Dinge zu tun oder zu unterlassen, die sie von alleine nicht täten. Gescheiter wäre es meiner Meinung nach, sich mal mit der Frage zu befassen, was genau China überzeugt hat, sich aus freien Stücken dafür zu entscheiden, und ob Chinas Gründe nicht hierzulande auch ein überzeugendes Argument für erneuerbare Energien wären, die man entsprechend verbreiten müßte.
Die Sache hatte in mehr als nur einem der großen chinesischen Solarparks aber noch eine nicht erwartete positive Nebenwirkung: Das Wüstengebiet, in dem die Solarparks stehen, fängt plötzlich an, Vegetation zu entwickeln. Das hat zum einen mit dem Schatten durch die Solarpaneele zu tun, zum anderen mit dem heruntertropfenden Wasser, wenn sie gereinigt werden Das finde ich richtig spannend, denn laut dem Bericht geht man zwar davon aus, daß die Herrlichkeit rasch ein Ende finden würde, sobald der Solarpark nicht mehr betrieben würde. Aber so ein Solarpark wird ja schon für längere Zeiträume eingerichtet und wird deshalb so schnell nicht verschwinden. Die Frage ist, wie sich das örtliche Mikroklima verändert haben wird, wenn der Solarpark einmal ein bis zwei Jahrzehnte Bestand gehabt haben sollte und vielleicht dann abgebaut wird. Das kann sogar dann dauerhafte Veränderungen bedeuten, wenn es keinen Plan gibt, auf welche Weise man die neu gewonnene Nicht-Wüste sich bewahren kann - und ich kann mir nicht vorstellen, daß es einen solchen Plan dann nicht ohnehin geben wird.
Der zu üppige Bewuchs brachte die Betreiber sogar in Verlegenheit, weil die Solarpaneele zuzuwachsen drohten. Es ergab sich daraus als einfachere Lösung, als regelmäßig zu mähen, dort einfach Schafe weiden zu lassen, die nun natürlich auch den Boden kontinuierlich düngen und damit natürlich weiter verändern.
In Deutschland wiederum gibt es erste Projekte, in denen eine Wiedernaturierung von Moorlandschaften mit Solarparks kombiniert werden.
Das finde ich richtig spannend. Wer weiß, wie sich solche Gebiete innerhalb einiger weiterer Jahre noch entwickeln und welche neuen Möglichkeiten sich daraus ergeben, die den Risiken des Klimawandels unerwartete neue Chancen entgegensetzen können?
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Ob die neue baden-württembergische Landesregierung ebenfalls ein unerwarteter Lichtblick ist, muß sich in der Praxis erst noch erweisen. Ich bin ja bekennender Nichtwähler und bevor ich die Partei des neuen Ministerpräsidenten jemals wieder wähle, müssen noch viele bislang ungeschehene Dinge geschehen. Aber ich muß zugeben, Winfried Kretschmann hat im Lauf der Zeit meinen Respekt erworben, auch deshalb, weil er sich sozusagen als der Manfred Rommel unter den Grünen erwiesen hat: jemand, der ein eigenes Wertesystem mitbringt und danach handelt, auch wenn dies quer zur offiziellen Parteilinie steht. Boris Palmer, für den das an sich ebenfalls gilt, fiel mir im Vergleich zu Kretschmann aber meistens eher unangenehm auf, weil er von seinem verstorbenen Vater, Helmut Palmer, einen gar zu starken Hang zu Polemik geerbt zu haben scheint. So etwas ist genau wie sein Dickschädel auch etwas sehr Schwäbisches, und mir sind solche Leute allemal noch lieber als solche, die ihr Mäntelchen immer nach dem Wind hängen. Aber im Moment brauchen wir eher Leute, die durch ihr ausgleichendes Wesen befähigt sind, Mehrheiten zu überzeugen, als solche, die einen ununterdrückbaren Drang haben, wider den Stachel zu löcken.
Am Rande erwähnt: Der 95jährige Nachbar, der uns beim Schneiden unserer Obstbäume unterstützt hat, schwört heute noch auf die Helmut-Palmer-Methode beim Bäumeschneiden. Jetzt, wo unsere beiden alten Apfelbäume wieder voll belaubt sind, kann ich jedenfalls mindestens bestätigen, daß unsere Bäume für diese Art von Schnitt ziemlich dankbar wirken.
Zurück zur neuen Landesregierung. Anfangs sah die Sache ja nicht sonderlich vielversprechend aus, als nach der Wahl die CDU sofort damit anfing, wieder herumzustänkern. Bei allem Verständnis für ihre Enttäuschung nach der knappen Wahlniederlage, ich habe erst einmal laut aufgelacht, als einige Verblendete in der CDU laut in den Medien darüber nachdachten, die Verhandlungen platzen zu lassen und damit Neuwahlen zu erzwingen. Denn wie vernagelt muß man eigentlich sein, um nicht zu begreifen, wie sehr die Wähler sich dadurch verarscht vorgekommen wären und wie wenig sich die CDU jetzt noch leisten kann, sie zu verarschen. Nach einer Neuwahl hätte die CDU nie im Leben den Ministerpräsidenten gestellt. Das einzige, was sie zu erwarten hatte, war eine ungünstigere Verhandlungsposition in den Koalitionsverhandlungen als nunmehr eindeutiger Juniorpartner. Und selbstverständlich hätten sie nebenbei auch der AfD ein paar zusätzliche Prozentpunkte verschafft. Die bloße öffentliche Gedankenspielerei war meiner Meinung nach deshalb verantwortungslos, aber man muß auch am machtpolitischen Verstand derer zweifeln, die auf diese Schnapsidee gekommen sind.
Daß es die Verblendeten in der Ländle-CDU immer noch gibt, zeigte die Ministerpräsidentenwahl, in der Özdemir deutlich weniger Stimmen bekam, als sie Grüne und CDU zusammen hatten. Aber immerhin reichte die Verblendung nicht so weit, daß sich unter diesen Leuten auch welche gefunden hätten, die zusammen mit der AfD abstimmten, als die AfD ihnen mit dem Antrag, über einen Ministerpräsidenten Manuel Hagel abzustimmen, einen ziemlich verlockenden Köder hinwarfen. Es macht mir dann doch wieder ein bißchen Mut, daß in der CDU wenigstens niemand dieser Versuchung nachgegeben hat. Mögen tun diese Verblendeten die AfD dann doch nicht, sie mögen nur die Grünen auch nicht. Aber sie sollen die Grünen ja auch nicht heiraten, sondern nur eine Koalition mit ihnen eingehen.
Es gibt da seit einiger Zeit einen Podcast, Machtwechsel, von Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander über die aktuelle Bundesregierung und ihre Politik, und an ihm finde ich besonders interessant, daß er so gut auseinanderfitzelt, welche von außen gar nicht erkennbaren Kräfte innerhalb der Parteien wirksam werden, wenn über Regierungsfragen verhandelt, gestritten und wie am Ende die Kompromisse ausgeknobelt wurden. Ich höre das momentan regelmäßig und mit Interesse, finde es aber immer wieder bizarr, wie weit weg von der gesellschaftlichen Realität solche parteiinternen Querelen wirken, in denen es vor allem um innerparteiliche - oder in einer Koalitionsregierung um zwischenparteiliche - Machtspielchen geht, bei denen es vor allem darum geht, innerhalb der Partei die Fliehkräfte unterschiedlicher Richtungen auszubalancieren. Denn, Überraschung, Parteien bestehen nicht aus lauter Parteisoldaten, die alle dieselbe Meinung haben. In allen Parteien gibt es verschiedene Flügel, deren Vorstellungen von guter Politik sich beträchtlich unterscheiden können. Einen gemeinsamen Nenner zu finden - innerhalb einer Partei wie auch zwischen den Parteien einer Koalitionsregierung - mag unvermeidbar sein. Was mich daran so stört, ist, daß Parteitaktik offenbar einen weitaus höheren Einfluß auf Gesetzesvorhaben hat als das Interesse der Gesellschaft, und auch die Kommunikation, die über die Medien stattfindet, vor allem das Ziel hat, für sein jeweiliges Lager möglichst viele Vorteile zu bekommen. Und wenn man dafür vorher erst noch einen Bürgerkrieg oder den Sieg einer faschistischen Partei auslösen muß! Die Gruppendynamik innerhalb der bestehenden politischen Parteien bietet nur Anreize zu verantwortungslosem Verhalten, und das zu unser aller Schaden.
Jedenfalls, an das, was ich aus diesem Podcast mitgenommen habe, mußte ich denken, als die ersten Stimmen in BW aufkamen, die das Platzen der Koalitionsverhandlungen in Kauf genommen hätten. Da spielte offensichtlich nur innerparteiliches Gedöns in der CDU-Echokammer eine Rolle, obwohl es doch an sich nichts als Beobachtung des Wählerverhaltens früherer Jahre plus etwas logisches Denken gebraucht hätte, um sofort zu begreifen, daß die CDU sich, würde sie Neuwahlen provozieren, nur ins eigene Knie schießen konnte. Wieso erkannten die Verfechter dieser Lösung das nicht selbst? Warum konnten Vernünftigere in der Partei sie nicht überzeugen? Diese Art von Betriebsblindheit wirkt sich jedenfalls verheerend aus, was die Herangehensweise an die Probleme betrifft, weil sie - für jeden Bürger erkennbar - gar nichts mit ihrem eigenen Wohl und Wehe zu tun hat. Sie weckt den Anschein, daß man sich kaum noch verschlechtern würde, wenn man die AfD wählt. Das ist zwar ein Irrtum, aber es ist auch eine Folge der Erkenntnis, wie egal wir alle den etablierten Partei geworden sind. Wir sind im Zweifelsfall immer unwichtiger als der Hinterbänkler, den man unbedingt im Boot halten muß (und der sich um uns natürlich auch nicht weiter schert).
Wie auch immer, als man in Baden-Württemberg dann endlich soweit gewesen war, die Koalitionsverhandlungen aufzunehmen, ging auf einmal alles ganz schnell, und die ersten Absichtserklärungen nach deren Abschluß ließen mich sogar aufhorchen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich mir zu viele Hoffnungen mache, aber mir schien da ein neuer Ton enthalten zu sein, und so kam es, daß ich mir während des Fensterputzens auch die Regierungserklärung von Ministerpräsident Özdemir anhörte, um herauszufinden, ob ich diesen neuen Ton darin wiederfinden würde.
Das meiste, was Özdemir sagte, klang dann zwar recht konventionell - wie es ein routinierter Redenschreiber eben immer fabriziert -, aber das Ende fand ich recht interessant und zitiere jetzt mal einen Teil daraus:
... die neue Landesregierung steht für eine neue bürgerliche Politik. Der Begriff „bürgerlich“ steht dabei nicht für das Einkommen, für den Lebensstil oder für Äußerlichkeiten. Er steht für die richtige Balance zwischen Eigensinn und Gemeinwohl. Denn wir sind beides: Individuen, die ihren eigenen Kopf haben, eigene Ideen und eigene Interessen, und gleichzeitig sind wir Teil einer Gemeinschaft. Wir sind aufeinander angewiesen, und mehr noch: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.
Der Begriff „bürgerlich“ steht für die Einsicht, dass Freiheit und Verantwortung zusammengehören, dass wir Bürgerrechte und Bürgerpflichten haben. Er steht für den Respekt gegenüber Mitmenschen und Institutionen. Er steht für den Wert der Eigeninitiative. An manchen Stellen brauchen wir weniger Anspruchsdenken und mehr Verantwortungsbereitschaft: anpacken, mitmachen, Verantwortung für sich selbst und für andere übernehmen – so wie es in Baden-Württemberg jeden Tag geschieht.
Für uns als politisch Verantwortliche heißt das: Zu oft haben wir versprochen, was wir nicht halten können – und den Eindruck erweckt, der Staat könne vor allem und jedem schützen. Aber der Staat kann uns nicht jedes Risiko abnehmen. ... Unsere Demokratie lebt von Bürgerinnen und Bürgern, die sich einbringen und Verantwortung übernehmen. Sie zieht ihre Kraft aus dem gemeinsamen Handeln. Damit staatliches Handeln wirksam ist, braucht es aktive Bürger als Gegenstück.
Dieser Zusammenhang ist uns als Landesregierung wichtig. Und ich spreche ihn aus, weil leichtfertige Versprechen der Politik am Ende immer das Gleiche bewirken: Sie zerstören Vertrauen. Vertrauen aber ist die wichtigste Ressource einer Demokratie – gerade in Zeiten wie diesen. Wir brauchen dieses Vertrauen – zwischen Regierung und Bevölkerung, aber auch untereinander. Denn was vor uns liegt, gelingt nur gemeinsam. ...
Die beiden fett markierten Passagen sind Schlüsselpassagen, allerdings muß ich zugeben, ich bin mir nicht sicher, wie neu und originell sie sind, weil ich jetzt natürlich nicht alle Regierungserklärungen der letzten Jahre durchlesen kann. Vielleicht sind es ja nur die üblichen Lippenbekenntnisse, auch wenn die neue Landesregierung in manchen Bereichen einen neuen Ton gesetzt hat, und ich das mit diesem Wissen im Hinterkopf las. Ich weiß auch nicht, was Özdemir vor dem geistigen Auge hatte, aber ich jedenfalls hatte für beide Passagen ein sehr konkretes Bild:
Zum Ersten die Verbindung der individuellen Interessen mit denen einer Gemeinschaft. Ich glaube, ich weiß nämlich, warum das Bewußtsein für dies so stark erodiert ist. Es ist ja das von allen Seiten einschließlich der Politik als Selbstverständlichkeit unausgesprochen vorausgesetzte Ideal, daß jeder Bürger in jeder Lebenslage alleine zurechtzukommen können muß, also ohne Hilfe von anderen. Wo für jemanden dieses Ideal nicht erreichbar ist, soll er niemanden um Hilfe bitten müssen, wie das noch vor ein paar Jahrzehnten für normal gehalten wurde, sondern hat Ansprüche an den Staat. Das ist einerseits gut gedacht, es soll die Würde des Betroffenen wahren. Aber wenn man sich die aktuellen Debatten um die Grundsicherung anschaut, ist klar, daß der Staat gerade an diesem Anspruch, die Würde von Hilfeempfängern zu wahren, eindeutig scheitert. Denn stattdessen wird man ja von den Ansprechpartnern bei den Ämtern abhängig. Und da gibt es zwar wirklich auch fähige und faire Menschen, aber es ist reine Glückssache, ob man bei so jemandem landet, wenn man Hilfe vom Staat braucht. Das Gegenüber kann stattdessen ein bösartiger kleiner König sein der seine Macht gegenüber den ihm Ausgelieferten auskostet - und ausgeliefert ist man seinem Fallmanager erst einmal auf Gedeih und Verderb. Ein erbsenzählender Paragraphenreiter, der es bestimmt nicht einmal böse meint, kann ebensoviel Unheil anrichten.
Ich breche die Analyse an dieser Stelle ab, obwohl es noch viel dazu zu sagen gäbe.
Wir brauchen aber tatsächlich wieder mehr Gemeinschaften, die Gelegenheiten geben, sich auf Augenhöhe bei Bedarf in manchen Lebenslagen gegenseitig unterstützen zu können, ohne dies als Primärzweck zu verfolgen. Das Ideal "Ich will mir immer alleine helfen können" - dem ich sehr wohl lange Zeit auch gehuldigt habe - ist nämlich eine Mogelpackung. Sie funktioniert auf Kosten von sozialen Beziehungen, in denen man sich gegenseitig immer auch allerhand Freundschaftsdienste leistet, und ersetzt diese durch bezahlte Dienstleistungen, also wieder: Ansprüche statt freiwilliges Entgegenkommen. Es hat mich erstaunt und auch betrübt, wieviele Freundschaften sich lockerten und irgendwann ganz versackten, als ich nicht mehr andauernd alle möglichen Leute um Hilfe bitten mußte - und meinerseits von ihnen um Hilfe gebeten wurde, wie das bei Alleinerziehenden bis zu einem gewissen Alter ihrer Kinder ja kaum vermeidbar ist. Als ich wirtschaftlich halbwegs autark geworden war, also mich dem Ideal ziemlich weit angenähert hatte, stellte ich fest, daß ich immer weniger und immer losere soziale Beziehungen hatte.
Es ist vernünftig, sich in Gemeinschaften zu bewegen, in denen man Hilfe bekommen und Hilfe geben kann, und zwar auf freiwilliger Basis und aus einem Bewußtsein der Verbundenheit heraus. Das alles ersetzt keine staatlichen Hilfen, aber es kann auch helfen, nicht in die Hilfsbedürftigkeit gegenüber dem Staat hinein- oder schneller wieder aus ihr herauszukommen, es kann moralisch unterstützen und kleine Erleichterungen mit sich bringen - und es fühlt sich auch gut an, wenn man trotz der eigenen Situation auch anderen in dieser oder jener Sache hilfreich ist. Aber vor allem wäre es ein Mittel gegen dieses Gefühl des Ausgeliefertseins irgendwelcher merkwürdiger Mechanismen, staatlicher oder wirtschaflticher, und natürlich auch gegen die Einsamkeit, die - wenig überraschend - als Folge des langjährigen Ideals des "sich immer alleine Helfens" neuerdings zur Volkskrankheit erklärt wird. Es bringt Menschen außerdem dazu, sich anderen Meinungen auszusetzen, die sie nicht mögen, und auch das wirkt psychisch stabilisieren und stabiliert damit auch politisch.
Zum Zweiten bin ich schon seit Jahrzehnten der Meinung, der Staat ist einerseits zu übergriffig geworden, und das gerade im Bereich der persönlichen Risiken, etwa im Bereich Gesundheit. Aber andererseits hat jeder neue staatliche Schutz in diesem Bereich den Menschen nicht etwa das Gefühl vermittelt, besser geschützt zu sein, sondern sofort mindestens ein halbes Dutzend Forderungen nach sich gezogen, wo man sonst überall noch geschützt werden müsse, meistens solche, die strukturell ähnliche Dinge betrafen. Mit jeder Sache, die ihrer eigenen Entscheidung entzogen wird, scheinen Menschen auch ihre Befähigung zu verlieren, sich um ihre Angelegenheiten selbst zu kümmern. Und weil sie sich subjektiv unfähig dazu fühlen, soll es dann halt der Staat richten. Da der Staat aber schon jetzt mit seinen selbstauferlegten Aufgaben überfordert ist, möchte er natürlich nicht noch weitere übernehmen müssen.
Diesen Geist hat er selbst aus der Flasche gelassen, und so wäre es sein Job in diesem Spannungsfeld, neu zu definieren, was seine Aufgaben sind und was nicht, und dies mit einem roten Faden zu versehen, der einer Mehrheit einleuchtet und an dem man sich bei künftigen Rufen nach staatlichem Eingreifen orientieren kann, um zu beurteilen, ob dies zu Recht gefordert wird oder man verlangen könnte, daß die Leute sich selbst helfen.
Wieviel von meinen Gedanken in Özdemirs Forderungen stecken - vielleicht viel, vielleicht wenig, vielleicht gar nichts -, wird sich zeigen. Mein Eindruck war aber immerhin, daß die Regierung Özdemir/Hagel sich das Ziel gesetzt hat, ein Gegenentwurf zur Bundesregierung und deren Art, ihre Aufgaben anzugehen, zu werden und damit vorzumachen, wie man konstruktive Politik macht und miteinander als Koalitionspartner anständig umgeht. Ob das durchgehalten werden kann, bleibt abzuwarten, ebenso, ob das auch für die Fokussierung auf Landesinteressen anstelle von Parteiinteressen gilt. Sie bemühten sich jedenfalls im Moment, eine entsprechende Haltung zu vermitteln, und das überzeugend genug, daß ich ihnen die gute Absicht jedenfalls einmal abkaufe. Wenn sie jetzt noch eine überzeugende Vision liefern, wo wir als Gesellschaft hinwollen, kann das mit etwas Glück der Befreiungsschlag der bürgerlichen Mitte werden, den die Bundesregierung nicht liefern kann, weil sie gar nicht kapiert, wo ihre Hauptfehler liegen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, daß man auch finanzielle Einschnitte den Leuten vermitteln kann, wenn sie als Teil eines Gesamtkonzepts erkennbar sind, mit dessen Zukunftsvisionen sie sich grundsätzlich identifizieren können.
Übrigens, auch als Nichtwähler hätte ich in einer direkten Entscheidung Cem Özdemir Manuel Hagel vorgezogen, weil er viel mehr politische Erfahrung mitbringt, nicht nur in der Sachpolitik, sondern auch im Umgang mit den unvermeidlichen innerparteilichen Fliehkräften. Daß der Hagel seinen Partei-(Sau-)Laden viel weniger im Griff hat, war angesichts seines Alters anzunehmen und man konnte es dann ja nach der Wahl auch live besichtigen, daß dieser Verdacht richtig war. Was die CDU da für ein Bild abgegeben hat, fällt natürlich auch auf Hagel zurück. Jetzt hat er fünf Jahre Zeit, im Amt zu wachsen und sich zu profilieren, danach sieht man weiter. Daneben finde ich es aber auch ziemlich schick, daß ausgerechnet das in großen Teilen ländlich geprägte Baden-Württemberg so wenig Probleme mit Özdemirs türkischen Wurzeln hatte, daß es als erstes Bundesland einem solchen Spitzenkandidaten zum Amt verholfen hat. Eigentlich hätte man ja eher vermutet, daß dies in einem der Stadtstaaten passieren würde, also Berlin, Hamburg oder Bremen.
Ich bin der Meinung, die Band Füenf sollte ihren Song "Mir im Süden" um eine neue Strophe ergänzen, die dies thematisiert. Denn mir im Süden sind zwar vielleicht weniger dick aufgetragen progressiv und tolerant, als das in Berlin die einschlägigen Kreise immer so demonstrativ zelebrieren, und deshalb wollen wir auch einen Ministerpräsidenten, der so schwätzt wie onseroiner au. Da Özdemir das tut, ist er von hier und ist auch für bodenständige Dörfler in jedem Fall wählbarer als irgendein Kandidat, der gestochenes Hochdeutsch redet. Der Gedanke, jemanden, der Schwäisch schwätzen kann, für aus irgendwelchen verschwurbelten rassistischen Theorien heraus irgendwie genetisch problematisch zu halten, hat sich hierzulande bei der letzten Landtagswahl somit als nicht mehrheitsfähig herausgestellt. Und das ist in jedem Fall positiv.
Diese Landesregierung hat eine große Chance, nämlich sich so vorteilhaft von der Entscheidungsfindung innerhalb der Bundesregierung abzuheben und vielleicht sogar - etwa mit den kühnen Plänen zum Bürokratieabbau - mit zukunftsweisenden Weichenstellungen bundesweit Maßstäbe zu setzen. Ob sie diesem Anspruch gerecht wird, werden wir sehen.
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Die Sache mit den Split-Klimaanlagen wird langsam konkret. Die letzten Tage habe ich mich noch einmal intensiver mit den auf dem Markt erhältlichen Geräten befaßt und stieß bei einem Hersteller, dessen Gerät in unserer engeren Wahl ist, auf einen Nachweis der Kältetechnik-Unternehmen in unserer Region, die dessen Anlagen verbauen. Eigentlich wollte ich ja eines direkt bei uns im Teilort beauftragen, aber dieses gehört leider nicht dazu. Dafür fand ich in dieser Liste aber eines, das ausschließlich Klimaanlagen verbaut - und ausdrücklich mit deren Heizmöglichkeiten wirbt. Das war nämlich der eine Punkt, der mir ein bißchen Sorgen gemacht hatte: Alle anderen Unternehmen, die ich gecheckt habe, bieten nicht nur Klimaanlagen, sondern alle möglichen haustechnischen Leistungen, darunter auch alle möglichen Heizlösungen an. Nirgends wurde aber das Heizen mit Klimaanlagen auch nur erwähnt, und so fragte ich mich schon, ob so ein Unternehmen uns vielleicht als Heizung nur widerstrebend ein Klimagerät einbauen würde, da wir uns weder für Solarthermie noch für eine Luft-Wasser-Wärmepumpe begeistern lassen würden, und ob es überhaupt genügend Erfahrungen mit dieser Nutzungsart mitbringt, nicht nur technisch, sondern auch, was die Förderung betrifft. Denn heizen mit Klimaanlagen bedient ja weiterhin eine Nische.
Hinzu kommt aber außerdem, daß dieser Nischenstatus vermutlich dafür sorgt, daß dieses spezialisierte Unternehmen etwas weniger überlaufen ist als diejenigen, bei denen man von Öl über Gas bis Wärmepumpe alles mögliche an Heizlösungen bekommen kann. Nun gut, jetzt ist natürlich die Jahreszeit, in der man auch wegen der Kühlung auf solche Unternehmen bereits zukommen könnte, aber mit ein bißchen Glück fällt das dem durchschnittlichen Klimaanlagen-Auftraggeber erst ein, wenn die Situation da ist, also die Innentemperaturen sich den 30 Grad nähern.
Einstweilen habe ich den Kältetechniker noch nicht erreicht, womöglich ist er im Pfingsturlaub. Aber ich bin jetzt soweit, diese Sache aktiv in Angriff zu nehmen. Dafür haben wir den letzten Wohnungsverkauf auf August verschoben, in der Hoffnung, daß das Gebäudemodernisierungsgesetz bis dahin durch ist.
Seit gestern besitze ich erstmals ein eigenes Smartphone, das ich im Herbst auf eine knapp einwöchige Reise mitnehmen will, eigentlich nicht so sehr zum Telefonieren, sondern eher, um Fotos machen und direkt verschicken zu können. Es geht nämlich an den Geburtsort meiner Mutter. Aber ich habe bereits festgestellt, daß dieses Gerät sehr nützlich ist, um herauszufinden, welche der in letzter Zeit aus dem Boden gekommenen Pflanzen bei uns im Garten die von uns freudig erwarteten Gemüsepflanzen sind und welche Unkraut. Ohne das Smartphone wüßte ich beispielsweise nicht, daß meine Alexandra-Kartoffeln - die letzten, schon arg verschrumpelten hatte ich kurzerhand neben der Terrasse eingepflanzt - tatsächlich kommen. Wir haben aber auch noch an anderer Stelle die kleinsten der im letzten Herbst ausgebuddelten Kartoffeln reingesetzt, und die kommen auch. Aber als dritte Kartoffel-Stelle kamen auch noch drei Überraschungs-Pflanzen, wohl aus Kartoffeln, die ich letzten Herbst beim Ernten übersehen hatte - etwas entfernt von der Stelle, wo ich gegraben hatte; daß da auch noch Kartoffeln sein könnten, hatte ich nicht erwartet. Mein Anfängerglück setzt sich also fort. Letztes Jahr wuchsen die Kartoffeln unerwartet zwischen allen möglichen anderen Pflanzen, vulgo Unkraut. Dieses Jahr will ich meinen Kartoffelpflanzen etwas mehr Freiraum verschaffen, und nebenbei lerne ich dann dank der Pflanzenbestimmungs-App auf meinem Smartphone auch endlich die Namen all dieser Unkräuter, die sich bei uns breitmachen.