Mein Gewicht heute früh nach zwei von drei Fastentagen: 79,6 Kilogramm. Morgen werde ich wohl ungefähr wieder im gleichen Bereich sein wie nach drei Fastentagen vor zwei Wochen (77,8 Kilogramm). Vielleicht ein kleines bißchen höher. Das ist jetzt halt so. Übrigens habe ich es während meiner Reise bemerkt, daß die Hosen und engere Oberteile ein wenig strammer sitzen, also kann ich die Zunahme um den Bauch herum lokalisieren. Ob mir dazu eine vernünftige Idee kommt, darüber denke ich nach, sobald ich wieder Zeit habe, denn im Moment ist das nicht der Fall. Von morgen bis zum Sonntag wird es bei mir sehr hektisch, das ist auch der Grund, warum ich den Blogartikel heute schon schreibe.
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Eli Lilly und Novo Nordisk, die Hersteller der beiden wichtigsten GLP1-Agonisten (vulgo: "Abnehmspritzen"), haben laut der Washington Post seit 2018 mehr als einer Viertelmillion (!) Ärzten mindestens einmal eine finanzielle Zuwendung zukommen lassen. Kann das wirklich USA-weit gemeint sein, nicht weltweit? Gibt es in den USA überhaupt 250.000 Ärzte? Freilich, damit sind nicht alleine Geld-Zuwendungen gemeint, sondern auch andere Arten von materiellen Vergünstigungen, etwa auch Einladungen in ein Restaurant für individuelle Ärzte. Erwähnen sollte man außerdem, daß die Abnehmspritzen damit zwar besonders engagiert promotet wurden, aber dasselbe auch bei anderen Arten von Medikamenten üblich ist, etwa bei Migräne-Medikamenten, von deren Herstellern 200.000 Ärzte Zuwendungen bekamen. Aber auch für Beiträge in wissenschaftlichen Zeitschriften über die Abnehmspritzen werden Ärzte von den Pharmakonzernen bezahlt. Kritische Stimmen sind in solchen Fällen natürlich eher nicht zu erwarten, also dürfte die gesamte wissenschaftliche Debatte eine Schlagseite haben, in der Erfolge eher übertrieben und Nebenwirkungen eher heruntergespielt werden. Die Zuwendungen sind in den letzten zwei, drei Jahren erheblich mehr geworden. Die Abnehmspritze als solche bräuchte eigentlich diese Art von Werbung längst nicht mehr. Das Zeug funktioniert bei den meisten ja erheblich besser als die sonst so beworbenen Abnehmmethoden und das macht sie zu einem Selbstläufer. Aber natürlich will jeder Pharmakonzern, daß Ärzte sein Mittel verschreiben, nicht das der Konkurrenz. Darauf zielen die Werbemaßnahmen bei den Ärzten augenscheinlich ab.
Jedenfalls ist es kein Wunder, daß inzwischen jeder fünfte Amerikaner bereits Erfahrungen mit der Abnehmspritze hat. Aber weil 80 Prozent von ihnen innerhalb von maximal zwei Jahren mit der Verwendung wieder aufhören - was zwangsläufig eine Wiederzunahme bedeutet -, ist der Markt noch weit davon entfernt, gesättigt zu sein. An einer Stelle wird im Artikel erwähnt, daß nur 11 Prozent aller Amerikaner mit einem BMI über 40 aktuell mit der Abnehmspritze behandelt werden. Die restlichen 89 Prozent sind somit ein heiß umkämpfter Markt, auch wenn man mehr als genug Patienten hat, die von vornherein mit einem niedrigeren BMI beginnen.
Neuerdings, nämlich seit Juli diesen Jahres, scheint in den USA Medicare, die dortige Krankenversicherung, die Kosten für die Abnehmspritze bei Diabetes-Patienten zu übernehmen (für privatzahlende Nichtdiabetiker zwischen 900 und 1200 Dollar im Monat, aber bestimmt bekommen Krankenversicherungen sie etwas günstiger). Da haben bei den Herstellerkonzernen bestimmt die Sektkorken geknallt, da immerhin zwölf Prozent der US-Bevölkerung Diabetes haben. Da werden die bislang vergleichsweise niedrigen Krankenversicherungsbeiträge auf Einkommen bestimmt ein Stück nach oben gehen.
Stichwort "Selbstläufer": Meine Reise nach Tschechien bot mir als Gruppenreise mal wieder interessante Einblicke, daß jedenfalls unter Frauen nahezu jede in irgendeiner Weise aktiv darum bemüht ist, mindestens das Gewicht zu halten. Die Methoden sind dabei ganz verschieden, es gab auch Intervallfasten-Varianten und Kohlenhydrat- bzw. Zucker-Reduzierer darunter. Überwogen haben allerdings diejenigen, die über große Portionen stöhnten und sich vor dem Gang auf die Waage nach der Heimkehr fürchteten oder die Hälfte des Fleischs oder der Knödel liegenließen (was ein Jammer ist, denn beides war überall ausgezeichnet). In jedem Fall taten sich manche der Damen ausgesprochen schwer damit, sich selbst die Erlaubnis zu geben, das ausgezeichnete und alles andere als kalorienarme tschechische Essen wirklich zu genießen. Die etwas spannenden Hosen bei mir schon vor Beginn der Reise habe ich ja erwähnt, aber das hat mich natürlich nicht daran gehindert, nach dem Lustprinzip zu essen und zu trinken. Da ich das immer so mache, war ich auch nicht sonderlich überrascht darüber, daß ein etwaiger Einfluß auf mein Gewicht, als ich wieder daheim war, so gut wie gar nicht wahrnehmbar gewesen ist.
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Die anderen Damen repräsentierten das Übliche, ich bin eine Ausnahme. Das Körpergewicht und Bemühungen um dessen Kontrolle sind der rote Faden im Leben der meisten Frauen und immer mehr Männer. Trotzdem muß man nach Experten für Ernährung, die sich darauf einen Reim zu machen versuchen, warum all die gut gemeinten Ratschläge das statistisch gemessene Übergewicht ums Verrecken nicht reduzieren zu können scheinen, immer noch mit der Laterne suchen. Üblich ist es, daran zu glauben, daß die 90 Prozent aller Abnehmenden, denen es nicht gelingt, ein Wunschgewicht zu erreichen oder es dauerhaft zu halten, entweder selbst daran schuld sind oder Opfer der Heimtücke der Lebensmittelindustrie, die sie süchtig gemacht hätte. Eine dritte Variante des wissenschaftlichen Mainstreams zu dieser Frage, die Überzeugun, wir seien immer noch nicht aufgeklärt genug über die Gesundheitsrisiken des Übergewichts, sonst wären wir alle miteinander gertenschlank (merkt eigentlich niemand, daß sich diese drei Annahmen in Teilbereichen widersprechen?), repräsentiert auch ein Epidemiologe, der kürzlich in der TAZ seine Vorstellung davon zu Papier brachte, daß wir Deutschen etwas für unsere Lebenserwartung tun müßten und was das seiner Meinung nach wäre. Natürlich soll das durch Prävention geschehen, und natürlich bezog er sich dabei auf die üblichen vier Todsünden des Lebensstils nach Meinung der Präventionsreligion: Ernährung, Bewegung, Alkohol, Rauchen. Herr Professor Zeeb in einem TAZ-Interview:
Die Herz-Kreislauf-Sterblichkeit ist der Treiber dieser etwas geringeren Lebenserwartung. Da geht es ja im Vergleich nur um halbe oder einzelne Jahre. Aber auf die Gesamtbevölkerung bezogen ist das natürlich viel verlorene Lebenszeit.
Mit anderen Worten: Wer das Rauchen, Saufen und Fressen bleibenläßt und sich neben allen unvermeidbaren Aufgaben im Alltag, die um die Erwerbstätigkeit einerseits und die Familie andererseits kreisen, anstelle von dem, was man mit dem Rest seiner Zeit gerne anfangen würde, durch Bewegungsprogramme und sportliche Aktivitäten quält, gewinnt wenig für sich selbst, aber wenn alle das machen, poliert das mindestens die Statistik seines Vaterlandes auf. So jedenfalls könnte man das lesen. Aber gemeint war hier wohl eher (weil nämlich nur das einen Sinn ergibt), daß im internationalen Vergleich der Durchschnittswert der Lebenserwartung in Deutschland niedriger liegt als in anderen Ländern. Nur um ein paar Monate, und dem Herrn Prof. scheint bewußt zu sein, daß das auf viele Menschen harmlos wirken könnte. Tatsächlich sind die Unterschiede in den individuellen Fällen zwischen den Viel- und den Wenig-Sündern aber schon etwas größer.
Daß es keine Gar-nicht-Sünder gibt, versteht sich eigentlich von selbst, aber unausgesprochen ist diese Annahme trotzdem immer mit im Spiel, wenn an unseren Lebensstil-Entscheidungen herumkritisiert wird. Das wird von Präventionsideologen offenbar für ziemlich praktisch gehalten. Ein chronisch schlechtes Gewissen sorgt für mehr Compliance, das ist dabei wohl der Grundgedanke. Ob es Menschen mit einem chronisch schlechten Gewissen gleichzeitig gutgehen kann, danach fragt keiner. Ich kann als Fazit meiner Reise bestätigen, daß es an der Compliance mindestens bei den Frauen nur bei wenigen stärker hapert (zum Beispiel bei mir, aber als verstockte Ernährungssünderin darf ich das auch), und daß sie sich pausenlos dafür entschuldigen, wenn sie doch mal nicht widerstehen können. Ich kann außerdem bestätigen, daß es sich bei diesen "Sünden" um Kleinigkeiten handelt, die eigentlich gar nicht ins Gewicht fallen sollten. Und es ärgert mich sehr, mit ansehen zu müssen, wie sehr das das Leben von Millionen Menschen alleine hierzulande pausenlos überschattet, obwohl das eigentlich gar nicht sein müßte. Denn auch wenn meine Methode gerade auch nicht die Wirkung zeigt, die ich haben möchte, bin ich doch immer noch weniger weit von einer Lösung entfernt als die meisten Experten.
Klammern wir hier die Frage aus, daß bei der Ernährung falsche Grundannahmen über die Rolle der Nahrungsenergie vermutlich eine Schlüsselrolle dabei spielen, warum sich die Leute mit ihrem Körpergewicht so sehr quälen, weil ich darüber nicht nur ständig schriebe, sondern weil ich auch ein übergreifendes Problem mit sämtlichen aufs Korn genommenen Todsünden habe.
Die Frage, die ich mir stelle, ist, warum andauernd so ein Theater um die möglichen Gründe für ein vorzeitiges Ableben gemacht wird, die man den Verstorbenen selbst in die Schuhe schieben kann, und warum so wenig über die meinem Eindruck nach nicht weniger häufigen Fälle gesprochen wird, in denen falsche Diagnosen und/oder falsche Behandlungen und/oder eine fehlerhafte wissenschaftliche Grundlage für Diagnosen und Therapien einen vorzeitig ins Grab bringen.
Danach zu fragen ist auch kein Whataboutism. Ich finde es wirklich unheimlich, wie eisern diese von mir aufgezählten und meinem Eindruck nach nicht gerade seltenen Beschleuniger eines vorzeitigen Ablebens meistens beschwiegen werden, obwohl es sie tatsächlich gibt. Jeder kennt zum Beispiel Fälle im eigenen Umfeld, in denen jemand vom Arzt eine falsche Diagnose bekommen hat, die lebensgefährlich war, und die Mehrheit hat das sogar schon selbst erlebt. Mir ist das auch schon passiert, und zwar mehr als einmal. Böse ausgehen können hätte vor allem die freitägliche Fehldiagnose des Allgemeinmediziners, der eine Bauchhöhlenschwangerschaft bei mir für Streßsymptome gehalten hatte. Da ich ihm glaubte, unternahm ich anschließend ein Wochenende lang nichts, obwohl es nicht besser wurde (allerdings auch nicht schlimmer). Mein Gynäkologe raufte sich, als ich montags zu ihm hineinwankte, das spärliche Haupthaar und ich wurde noch am gleichen Tag notfallmäßig operiert. Als er nach der OP zu mir ins Zimmer kam, war er grün im Gesicht und sprach davon, daß das eine "haarige Sache" gewesen sei.
Ich nehme an, meistens gehen solche Dinge am Ende, so wie bei mir, doch noch gut aus, aber wenn es durchschnittlich jeden im Lauf seines Lebens mindestens einmal trifft, daß also ein Fehldiagnose lebensbedrohlich gewesen ist (und das ist vermutlich noch konservativ gerechnet und umfaßt außerdem nur die Fehldiagnosen, die als solche überhaupt erkannt wurden), dann würde das bei 80 Millionen Einwohnern immerhin 800.000 potentielle vorzeitige Todesfälle im Lauf von deren Leben bedeuten. Gehen wir von einer Lebenserwartung von 80 Jahren aus, wären das also 10.000 pro Jahr.
Diejenigen, bei denen die Sache nach der Fehldiagnose tödlich endete, können nicht mehr selbst darüber berichten. Man darf aber getrost davon ausgehen, daß ein Teil dessen, was Angehörige von Verstorbenen erzählen, die ihrer Meinung nach vom behandelnden Arzt unter die Erde gebracht wurden, durchaus berechtigte Kritik enthält, auch wenn man nicht alles und in jedem Detail für bare Münze nehmen kann und Ärzten außerdem zugestehen muß, daß sie wie alle Menschen fehlbar sind und deshalb Fehldiagnosen nie völlig vermeidbar sind. Trotzdem stimmt es mich sehr unzufrieden, daß man erstaunlích wenig über Bestrebungen hört und liest, die Zahl der solchermaßen ausgelösten vermeidbaren Todesfälle zu reduzieren, indem man die häufigsten Ursachen für Fehldiagnosen analysiert und ihnen mit geeigneten Mitteln gegenzusteuern versucht. Schlimmer noch, man hört ja schon wenig über das Phänomen als solches.
Fehlbehandlungen bei richtiger Diagnose geraten noch am ehesten in den Fokus medialer Kritik, aber auch da darf man vermuten, daß die Dunkelziffer gewaltig ist. Denn ich kann mich an keinen Fall in meinem Umfeld erinnern, in dem nach einem Todesfall, in dem das mit im Spiel war, die trauernden Angehörigen eine Aufarbeitung verlangt hätten, die ja grundsätzlich möglich ist. Ich nehme an, die meisten Angehörigen, die den Verdacht einer Fehlbehandlung haben, würden es sich nicht zutrauen, sie gegenüber Fachleuten nachzuweisen, die ja außerdem als Angehörige derselben Zunft eher als Verbündete des Arztes betrachtet werden müssen. Aber neben diesen Fällen gibt es noch eine riesige Grauzone in denen die Behandlung dem State of the Art entspricht, aber dieser erkennbar verbesserungswürdig wäre. Das gilt für viele Bereiche aus den sogenannten nichtübertragbaren Krankheiten, und bei denen kommt noch hinzu, daß möglicherweise falsche Behandlungsmethoden einem auch dann aufgedrängt werden, wenn man selbst eigentlich das Risiko einer Nichtbehandlung auf sich zu nehmen bereit wäre.
Tatsächlich will ich auch gar nicht deshalb länger leben, nur um diesem Herrn Professor nicht seine verdammte Statistik zu versauen, denn das ist ja das einzige, was ihn an einem etwaigen längeren Leben der bisherigen verstockten Lebensstil-Sünder interessiert. Dafür lebe ich mein Leben nicht. Wenn es nur um diese Sache ginge, hätte ich überhaupt kein Problem, morgen einen Spaten zu schultern, mir auf dem Gottesacker selbst mein Grab auszuheben und mich sofort hineinzulegen. Ich lebe gerne und möchte das noch zwei, drei Jahrzehnte lang weiter tun, aber halt nicht um jeden Preis. Wenn ich wählen könnte, dann würde ich ein kürzeres Leben, das wirklich lebenswert ist, allemal einem längeren Leben vorziehen, in dem ich dreiviertel der Zeit damit beschäftigt bin, Dinge zu tun, die ich hasse, und mir andere Dinge zu verkneifen, die nicht zu tun ich ebenfalls hasse, wenn die Belohnung dafür nur darin bestehen soll, diese Strafarbeit einige Monate oder Jahre länger als andernfalls ausüben zu müssen. Egal, wie viele Leute das anders sehen (was ebenfalls legitim ist): Das wäre mir die Mühe, die Verzichtleistungen und die Trübseligkeit einfach nicht wert.
Zu dem Geist, der in der Präventionsideologie verborgen ist, habe ich in dem Buch, das ich gerade gelesen habe - nämlich Hermann Hesses "Das Glasperlenspiel" (diese Lektüre hatte ich schon seit mehreren Jahrzehnten vor mir hergeschoben) - ein treffendes Zitat gefunden:
Ihr Mathematiker und Glasperlenspieler ... behandelt die Weltgeschichte wie ein Mathematiker, die Mathematik, wo es nur Gesetze und Formeln gibt, aber keine Wirklichkeit, kein Gut und Böse, keine Zeit, kein Gestern, kein Morgen, nur eine ewige, flache, mathematische Gegenwart. ... Jede Wissenshaft ist, unter anderem, ein Ordnen, ein Vereinfachen, ein Verdaulichmachen des Unverdaulichen für den Geist. ... Wenn der Anatom aber nur noch sein Schema sieht und die einmalige, individuelle Wirklichkeit seines Objekts darüber vernachlässigt, dann ist er ein Kastalier, ein Glasperlenspieler, er treibt Mathematik am ungeeigneten Objekt.
(Hesse, GPS, S. 179/180 der Taschenbuchausgabe)
Dieses Zitat, in dem es um die Herangehensweise an das Fach Geschichte geht, paßt perfekt auch auf die Zahlenspielereien des Herrn Professor Zeeb. Das Erschütternde daran ist, daß solche Dinge in den Medien nicht einmal hinterfragt werden, wenn sie darüber berichten. Man findet dort nichts daran falsch, daß der Mensch nichts weiter ist als die ihm am besten (aber immer nur unvollkommen) entsprechende Nachkommastelle in einer Statistik. Und weil niemand es falsch zu finden scheint, glauben so viele ebenfalls, daß es nicht falsch sein könne.
Aber es geht ja außerdem in der Epidemiologie immer um eine Statistik, die nur einen Teilaspekt der flachen mathematischen Gegenwart der Epidemiologen umfaßt. Da kann es dann aber passieren, daß die verschiedenen untersuchten Faktoren Ergebnisse erbringen, die nicht so recht zusammenpassen.
Die Wirkung von Salz auf den Blutdruck und die Wirkung eines hohen Blutdrucks auf die Sterblichkeit lassen die Schlußfolgerung logisch erscheinen lassen, man könne folglich die Sterblichkeit durch möglichst geringen Salzkonsum reduzieren. Nur, warum gibt es dann auch Studien, in denen beispielsweise bei älteren Menschen die Sterblichkeit bei denen mit dem geringsten Salzkonsum am höchsten war? In der Salzfrage fehlt es augenscheinlich an der Kenntnis des einen oder anderen Einflußfaktors, die ebenfalls berücksichtigt werden müßten, um einem Patienten eine Empfehlung geben zu können, bei der man halbwegs sicher sein kann, daß der wohlmeinende Herr Doktor ihn nicht aus Versehen mit seinem Rat umbringt. Und ich bestehe darauf, daß es die Sache nicht besser macht, wenn derselbe Rat manchen anderen Patienten halt doch hilft, länger am Leben zu bleiben. Etwas mehr Demut vor der irrsinnigen Menge der Dinge, die die Epidemiologie nicht weiß und vielfach auch gar nicht wissen kann, fände ich im Umgang mit dem einzelnen Patienten wirklich angebracht.
Etwas weniger Respektlosigkeit vor dem freien Willen gegenüber denjenigen, die sich aus Zeebs Perspektive gesundheitlich unvernünftig verhalten, wäre darüber hinaus auch angebracht. Es ist gut, richtig und wichtig, über Gesundheitsrisiken zu informieren. Ebenso ist es richtig, vermeidbare Risiken zu verringern, die außerhalb der Entscheidungsmöglichkeiten der Patienten liegen. Wenn diese Weißkittel aber ständig so tun, als wären wir eine beliebig formbare und auf einen fremddefinierten Pfad der Tugend zu schubsende Masse, die nicht imstande sei, selbst eine Abwägung zu treffen, welche gesundheitlichen Risiken man wissentlich eingehen will und welche nicht, dann ist das ein Frontalangriff auf die Würde jedes einzelnen Betroffenen - und da es kaum jemanden geben wird, der nicht von einem dieser Bereiche betroffen ist, ist es ein Angriff auf die Würde des Menschen generell. Wir werden mit diesen Angriffen aber tagtäglich dauerbeschallt, es gibt allenfalls punktuell in Einzelaspekten Widerspruch, und niemand scheint zu begreifen, daß am Grundgedanken etwas verkehrt sein könnte.
Genau deshalb unterstütze ich es auch, daß mein Mann sich entschieden hat, diese absurde Menge an Medikamenten abzusetzen, obwohl ich nicht ausschließen kann, daß er damit sein Leben verkürzen wird. Er sagt, er lief, seit er das Zeug nahm, den ganzen Tag wie im Halbschlaf herum, schaffte es morgens kaum aus dem Bett, bekam mehrmals am Tag Nasenbluten und hatte nach hundert Metern Schmerzen beim Laufen. Er ist bereit, das Risiko eines eventuell verfrühten Todes zu akzeptieren, weil er jetzt endlich wieder das Gefühl hat, wirklich lebendig zu sein, das er anderthalb Jahre lang nicht hatte. Sich im Hier und Jetzt lebendig fühlen ist ein Wert, den man sehr wohl gegen die Möglichkeit abwägen kann und darf, länger zu existieren und dabei seine Existenz dauernd als wenig lebenswert zu empfinden.
In diesen mit Zahlen unterlegten Debatten läuft einiges ganz schrecklich falsch, und das gilt nicht nur für den Gesundheitsbereich. Man sagt von manchen Leuten, sie kennen von allem den Preis und von nichts den Wert, und dies hier geht in dieselbe Richtung. Meiner Meinung nach besteht der eigentliche Grund für die schwindende Bereitschaft, die Demokratie für eine Grundlage guten Lebens zu halten, darin, daß wir seit mindestens zwei oder drei Jahrzehnten immer von allen Seiten implizit vermittelt bekommen, es sei für uns ausreichend, überhaupt zu leben, Spaß, Genuß und Lebensqualität müßten wir dabei nicht auch noch haben. Weil auf diese Weise mittlerweile in allen Lebensbereichen argumentiert wird, steigt die Zahl derer, die in so vielen Bereichen betroffen sind, daß es unnatürlich wäre, wenn das bei ihnen keine Existenzängste auslösen würde, Ängste, in denen es nicht um das Überleben an sich, sondern um ein lebenswertes Weiterexistieren geht.
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Am Wahlabend befand ich mich gerade auf der Abschiedsfeier der Reisegruppe in einem Lokal, als die Wahllokale schlossen. Ungefähr um 19 Uhr ging ich auf eine Zigarette hinaus und checkte nebenbei auf dem Handy, das ich ja mittlerweile doch angeschafft habe, wie es in Sachsen-Anhalt gerade mit den Hochrechnungen aussah. Danach ging ich wieder rein und bestellte mir erst mal einen Schnaps. Nicht, daß ich sonderlich optimistisch gewesen war - und sogar die optimistischsten Überlegungen aus meinem letzten Beitrag hätten eine sehr unangenehme Situation bedeutet -, aber das war noch übler, als ich es erwartet hatte. Lediglich der allerschlimmstmögliche Fall, nämlich eine AfD-Alleinregierung, ist ausgeblieben. Dafür reicht es jetzt AfD plus BSW locker, und ich würde mein letztes Hemd darauf verwetten, daß sich sich einigen werden. Jedenfalls dann, wenn Putin nicht inzwischen völlig pleite sein sollte.
Umgekehrt kann nur ein Zusammenschluß aller Parteien einschließlich BSW gegen die AfD regieren. Nur, wie sollte das funktionieren, da ja die CDU sich weiterhin weigert, mit den Linken zusammen zu regieren?
Vermutlich ist das letztere auch der Grund dafür, daß die CDU eine noch schlimmere Vollklatsche bekommen hat, als die Umfragen es befürchten ließen. Die AfD wollte sie halbieren, hatte Merz versprochen. Jetzt hat sie sich selbst mehr als halbiert. Die AfD hatte dafür in absoluten Zahlen (wenn auch nicht prozentual, wegen der hohen Wahlbeteiligung) fast dreimal so viele Wähler wie beim letzten Mal. Alleine durch den Anteil ihrer jetzigen Wähler, die bei der letzten Landtagswahl zu Hause geblieben waren, hätte sie ihren Stimmenanteil beinahe verdoppeln können. Aber es sind ja auch den Parteien des "Nicht-AfD-Blocks" (nicht meine Wortwahl, siehe Abbildung) Wähler davon- und zur AfD übergelaufen.
Eigentlich müßte sogar unsere vernagelte Politikerriege da doch endlich einmal begreifen, daß das, was sie verändern muß, um ihre Wähler zurückzugewinnen, etwas viel Grundsätzlicheres ist als sachpolitische Entscheidungen. Es muß endlich einmal Abschied genommen werden von einigen bislang immer bequemen Lebenslügen, wenn man das Land nicht endgültig gegen die Wand fahren will.Wir brauchen eine Grundsatzdebatte über die Rolle des Bürgers in der Gesellschaft. Und wir brauchen einen respektvollen Umgang mit ihm. Wir brauchen keine Gouvernanten, die einem immer mehr persönliche Entscheidungen qua Gesetz oder mittels Nudging abnehmen, wenn es darum geht, uns vor möglichen Fehlentscheidungen zu schützen, mit denen wir uns selbst schaden. Wir brauchen das auch nicht, wenn ein potentieller Schaden für andere nur marginal ist. Kein Pädagoge würde empfehlen, einem Kind möglichst alles, was es vielleicht noch nicht kann, aus der Hand zu nehmen und selbst zu machen. Irgendwann und irgendwo habe ich mal geschrieben, wenn man die Leute wie Kleinkinder behandelt, fangen sie ziemlich schnell auch an, sich wie Kleinkinder benehmen. Genau das können wir gerade auch besichtigen, und damit meine ich nicht nur die AfD-Wähler (die aber natürlich auch). Die Leute verlieren die Befähigung, eigene Entscheidungen zu treffen (analog zur "Käfigverblödung", die Konrad Lorenz einst bei Vögeln feststellte), aber nicht nur das. Sie entwickeln auch eine ungesunde Anspruchshaltung, und das nicht nur gegenüber dem Staat, weil sie auch immer weniger selbst entscheiden wollen und nach einer Mama rufen, die ihnen das abnimmt.
Dieses Stimmungsbild aus einem kleinen Ort in Sachsen-Anhalt fand ich interessant, weil ich im Anschluß an diese Wahl tatsächlich schon zweimal in Debatten mit "normalen Leuten" kam, die es gut fanden, daß die AfD gewonnen hat, und sich dies auch anderswo bzw. auf Bundesebene wünschen würden. Beide Debatten verliefen dem Anlaß angemessen hitzig und kontrovers, aber am Ende haben wir uns trotzdem noch in die Augen sehen und die Hände schütteln können. Vermutlich ist es das, was es viel mehr geben müßte. Wo die AfD noch eine eindeutige Minderheit ist, haben diejenigen, die sie (zu Recht) für gefährlich halten, SO eine große Klappe und man wird schon angefeindet, wenn man zugibt, einen von "denen" auf der Straße freundlich zu grüßen. Aber genau dies führt dazu, daß die demokratische Mehrheit an den Rändern immer mehr abbröselt, weil es weltfremd, arrogant und selbstgerecht ist, und auf eine unangenehme Weise selbstbezogen außerdem, und weil es die Leute zu häufig dazu zwingt, zu heucheln, was dem menschlichen Charakter selten sonderlich guttut.
Auf ein Stimmungsbild bei Bluesky kann ich hier, glaube ich, verzichten. Das Wehgeschrei ist ohrenbetäubend, die Schuldzuweisungen auch, die verlinkten Medienberichte bringen einen bei der eigentlich wichtigen Frage, nämlich wie mit der Sache jetzt umzugehen ist, überwiegend keinen Schritt weiter. Es spielt nämlich überhaupt keine Rolle, ob die AfD-Wähler alles Faschisten sind, wie der von mir eigentlich geschätzte Robert Misik in der TAZ schrieb, oder ob es anders ist. Viel wichtiger ist die Feststellung, daß ungefähr die Hälfte von ihnen noch vor fünf Jahren nicht die AfD gewählt hat, es aber jetzt tut. Vielleicht waren sie insgeheim ja schon immer verkappte Faschisten, aber auch das bringt einem einer Antwort auf die Frage nicht näher, was jetzt damit zu tun ist. Auch wenn sie Faschisten sein sollten, wie sehen dann eigentlich die zugehörigen Vorschläge aus? An die Wand stellen? Deportieren? (Nur, wohin?) Ins Umerziehungslager stecken?
Etwaige Reparaturmaßnahmen, falls irgendwer sich zu diesen bequemen sollte, müssen an der Frage ansetzen, was in diesen fünf Jahren aus Nicht-AfD-Wählern AfD-Wählern gemacht hat. Egal, ob man dafür normale Bürger zur Vernunft bringen oder offene Faschisten wieder in verkappte Faschisten verwandeln muß oder wie auch immer man es sonst bezeichnen möchte, AfD-Wähler dazu zu bringen, ihr Kreuz nicht mehr bei der AfD zu setzen: Es ist völlig egal, wie man es nennt, solange es nur geschieht. Es hätte schon viel früher geschehen müssen, aber es lohnt sich nicht, sich darüber zu ereifern. Der richtige Zeitpunkt, um etwas zu tun, was früher versäumt wurde, ist immer genau jetzt.
"Wer gestern diese AfD wählte, der will das Schiff untergehen sehen, weil er glaubt, dass er nicht darauf sitzt", faßte Christian Bangel in der ZEIT in einem ansonsten vorhersehbar mittelmäßigen Kommentar, wie er in der ZEIT so häufig ist, sehr prägnant zusammen. Das ist es, was man AfD-Wählern in diesen oder anderen Worten klarmachen muß. Die sind sich nämlich wirklich überwiegend sicher, daß es für sie selbst kein Risiko enthält, eine AfD-Regierung zu bekommen. Die meisten blicken nämlich keineswegs über den Tellerrand ihrer eigenen Befindlichkeiten hinaus. Mit Moral und dem, was die AfD für andere Leute, etwa den pakistanischen Nacharn, bedeuten würde, braucht man denen gar nicht zu kommen. Das ungute Bauchgefühl müssen sie schon aus Besorgnis um ihre eigene kostbare Person bekommen.
Belegbare Risiken, die mir spontan einfallen, die man auch einem AfD-Wähler mal aufs Butterbrot schmieren kann:
1) Die ersten Gratulanten in Sachsen-Anhalt waren deren Fans Donald Trump und Elon Musk. Wer die Verhältnisse, wie sie gerade in den USA herrschen, nicht im eigenen Land haben möchte, der sollte die AfD nicht wählen. Und das trifft auf viele AfD-Wähler zu. Es herrscht ein naiver Glaube daran, daß die Demokratie eine Selbstverständlichkeit ist und daß man die AfD, wenn sie sich im Amt nicht bewährt, ja einfach wieder abwählen könne. Nun, Donald Trumps Regierung macht es live und in Farbe vor, daß man, wenn man sich das Ziel setzt, nicht mehr abgewählt werden zu können, erschreckend weit dabei kommen kann. Die Midterms werden es zeigen, ob man, um das Ziel zu erreichen, doch ein bißchen mehr Kreide hätte fressen müssen.
2) Für Leute, die von "Putins billigem Gas" schwärmen (so ein Wundertier ist mir nämlich wahrhaftig auch über den Weg gelaufen): Putin ist auch nicht der Freund derer, die sich in Deutschland für ihn als nützliche Idioten einsetzen. Putins Gas ist außerdem keineswegs billig, sondern ein trojanisches Pferd: eine Waffe, die er bereits vor dem Krieg (und das nicht zum ersten Mal) gegen uns eingesetzt hat. In den zwölf Monaten, bevor Rußland die Ukraine überfallen hat, haben die Russen uns nachweislich schon im Frühjahr kein Gas mehr geliefert, augenscheinlich mit dem Ziel, uns mit möglichst wenig Gas in die Heizperiode starten zu lassen und uns dann, wenn der Angriff auf die Ukraine kommen würde, mit leergelaufenen Tanks leicht unter existenziellen Druck setzen zu können. Putin hatte lediglich das Pech, daß der Winter 21/22 ziemlich mild war, andernfalls wären wir durch ihn kinderleicht erpreßbar gewesen.
Darüber wird in der öffentlichen Debatte merkwürdig wenig gesprochen, und das ist ein Fehler. Wer uns alle wissentlich so etwas auszusetzen bereit ist, dem wäre es ganz recht geschehen, wenn er im Februar 2022 in seiner Wohnung erfroren wäre, wie das ja in Putins Plan allermindestens billigend in Kauf genommen wurde. Aber ich bin mir ziemlich sicher, die wenigsten AfD-Fans wissen das, da es von den Wählern des "Nicht-AfD-Blocks" ja ebenfalls nur wenige wissen. Und außerdem hätten die AfD-Fans, wenn ihnen das klar gewesen wäre, schon vor 2022 allesamt ihre Häuser auf Wärmepumpe umgestellt. Die wollen nicht erfrieren. Sie sind einfach nur blöd. Aber in diesem Punkt urteilen sie auch wegen eines Informationsdefizits falsch.
Die Liste ist beliebig erweiterbar und sollte nach nachweisbarer Faktenlage erweitert werden, und zwar nicht durch dystopische Szenarien, sondern durch Fakten, die sich als bereits geschehen nachweisen lassen.
Erreicht man damit alle AfD-Wähler? Nein. Natürlich nicht. Aber diejenigen, denen die AfD vor fünf Jahren noch kein Kreuzchen auf dem Stimmzettel wert war, die sollten zu einem großen Teil erreichbar sein. Unter ihnen sind eine Menge, die deshalb die AfD wählen, weil die Bundesregierung genauso inkompetent ist wie die AfD auch, aber anders als sie keine Ahnung davon hat, wie man die Aufgabe angeht, einer verunsicherten Bevölkerung ein Gefühl zu geben, man sei bei ihr in guten Händen.
