Donnerstag, 5. September 2024

Evidenzbasiertes "Garbage in - Garbage out". Oder: Wie man die Adipositaskrise nicht lösen wird

Mein Gewicht heute früh nach drei aufeinanderfolgenden Fastentagen: 75,1 Kilogramm. Leider ist mein Mandelproblem zwar besser geworden, aber immer noch nicht ganz vorbei, also lege ich diese Zahl mal nicht auf die Goldwaage.

Es gibt aber auch erfreuliche Nachrichten: Gestern haben wir den Darlehensvertrag endlich unterzeichnen können. Einen Tag vor dem Notartermin heute nachmittag. Das war echt eine Punktlandung, und das sieben Wochen und einen Tag nach Start der Finanzierungsanfrage. Damit gelangen wir hoffentlich mit dem Hauskauf endlich mal in ruhigeres Fahrwasser. Einen Spannungsbogen wie in einem Roman brauche ich da echt nicht, ich ziehe gepflegte Langeweile allemal vor, jedenfalls bei Dingen, die einfach nur funktionieren sollen. Die Abwicklung ist eng genug getaktet, daß wir keinerlei weiteren Suspense brauchen können, das wird auch so anstrengend genug.

Die Beraterin hat sich im zweiten Anlauf des Darlehensvertrags immerhin erkennbar ins Zeug gelegt, das war ebenfalls eine erfreuliche Überraschung. Ohne ihren Einsatz wäre die Sache nicht mehr termingerecht in trockene Tücher gebracht worden, und das rechne ich ihr hoch an und habe ihr auch ausdrücklich dafür gedankt. Im ersten Anlauf hatte ich immer das Gefühl, ihr sei alles scheißegal. Aber womöglich war es ja auch so, daß sie intern zu wenig Rückhalt hatte und somit selbst in einer Zwickmühle war, wenn sie mit Details unserer Finanzierung nicht zurechtkam. Natürlich wär es unmöglich gewesen, uns gegenüber darüber auch nur andeutungsweise etwas verlauten zu lassen. Sie ist außerdem noch sehr jung, also vielleicht zählten wir wirklich zu ihren allerersten Beratungskunden. In dem Fall können wenige Monate hin oder her schon einen Riesenunterschied an erworbener Erfahrung bedeuten, und vielleicht ist das ein Teil der Erklärung, warum sie plötzlich auf uns so viel motivierter wirkte und tatsächlich auch hilfreicher war. 

Das eigentliche Problem war meiner Meinung nach ein strukturelles innerhalb der Bank, und zwar eines, das schon vor fünf Jahren bestanden hat. Damal bekam die Bank von mir nach abgeschlossener Finanzierung konstruktives Feedback, weil ich dachte, wir seien Opfer eines noch nicht rund laufenden neuen Prozesses geworden, denn der war gerade erst eingeführt worden, und die Bank sei aufgeschlossen für so was, weil sie sowieso noch ein Feintuning vornehmen wolle. Da aber in fünf Jahren alle damaligen Probleme noch vorhanden und sogar noch neue hinzugekommen sind, habe ich dieser Bank innerlich bereits gekündigt. Der tatsächliche Rückzug wird natürlich schrittweise erfolgen. Es besteht ja kein Grund für eine Panikaktion. Ich nehme an, der Wechsel unserer Hausbank wird bis Ende 2025 abgeschlossen sein.

***

Cochrane hat im Bereich der sogenannten evidenzbasierten Medizin einen Ruf wie Donnerhall. In eigenen Worten: 

Cochrane ist ein internationales Forschungsnetzwerk, das seit über 30 Jahren systematische Übersichtsarbeiten („Cochrane Reviews“) produziert. Diese Übersichtsarbeiten fassen den aktuellen Wissensstand der Forschung zu Fragestellungen aus Medizin und Gesundheit zusammen und bewerten die Belastbarkeit der zugrundeliegenden Studienergebnisse. Damit bilden Cochrane Reviews eine zentrale Grundlage der evidenzbasierten Medizin.

Unter dem Link erfährt man Näheres über die Aufgaben und Arbeitsweise des Forschungsnetzwerks, das allgemein als Quelle besonders verläßlicher Informationen zu Gesundheitsfragen gilt. Deshalb müßte es sich eigentlich lohnen, zu erfahren, was der Cochrane Review zur Frage von Intervallfasten und dessen Einfluß auf Gesundheitsrisiken im Bereich Herz/Kreislauf enthält. Leider ist das aber nicht der Fall.

Im Wortlaut zur Herangehensweise: 

Wir fanden 26 relevante Studien; wir nutzten die Ergebnisse von 18 Studien für den Vergleich der verschiedenen Ernährungsweisen. ... Die Studien verglichen Intervallfasten mit dem normalen Essverhalten (in sieben Studien), Diäten mit Kalorienbeschränkung (acht Studien), sowie das normale Essverhalten und Diäten mit Kalorienbeschränkung (drei Studien). Die Studien dauerten von vier Wochen bis zu sechs Monaten. Die Ergebnisse wurden nach drei Monaten (kurzfristig), und zwischen drei und 12 Monaten (mittelfristig) berichtet. 

Die Mühe, solche Kurzzeit-Studien auszuwerten, hätte sich Cochrane genausogut sparen können. Spannend wird die Sache ja sowieso erst nach Ablauf von zwölf Monaten, auch was die Abnahmewirkung betrifft, bei der Cochrane dem Intervallfasten bescheinigt, ungefähr gleich wirksam wie andere Arten von Diäten zu sein. Das trifft für solche kurzen Zeiträume zweifellos zu, nur ist es nicht relevant, wenn man Wissenschaft nicht als Spielerei um ihrer selbst willen betreibt, sondern nach Herangehensweisen sucht, die Menschen wirklich gesünder machen können.

Die Abnahmewirkung kam in diesem Review sowieso nur am Rande vor. Aber da erfolgreiche Abnahmen - und zwar im Gegensatz zu Jojo-Abnahmen - auch einen positiven Einfluß auf Herzerkrankungen haben, liegt die Annahme nahe genug, daß auch zum eigentlich untersuchten Bereich dieser Review ein Fall von "Garbage in - Garbage out" war. Denn ob Intervallfasten mit derselben Häufigkeit wie andere Diäten zu bloßen Jojo-Abnahmen führt, wäre die eigentlich interessante Frage gewesen, die wurde aber gar nicht gestellt.

Apropos Garbage.

Es gab zur Gewichtsfrage einen Jubelbericht meiner speziellen Freunde vom Bundeszentrum für Ernährung: Juhu, der Zuckerkonsum von Kindern ist in den letzten Jahre gesunken. Und das ganz erheblich. Wie segensreich für die Gesundheit der Kinder! Hier die Grafik aus der im Bericht besprochenen Studie: 

figure 1

Warum zum Teufel ist dann aber parallel dazu der Anteil der Kinder mit Adipositas gestiegen? Und vor allem, warum wird das im Bericht nicht einmal erwähnt?

Wurde 2012 noch bei rund 22.400 Mädchen und Jungen im Alter bis 14 Jahre die Diagnose Adipositas gestellt, waren es im Jahr 2021 bereits 27.200 Betroffe­ne.
Und nein, die Corona-Lockdowns sind es nicht, jedenfalls nicht komplett, behauptet jedenfalls die verlinkte Quelle. Sie erklären nur einen Teil der Entwicklung. Ich fand leider die Quelle nicht bzw. in der angeblichen Quelle nicht die richtigen Textpassagen. Erwähnen sollte man außerdem, daß diese Alarmmeldung auch auf Kritik gestoßen ist.

Wäre Zucker der maßgebliche Faktor, hätte ein so deutlich sinkender Zuckerkonsum eigentlich die Zahl von übergewichtigen Kindern sinken lassen müssen, wenigstens zwischen 2010 und 2019, da Corona zugegebenermaßen ein Sondereffekt war. Am nächsten kommt einem Vergleich zwischen 2010 und 2019 die Auswertung der KiGGS-Studien von 2003 bis 2006 sowie 2014 bis 2017. So richtig überzeugend wird in ihm aber keine Wirkung des auch innerhalb dieses Zeitraums gesunkenen Zuckerkonsums angezeigt:

 

Wird nur Adipositas alleine betrachtet, sieht die Sache jedenfalls umso besser aus, je jünger die Kinder sind: 

 

Jetzt habe ich nur folgendes Problem: Gerade die jüngsten Altersgruppen unter den Kindern konsumieren laut der Zuckerkonsum-Studie in Wirklichkeit mehr Zucker als die älteren und Mädchen - bei denen die Adipositas-Entwicklung etwas besser aussieht - mehr Zucker als Jungen: 

Einen Sinn ergeben solche Ergebnisse nur, falls die Rolle des Zuckers überschätzt wird. Damit will ich nicht behaupten, daß Zucker gar keine Rolle spielt. Aber den Zuckerkonsum noch nachdrücklicher als bislang zu bekämpfen, wird die Adipositaskrise schwerlich lösen können. Mich irritiert das unheimlich, daß dieser Weniger-Zucker-Jubel von einer Institution, die praktische Hilfe in Ernährungsfragen zu bieten behauptet, so unreflektiert und ohne auch nur einen Versuch, eine tatsächliche gesundheitliche Wirkung zu ermitteln, erfolgt ist. Niemand interessiert sich in diesem Wissenschaftsbereich offenbar für Zusammenhänge und niemand stellt die Fragen, auf die es eigentlich ankommen würde, also sind auch Ratschläge aus dieser Quelle immer "Garbage in - Garbage out"-verdächtig. Ich kann nur dazu raten, alles, was von dort kommt, lieber noch einmal selbst zu überprüfen. 

Für mich kristallisiert sich immer deutlicher heraus, daß die berühmten "nicht übertragbaren Krankheiten" zu einem beträchtlichen Teil Stoffwechselerkrankungen sind und durch Ernährungsmodifikationen geheilt oder wenigstens gelindert werden können. Und der Forschung zu diesem ganzen Kram, vom Übergewicht über Herzerkrankungen bis zu Demenz und Krebs, fehlt im Moment dieser Ausgangspunkt. 

Ein möglicher Ausgangspunkt wäre eine Antwort auf die Frage, ob sich Korrelationen des Anteils an hochverarbeiteten Lebensmitteln in einem Land (einer Bevölkerungsgruppe oder anderem) und dem Anteil an Adipositas in diesem Land nachweisen lassen. Dieser Gedanke kam mir, als ich die Zusammenfassung einer Präsentation sah (ich glaube, diese Präsentation hier (die freilich von 2023 ist), war gemeint oder ist jedenfalls eine frühere Version der in der Zusammenfassung gemeinten), in der folgende Textpassage vorkam: 

UPFs now provide near or more than half of the calories in diets in developed countries such as Canada (47%) the USA (60%) and the UK (57%), with lower but increasing proportions in middle-income countries such as Brazil (20%).
Das könnte nämlich eine Antwort auf die Frage sein, worin sich die USA von anderen Ländern unterscheiden, denen sie ja auch bei der Adipositas voraus sind. Für Deutschland wird übrigens ein UPF-Anteil von 50 % Prozent geschätzt. Die Schätzung stammt allerdings von der DGE und ist damit per se nicht so richtig vertrauenswürdig. Im weltweiten "Adipositas-Ranking" liegt Kanada geringfügig vor UK, aber ziemlich weit über Deutschland (USA: Platz 10, Kanada: Platz 50, UK: Platz 55, Deutschland: Platz 80). Sollten die DGE-Schätzung wie auch die in der Präsentation realistisch sein, spräche das gegen meine Vermutung. Ob sie realistisch sind, kann ich im Moment nicht einschätzen.

Den besten Platz eines europäischen Lands im Adipositsas-Ranking hat übrigens Frankreich mit Platz 143 (von insgesamt 200). Leider fand ich nicht heraus, welche Rolle UPFs dort mittlerweile spielen. Aber Frankreich hat zum Essen zweifellos aus Tradition eine genußorientierte Einstellung als etwa wir.

So weit war meine Überlegung gediehen, da stieß ich auf eine Studie, die der von mir angesprochenen Frage tatsächlich scon nachgegangen war. Problem dabei war allerdings eine Definition von UPF, die sich auf die falschen Faktoren konzentriert. Die Adipositasproblematik der heutigen Zeit läßt sich aber eher mit neuartigen Sorten Lebensmittel erklären als mit solchen, die seit Jahrhunderten üblich waren, ohne deshalb Adipositas-Epidemien ausgelöst zu haben. Das betrifft zum Beispiel Wurst - mit der Einschränkung, daß die Discounterware sich vermutlich in den Inhaltsstoffen von der Wurst unterscheidet, die man bei einem Metzger zu kaufen bekommt.

Ich glaube  nicht, daß das schwerwiegendste Problem mit UPFs, wie in der Präsentation langweiligerweise mal wieder vermutet, ihr hoher Anteil an Fett und Zucker ist, sondern daß es die Zusatzstoffe sind. Möglicherweise sind es tatsächlich die Emulgatoren. Das ließe sich herausfinden, indem man in einer Studie mal die Wirkung speziell von fett- und zuckerreduzierten UPFs unter die Lupe nimmt. Das wäre eine hübsche kleine Fleißaufgabe für jemanden wie Kevin Hall, der in der Präsentation ebenfalls als Zeuge zitiert wird, wenn seine aktuell geplante Studie mit dem Vergleich von Low Fat und Low Carb mal beendet ist und bei ihr das Ergebnis herauskommt, mit dem ich rechne.

Sollten tatsächlich Emulgatoren und/oder andere erst seit wenigen Jahren/Jahrzehnten übliche Zusatzstoffe das Problem sein, wären auch gering verarbeitete Milchprodukte in der UPF-Studie teilweise falsch einsortiert. Ich bin nämlich beinahe vom Stuhl gefallen, als ich sah, daß Schlagsahne Carragene enthält. Erst wollte ich deshalb von der haltbaren auf frische Schlagsahne wechseln, aber bei der frischen war es genauso ... Mein Mann meint jetzt, ich solle künftig selbst Schlagsahne machen, und, wenn ich schon dabei bin, vielleicht auch Butter. Immerhin haben wir künftig ja gute Bezugsquellen für Rohmilch, also mal sehen, ob ich das wirklich mal ausprobieren werde.

Vorläufig werde ich irgendwann in nächster Zeit erst einmal ausprobieren, selbst Fleischkäse zu machen. Dazu habe ich kürzlich ein Video gesehen, und es sah supereinfach aus.








Montag, 2. September 2024

Das Grauen hat einen Namen: Sparda Baden-Württemberg

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des nächsten dreitägigen Fastenintervalls: 79,9 Kilogramm. Puh, gerade noch so an der 80 vorbeigeschrammt. Aber mir schwante gestern abends schon Böses, weil mir nämlich nach dem Abendessen plötzlich die rechte Mandel anschwoll und ziemlich wehtat, also mußte ich mit etwas Zusatzgewicht rechnen. Aktuell liegt mein Gewicht also 4,4 Kilogramm höher als direkt nach dem Abbruch des Endspurts, und mit zwei bis drei Kilo hatte ich eigentlich von vornherein gerechnet, weil ich damit ja rechnen mußte. So gesehen, ist das also alles noch kein Drama. Hätte es beim Endspurt mit dem Zielgewicht geklappt, läge ich damit immer noch knapp unter dem Punkt, an dem ich gegensteuern wollte. Trotzdem ist es ärgerlich, weil ich im Moment eigentlich genügend andere Aufgaben habe, mit denen ich mich viel dringender befassen muß.

Unglaublich, aber wahr: Ich habe von meiner verdammten Bank immer noch keine Finanzierungszusage, obwohl die Finanzierungsanfrage am 16. Juli gestartet wurde, also morgen vor sieben Wochen. Der Beurkundungstermin beim Notar diese Woche wurde für diese Woche Donnerstag terminiert. Auch wenn mir unsere Immobilienberaterin letzte Woche hoch und heilig versprochen hat, daß die Unterlagen noch rechtzeitig kommen werden, so eine Zitterpartie hätte sich eigentlich vermeiden lassen, wenn dieser Bank ihre Kunden nicht so durch und durch gleichgültig wären. Ich lasse mich jetzt überraschen, ob das wirklich klappen wird. Wenn nicht, werden wir den Notartermin verschieben müssen, ebenso den Notartermin mit dem Käufer meiner Wohnung sowie den vereinbarten Termin für den Umzug. Und es ist leicht möglich, daß es sich dabei um eine Verschiebung von ca. vier Wochen handeln wird. Kurz, es ist zum ...

***

Auf dem Seyfried-Charity-Kanal war ich vor etwa zwei Wochen komplett mit allen Videos durch, aber es werden so schnell neue hochgeladen, daß ich längst wieder weiterschauen kann. Weil ich durch andere Quellen auf einen eindeutigen Scharlatan, einen gewissen Lothar Hirneise (der Name ist prädestiniert für den Tippfehler "Hinreise"), hingewiesen wurde (seine Website verlinke ich lieber nicht), brachte mich das ins Sinnieren, auf welche Weise jemand, der verzweifelt auf der Suche nach verläßlichen Informationen ist, offensichtlichen Unsinn von Außenseiter-Annahmen unterscheiden kann, die dennoch seriös sind und eine wissenschaftliche Grundlage haben. Denn ich war ein bißchen in Verlegenheit, weil der Link von einer ehemaligen Mitpatientin kam. Ich überlegte eine Weile hin und her und entschied mich dann, ihr meine unverblümte Meinung zu schreiben. Seither habe ich leider nichts mehr von ihr gehört. Ich hoffe, ich habe sie nicht zu sehr brüskiert.

Ein Faktor ist der wissenschaftliche oder medizinische Background der Person, mit der man es zu tun hat. Dieser Background alleine macht noch längst nicht das, was sie an Ratschlägen gibt, empfehlenswert, aber er ist schon mal ein Indiz dafür, daß ein solide Ausbildungsgrundlage vorhanden ist. Der Hinreise fiel mir in dieser Hinsicht schon in den ersten fünf Minuten seines Videos unangenehm auf, weil er hartnäckig von "das Traumata" sprach, also offensichtlich nie Latein gelernt hatte, wie das bei einem Mediziner obligatorisch gewesen wäre. Damit war er schon bei mir durchgefallen, aber sicherheitshalber sah ich mir seine Website auch noch ein bißchen an. Er hat wohl eine Ausbildung als Krankenpfleger und ein Näschen dafür, auf welche Schlagwörter und Begrifflichkeiten hin Krebspatienten bereit sind, den Geldbeutel aufzumachen. Ein paar von ihnen erinnerten mich fatal an Rainer Klement, dem freilich der Lapsus mit dem Trauma bestimmt nicht passiert wäre. Was Klement mit dem Hinreise gemeinsam hat, ist, daß sein Gesamtkonzept in manchen Teilbereichen nicht zusammenpaßt, vor allem, wenn er auf spirituellem Wege gen Pferdekopfnebel entschwebt, und daß sich der Sinn dessen, was bei ihm ein Gesamtkonzept ersetzen soll, im Grunde am leichtesten erklären ließe, wenn man ihn ähnlich wie den Hinreise einsortiert. Dem Hinreise allerdings mit seinem Schwurbel-Gemischtwarenladen hat er einen ziemlich soliden Ernährungs-Ansatz als Schwerpunkt voraus. 

Das Konzept von Hinreise bietet dabei viel weniger bestimmte einzelne Angriffsflächen, weil es so nebulös und damit nicht überprüfbar ist. Für Leute ohne Fachwissen macht das aber oft keinen Unterschied, da sie ja auch grundsätzlich Überprüfbares nicht ausreichend beurteilen können, sondern nach ihrem Vertrauen in den jeweiligen Experten urteilen. Das geht ja auch oft gar nicht anders. Was man sich aber auch ohne Fachwissen aneignen könnte, wäre eine Vorab-Prüfung der Frage, was an den Therapievorschlägen des Experten eigentlich in der zu erwartenden Wirkung überprüfbar ist und was bei dieser Überprüfung herauskommt. Man kann es sich vielleicht ja wenigstens aneignen, herauszufinden, ob eine Sache überprüfbar wäre oder nicht. Und dabei sollte man nicht aus den Augen verlieren, daß eine Sache tatsächlich wirksam sein kann, wie das 3-Bromopyruvat, aber eine Behandlung bei dem Heilpraktiker, der die zugehörige Krebstherapie anbot, bevor ihm mehrere Patienten an der Behandlung verstarben, trotzdem keine kluge Idee gewesen wäre.

Die Krebsbehandlungskonzepte auf Basis der Krebsentstehungstheorie von Thomas Seyfried haben den eindeutigen Vorzug, daß ihre Grundlagen überprüfbar sind und die Behandlungsansätze auf diesen Grundlagen beruhen. Es gibt mittlerweile ja eine Plattform für den Austausch von Krebspatienten, die das Press-Pulse-Verfahren anwenden bzw. sich in Teilbereichen ihrer Therapie daran anlehnen. Unglaublich, aber wahr, ich habe es bislang noch nicht so richtig über mich gebracht, dort zu stöbern, weil ich gegenüber dem Initiator, einem gewissen Johnny Rockermeier (der auch für die Summarys von Seyfried verantwortlich zeichnet, die wohl nicht so toll sind, jedenfalls hat Seyfried selbst sich in einem Video von ihnen distanziert), so ein paar Berührungsängste habe. Daran war dieses Video von ihm schuld, das in Teilbereichen im Widerspruch zu Seyfrieds Annahmen steht und noch dazu grottenschlecht ist. Irgendwann nach dem Umzug werde ich mich wohl mal mit den anderen Inhalten der Plattform befassen. 

Das unangenehmste an Thomas Seyfried sind einige von den Leuten, die sich für ihn begeistern. Das heißt aber nicht, daß Seyfried selbst in allem, was er sagt und schreibt, richtig liegt. Ich habe ihn ja in einigen Teilbereichen bereits kritisiert. Das betrifft fast immer Fragen, in denen er denselben Fehler macht wie andere aus anderen Fachgebieten in seinem eigenen Fachgebiet, nämlich nicht hinterfragt, ob das, was in dieser Frage "jeder weiß" womöglich ähnlich grundlegende Fehler enthält, wie er sie in der Frage der Krebsentstehung richtigzustellen versucht. In seinem eigenen Fachgebiet halte ich ihn für ausgesprochen vertrauenswürdig, und nicht zuletzt hat er durch die Veränderungen in seinem Konzept ja auch bewiesen, daß er bereit ist, alles zu korrigieren, was doch nicht so funktioniert, wie er es zunächst dachte.

Beim Nachhören seiner Podcasts, als ich zum gefühlt hundertsten Mal hörte, 50 Prozent der Krebspatienten stürben nicht an ihrer Erkrankung, sondern an der Therapie, kam mir nun der Gedanke, daß ich diese Behauptung doch langsam auch einmal überprüfen sollte. Es ergab sich, daß ich eine Untersuchung fand, in der immerhin von "mehr als 25 %" Chemotherapiepatienten sprach, bei denen der Tod durch die Therapie verursacht oder beschleunigt worden sein soll. Vermutlich hat Seyfried zu diesen Todesfällen noch die Fälle der "Hyperprogressive Disease" hinzugerechnet, ein Anteil von um die 15 % aller Immuntherapiepatienten, die also mit monoklonalen Antikörpern behandelt werden, bei denen diese Art der Behandlung den Tod nicht nur nicht verhindert, sondern das Wachsen des Tumors sogar noch beschleunigt. Was nun noch fehlt, sind natürlich die Todesfälle durch Bestrahlung, die es ebenfalls geben wird, für deren Bezifferung ich aber auf Anhieb keine Quelle fand. Alle drei Faktoren zusammengenommen könnten diese 50 Prozent möglicherweise ausmachen. Trotzdem sind alle diese Werte natürlich mit Vorsicht zu genießen, und ich hätte mir gewünscht, Seyfried hätte "dreißig bis fünfzig Prozent" gesagt - denn ein Drittel durch Therapien ausgelöste oder beschleunigte Todesfälle, das sollte die alleräußerste Untergrenze des auf Basis der verlinkten Ergebnisse Erwartbaren zu sein. 

Ein Drittel Therapietote bei Krebs, das ist außerdem trotzdem bereits schockierend viel, mehr, als ich vermutet hätte. Die Leute, die all diese Alarmismen bezüglich angeblicher damit verbundener Risiken man Krebspatienten davon abzuhalten versucht, zu fasten oder sich ketogen zu ernähren, sollten sich angesichts dessen in Grund und Boden schämen, denn es ist sehr unwahrscheinlich, daß dieser Horrorwert durch ketogene Ernährung nennenswert erhöht werden könnte.

***

Beim Bücherverpacken geriet mir ein Buch in die Hände, das ich vor vielen Jahren gelesen hatte, "Krebs" von Werner Schneyder, einem Wiener Kabarettisten. Ich erinnerte mich nur noch nebelhaft daran, daß ich es damals ziemlich verstörend gefunden hatte, also las ich es mit meinem heutigen anderen Blickwinkel noch einmal neu. Schneyder beschreibt darin die Blasenkrebserkrankung seiner damals um die sechzigjährigen Frau, an der sie nach ca. zwei Jahren starb, und zwar nach genau dem qualvollen langen Siechtum, das man sich spontan vorstellt, wenn man das Wort "Krebs" hört. Überhaupt bot mir dieses Buch ein Bild von Krebs, das gute Gründe lieferte, mich damit lieber gar nicht erst zu befassen, weil es einem die eigene Hilflosigkeit so sehr vor Augen führt, dieses vollständige Den-Boden-unter-den-Füßen-Verlieren und die panische Angst, die das auslöst. 

Interessanterweise habe ich all dies, die Hilflosigkeit, Panikanfälle und so weiter selbst erlebt, aber nicht bei meiner Krebserkrankung, sondern in der häßlichsten Phase unseres Hauskaufs im Juni. Beim Krebs hatte ich nie das Gefühl eines solchen Kontrollverlusts wie in dieser Zwickmühle zwischen einer lahmarschigen und gleichgültigen Bank, einem ständig aggressiver werdenden Verkäufer und einem Mann neben mir, der sein Herz noch viel mehr als ich, in mancher Hinsicht mit fast beängstigender Intensität, an dieses Haus gehängt hatte, so daß mir klar war, das DURFTE einfach nicht schiefgehen. 

Trotz der neuerlichen oben beschriebenen Probleme mit der Bank habe ich dieses Gefühl jetzt nicht mehr, weil ich die Möglichkeit, daß meine Bank zu blöd ist, um die Finanzierungszusage rechtzeitig zu geben, nie ganz ausgeschlossen hatte und auch den Hauseigentümer entsprechend gebrieft und ihm die Unzuverlässigkeit in Terminfragen dieser Bank verdeutlicht habe. Sogar wenn der Termin verschoben werden muß,der wird jetzt nicht mehr absagen, nicht wegen drei, vier Wochen hin oder her. In diesem Fall halte ich auch die mit einer Verschiebung verbundene Peinlichkeit notfalls eben aus. Aber das wird meiner Bank noch leid tun, mich dieser Peinlichkeit ausgesetzt zu haben.

So wie im Juni in Sachen Haus war es beim Krebs bei mir tatsächlich nie, nicht einmal in der unangenehmen Phase zwischen der Biopsie und dem Laborergebnis. Ich hatte nicht einmal da das Gefühl, keine Kontrolle zu haben, sondern habe mir in dieser Woche eine ganze Menge lästigen Kram vom Hals geschafft, von dem ich mir nicht sicher war, ob ich danach noch Zeit dafür haben würde. Das hielt mich lange genug beschäftigt. Und anschließend konnte ich zwar die Sache mit der Chemo ja auch nur abnicken, denn woher sollte ich mir denn in der kurzen Zeit ein Urteil darüber bilden, welche Alternativen es daneben noch gäbe? Und wir hätte ich beurteilen sollen, welche besser ist, falls es mehrere gegeben hätte? Das einzige, bei dem ich mir völlig sicher war, daß es vernünftig war, war das chemobegleitende Fasten, und bei dem habe ich mir auch nicht reinreden lassen. Also habe ich ein Stück Kontrolle behalten, und ich bin immer noch sicher, daß mir das eine weit unangenehmere Erfahrung mit der Chemotherapie erspart hat.

Aber natürlich habe ich gut reden, ich wußte ja außerdem, daß meine Prognose ausweislich der auch längerfristigen Überlebensraten in Studien ziemlich gut war. Schneyder und seine Frau hatten es von Anfang an mit einer Diagnose zu tun, die sie als mutmaßliches baldiges Todesurteil verstanden, woran auch alle Bemühungen, Hoffnung aus dem zu ziehen, was Ärzte ihnen sagten, letztlich nichts änderte. Dem Buch läßt sich entnehmen, daß beide Ehepartner dem jeweils anderen gegenüber mehr Hoffnung vortäuschten, als sie wirklich empfanden. So etwas anzunehmen, dafür hatte ich spätestens, als die diversen Untersuchungen absolviert waren und keine Hinweise auf Metastasen sich daraus ergaben, keinen wirklichen Grund mehr. Schneyder beschreibt diese Hilflosigkeit und den Kontrollverlust und auch den Verlust der eigenen Würde jedenfalls sehr eindringlich, und ebenso, was für eine Farce es ist, als "mündiger Patient" in Fragen Entscheidungen treffen zu sollen, obwohl man doch kaum etwas anderes tun kann, als dem Fachwissen des Arztes zu vertrauen und das Beste zu hoffen.

Das Problem bei Krebserkrankungen ist, daß auch die richtigstmögliche Therapie - jedenfalls nach den aktuellen Leitlinien - meist keine Heilung und oft noch nicht einmal eine für den Patienten erkennbare Lebensverlängerung bedeutet, und am Ende hadert man dann natürlich fast zwangsläufig mit seiner Entscheidung. In Schneyders Falle gab es für das Hadern immerhin bessere Gründe als üblich, denn bei seiner Frau war tatsächlich - nach einer operativen Beseitigung des Tumors - längere Zeit nicht erkannt worden, daß ihre nach einer kurzen Phase, in der das Paar die Illusion hegen konnte, wenigstens für einige Zeit zu einem krebsfreien neuen Normal zurückzufinden, auftretenden und stetig zunehmenden Beschwerden auf Metastasen zurückzuführen waren. Daß die neuen Ärzte an dem, was die vorherigen getan oder unterlassen hatten, allerhand herumzukritisieren hatten, nehme ich als Außenstehende weniger ernst als der als Partner der Patientin von jeder Fehlentscheidung mitbetroffene Autor. Seit meiner Kindheit ist mir schon klar, daß Männer, die ihren Beruf ausüben oder hobbymäßig handwerklich tätig sind, das, was gleich qualifizierte andere Männer vorher am selben Objekt getan hatten, immer für Pfusch halten und schärfstmöglich kritisieren. Von meinem Vater aufwärts habe ich das unzählige Male erlebt - niemand macht solche Dinge richtig mit der einzigen Ausnahme des jeweils gerade die Arbeit des anderen Kritisierenden. Warum sollte das bei Ärzten anders sein, noch dazu in einer Situation, in der man ja heilfroh sein kann, die Schuld am - in Wirklichkeit beinahe zwangsläufig erfolgenden - ungünstigen Verlauf jemand anders in die Schuhe schieben zu können? Also, was auch immer da an Fehlern bei der Behandlung passiert sein mag, ich kann mir nicht vorstellen, daß sie der entscheidende Faktor gewesen sind, ohne den Frau Schneyder vielleicht heute noch leben würde.

Schneyder macht in seinem Buch kein Geheimnis daraus, daß er seinen Promi-Status bestmöglich nutzte, um seiner Frau eine Behandlung durch die angesehensten Ärzte zu verschaffen. Das Ergebnis war für ihn ernüchternd. Aber das lag halt an der Art der Erkrankung. Bei Krebs bedeuten Geld und Beziehungen nicht zwangsläufig eine erfolgreichere Behandlung. Sogar das Gegenteil kann zutreffen, denn wer die allerneuesten Krebstherapien bekommt, riskiert - siehe oben - alle damit verbundenen zusätzlichen Risiken, etwa das der "hyperprogressive disease". Umgekehrt könnte die schiere Unmöglichkeit, die Behandlungskosten aufzubringen, wie das in Amiland ja passieren kann, und das daraus resultierende Ausweichen auf kostenlos mögliche ernährungsbasierte Verfahren eher als Verlegenheitslösung, wie unvollkommen auch immer die Umsetzung sein mag, wenn man dabei auf eine fachliche Begleitung verzichten muß, tatsächlich lebensverlängernd wirken oder wenigstens zu weniger krankheitsbedingten Beschwerden führen. Kebs ist also im Moment der große Gleichmacher von reich und arm, was die Erfolgsaussichten der Behandlung betrifft, und wird das jedenfalls so lange weiter bleiben, wie Krebsbehandlungen auf Basis der aktuellen Grundannahmen erfolgen. Alles Geld der Welt würde etwa einem Elon Musk nicht zu einer erfolgreicheren Krebsbehandlung verhelfen können, falls er an Krebs erkranken würde (was ich ihm, auch wenn ich ihn für ein §$"$"!&§ halte, nun wirklich nicht wünsche). Wenn überhaupt, wäre dies nur in Kombination mit seiner berüchtigten Dickschädeligkeit zu erwarten, falls er sich als sprunghafter und leicht begeisterungsfähiger Mensch, der er nun einmal ist, darauf versteifen würde, eine Behandlung nach dem perfekt optimierten Press-Pulse-Verfahren zu bekommen. Denn natürlich würde jemand mit sehr viel Geld das tatsächlich durchsetzen können. Andererseits kann jemand mit viel Geld und noch mehr Sturheit aber auch besonders tief ins Klo greifen, wie das ja Steve Jobs passiert ist. Das ist schon eine zweischneidige Sache, sich an den Reichen und Berühmten und dabei Willensstarken zu orientieren, das kann auch fürchterlich in die Hose gehen.

Ich weiß nicht so recht, ob ich die Lektüre dieses Buches empfehlen soll oder nicht. Es vermittelt eine so tiefgreifende Hilflosigkeit gegenüber dem unheimlichen Feind Krebs, daß es jemanden, der selbst an Krebs erkrankt ist oder wegen der Krebserkrankungen einer nahestehenden Person darüber lesen will, doch meinem Empfinden nach über Gebühr psychisch herunterziehen würde. Sicherlich war es aber für den Autor wichtig, sich die Sache von der Seele zu schreiben, und da er nicht nur ehrlich zu sich und seinen Lesern zu sein bemüht ist, sondern auch wirklich schreiben kann, ist es auch gut geschrieben und mit Blick auf das, was man als naher Angehöriger eines Krebspatienten mitmacht, tatsächlich lesenswert. Für jemanden, der überzeugt davon ist, daß er selbst gegen seinen eigenen Krebs bessere Mittel einsetzen kann und auf diese Weise viel bessere Chancen hat, bietet es einen guten Einblick, wie trostlos es sich anfühlt, nicht auf diese Überzeugung als psychische Ressource zurückgreifen zu können. 

Diese Trostlosigkeit war und ist bei verdammt vielen Krebspatienten eine kaum vermeidbare Begleiterscheinung ihrer Erkrankung. Vermeidbar ist sie nur entweder bei ehrlicher Hoffnung auf Heilung bzw. dauerhaftes Krankheitsmanagement mit verkraftbaren Begleiterscheinungen oder aber, wenn man die Vorstellung eines absehbar nahenden Lebensendes akzeptieren kann. So viel Abgeklärtheit bringen aber verständlicherweise nur die wenigsten auf. Was vielleicht am ehesten noch klappen könnte: Sich von Beginn an bewußt zu bleiben, daß alles, was man entscheidet, ein tödlicher Fehler sein kann, aber ebenso, die Entscheidungen dann anderen zu überlassen. Am Ende muß man das Ergebnis, egal wie beschissen es ausfällt, eben auch als Folge der eigenen Entscheidung akzeptieren. Deswegen muß es einem ja noch lange nicht gefallen. 

Was ich schwer zu akzeptieren finde, ist, daß überhaupt zugelassen wurde, Krebs zu einem so unheimlichen Leiden zu machen und ihn gleichzeitig mit so viel Moralsoße zu überfrachten, daß die Leute bei einer solchen Diagnose regelrecht austicken. Dabei ist Krebs ja nicht die einzige Krankheit, die einen vorzeitigen Tod sehr wahrscheinlich macht, das können auch Herzkrankheiten, Diabetes oder COPD. Wieso lösen solche Krankheiten eigentlich nicht diese überwältigende Panik aus, wenn man die Diagnose bekommt, wie sie bei Krebs üblich ist? Ich nehme an, das hat etwas damit zu tun, daß sie als behandelbar gelten. Das ist Krebs im Prinzip zwar nicht weniger, aber jeder hat dazu Bilder von gräßlichem Siechtum und langem Leiden vor dem geistigen Auge, die man für die anderen Krankheiten nicht abrufen kann. Werner Schneyder etwa, der seine 2004 verstorbene Frau um 15 Jahre überlebte, starb am Sekundenherztod im Alter von 82. Das war sicherlich schlimm für diejenigen, die die Todesnachricht bekamen, aber für ihn selbst war es die Sache eines Augenblicks.

Die Wirkung, die sich ergeben würde, wenn es gelingen sollte, Krebs in eine typischerweise behandelbare chronische Erkrankung zu verwandeln, ist alleine deshalb nicht zu unterschätzen. Das ginge weit über ein längeres Leben bei besserem Allgemeinbefinden der betroffenen Patienten hinaus, es würde im Lauf der Zeit auch das Bild, das Nichterkrankte sich von Krebs machen, dramatisch verändern. Und dieses Bild von Krebs war es auch, das Werner Schneyders Buch so beklemmend zu lesen macht, es vermittelt das Grauen, das die Diagnose seiner Frau bei ihm auslöste, mit jedem Wort, die Hilflosigkeit als Laie, der sich auf Fachleute verlassen muß, obwohl deren Werkzeugkasten für die Aufgabe, die eine Krebsbehandlung darstellt, so kläglich wenig taugliche Instrumente enthält.

Mein Grauen hatte freilich einen anderen Namen, siehe Überschrift. Aber ich werde es exorzieren, sobald mein Mann und ich endlich in unser Haus eingezogen sind. 💀





Freitag, 23. August 2024

Epistemisches Mißtrauen oder: "Meinten Sie: Döner?"

Mein Gewicht heute früh am zweiten Tag nach dem dreitägigen Fastenintervall: 76,8 Kilogramm. Immerhin, das liegt niedriger als vor zwei Wochen, wenn auch nur marginal. Freilich, vor zwei Wochen war auch meine Verdauung etwas in Unordnung. In dieser Woche fühlte sich das alles erfreulich normal an. 

Überhaupt frage ich mich, ob das immer noch eine Antikörpertherapie-Folge sein könnte, daß ich mich die meiste Zeit etwas und zuweilen auch unangenehm verstopft fühle. Im letzteren Fall ist das auch mit einem leicht säuerlichen Geschmack im Mund verbunden, etwas, das ich vor der Chemo nie erlebt habe und im Falle einer Erkältung oder sonstigen Infektion sogar ziemlich intensiv werden kann. Das vor allem weckt in mir den Verdacht, daß dies tatsächlich unter Chemo- oder Trastuzumab/Pertuzumab-Langzeitfolgen zu verbuchen sein könnte. 

Das Ende meiner Antikörpertherapie ist erst knapp über ein halbes Jahr her, also hoffe ich zuversichtlich, daß mich dies nicht bis an mein Lebensende begleiten wird. Zumal es im Moment wieder ganz weg ist.

Gespannt bin ich außerdem, welche Wirkung mein Umzug mit all den kleineren und größeren Veränderungen in meinen Alltagsroutinen sowohl auf mein Körpergewicht als auch auf meine sonstige Gesundheit haben wird. Bislang wohne ich im Stadtzentrum, künftig außerhalb der Stadtgrenzen in einem viel lockerer besiedelten Gebiet mit viel Wald, Wiesen und Feldern in der Nähe. Alleine schon, daß ich mich künftig um einen Garten zu kümmern habe, garantiert schon, daß ich mehr Zeit als bislang im Freien verbringen werde. Möglicherweise werde ich mir ein Fahrrad zulegen, aber da lege ich mich noch nicht fest. Im Stadtverkehr Fahrrad zu fahren, das wollte ich mir nicht antun, aber vielleicht macht mir die neue Umgebung ja Lust darauf, zumal es einen sehr interessant aussehenden Hofladen mit einem ziemlich großen Angebotsspektrum gibt, der ein bißchen außerhalb des Orts ist - zu Fuß ist man zu ihm ein Weilchen unterwegs, aber mit dem Fahrrad wäre es ein Katzensprung.

Einstweilen sind es aber noch ein paar Wochen, bis es ernst wird mit dem Umzug.

***

Es ist ungefähr 15 Jahre her - ich muß damals Mitte vierzig gewesen sein -, als meine damalige Hausärztin, mit der ich vergeblich nach dem Casus knacksus eines vergleichsweise harmlosen Zipperleins suchte, nach meinen üblichen Spruch, daß das wohl unter "Altwerden ist halt scheiße" verbucht werden müsse, erwähnte, daß ihrem Eindruck nach die ersten Alterszipperlein tatsächlich bei vielen kurz nach dem 40. Geburtstag einsetzen. Daran mußte ich denken, als ich bei der Tagesschau einen Bericht über eine Studie las, nach der der Alterungsprozeß nicht linear, sondern vor allem in zwei ausgeprägten Schüben verläuft. Der erste Schub erfolgt durchschnittlich Mitte vierzig, der zweite um die sechzig, meßbar durch entsprechende molekulare Veränderungen.

Der erste Schub molekularer Veränderungen ab Mitte 40 hat zur Folge, dass sich die Alkohol- und Fettabbauprozesse verschlechtern. Herz-Kreislauf-Erkrankungen werden häufiger und der Muskelabbau wird schneller. Bei dem zweiten Schub um die 60 Jahre kippt dann vor allem unser Zuckerstoffwechsel und die Immunregulation, die Nierenfunktion wird instabiler und es gibt nochmal einen Schub hin zum Abbau von Muskeln.

Mir fehlt gerade die Zeit, um die zugehörige Studie durchzulesen, was ein Jammer ist, da sie im Volltext online verfügbar ist. Ich hoffe, ich finde noch die nötige Zeit dafür. Aber grundsätzlich ergibt das Altern in Schüben, wie hier skizziert, aus meiner Sicht schon einen Sinn. Es würde zu dem, was man im richtigen Leben bei den Leuten im einschlägigen Alter beobachtet, gut passen, und es würde auch erklären, warum bis dahin schlanke Leute als Mittvierziger anfangen, zuzunehmen - und warum das auch schon vor hunderten von Jahren geschehen ist, jedenfalls in Zeiten, an Orten und dort in Milieus, in denen die Nahrung nicht knapp war. Eine offene Frage muß bleiben, ob das wirklich erst, wie Professor Seyfried meint, mit der neolithischen Revolution begonnen hat, also als sich die Ackerbauer-Lebensweise gegenüber der von Jägern und Sammlern durchsetzte. Ich fände es hochinteressant, in den geforderten Folgestudien auch diese Alterungsprozesse auf molekularer Ebene bei Menschen mit verschiedenen Ernährungsweisen miteinander zu vergleichen. Sollte Seyfried recht haben, dürften diese Prozesse bei Low-Carb-Ernährung entweder gar nicht oder jedenfalls sehr viel weniger ausgeprägt stattfinden.

Ich weiß nicht, was ihr gefehlt hat, aber es ist jetzt ein knappes Jahr her, daß ich die Todesanzeige meiner damaligen Ärztin sah. Sie war erst Mitte sechzig, als sie starb. Ihre Praxis bei mir um die Ecke hatte sie aber schon vor mehr als zehn Jahren aufgegeben, und so weiß ich nicht, wie es ihr danach ergangen ist. Aber doch, es schlug mir schon aufs Gemüt.

*** 

Ich stolperte neulich über den Begriff des "epistemischen Vertrauens", den ich bis dahin nicht gekannt hatte. Das "epistemische" Vertrauen ist abgeleitet von der Epistemologie, der Erkenntnistheorie. Gemeint damit ist die (angemessene!) Einschätzung eines Laien gegenüber einem Fachmann, ob die von ihm gebotenen Informationen vertrauenswürdig sind oder nicht, was natürlich einen erheblichen Einfluß darauf hat, ob er ihrem Rat folgen wird oder nicht. Im Fall, von dem ich las, ging es um Psychotherapeuten, aber die Problematik ist eine generelle. Fehlendes epistemisches Vertrauen ist meines Erachtens die Ursache der vielbeklagten Wissenschaftsfeindlichkeit, deren Gründe meines Erachtens notorisch an falschen Stellen gesucht werden. 

Das gilt auch für die Psycho-Docs, die den Begriff des epistemischen Vertrauens erfunden haben, weil sie dies primär mit irgendwelchen frühkindlichen Erfahrungen erklären wollen. Das halte ich für abwegig. Ich habe dieses Vertrauen schließlich auch nicht. Aber das war nicht immer so. Bei mir waren es meine Erfahrungen im Erwachsenenalter mit Expertenrat, der sich unter dem Strich enttäuschenderweise meistens meiner eigenen laienhaften Herangehensweise als unterlegen erwiesen hat, mir nämlich im Vergleich zu Fällen, in denen ich auf Expertenrat verzichtet oder ihn in den Wind geschlagen hatte, seltener die Hilfe brachte, die ich damit gesucht hatte.

Einen Schlüsselfaktor, der entscheidend ist für die Frage, ob man einem Experten vertrauen wird oder nicht (oder nach entsprechend vielen einschlägigen Erfahrungen Experten überhaupt nicht mehr vertrauen will)  habe ich im gleichen Text entdeckt, nämlich in dem Satz: "Wenn ich das Gefühl habe, verstanden zu werden, bin ich gewillt, von der Person zu lernen, die mich verstanden hat." Genau das ist es nämlich. Was speziell bei mir die Bereitschaft, von jemandem zu lernen, extrem schnell auf Null bringen kann, ist ein Gesprächspartner, der mir in der Umkehrung dieses Satzes das Gefühl gibt, mich erstens nicht zu verstehen und zweitens weder bereit ist noch dazu gebracht werden kann, dies zu ändern. 

Ein eindrucksvolles Erlebnis dieser Art bot mein erster gynäkologischer Onkologe. Ich erinnere mich aber auch noch an das erste Mal, als ich bewußt wahrgenommen habe, daß ich von einem Experten ungeachtet seiner fachlichen Qualifikation keinen guten Rat erwarten konnte. Das war irgendwann in den Neunzigern bei einer Beraterin des Jugendamts, die ich wegen Sorgen, die mein Sohn mir machte, aufgesucht hatte. Aus eigenem Antrieb, denn ich war durchaus bereit, mir Hilfe von außen zu suchen, wenn ich selbst nicht mehr so recht weiterwußte. Aber dieser Frau habe ich nach dem ersten Gespräch nicht mehr zugetraut, mir helfen zu können. Und zwar deshalb, weil sie mich daran gehindert hat, ihr den Sachverhalt zu beschreiben. Sie stellte mir zwar eine Menge Fragen, aber unterbrach mich jedes einzelne Mal, wenn sie glaubte, genug zu wissen. Ich war allerdings anderer Meinung, denn der Teil, den sie erfahren hatte, ergab meistens ein ganz anderes Bild als wenn sie mich hätte ausreden lassen. Sicherlich hätte sie aus den Informationsbruchstücken ein vollständig wirkendes Bild zusammensetzen können, nur hatte das höchstwahrscheinlich nichts mit mir und meinem Sohn und meinen Schwierigkeiten mit ihm zu tun.

In MS-Word kam der kurioseste Änderungsvorschlag, den ich je erlebte, in einem Text zur gehobenen französischen Küche vor. Immer, wenn von einem "Dîner" die Rede war, kam der Änderungsvorschlag "Meinten Sie: Döner"? Das war lange nach dem Erlebnis mit der Sozialpädagogin, also kann ich das, was ich von ihren Ratschlägen befürchtete, erst in der Rückschau damit vergleichen. Aber daß da nichts Gescheites herauskommen konnte, und zwar deshalb, weil es allzu deutlich erkennbar war, daß die Frau mir Döner statt Dîner als Lösung vorschlagen würde, weil sie den Kontext nicht verstand und offenbar auch gar nicht verstehen wollte, war mir natürlich klar genug. Also habe ich davon Abstand genommen, ihren Rat zu erfragen, sondern den Kontakt zu ihr wieder abgebrochen. Mit dem, was meine Eltern getan oder unterlassen haben, hatte meine Skepsis also gar nichts zu tun, sondern mit dem Verhalten dieser Expertin. 

Falls meine frühe Kindheit aber doch irgendetwas damit zu tun haben sollte, müssen meine Eltern und sonstigen Bezugspersöninnen aber etwas richtiger als viele andere gemacht haben. Denn mich machte damals - und in der Folge auch später immer wieder bei begründeten Zweifeln am Sinn, fachlichen Rat zu suchen - außerdem stutzig, daß es bei manchen Leuten schier unmöglich war, die Gründe für mein fehlendes Vertrauen in die Fachfrau so zu vermitteln, daß sie meine Bedenken und Einwände für berechtigt hielten. Verblüffend häufig wurde mir im damaligen oder auch in späteren vergleichbaren Fällen offen oder subtil unterstellt, daß ich eine Wahrheit, die unangenehm sei, offenbar einfach nicht akzeptieren wolle. Daß ich von dem jeweiligen Experten die Wahrheit in Großbuchstaben erfahren haben müsse, setzten sie also voraus.

Fehlendes epistemisches Vertrauen kann solchen Leuten sicherlich niemand nachsagen. Verschwörungstheoretiker verhalten sich aber meistens exakt genauso, nur richten sie ihr epistemisches Vertrauen auf diejenigen, die genau das Gegenteil der etablierten Experten behaupten. Was beide Arten von Menschen gemeinsam haben, ist, daß sie die vermutete Vertrauenswürdigkeit von Personen (bzw. manchmal Institutionen) als Maßstab nehmen, nicht die von ihnen vertretenen Inhalte. Diese Inhalte werden dann einfach nachgeplappert. 

Ehrlich gesagt, das Buch zum epistemischen Vertrauen, über das ich gestolpert war, habe ich gar nicht gelesen. Mich beschäftigt lediglich die Frage, ob ich es nun löblich finden soll, daß die Psychotherapeutenzunft erkannt hat, daß sie keine erfolgreiche Therapie durchführen kann, wenn der Patient ihnen nicht vertraut, weshalb ggf. auf Therapeutenseite dieses Vertrauen geschaffen werden sollte. Denn bei anderen Arten von Fachleuten gibt es diese Einsicht ja überhaupt nicht, daß man selbst vielleicht ungewollt mit Ursache zum Mißtrauen gegeben und damit die heute so gerne diagnostizierte Wissenschaftsfeindlichkeit mitausgelöst hat. 

Es wäre ja immerhin ein Fortschritt, wenn die sich angefeindet fühlenden Wissenschaftler einmal die Frage, ob sie selbst vielleicht - meinetwegen ganz ungewollt - bei den Anfeindern epistemisches Mißtrauen ausgelöst haben, denn das wäre die Grundlage dafür, dies künftig nicht mehr zu tun und dann vielleicht wieder weniger angefeindet zu werden. Aber andererseits behagt mir die Vorstellung gar nicht, wenn Experten, die nur so tun, als ob sie die richtigen Ratschläge geben könnten, das bei einem größeren Teil der Menschen als bislang vortäuschen können, weil sie gelernt haben, wie man gegenüber ratsuchenden Laien möglichst vertrauenswürdig und überzeugend wirkt. Dann bekommen die Leute nämlich dieselben untauglichen Ratschläge wie schon seither, nur auf eine vertrauenswürdiger wirkende Weise. 

Also, mir ist es ja völlig banane, ob ein Ratgeber nun vertrauenswürdig wirkt oder nicht, sofern sich nur nachweisen läßt, daß sein Rat gut und vernünftig ist. Mir kann sicherlich auch mal eine kluge Empfehlung durch die Lappen gehen, aber dafür bricht mir auch keine Verzierung ab, wenn ich sie am Ende doch aufgreife, nachdem sich gezeigt hat, daß sie nachweisbar vernünftiger ist, als es das Gebaren des Ratgebers annehmen ließ. Aber natürlich kann man auch mich einfacher überzeugen, indem man sich nicht zu vornehm dazu ist, mir plausibel zu machen, was ich spontan anzweifelte. Dafür braucht man keine Autoritäten und man muß mich auch nicht bauchpinseln. Mir reicht es, wenn ich eine Möglichkeit habe, auszuprobieren, ob die Sache Hand und Fuß hat.





Montag, 19. August 2024

Der Low-Carb-Pionier Robert Atkins

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des dreitägigen Fastenintervalls: 79,6 Kilogramm. Das Seltsame ist, daß der schleichende Gewichtsanstieg erst ab ca. Mitte Juli losgegangen ist, bis dahin dachte ich ja sogar, daß mein Gewicht tendenziell fällt. Aber wie auch immer, es wird wohl doch Zeit, dafür zu sorgen, daß ich weiter unter 80 bleibe. Deshalb werde ich ab nächster Woche bis zum Beginn der heißen Umzugsphase wieder zwei Fastentage in den Frühschichtwochen meines Mannes einbauen, normalerweise wieder Dienstag und Donnerstag, wobei ich das je nach Tagesanforderungen bestimmt öfter auch auf einen anderen Tag verschieben werde. In den Spätschichtwochen bleibe ich voraussichtlich bei drei aufeinanderfolgenden Fastentagen immer von Montag bis Mittwoch.

Was ich in den Wochen des Umzugs mache (die Phase von Ende September bis Mitte/Ende Oktober), habe ich noch nicht entschieden, aber direkt nach dem Umzug steigen wir wahrscheinlich sofort in die Low-Carb-Phase ein, die ich ohnehin mit meinem "alten" Fastenrhythmus kombinieren wollte, also 4-2-4-2. Es kann sein, daß das diesmal bloß vier oder fünf Wochen werden, das hängt auch davon ab, wie lange es dauert, bis wir im neuen Heim richtig "angekommen" sind.

***

Atkins "Diät-Revolution" war mir eigentlich dem Namen nach schon seit Jahrzehnten bekannt, obwohl ich mich inhaltlich nie damit auseinandergesetzt habe und mir sogar durch die Lappen ging, daß Atkins in den neunziger Jahren mit der "neuen Atkins-Diät" nachlegte, damit wie mit seinem ersten Buch einen Bestseller landete und um die Jahrtausendwende offenbar einen Low-Carb-Hype auslöste, den Vorgänger des jetzigen Hypes. Dieses zweite Buch habe ich jetzt, nun ja, überflogen. Denn es gründlich zu lesen, konnte ich mir sparen, viele Details zu von ihm propagierten Ernährungsform kannte ich ja längst, weil die Unterschiede zu heute üblichen LC-Formen unerheblich sind. 

Atkins starb 2003 im Alter von 72 Jahren an den Folgen eines Unfalls, und es gab eine Art Skandal, weil die ernährungsmedizinische Konkurrenz den zugehörigen Autopsiebericht leakte, dem zufolge Atkins selbst adipös gewesen sei und außerdem an typischerweise der Ernährung zugeschriebenen Krankheiten gelitten habe. Seine empörte Witwe ging an die Öffentlichkeit, um zu widersprechen: Das angegebene Körpergewicht (117 kg bei einer Körpergröße von 1,83) sei eine Folge der Behandlung im Krankenhaus vor seinem Tod gewesen, die ihn unglaublich aufgeschwemmt habe. Tatsächlich habe er 89 Kilogramm gewogen, was für einen Mann seines Alters völlig normal sei. 

Festzuhalten ist hier, daß, normal oder nicht normal, das Gewicht, das seine Witwe angab, dennoch leichtem Übergewicht, nämlich einem BMI von 26,6 entsprochen hätte. In die Statistik wäre Atkins also als übergewichtig eingeflossen. Ob der BMI ein sinnvoller Maßstab ist, darf natürlich diskutiert werden, und ebenso, ob die Definition von Übergewicht wirklich in jedem Lebensalter dieselbe sein sollte.

Aber ist es wirklich denkbar, daß wenige Tage einer aufschwemmenden Krankenhausbehandlung - die es ja wirklich gibt - zu einer Zunahme des Körpergewichts um sagenhafte 28 Kilogramm geführt haben könnten? Ich will das nicht zu voreilig ausschließen, aber man sehe mir eine gewisse Skepsis nach. Als mein verstorbener Schwager im Krankenhaus endlich durchsetzen konnte, daß man entwässernde Maßnahmen durchführte, verlor er ziemlich schnell viel Gewicht. Die exakte Zahl weiß ich nicht mehr, aber es waren ein bißchen mehr als zehn Kilogramm, 12 oder vielleicht auch 13. 28 Kilo kommt mir im Vergleich auch dazu enorm viel vor.

Ich halte es außerdem auch nicht für ausgeschlossen, daß Atkins - der seine Diät ja immerhin beim eigenen Kampf gegen überflüssige Pfunde entwickelt hatte - entgegen den vollmundigen Versprechen in seinem Buch halt doch nicht dauerhaft rank und schlank geblieben war, sondern immer mal wieder nachjustieren mußte, weil die Zahl, die die Waage anzeigte, halt doch im Lauf der Zeit nach oben schlich. Dafür spricht auch, daß Atkins seine Diät ja weiterentwickelt hatte, sicherlich auch im eigenen Interesse, sein Gewicht zu regulieren, was offenbar mit Version 1 nicht dauerhaft zu seiner Zufriedenheit geklappt hatte. Einer der Unterschiede der neuen zur ursprünglichen Version von 1972 besteht beispielsweise darin, daß er nun Bewegung für einen wichtigen Faktor hält, was ursprünglich nicht der Fall gewesen war. Dieser neue Faktor verhalf ihm vermutlich zurück zu seinem Zielgewicht, aber eine dauerhafte Gewichtsstabilität ohne gelegentliche steuernde Maßnahmen halte ich für unwahrscheinlich, weil sie eher untypisch zu sein scheint.

Die Wahrheit dürfte also vielleicht in der Mitte zu suchen sein. Atkins kann sehr wohl trotz korrekter Anwendung seiner Diät immer wieder mit ein paar überflüssigen Pfunden gerungen haben, aber außerdem durch die Behandlung, die sein Leben dann nicht retten konnte, zusätzlich noch aufgeschwemmt worden sein.  

Atkins ist ja auch nicht der erste Diät-Guru gewesen, dessen Erfolgsmodell zum Abnehmen angesichts der Entwicklung beim Erfinder selbst die eine oder andere Frage aufwirft. Das ist ja eine Art roter Faden in der Geschichte des Abnehmens. Ob nun Joschka Fischers langer Lauf zu sich selbst oder Angela Merkels pragmatische Methode, alle Snacks zwischen den Mahlzeiten zu eliminieren, oder sogar Siegmar Gabriels Magenverkleinerung: Das erhoffte Normalgewicht zu erreichen bzw. das erreichte Gewicht auf Dauer zu halten klappt bei den wenigsten, und solange man von der Kalorienlogik nicht wegkommt, wird das wohl weiter typischer Bestandteil aller Diäten sein.

Auch Atkins huldigte neben der immerhin vorhandenen Erkenntnis der hormonellen Wirkweise im Prinzip der Kalorienlogik, er ging davon aus, daß ein Teil des Erfolgs von kohlehydratarmer Ernährung darauf zurückzuführen sei, daß die Sättigung mit weniger Kalorien erreicht werden kann - was ebenfalls zutreffen dürfte, wenn man nach Kevin Halls einschlägiger Studie geht, die allerdings viel zu kurz war, um etwas über eine Langzeitwirkung aussagen zu können. Atkins selbst nannte in seinem Buch eine Zunahme von 2 Kilogramm, ab der man gegensteuern sollte, was ich jetzt fast schon übertrieben finde. Aber im Grunde reagiere ich jetzt auch auf ungefähr diesen Wert. Mein niedrigestes Vor-Fasten-Gewicht lag bei 75,5 Kilogramm, aber das war direkt nach der Endspurtphase und eine Zunahme direkt im Anschluß daran war ja einkalkuliert und das Ziel bestand darin, die 78 Kilogramm nicht zu überschreiten, was mir ja leider nicht gelungen ist. Wenn ich jedenfalls von 77,5 Kilogramm ausgehe, liege ich gerade ziemlich genau zwei Kilo darüber. Hätte ich im Frühjahr mein Zielgewicht erreicht, wäre ich wohl bei 77,5, also ebenfalls bei zwei Kilo plus zusätzlich zu der ohnehin erwarteten Zunahme, aktiv geworden.

Zufälligerweise las ich gerade auch einen Bericht über die Autorin des allerersten Diät-Bestsellers, dessen Abnehm-Modell auf Kalorienzählen beruhte, Lulu Hunt Peters, die das Buch schrieb, nachdem sie 35 Kilogramm abgenommen hatte. Interessanterweise wird in dem Artikel nicht darauf Bezug genommen, daß Frau Peters auf einem Foto, das wenige Jahre nach der Buchpublikation erschien, in der Gruppe von Damen keineswegs als besonders rank und schlank auffällt (Lulu Peters ist die Frau in der Mitte in der vorderen Reihe), auch wenn sie sicherlich ihr Vorher-Gewicht auch noch nicht wieder erreicht hatte. Und, zugegeben: Besonders figurfreundlich ist die Kleidung, die die Damen anhaben, natürlich auch nicht. Aber die Dame in der Mitte wirkt schon kompakter als jede der anderen fünf in der ersten Reihe.

Red Cross humanitarian mission

Ich zögere, das Buch von Atkins zu empfehlen, weil es ein paar falsche Versprechungen macht, möglicherweise einer der Gründe dafür, warum der LC-Hype dann wieder abflaute, bevor er wieder neu entfacht wurde. Denn die Atkins-Diät soll lebenslänglich eingehalten werden und sie ist damit eine von diesen "Ich darf nie wieder x essen"-Diäten. Daß einem seltene homöopathische Dosierungen der verbotenen Lebensmittel zugestanden werden, ist eher noch eine Verschärfung der Folter als eine Erleichterung. Das erinnert mich an die zwei Rippchen Schokolade, die meine Geschwister und ich in unserer Kindheit von unserer Mutter als Betthupferl bekamen. Damals hätte ich das sicher nicht so gesehen, aber rückblickend meine ich, es wäre für mich weniger unangenehm gewesen, diese Miniportion gar nicht zu bekommen. Winz-Portionen von besonderen Köstlichkeiten gehören meiner Meinung nach durch die Genfer Konvention verboten. 

Kurz, egal, wie oft Atkins in seinem Buch betont, daß die meisten Anwender dauerhaft dabei bleiben, sich nach seinem Diätkonzept zu ernähren, ich glaube ihm kein Wort. Das Problem dabei ist natürlich, daß wie bei Atkins selbst seine Patienten mehrheitlich ihr Gewicht damit weniger zuverlässig unter ihrer eigenen Kontrolle haben, als Atkins behauptet. Stagnations- oder sogar Zunahmephasen lassen bei vermutlich den meisten früher oder später die Selbstkontrolle bei der Ernährung schleichend erodieren, und zwar umso eher, je schmerzlicher bestimmte verbotene Lebensmittel vermißt werden. Richtig ist es aber sicherlich, daß regelmäßige Diäthalter jedenfalls für einige Zeit von LC entzückt sein werden, weil es eine Diät ist, die nicht zum Hungern zwingt, um abzunehmen. Und manche Leute vermissen wahrscheinlich wirklich dauerhaft überhaupt nichts, wenn sie Zucker, Mehl oder Reis ganz aufgeben, während für andere der Alltag und insbesondere der Einkauf oder Restaurantbesuche bzw. das soziale Leben dann jedes Mal die Selbstkontrolle einem Härtetest aussetzen. Das muß wohl jeder für sich selbst ausprobieren.

Das Buch enthält übrigens durchaus auch lesenswerte Teile, auch für Leute, die mit LC schon eigene Erfahrungen gesammelt haben, weil Atkins auszeichnet, daß er als Arzt Patienten mit seiner Ernährungsform behandelt hat und deshalb seine vierphasige Therapie sehr praxisorientiert aufgebaut hat und auch zu einer Reihe von möglichen Problemen Umgangsstrategien zu bieten hat. Man sollte sich halt nicht zu sehr von seiner Begeisterung anstecken lassen, denn die ultimative Ernährungslösung für eine einfache und dauerhafte Kontrolle seines Körpergewichts ist sie vermutlich für viele Anwender doch nicht, und das vor allem, weil sie wie jede andere Diät dazu zwingt, geliebte Speisen für immer aufzugeben.

Was mich, glaube ich, am meisten stört, ist neben dem penetranten Predigerton, daß Atkins gar nicht auf die Idee gekommen zu sein scheint, daß LC nicht das einzige Mittel sein könnte, mit dem das erhoffte Ziel auf dem Wege der Stoffwechselbeeinflussung erreicht werden kann, und daß es als Baustein unter mehreren solchen Mitteln sehr wohl möglich ist, LC effektiv einzusetzen, ohne es für den Rest des Lebens ununterbrochen beibehalten zu müssen. Fasten, in diesem Zusammenhang ja naheliegend, wird von ihm nicht ein einziges Mal als mögliche zusätzliche bzw. alternierend einsetzbare Maßnahme erwähnt. Darin unterscheidet er sich aber auch nicht von seinen Nachfolgern. Professor Seyfrieds therapeutischer Ketose, bei der es aus seiner Sicht letztlich unerheblich ist, auf welche Weise sie erreicht wird, ist die einzige Ausnahme, und sie bezieht sich ja nicht auf präventive Anwendung, sondern als Therapieansatz bei Krebserkrankungen. Aber genau diese Sorte Pragmatismus täte auch im Bereich Ernährung mit dem Ziel der Krankheitsvermeidung langsam mal not. Es ist doch hochgradig albern, daß die Fasten-Community mit ihren Dr. Fung und die LC-Community um Leute wie den lautstarken Dr. Tro immer so tun, als ginge sie die jeweils andere eigentlich gar nichts an.

Ich sinne darüber nach, welchen griffigen Namen man der Sache wohl geben könnte, analog zu Seyfrieds therapeutischer Ketose. Ob Ketose in diesem Namen auch vorkommen sollte? Ich bin mir aber nicht sicher, welchen Unterschied die Ketose beim Abnehmen macht. Daß die Keto-Sticks dazu nicht viel aussagen, das immerhin ist mir mittlerweile klargeworden. Wer massenhaft Ketone im Urin ausscheidet, bei dem steht ja vor allem fest, daß verflixt viele überschüssige Ketonkörper vorhanden sind, die vom Stoffwechsel gar nicht benötigt werden. Auf die Abnahmewirkung hat diese Art von Überschuß kaum einen Einfluß, also wundert es mich auch nicht, daß ich keinen Unterschied erkennen konnte, wenn die Verfärbung des Sticks intensiver oder weniger intensiv war. Übrigens ist mir jetzt auch klar, daß bei mehrtägigen Fastenintervallen kaum so intensive Verfärbungen auftreten sollten wie bei ketogener Ernährung, da ja nicht so wahnsinnig viel mehr Ketonkörper produziert werden, wie man benötigt, wenn man gar nicht ißt. Interessant immerhin, daß genügend Überschüsse erzeugt werden, um sie ungenutzt auszuscheiden. Interessant wird es außerdem, in meinen nächsten LC-Phasen regelmäßig den GKI zu messen und zu beobachten, ob ich dabei vielleicht doch einen Einfluß eines niedrigen GKI auf die Intensität der Abnahme feststellen kann. 

Aber da ich im Moment nicht sicher sagen kann, welche Rolle speziell das Erreichen der Ketose beim Abnehmen spielt, kann das im Namen für das Baby auch nicht vorkommen. Bis mir eine bessere Idee kommt, bleibe ich bei "hormonbasierter Gewichtsreduktion", aber das benötigt mir eigentlich viel zu lange Anläufe, um es zu erklären. Das hat aber auch damit zu tun, daß das gedankliche Konzept kaum von jemandem so vertreten wird. Es ist ärgerlich, daß auch die einschlägigen Vertreter von Fasten, Keto, zuckerfrei und all dem, das in diesen Bereich wenigstens teilweise hineinspielt, meist offen oder versteckt doch die Kalorien für maßgeblich halten und sie außerdem allesamt daran glauben, man müsse doch eine bestimmte alleinseligemachende Lösung finden, anstatt sich mit einem variablen Konzept, bestehend aus unterschiedlichen möglichen Bausteinen, die man auch alternierend oder in wechselnden Kombinationen anwenden kann, anfreunden zu können, und dabei vor allem von dem Ergebnis, nämlich einer Gewichtsabnahme bis zum Wunschgewicht und dem anschließenden Halten des Gewichts ausgehen. Es ist ja tatsächlich so, daß das, was beim einen eine tolle Wirkung hat, beim anderen nur wenig oder gar nichts bringt, und ebenso fallen manchen Leuten manche Dinge schwerer als andere, aber dafür andere leichter. Das hängt sicherlich auch nicht nur von Umgebungsfaktoren ab, obwohl die natürlich auch eine Rolle spielen, sondern auch vom individuellen Stoffwechsel.

Atkins' Verdienst besteht ohne Frage darin, daß er Pionierarbeit geleistet hat und es ihm gelungen ist, seinem Konzept, das besser ist, als meine wenig enthusiastische Beschreibung es vielleicht suggeriert hat (weil ich der Meinung bin, es fehlt mindestens ein weiterer Schritt hin zu einer wirkungsorientierten Sichtweise, statt sich auf eine einzelne Methode, die diese Wirkung erzielen kann, zu fokussieren), eine millionenfache Verbreitung zu verschaffen. In seinen Büchern hat er außerdem eine taugliche Grundlage geliefert, auf der man aufbauend weiterforschen könnte, wenn man nur wollte, und darauf basierend dann auch praxistaugliche Ernährungsweisen entwickeln. Kombinationen von Low Carb und Intervallfasten sind ja möglich und können sich sogar als einfacher erweisen. Mir jedenfalls erleichtern Fastentage die Disziplin in meinen Low-Carb-Phasen. Hat man einen, drei oder vier Tage lang gar nicht gegessen, schmeckt einem ja alles, was man im Anschluß daran ißt, ausgezeichnet, und es ist dann auch völlig egal, daß da keine Brötchen mit dabei sind.


Sonntag, 11. August 2024

Warum ich nicht mehr bei Aldi einkaufe

Mein Gewicht heute früh: 79,1 Kilogramm, was definitiv mehr ist, als ich gerne gehabt hätte. Andererseits ist es nicht so viel mehr, daß ich mir den Luxus leisten wollte, mir ausgerechnet jetzt darüber den Kopf zu zerbrechen. Bei mir ist die Vor-Umzugs-Phase schon jetzt in vollem Gange. Noch dreieinhalb Wochen, und wir haben Notartermin. Einen Tag später gehe ich schon mit dem Käufer meiner Wohnung zum Notar. Das ist super, weil es mir ermöglicht, sehr schnell einen beträchtlichen Teil der Zwischenfinanzierung wieder zu tilgen und die zugehörigen Kosten zu minimieren, aber es macht unseren Zeitplan klarerweise ziemlich straff. Der Verkauf der Wohnung meines Mannes geht übernächste Woche in die Besichtigungsphase. Idealerweise stemmen wir diesen Verkauf auch noch im September oder Oktober, aber ob das wirklich klappen wird, läßt sich im Moment noch nicht sagen.

Die ersten Umzugskartons sind jetzt schon gepackt, unter anderem deshalb, weil ich einige schon ziemlich schrottige Möbelstücke (uralte Billy-Regale und so) schon jetzt abgebaut habe, weil meine Nachbarin - die mit der Katze - vor einigen Tagen ins Betreute Wohnen gezogen ist und ihre Wohnung nächste Woche entrümpelt wird. Da wollen wir uns als Trittbrettfahrer anhängen und ein paar Sachen von uns auch gleich mitentrümpeln lassen, von denen von vornherein klar ist, daß weder wir noch sonstwer noch etwas mit ihnen anfangen kann. Daß die zugehörigen Regal- und Schrankinhalte schon jetzt in Umzugskisten verschwunden sind, ist kaum ein Fehler, denn in der zweiten Septemberhälfte werden wir eine ganz Menge Kram auf einmal erledigen müssen. Deshalb werde ich möglichst viele Packarbeiten schon in den nächsten drei Wochen erledigen. 

Ja, und nebenbei versuche ich natürlich auch noch, meine Brötchen weiter zu verdienen. Frei nehme ich erst in der heißen Phase unmittelbar vor der Wohnungsräumung und dem Einzug ins Haus. Aber ich bin guten Mutes, daß das alles klappen wird. Wer sich weder von einer Chemotherapie noch von Bestrahlung von der Arbeit abhalten lassen hat, der wird das ja wohl bei so einem bißchen Umzug auch noch hinkriegen.

Da wir dasselbe Umzugsunternehmen wie die Nachbarin beauftragen wollen, werden wir den Entrümpelungstermin nächste Woche gleich nutzen, um eine erste Vorbesprechung für unser Umzugsvorhaben zu machen und ein Angebot einzuholen. Die Nachbarin hat für den Umzug ein bißchen mehr als 4000 Euro bezahlt. Ich bezweifle, daß das für unseren Umzug auch ausreichen wird. Einkalkuliert habe ich eher um die 50 % mehr, weil wir einfach mehr Zeugs haben. Aber mal sehen, dafür werden wir kürzere Fahrzeiten bis zu unserem neuen Heim benötigen. Was am Ende mehr ins Gewicht fällt, läßt sich schwer sagen. Ich beschwere mich natürlich gar nicht, wenn die Sache am Ende doch weniger als erwartet kostet. 

Wie auch immer, wahrscheinlich werde ich in den nächsten etwa zwei Monaten ziemlich wenig Zeit für Blogartikel haben. Sobald sich das Umzugschaos lichtet, steige ich mit einer Bestandsaufnahme wieder ein. Darunter nicht ganz unwichtig, das Körpergewicht, mit dem ich in die nächste Low-Carb-Phase einsteige, das bedauerlicherweise etwas höher ausfallen wird, als ich gehofft hatte, aber das krieg ich dann schon wieder runter.

***

Eigentlich hatte ich nicht vorgehabt, an meinen aktuellen Einkaufsgewohnheiten noch vor meinem Umzug etwas Substantielles zu verändern. Weg des geringsten Widerstands und so. Aldi hat jetzt das kleine Kunststück fertiggebracht, mir das Einkaufen überflüssigerweise so viel unangenehmer zu machen, daß ich nach entschieden habe, künftig dort nicht mehr einzukaufen, jedenfalls keinen größeren Einkauf, sprich: mehr Artikel, als ich in zwei Händen bequem (!) tragen kann. 

In allen anderen Fällen als diesem weigere ich mich nämlich kategorisch, an SB-Kassen zu bezahlen. Erstens, weil mein allererster Versuch an der ersten Self-Service-Kasse bei Aldi schon vor ein paar Jahren so spektakulär schiefgegangen ist: Nach dem Scannen ungefähr der Hälfte der Artikel wurde einer plötzlich nicht angenommen und ich stand hilflos da, bis eine Kassiererin - unter den finsteren Blicken der Kunden in der Schlange an ihrer Kasse - ihren Platz verließ und mir beistand. Später erlebte ich es ich an der Kasse neben der SB-Kasse immer wieder mit, daß ich warten mußte, weil die Kassiererin bei der SB-Kasse helfen mußte. Eine besonders gute Werbung für dieses Angebot war das nicht gerade. 

Im Prinzip finde ich diese Kassen ohne Kassiererinnen noch nicht einmal eine schlechte Sache. Sie sind eine nützliche Ergänzung vor allem für Kunden, die nur einen oder sehr wenige Artikel kaufen wollen, und ersetzen in diesem Fall die vor Jahren zeitweise gebräuchlichen "Schnellkassen", an die man sich nur mit wenigen Artikeln anstellen durfe. Bei DM nutze ich Kassen zum Selbstscannen andauernd. Aber dort habe ich halt selten mehr als einen oder zwei Artikel, und ich habe dort auch noch nie erlebt, daß dort keine Möglichkeit bestand, stattdessen normal abkassieren zu lassen. Würde ich bei DM einen so gut gefüllten Einkaufswagen haben wie bei Aldi, wäre es mir auch dort allemal lieber, mich in die Schlange an der normalen Kasse einzureihen. 

Daß es neben dieser SB-Möglichkeit auch immer eine geöffnete normale Kasse gibt, darauf kann ich mich bei Aldi aber neuerdings nicht mehr verlassen. Ich habe jetzt sage und schreibe sechs Stippvisiten bei Aldi hinter mir, bei denen ich keine Wahl hatte, als zu einer der SB-Kassen zu gehen, die nun in zwei Dreierreihen hintereinander das Einkaufen zu einer Art Spießrutenlauf machen. Denn der Platz dort ist im Grunde zu knapp für sechs Kunden mit sechs Einkaufswagen. Noch schlimmer wird das Gedrängel, weil immer ein oder samstags meistens auch zwei Mitarbeiter dort hin- und herspringen, um den Leuten zu assistieren. In fünf der sechs Fälle habe ich den Laden ohne Einkäufe wieder verlassen. Die ersten beiden Male hatte ich einen vollen Einkaufswagen, den ich vorher wieder leergeräumt habe. Das passiert mir jetzt nicht mehr, weil ich nur noch zu Aldi gehe, wenn ich wenige Artikel brauche, denn beim zweiten Mal habe ich mir nur deshalb einen Einkaufswagen geholt, weil ich gesehen hatte, daß eine Bedienkasse geöffnet hatte. Dummerweise wurde sie aber ausgerechnet, als ich mich dort anstellen wollte, wieder geschlossen. 

Aber auch mit wenigen Artikeln ist der Bezahlvorgang so unangenehm geworden, daß ich mich auch in solchen Fällen bislang nur einmal dazu entschließen konnte, nicht auf dem Absatz umzudrehen und den Laden wieder zu verlassen. Und das habe ich sofort bereut. Denn diese SB-Kassen waren gerade alle belegt, und anstelle einer geordneten Schlange hatte sich vor ihnen ein unordentliches Kundenknäuel gebildet, aus dem zwei hektisch zwischen den Kassenreihen hin- und herspringende Mitarbeiter sich die Leute mit Zurufen an die jeweils gerade freiwerdende Kasse zu dirigieren versuchten. Dabei nahmen sie nicht die geringste Rücksicht auf die Kunden, die dort gerade noch ihre Einkäufe einzupacken hatten und es bestimmt ebenfalls unangenehm fanden, wenn hinter ihnen schon jemand darauf geierte, daß sie endlich den Platz an der Kasse freimachten. Unangenehm war es aber auch für die solchermaßen herumgescheuchten Wartenden.

Wer sich so etwas ohne zwingendes Erfordernis selbst antut, kann meiner Meinung nach nicht ganz dicht sein. Da Aldi diese SB-Kassen offenbar längst nicht mehr als ein zusätzliches Angebot betrachtet, sondern als alleinige Bezahlmöglichkeit etablieren will, werden sie sich mit den Kunden begnügen müssen, die kein Problem mit Hektik und Herumscheuchen im Kassenbereich haben. Mir ist auch schon aufgefallen, daß das typischerweise Kunden sind, die so wenig einzukaufen haben, daß sie keinen Einkaufswagen benötigen. Alle, die viel einkaufen möchten, machen es wohl mittlerweile genauso wie ich und gehen ein paar Häuser weiter zu Lidl.

Bis ich etwas anderslautendes von Aldi höre, gehe ich davon aus, daß diese SB-Kassen in nächster Zeit bei Aldi überall Standard werden sollen. Von einer anderen Aldi-Filiale kannte ich das Konzept, ganz auf geöffnete normale Kassen zu verzichten, nämlich schon, aber die hat einen etwas speziellen Standort und kann deshalb von vornherein fast nur mit Käufern rechnen, die nur kleine Einkäufe haben. Bei meiner Stammfiliale war das bislang aber nicht der Fall. Wenn einem das in dieser Filiale zugemutet wird, dann muß man über kurz oder lang also überall damit rechnen. Also kaufe ich künftig auch in anderen Aldi-Filialen nicht mehr ein. Ausnahme, wie gesagt, sind bestimmte einzelne Artikel, die ich anderswo nicht in derselben überzeugenden Qualität bekomme.

Nicht, daß es in einer längerfristigen Perspektive so viel Unterschied für Aldis Umsätze machen wird, ob ich dort einkaufe oder nicht. Nach meinem Umzug werden Discounter an mir sowieso nicht mehr viel verdienen, das zeichnet sich längst ab. Aber ich wünsche Aldi hiermit aus Verdruß über die kropfunnötige zusätzliche Belästigung neben der üblichen Kundenverwirr-Ladenumräumerei, nach der man die gewohnten Artikel erst findet, wenn man dreimal durch den gesamten Laden durchgehechelt ist, hiermit einen Umsatzeinbruch, der spektakulär genug ausfällt, um sie wenigstens von dieser Sache wieder gründlich zu kurieren.

***

Und weil ich gerade bei Lebensmitteln bin: Vor zwei oder drei Wochen habe ich auf den Wochenmarkt die ersten Gaishirtle-Birnen gesehen und mußte mir natürlich sofort ein Pfund mitnehmen, obwohl sie noch steinhart waren. Sie lagen ein paar Tage, bis ich sie probiert und für gut befunden habe. Meistens ist es schwierig, den richtigen Zeitpunkt zu finden, entweder sie sind noch zu hart oder sie fangen schon an zu vergammeln, aber diesmal ist es mir gelungen. Sie waren genau im richtigen Stadium: Knackig, aber nicht mehr hart. Und sehr süß! Deshalb kam mir dazu noch ein anderer Gedanke, den ich hier mal teilen möchte. Mir ist nach wochenlangem Nachhören im Seyfried-Charity-Channel nämlich mittlerweile aufgefallen, daß die evolutionsbiologischen Mutmaßungen, die ich bei Rainer Klement so harsch kritisiert habe, von Seyfried in großen Teilen geteilt werden, womöglich hat Klement sie auch direkt von ihm übernommen. Und, Überraschung: Nur weil mein Held Seyfried solche Dinge zu glauben scheint, heißt das noch lange nicht, daß ich mich dem anzuschließen bereit bin. Die Gründe, warum ich sie Klement nicht glaubte, gelten auch für Professor Seyfried. 

Der süße Geschmack von Wildfrüchten ist ja evolutionsbiologisch auch für etwas gut. Gaishirtle-Birnen sind zwar keine Wildfrucht, aber eine - wie der Name schon sagt - von Ziegenhirten entdeckte verwilderte Form, der sicherlich eine alte Zuchtform vorausgegangen war. Sie sind von niemandem für den verwöhnten Verbraucher optimiert worden. Sie sind klein und haben nur einen kurze Phase zwischen der steinharten Phase, in der man sich an ihnen die Zähne ausbrechen könnte, und dem Vergammeln. Aber sie haben ihre treue Fangemeinde, und deshalb werden sie auf dem Wochenmarkt jedes Jahr wieder angeboten, wenn sie gerade reif sind. Die besten Obstsorten, die ich kenne, sind überhaupt allesamt alte Züchtungen, ob das nun Birnen, Äpfel oder Zwetschgen sind. Für fast alle gilt, daß man sie nur innerhalb eines kleinen Zeitfensters ihrer Reifezeit ergattern kann. Typischerweise sind sie auch mühsamer zu ernten als die Früchte, die im Discounter angeboten werden, weil sie noch an "richtigen" Bäumen wachsen. 

Mit Obst in den USA kenne ich mich aber nicht aus. Es mag sein, daß dortige Züchtungen ja wirklich vor allem besonders süß sein müssen und sich von in Europa üblichen Züchtungen und natürlich dann auch noch stärker als unsere von der Süße wilder Früchte unterscheiden. Aber was hat Seyfried eigentlich gegen die Sorte Obst, die jahrtausendelang von Menschen nach der Jäger-und-Sammler-Zeit gegessen wurden, ohne daß dies zu Krebs als Massenphänomen geführt hat? 

Mir scheint es gut begründet, warum man eine Krebserkrankung durch ein Verfahren behandeln kann, zu dem eine Ernährungsweise gehört, die eine therapeutische Ketose zum Ziel hat. Dagegen leuchtet es mir nicht ein, daß es auch zur Krebsprävention erforderlich sein soll, sich ketogen zu ernähren (auch wenn es einem solchen Ziel bestimmt nicht schadet, dies zu tun). In der Antike, dem Mittelalter oder der frühen Neuzeit sind die Leute schließlich auch nicht massenhaft an Krebs gestorben, auch die nicht, die das Glück hatten, den allgegenwärtigen Infektionskrankeiten bis hin zu Seuchen wie der Pest zu entgehen. Mich würde aber tatsächlich mal interessieren, ob in der einschlägigen paläobiologischen Forschung tatsächlich ein Unterschied zwischen Jäger-und-Sammler- und Ackerbaukulturen feststellbar ist, was die Häufigkeit von Krebs betrifft, und wenn ja, ob es dabei um Häufigkeiten geht, die überhaupt einen Grund bieten, darüber nachzudenken. Ich glaube nicht so recht daran, daß ketogene Ernährung gegenüber konventioneller gesundheitliche Vorteile hat, die erwähenswert sind, jedenfalls dann nicht, wenn man Fertigprodukte vermeide. Sollte man Keto-Fertigprodukte verwenden, sehe ich im Gegenteil einen Nachteil gegenüber "normaler" Ernährung ohne Fertigprodukte.