Mittwoch, 20. Oktober 2021

Gesinnungsethik vs. Verantwortungsethik: Der Kampf gegen die Sünde vs. das Lösen eines Problems

Mein Gewicht heute früh: 91,4 Kilogramm. Ist das zu fassen? Anstatt wegen des zusätzlichen Eßtags (fürs Protokoll: ca. 3800 kcal), wie von mir - aufgrund von Erfahrungswerten - vermutet, leicht nach oben zu gehen und dabei die 92-Kilo-Grenze zu überklettern, ist mein Gewicht von gestern auf heute statt dessen leicht nach unten gegangen. (Nein, nein, nein, ich beschwere mich ü-ber-haupt nicht darüber ...)

Dr. Fungs Überlaufen auf die "dunkle Seite der Ernährungswissenschaft", das ich gestern beschrieben habe, folgte heute ein partielles Überlaufen der "orthodoxen" Epidemiologie auf unsere Seite. Das sonst nicht gerade für unorthodoxe Ansichten bekannte Ärzteblatt berichtete nämlich über eine neue Studie an Mäusen, in der die Wirkung von Kalorienreduktion und Intervallfasten auf die Stoffwechselgesundheit untersucht wurde. Dabei kam heraus: 

a) Intervallfasten mit Kalorienreduktion zeigte sich, gesundheitlich betrachtet, wirksamer als Kalorienreduktion alleine ohne beschränktes Zeitfenster zum Essen. 

Das Interessante daran: Seit Jahren wird schon über den Überlebensvorteil berichtet, den eine Kalorienrestriktion bei diversen Tierarten gezeigt hat. Erstmals wurde nun erkannt, daß es einen gewaltigen Unterschied macht, ob man diese Tiere einmal am Tag füttert oder ob man ihnen dieselbe Menge an Futter für einen Verzehr zu beliebiger Zeit bereitstellt. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht so trostlos wäre, daß auf Basis dieses jetzt erkannten Irrtums über mögliche Maßnahmen auch für Menschen laut nachgedacht worden und sicherlich auch zum Teil von übermotivierten Ernährungspraktikern so umgesetzt worden ist. 

Das zweite Ergebnis ließ mich dann breit grinsen.

b) Intervallfasten OHNE jegliche Kalorienreduktion erbrachte nämlich einen großen Teil derselben Gesundheitsvorteile. 

Der Volltext der Studie befindet sich leider hinter einer Bezahlschranke, also konnte ich ihn mir nicht zu Gemüte führen, denn dazu hätten mich echt die Einzelheiten interessiert. Was genau ist mit einem "großen Teil" gemeint? Inwiefern und wie weit waren die Kalorienreduzierer den Ad-libidum-Fressern voraus? Die Lebenserwartung gibt leider keinen Aufschluß. Die Gruppe a) lebte nämlich ein halbes Jahr länger als die beiden Kontrollgruppen (normale Ernährung/kalorienreduzierte Ernährung jeweils ohne zeitliche Beschränkung). Bei der Gruppe b) wurde dieser Faktor aber gar nicht gemessen. 

Wieso eigentlich nicht? So richtig ergibt das ja keinen Sinn. Ob man womöglich Angst vor einem Ergebnis hatte, das den unterschwelligen moralischen Aspekt der Sache (Essen als Sünde und Übergewicht/Krankheit als deren Bestrafung) nicht bedienen würde? 

Mir verging das Grinsen. Womöglich ist dieser unterschwellige moralische Scheiß ja der geheime Grund dafür, warum sich unsere Wissenschaft und Medizin seit Jahrzehnten als unfähig erwiesen haben, einen Anstieg der Adipositas zu verhindern. 

Was mich schon so lange auf die Palme bringt: Inzwischen gilt es unter Adipositas-Chirurgen geradezu als eine Binse, daß die Wirkung von magenverkleinernden OPs die Wirkung der Kalorienreduktion deutlich übersteigt, und dies wird auf hormonelle Faktoren zurückgeführt. Aus irgendwelchen Grunden scheint aber niemand in Erwägung zu ziehen, diese hormonellen Faktoren zu suchen und anzuwenden, ohne daß man sich dafür erst einmal körperlich verstümmeln lassen muß. Da spielt doch bestimmt auch wieder dieser Sünde/Reue/Buße-Aspekt eine unerkannte Rolle.

Währenddessen fordert der "politische Arm der Ernährungswissenschaft", die einschlägigen Public-Health-Organisationen von der Politik dringend die Umsetzung von Maßnahmen, die angeblich geeignet sind, uns allesamt schlank, gesund und glücklich zu machen.

Der Elefant im Raum: Es sind in Wirklichkeit gar nicht die einzelnen Inhaltsstoffe in Fertiglebensmitteln, die das Problem sind, sondern die Fertiglebensmittel als solche, als Konzept und als ungeeignete Ernährungsgrundlage. Das Ganze ist ja immer mehr als die Summe seiner Teile. Pfannkuchen sind sicherlich nicht der Inbegriff der gesunden Ernährung, aber Pfannkuchen aus einem selbstgemachten Teig aus Weizenmehl, Milch und Eiern sowie ein bißchen Salz und ggf. je nach Geschmack (meinem entspricht es nicht) auch Zucker, behaupte ich, sind gesünder als dieser fertige Pfannkuchenteilmix in der Schüttelflasche mit den Zutaten: WEIZENMEHL, Glukosesirup, EIPULVER, EIGELBPULVER, Fruktose, jodiertes Speisesalz.

Das gilt alleine schon, weil auch die billigsten Eier im Discounter vermutlich immer noch besser sind als die noch billigere Ware, die dem Konzern, zu Pulver verarbeitet, zur weiteren Verarbeitung geboten wurde. 

In letzter Zeit vertreibe ich mir beim Einkaufen, wenn es an der Kasse ein bißchen dauert, gerne die Zeit damit, in meinem Einkauf nach Produkten zu suchen, deren Zutatenliste mehr als drei Begriffe enthält. Viele sind es nicht mehr, letztes Mal waren es nur noch drei: Mayonnaise in der Tube, fertiger Rettichsalat und - zu meiner Überraschung - die tiefgefrorenen Süßkartoffelpommes, die ich nun wahrscheinlich nicht mehr kaufen werde, weil mir das gar nicht bewußt war, was für ein Aufwand getrieben werden muß, um diese Dinger herzustellen. Ich hatte mir irgendwie die ganze Zeit eingebildet, die würden wie normale Pommes einfach zerschnitten und fertig.

Aber wie man an dem Rettichsalat sieht, grundsätzlich sehe ich diese Sache unideologisch. Was mir schmeckt, das kaufe ich auch. Der fertige Rettichsalat ist eine noch ziemlich neue Errungenschaft der Discounter, den kenne ich erst seit ein paar Wochen. Ich kaufe ihn zusätzlich zu den Rettichen, aus denen ich selbst Rettichsalat mache, denn manchmal ist es einfach praktisch, etwas Fertiges zu haben, auf das man zurückgreifen kann. Und im Gegensatz zu den Süßkartoffelpommes, bei denen ich das Gefühl hatte, getäuscht worden zu sein, ist ein abgepackter Rettichsalat ein ehrliches Fertigprodukt, mit dem mir niemand etwas vorzumachen versucht.

Die Zahl Drei als die Grenze zwischen "echten" Lebensmitteln und solchen mit bedenklicherem Verabeitungsgrad (je mehr Zutaten auf der Liste desto bedenklicher) habe ich wegen der passierten Tomaten gewählt, die ich gerne verwende: Zutatenliste "Tomaten, Wasser, Salz" - so etwas ist in meinen Augen beim besten Willen kein hochverarbeitetes Lebensmittel. Falls sie aber vielleicht doch irgendwelche weiteren Substanzen enthalten, die nicht angegeben werden müssen, wäre eine gesetzliche Vorschrift, die dies unterbindet, eine der wenigen, die ich für wirklich nützlich halten würde. 

Ansonsten sehe ich nicht viel Sinn darin, die Lebensmittelkonzerne dazu zu animieren, den Feind von heute, ob er nun Salz, Zucker oder Fett wäre, durch irgendwelche Ersatzstoffe zu ersetzen, unter denen sich mit hoher Wahrscheinlichkeit der neue Feind von morgen befinden wird. Genauso, wie es früher ja auch schon gewesen ist. Es ist etwa schon ein paar Jahre her, da stieß ich irgendwo im Web auf eine amerikanische Zeitungsnotiz aus den siebziger Jahren. In ihr bejubelte eine US-Verbraucherschutzorganisation den Erfolg ihrer Kampagne gegen die Fastfoodketten, denn diese waren nach lange geschürter öffentlichen Empörung eingeknickt und hatten den gräßlichen, gefährlichen, arterienverstopfenden Rindertalg zum Braten und Frittieren durch die gesunden Transfette ersetzt ...

Richtig, die Rede war von genau den Transfetten, die mittlerweile als das ölgewordene Böse gelten und gottweißwieviele Amerikaner auf dem Gewissen haben sollen. 

Gesundheitspolitische Forderungen sollten also SEHR genau geprüft werden, bevor man sich auf ihre Umsetzung einläßt.

Von künstlicher Verteuerung ungesunder Lebensmittel mit gesundheitspolitischer Argumentation halte ich aber grundsätzlich nichts, nicht einmal dann, wenn auch ich davon ausgehe, daß sie wirklich ungesund sind. Denn solche Lebensmittel sind ja so gut wie immer auch noch aus zahlreichen anderen Gründen problematisch, und wenn jeder Teilaspekt einzeln reguliert wird, reguliert man sich erstens irgendwann zu Tode und zweitens löst man bei jedem davon die Suche nach Schlupflöchern aus, die oft genug erfolgreich sein wird, um die gut gemeinten Bemühungen zu sabotieren und, wenn es richtig dumm kommt, vielleicht alles sogar noch schlimmer zu machen.

Wenn ich überhaupt regulieren würde, dann den - meiner Meinung nach - zentralen Problembereich, nämlich daß die größten Konzerne die übelsten Kostendrücker ihrer Lieferanten sind und geradezu zwangsläufig also auch die fragwürdigsten Lebensmittel herstellen. 

Was ich regulieren würde, wären die Transportwege, und zwar mittels einer Transportsteuer. Selbstverständlich für ALLE Güter, aber eben auch für Lebensmittel. Der Sinn einer solchen Steuer liegt, finde ich, auf der Hand, denn solange es sich für Produzenten und Vertreiber immer noch rechnet, Pfennigartikel fünfmal um den ganzen Globus zu transportieren, sind Transporte offensichtlich zu billig. Eine Transportsteuer wäre geeignet, die Lieferketten und transportierten Strecken kürzer zu machen, und sie könnte zweckgebunden für klimaschützende Maßnahmen und/oder Schutzmaßnahmen vor negativen klimatischen Veränderungswirkungen eingesetzt werden. 

Mir gefällt an dieser Lösung, daß sie eine ganze Reihe weiterer Probleme miterschlagen würde. Das gilt auch für das Lebensmittelproblem. Industrienahrung wird etwa aus billigsten Bestandteilen hergestellt, von denen jeder einzelne zwangsläufig lange Transportwege hat, wahrscheinlich aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt, möglicherweise mehrere Mal, da auch Zwischenprodukte entstehen können - und da die Produkte zentral hergestellt werden, kommen für das fertige Produkt weitere lange Transportwege hinzu. Eine Transportsteuer würde somit regionale und un-  bzw. wenig verarbeitete Produkte gegenüber der Konzern-Massenware und stark verarbeiteten Produkten begünstigen. Genauso wie die ungesunden Lebensmittel das Ergebnis der bisherigen Vorteile für die Konzerne gewesen sind, sollten gesündere Lebensmittel das Ergebnis künftiger Vorteile für kleine und mittlere Erzeuger sein, die sich auf regionalere Verbreitung fokussieren.

Begleitend müßte eventuell aber zusätzlich noch für die zugehörige Infrastruktur gesorgt werden. Dazu fallen mir spontan Schlachthöfe ein. Es ist ein schlechter Witz, daß die Massenerzeugung von Fleisch und Wurst von wenigen Großkonzernen Ergebnis einer politischen Fehlsteuerung der EU gewesen ist, die u. a. durch die Anforderungen an Schlachthöfe wirksam dafür sorgte, daß viele dieser Betriebe nicht mehr konkurrenzfähig arbeiten konnten. Somit konzentrierten sich auch die Schlachtkapazitäten dort, wo die Mega-Fleischkonzerne wie Tönnies sie brauchen konnten. Sollte die Entwicklung wieder mehr in die Gegenrichtung gehen, fehlt es also zunächst möglicherweise regional noch an den erforderlichen Kapazitäten. 

Das gilt bestimmt nicht nur für Fleisch, sondern auch auch für anderen Arten von Lebensmittel und deren Verarbeitung.

Weil ich aber gerade beim Thema Fleisch bin, das ja auch so ein ideologisch aufgeladener Bereich ist: Ich halte die Debatten über die Klimaschädlichkeit des Fleischkonsums für mit viel Heuchelei überfrachtet. Solange in Deutschland so viel mehr Fleisch erzeugt als verbraucht wird, also zusätzlich auch noch der Transport klimawirksam zu Buche schlägt, sehe ich - alle weitere Einwände an dieser Stelle ausgeklammert - überhaupt keinen Grund dafür, weniger Fleisch zu konsumieren, das bei mir mit wesentlich kürzeren Wegen auf dem Teller landet. Womit ich eher ein Problem habe, ist, daß nur bestimmte Fleischteile überhaupt bei uns in den Handel kommen und etwa Innereien fast vollständig in den Export gehen, während jemand, der im Discounter einkauft, von vornherein so etwas wie beispielsweise eine Rinderzunge (eine gar köstliche Delikatesse) gar nicht zur Auswahl vorfindet. 

Genau das spricht übrigens schon jetzt für den Fleischkauf beim regionalen Metzger. 

Ein Teil der üblichen Heuchelei besteht darin, daß immer wieder behauptet wird, früher hätten die Leute "nur am Sonntag Fleisch" auf dem Tisch gehabt. Also, in meiner Kindheit traf das zwar zu ... und am Montag gab es dann die Reste des Sonntagsbratens. Von Dienstag bis Donnerstag gab es Dinge wie Würstchen mit Kartoffelbrei, gefüllte Paprika, gerne auch mal Leber. Freitags war der einzige echte fleischfreie Tag, und an dem gab es bei uns Fisch (mein Vater angelte). Samstags wiederum ging man zum Metzger und kaufte nicht nur den Sonntagsbraten, sondern auch die frische Wurst, auf die man vor allem bei Wochenendfrühstück Wert legte. In der Regel wurde genügend gekauft, dass am Donnerstag  die allerletzten Reste verbraucht werden konnten. 

Ich frage mich manchmal ja schon, wie vielen selbsternannten Vegetariern wohl überhaupt nicht klar ist, daß die Salami und die Wiener Würstchen ebenfalls in die Kategorie "Fleisch" gehören, denn anders ergibt dieses Sonntagsbraten-Argument ja nicht viel Sinn. 

Stichwort Wurst:

Eine Transportsteuer würde besonders die abgepackte Billigwurst der Massenhersteller treffen. Ich bin überzeugt davon, daß dieser Faktor und die Wirkungen, die eine solche Steuer auslösen würden, klimawirksamer wären als alles, was die Moralapostel so wahnsinnig gerne durchsetzen wollen, weil sie damit auch den Aspekt "Sünde/Reue/Buße" berücksichtigt fänden. Daneben würde es den Fortbestand der regionalen Erzeuger schützen und regionale Erzeugung zu einem attraktiveren Geschäftsmodell machen, und es würde damit auch für mehr gute Lebensmittel statt billigem Schlangenfraß sorgen.

Den Schlangenfraß verbieten würde ich aber nicht. Wahlmöglichkeiten zu haben, ist meiner Meinung nach eine Frage der Menschenwürde, und ein Staat, der sich damit nicht abfinden kann, wenn er mit dem Ergebnis individueller Entscheidungen nicht glücklich ist, und sich dann einbildet, die Leute zu ihrem eigenen Besten zwingen oder nudgen zu dürfen, überschreitet seine Kompetenzen und richtet unter dem Strich nichts als Schaden damit an. Ich finde, jeder, der Müll essen will, obwohl ihm zu gleichen Kosten bessere und ebensogut nutzbare Alternativen zur Verfügung stünden, sollte ihn auch essen dürfen.



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