Freitag, 24. März 2023

Countdown: Noch 7,2 Kilogramm bis zum Zielgewicht

Mein Gewicht heute früh: 80,7 Kilogramm - neues Tiefstgewicht, das erste Mal seit Oktober. Sehr zufriedenstellend, wenn auch ca. 200 Gramm mehr, als ich eigentlich gehofft hatte. Aber das sind ja nur Marginalien, ein paar hundert Gramm hin oder her spielen ja kaum eine Rolle, wichtig ist vor allem, daß ich nicht nur die Zunahme vom Dezember jetzt endgültig abgeschüttelt habe, sondern tatsächlich noch vor Ende der Chemo den Faden an der Stelle wieder aufnehmen konnte, an der ich mich vor der Krebsdiagnose befand. 

Fürs Protokoll: So verlief meine Abnahme, seit ich am 9.1.23 wieder mit Low Carb gestartet bin und ab der Folgewoche Chemo mit viertägigen Fastenintervallen kombinierte sowie in den beiden Wochen dazwischen je nach Schichtplan meines Mannes zwei bzw. drei einzelne Fastentage einlegte:

Im Nachhinein meine ich, daß es vielleicht doch besser gewesen wäre, in der Woche nach dem langen Fastenintervall immer nur zwei einzelne Tage zu fasten, weil ich beide Male ein bißchen das Gefühl hatte, daß ich nicht ausreichend gegessen habe, da ich in der Nebenwirkungs-Hochphase immer so ungewöhnlich schnell satt wurde und im Anschluß daran ja dann noch der flotte Otto über mich kam, was ja auch die Nährstoffaufnahme verringert haben muß. Aber letztlich habe ich nicht das Gefühl, daß es wirklich geschadet hätte, ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob es der Grund dafür ist, daß ich mich in diesen Wochen doch ein wenig länger etwas wackelig auf den Beinen fühlte. Das ist natürlich schwer zu beurteilen, weil die Nebenwirkungen nie völlig gleich ausgefallen sind.

Das dürften immerhin um die sechs Kilo "Netto-Abnahme" gewesen sein - genau weiß ich das ja erst, wenn ich in einer Woche wieder von Low Carb in Normalernährung wechsle. Für drei Monate ist das echt eine Menge. Möglicherweise zeigt das auch, daß die enorme Zunahme im Dezember tatsächlich mehr mit der EC-Chemo ohne Low Carb als mit einer normalen Zunahme zu tun hatte, vielleicht ja in Zusammenhang mit dem Cortison, das mit im Spiel war. Jetzt zum Schluß lag ich mit meinem Tiefstgewicht ja nur noch 1,2 Kilogramm unter dem vom letzten Mal, das ist immer noch ganz schön viel, aber ein realistischeres Ergebnis, als mit jedem langen Fastenintervall gleich zwei Kilo weniger als nach dem letzten zu wiegen. Daß sich das zugelegte Gewicht so schnell vollständig beseitigen läßt, hatte ich eigentlich nicht erwartet, aber ich will um Himmels willen nicht darüber meckern. ;-)  

Am Dienstag hatte ich meine letzte Chemo-Sitzung und spüre seit gestern langsam die Nebenwirkungswelle eintrudeln. Ich war gestern abend noch schnell Blumenerde kaufen, weil meine Gurken- und Zucchinipflanzen im Anzuchtkasten gewachsen sind wie verrückt, und war hinterher wahrhaftig davon ein bißchen geschafft, das kannte ich seither noch nicht, allerdings war ich auch seit Beginn der Antikörper-Chemo nie Donnerstagabends aus dem Haus. Mal sehen, wie das Wochenende wird. Morgen wäre ja der erste schöne Flohmarkt des Jahres, und die Wetteraussichten haben sich für morgen ziemlich gebessert, aber ob ich in der Verfassung sein werde, tatsächlich hinzugehen? Ich habe ernste Zweifel daran. Das entscheiden mein Mann und ich morgen früh, was wir machen wollen. Fest steht, falls wir gehen, dann frühzeitig, da ich - anders als während der EC-Chemo, bei der das genau andersherum war - bei diesem Chemiecocktail eher ab dem Nachmittag zu schwächeln beginne. 

Am Dienstag werde ich wohl den Termin meiner OP erfahren (vermutlich Mitte April) und was sonst noch vorher alles erledigt werden muß, hoffentlich ist das nicht gar zu viel, weil ich gerade eine Menge Arbeit habe. Und hoffentlich dehnt sich der Großkampftag im Verkehr, der für Montag angekündigt ist, nicht auch noch auf den Dienstag aus. In Normalverfassung könnte ich notfalls auch zu Fuß zum Arzt gehen, obwohl es ziemlich weit ist, aber erfahrungsgemäß bin ich eine Woche nach der Chemo zwar bereits wieder in ganz ordentlicher Verfassung, aber noch ein bißchen wackelig auf den Beinen. Für einen so langen Marsch reicht es deshalb wohl noch nicht, also würde ich dann ein Taxi nehmen müssen.

Was mich gerade ein bißchen nervt, ist, daß meine Haare seit Januar leider nicht mehr nennenswert gewachsen sind. Eigentlich wäre ich jetzt soweit, daß ich gerne wieder meine eigenen Haare tragen würde, aber da muß ich wohl noch ein bißchen Geduld haben. Ich habe nach wie vor nur diesen Babyflaum, der fühlt sich zwar schön weich an, aber er bedeckt den Kopf nicht ausreichend, um mich damit auf die Straße zu trauen. Mal sehen, ob das Chemo-Ende in drei Wochen meine Haare endlich wieder sprießen läßt. 

Das soll für heute genügen, da ich, wie erwähnt, gerade mit Arbeit ziemlich überhäuft bin. Aber Tiefstgewichte verdienen ja immer einen neuen Blogbeitrag.







Sonntag, 19. März 2023

Sechs Jahre Intervallfasten: Ein Hoch auf meine Unvernunft!

Mein Gewicht heute früh, einen Tag, bevor sich der Start des Intervallfastens für mich zum sechsten Mal jährt, sowie außerdem dem Beginn meines nächsten langen Fastenintervalls: 84,7 Kilogramm. Das liegt ungefähr im erwarteten Bereich, aber ob ich morgen wieder mit einem Gewicht unter 85 Kilogramm ins Fasten starten werde, muß ich noch abwarten. Es wird außerdem mein letztes langes Fastenintervall, das Chemotherapie-begleitend ist, weil am Dienstag meine letzte Chemo-Sitzung sein wird, und es sieht so aus, als könne ich nächste Woche Freitag nicht nur ein neues Tiefstgewicht erwarten, sondern sogar ziemlich in der Nähe der 80 aufschlagen. Es ist nicht einmal ausgeschlossen, daß ich sogar zum ersten Mal seit meiner Schwangerschaft anno Domini 1986/87 auf der Waage die Sieben an erster Stelle sehen könnte ... wobei ich das aber erst glaube, wenn es mir die Waage tatsächlich anzeigt. Es wäre mir außerdem zu einem späteren Zeitpunkt eigentlich sogar lieber, wenn ich nämlich aus der Low-Carb-Phase wieder raus bin. Ich wiege gerade ja immer ein bis zwei Wasser-Kilos weniger, als ich realistischerweise sonst wiegen würde, und ich hätte die Sieben gerne erst dann, wenn ich mir sicher sein kann, daß ich sie anschließend wirklich auch regelmäßig wiedersehen werde und freudig begrüßen kann. - Aber natürlich begrüße ich sie auch am Freitag schon freudig, wenn sie sich dann schon zeigen sollte. 😊

Obwohl mich die Krebstherapie noch bis zum Jahresende beschäftigen wird und jedenfalls noch bis ungefähr Ende Mai, dem mutmaßlichen Zeitpunkt, an dem auch die Bestrahlung beendet werden wird, absoluten Vorrang hat, ist es doch erfreulich, daß ich mein Zielgewicht jetzt wieder aktiv anpeilen kann und voraussichtlich mit ungefähr einem Jahr Verspätung, gemessen an meiner letzten Planung vor der Krebsdiagnose, auch erreichen werde. 

Schon in den letzten Beiträgen ist ja mein Abnahmeziel gegenüber den Beiträgen zu meiner Chemotherapie wieder schleichend mehr in den Vordergrund gerückt. Vielleicht wirkt das ein bißchen wie verschobene Maßstäbe, aber mir ist ja auch erst, als ich den Krebs einmal hatte, so richtig klargeworden, daß das, was man vor so einer Diagnose mit dem Schreckenswort "Krebs" verbindet, einen nicht daran hindert, dennoch weiterhin den größten Teil seiner Tage ganz alltägliche Dinge zu tun - nicht einmal in der anstrengenden ersten Phase. Hinzu kommt noch, daß man sich während einer Krebserkrankung in einem so frühen Stadium ohne die Chemotherapie eigentlich noch völlig gesund fühlen würde und auch damit rechnen kann, sich, sobald die Chemotherapie und jedenfalls spätestens, wenn die Bestrahlung mal vorbei ist, wieder völlig gesund zu fühlen - mit sehr guten Chancen darauf, daß das dauerhaft so bleiben wird. Interessanterweise kann laut einer Studie mehr als die Hälfte aller Brustkrebspatientinnen sogar dann mit so etwas für den Zeitraum wenigstens der nächsten fünf Jahre rechnen, wenn ein Brustkrebs ausschließlich mit alternativen Methoden behandelt wird. Bei konventioneller Therapie liegt die statistische Wahrscheinlichkeit dafür so hoch, daß ich keinen Grund sehe, mich nach Abschluß von Chemo, Operation und Radiotherapie nicht wieder so zu verhalten, als wäre ich gesund. 

Ich greife der Sache also gerade bloß ein bißchen vor. Dazu habe ich auch einen aktuellen Anlaß: Morgen jährt sich, wie erwähnt, der Tag, an dem ich mit dem Intervallfasten begonnen habe, zum sechsten Mal. Weil ich morgen aber keine Zeit haben werde, um mich mit dem Blog zu befassen, schon heute eine grafische Darstellung meiner Gewichtsabnahme in diesen sechs Jahren.

Die Delle kurz vor dem Schluß sind die sechs Wochen Dezember/Anfang Januar. Ohne Low Carb hat die Chemo mir eine eindrucksvolle Gewichtszunahme beschert. Aber inzwischen ist das Zusatzgewicht schon wieder weg, und ab nächster Woche peile ich wieder neue Tiefstgewichte an.

Datengrundlage ist meine Excel-Tabelle, die ich allerdings in den ersten sechs Monaten nicht täglich aktualisiert habe, sondern nur dann, wenn mein Gewicht runtergegangen war - das heißt, der Zeitraum bis zu der Abnahme der ersten zwanzig Kilogramm waren in Wirklichlichkeit nicht ca. 80 Tage wie in der Grafik dargestellt, sondern knapp 200 Tage. Seit November 2017 habe ich aber wirklich jeden Tag erfaßt, und die Verzerrung durch die fehlenden 100+x Tage am Anfang fällt, glaube ich, nicht mehr sonderlich ins Gewicht. 

Die ersten sieben Monate, von März bis November 2017,  habe ich pro Woche dreimal gefastet, und zwar im wöchentlichen Wechsel mit meiner ersten Mahlzeit des Tages um 15 Uhr bzw. um 18 Uhr, also pro Fastentag 18 bzw. 21 Stunden lang. Ansonsten habe ich so gegessen wie immer. Daß ich auf diese Weise in sechs Monaten zwanzig Kilogramm Gewichtsabnahme erreichte - und das, nachdem ich in den anderthalb Jahren davon mit genau der gleichen Ernährung, nur ohne die Fastenintervalle, 22 Kilogramm zugenommen hatte - hat mich dann nebenbei auch noch für immer vom Glauben an die Energiebilanz kuriert, denn nach der hätte das überhaupt nicht geschehen sein können. Da es aber dennoch geschehen war, mußte etwas anderes der Grund dafür sein. 

Ein Hoch auf meine Unvernunft! Dahinter wäre ich nämlich niemals gekommen, wenn ich damals das mit dem Intervallfasten so angefangen hätte, wie jeder vernünftige Mensch das getan hätte. 😁

Ich würde auch Dr. Eenfeldt ein bißchen von meiner Unvernunft wünschen, vielleicht würde er dann schneller merken, daß er sich mit seinem Satiety-Index (über den ich hier schon geschrieben hatte) auf einen Holzweg begeben hat. Der Grundgedanke - man müsse so essen, daß man dabei pro gegessener Kalorie möglichst viel Sättigung erzielen kann - führt in exakt die falsche Richtung, nämlich zurück zur Kalorienlogik. Ich bin mir aber sicher, daß es in Wirklichkeit piepegal ist, wieviele Kalorien man sich zuführt. Wichtig ist es eher, die Zeiträume mehr zu beachten, die man voraussichtlich benötigen wird, um sein Gewichtsziel zu erreichen, um den Anpassungen des Stoffwechsels gegensteuern zu können, wenn sie nach sechs bis zwölf Monaten eintreten. Hätte ich das von Beginn an gewußt, hätte ich mir einige Irrwege ersparen können. Aber meckern will ich jetzt auch wieder nicht, denn ich bin ja glücklicherweise alleine dahintergekommen, daß man dann, wenn man viel Gewicht abnehmen will, immer dann, wenn die Wirkung des anfangs verwendeten Mittels nachläßt, etwas daran verändern muß. 

Schon kurios, daß ausgerechnet so kurz nachdem ich dahintergekommen bin, daß "intermittierendes Low Carb" als Zusatzbaustein zu Intervallfasten eine so durchschlagende Wirkung hat, daß ich keinerlei Zweifel mehr daran habe, bis spätestens nächsten Sommer am Ziel anzukommen, ausgerechnet die Diet-Doctor-Website und Dr. Eenfeldt plötzlich wieder anfangen, gedanklich um die Kalorien zu kreisen. In der Low-Carb-Community auf Twitter hat das, wie zu erwarten war, prompt eine Art Glaubenskrieg ausgelöst. 

Das Merkwürdige daran ist, daß beide Seiten einen Elefanten im Raum beschweigen. Der Elefant in Dr. Eenfeldts Raum ist die Frage, warum er es überhaupt für erforderlich gehalten hat, sich diesen Satiety Index auszudenken. Das wäre ja kaum nötig gewesen, wenn der zuvor verfolgte Low-Carb-Ansatz wirklich bei allen oder wenigstens einer Mehrheit der Patienten dieser Plattform dauerhaft so gut wirksam gewesen wäre, wie das die Diet-Doctor-Website zuvor immer suggeriert hatte. Nur, das wird nach wie vor nicht offen ausgesprochen, und implizit wird das Problem im Schwachwerden der Patienten gesehen, genau wie einem das bei jedem konventionellen Ernährungsberater unweigerlich unterstellt wird. Daß es nicht mit Vorwürfen an die Adresse des Patienten verbunden, sondern als ein durch eine bestimmte Art der Ernährung lösbares Problem angegangen wird, ändert nichts daran, daß dieser Ansatz meiner Meinung im Vergleich zu Low Carb nichts verbessern wird, weil die Ursache an der falschen Stelle vermutet wird. 

Aus der Art der Lösung - dem Satiety Index - kann man rückschließen, daß aus Dr. Eenfeldts Sicht zu viele Patienten im Lauf der Zeit Low Carb wieder aufgegeben haben. Dafür sucht er einen Grund und glaubt, ihn in - gemessen an ihrem Energiegehalt - zu schlecht sättigenden Bestandteilen der Low-Carb-Ernährung gefunden zu haben, etwa Nüssen, während man außerhalb des orthodoxen Low-Carb-Bereichs auf höheres Sättigungspotential verzichtet. Ich bin der Meinung, daß er hier Ursache und Wirkung verwechselt. Dem Satiety Index liegt nämlich auch eine Annahme zugrunde, die ebenfalls ein Klassiker bei konventionellen Ernährungsberatern ist und die ich für falsch halte: daß jemand seine Diät bzw. Low Carb nicht durchhält und deshalb auch sein Gewichtsproblem nicht lösen kann. 

Manchmal mag das auch stimmen. Ich halte es aber für sehr wahrscheinlich, daß die Sache weitaus häufiger genau umgekehrt läuft: Die Abnahme kommt, noch bevor man den Punkt erreicht hat, den man erreichen wollte, zu einem Stillstand, und irgendwann geht das Gewicht sogar vielleicht wieder nach oben. Dann fängt die Selbstkontrolle aber fast zwangsläufig früher oder später an zu bröckeln und man hadert mit den Verzichtleistungen, die man erbringen muß. Wofür verzichtet man denn, wenn es nicht das erhoffte Ergebnis bringt? In so einer Situation Versuchungen zu widerstehen, wird immer schwieriger, je länger sie anhält. Und diese Situation trifft einen auch bei Low Carb im Durchschnitt nach einem halben Jahr, wie das eine von Dr. Eenfeldt selbst heute gepostete Grafik bestätigt: 

Bild

Der Elefant im Raum der anderen Seite des Glaubenskriegs um Low Carb hier und Satiety Index dort besteht darin, daß so getan wird, als gäbe es bei RICHTIG angewandtem Low Carb dieses Problem mit der Plateaubildung und, Gott behüte, sogar Wiederzunahmen gar nicht. Die zugehörigen Vertreter erklären sich den Erfolg mit Low Carb mittels einer Theorie, in der nicht nur die "falschen" Lebensmittel generell falsch sein müssen, sondern auch eine Verlangsamung und ein Stocken der Abnahme ohne eine fehlerhafte Anwendung der Sache überhaupt nicht vorkommen dürfte. Diese vermeintlichen Anwendungsfehler werden gerne als Sucht nach Zucker/Kohlenhydraten/hochverarbeiteten Lebensmitteln wegerklärt - damit ist die Schuld für das vermeintliche Versagen des Patienten wirkungsvoll auf die pöse Lebensmittelindustrie abgewälzt. 

Allerdings löst auch dies das Problem nicht. 

Dieses Plateau mit anschließender Wiederzunahme nach typischerweise sechs und maximal zwölf Monaten findet sich in so gut wie allen Studien zu allen Arten von Diäten und ist außerdem etwas, was nahezu jeder Abnehmende schon am eigenen Leib erfahren hat. Wieso wird diese Konstante bei allem Bemühungen um Gewichtsreduktion mit den unterschiedlichsten Ansätzen so hartnäckig übersehen?

Theorien taugen nur dann etwas, wenn sie das, was in der Realität passiert, auch erklären können. Ich glaube, Dr. Eenfeldt versucht gerade herauszufinden, warum Low Carb weniger gut funktioniert, als es das der Theorie nach eigentlich müßte, aber er bewegt sich dabei von der richtigen Erklärung weg, statt sich ihr weiter zu nähern, und früher oder später wird ihm das hoffentlich selbst auffallen.

An der Theorie, die hinter Low Carb steckt, muß nämlich vieles richtig sein. Es ärgert mich, wenn so getan wird, als seien die guten bis spektakulären Anfangs-Gewichtsabnahmen, die mit Low Carb eine deutliche Mehrheit unter den Anwendern ja wirklich vorzuweisen hat, etwas, das sich nach eigenem Belieben dauerhaft weiter fortsetzen ließe, da es ja längst genügend Hinweise darauf gibt, daß dies mehrheitlich nicht der Fall ist. Aber es ärgert mich nicht weniger, wenn das Ausbleiben weiterer Abnahmeerfolge nach dieser ersten Zeit dann dazu führt, daß diese Anfangserfolge plötzlich auch nicht mehr wahr gewesen sein sollen und Strategien, mit denen diese Erfolge erreicht wurden - etwa besonders fettreiche Ernährung und der berüchtigte Bulletproof Coffee -, auf einmal wieder verteufelt werden. 

Natürlich sind die Anfangserfolge auf dieser Basis trotzdem weiterhin wahr. Und natürlich haben sie auch eine Ursache, die weiterhin wahr bleibt, auch wenn die bisherigen Annahmen möglicherweise ganz oder teilweise nicht korrekt sind. Und selbstverständlich bedeutet es außerdem, daß man diese anfänglichen sechs bis zwölf Monate in eine funktionierende Herangehensweise an eine gewünschte Gewichtsabnahme einbauen kann. Auch dann, wenn man absehbar einen längeren Zeitraum benötigt und mit dieser Entwicklung rechnen und sie irgendwie einplanen und ihr gegensteuern muß.

In meinen Low-Carb-Phasen esse ich übrigens auch immer fettreicher als sonst, auch wenn ich mir nicht vorstellen könnte, meinen leckeren schwarzen Kaffee, wie ich ihn bevorzuge, seit ich 16 bin, mit Butter zu verhunzen. Wäre Fett aber wirklich ein Problem bei der Abnahme, hätte ich die Low-Carb-Phasen schon längst aufgegeben, weil ich dann damit natürlich nicht meine Abnahme hätte beschleunigen können. Aber die Low-Carb-Phasen funktionieren nach wie vor genau so, wie sie es sollen, jedenfalls dann, wenn ich sie nur zweimal im Jahr für ein paar Wochen gezielt dafür einsetze. 

Würde ich dauerhaft so essen, dann bekäme ich nach einem halben Jahr genau dasselbe Problem wie Dr. Eenfeldts Patienten. Glücklicherweise bin ich aber nie auf diese Idee gekommen, weil ich mir nicht vorstellen kann, dauerhaft auf so viele meiner Lieblingsgerichte zu verzichten. Und auch in diesem Punkt hat mich meine vermeintliche Unvernunft, nämlich die Weigerung, mich dauerhaft einer Verzichtslogik zu unterwerfen, auf die richtige Spur gebracht. 

Man sollte sich wohl viel öfter unvernünftig verhalten. 😎

Mir soll es jetzt aber genügen, öffentlich vorzumachen, wie ich das anfange, die letzten knapp 12 Kilogramm, die ich jetzt noch loswerden will, auch noch abzunehmen. Irgendwann nächstes Jahr werde ich von mir sagen können: Ich habe mein Gewicht von 147 Kilogramm auf 73,5 Kilogramm reduziert und damit halbiert. Und werde nun auch nicht wieder zunehmen. Auf diesen Moment freue ich mich schon. 





Dienstag, 7. März 2023

Toxische Wissenschaftskommunikation

Mein Gewicht heute nach dem ersten von drei nicht zusammenhängenden Fastentagen diese Woche, eine Woche nach der dritten Chemo-Sitzung: 82,1 Kilogramm. Mein viertniedrigstes Gewicht überhaupt, und das nach nur einem Fastentag. Aber dafür gibt es natürlich einen Grund, und der lautet: Irgendwie lief es mit meiner Verdauung diesmal ein wenig merkwürdig, und das führte dazu, daß ich seit Freitag mit einem höheren Gewicht als erwartet herumgelaufen bin. Das jetzige ist dafür niedriger als erwartet, aber das wird sich wohl bis zu Beginn des nächsten langen Fastenintervalls wieder relativiert haben. Spannend bleibt die Frage, bis wohin es sich relativieren wird. Kann das wirklich möglich werden, daß ich ein drittes Mal zwei Kilogramm unter dem Startgewicht drei Wochen davor liegen werde? Das wäre ein Gewicht von weniger als 85 Kilogramm, und es sieht plötzlich gar nicht mehr so unrealistisch damit aus.

Gestern nachmittag lag den ganzen Tag die Packung mit dem Abführmittel auf meinem Schreibtisch, und ich habe sie immer wieder zur Hand genommen, auch einmal die Packungsbeilage durchgelesen, mich aber am Ende nicht dazu entschließen können, es zu nehmen. Wie sich zeigte, war das die richtige Entscheidung, denn heute morgen löste sich die Verstopfung dann doch von alleine und sogar ohne nennenswerte Beschwerden schon vor dem ersten Schluck Kaffee. Alles, was ich brauchte, war ein bißchen Zeit. Danach spülte ich gefühlte zwei Kilo Darminhalt in die Kanalisation und stellte später fest, daß die Waage das losgewordene Zusatzgewicht offenbar ganz ähnlich eingeschätzt hatte, denn eigentlich hatte ich für heute morgen eher mit einem Gewicht von um die 83 Kilogramm gerechnet. 

Die Chemo-Wirkung:

Das Wochenende war diesmal näher am Erlebnis nach dem ersten TCHP-Zyklus als am zweiten, ich war zwei Tage lang deutlich beeinträchtigt, allerdings minus den Batteriesäure-Geschmack des Kaffees, was ja schon mal eine deutliche Verbesserung ist, und habe das Wochenende ohne allzuviel Widerstand überwiegend auf dem Sofa verbracht. Am Montag fühlte ich mich morgens noch ein bißchen wackelig auf den Beinen, aber durchaus arbeitsfähig und im Kopf klar - also alles im Rahmen dessen, was zu erwarten war, und daß es wieder so viel besser laufen würde als beim ersten Mal, konnte ich ja kaum verlangen, obwohl es mir natürlich lieber gewesen wäre. Im Laufe des Tages wurde es dann, wie bei den letzten Malen, auch immer besser, nur war ich immer noch gräßlich verstopft. Diesen Punkt kann ich jetzt also auch abhaken, also, alles wieder im grünen Bereich. Jetzt muß ich bloß noch die kleine Durchfallphase hinter mich bringen, aber die belastet mich ja nicht sonderlich. Heute hat sie mich allerdings um ein Haar daran gehindert, wie immer am Dienstag zur Blutabnahme zu fahren, denn ich mußte, als ich schon das halbe Treppenhaus runter war, notfallmäßig wieder nach oben, und danach dauerte es ganz schön, bis ich soweit war, einen zweiten Versuch zu unternehmen. Aber das war halt Pech beim Timing. 

Mal sehen, was die letzte Chemo mir am darauffolgenden Wochenende bringen wird. Was auch immer es sein mag, danach kommt ja immerhin auch keine weitere mehr, also soll es halt werden, wie es eben wird. Heute in 14 Tagen findet sie bereits statt, die letzte Chemo. Kurios, daß bei mir schon am Tag nach der letzten Chemo das Zählwerk ansprang und mir gleich morgens verkündete "Noch zwanzig Tage bis zur letzten Chemo", denn vorher hatte ich über solche Zählspielchen gar nicht nachgedacht, das wurde irgendwie von alleine in mir ausgelöst. 

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Die Expertenwelt nervt schon seit Tagen mit den üblichen sinnlosen "Wer ist schuld?"-Beiträgen zum "World Obesity Day", also Weltadipositastag, in denen natürlich wieder die komplette langweilige und falsche Sammlung vermeintlicher Erklärungen von "Energieüberschuß" über "Gene" bis hin zu "Es ist kompliziert" vertreten ist. Ich verlinke hier außerdem mal einen Bericht aus der "Zeit", der diese Thematik in einem Bericht über die zu erwartenden Krebsfälle mit einbaute und sie natürlich mit einem höheren Krebsrisiko in Verbindung brachte. Der Link diesmal aber nicht wegen der Experten, sondern weil ich es so bezeichnend fand, wie "Vox populi" im Kommentarbereich unter dem Artikel dann wiedergegeben hat, wie der typische Leser-Kommentator solche Dinge versteht. 

Exemplarisch ein Kommentar (als Antwort auf ein Zitat aus einem anderen Leserkommentar) über die Rolle von Adipositas bei der Krebsentstehung:

 "Deshalb sind Fat-Acceptance-Movements so toxisch"
Richtig. Allerdings sind die Protagonisten und Galionsfiguren (Beispiel R. Lang) oft jung und deshalb noch nicht betroffen von den Spätfolgen. Da wird sich später manch einer(r) sagen: "Ach hätte ich doch..."

Man weiß überhaupt nicht, wo anfangen, auf so vielen Ebenen sind solche Äußerungen falsch, diese besonders widerliche Mischung aus selbstgefälliger Grenzdebilität, dünkelhafter Selbstgerechtigkeit und Unwissenheit in der Sache. Menschen dieses Schlages tauchen erwartbar immer dann in Debatten auf, wenn es um sogenannte selbstverschuldete Krankheiten geht, denn sie sind überzeugt davon, daß sie hingegen alles richtig machen ... bis sie mit einer solchen Krankheit dann selbst erwischt hat und alles auf einmal doch nicht mehr wahr sein soll. Denn an ihrer Krankheit selbst schuld sind natürlich immer nur die anderen.

Die toxische Wirkung, um den Begriff aus dem Zitat mal aufzugreifen, geht in Wirklichkeit von Wissenschaftskommunikation auf real existierende Nachrichtenkonsumenten aus, wie sie in solchen Beiträgen sichtbar wird, und das beobachte ich schon seit mindestens zwei Jahrzehnten. Was die Leute von der Expertenfront überhaupt mit ihren Einlassungen bezwecken, deren Wirkung sie ja in solchen Kommentarbereichen problemlos beobachten können, bringt mich deshalb manchmal echt ins Grübeln. Denn falls ihnen das auch nicht gefallen sollte, wo bleibt dann eigentlich die Debatte darüber, wie man kommunizieren müßte, damit es bei uns "Normalos" auf andere Weise ankommt? Oder wollen die das vielleicht doch genau so haben? Macht man sich also als hoffnungsvoller Laie, der ein zu lösendes Problem hat, bloß Illusionen, wenn man bei Experten den Wunsch nach funktionierenden Lösungen voraussetzt? Indem man die Gesunden absichtlich oder fahrlässig dazu bringt, die Kranken dafür zu verachten, weil sie Sünder sein müssen, da sie sonst nicht krank geworden sein könnten, befördert man immerhin Krankheitsvorstellungen aus vorwissenschaftlichen Zeiten.

Zu Ricarda Lang, die in dem Zitat aus der Zeit erwähnt wurde, und was ich zu ihrem Fat-Acceptance-Bekenntnis meine, habe ich übrigens schon mal einen Blogartikel geschrieben. Dasselbe gilt für die betreffende Bewegung selbst in einem anderen Blogbeitrag.

Am Weltadipositastag stellte ich jedenfalls befriedigt fest, daß ich mich mit BMI 28,7 gerade wieder einmal, und noch dazu heute früh sogar recht weit, südlich des Adipositas-Äquators befinde und außerdem davon ausgehen kann, daß es nur noch eine Frage von Monaten ist, bis ich mich dauerhaft dort aufhalten werde. Also können mich in dieser Frage sowieso alle Experten einfach mal kreuzweise. Hätte ich mich an deren fromme Märchen gehalten, stünde ich immer noch bei BMI 50+.

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Die Gesundheitspolitik - sowie hinter ihnen ihr üblicher Kometenschweif an Leuten mit einer Meinung, teils mit, teils ohne Expertenstatus -  irritiert mich außerdem gerade mit einer Debatte über eine Regulierung der Werbung für sogenannte ungesunde Lebensmittel, die sich an Kinder richtet. So ein Fan von Werbung, der Werbebranche sowie der Strategen, die solche Produkte entwickeln und herstellen, bin ich zwar auch wieder nicht, daß die mir jetzt deswegen leid täten. Ich habe mit Minister Özdemirs Plänen bloß das Problem, daß ich sie für eine typische voraussichtlich wirkungslose "So tun, als ob"-Maßnahme halte.

Kinder essen nämlich definitiv keine ungesunden Produkte, weil sie zu viel Werbung dafür sehen. Falls sie für solche Produkte überhaupt keine Werbung zu sehen bekommen würden, dann würden sie trotzdem genau dieselbe Art von Produkten essen wollen, nur täte es dann wahrscheinlich auch die preisgünstige Hausmarke des jeweils nächstliegenden Discounters anstelle des für teuer Geld beworbenen Markenartikels. Was genau soll daran dann aber gesünder sein?

Aus der Gegenrichtung betrachtet: Kinder essen meines Erachtens ein Produkt nicht, obwohl sie tagtäglich mit Werbung dafür zugeschüttet werden, falls es ihnen nicht geschmeckt hat. Daß sie es nach dem ersten Mal möglicherweise noch ein paar Mal kaufen, kann passieren und das wäre dann ein tatsächlich meßbarer Effekt der Werbung, aber besonders weit reicht deren Macht in so einem Fall nicht. Kein Kind ist bescheuert genug, Dinge, die ihm gar nicht schmecken, trotzdem ständig essen zu wollen, auch dann nicht wenn sie ungesund sind und sie täglich zehn Werbespots darüber sehen. Wer etwas anderes behauptet, der dämonisiert die Wirkung von Werbung auf Kinder, anstatt nach Problemlösungen zu suchen.

Mir ist das als Kind selbst einmal passiert, und zwar mit dem "Yes-Torty". Und ja, ich habe es damals unter dem Eindruck der Werbung einige Zeit später tatsächlich noch ein zweites Mal probiert, weil es mir einfach nicht in den Schädel wollte, daß das, was ich da gegessen und überhaupt nicht gemocht hatte, wirklich dasselbe wie aus der Werbung gewesen sein sollte, das so lecker aussah, daß mir beim Werbespot trotzdem jedes Mal das Wasser im Mund zusammenlief. Ich kann also bestätigen, daß Werbung Kindern tatsächlich das Hirn verkleben kann ... aber ebenso, daß das eigene Geschmacksempfinden am Ende unweigerlich gewinnen wird, nicht etwa die fiese Werbemanipulation. Denn einen dritten Versuch habe ich dann nicht mehr gemacht. 

Das Kuriose dabei: Bei Erwachsenen zeigen Werbestrategien weitaus häufiger und für längere Zeit eine die Kaufentscheidungen beeinflussende Wirkung als bei Kindern. Erwachsene haben ja längst gelernt, daß es beim Essen gar nicht darum geht, daß es ihnen schmecken soll. Wer einmal verinnerlicht hat, daß er gefälligst gesunde Sachen essen soll und dies als richtig akzeptiert hat, für den ist ein besonders guter Geschmack sogar eher ein bißchen verdächtig. Klar werden auch solche Sachen gekauft, aber mit schlechtem Gewissen, das dann wieder Käufe auslösen kann, die eher als Bußübung dienen. 

Hier haben die Lebensmittelkonzerne ihre eigentliche Zielgruppe: Leute mit chronisch schlechtem Gewissen auf der Suche nach einem Kompromiß zwischen dem Geschmack, den sie eigentlich am liebsten hätten, und dem durch gewisse Abstriche daran erkauften guten Gewissen, weil sie ja etwas angeblich Gesundes gekauft haben, wie ihnen mit riesigen Werbebudgets ja via Werbung pausenlos eingehämmert wird. Solche Erwachsenen kaufen übrigens auch das Essen, das sie ihren Kindern täglich auf den Tisch stellen. Und bis ihre Kinder im Taschengeldalter angelangt sind, kaufen sie ihnen übrigens auch das Zeug, das die Kinder bislang in der Werbung zu sehen bekommen und nach Meinung des Herrn Ministers deshalb unbedingt haben wollen. Kann es dann sogar so sein, daß es ohnehin sinnlos ist, ausgerechnet bei den Kindern selbst anzusetzen?

Hier die Begründung aus Özdemirs Ministerium der Wichtigkeit und Richtigkeit der geplanten Maßnahme. Nichts von dem, was da steht, ist im eigentlichen Sinne falsch. Es ist nur nicht relevant. Das Tragische daran ist, daß niemand die Relevanz überhaupt in Frage zu stellen scheint und deshalb darüber nicht einmal eine Debatte stattfindet.

Die wichtigere Frage wäre meiner Meinung nach, was eigentlich die Ernährungspräferenzen von Kindern prägt, und da werden, vermute ich, mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Manches bestimmt genetisch gesteuert, denn für mich kann ich bestätigen, daß ich morgens noch nie Süßhunger hatte, und zwar obwohl meine Mutter mir jahrelang selbstverständlich zum Frühstück ein Marmeladenbrot geschmiert hat und ich es, da ich ja gar nichts anderes kannte, auch aufgegessen habe. Nur endete das exakt in dem Moment, in dem ich selbst auswählen konnte, was ich morgens tatsächlich essen wollte, denn ab da gab es für mich grundsätzlich nur noch Wurst- oder Käsebrot, weil mir das viel besser schmeckte. Mamas mit so viel Liebe gekochte Marmelade aus Erdbeeren oder Zwetschgen aus dem eigenen Garten - für die sonst die gesamte Familie schwärmt - habe ich nie wieder angerührt, wenn ich ein Brot bestreichen wollte. Und das, obwohl ich deswegen sogar ein schlechtes Gewissen hatte, weil ich das Gefühl hatte, meiner Mutter damit irgendwie Unrecht zu tun.

Andere Ernährungsvorlieben und -abneigungen bemerkte ich erst, als ich aus meinem Elternhaus wegzog. Denn fast alles von diesem Zeug aus der Werbung, mit der ich als Kind ja genauso zugeschüttet worden bin wie andere Kinder auch, gab es bei mir im Elternhaus nie, weder Miracoli noch Erasco, Uncle Ben's Reis, Iglo Fischstäbchen oder Maggi-Ravioli, von Fertigpizza ganz zu schweigen. Bei uns wurde noch nach alter Mütter Sitte gekocht, sowohl von Mutter und Oma wie auch von Vater und Opa, der letztere kam aus dem serbisch-ungarischen Grenzgebiet und wie er würzte, hätte mindestens ein Verbot für den Konsum durch unter 18jährige verdient gehabt, wenn es nicht gleich waffenscheinpflichtig hätte sein müssen.

Salat, Gemüse, Kartoffeln, Obst - all das kam zu 90 Prozent aus dem eigenen Garten. Das Mehl wurde sackweise in der Mühle gekauft, die Milch holte ich noch bis zum Beginn der Grundschulzeit in der Milchkanne beim Bauern, Eier bekam man dort auch, mein Vater angelte und es gab bei uns deshalb auch häufig Fisch. Ansonsten kaufte man beim Bäcker, beim Metzger, auf dem Wochenmarkt ... nur ein kleiner Bruchteil von dem, was wir gegessen haben, stammte aus dem Großeinkauf im Supermarkt, den es alle zwei bis drei Wochen auch noch gab, also aus der Produktion von Lebensmittelkonzernen. Selbstverständlich habe ich aber all diese in den Werbespots immer so verlockend wirkenden zivilisatorischen Errungenschaften aus der Hochglanzwelt der Werbung dann sofort nach meinem Auszug der Reihe nach durchprobiert. Nur, fast nichts davon schmeckte mir. Es gab ein paar Ausnahmen, aber sehr wenige. Vor allem die Art, wie es gewürzt war, fand ich teils langweilig, teils geradezu widerlich. Also hörte ich auch damit auf, diese Dinge zu essen, Werbung hin oder her. In dieser Hinsicht habe ich einen Vorteil vor anderen Erwachsenen gehabt: Ich habe nie damit aufgehört, darauf zu bestehen, daß Essen mir vor allem schmecken soll. Das hat mich dem Zugriff verlogener Werbestrategien, die auf das Gesundheitsbewußtsein der Konsumenten abzielten, mein Leben lang entzogen.

Mich würde aber mal interessieren, ob mir dieser Fertigfraß vielleicht doch geschmeckt hätte, falls ich ihn daheim immer zu essen bekommen hätte - so, wie das heute in vielen Familien zu passieren scheint. Ich vermute nämlich stark, DAS ist das eigentliche Ernährungsproblem, das gerade auf die künftigen Kinder der jetzigen Kindergeneration zurollt: ein Aufwachsen in Familien, in denen das Kochen und Backen schon eine Generation davor immer seltener oder sogar ganz unüblich geworden ist. Wieviele Familien ernähren sich mittlerweile vorwiegend von Fertiggerichten, ihre Kinder kennen diesen Geschmack halt als "den Geschmack von Essen" und ekeln sich vielleicht sogar vor dem Geschmack selbstgekochten Essens, weil er eben anders ist, als sie es gewohnt sind?

Soviel steht fest: Werbeverbote werden dieses Problem keinesfalls lösen können. Was aber, wenn es sich als vielleicht nicht das einzige, aber eben im Vergleich zur Werbung weitaus schwerwiegendere herausstellt?

Ungeachtet dessen bin ich natürlich nicht der Meinung, daß Produktwerbung unter Denkmalschutz gestellt werden sollte, nur leuchtet mir dieses Bashing bestimmter, je nach jeweiligem Zeitgeist handverlesener "Sünderbranchen" nicht ein, die sich beim Werben natürlich nur genauso verhalten haben wie alle anderen Branchen auch. Werbung zielt grundsätzlich darauf ab, uns zu Kaufentscheidungen zu bringen, die wir andernfalls nicht getroffen hätten, und ob diese Kaufentscheidung für uns selbst gut oder schlecht ist, interessiert dabei niemanden. Selbstverständlich finden die Werber wie auch ihre Auftraggeber das dabei verdiente Geld auch dann super, wenn wir ohne die Werbung etwas viel Vernünftigeres mit diesem Geld angefangen hätten. Kinder sind außerdem die Zielgruppe für Werbespots für zahlreiche Produkte, die gar nichts mit Ernährung zu tun haben, auch für solche, bei denen sie ihre Eltern bei Kaufentscheidungen (etwa für eine bestimmte Automarke) mitbeeinflussen sollen, werden also in diesen Bereichen auf die vom BMEL beschriebene Weise weiter manipuliert, ohne daß irgendwer etwas dabei zu finden scheint. Bis eines Tages irgendein Schlaukopf in der Politik einmal auf die Idee kommt, daß dies dazu instrumentalisiert werden kann, eine Kampagne zu irgendeinem kleinteiligen Teilthema anzuzetteln, damit sich die Branche möglichst schlecht dagegen wehren kann. Auf Verlogenheit beim Einsatz von Werbestrategien hat die Werbebranche nämlich kein Monopol.

Werbung ist an und für sich mit mehr Problemen als Vorzügen behaftet, aber abgeschafft werden kann sie natürlich nicht, obwohl ich mir eine Welt ohne Werbeplakate, Radiowerbespots und Onlinewerbung himmlisch vorstellen würde. Denn in jedem Fall suchen sich die Hersteller, die etwas möglichst gewinnbringend verkaufen wollen, dann irgendwelche eben verdeckteren Mittel und Wege, um ihren Kram unter die Leute zu bringen. Es gibt ja keine gesetzliche Regulierung, die nicht per se in ihren Randbereichen eine Grauzone von irgendwie nicht mehr so ganz korrekten, aber auch noch nicht so richtig verbotenen Mitteln erzeugen würde - das liegt in der Natur der Sache. Andererseits halte ich es aber für genauso ausgeschlossen, daß wir Schaden durch Werbung besonders wirksam verringern können, wenn wir uns möglichst kleinteilig bestimmte Teilbranchen aussuchen und sie mit Fokus auf eine ganz bestimmte Teilursache und deren Wirkungen anders regulieren als den Rest: Je kleinteiliger die Regulierung, desto mehr Schlupflöcher entstehen in der erwähnten Grauzone. Ein "Plain Packaging" analog zu dem, was für Tabakwaren in Teilen der Welt bereits gilt, ist vom Herrn Minister ja zum Beispiel (noch) nicht geplant, wer soll also die Hersteller daran hindern, die "lustigen" und "kindgerechten" Verpackungen und andere Reize nicht einfach im Supermarktregal auf die Kinder einwirken zu lassen? 

Und, nein, das war gerade KEINE Empfehlung, Plain Packaging für sogenannte ungesunde Lebensmittel einzuführen. Werbung ist nämlich außerdem nur ein Folgeproblem: Bevor sie irgendwelche Wirkung oder Nichtwirkung hat, muß ja erst einmal die Entwicklung und Markteinführung eines "ungesunden Lebensmittels" erfolgt sein. Nicht, daß ich mir aber allzuviel davon verspräche, würde man nun an dieser Stelle mit der Regulierung ansetzen, denn in diesem Fall haben wir sofort ein neues, genauso schlimmes Problem: Die Kriterien zur Einstufung von Lebensmitteln als gesund oder ungesund taugen ja sowieso nicht dazu, jemanden gesünder zu machen. Das gilt meines Erachtens aktuell immer noch für alle Konzepte, die konventionellen wie die der Außenseiter. Das macht Bemühungen, aus der Industrienahrung die ungesunden Komponenten auf dem Weg der Regulierung auszutreiben (was ich sowieso schon für einen Widerspruch in sich halte), um  auf diese Weise mehr Gesundheit zu schaffen, dann vollends zu einer Art schlechtem Witz.  

Neulich hat bei Twitter ein Wissenschaftler darüber aufgeklärt, daß ein industrielles Vollkornbrot gesund und eine hausgemachte Sahnetorte ungesund sei, und das ist Teil dieses schlechten Witzes. Wenn man nämlich überhaupt ein Kriterium für zumindest mal besseres und schlechteres Essen finden will, dann landet man beim Industriefraß immer bei möglichst billigen, aber beim Selbstgemachten tendenziell bei höherwertigen Zutaten. Das mag noch kein Maßstab für gesund oder ungesund sein, aber für Genuß beim Essen allemal. Eine hausgemachte Torte enthält nur die Zutaten, die man wissentlich verwendet hat, und hält sich drei bis allerhöchstens vier Tage, das abgepackte Vollkornbrot bei Lidl kann man deshalb sehr viel länger aufbewahren, sofern man die Packung nicht öffnet, weil alles mögliche Zeug mitenthalten ist, von dem man als Käufer teils gar nicht erfahren muß, daß es drin ist. Ungesund muß nichts auf der geschriebenen und ungeschriebenen Zutatenliste zwangsläufig sein, aber jeder Bestandteil, der in einem vergleichbaren frisch zubereiteten Produkt, wie es seit Jahrhunderten gegessen wird, von vornherein nicht enthalten wäre, erhöht halt doch das Potential, daß man damit etwas zu sich nimmt, was einem nicht guttun wird.

Am vielversprechendsten finde ich immer noch die Möglichkeit, Industrienahrung, anstatt auf die Weisheit derjenigen zu vertrauen, die sie zu regulieren versuchen, einfach nicht zu verwenden. Faustregel: Kaufe nur Lebensmittel, die deine Großmutter auch schon als Lebensmittel erkannt hätte. Das kann jeder für sich selbst entscheiden, dafür braucht man keinen Minister, der einem das vorgibt. Über die unheilvolle Wirkung von Werbung braucht man sich dann auch keine Gedanken mehr zu machen und der Herr Minister Özdemir hätte viel Zeit gewonnen, um sich vielleicht ja auch mal ein paar Gedanken darüber zu machen, wie eigentlich so ein Lebensmittelkonzern, sagen wir: Nestle, an die Ausgangsprodukte für seine Industrienahrung kommt, nach welchen Kriterien sie eingekauft und woher sie bezogen werden, wie sich das Ergebnis von einem vergleichbaren hausgemachten Produkt unterscheidet und ob das möglicherweise nicht nur den einen oder anderen Gesundheitsaspekt haben könnte, sondern auch ein paar andere wenig erstrebenswerte Seiten, beginnend mit großflächiger Monokulturerzeugung samt allen damit verbundenen bedenklichen Aspekten und mit den übermäßig langen Transportwegen, vor allem, wenn man die für Grundstoffe und diverse Zwischenprodukte zusammenrechnet, noch längst nicht endend.

Apropos hausgemachte Torten: Das da war der fruchtige Käsekuchen, den ich selbst nicht fotografiert hatte, weil mein Mann unbedingt sein neues Smartphone ausprobieren wollte, und von dem er mir dann ewig die Fotos schuldig geblieben ist:



Er war weder von Dr. Oetker noch von Coppenrath & Wiese, sondern von mir, enthielt ungefähr eine Milliarde Kalorie und schmeckte zum Abheben gut. Wer bei so was nach "gesund" oder "ungesund"  fragt, der macht meiner Meinung nach sowieso etwas Grundsätzliches falsch.



Freitag, 3. März 2023

Chemotherapie: Das Nebenwirkungskarussell

Mein Gewicht heute früh nach dem Ende des viertägigen Fastenintervalls: 81,9 Kilogramm - das sind 2,3 Kilogramm weniger als vor drei Wochen und vierhundert Gramm über meinem allertiefsten Tiefstgewicht von Anfang November letzten Jahres. Meine Erwartungen hat das getoppt, ich bin sehr zufrieden mit den fünf Kilogramm Gesamtminus in vier Tagen. Es läßt mich außerdem in drei Wochen ein neues Allzeit-Tiefstgewicht erwarten. 

Inzwischen sind die Nebenwirkungen wieder angelaufen, und so bin ich auch wieder inspiriert, etwas darüber zu schreiben, wie das bei der TCHP-Chemo (Docetaxel, Carboplatin, Trastuzumab und Pertuzumab) abläuft, wie es sich von dem, was ich bei der EC-Chemo (Epirubicin/Cyclophosphamid) erlebt habe, unterscheidet, und was ich dagegen alles mache. Ich mache aber relativ wenig, was vor allem daran liegt, daß die Nebenwirkungen zwar ein bunter Strauß unterschiedlicher Zipperlein sind, aber die meiste Zeit von überschaubarer Intensität. Das meiste davon läßt sich problemlos einfach aussitzen.

Bei meiner letzten Chemo habe ich mitbekommen, daß meine Liegennachbarinnen, die sich in Überlautstärke miteinander unterhielten, sich, allerdings mit einer etwas anderen Chemo, denn sie waren schneller fertig als ich, schon um einiges schwerer als ich tun. Eine erwähnte, daß mit ihr nach Chemo-Ende für den Rest des Tages rein gar nichts mehr anzufangen sei. Also, entweder habe ich eine Roßnatur oder es liegt wirklich am Fasten (eventuell auch an der Kombi Low Carb plus Fasten), denn am Tag null, also dem Chemo-Tag selbst, und am Tag 1 merke ich rein gar nichts von Nebenwirkungen. Das war auch bei der EC-Chemo schon so, da war ich sogar immer am Tag 1 ungewöhnlich fit und manchmal sogar wie aufgezogen. Während der Chemo-Session selbst bekomme ich allerdings kurz nach dem Anfang ein Medikament, das mich vorübergehend ziemlich müde macht und stark frösteln läßt. Da kann es schon dazu kommen, daß ich für ein, zwei Stunden Schwierigkeiten habe, mich weiter auf meinen mitgebrachten Schmöker zu konzentrieren. Gegen die Kälte ziehe ich mir meine mitgebrachte Strickjacke über. Beides ist aber, wenn die Chemo vorbei ist, bei mir längst wieder verflogen.

Am Tag 2 setzen die Nebenwirkungen dann langsam ein, erreichten den Höhepunkt am Tag 4 (erster Zyklus) oder 5 (zweiter Zyklus) – zwei Tage vor dem Peak, den ich bei der EC-Chemo immer hatte – anschließend läßt der Großteil der Nebenwirkungen nach, allerdings kommen an Tag 6 und 7 mit Durchfall und Kältegefühl noch zwei Nachzügler neu dazu. Ich vermute, diese beiden Komponenten hängen mit Trastuzumab/Pertuzumab zusammen, der Durchfall, wie bereits in früheren Posts erwähnt, ist nicht isoliert zu betrachten, sondern zählt zu einigen ineinandergreifenden Magen-Darm-Symptomen, die mir während des ganzen Zyklus – wenn auch in abnehmender Intensität und am Ende nur noch erkennbar, weil ich sie davor mit höherer Intensität erlebt habe – erhalten bleiben, allerdings zum Glück ohne dauerhaften Durchfall. Alles andere ist ab Tag 10 bis spätestens 12 nicht mehr oder kaum noch spürbar.

Die Nebenwirkungen im einzelnen, grob chronologisch nach Auftreten im Laufe eines Zyklus:

Muskelschmerzen

Setzen an Tag 2 ein und halten bis ca. Tag 7 an, vor allem im Rücken und Nacken, aber manchmal auch an Armen und Beinen. Bei TCHP halten sie länger an, als ich das bei EC erlebt habe, aber ich finde sie weniger störend, weil ich bei EC drei von vier Malen am Abend oder mitten in der Nacht davon überfallen wurde und deshalb eine Nacht lang häufig aufgewacht bin und mir eine andere Liegeposition suchen muß. Das ist mir bislang in den zwei TCHP-Zyklen noch nicht passiert.

Bei EC habe ich nichts dagegen unternommen, weil es nach dieser einen Nacht, in der ich wenig anderes dagegen tun konnte, als es eben hinter mich zu bringen, eigentlich immer leicht auszuhalten war. Bei TCHP habe ich Wärme als gutes Hilfsmittel entdeckt. Am Tag, an dem die Muskelschmerzen - noch relativ leicht - einsetzen, verwende ich deshalb mein Heizkissen zum Umbinden, das hilft super und verhindert möglicherweise auch, daß sie an den Folgetagen stärker werden - denn das war im zweiten Zyklus sehr viel weniger der Fall als im ersten -, und da die Muskelschmerzen nachlassen, wenn die Fröstelphase eintritt, verwende ich es dann gleich dafür weiter.

Trockene und wunde Nasenschleimhaut

Die habe ich auch unabhängig von der Chemo öfter mal (trockene Heizungsluft und so, obwohl ich einen Luftwäscher verwende), aber sowohl bei EC als auch bei TCHP verstärkt sich das immer ab Tag 2 deutlich im Vergleich zum Gewohnten. Es hält auch vergleichsweise lange an, ungefähr bis Tag 10.

Meine beiden Mittel dagegen:

1) Nasenspülung mit Kochsalzlösung, auch als Wunderwaffe bei Erkältungen zu empfehlen, bei denen ich es schon jahrzehntelang einsetze: Wasser aufkochen, eine relativ kleine Menge in ein geeignetes Gefäß gießen, einen Teelöffel normales Tafelsalz darin auflösen, dann genügend kaltes Wasser nachgießen, damit man sich nicht verbrüht, auf eine kleine Garnierspritze aufziehen (so eine wie die hier) und in die Nase einspritzen. Je stärker es ist, desto öfter wiederhole ich es. Auf dem Höhepunkt mache ich es vier- bis sechsmal am Tag, immer wenn ich merke, daß es wieder unangenehm trocken wird, und ich mache es eigentlich auch dann, wenn es längst nachgelassen hat, fast immer morgens, nur zur Sicherheit und weil es mir so guttut. 

Es gibt Leute, die schüttelt es beim bloßen Gedanken an so was wie Nasenspülungen vor Ekel, aber es hilft echt super. Man merkt sofort, wie man sich danach besser fühlt, und sogar, wenn eine Matschbirne besteht, ist es, als würde danach im Hirn ein Rolladen hochgezogen.

Das Geniale an dieser Methode besteht darin, daß die Kochsalzlösung Krankheitserreger ganz simpel auf mechanischem Wege herausspült und damit dem Immunsystem seine Arbeit erleichtert: Je weniger Keime, desto leichter wird es mit den restlichen fertig. Damit überstehe ich Erkältungen wesentlich besser als mit jedem anderen Mittel. Besonders wichtig ist das, wenn man gerade ein auf halber Kraft laufendes Immunsystem hat. Vermutlich gehört dieses Mittel zu denen, die mich in den letzten Monaten auch vor Infektionen mitbewahrt haben, aber es ist auch toll, sich dadurch einfach von einem Moment zum nächsten deutlich besser zu fühlen.

2) Eukalyptusbalsam (z. B. der von Klosterfrau bei DM): Abends, bevor ich das Licht ausmache, tupfe ich mir immer eine sehr (!) kleine Menge zwischen Oberlippe und Nase. Auf diese Weise trocknet die Nase auch über Nacht nicht aus.

Damit habe ich schon ein paar Wochen vor der Diagnose begonnen, weil ich seit dem Sommer immer wieder morgens aufgewacht war und es in meiner Kieferhöhle unangenehm und manchmal leicht schmerzhaft schwappen fühlte. Auch wenn die Nasenspülungen, Gurgeln sowie Mundspülungen mit Chlorhexamed das innerhalb von ca. zwei Tagen jedes Mal wieder vertreiben konnten: Es gar nicht erst zu kriegen, war noch besser, und das gelang mir zu meinem Entzücken mit diesem Mittel. Als ich im Beipackzettel las, daß man es keinesfalls im Gesicht verwenden sollte, war es schon zu spät, denn ich wußte, daß es auf diese Weise hilft, und dachte natürlich nicht mehr daran, es wegen so eines blöden Beipackzettels wieder aufzugeben. Man darf es halt mit der Menge nicht übertreiben und sollte darauf achten, das Zeug nicht in die Augen zu bekommen – und ebensowenig direkt in die Nase.

Wunde Mundschleimhaut

Was ich nur während der EC-Chemo in nennenswertem Maße bekam, war ein Wundheitsgefühl auch an der Mundschleimhaut. Ganz schwach bemerke ich es auch jetzt manchmal, aber ich hatte noch kein Bedürfnis, es zu bekämpfen, denn es ist nicht besonders intensiv und vergeht von alleine wieder. Bei EC habe ich es durch Mundspülungen mit Chlorhexamed gut bekämpfen könne, und für einen etwaigen Bedarfsfall jetzt steht die Flasche ja bereit. 

Trockene Haut generell

Schübe von Hauttrockenheit am oberen Rücken, verbunden mit einem gewissen Juckreiz, habe ich auch sonst manchmal und ich bin es eigentlich gewohnt, das einfach zu ignorieren, weil es von alleine wieder vorbeigeht. Bei der EC-Chemo kam das regelmäßig ab ca. Tag 3 und war zwar ein wenig stärker, als ich das sonst kannte, aber auch da habe ich es eben mit Nichtachtung gestraft. Bei TCHP hingegen war es aber so viel stärker, breitete sich außerdem auch auf andere Körperteile aus und führte außerdem an den merkwürdigsten Körperstellen dazu, daß der kleinste Kratzer, wenn man unvorsichtig  war und sich etwa kratzte, weil es juckte, zu bluten anfing, daß ich jetzt eine Creme für„trockene und sehr trockene Haut“ verwende, die ich außerdem schon vor dem Einsetzen der Hauttrockenheit mindestens einmal am Tag anwende – und natürlich, wenn sie voll im Gange ist, mehrmals. Die Wirkung hat meine Erwartungen bislang übertroffen, das kann ich also empfehlen und werde das auch über die Chemo hinaus für Trockenheitsanfälle am Rücken verwenden. Ich habe mal das Produkt verlinkt, das ich verwende, aber es war mehr oder weniger Zufall, daß ich speziell dieses gekauft habe - es war das erste passende, das mir in die Hände fiel. Bestimmt gibt es vergleichbar gute andere Produkte mit ähnlichen Inhaltsstoffen.

Geschmacksveränderungen/Geruchsveränderungen

Das hatte ich bei EC in Form eines metallischen Geschmacks im Mund, der aber weder beim Essen noch beim Trinken auf mich sonderlich störend wirkte. Bei TCHP ist die Sache anders, ich merke es ab Tag 2 ein bißchen und an Tag 5 relativ intensiv beim Trinken. In Zyklus 1 schmeckten sowohl Sprudel als auch Kaffee an den Tagen 4 und 5 richtig ekelhaft, aber weil ich parallel dazu einen Riesendurst hatte, trank ich halt, obwohl es eklig schmeckte. In Zyklus 2 war es weitaus harmloser, und so hoffe ich, daß das weiter so bleibt. Beim Essen fiel es mir weniger auf, allerdings scheine ich mehr würzen zu müssen, denn einmal beschwerte sich mein Mann über das versalzene Essen, das mir eigentlich immer noch ein bißchen fad schmeckte. Das war sogar nach dem Abklingen der meisten Nebenwirkungen, also relativ spät im Zyklus, die meiste Zeit bemerke ich beim Essen gar keinen Unterschied.

Dagegen mache ich gar nichts, ich nehme es halt, wie es kommt. 

Relativ spät im Zyklus bekam ich besonders in Zyklus 1 von TCHP den Eindruck, einen unangenehmen Körpergeruch zu haben. Mein Mann hat mir geschworen, daß er gar nichts davon riecht, also nehme ich an, es ist mein Geruchsempfinden, das anders ist. 

Da das Empfinden maßgeblich ist, um sich unwohl zu fühlen, rücke ich mir in dieser Phase öfter mal mit dem Waschlappen zu Leibe, um meine Nase nicht unnötig zu beleidigen, auch wenn sie nur irgendwelche Wahnvorstellungen haben sollte.

Durst

Am Tag null habe ich überhaupt keinen Durst, was an einem Fastentag eigentlich untypisch ist, aber da werde ich ja auch intravenös mit Flüssigkeit bis zum Anschlag vollgepumpt. An Tag 1 normalisiert sich mein Trinkbedürfnis wieder, und ab Tag 2 steigert es sich stärker als außerhalb der Chemo gewohnt. Das hält bei mir bis ca. Tag 10, 11, 12 an. Sicherlich wird es auch verstärkt durch die viertägigen Fastenintervalle, wenn die beendet sind, brauche ich immer zwei bis drei Tage lang mehr Flüssigkeit. Auch die Durchfallphase löst natürlich zusätzlich Durst aus. Bei EC hatte ich diesen Riesendurst nicht.

Die richtige Lösung für dieses Problem lautet natürlich: Trinken, trinken, trinken. Und in dieser Phase niemals ohne eine Wasserflasche aus dem Haus gehen und auch über Nacht eine Wasserflasche in der Nähe behalten, denn bei Flüssigkeitsmangel drohen Wadenkrämpfe.

Müdigkeit/Erschöpfung/Matschbirne

So etwas hatte ich bei EC gar nicht, aber TCHP hat mir im ersten Zyklus zwei Tage und im zweiten einen Tag beschert, an denen ich nach einem noch relativ normalen früheren Morgen zunehmend wie in Zeitlupe durch den Tag geschlichen bin, alle Verrichtungen in kleine bis winzige Teilschritte zerlegen mußte, weil ich anders nicht vorwärts kam, und gegen Nachmittag ganz unvermittelt innerhalb von zwei Minuten so total platt war, so sehr, daß ich mich hätte einfach zu Boden sinken lassen können.

Als das zum ersten Mal passierte, habe ich mich ins Bett gelegt und war mindestens zwei Stunden lang außer Gefecht und hinterher immer noch relativ unfit, obwohl es besser geworden war. Dann bin ich dahintergekommen, daß ich – ähnlich wie bei einem normalen Mittagsschlaf – mich besser aufs Sofa legen sollte, wo ich das sprichwörtliche Viertelstündchen schlafen kann und dann von alleine wieder aufwache und dann auch richtig munter bin. Es zeigte sich, daß das auch bei dieser Sorte Erschöpfung besser als im Bett funktionierte, wenn auch die Munterkeit unter dem sonst üblichen Level liegt, und so werde ich das beibehalten. Ansonsten mache ich gegen die Matschbirne nicht viel, ich tue halt ein bißchen langsam bei allem und lasse meinen Mann das Kochen übernehmen. Ach ja, und am Wochenende vorher verwandle ich mich in eine Art Putzteufel und sehe zu, daß ich alle nötige Vorarbeit leiste, um mir das nächste Wochenende von allem, was mich überfordern könnte, weitgehend freihalten zu können.

Schwindel

Bei der EC-Chemo hatte ich immer mehrere Tage lang eine Phase, in der es mir leicht bis maximal mittelschwer schwindelig wurde. Das ist bei TCHP viel weniger ausgeprägt, aber ab und zu eine leichte Schwindelattacke kommt zwischen den Tagen 3 und 7 schon vor, vor allem, wenn ich mich zu abrupt bewege, mich bücke oder nach vorne recke.

Das habe ich schon bei EC eben hingenommen, und genau das mache ich jetzt ebenfalls. Allenfalls achte ich darauf, mich unter der Dusche, vor allem beim Rausgehen, immer gut festzuhalten und das mit den abrupten Bewegungen etc. möglichst bleibenzulassen.

Das Magen-Darm-Gas-Gesamtkunstwerk: Verstopfung, Durchfall, Übelkeit und Aufstoßen

Durchfall ist normal, wenn man vier Tage lang fastet, mal kommt er schon am zweiten, mal am dritten oder vierten, mal auch erst am Tag danach nach der ersten Mahlzeit. Diese Art von Durchfall läßt sich jedenfalls bei mir leicht von dem aus dem „Pertuzumab-Magen-Darm-Gesamtkunstwerk“ unterscheiden: Die Sache kündigt sich mit leichtem Schwindel an, dann weiß ich schon, daß ich mich nicht zu weit von meinem Klo entfernen sollte. Bis ich rennen muß, dauert es meistens zwischen fünf Minuten und einer Viertelstunde, und danach funktioniert meine Verdauung meistens sofort wieder völlig normal. Manchmal muß ich zuvor noch ein zweites Mal notfallmäßig rennen, weil beim ersten Mal nicht alles herausgekommen war. Seltener - aber genau heute passiert, das ist wohl der Vorführeffekt - vergeht der Schwindel auf einmal wieder, ohne daß ich den Thron besteigen mußte, und setzt dann irgendwann später noch einmal ein.

Der Pertuzumab-Durchfall hingegen setzte in beiden bisherigen Zyklen am Tag 6 ein und hielt ca. drei Tage lang an, und zwar nach einer Verstopfungsphase, die beim ersten Mal richtig unangenehm wurde, aber im zweiten Zyklus dann glücklicherweise halb so schlimm war. Diese Art von Durchfall kündigt sich durch – bei mir glücklicherweise nur leichter – Übelkeit an, Schwindel findet in diesem Fall nicht statt.

Den ganzen Zyklus über merke ich, wenn auch mit nachlassender Intensität, daß in meinem Verdauungstrakt irgendwas nicht ganz in Ordnung ist, vor allem muß ich dauernd aufstoßen, was ich sonst nie habe. Dem geht sicherlich bis Tag 12 außerdem immer wieder das leichte Gefühl von Übelkeit voraus – wobei ich aber nie so genau weiß, ob diese Übelkeit ein Entweichen von Gas diesmal nach oben oder nach unten vorankündigt, denn wenn die Durchfallphase vorbei ist, drückt das Gas auch immer wieder im Gedärm und kommt mit einem meist geradezu enttäuschend schwachen Pupser heraus.

Mit einer einzigen Ausnahme war diese Übelkeit so schwach ausgeprägt, daß ich sie nicht problematisch gefunden habe, und in jedem einzelnen Fall verging sie umgehend, nachdem das Gas mal heraus war, egal an welchem Ende. Die Schachtel des Medikaments, das mir gegen Übelkeit gegeben wurde, habe ich immer noch nicht angebrochen. Allerdings habe ich mich mit einem starken Abführmittel versehen, nur für den Fall, daß die Verstopfung doch noch einmal so unangenehm wird wie im ersten Zyklus. Außerdem habe ich mich sicherheitshalber mit den dicksten Damenbinden, die ich auftreiben konnte, versehen, um nicht in den Nächten der Durchfalltage versehentlich nachts mein Bett zu beschmutzen, da das mit den Durchfallattacken verflixt schnell gehen kann. 

Update 10.3.23

Im dritten Zyklus ist es mir gelungen, den Durchfall fast komplett zu verhindern, und zwar mit Hilfe von roten Linsen.

Ich habe mich nämlich entschieden, einige eingefrorene Linsenpfannkuchen zu verbrauchen, weil ich dringend Platz im Gefrierschrank benötigte. Irgendwie hatte ich in den letzten Wochen bei den Portionsgrößen kein so glückliches Händchen, und so ist mehr im Gefrierschrank gelandet als sonst üblich. 

So ein bißchen machte mir das Explosionspotential der Linsen Sorgen, und so aß ich am Dienstag nur eine kleine Portion. Das rächte sich am Mittwoch, denn ich hatte auch sonst relativ wenig gegessen und so hatte ich - was sehr selten vorkommt - den gesamten Fastentag lang Hunger. Am Donnerstag gab es deshalb nicht nur großzügigere Portionen, sondern auch den größeren Teil der Linsenpfannkuchen. 

Meine Verdauung entschied sich, daß sie die Linsen lieber behalten wollte, und so blieb ab Dienstagabend jeder weitere Durchfall aus und insgesamt fühlte sich meine Verdauung normaler an als die beiden Zyklen davor. Ob ich das noch einmal machen sollte, bin ich mir aber noch nicht schlüssig, denn ich habe das Gefühl, es wäre trotzdem besser gewesen, wenn manches aus meinem Verdauungstrakt nicht drinnen geblieben wäre, denn dafür hielten das Kältegefühl und so eine gewisse Wackeligkeit auf den Beinen die Woche über länger als erwartet an. Ob ein Zusammenhang besteht oder nicht - keine Ahnung. Es kann auch an den Temperaturschwankungen liegen. Also, vielleicht will's ja wer die Wirkung von Linsen selbst ausprobieren.

Kälteattacken

Das Kältegefühl war auch eine neue Errungenschaft der TCHP-Chemo und es setzt später ein als alle anderen Nebenwirkungen, nämlich an Tag 7, hält aber nur ein bis zwei Tage an, bevor es besser damit wird – allerdings hatte ich in den ersten zwei Zyklen das Pech, daß die innere Kälte sich mit der Kälte stark gesunkener Außentemperaturen verbunden hat und ich im ersten Zyklus jämmerlich gefroren habe. Für die nächste Woche ist schon wieder ein Sinken der Temperaturen gemeldet worden, also habe ich wieder kein Glück mit einem Wetter, das dabei mithilft, die Kälte von innen abzumildern. Ich bekämpfe das Frieren tagsüber mit meinem Heizkissen und in der Nacht mit meinem extradicken Schlafanzug sowie Socken und Bettschuhen. 

Kribbeln und Taubheitsgefühl in Händen und Füßen

Auch das ist eigentlich ein alter Bekannter von mir, das hatte ich nämlich vor ca. zehn Jahren mal in sehr unangenehmer Form in den Fingern und Unterarmen. Erst tippte ich auf ein Karpaltunnelsyndrom, das hat sich aber nicht bestätigt, und nach einer längeren Odyssee bei diversen Fachärzten wurde mir am linken Ellbogen ein angeblich verklebter Nerv operativ befreit, was das Problem aber nicht befriedigend gelöst hat, es kam immer mal wieder. Daraufhin habe ich Ärzte Ärzte sein lassen und mich mit der Sache arrangiert. Nach einiger Zeit kam ich dahinter, daß Druck auf der Schulter, etwa durch einen schweren Rucksack, es auslösen kann, und trug deshalb jahrelang auch in der größten Sommerhitze immer eine dickere Weste, um es zu verhindern, und das klappte auch ganz gut. 

Ich nahm schon damals an, daß da irgendein Nerv an einer ungünstigen Stelle verläuft, und das hatte wohl mit meiner Gewichtszunahme zu tun, denn als ich wieder auf ca. 105 Kilo runter war, merkte ich auf einmal, daß das Problem nicht mehr bestand, und es kam danach auch nie wieder, was natürlich ein perfektes Ergebnis war.

Das Chemo-Taubheitsgefühl, das ich sowohl bei EC als auch bei TCHP wahrnehme (und zwar an Händen und Füßen), ist im Vergleich zu dem, was sich damals erlebt habe, so geringfügig, daß ich es einfach mit Nichtachtung strafe. Es vergeht nach zwei bis drei Tagen wieder, und ich kann mir nicht vorstellen, daß davon irgendwelche Dauerschäden zurückbleiben, wie sie wohl manchmal auch vorkommen können.

Schmerz in der Brust und im Lymphknoten

Wahrnehmbar, aber nie sonderlich stark, während des gesamten Zyklus ab und zu spürbar, mal häufiger, mal seltener, aber nie sonderlich lange. Ich freue mich sogar darüber, weil ich mir einbilde, das ist ein Zeichen dafür, daß gerade der Krebs bekämpft wird, und genau das soll ja auch passieren.

Was mir außerdem aufgefallen ist, ist, daß schon ab Tag 1 gewisse Veränderungen im Gewebe der Brust wahrnehmbar sind, es fühlt sich an, als schwinde da Substanz, und da der Tumor so stark geschrumpft ist, dürfte es auch die richtige Substanz sein, die sich da auflöst. Es entsteht ein tastbares „Loch“, das sich dann im Lauf des Zyklus – ich nehme an, mit gesundem Gewebe – wieder nach und nach füllt. Man erkennt dieses Loch auch ein bißchen von außen, die Haut wirkt, wenn es sich auftut, ein bißchen faltig im Vergleich zur anderen Brust. Aber das vergeht dann wieder, wie gesagt, da das „Loch“ sich wieder füllt.

Blutwerte

Über die Blutwerte und ihre Bedeutung habe ich ja schon früher einiges geschrieben. Ich lasse mir immer, wenn ich zur Blutabnahme gehe, die Werte der Vorwoche ausdrucken. Im ersten TCHP-Zyklus schienen sie mir länger etwas schlechter zu sein als bei EC, aber im zweiten war das nicht mehr so, die Thrombos, wichtig wegen der Blutgerinnung, waren schon in der Woche vor dem Setzen des Clips im Normalbereich gewesen – andernfalls wäre der Clip vielleicht doch nicht gesetzt worden, was mich echt geärgert hätte. Auch die Chemo-Schwester sprach schon an, daß sie erstaunt über meine guten Blutwerte sei, die wohl vor allem vom Carboplatin normalerweise stärker in Mitleidenschaft gezogen werden. Ob ein Zusammenhang mit der Verschiebung des vierten Fastentags auf Tag 2 bestehen könnte, kann ich nicht sicher sagen, aber möglich wäre es schon. 

Die Haare

Bei EC kam es zum fast immer üblichen Haarausfall bei mir, und zwar ab Tag 14 oder 15 im ersten Zyklus. Die Chemo-Schwester hatte mir ab Januar in Aussicht gestellt, daß meine Haare wieder wachsen werden, und das tun sie auch, aber relativ langsam. Bis ich mich ohne Perücke oder Kopfbedeckung, nur mit meinem eigenen Haupthaar, wieder auf die Straße trauen kann, das kann schon noch zwei Monate dauern. Meinen Kopf bedeckt immer noch eine Art dünner Babyflaum, und auch wenn die vorhandenen Haare tatsächlich länger werden, sehe ich damit noch lange nicht präsentabel aus. 

Schlafstörungen

Schlafstörungen als Chemo-Nebenwirkung (oder eher als Neben-Nebenwirkung) hatte ich nur bei EC, und das exakt immer eine Nacht lang pro Zyklus, nämlich als Folge der abends oder nachts einsetzenden recht starken Muskelschmerzen.

Aber tatsächlich habe ich schon seit der Krebsdiagnose häufiger erlebt, daß ich nachts aufgewacht bin und längere Zeit nicht mehr einschlafen konnte. Das führe ich vor allem darauf zurück, daß ich tagsüber meist doch ziemlich eingespannt bin und dann wenig Gelegenheiten habe, mich gedanklich richtig zu sortieren. Ich nutze diese nächtlichen Gelegenheiten, um gewissermaßen "spazieren zu denken", lasse meinen Gedanken freien Lauf, was zu einer Art freiem Assoziieren führt, das mich oft auf ganz neue Ideen bringt, die am nächsten Tag oder irgendwann später sehr wohl nützlich sein können. Das ist also etwas ganz anderes, als sich in sinnlose Grübeleien zu verhaken und sich dabei in Panik hineinzusteigern. Ich finde es eher nützlich als schädlich, auch wenn es mich ein bißchen Schlaf kostet. Meistens merke ich am Tag danach den fehlenden Schlaf gar nicht, und wenn doch, habe ich ja mein Sofa für einen kurzen Mittagsschlaf. 

***

Update 4.3.23:

Augen

Was mir tatsächlich auch schon bei EC passiert ist und weil ich es heute wieder ein wenig merke, fiel mir noch als Nebenwirkungs-Ergänzung ein: Morgens sehe ich ab Tag 3 oder 4, manchmal auch erst ein bis zwei Tage später, zwei bis drei Tage lang ein bißchen schlechter als sonst, ich merke es, wenn ich morgens etwas lesen will. 

Als das zum ersten Mal auftrat, hat mir das echte Sorgen gemacht, weil bei mir vor einiger Zeit ein Grauer Star in seinen ersten Anfängen diagnostiziert wurde, von dem der Augenarzt aber meinte, es werde noch sicherlich mindestens zehn Jahre dauern, bis er mir echte Probleme machen könne. Was, wenn die Chemo das beschleunigt hätte, dachte ich. Also war ich sehr erleichtert, als diese leichte Sehstörung jedes Mal nach zwei bis drei Tagen wieder weg war und alles wieder normal aussah.

***

Was mir bislang an besonders unangenehmen Nebenwirkungen ganz erspart geblieben ist

  • Erbrechen
  • abbrechende oder ausfallende Finger- oder Fußnägel
  • Folgen von sehr schlechten Blutwerten, von Verzögerungen oder Dosisreduzierungen der Chemotherapie über Kurzatmigkeit und dauernder Erschöpfung bis zu Nierensteinen oder Infektionen oder Organschäden
  • Ödeme
  • Chronische Erschöpfung oder Brain Fog
  • Überempfindlichkeitsreaktionen

 Was ich nicht für die Bekämpfung der Nebenwirkungen nutze

  • Sport und Bewegungsprogramme aller Art, aus grundsätzlichen Erwägungen. Ich bewege mich so viel oder wenig wie sonst auch.
  • Nahrungsergänzungsmittel
  • Ernährungsumstellungen aller Art (Low Carb zählt dabei nicht, weil ich das ohnehin zweimal jährlich einsetze)
  • Selbsthilfegruppen, Beratung, Psychoonkologie etc., weil derzeit kein Bedarf, aber das sehe ich nicht ideologisch - hätte ich das Gefühl, es werde mir helfen, hätte ich da keine Berührungsängste
  • Alternative Behandlungsmethoden wie Misteltherapie etc. 
  • Entspannungstechniken - ich finde mich eigentlich entspannt genug
  • Medikamente, die über das Minimalprogramm (Dexa etc.) hinausgehen. 
  • Kältetherapie

***

So, mehr fällt mir gerade nicht ein – aber ich befinde mich ja noch am Anfang des gerade wieder anlaufenden Nebenwirkungskarussells, das in der Woche vor dem nächsten Zyklus nahezu vollständig ausklingt, bevor es dann wieder von vorne losgeht – aber nächstes Mal wird es für mich das letzte Mal sein, denn ich habe nur noch einen weiteren Zyklus vor mir. Wie die Nebenwirkungen bei der Bestrahlung dann für mich ausfallen werden, das wird wieder ein neues Abenteuer. Ich habe mich mittlerweile entschieden, während dieser ca. vier Wochen wieder meinen gewohnten Fastenrhythmus aus der Zeit vor der Chemotherapie aufzunehmen und mir anzuschauen, ob das gut oder schlecht mit dem zusammenpaßt, was in diesen vier Wochen abläuft. Falls es nicht passen sollte, kann ich es ja unterbrechen oder modifizieren.

Falls ich irgendetwas an Nebenwirkungen vergessen haben sollte, die bei mir nach dem heutigen Tag 3 n. Ch. aufgetreten sind, werde ich es in den nächsten Tagen ja merken und dann ggf. ergänzen.

Natürlich fallen die Nebenwirkungen bei jedem anders aus, also will ich niemandem versprechen, daß die Nebenwirkungen bei ihm - auch mit meinen Methoden kombiniert - genauso harmlos wie bei mir ausfallen. Aber ich hoffe, ein paar nützliche Strategien für den Umgang mit ihnen, ggf. in abgewandelter Form bei höherer Intensität, sind trotzdem dabei gewesen. Und ich glaube, speziell bei der TCHP-Chemo fehlt es im Web noch ein bißchen an etwas strukturierteren Informationen über Erfahrungen mit Nebenwirkungen, also sollte das eine Wissenslücke füllen. 

Ich vermute, einen weiteren Vorteil habe ich davon, daß ich zwar ein Verächter des berüchtigten "Positiven Denkens" als bewußte Herangehensweise ans Leben bin, aber letztlich in dieser Hinsicht einfach ein glückliches Naturell habe. Ich habe eigentlich in nahezu allen Lebenslagen immer irgendetwas, worüber ich mich gerade freuen kann - etwa im vorliegenden Fall, wenn die Nebenwirkungen harmlos bzw. harmloser als erwartet ausfallen -, oder mindestens etwas, worauf ich mich freuen kann - etwa wenn die Nebenwirkungen gerade auf ihrem Höhepunkt sind und ich weiß, ab morgen wird es jetzt wieder besser. Wenn jemand sich nicht über die geringeren Beschwerden jetzt freuen kann, weil er dauernd über die stärkeren, die morgen drohen, nachdenkt, aber dann morgen noch mehr leidet, ohne sich auf die Besserung am nächsten Tag freuen zu können, ist das natürlich eine zusätzliche Belastung, und die habe ich glücklicherweise nicht. Vermutlich klappt es auch deshalb bei mir so gut mit dem Fasten, mit dem sich ja, wie ich erstaunt feststellte, längst nicht jeder so leicht tut wie ich.

Vielleicht hat das ja etwas damit zu tun, daß ich eigentlich schon immer mehr im "Hier und Jetzt" lebe, obwohl ich andererseits auch vorausplane. Aber mir ist bewußt, daß ich die Zukunft nur bedingt beeinflussen kann, weil alle Pläne immer auf unvollständigen Informationen beruhen und alles deshalb auch ganz anders kommen kann. Es war eigentlich schon immer eine Stärke von mir, daß ich auf neue Umstände sehr schnell reagiere und manchmal sämtliche Pläne vom Tag davor von jetzt auf gleich umstoße und etwas anderes, manchmal sogar das exakte Gegenteil, mache. 

Ich nehme an, das Wichtigste ist, die Grenzen der Kontrollierbarkeit dessen, was künftig geschehen wird, zu begreifen und in diesem Rahmen das nicht Kontrollierbare loslassen zu können. Ich habe mir das irgendwie von alleine angeeignet, ohne daß ich sagen könnte, wie das zugegangen ist, denn so war ich nicht immer in meinem Leben. Möglicherweise hatte es etwas mit zunehmendem Selbstvertrauen zu tun, denn ich hatte tatsächlich, rückblickend gesehen, einen Moment in meinem Leben, in dem Dinge, die vorher immer mühsam und zäh waren und mich zum Kämpfen zwangen, nach einer einzigen richtigen Lebensentscheidung auf einmal viel leichter waren und plötzlich vieles von alleine funktionierte. Auf einmal war mein Leben in so vieler Hinsicht viel "richtiger", daß alles plötzlich viel weniger anstrengend zu sein schien. Das macht natürlich vieles leichter, und es entspannt einen auch ganz gewaltig.

Wenn jemand dieses Selbstvertrauen bzw. dieses Gefühl, schon immer irgendwie zurechtzukommen, fehlt und deshalb dieses Loslassen des Unkontrollierbaren im Leben sehr schwer fällt, kann vielleicht ja wirklich ein Psychoonkologe dabei helfen, sich das anzueignen. Es wäre meiner Meinung nach jedenfalls einen Versuch wert.