Dienstag, 24. Januar 2023

Untote und Opportunisten

Mein Gewicht heute früh nach einem Tag Fasten: 86,4 Kilogramm, und das werte Befinden heute ist ein deutlicher Fortschritt zu gestern - und schon gestern lief bereits wieder unter der Rubrik "Durchaus akzeptabel". Einschränkung: Ich habe gestern den ganzen Tag erbärmlich gefroren. Weil ich auch entsprechend geheizt habe, ging es tagsüber trotzdem ganz gut. Aber als ich abends das Schlafzimmer mit seinen 16,7 Grad Celsius betrat, ging ich erst mal in die Knie, denn das war für mich gestern schon vor dem Ausziehen kaum auszuhalten. Dann holte ich mir den bislang nie benutzten extrawarmen Schlafanzug, den ich eigentlich die ganze Zeit für einen blöden Fehlkauf gehalten hatte, zog ihn zusätzlich über das Nachthemd und verkrümelte mich ins Bett. So ging es dann doch.

Sonst schlafe ich immer bei gekipptem Fenster. Das brachte ich gestern nicht über mich. Trotzdem bin ich nachts einmal aufgewacht, weil meine Füße (die in Bettschuhen steckten) sich wie Eisklumpen anfühlten. Heute scheint mein Temperaturempfinden zum Glück wieder normal zu sein. Dafür habe ich jetzt den Trastzumab-Nebenwirkungs-Klassiker, Durchfall, aber auch das scheint sich zu beruhigen, die letzte kleine Mahlzeit, ein griechischer Joghurt mit einem Schuß Orangensirup, scheint jedenfalls nicht mehr explosiv gewirkt zu haben. Gut, daß ich gestern sowieso nichts gegessen habe. 

Aber am meisten gefreut hat mich heute morgen, daß der Kaffee endlich wieder nach Kaffee schmeckte statt wie Batteriesäure. 

Ich gehe somit davon aus, daß ich das Gröbste hinter mir habe, und plane deshalb bereits für den nächsten Zyklus voraus, bei dem die Nebenwirkungspalette sich vermutlich ja nach einem ähnlichen Schema abspulen wird, wenn man auch die Abweichungen im Detail vorher natürlich nie so genau vorhersagen kann. Was ich nächstes Mal nämlich testen will, ist, ob die Nebenwirkungen stärker oder schwächer ausfallen, wenn ich den vierten Fastentag hinter die Chemo schiebe, also vor der Chemo nur einen Tag faste. Bei EC hatte ich den deutlichen Eindruck, daß zwei Fastentage vorher mehr bringen als nur einer, aber ob das diesmal genauso ist (will heißen: die Wirkung, obwohl sie stärker war, eigentlich trotzdem noch ein Fall von "gut davongekommen" gewesen ist), bin ich mir nicht sicher, weil mir der Vergleich fehlt. 

Das Fasten schützt ja die gesunden Körperzellen - bis zu einem gewissen Grad - vor dem Gift, das bei der Chemo in mich hineingepumpt wird. Vielleicht ist die zellschützende Wirkung bei meinem aktuellen Cocktail aber besser, wenn ich Fastentag vier doch nach hinten verschiebe. Und das will ich jetzt ausprobieren, alleine schon weil dieses Platinzeugs, dem ich - sagt die Chemo-Schwester - meine wochenendlichen Ausfallerscheinungen vor allem zu verdanken habe, speziell die Nieren schädigen kann, und die will ja ich noch ein Weilchen behalten. Falls mir also auf diese andere Weise eine Verbesserung der Nebenwirkung gelingen sollte, bleibe ich dabei. Wird es schlechter, mache ich es bei den letzten beiden Zyklen wieder umgekehrt. Und falls alles gleich bleibt? Keine Ahnung. Vielleicht werfe ich dann eine Münze.

Apropos Platinzeugs. Heute habe ich einen meiner älteren Blogartikel zur neuen Chemo-Runde korrigiert, weil ich da von "Cisplatin" geschrieben hatte. Das gibt es zwar ebenfalls, aber das, was ich bekomme, heißt "Carboplatin". Das muß ein Freudscher gewesen sein. Carboplatin, ausgerechnet während ich Low Carb esse, hat meinem Hirn wohl nicht so recht eingeleuchtet, und so wurde der Begriff bei mir falsch abgespeichert. 👀

Weil auch der nächste Zyklus an einem Dienstag startet, riskiere ich mit meiner experimentellen Veränderung allenfalls ein noch ungemütlicheres Wochenende, als es das vergangene gewesen ist. Dafür kann ich mich diesmal aber darauf vorbereiten, daß es unangenehm werden wird, und es mir so gemütlich machen, wie es die Umstände eben zulassen. Ich habe beispielsweise die feste Absicht, bei meinem Mann für das bewußte Abendessen an diesem Wochenende sowohl am Samstag als auch am Sonntag seine berühmte Hühnersuppe vorzubestellen, statt mich selbst in die Küche zu stellen. Hühnersuppe hilft ja außerdem gegen so gut wie alles, vielleicht dann auch gegen Chemo-Nebenwirkungen.

Bei der Blutabnahme habe ich heute übrigens tatsächlich die Chemo-Schwester auf die Sache mit dem Titan-Clip angesprochen und gefragt, ob sie meint, ich solle etwas zeitnäher als geplant beim Doc vorsprechen, damit da nichts schiefgeht. Sie schaut sich den Radiologiebefund jetzt mal an, spricht mit dem Doc, und wir unterhalten uns nächste Woche beim Anzapfen nochmal darüber, wie wir weiter vorgehen. Ich habe sie außerdem gefragt, ob es bei ihren Patientinnen jemals schon vorgekommen sei, daß der Tumor sich bereits rückstandslos verploppt hatte, noch bevor der Clip gesetzt wurde, und sie versicherte mir, das sei noch nie passiert. 

Dann hoffe ich mal, daß ich nicht ihr historischer Fall Nr. 1 werde (und womöglich wegen eines durch Fasten besonders aggressiv gemachten Immunsystems dann auch noch selbst daran schuld bin ...). - Aber ein Tumor, den ich erstmals nicht mehr ertasten kann, sollte ja eigentlich trotzdem immer noch für ein Weilchen im Mammogramm auffindbar sein. Im Moment finde ich ihn ja außerdem noch, wenn ich ernsthaft nach ihm suche. Aber er ist heute morgen im Vergleich zu gestern tatsächlich schon wieder schwerer aufzuspüren gewesen. Mir fehlt übrigens tatsächlich in der Brust ein wenig "Masse", es ist nicht gerade ein Loch, aber irgendwie fühlt es sich beim Abtasten an, als wäre an der betreffenden Stelle weniger Substanz enthalten: Es gibt stärker nach. Das erinnert mich daran: Es gab ja zum "Haupt-Tumor" auch noch diesen deutlich kleineren Satelliten. Was in der letzten Woche aus dem geworden ist, frage ich mich natürlich auch, und hier machen mich Abtastversuche nicht im mindesten schlauer. Bei der letzten Mammographie existierte er offenbar noch, aber im Gegensatz zum vorigen Mal bekam ich kein Bild von ihm zu sehen und konnte nur dem Bericht entnehmen, daß auch er kleiner geworden sei, aber ohne nähere Angaben. 

Ich frage mich ja schon, wie die Krebszellenleichen wohl abtransportiert werden, denn offenbar bleiben sie nicht einfach tot auf dem Schlachtfeld liegen. Ob das ähnlich abläuft wie beim Prozeß der Autophagie? Krebszellen sind ja letztlich auch körpereigene Zellen, jedenfalls sind sie das mal gewesen, bevor sie in etwas Gräßliches mutierten - was der Vorstellung, daß recycelte Krebszellen in mir vielleicht wirklich wiederaufbereitet werden und für den Rest meines Lebens weiter als Untote in meinen normalen Körperfunktionen herumspuken, etwas entschieden Unheimliches verleiht. Ich hoffe, mein interner Hausmeisterservice verfügt für allfällige Notfälle wenigstens über spitze Holzpflöcke (am besten aus Eibenholz wegen des Taxols). Knoblauch sollte er über meine Ernährung ja genug bekommen. 

Apropos Ernährung. Gestern abend spulte mein kulinarisches Kopfkino nonstop Rahmchampignons ab, und wäre mir nicht so kalt gewesen, wer weiß, ob ich nicht meinen allerersten Fastentags-Abbruch zu verbuchen gehabt hätte. Das hatte zur Folge, daß ich heute prompt frische Champignons gekauft habe, obwohl meine Gelüste da längst in eine andere Richtung gingen. Ich hatte nämlich schon morgens beim Kaffee intensive Visionen von einer Fleischsuppe, in der kleingeschnittene Karotten, Kohlrabi und Kartoffeln schwammen. Das war es dann auch, was ich heute tatsächlich gemacht habe, als ich vom Blutabzapfen kam. Komisch, eigentlich mag ich Karotten und Kohlrabi sonst viel lieber roh und knackig, aber heute hatte ich einen echten Jieper auf die weichgekochte Version. Ich nehme an, mein Körper hat seine chemospezifischen Bedürfnisse zum Ausdruck damit gebracht, wie auch immer Biochemiker und Ernährungsgurus sich das erklären würden. Daß es mich dabei auch nach Suppe lüstete, finde ich besonders einfach zu erklären, da ich schon seit einer Woche einen so auffallend hohen Drang nach Flüssigem habe.

***

Heute las ich, daß die Wissenschaft glaubt, eine Verbindung zwischen Virusinfektionen und Demenz erkannt zu haben. Sonderlich überraschend fände ich das nicht, eher überrascht es mich, daß die Wissenschaft das überraschend zu finden scheint. Virusinfektionen spielen bei einigen Krebsarten nachweislich eine Rolle und ich vermute, bei einer Reihe von anderen ebenfalls, auch wenn es dafür bislang keine Nachweise gibt. Krebs verhält sich außerdem opportunistisch: Er scheint sich vielfach und in praktisch jedem Menschen in großer Zahl niedrigschwellig anzusiedeln, ohne einen zunächst zu stören, und bleibt lange Zeit (oft sicher auch dauerhaft) inaktiv. Aber wehe, es ergibt sich eine aus seiner Sicht günstige Gelegenheit, dann startet er sein Programm zur feindlichen Übernahme. So eine günstige Gelegenheit bieten unter anderem Virusinfektionen, die das Immunsystem anderweitig beschäftigen und dem Tumor in spe dadurch mehr Gestaltungsspielräume erlauben. 999 Mal ist die Infektion dann beseitigt, noch bevor die "kritische Masse" erreicht ist und das Immunsystem unseren inneren Putin doch wieder zum Wegducken zwingt. Das Problem ist das tausendste Mal. 

Was mir bei meinem eigenen "tausendsten Mal" immer wieder zu denken gab, waren die neulich geposteten Daten zur Entwicklung der Zahl der Brustkrebsfälle seit Einführung des Screenings, und zwar die Tatsache, daß sich das Screening ausgerechnet auf die Zahlen des vor dem Screening häufigsten Stadiums 2 überhaupt nicht ausgewirkt hat, auch nicht in der Altersgruppe, in der gescreent wird (die gelbe Linie in der Abbildung):

 

Mit der Vorstellung einer schleichenden Vergrößerung eines Tumors - und somit der realistischen Chance, durch das Screening diesen Prozeß deutlich früher als andernfalls zu entdecken - bringe ich das beim besten Willen nicht unter einen Hut. Meines Erachtens müßte es vielmehr bedeuten, daß Brustkrebs (und möglicherweise ja auch andere Krebsarten) sich - jedenfalls beim Übergang vom unauffälligen ins erkennbare Stadium - in Sprüngen entwickelt. Nur dann ergibt es einen Sinn, daß Stadium 2 unter den Treffern genauso häufig ist wie vor zwanzig Jahren. Vor dem Screening war das meistens die Größe, ab der die Patientin den Knoten irgendwann selbst entdecken konnte, und ein solcher Fund dürfte damals auch der häufigste Grund der Untersuchung gewesen sein, die dann in die Krebsdiagnose mündete. Aber wie kann dieses Stadium bei Frauen im Screening-Alter auch weiterhin genauso so häufig sein, da doch knapp drei Viertel von ihnen das Screening in Anspruch nehmen? Würde der Tumor sich schleichend vergrößern, dann hätte gerade Stadium 2 doch in diesem Fall noch viel stärker als die Spätstadien 3 und 4 zurückgehen müssen. 

Eine Entwicklung in Sprüngen würde bedeuten, der Krebs nutzt günstige Gelegenheiten, und das mindestens vorübergehend in ordentlichem Tempo. Warum sollten neurodegenerative Erkrankungen wie Demenz nicht nach ähnlichen Prinzipien zum Ausbruch kommen? Mir leuchtet das spontan ein. Vermutlich ist auch Demenz eine opportunistische Erkrankung, und vielleicht lauert sie genau wie Krebs jahrzehntelang auf den richtigen Moment. Was ich nicht weiß, ist, auf welche Weise man dem Ausbruch der Krankheit mit dieser Erkenntnis gegensteuern sollte, aber vielleicht ergäbe sich ja etwas, würde man diesen Prozeß genauer durchschauen. 






Montag, 23. Januar 2023

Erbse mittelfein, sehr fein oder extra fein?

Mein Gewicht heute früh am Tag 7 nach Start der zweiten Chemo-Runde und zu Beginn des eigentlich geplanten, aber hiermit doch abgesagten neuen langen Fastenintervalls (Erklärung siehe weiter unten): 88,6 Kilogramm. 

Verblüffende 2,6 Kilogramm weniger als am Sonntag vor einer Woche. Schau an. Geht das vielleicht doch schneller als gedacht, daß ich wieder am Ausgangspunkt 86,x Kilogramm vom Oktober sein werde, zu dem ich gewichtstechnisch erst einmal wieder zurückwill? Möglicherweise war dieser enorme Gewichtsanstieg im Dezember ja doch noch stärker wasserbedingt, als ich dachte. Es könnte natürlich aber auch etwas damit zu tun haben, daß sich der Chemo-Cocktail in der THCP-Mischung als ein gutes Stück unangenehmer als die vorherige EC-Chemo und damit im Vergleich ja vielleicht auch energiezehrender erwiesen hat. 

Bis zum Freitag fand ich die Intensität der Nebenwirkungen von beidem - bei allen Unterschieden im Detail - von der den Alltag beeinträchtigenden Wirkungen ungefähr vergleichbar, aber das Wochenende fühlte ich mich zum ersten Mal seit Beginn der Chemo wirklich krank. Fieber hatte ich keines, ich hatte mir sicherheitshalber ein Thermometer bereitgelegt, um das kontrollieren zu können. Beide Tage lang war mit mir aber wenig anzufangen, ich war wackelig auf den Beinen, bewegte mich wie in Zeitlupe, hatte Watte im Hirn und gegen Nachmittag mußte ich mich hinlegen, weil ich vor Erschöpfung am liebsten einfach zu Boden gesunken wäre (erfreulicherweise half das an beiden Tagen wenigstens einigermaßen, um mich hinterher wieder aufzurappeln). Bei jeder Bewegung hatte ich das Gefühl, als ziehe ich ein Dutzend Standbilder von mir in früheren Stadien des Bewegungsablaufs hinter mir her. In Ermangelung weniger unangenehmer Beschäftigungen war ich gefühlt trotzdem das gesamte Wochenende aktiv, ohne freilich viel zustande zu bringen. Im Wesentlichen habe ich gekocht und gebacken und die zugehörigen Säuberungs- und Aufräumarbeiten bewältigt. In vielen kleinen und kleinsten Teilschritten.

Am Samstag besserte sich das Allgemeinbefinden leider nicht mal gegen Abend in Richtung "halbwegs normal", wie das sonst immer bei Chemo-Nebenwirkungen gewesen ist. Aber glücklicherweise klappte wenigstens das gestern dann doch wieder. Heute funktioniert auch der Kopf wieder normal und ich habe das Gefühl, das Restliche normalisiert sich langsam auch wieder. Das Unnormale kommt und geht in Wellen, aber jede neue Welle kommt mir ein bißchen kleiner als die letzte vor, und so kehren meine Lebensgeister langsam wieder.

Was heute morgen aber noch richtig unangenehm war, war der finale Abschied von einer - keine Übertreibung - geradezu mörderischen Verstopfung. 

Irgendwo habe ich ja schon mal, als ich verstopft war, dieses Foto gepostet und geschrieben, genau so würde ich mich gerade fühlen:

Gewaltige Eier – TRIFT

Diesmal hätte ich für einen noch passenderen Vergleich eher darauf getippt, daß die Kiwi-Mama vom einem Strauß vergewaltigt worden war und die daraus resultierenden biologischen Vorgänge mit einem stark erhöhten Schwierigkeitsgrad umsetzen mußte. Meine morgendliche Klositzung war vielleicht noch nicht die allerschlimmste meines Lebens, schaffte es aber locker mindestens in die Top 3.

Genau das ist jetzt auch der Grund, warum ich das viertägige Fastenintervall diese Woche doch durch drei einzelne Fastentage ersetzen werde. Ich habe nämlich zwar gar keinen vernünftigen Grund, heute nicht zu fasten, denn nach Essen - vertrauen Sie mir in diesem Punkt ;-) - ist es mir gerade sowieso nicht so recht. Aber ich möchte meiner Verdauung gerne auch eine realistische Chance geben, sich bis zum nächsten Chemo-Zyklus wieder zu normalisieren, und ich nehme an, mehrtägige Fastenintervalle wären da eher kontraproduktiv. Ich hoffe mal, daß ich das Verstopfungs-Problem in dieser besonders unangenehmen Form nicht mehr bekomme, aber vorsichtshalber werde ich natürlich dagegen auch ein paar Vorkehrungen treffen, denn das muß ich echt nicht noch einmal haben.

Somit werde ich also diese Woche drei Fastentage haben und in der nächsten zwei, jeweils einzeln, und erst zur nächsten Chemo wieder mehrere Tage fasten. Das kommt mir angesichts der Umstände vernünftiger vor.

Ich habe für diese Entscheidung aber noch einen zweiten Grund: Eigentlich war das eine, das am Wochenende stur allen Nebenwirkungen getrotzt hatte, mein Appetit, und das Essen hat mir auch sehr wohl gut geschmeckt (während merkwürdigerweise sämtliche Getränke, von Wasser bis - sogar ganz besonders - Kaffee einen unangenehmen Geschmack hatten). Aber mir fiel auf, daß ich schon nach viel kleineren Portionen als sonst satt war, auch gemessen an dem veränderten Sättigungseffekt mit Low Carb, für den ich die für mich richtigen Portionsgrößen ja auch längst einschätzen können sollte. Trotzdem hatte ich aber seit Freitag nicht eine einzige Mahlzeit, bei der nicht mindestens ein bißchen was übrig geblieben wäre, obwohl ich die Mengen dann jeden Tag noch etwas verkleinert habe. Und das hatte ich meiner Erinnerung nach auch mit Low Carb noch nie.

Da war also irgendwas anders als sonst, möglicherweise chemobedingt, und deshalb kann ich den Verdacht nicht abschütteln, daß ich in den letzten vier Tagen vielleicht auch zu wenig Nährstoffe aufgenommen habe, um jetzt wirklich schon wieder mehrere Tage lang zu fasten. Bei typischeren Mahlzeiten hätte ich speziell diese Bedenken nicht gehabt, denn bekanntlich esse ich ja gerne, gut und reichlich. Zu wenig getrunken habe ich übrigens nicht, obwohl gerade Getränke mir durchweg gar nicht geschmeckt haben, denn ich hatte ein solches physisches Bedürfnis nach Flüssigkeit, daß ich den Geschmack eben in Kauf nahm.

Zur Art der Nebenwirkungen: Diesmal waren bzw. sind sie ziemlich "muskelschmerzenbetont". Das setzte unerwartet früh schon am Donnerstag ein und ist bis jetzt der rote Faden. Es kommt und geht in Wellen, aber netterweise in einem Timing, das mir - anders als bei der EC-Chemo auf ihrem Höhepunkt mit dem "kurz und schmerzhaft"-Muskelschmerz am Abend bzw. in der Nacht - noch kein einziges Mal den Nachtschlaf gestört hat. Die Intensität war die ganze Zeit auszuhalten, erreichte ebenfalls am Wochenende den Höhepunkt und nimmt mittlerweile auch gerade wieder merklich ab. Was ich zum ersten Mal hatte, war Nasenbluten (nur einmal, aber das ist für mich sonst sehr unypisch) und ein paar kleinere Hautreaktionen, und außerdem habe ich heute vormittag ziemlich gefroren. Ansonsten gab es mit dem Schwindel, der leichten Schleimhäutereizung und einem (bislang nur leichten und immer nach zwei, drei Stunden wieder verschwindenden) Taubheitsgefühl in Finger- und Zehenspitzen) nur alte Bekannte.

Der heutige Tag, so, wie er sich seit seinem doch sehr unerfreulichen Start entwickelt hat, entspricht vom "Unwohlsein-Faktor" her jetzt aber erkennbar in etwa dem Höhepunkt während der bisherigen Zyklen, also: spürbar, aber auszuhalten. Falls keine Überraschungen mehr kommen, sollte ich jetzt also wohl über den Berg sein, zumal dieser Peak zeitlich ja identisch mit dem meiner früheren dreiwöchentlichen Zyklen wäre. 

Was mach ich jetzt aus diesen neuen Erkenntnissen? 

Lieber wäre es mir natürlich gewesen, die Sache wäre ein solcher Spaziergang wie die vier EC-Zyklen, aber falls ich das jetzt für alle drei noch ausstehenden Zyklen wirklich jedes Mal so erleben sollte - kann passieren, muß es aber nicht -, ist es an sich okay. Ich kann mich ja darauf einstellen, und genau deshalb hatte ich mir die letzte und die laufende Woche ja auch freigenommen, um herauszufinden, ob und wenn ja wie ich das in den noch folgenden drei Zyklen machen sollte. 

Einen Spaziergang hatte mir außerdem ja niemand versprochen, und die Hauptwirkung fällt dafür sehr überzeugend aus: Der Unterschied zu dem, was ich jetzt ertaste und was ich heute vor einer Woche noch ertasten konnte, ist echt eindrucksvoll. Ich würde sagen, mittlerweile hat das Ding Erbsengröße erreicht, und ich glaube sogar, die Größe "mittelfein" hat es bereits unterschritten, aber das ist natürlich eine sehr subjektive und vielleicht überoptimistische Tastbefund-Mutmaßung. Ob die leichten ziehenden, ebenfalls wellenförmig wiederkehrenden Schmerzen - unter anderem ungefähr dort, wo das Gemetzel an den Krebszellen stattfinden sollte - nur Einbildung sind, kann ich nicht sicher sagen, aber die Vorstellung, daß sich dann gerade eine Horde grölender Wikinger mit Streitäxten über Hunderten von sich unter gräßlichen Schmerzen in ihrem Blute wälzenden Krebszellen hermacht, hat irgendwie schon etwas Befriedigendes, also nehme ich sie einfach mal für real. 😈💀

Ob ich versuche, die Sache mit dem Titan-Clip doch zu forcieren, da das alles gerade dermaßen schnell zu gehen scheint, entscheide ich morgen früh nach dem nächsten Abtasten, bevor ich zur Blutabnahme muß. Wenn ich jetzt noch eine Erbse der Klasse "mittelfein" oder mindestens "fein" spüren kann, sollte nächste Woche doch eigentlich immer noch genug von ihr übrig sein, daß der radiologische Schnösel sie noch wiederfinden wird, so daß es ausreichend wäre, wenn ich nächste Woche - da bin ich hoffentlich wieder für so etwas energiegeladen genug - anfange, mal wieder stressig zu werden. 

Am besten ist es vielleicht aber, ich frage morgen einfach mal die Chemo-Schwester um Rat, was sie an meiner Stelle täte. Dafür sollte meine wiedererwachende Energie morgen eigentlich auch schon ausreichen.

***

So komisch das nach dem Kiwi-Theater in meinem Gedärm klingt, ich war von unseren Mahlzeiten der letzten Tage wirklich angetan und habe mit viel Genuß gegessen, und außerdem habe ich eine ganze Salve an Rezepten ausgedruckt, die noch ihrer Umsetzung harren.

Eine richtige Entdeckung fand ich die "Chaffles" - Waffeln, die nur aus Ei und geraspeltem Käse bestehen. Daß so etwas schmeckt, konnte ich mir natürlich gut vorstellen, aber nie im Leben hätte ich erwartet, daß das Backen mit einem Waffeleisen wirklich so gut funktioniert. Ich fettete das Waffeleisen allerdings ein, nachdem es bei der ersten Waffel noch nicht perfekt geklappt hatte - das lag vermutlich an diesem speziellen Käserest, den ich verarbeitet habe, der fettärmer war, als ich meinen Käse sonst bevorzuge -, aber die weiteren Exemplare kamen prächtig heraus und schmeckten vor allem ganz hervorragend.

Außerdem habe ich am Freitag den ersten Käsekuchen meines Lebens gebacken, natürlich ebenfalls in der Low-Carb-Version. Ein opulentes Teil (vergessen Sie den Quatsch mit "Magerquark", der auch in den meisten LC-Rezepten steht) und auch was zum Anschauen: belegt mit Mandarinen und Kiwischeiben (die nicht eierlegenden Kiwis natürlich ...) und einem schönen roten Guß. Ich hätte gerne ein Foto davon hier reingestellt, aber mein Mann, der völlig von den Socken von dem Teil war, hat vergessen, mir die Bilder, die er zum Angeben vor Freunden und Kollegen gemacht hat, zu mailen (nur deshalb hatte ich diesmal keine eigenen gemacht). 

Seit Jahren hatte mein Mann sich immer wieder darüber beschwert, daß ich nie Käsekuchen backe. Ich kann nicht mal so genau erklären, warum, aber ich war eigentlich nie so ein riesiger Käsekuchen-Fan. Vielleicht lag das ja am Magerquark, der immer in den Rezepten steht und den in meiner Kindheit auch, glaube ich, von meiner Mutter aufwärts immer alle verwendet haben. Guten Willens war ich eigentlich schon, meinem Mann seinen Wunsch zu erfüllen, aber es gab dann halt doch immer wieder irgendein anderes Rezept, das ich noch dringender ausprobieren wollte. Aber neulich hatte ich keine Zeit zu backen und nahm vom Bäcker zwei Stück Käsekuchen mit, um ihm eine Freude zu machen, aber da beschwerte er sich erst recht: Er wolle nicht irgendeinen Käsekuchen essen, sondern einen, den ich gebacken habe. 

Also, jetzt darf ich beim Backen hoffentlich erst mal wieder an meine eigene Liste gehen. Mir wäre da nämlich mal wieder nach einer LC-Biskuitrolle, vielleicht mit einer Tirami-su-Füllung ... 😍

Schon lustig, daß ich gerade eine solche Bugwelle toller Low-Carb-Rezepte vor mir herschiebe und mich auf jedes davon so freue. Im Dezember war ich nämlich ziemlich Low-Carb-müde und konnte gar nicht genug Brot, Pasta und Reis in mich hineinschaufeln, nachdem ich schon im November zunehmend, wenn auch bis zum 30.11. erfolgreich, mit meiner Selbstdisziplin zu kämpfen gehabt hatte. Aktuell habe ich dieses Bedürfnis gar nicht.






Mittwoch, 18. Januar 2023

Mein erstes Mal: Der erste Zyklus Trastuzumab/Pertuzumab

Mein Gewicht heute früh am Tag nach dem ersten Chemozyklus der zweiten Runde: 87,7 Kilogramm. Das sind 1,8 Kilogramm mehr als am entsprechenden Tag der letzten Chemo-Session, aber dennoch sehr erfreulich, denn gestern waren es 88,5 Kilogramm und ich hatte nicht ernsthaft damit gerechnet, daß ich heute nennenswert weniger wiegen werde, sondern war sogar auf die üblichen 300 bis 500 Gramm mehr gefaßt. Die extreme Gewichtszunahme durch die Chemo bislang lag also entweder ausschließlich an den 8 Milligramm Dexa, das ich in den ersten vier Zyklen als Infusion bekommen habe, aber diesmal nicht mehr. Oder vielleicht – da die fünf Dexa-Tabletten an den ersten fünf Tage nach der Chemo diese Wirkung dann ja nicht hatten – an den beiden Zytostatika, die ich jetzt nicht mehr bekomme, Epirubicin und Cyclophosphamid. Oder vielleicht war es ja auch eine Wirkung der Kombination aus allem zusammen?

Whatever, diesmal ist es jedenfalls nicht passiert. Das deutete sich schon gestern abend an, denn mein Gewicht war nach der Chemo – obwohl viel mehr Flüssigkeit in mich hineingepumpt wurde – längst nicht so weit in die Höhe geschnellt wie bei den ersten vier Zyklen. Gestern abend wog ich 89,2 Kilogramm, 700 Gramm mehr als am Morgen. Das war schon ein beträchtlicher Unterschied zu den Gewichtskapriolen nach der Chemo, die ich bisher gewohnt war. Damit sollte ich morgen mein langes Fastenintervall mit 86,x beenden. Letztes Mal lag ich nach Tag 4 des Fastentintervalls bei 85,9 Kilo. Das ist allerdings nicht wirklich vergleichbar, weil das der Tag direkt nach der letzten Chemo war. Ich gehe davon aus, daß ich damals ohne Chemo weniger als 85 gewogen hätte. 

Das alles deutet schon darauf hin, daß meine Gewichtszunahme neben der geringeren Anzahl von Fastentagen und der Unterbrechung von Low Carb auch mit der Chemo zu tun hatte. Da ich aber mit Low Carb und weniger Fastentagen trotz Chemo im Oktober und November weiter mein Gewicht halten konnte, nehme ich an, daß Low Carb beim Gewichthalten schon die wichtigste Rolle gespielt hat. Das hätte ich so nicht erwartet.

Was mir ebenfalls zu denken gab, ist, daß meine Blutwerte in den beiden Zyklen ohne Low Carb länger schlecht waren als vorher mit Low Carb. 

Hier noch einmal die gesamte Auflistung meiner Blutwerte seit Beginn der Chemotherapie bis zum aktuellen Stand:

13.10.22: Zyklus 1, Tag 0 (Chemotherapie)

18.10.22: Tag 5 Erste Blutabnahme. Erythozyten: 4,40; Thrombozyten: 164; Leukozyten: 6,23 (alle Werte innerhalb des Normalbereichs)

25.10.22: Tag 12 Zweite Blutabnahme (in der Studie keine Werte für einen vergleichbaren Punkt im Zyklus). Erythozyten: 4,08; Thrombozyten: 121  Leukozyten: 1,09 (keiner der Werte innerhalb des Normalbereichs, aber die roten Blutkörperchen liegen nur sehr knapp darunter.)

02.11.22: Tag 20 Dritte Blutabnahme.  Erythozyten: 4,27; Thrombozyten: 226; Leukozyten: 4,21 (alle Werte innerhalb des Normalbereichs)

04.11.22 Zyklus 2, Tag 0 (Chemotherapie)

08.11.22: Tag 4 Erste Blutabnahme.  Erythozyten: 4,36; Thrombozyten: 189; Leukozyten: 8,40 (alle Werte innerhalb des Normalbereichs)

15.11.22: Tag 11 Zweite Blutabnahme (in der Studie keine Werte für einen vergleichbaren Punkt im Zyklus) .  Erythozyten: 4,08; Thrombozyten: 109; Leukozyten: 1,40 (keiner der Werte innerhalb des Normalbereichs).

22.11.22 Tag 18 Dritte Blutabnahme. Erythozyten: 4,29; Thrombozyten: 213; Leukozyten: 1,95 (Leukos zu niedrig, Rest normal)

28.11.22 Tag 24. Vierte Blutabnahme. Erythozyten: 4,43; Thrombozyten: 207; Leukozyten 6,79 (alle Werte innerhalb des Normalbereichs)

29.11.22 Zyklus 3, Tag 0 (Chemotherapie)

06.12.22 Tag  7. Erste Blutabnahme. Erythozyten: 3,97; Thrombozyten: 138; Leukozyten: 4,53. (kursiv: zu niedrig)

13.12.22 Tag 14. Zweite Blutabnahme. Erythozyten: 3,90; Thrombozyten: 178; Leukozyten: 1,62 (kursiv: zu niedrig)

20.12.22 Tag 21 Dritte Blutabnahme Erythozyten: 4,17; Thrombozyten: 223; Leukozyten: 3,51

22.12.22. Zyklus 4, Tag 0 

27.12.22 Tag 5: Erste Blutabnahme.  Erythozyten: 3,96; Thrombozyten:172; Leukozyten: 6,71

03.01.23 Tag 12: Zweiter Blutabnahme.  Erythozyten: 3,53; Thrombozyten: 110; Leukozyten: 1,35

09.01.23 Tag 18. Dritte Blutabnahme. Erythozyten: 3,95; Thrombozyten: 214; Leukozyten: 2,09

16.01.23 Tag 25. Vierte Blutabnahme. Erythozyten: 4,28; Thrombozyten: 221; Leukozyten: 6,16

Auffällig finde ich vor allem, daß die roten Blutkörperchen (Erythozyten) in beiden Zyklen schon am Tag 5 bzw. 7 zu niedrig waren und sich erst nach drei Wochen wieder berappelt hatten. Auch der fünfte Fastentag in Zyklus 4 hat daran nichts geändert. Aber auch mit der langen Zeit, bis die Leukos (weiße Blutkörperchen) wieder zufriedenstellende Werte aufwiesen, bin ich nicht zufrieden. Im dritten Zyklus waren sie erst kurz vor der Chemo im Normalbereich, aber viel niedriger als in den drei anderen Zyklen. Ob in Zyklus 4 vor allem die vier Tage zusätzlich eine Rolle gespielt haben, oder vielleicht doch der fünfte Fastentag? Nur auf die Blutplättchen, die Thrombozyten, scheint Low Carb keine zusätzliche positive Wirkung gehabt zu haben.

In Zyklus 3 mit vier Fastentagen und erstmals ohne Low Carb waren auch die subjektiv erlebten Nebenwirkungen ausgesprägter als in allen drei weiteren Zyklen. In Zyklus 4 waren sie harmloser, aber sie dauerten einige Tage länger an, als ich das in den drei vorherigen Zyklen erlebt hatte. 

Das sieht ja fast so aus, als ob eine Kombination aus Fasten und Low Carb das empfehlenswerteste Vorgehen bei einer Chemotherapie sein könnte. Auch wenn natürlich meine persönliche "Anekdote" nicht zwangsläufig bei anderen das gleiche Ergebnis bringen müssen - aber eine Überlegung ist es schon wert.

Was sich mit den Blutwerten und dem Wohlbefinden in diesem fünften Zyklus, in dem ja fast alles neu und anders sein kann, so ergeben wird, bin ich nun schon gespannt wie ein Flitzebogen. Und ich werde natürlich berichten.

Ich nehme außerdem an, im Lauf der nächsten zwölf Wochen wird mein Gewicht mit Intervallfasten plus Low Carb deutlich heruntergehen, vielleicht habe ich ja sogar Glück und es geht  relativ schnell, da ich jetzt ja drei Monate mit im Durchschnitt nur 1,3 Fastentagen pro Woche hinter mir habe und mein Stoffwechsel sich dem vielleicht schon ein wenig angepaßt haben sollte. Das könnte mir nur recht sein, denn ich würde gerne bis zum OP-Termin wieder das Gewicht haben, das ich vor Beginn der Chemo hatte, also zwischen 86 und 87 Kilogramm - damit es über den Sommer dann noch ein Stück weiter runtergeht und ich im Herbst nicht an derselben Stelle stehe wie im letzten Herbst. Auch wenn es nur Priorität 2 hat: Ein bißchen Fortschritt möchte ich auch im Jahre 2023 beim Gewicht doch sehen!

Da ich jetzt zusätzlich zu den vier Fastentagen um die Chemo herum das Intervallfasten nach meinem normalen Rhythmus – soweit er sich zwischen die Chemo-Zyklen einfügen läßt – wieder aufnehmen werde und mein nächster Chemo-Termin erstaunlicherweise exakt 21 Tage nach dem ersten stattfinden wird (die beiden letzten sind noch nicht terminiert), habe ich mindestens in den nächsten vier Wochen mehr Fastentage als gewohnt, nämlich 14. Das ergibt sich daraus, daß der Drei-Wochen-Rhythmus der Chemos sich mit den Spätschichtwochen meines Mannes zweimal beißt. Diese Woche hat er Frühschicht, also hätte ich normalerweise kein langes Fastenintervall gehabt, aber das soll mich jetzt nicht daran hindern, nächste Woche ein weiteres einzufügen, da ich ja den fünften Fastentag nach der Chemo gestrichen habe und somit vier Eßtage zwischen den beiden viertägigen Fastenintervallen und damit aller Vorraussicht nach eine ausreichende Energiezufuhr vor dem Start des zweiten langen Fastenintervalls haben werde – mit Low Carb sowieso. 

Ich habe übrigens wieder eine ganze Reihe Low-Carb-Rezepte aufgestöbert, die mich interessieren. Morgen abend will ich zum Beispiel zum ersten Mal „Chaffles“ machen, Low-Carb-Waffeln, und dazu gibt es Avocado-Spirulina-Aioli. Das Spirulina hatte sich eigentlich als Fehlkauf erwiesen, das gab’s vor einigen Wochen als Aktionsware bei Aldi, und ich nahm es spontan mit, aber als ich daheim gegoogelt hatte, stellte ich enttäuscht fest, daß man damit außer Smoothies und Puddings in einem wenig verlockenden Blau und solchem Chichi-Kram für Trendbewußte wenig anfangen kann. Da ich mir aus Eßtrends nichts mache (und ebensowenig aus den zugehörigen Begrifflichkeiten) und auf Smoothies noch nie scharf war, ist das für mich eindeutig nichts. 

Das einzige, was mich reizte und das ich letzten Samstag mal ausprobiert habe (und bestimmt gelegentlich wieder machen werde), ist ein Pesto mit einer italienischen Kräutermischung, Frischkäse, viel Parmesan, Pinienkernen und einem Teelöffel von diesem Spirulina-Zeugs, das mir in einer damit ausgestrichenen Eier-Zucchini-Rolle und darin eingerolltem gebratenem Lachs wirklich gut geschmeckt hat. Ich mochte auch die Geschmacksnote, die das Spirulina dabei mit einbrachte, aber eine so wahnsinnige Verbesserung, daß ich das nicht auch ohne Spirulina essen würde, war es dann auch wieder nicht. Dazu gab es noch Rahmchampignons, das hat auch sehr gut dazu gepaßt.

Nachdem das am Samstag unser leckeres Abendessen war, hat mein Mann danach noch zwei Tage alleine daran gegessen. Der Sättigungswert war also auch nicht zu unterschätzen.

Aber von dem Spirulina-Zeug reichte ein einziger Teelöffel, und jeden Tag kann ich das ja auch nicht kochen. Wenn ich das Zeug in dem Tempo weiterverbrauche, nimmt es mir noch nächstes Jahr unnötig Platz weg. Ich habe geradezu verzweifelt nach anderen Verwendungsmöglichkeiten gesucht, aber etwas anderes, das mich gereizt hätte, als dieses Aioli, habe ich einfach nicht gefunden. Das Problem ist, daß es alles so intensiv grün (und manches offenbar auch blau) einfärbt. Mein erster Test war mit einem Keto-Mikrowellenbrötchen. Geschmacklich war das durchaus in Ordnung, aber so richtig kann ich mich für intensivgrüne Brötchen doch nicht begeistern …

So, jetzt aber zurück zur Antikörpertherapie, die bei mir gestern endlich begonnen hat, und damit zu meinen ersten Eindrücken von dem neuen Chemo-Cocktail, den ich gestern genossen habe. Wie bereits erwähnt, er war mit mehr Flüssigkeit verbunden und meine Sitzung dauerte auch erheblich länger. Ich bin morgens um 8 eingelaufen – der vorher geplante Arzttermin fiel leider aus, dem Doc war etwas dazwischengekommen, aber kein Wunder, denn Dienstag ist bei ihm OP-Tag – und war erst kurz vor 15 Uhr fertig. Das hatte auch damit zu tun, daß die Chemo-Schwester so häufig umstöpseln mußte und natürlich jedes Mal nach dem Durchlaufen der Infusion etwas Zeit – manchmal auch relativ viel Zeit – vergangen ist, bis sie dazu kam.

Ich bekam folgendes in, falls ich mich richtig erinnere, folgender Reihenfolge:

  •  Erst was zum Durchspülen des Ports
  •  Dann Kochsalzlösung
  •  Ein Antiallergikum, dessen Namen ich mir hätte notieren sollen, es klang ähnlich wie Fentanyl, aber das kann natürlich nicht sein. Davon wurde es mir kalt und ich wurde ein wenig müde, aber nicht so sehr wie erwartet und angekündigt. Eigentlich hatte ich damit gerechnet, einfach einzuschlafen. Gegen die Kälte bat ich um eine zweite Decke. Nächstes Mal nehme ich mir aber wohl eine Strickjacke mit.
  • Kochsalzlösung 
  • Taxol, und zwar ziemlich viel davon, das dauerte am längsten.
  •  Kochsalzlösung
  •  Cisplatin. (Ich Depp. "Carboplatin", nicht "Cisplatin" (das es auch gibt, aber nicht für mich. Da war mein Hirn beim Schreiben wohl schon zu sehr auf Low Carb ... 😁) Das scheint recht häufig schon bei der Verabreichung Nebenwirkungen zu haben, denn die Chemoschwester sagte im Vorbeilaufen, als es schon fast durch war, ich würde das ja „phantastisch“ vertragen. Es fiel mir auf, weil das für sie doch eine ungewöhnlichere Wortwahl gewesen ist.
  •  Kochsalzlösung
  •  Trastuzumab
  •   Kochsalzlösung
  • Pertuzumab
  • Noch einmal eine ganze Flasche Kochsalzlösung. Dazwischen hatte ich immer bloß einen Schluck aus der Kochsalzlösungs-Pulle verabreicht bekommen.

Mit Ausnahme des Antiallergikums hat nichts während der Chemo irgendwelche Nebenwirkungen bei mir hervorgerufen, und für den Rest des angebrochenen Tages auch nicht – ich war im Gegenteil eher ein bißchen euphorisch, aber das betrachte ich als psychosomatisch, denn ich war mir ja nicht sicher gewesen, was für eine Reaktion auf den neuen Cocktail in meinem Fall zu erwarten wäre, und auch wenn man sich die ganze Zeit erzählt, man könne da optimistisch sein, es bleiben halt doch immer Restzweifel, und die haben sich nun erst einmal zerstreut. Heute morgen fühle ich mich total normal, nicht so extrem unnatürlich fit wie bei den ersten vier Zyklen immer am Tag nach der Chemo. 

Nebenwirkungen haben sich bislang noch gar keine eingestellt. Ob das jetzt so laufen wird wie bei der EC-Chemo, daß ich also ab morgen leichte Nebenwirkungen spüren werde, die dann bis Tag 7 immer stärker werden und danach wieder abklingen, bleibt aber weiterhin abzuwarten. Nebenwirkungsträchtig sind ja beide, Taxol und Cisplatin, während etwaige Nebenwirkungen der Antikörpermedikamente, die sich ja für meine gesunden Körperzellen überhaupt nicht interessieren, sondern nur für die Krebszellen, wohl mindestens dank der Gabe dieses Antiallergikums, das abrupten Spontanreaktionen bei der Erstverabreichung gut vorbeugen sollte, ansonsten eher in ca. vier Wochen oder noch später zu erwarten sein werden – falls sie überhaupt auftreten, was ich natürlich nicht hoffe, denn falls das so wäre, wäre mein Immunsystem, dem ja durch die Antikörpermedikamente die zu vernichtenden Ziele vorgegeben wurden, im Eifer des Gefechts zu enthusiastisch geworden und ginge vor lauter Kampfbereitschaft statt nur auf die "Feinde" auch auf "Freunde", also gesundes Gewebe, ungünstigenfalls in wichtigen Organen wie der Leber oder den Nieren, los. Ob Fasten und Low Carb dabei günstig oder ungünstig sind, darüber kann ich allenfalls spekulieren. Aber beides tut der Leber ja eigentlich gut, und für meine ungewöhnlich guten Nierenwerte bekam ich von meinem Hausarzt sogar ein Extrakompliment, also hoffe ich, daß ich speziell bei diesen kritischen Baustellen, die ich besonders beunruhigend fände, relativ sicher bin. Gut außerdem, daß schwerwiegende Nebenwirkungen durch Überschußreaktionen des Immunsystems nicht gar so häufig passieren. Studien entnehme ich, daß es leichtere Reaktionen schon ziemlich häufig gibt, allerdings ist mir da nicht ganz klar, wie das überhaupt sicher Trastuzumab und Pertuzumab zugeordnet wurde, denn vieles unter den leichteren Immunreaktionen, wie etwa der besonders häufige Durchfall, zählt ja auch zu den Nebenwirkungen von Taxol und Cisplatin.

Ich werde natürlich weiter berichten, denn gerade die Wirkung der Antikörpertherapie in Kombination mit Taxol und Cisplatin findet man im Web kaum beschrieben, und dort, wo es der Fall ist - etwa in Fachtexten - steht fast nie, wie man sich den Verlauf der Nebenwirkungen während eines Zyklus vorzustellen hat. Daß jemand speziell diese Therapie eigenverantwortlich mit Fasten und Low Carb kombiniert, dürfte außerdem noch viel seltener sein. Ich nehme deshalb an, es gibt bestimmt Leute, für die meine Erfahrungen von Interesse sind, um für sich selbst eine vergleichbare Entscheidung abzuwägen - obwohl ich da natürlich immer dazusagen muß, daß die Wirkung bei jedem anders ausfallen kann, also das, was ich erlebe, für andere nicht unbedingt der richtige Maßstab sein muß.

Besonders gespannt bin ich natürlich, was für eine Wirkung die Antikörper auf meinen Tumor haben werden. Noch kann ich ihn ertasten, und daß ich mir schon nach gerade mal einem Tag eine Schrumpfung einbilde, ist vermutlich wirklich nur Einbildung. 

Das erinnert mich daran, daß ich ja letzte Woche wieder eine Mammographie hatte, leider wieder bei diesem Richard-David-Precht-Verschnitt, der genauso schnöselig von oben herab war wie beim letzten Mal und mir deshalb beim zweiten Zusammentreffen nicht sympathischer als beim ersten geworden ist. Der Tumor ist im Vergleich zum zweiten Zyklus wieder ein wenig geschrumpft und mißt jetzt an der breitesten Stelle 2,1 cm, allerdings konnte ich sehen, daß die anfangs elliptische Form sich schon verändert hat, da sind jetzt ein paar Dellen und Löcher drin. Die Zellgifte haben also ihre Wirkung gut genug getan, aber natürlich vermittelte der Schnösel - ohne das so auszusprechen - durch Gestik und Wortwahl (Mimik verbarg sich ja hinter der Maske), daß das eher ein unbefriedigendes Ergebnis sei. Das war letztes Mal auch schon so (Tumor längstes Maß damals 2,3 cm), aber als ich meinen Onkologen danach fragte, ob das jetzt, Noten ausgedrückt, einer Vier minus entspreche, lachte er nur und versicherte mir, wenn der Tumor schrumpft, egal wie wenig, sei das völlig in Ordnung, die Wirkung von EC sei - von gelegentlichen angenehmen Überraschungen abgesehen - fast nie so überwältigend wie die der Antikörper, ich sollte also einfach mal abwarten, was sich ab Januar tut.

Gut also, daß es jetzt Januar ist, denn darauf bin ich wirklich gespannt. Sorgen macht mir nur, daß sich der Schnösel geweigert hat, beim Termin letzte Woche schon den Titan-Clip zu setzen, und ich habe mir vorgenommen, sobald der Tumor für mich nicht mehr tastbar ist, bei meinem Doc anzuklopfen und ihn um Rat zu fragen. Da ich wegen der Terminverschiebung erst am 9.2. den neuen Termin bekommen habe, bin ich fast ein bißchen im Zwiespalt, ob ich es mir wirklich wünschen soll, daß der Moment, an dem ich den Tumor nicht mehr spüre, schon vor diesem Termin eintritt. Denn es wäre ja ärgerlich, wenn das mit dem Clip dann vielleicht gar nicht mehr gemacht werden könnte, weil der Tumor sich gänzlich in Wohlgefallen aufgelöst hat. 

Der Precht-Verschnitt lachte mich nur aus, als ich das ansprach, und meinte, das werden garantiert nicht passieren. Ich kann nur hoffen, daß er damit recht hatte.



 

Sonntag, 15. Januar 2023

Der Tritt in Hassos Hintern. Oder: Das lumpenpazifistische Immunsystem und die Immuntherapie

Mein Gewicht heute früh, zu Beginn des Fastenintervalls vor dem Start des ersten der vier Chemo-Antikörper-Zyklen: 91,2 Kilogramm - obwohl ich seit einer Woche wieder Low Carb esse. Das sind ungefähr drei Kilogramm mehr, als ich mir Anfang Dezember hätte vorstellen können. Ob es nun der Chemo geschuldet ist oder ist es das, was im Dezember immer passieren würde, wenn ich nur einen Fastentag die Woche habe? Keine Ahnung. Möglicherweise eine Kombination von beidem. 

Nein, ich werde jetzt nicht anfangen, zu lamentieren. Es wird aber höchste Zeit für das nächste Fastenintervall, also bin ich froh, daß ich heute damit begonnen habe. Außerdem denke ich darüber nach, wieder meinen normalen Fastenrhythmus aufzunehmen. Das entscheide ich aber nicht mit Blick auf meine Zunahme, sondern dafür sind andere Gründe relevant. Da ich jetzt wieder Low Carb esse, kann ich ja damit rechnen, daß der Gewichtsanstieg sich nicht weiter fortsetzen wird. Damit kann ich auch dann problemlos leben, falls ich mich gegen die Wiederaufnahme entscheiden sollte; es würde eben noch drei bis maximal vier Monate Verzögerung vor einem erneuten Angriff auf das Zielgewicht bedeuten. 

Wie ich mich entscheide, hängt deshalb von dem ab, was ich am Dienstag von meinem Arzt über die Wirkungszeiträume und -rhythmen der Antikörpertherapie erfahren werde. 

Bislang bekam ich bei der Chemo ja Zytostatika, die traditionellen Zellgifte, die unterschiedslos alle Zellen angegriffen haben (Epirubicin und Cyclophosphamid, dazu noch Paclitaxel). In den nächsten vier Zyklen bekomme ich neben Trastuzumab und Pertuzumab, bei denen es sich um monoklonale Antikörper handelt, wieder zwei Arten von Zellgiften (irgendein Taxan, möglicherweise wieder Paclitaxel, und Carboplatin). Aus den subjektiv erlebten Nebenwirkungen wie auch der Entwicklung bei den Blutwerten konnte ich ableiten, daß die Wirkung des Gifts ungefähr nach der Hälfte bis maximal zwei Dritteln der Chemotherapie nachgelassen hatte, also ihre Wirkung auf den Tumor wohl ebenso wie auf das gesunde Gewebe geringer wird oder ganz aufhört. 

Chemotherapiebegleitendes Fasten direkt um den Verabreichungszeitpunkt herum halte ich alleine schon wegen dieser Zellgifte weiterhin für sinnvoll, um die daraus entstehenden Nebenwirkungen zu bekämpfen.

Bei der Antikörpertherapie, dachte ich bislang, wäre die Wirkdauer ebenso wie bei den Zytostatika einzuschätzen, weil sie ja auch im selben Drei-Wochen-Rhythmus verabreicht wird.  Ins Grübeln brachte mich jetzt ein Video, das sogar schon relativ alt ist (von 2016): ein Vortrag des Erlanger Professors Andreas Mackensen - in ihm wird die Antikörpertherapie noch als "Immuntherapie" vorgestellt -, dem ich zu meinem Erstaunen unter anderem entnehmen konnte, daß mit dem Einsetzen der speziell durch die Antikörpertherapie ausgelösten Nebenwirkungen typischerweise erst nach vier Wochen oder später zu rechnen sei, manchmal sogar erst nach dem Ende der Therapie. Ob das in einschlägigen Studien bestätigt wird, habe ich mal recherchiert, und es scheint wirklich so zu sein. Das wirft dann aber natürlich auch die Frage auf, wie lange eigentlich die Wirkung der Antikörpertherapie auf den Tumor anhält. Denn sollte diese Wirkung über den gesamten Drei-Wochen-Zeitraum bis zur nächsten Verabreichung anhalten, sehe ich gute Gründe dafür, meinen gewohnten Fastenrhythmus schon jetzt wieder aufzunehmen. 

Das erinnert mich aber daran, daß ich nie so richtig ausführlich erklärt habe, was mich im Herbst dazu bewogen hatte, das Fasten - mit Ausnahme der Intervalle direkt vor und nach der Chemotherapie - vorläufig auszusetzen. Das hole ich jetzt mal nach:  

Ob Fasten bei einer "klassischen" Chemotherapie nicht nur die gesunden Zellen schützt, sondern auch dem Tumor schadet, ist bislang ja - siehe diesen früheren Blogartikel - eine noch unbeantwortete Frage. Auf den ersten Blick scheint es nahezuliegen, da ja Fasten die Autophagie ankurbelt und dabei Zellschrott und beschädigte Zellen zerlegt werden. Allerdings gibt es auch Hinweise darauf, daß der Effekt bei bereits bestehenden Tumoren - jedenfalls solcher, die schon eine gewisse Größe erreicht haben - umgekehrt sein könnte:

Die Krebsforscher betrachten Autophagie schon seit Jahren als bedeutsam für ihr Fach. Das gilt zunächst im Hinblick auf die Tumorgenese. Lange Zeit galt Autophagie als tumorsuppressives Prinzip im Körper, weil die Tumorentwicklung mit dem Verlust der Fähigkeit von Zellen zur Autophagie verknüpft war. Autophagie-defiziente Mäuse entwickeln zum Beispiel vermehrt spontan Tumoren (2).

Offenbar gilt dies aber vor allem für die frühen Phasen der Tumorentstehung. Bei weiterentwickelten Malignomen erlaubt eine funktionierende Autophagie den Krebszellen selbst nämlich höhere Überlebenschancen. (3). Deshalb erforschen Wissenschaftler gerade in jüngster Zeit, wie sich Autophagie-Prozesse nutzen lassen, um die Krebstherapie zu verbessern, vor allem, um Therapieresistenzen zu überwinden.

Denn insbesondere unter ungünstigen Bedingungen, etwa in einer Umgebung, wo die Nährstoffzufuhr vermindert ist oder widrige Umstände die Tumorzellen unter Stress setzen, hilft Autophagie. Man spricht sogar vom „programmierten Überleben“ oder „programed survival“ durch Autophagie. Geschädigte Organellen werden aus dem Zytoplasma entfernt, Basiskomponenten für neue Moleküle stehen dann wieder bereit. Dies unterstützt die Krebszellen dabei, selbst aggressiven Behandlungen zu widerstehen.

Schöner Scheiß, oder? Heißt das nun, Fasten schützt gar nicht vor Krebs, sondern ist im  Gegenteil so etwas ähnliches wie "das neue Rauchen"? Kann Fasten, statt einen vor Krebs zu bewahren, also im Gegenteil Krebs auslösen? Aber gemach. Daß die Autophagie-Wirkung auf Krebszellen bzw. frühe Krebsstadien als gesundheitlich vorteilhaft angeommen werden kann, wird ja auch in diesem Bericht nicht bestritten. Das läuft also auf eine sehr gemischte Botschaft mit vielen Wenns und Abers hinaus. 

Ich kann beispielsweise nicht ausschließen, daß ich das Gedeihen meines Tumors - von dem Zeitpunkt an, ab dem er bestanden hatte - durch das Intervallfasten versehentlich gefördert habe. Gleichzeitig ist aber kaum anzunehmen, daß das Fasten dessen Entstehung selbst (mit-)ausgelöst hat. Klar ist aber ebenso: Würde Fasten vor dem Entstehen von Krebs schützen, hätte ich jetzt keinen Krebs. Es hat die Entstehung bei mir in jedem Fall nicht verhindert, aus welchen Gründen auch immer. (Am ehesten könnte ich mir vorstellen, daß irgendeine blöde Verkettung von Umständen - ich bin mir fast sicher, daß irgendeine Infektion dabei mit eine Rolle gespielt haben müßte - für einen Mikrotumor - wie ihn jeder vielfach in sich hat - eine günstige Gelegenheit hervorgerufen hatte. Bis die günstigen Bedingungen vorbei waren, hatte er die "kritische Masse" überschritten, und dann hatte ich den Salat.)

Wie jemand, der sich vor Krebs bestmöglich schützen will, nun in Sachen Fasten vorgehen sollte, ist also auf Basis dieser Informationen gar nicht so leicht zu sagen, denn was auch immer man tut, es kann sich als verkehrt erweisen oder umgekehrt goldrichtig sein - oder vielleicht auch gar keinen Einfluß haben. Und das Fiese daran ist: Ob man das Richtige getan hat, läßt sich nie sicher sagen. Es kann sein, daß ich ohne das Fasten bis heute keinen Tumor in diagnostizierbarer Größe hätte. Genausogut ist es aber auch möglich, daß ich ohne Fasten schon längst Metastasen entwickelt hätte. Es ist sogar möglich, daß beides zugleich zutrifft - oder keines von beidem. So ist das leider mit komplexen Systemen, auch wenn ich, wie jeder andere auch, am liebsten eine griffige einfache Formel à la "Krebszellen mögen keine Himbeeren" bekommen würde, an die man sich halten kann.

Bestimmt keinen Fehler macht man aber, falls man so oder so fasten will, wenn man sich dann entscheidet, vor dem Beginn des Fastens seine Möglichkeiten zu nutzen, um einen bereits bestehenden Krebs schon im Vorfeld auszuschließen. Solange man das Fasten weiterbetreibt, halte ich es außerdem für sinnvoll, bestehende Früherkennungsangebote zu nutzen - auch das Brustkrebs-Screening, von dem ich ja bekanntlich an sich kein so großer Freund bin. Aber ich bin plausiblen Begründungen durchaus zugänglich und kann meine Meinung dann ändern bzw. im vorliegenden Fall modifizieren. Auch wenn ich weiterhin überzeugt davon bin, daß ich nur mit unwahrscheinlichem Dusel selbst einen Nutzen davon gehabt hätte, falls ich das Screening in Anspruch genommen hätte: Da es möglich ist, daß Fasten das Tumorwachstum beschleunigen kann, sobald sich durch welche anderen Umstände auch immer ein Tumor mit "kritischer Masse" gebildet hat, scheint es mir allemal vernünftiger, sich gelegentlich zu vergewissern, ob da vielleicht wirklich etwas passiert ist. Dazu müßte man wissen, daß etwas passieren kann. Mir war es nicht bekannt, ich kannte nur die übliche Nullachtfünfzehn-Propaganda der Krebsvorsorge, und gegen sie gibt es sehr vernünftige Gegenargumente, deren Stichhaltigkeit ich weiterhin nicht in Zweifel ziehe.

Die Frage, die sich Anfang Oktober nach der Diagnose für mich daraus zwangsläufig ergeben hat, lautete natürlich, ob ich das Fasten womöglich ganz einstellen sollte, solange der Tumor sich in mir befindet. Andererseits verringert Fasten mit hoher Wahrscheinlichkeit die Chemo-Nebenwirkungen. Außerdem kann dem Tumor zu dem Zeitpunkt der Chemo-Gabe Fasten in keinem Fall etwas nützen, weil die Zytostatika gerade dann, falls sich der Tumor durch das Fasten zum Wachsen angeregt fühlen sollte, einen Schaden für mich verhindern würden, weil sie dann am Tumor größeren Schaden anrichten könnten als ohne das Fasten - es bliebe schlechtestenfalls ein Nullsummenspiel. Aus dieser Überlegung heraus habe ich das Fasten bislang auf die Tage vor und nach der Chemo-Infusion beschränkt, weil es genau dann wahrscheinlich einen Nutzen bringt, aber andererseits auch nicht schaden kann. Dieses Kalkül, scheint mir, ist auch aufgegangen, denn ich hatte in der Tat sehr überschaubare Nebenwirkungen und der Tumor hat sich ausweislich der Mammographie nicht vergrößert, sondern verkleinert.

Bei der Antikörpertherapie gibt es aber Gründe für die Annahme, daß Fasten, gewissermaßen "über die Bande gespielt", auch für den Tumor selbst schädlich ist, und zwar wegen der Wirkung des Fastens auf das Immunsystem. Fasten macht das Immunsystem aktiver. Eine Antikörpertherapie macht Krebszellen für das Immunsystem erkennbar, ohne aber auf das Immunsystem direkt einzuwirken. Beide Wirkungen zusammengenommen sollten also ein besseres Ergebnis erbringen können als eine von beiden alleine.  Das erscheint mir - bei allen Fragezeichen - erneut vielversprechend genug, um es auszuprobieren, falls mein Doc mir tatsächlich bestätigt, daß die Wirkung von Trastuzumab und Pertuzumab voraussichtlich über den gesamten Drei-Wochen-Zeitraum eines Zyklus anhält und nicht etwa nach der Hälfte der Zeit aufhört. (Im anderen Fall gäbe es, meine ich, über das Fasten um die Chemo herum hinaus dann noch die Option, die Fastenintervalle dann eben nur für die erste Hälfte des Zyklus einzuplanen.)

Wie ich tatsächlich vorgehe, entscheide ich entweder am Dienstag nach dem Arztgespräch oder bis spätestens am Mittwoch - denn falls ich meinen normalen Fastenrhythmus wieder aufnehmen sollte, werde ich das chemobegleitende Fasten lieber wieder auf vier Tage verkürzen, damit es nicht gar zu viele Fastentage im Monat werden.

***

Zu der Sache mit den echten Immuntherapien im Gegensatz zu den von vielen lange Zeit auch als "Immuntherapie" bezeichneten Antikörpertherapien noch etwas, was mich aufhorchen ließ: Peter Attia hat einen interessanten Artikel über eine der ganz neuen mRNA-Immuntherapien gegen Krebs geschrieben - er bezeichnet sie als Impfung, erwähnt aber auch, daß sie nicht als Prävention, sondern zur Behandlung von Krebserkrankungen gedacht sind. Die Bezeichnung Impfung verwendet er deshalb, weil die Wirkung dieser Art von Behandlung der Wirkung einer Impfung ähnlich ist. 

Auch die Tagesschau berichtete übrigens über dieselbe Meldung. 

Neulich habe ich, glaube ich jedenfalls, erwähnt, daß Biontech an so etwas forscht. Inzwischen geht schon durch die Medien, daß in Großbritannien ab September 2023 (richtig, noch im laufenden Jahr) die ersten Tests an Patienten starten sollen. Bei Attia erfuhr ich nun, daß mit Moderna noch ein zweites der Pharmaunternehmen, die Corona-Impfstoffe entwickelt hatten, an derselben Sache dran ist. Moderna befindet sich aber schon mittendrin in einem solchen Test, also kein Wunder, daß Biontech es so eilig hat, möglichst bald auch damit zu beginnen.

Der Impfstoff von Moderna trägt den aparten Namen "mRNA-4157/V940" (ob er auch auf "R2D2" hören würde?) und wurde an Patienten mit Melanom im fortgeschrittenen Stadium (Stadium 3 und 4) in Kombination mit der zum aktuellen Behandlungsstandard gehörenden Antikörpertherapie Pembrolizumab angewandt. Nach Angaben des Unternehmens war das sehr erfolgreich: Im Vergleich zur Kontrollgruppe, die nur Pembrolizumab erhalten hatte, war nach einem Jahr das Risiko eines Rezidivs, also des erneuten Wiederauftretens des Melanoms, oder des Tods des Patienten (unabhängig von der konkreten Todesursache) um 44 Prozent geringer gewesen, obwohl die als "serious", also "ernsthaft", bezeichneten Nebenwirkungen häufiger waren (14,4 % vs. 10 %).

Was das konkret für eine Zahl an redizivfreien Überlebenden nach einem Jahr bedeutet, wird nicht erwähnt. Also habe ich mal recherchiert, wie die Überlebensraten bei der Kontrollgruppen-Behandlung mit Pembrolizumab eigentlich für Patienten dieses Stadiums typischerweise aussehen, und fand hier eine rezidivfreie Überlebensrate nach einem Jahr von immerhin 74 Prozent - im Vergleich zu den 59 Prozent der vorherigen Standardtherapie also auch bereits ein deutlicher Fortschritt. Bei Pembrolizumab alleine gehe ich auf Basis dieser von mir recherchierten Studie also auch mal in der neuen davon aus, daß ungefähr 25 Prozent der Patienten im Laufe eines Jahres ein Rezidiv hatten und/oder verstorben sind. In Kombination mit dem Impfstoff dürften es, wenn es 44 Prozent weniger gewesen sind, also noch ungefähr 15 Prozent solche Fälle gewesen sein, während ca. 85 Prozent weder das eine noch das andere erleben mußten. 

Das wäre schon ein Unterschied, der gerade in der Behandlung von Krebs in einem späten Stadium beachtlich ist. 

Pembrolizumab ist, wie bereits erwähnt, ein sogenannter monoklonaler Antikörper, ebenso wie das Zeug, das ich ab nächster Woche bekomme (Trastuzumab und Pertuzumab). Diese Medikamente wirken, indem sie die Krebszellen gewissermaßen als Feind markieren und sie damit für das Immunsystem als solchen erkennbar machen. Der neu entwickelte Impfstoff geht im Vergleich dazu umgekehrt vor: Er zielt auf das Immunsystem und buchstabiert ihm gewissermaßen vor, wie sein zu bekämpfender Feind aussieht - nämlich genau so wie diese gleichzeitig durch die Antikörper markierten Zellen. Offenbar wirkt diese Kombination deshalb so gut, weil sie den Krebszellen, die sich ja von einem an Krebs Erkrankten zum nächsten so stark voneinander unterscheiden können, daß auch die Therapien eigentlich für jeden Patienten individualisiert werden müßten, ein gemeinsames gleiches Merkmal verleiht - und dann sagt man zum Immunsystem mittels des Impfstoffs: "Hasso, faß!" Das scheint das Immunsystem bei dem Teil der Patienten ausreichend auf Trab zu bringen, die von alleine nicht auf das "Kainszeichen" der Tumorzellen reagierten.

Die Gründe, warum das Markieren der Tumorzellen alleine bei einem Teil der Patienten nicht ausreicht, um das Immunsystem zu aktivieren, sind einstweilen noch nicht bekannt, und wie lange es dauern könnte, bis hierfür eine Erklärung und darauf basierende Lösungsmöglichkeiten gefunden wird, steht noch in den Sternen. Ob das vielleicht auch in Zusammenhang steht mit einem in Mitleidenschaft gezogenen Stoffwechsel und dem daranhängenden Rattenschwanzr aus Adipositas, Diabetes und den damit in Verbindung stehenden Krankheiten? Einstweilen ist es jedenfalls eine klare Verbesserung, wenn man mittels mRNA-Impfung dem Immunsystem parallel zur Feindmarkierung des Tumors einen kräftigen Tritt in den Hintern geben und es damit zwar nicht in allen, aber doch jedenfalls in vielen Fällen ausreichend auf Trab bringen kann.

Aber daß es das gibt, das spielte bei meinen Überlegungen bezüglich des Fastens eine Rolle. Auch wenn die Kombination Trastuzumab+Pertuzumab in der bei mir vorliegenden Konstellation eine deutlich höhere Erfolgsrate hat, als sie bei einem fortgeschrittenen Melanom mit Pembrolizumab zu erwarten wäre: Ich habe ja trotzdem keine Ahnung, ob mein Immunsystem kämpferisch auf einen neu entdeckten Feind reagieren wird oder sich doch eher als von der lumpenpazifistischen Sorte erweisen wird. Aber egal, welcher der beiden Fälle vorliegt: Einiges spricht dafür, daß man den Kampfgeist seines Immunsystems durch Fasten verbessern kann, und so bin ich motiviert, es so häufig wie möglich in Kampfstimmung zu bringen, falls ich nicht doch noch einen guten Grund entdeckten sollte, es lieber doch bleiben zu lassen.

Wie Peter Attia zögere ich ein bißchen, diese Pressemitteilung des Herstellers zu sehr zu bejubeln, weil ich es schon ein bißchen eigenartig finde, daß eine solche Nachricht erfolgte, noch bevor man die zugehörige Studie vorzuweisen hatte. Der Teufel steckt ja immer im Detail. Kommt die Ernüchterung also vielleicht doch noch, wenn die Studie erst einmal vorliegt? Oder hat diese unziemliche Eile vor allem etwas damit zu tun, daß ja noch mindestens ein weiteres Pharmaunternehmen, Biontech, auch schon in dem Entwicklungsstadium angelangt ist, in dem Studien an Patienten durchgeführt werden können? Wollte man unbedingt einen Erfolg vorweisen können, noch bevor die Konkurrenz überhaupt angefangen hatte? Wenn ja, hätte Moderna wohl wenig davon, zu tricksen, um einen Erfolg nur vorzutäuschen, denn bestimmt forschen schon längst weitere Unternehmen an dieser Art von Wirkstoffen für Therapien gegen Krebs, und damit ist nicht zu erwarten, daß faule Tricks Moderna besonders viel nützen könnten. Das alles spricht auch aus meiner Sicht für den "vorsichtigen Optimismus", der auch Peter Attias Fazit gewesen ist.