Dienstag, 15. September 2020

Die aktuellsten Corona-Rätsel

Mein Gewicht heute früh nach dem ersten Fastentag der Woche von vier aufeinanderfolgenden: 97,9 Kilogramm. Endlich mal wieder ein auf der Waage sichtbarer Fortschritt: Nach dem ersten Fastentag hatte ich noch nie weniger als 98 Kilogramm, das söhnt mich damit aus, daß ich übers Wochenende doch wieder über 100 gewesen bin. So darf es also gerne weitergehen, und am Freitag möchte ich dann bitte ein neues Allzeit-Tief sehen ... und anschließend nie wieder die 100, wenn sich das nun endlich einrichten läßt.

Der Brötchengeber meines Mannes hat es wieder einmal - und nicht zum ersten Mal - geschafft, meine ganze Fastenplanung über den Haufen zu werfen: Ab dieser Woche arbeitet mein Mann vier Wochen am Stück Spätschicht und anschließend vier Wochen Nachtschicht. Deshalb habe ich mich entschieden, meine nächste Woche mit vier Fastentagen um eine Woche vorzuverlegen, damit sie in seiner letzten Spätschichtwoche und nicht in seiner ersten Nachtschichtwoche stattfindet. Da aber noch unklar ist, wie es nach der Nachtschicht weitergeht, bin ich mir auch noch nicht sicher, wie ich dann mit meinen langen Fastenwochen weitermache, aber im November will ich das an sich auf alle Fälle noch zwei weitere Male machen. Ich möchte nächstes Jahr um diese Zeit als "Vorher-Wert" die 90 Kilogramm unterschritten haben, und dafür kann ich keinen Herbst-Anstieg meines Gewichts gebrauchen, wie er bislang jedes Jahr stattgefunden hat. Hiermit schleudere ich also meinen Bärengenen den Fehdehandschuh hin.

Dieser Laden, in dem mein Mann arbeitet, geht mir echt auf den Keks. Erst wurde ewig darüber nachgedacht, die sommerliche Betriebsschließung ausfallen zu lassen, was ja angesichts der Corona-Lage echt sinnvoll gewesen wäre, eine Menge Mitarbeiter haben sich ohnehin nicht in (Heimat-)Urlaub getraut, weil sie sonst in Risikogebiete hätten fahren müssen. Dann wurde das trotz hoher Auslastung verworfen, und stattdessen fangen sie jetzt wieder mit diesem Nachtschicht-Mist an. Bis gestern früh war außerdem noch unklar, ob mein Mann vielleicht statt Spätschicht in Quarantäne muß, weil der Arbeitskollege, mit dem er am engsten zusammenarbeitet, letzte Woche einen Coronatest hatte. Er ist aber zum Glück negativ ausgefallen. 

Mein Mann sagte, sämtliche Konkurrenzfirmen seien nach wie vor in Kurzarbeit. Irgendwas muß sein Arbeitgeber wohl richtiger als andere im gleichen Bereich gemacht haben, da er so viele Aufträge hat, daß er vorübergehend Nachtschichten einführen muß, und das sollte man wohl auch würdigen. Trotzdem geht mir dieses Unorganisierte dort auf die Nerven. 

Nun zu Corona:

Es hat ganz schön gedauert, bis ich auf den ersten ernstzunehmenden Medienbericht zu einer Sache gestoßen bin, die mir schon seit etwa einem Monat auffällt: Die zweite Corona-Welle ist offenbar längst nicht so tödlich wie die erste. Im Verhältnis zu den Infektionszahlen haben sogar die USA mich überrascht. Dort sind zwar in den letzten beiden Monaten im Durchschnitt täglich ca. 900 Menschen an Corona gestorben und heute oder morgen wird die Gesamtzahl der Corona-Todesfälle dort 200.000 übersteigen, aber gemessen an den irrsinnig hohen Infektionszahlen ist das trotz allem deutlich weniger als bei der ersten Welle. Auch in Deutschland bleibt die Zahl der Todesfälle trotz des Anstiegs seit ca. sechs Wochen überraschend niedrig, und auch die Intensivstationen füllen sich offenbar nicht.

Phoenix interviewte am Wochenende einen Experten dazu. Dabei hatte ich den Eindruck, der Interviewer hätte unheimlich gerne gehört, daß dies an einer Mutation des Virus liege, jedenfalls ritt er auf dieser dritten von drei genannten Möglichkeiten - die der Experte dafür ganz unmißverständlich nicht verantwortlich machen wollte - so lange herum, bis ich so genervt war, daß ich vorzeitig abschaltete, auf die Gefahr hin, in den letzten paar Minuten zu verpassen, daß das Gespräch doch wieder interessant wurde.

Die beiden anderen angesprochenen Erklärungsmöglichkeiten waren:

1) Solange nur Menschen mit Krankheitssymptomen getestet wurden, waren die Fälle im Durchschnitt schwerwiegender, mittlerweile werden viele getestet, die symptomfrei sind.

2) Die Behandlung ist besser geworden.

Beides ist nach Expertenmeinung aber nur für einen Teil, nicht für das Gesamtphänomen verantwortlich. Es werden in der Tat mehr Personen mit mildem oder symptomfreien Infektionsverlauf getestet. Und die Behandlung sei tatsächlich besser geworden, insbesondere der Einsatz von Remdesivir in einem frühen Erkrankungsstadium habe mit Sicherheit viele schwerwiegende Krankheitsverläufe verhindern können. Aber das erkläre das Phänomen nicht insgesamt. Eine Mutation des Virus wiederum könne zwar in lokalem Ausbruchsgeschehen beobachtet werden, aber nicht flächendeckend. 

Das ergibt aus meiner Sicht auch deshalb einen Sinn, weil diese spezielle weniger gefährliche Mutation dann ja unheimlich flott in zahlreichen Ländern auf der ganzen Welt das ursprüngliche Virus verdrängt haben müßte, in denen überall die Todesfälle in der zweiten Welle nicht mehr so häufig waren wie in der ersten. Viren sind instabil und mutieren ziemlich schnell, also sind vermutlich schon eine Menge veränderte Versionen im Umlauf, aber daß die alle ungefährlicher als das Original sind, wäre schon ein sonderbarer Zufall. Mutationen können es ja auch gefährlicher machen. 

Trotz all meiner Reserviertheit gegenüber Experten bin ich geneigt, ihm in dieser Frage recht zu geben. 

Irritierend fand ich es aber, daß die Frage, welche vierte oder weitere Erklärung die im Interview angesprochene Lücke dann schließen kann. Es gäbe noch mehrere für mich denkbare Möglichkeiten (und vermutlich auch noch einige weitere, auf die ich selbst nicht gekommen bin):

  • Die Schwere der Erkrankung könnte von der Höhe der Virenlast abhängen; Sommer, Hitze, mehr Aufenthalt im Freien, aber auch Masken und weitere Schutzmaßnahmen verringern im durchschnittlichen Infektionsfall die Menge an Viren, die ein Erkrankter aufnimmt, was die Infektion dann vielleicht leichter verlaufen läßt.
  • Auch Personen, bei denen keine Antikörper nachgewiesen wurden, könnten in Berührung mit dem Virus gekommen sein und deren Abwehr hat sich darauf eingestellt.
  • Es ist mittlerweile gelungen, Risikogruppen besser abzuschirmen.

Der letztere Punkt scheint mir am unwahrscheinlichsten. So etwas würde kaum in allen Ländern klappen, in denen diese geringere Todesfallrate im Verhältnis zu den Infektionen festgestellt werden kann. Wenn es bei der ersten Welle praktisch nirgends gelungen ist, das Virus von den Pflegeheimen fernzuhalten, und das in den meisten Ländern trotz strengerer Lockdowns als bei uns, wie sollte es jetzt besser möglich geworden sein? Auch Pflegekräfte gehen mal essen oder besuchen Freunde, während des Lockdowns taten sie das weniger als jetzt. 

Am ersten Punkt habe ich deshalb gewisse Zweifel, weil Indien gerade keinen Winter, aber dennoch rapide steigende Infektionszahlen aufweist und auch in Ländern wie Mexiko oder Brasilien warmes Wetter sein sollte. Einen Zusammenhang zwischen Sommer und sinkenden Infektionszahlen erkenne ich deshalb nicht so recht.

Mir fiel aber beim Sichten der internationalen Daten bei Wordometers noch etwas Interessantes auf, das den zweiten Punkt stützen könnte. Es gibt nämlich ein paar Länder, bei denen das Kunststück "Mehr Infizierte - weniger Tote in der zweiten Welle" nicht funktioniert zu haben scheint, etwa Israel. Die Besonderheit dabei ist, daß Israel bei der ersten Welle besonders gut weggekommen war. In Tschechien, das ebenfalls im Frühjahr verblüffend besser dastand als die meisten anderen europäischen Länder, zeichnet sich gerade - in den ersten Anfängen - vermutlich dasselbe ab. Könnte es also sein, daß der Schweizer Immunologe im Ruhestand Beda M. Stadler doch in gewisser Hinsicht recht hat mit seiner Behauptung, es gäbe eine Art Grundimmunität in der Bevölkerung? Woher auch immer die stammen mag, ob von Erkältungsviren oder einem niedrigschwelligen Kontakt mit Corona. 

Ich habe Stadler bislang nicht so ernst genommen, weil das Umfeld, in dem er seine Thesen äußert, nicht sonderlich seriös ist. Und wenn es so eine Grundimmunität von vornherein gegeben haben sollte, wie er meint, leuchtet mir auch nicht ein, warum die zweite Welle harmloser ausfällt. Man kann ja kaum behaupten, daß die erste Welle alle Risikogruppen so konsequent dahingerafft habe, daß jetzt nur noch die ohne größere Risiken übriggeblieben seien und dies die gesuchte Erklärung sein könne. Dafür sind die Todesfallzahlen - gemessen an der Bevölkerungszahl - in der ersten Welle doch erheblich zu unterschiedlich in verschiedenen Ländern ausgefallen, und daß ausgerechnet Deutschland mit seinem hohen Anteil alter und sehr alter Menschen dabei ziemlich glimpflich davongekommen ist und bislang auch in der zweiten Welle keinen größeren Anstieg bei den Todesfällen zu verzeichnen hat, spricht meiner Meinung nach gegen Stadlers Annahme. 

Irgendetwas ist jetzt - in den Ländern, in den die zweite Welle rollt - anders als bei der ersten, und vielleicht hat sich ja tatsächlich eine Teilimmunität verbreitet, die von den Antikörpertests nicht als coronaspezifisch registriert wird. Dort, wo besonders früh und besonders strikt reagiert wurde, hätte die sich dann vielleicht nicht verbreiten können.

Alles nur Spekulation, und vielleicht liege ich ja hoffnungslos daneben. Aber zumindest gebe ich mir Mühe, Erklärungen zu finden, die sich nicht auf ein Teilbild konzentrieren und dabei aber im Widerspruch zu anderen Teilen stehen, wie das andere Leute machen. Stadlers Erklärung, egal, was gegen sie spricht, hat aber immerhin den Vorzug, daß seine Prognose zum Verlauf der zweiten Welle bislang korrekt zu sein scheint, auch wenn er sie nicht für den Sommer, sondern erst für den Winter vorhergesagt hatte. Ob es im Winter dann eine dritte Welle geben und ob die dann vielleicht doch wieder schlimmer verlaufen wird, bleibt allerdings noch abzuwarten.

Daß man mit Adipositas zu den Risikogruppen gehört, liest man auch immer öfter, und ich nehme grundsätzlich schon an, daß da was dran ist. Der verlinkte Artikel weckt allerdings meinen Widerspruchsgeist. 

Ein Team um Scott Solomon vom Brigham and Women’s Hospital in Boston hat die Daten von 3.222 Erwachsenen im Alter von 18 bis 34 Jahren ausgewertet, die wegen COVID-19 stationär behandelt wurden ... Auffällig ist, dass 1/3 (36,8 %) der jungen Patienten adipös war. Jeder vierte hatte mit einem Body-Mass-Index von 40 oder mehr sogar eine morbide Adipositas. Trotz des jungen Alters hatten 18,2 % bereits einen Diabetes und 16,1 % eine arterielle Hypertonie.

Mal ganz blöd gefragt: Worin unterscheidet sich eigentlich ein Body-Mass-Index von 40 vor einer "morbiden Adipositas"? Ich würde nämlich sagen, das ist dasselbe. Was für Leute schreiben eigentlich die Artikel im Ärzteblatt, wenn sie das nicht wissen?

Ich lese aber auch heraus, daß fast zwei Drittel der jungen Patienten NICHT adipös waren, 75 Prozent KEINEN BMI von 40 oder mehr, mehr als 80 Prozent KEINEN Diabetes hatten und knapp 84 Prozent KEINE arterielle Hyptertonie. 

Insgesamt 41 % der Patienten, die mechanisch beatmet wurden oder an COVID-19 starben, hatten eine morbide Adipositas. ... Für die Hypertonie betrug die adjustierte Odds Ratio 2,36 (1,79 bis 3,12). Ein Typ-2-Diabetes erhöhte ebenfalls das Risiko, die adjustierte Odds Ratio von 1,31 (0,99 bis 1,73) verfehlte allerdings das Signifikanzniveau. ... Wenn 2 oder 3 Risikofaktoren (morbide Adipositas, Hypertonie und Diabetes) vorlagen, war das Risiko laut Solomon auf einen schweren Verlauf ebenso hoch wie bei Erwachsenen im Alter von 35 bis 64 Jahren ohne diese Risikofaktoren.

Hier gilt entsprechend dasselbe: 59 Prozent der beatmeten und/oder verstorbenen Patienten hatten KEINE morbide Adipositas, und bei Hypertonie und Diabetes lag der Anteil der nicht davon Betroffenen noch niedriger. 

Wenn ich die hier zitierte Studie im Volltext sichte, frage ich mich daneben, warum Beatmung und Tod hier in einen Topf geworfen wurden und im Kopf des Lesers - unbewußt - miteinander gleichgesetzt werden. Denn Todesfälle machten ausweislich der ersten Grafik nur ca. ein Viertel der Beatmungsfälle aus, und zwar auch bei den Fällen mit zwei oder drei Risikofaktoren gleichzeitig, und niemand kann so genau wissen, ob Personen, die von den Ärzten als Risikopatienten, etwa wegen Adipositas, eingestuft wurden, vielleicht sehr viel schneller eine Beatmung verordnet wurde als anderen. Was mir dabei auch zu denken gibt, ist, daß nach anderen Berichten insgesamt mehr als die Hälfte der Corona-Patienten, die beatmet werden mußten, verstorben sein sollen. Wie paßt das zusammen, daß das ausgerechnet bei den Risikogruppen so auffallend seltener passiert ist? Könnte es sein, daß diese Risikogruppen einfach von vornherein schneller intensivbehandelt wurden?

Worauf ich eigentlich hinauswill: 

Wenn mehr als die Hälfte der Beatmeten/Verstorbenen unter diesen jüngeren Patienten NICHT adipös war, müssen ja noch einer oder mehrere andere Faktoren bei einem schweren Krankheitsverlauf eine Rolle spielen. 

Ich finde den Gedanken beunruhigend, daß der Eindruck erweckt wird, man habe Ursachen herausgefunden, während man sich aber in Wirklichkeit nur, wie üblich, an Korrelationen festhält, die praktischerweise bewirken, daß der optische Eindruck ("Der da ist fett, also Risikopatient") und typische Routinedaten zur Einschätzung der Gefährdung verwendet werden. Ich nehme aber eher an, das erhöhte Risiko hängt mit einem bislang unbeachteten Faktor zusammen, der bei den drei aufgezählten Punkten ebenfalls eine Rolle spielt, aber auch ohne deren Vorliegen vorkommen kann. Dieser unbekannte Faktor ist es, der eigentlich wichtig ist, und ihn müßte man herausfinden - jedenfalls dann, wenn man es ernst damit meint, die Bevölkerungsgruppen mit erhöhtem Risiko auch unter jüngeren Leuten herausfinden und schützen zu wollen. Dieses ständige wichtigtuerische und sinnlose Nur-so-tun-als-Ob sollte in diesem Fall wirklich mal durch ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema ersetzt werden.

Am Rande bemerkt sei noch, daß ich ebenfalls immer noch, wenn man nach BMI geht, Adipositas habe; um da herauszurutschen, muß ich um die 87 Kilo erreichen, und bis ich da angekommen bin, das wird wohl noch ein Jahr (oder wenn ich Pech habe, noch länger) dauern. Ich zähle mich aber nicht zu den Corona-Risikogruppen. Aus zwei Gründen: Erstens rauche ich (und Raucher sind bemerkenswert stark unterrepräsentiert, was die Fachkreise sich nach Kräften bemühen, nicht allgemein bekannt werden zu lassen), und zweitens nehme ich an, der unbekannte Faktor x hat nichts mit dem erreichten Gewicht, sondern mit dem Prozeß des Zunehmens und den zugehörigen auslösenden bzw. ihn begleitenden hormonellen Faktoren zu tun. Ich fühle mich deshalb ziemlich sicher vor einer Erkrankung mit schwerem Verlauf, zumal ich im Vergleich zu vielen anderen wenig mit anderen Menschen zusammenkomme, also auch in weniger potentiellen Ansteckungssituationen bin. Bei mir läuft ja hormonell genau das Gegenteil ab, solange ich regelmäßig faste.



Montag, 7. September 2020

Hämmer, Nägel, Bücherkisten und Kleiderständer

Mein Gewicht heute früh nach einem Wochenende mit opulentem Essen und zu Beginn des heutigen Fastentags: 99,5 Kilogramm. So hatte ich mir den Vorher-Wert auch in etwa gewünscht, und ein bißchen habe ich tatsächlich aufgeatmet, als meine Waage ihn angezeigt hat. Das ständige Zurückbouncen auf Werte über 100 hatte langsam angefangen, mich paranoid werden zu lassen. Dabei merke ich doch immer wieder, wie sehr ich mich körperlich verändere. Heute vormittag war ich zum Beispiel für eine kurze Erledigung außer Haus. Ich habe nach längerer Zeit mal wieder meine rote Kunstlederjacke angezogen, weil es jetzt morgens doch ein bißchen frischer geworden ist, und festgestellt, daß sie über den Sommer angefangen hat, mir etwas zu weit zu werden. Noch kann ich sie tragen, aber nächstes Frühjahr sollte ich wohl nicht mehr mit ihr rechnen.

Aber das macht nichts; neues Gewicht, neue Kleider. Irgendwann diese Woche werde ich mir mal meine Sommerklamotten vornehmen und aussortieren, was ich schon diesen Sommer etwas zu groß fand - bei der Kunstlederjacke und manchen anderen Sachen warte ich aber noch bis zum Frühjahr. Gestern hatte ich aber zum Beispiel kurz ein T-Shirt an, dessen Größe ich nicht feststellen konnte, aber es war jedenfalls viel zu groß. Als ich dann auch noch ein kleines Loch bemerkte, flog es in den Müll.

Da werde ich einiges nicht fürs nächste Jahr aufzuheben brauchen. Ich hoffe aber sehr, daß wir nächstes Jahr wieder als Hausgemeinschaft am Flohmarkt teilnehmen können, und eigentlich fände ich es nett, einen Kleiderständer mit aufzubauen. Das hatte ich jahrelang nicht mehr, weil es sich nie gelohnt hat. Ich kaufe normalerweise vergleichsweise wenig Kleidung und die, die ich habe, trage ich bekanntlich so lange, bis sie nicht mehr weiterverkaufstauglich und außerdem längst aus der Mode ist. Aber in den letzten zwei Jahren sind meine Kleidergrößen so oft nach unten gegangen, daß unter den aussortierten Sachen doch die meisten noch in gutem Zustand und aktuell genug für einen Verkauf sind. Bei eBay ist das Verkaufen zwar einfacher, aber es fehlt der Spaßfaktor eines Flohmarkts. Noch dazu, wenn ich so einen schönen Blickfang haben sollte wie diese rote Kunstlederjacke. ;-)

Der flohmarktlose Corona-Sommer dieses Jahr hatte unter anderem zur Folge, daß die Zahl der Kisten vor anderer Leute Häuser mit der Aufschrift "Zu verschenken" drastisch zugenommen hat. Ich mag diese relativ neue Sitte, die in den letzten vier, fünf Jahren um sich gegriffen hat, obwohl es auch kleinkarierte Seelen gibt, die sich von dem "unordentlichen" Anblick belästigt fühlen und darüber meckern. Trotz meiner Flohmarktambitionen stelle ich auch selbst nach dem Ausmisten solche Kisten vors Haus - voller Dinge, bei denen ich mir nicht vorstellen kann, daß ich sie an einem Flohmarktstand verkaufen werde, die aber dennoch gebrauchsfähig sind -, weil ich so einen Aber davor habe, Dinge wegzuwerfen, die vielleicht jemand anders noch gebrauchen kann, der sich darüber freut, sie kostenlos am Wegesrand aufsammeln zu können. Es hat außerdem etwas Subversives in unserer Gesellschaft, in der alles darauf zugeschnitten ist, daß irgendjemand Geld daran verdient. 

Es gibt zwar einige Möglichkeiten, Dinge übers Internet zu verschenken, aber mit denen habe ich keine sonderlich guten Erfahrungen gemacht. Es ist schon etwas Wahres an der Beobachtung, daß Dinge, die nichts kosten, behandelt werden, als wären sie nichts wert, und das überträgt sich auch auf die Leute, die diese Dinge zu verschenken versuchen, die werden dann ebenso behandelt. Das muß ich mir nicht geben. Aber das ist ja noch lange kein Grund, gebrauchsfähige Dinge in den Müll zu werfen, wenn ich sie selbst nicht mehr gebrauchen kann. Ich muß halt regelmäßig alle ein, zwei Tage nachschauen und den Müll, den irgendwelche Idioten in meine Verschenkkiste geworfen haben, entsorgen. Und was nicht spätestens nach einer Woche mitgenommen wurde, das landet am Ende dann halt doch im Müll.

Genaugenommen bilde ich mir sogar ein, daß niemand anders als meine Wenigkeit es war, die mit diesen Verschenkkisten angefangen hat. Daß ich meine erste aussortierte Kiste Bücher vors Haus gestellt habe, muß deutlich mehr als zehn Jahre her sein, und damals machte so etwas noch kein Mensch. Ich fing damit an, weil ich der Menge an Büchern in meinem Haushalt nicht mehr Herr wurde und einen Teil aussortierte, es aber für Barbarei hielt, Bücher in die Altpapiertonne zu werfen. So kam ich auf die Idee, sie vors Haus zu stellen, und tatsächlich waren sie nach zwei Tagen alle weg.

Ich habe auch keine Hemmungen, mich aus solchen Kisten vor anderen Häusern zu bedienen, wenn ich darin etwas sehe, das ich selbst noch gebrauchen kann. Besonders häufig enthalten diese Kisten auch bei anderen Leuten Bücher, und aus solchen Kisten nehme ich auch eine Art von Büchern mit, für die ich nie im Leben Geld ausgeben würde, nämlich Ratgeber zum Abnehmen. Früher, als ich noch Rat benötigt hätte, hätte ich so etwas nicht gelesen, weil ich nicht daran geglaubt hätte, daß irgendetwas in solchen Büchern mir hilft. Nun, da ich keinen Rat mehr benötige, interessiert mich, was mir alles auf diese Weise entgangen ist, das bei anderen Übergewichtigen gewissermaßen zum abnehmtechnischen Kulturgut gehört. Irgendwann finde ich auf diese Weise hoffentlich auch noch ein Buch über die berüchtigte Kohlsuppendiät und kann mich schlau machen, was für eine Theorie dahinter steckte.

Drei dieser Art von Büchern liegen in meinem Regal der ungelesenen Bücher (zusammen mit aktuell exakt 28 Büchern zu anderen Themen). Genauer gesagt, jetzt sind es nur noch zwei. Eines dieser Bücher habe ich nämlich gerade kurz überflogen, und es ist mir immerhin eine Rezension wert, die ich bezeichnen könnte: "Wie das mit dem Abnehmen bei den meisten Leuten NICHT funktioniert, Teil 147" (oder so ähnlich).

Die Rede ist dabei von Paul McKennas "Ich mach dich schlank!". McKenna ist Hyponotherapeut (nach Angaben des Verlag sogar einer der "weltweit führenden"), und das merkt man dem Aufbau seines Buches auch an mit den ständigen Wiederholungen der Grundaussagen. Die total unmotiviert an den verrücktesten Stellen dazwischengeschalteten "Testimonials" von angeblich erfolgreichen Kunden lassen mich hingegen an Werbeunterbrechungen von privaten Fernsehsendern denken. Das erste Buch von Jason Fung enthielt dergleichen allerdings auch, das war einer der Gründe, warum ich zunächst an dessen Seriosität zweifelte. Als Sahnehäubchen enthält das Buch auch noch eine CD, die anzuhören ich mir allerdings geschenkt habe, erstens, weil ich von vornherein weiß, daß ich auf Suggestionen ziemlich schlecht anspreche, und zweitens, weil es mir sowieso nichts helfen würde, wäre es anders, weil das Konzept sich nämlich als der erwartete Müll herausgestellt hat.

Die Kernthese von Paul McKenna lautet, daß Übergewicht sich durch Verhaltenssteuerung vermeiden bzw. wieder beseitigen läßt. Zentral dabei ist es, nur zu essen, wenn man Hunger hat, bestimmte Techniken anzuwenden, die dabei das Essen verlangsamen, und "emotionales Essen" zu vermeiden. Kalorien gezählt werden bei ihm nicht, Bewegung wird zwar als sinnvoll bezeichnet, aber ohne irgendwelche Sportprogramme zu empfehlen, es gibt auch keine Verbote bestimmter Lebensmittel. Er verbietet sogar geradezu, sich regelmäßig auf die Waage zu stellen. Daß man erfolgreich ist - und er behauptet, man werde unweigerlich Erfolg haben -, muß man mit subjektiven Mitteln feststellen.

Ein richtig beobachteter Faktor, den McKenna in seinem Buch aufgreift, daß Leute, die eine längere Diätkarriere hinter sich haben, praktisch pausenlos nur noch an Essen denken, was natürlich alle ihre Bemühungen um Gewichtsabnahme dramatisch erschwert. Ich könnte mir vorstellen, daß solche Leser von seinem Buch tatsächlich profitieren können, sofern die Hypnose-CD dies bei ihnen abstellen kann.

Das Problem ist hier wie bei allen Diätprogrammen: Das funktioniert, wo es funktioniert, bei den allermeisten nur vorübergehend. McKenna, das merkt man seinem ziemlich anspruchslosen Büchlein an, hat sich nicht tiefgreifender mit Ernährungswissenschaft befaßt und mit dem Thema des Buchs keine persönliche Erfahrung, nur diejenige, die er behauptet, durch seine Patienten erworben zu haben. Er scheint an etwas wie die "Weisheit des Körpers" oder irgendeinen vergleichbaren Schwurbel zu glauben. Übergewicht ist für ihn ausschließlich ein Kopfproblem. Auch die Tatsache, daß manche Leute intuitiv essen und dabei schlank bleiben, erklärt er sich im Rahmen dieses Denksystems: Wer schlank bleibt, der hat dieses Kopfproblem eben nicht.

Daß intuitiv essen und dabei nur an Essen zu denken, wenn man hungrig ist und sich nicht durch Wiegen verrückt zu machen, für sich alleine genommen aber nicht die Lösung der Probleme sein kann, dafür bin ich ja das beste Beispiel. Süßhunger, wie ihn mein Mann bis vor kurzem hatte, der leicht zwanghafte Züge hat, hatte ich nie. Ich war und bin der Meinung, daß ich mich eigentlich schon immer ziemlich normal ernährt habe. Fett geworden bin ich aber trotzdem. Ich bin zwar überzeugt davon, daß ich auf diese Weise wahrscheinlich langsamer zugenommen habe als wenn ich mich in eine dieser langwierigen Diätkarrieren gestürzt hätte, deren Folgen McKenna zu behandeln versucht, aber zugenommen habe ich eben doch, langsam, aber unaufhaltsam. 

Woran es bei McKennas Methode vor allem klemmt, ist eine falsche Prämisse. Denn das Kopfproblem kam ja bei denen, die es haben - und natürlich haben es viele - nicht aus dem Nichts, sondern von der Tatsache, daß sie Übergewicht entwickelt hatten, das sie dann nicht wieder loswerden konnten, jedenfalls nicht dauerhaft. Das aber ist kein Kopfproblem, sondern ein körperliches. Lösungen für körperliche Probleme verspricht der Autor von vornherein nicht, offenbar, weil er sie für gar nicht existent hält.

Aber McKennas Spezialität sind nun einmal Kopfprobleme bzw. das, was er selbst dafür hält - oder zu halten behauptet, denn vielleicht geht es ihm ja auch nur darum, den Markt mit den Themen zu bedienen, für die sich sichere Abnehmer finden, uns durch diese leicht verdientes Geld zu verdienen. Andere Bücher aus seiner Fabrikation heißen etwa "Ich mach dich glücklich", "Ich mach dich selbstbewußt" oder "Ich mach dich reich".

Wie heißt es so schön: "Wenn du einen Hammer hast, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus." 

Nur, der Stoffwechsel funktioniert nach biologischen Gesetzen, die sich nicht ändern, wenn man auf der Psyche herumhämmert. Obwohl es sicherlich manchen Leuten helfen kann, wenn mithilfe dieser Hyponse zwanghafte Verhaltensweisen rund um die Frage des Essens beseitigt werden können. Das gilt nicht zuletzt deshalb, weil diese zwanghaften Verhaltensweisen natürlich problemverschärfend wirken, und insofern bekommt McKenna von mir immerhin noch einen kleinen Bonus dafür, daß er dieses Teilproblem vielleicht bei manchen Leuten doch lösen kann. Daß er irgendjemanden länger als für ein Dreivierteljahr schlank gemacht hat, wage ich allerdings sehr zu bezweifeln. 

Zum Thema Reichtum sah ich heute einen Tweet von Nassim Nicholas Taleb, der meiner Meinung nach ein tauglicherer Ratschlag ist als alles, was McKenna einem in seinem Buch "Ich mach dich reich!" anhypnotisieren könnte:

Ich habe das wie eine Strichliste abgehakt und festgestellt, daß mir wahrhaftig nur ein einziger Punkt fehlt, um echten Wohlstand nach dieser Definition erlangt zu haben, und das ist die Befähigung für ein Nickerchen. Aus irgendeinem Grund ist mir die Fähigkeit, das sprichwörtliche Viertelstündchen zu schlafen und dann erfrischt wieder aufzustehen, vor ein paar Jahren verlorengegangen. Früher konnte ich das tatsächlich, bis ich einmal diese Mandelentzündung hatte, die mich mehrere Tage meines Lebens im Halbschlaf verbringen ließ. Aus unerfindlichen Gründen wache ich seitdem, wenn ich einen Mittagsschlaf halte, nicht mehr zum richtigen Zeitpunkt auf, sondern schlafe gleich ein bis zwei Stunden, und danach fühle ich mich fast immer wie gerädert. Also lasse ich das lieber gleich und bekämpfe mittägliche Schlafgelüste nur mit Kaffee. 

Dafür ist mein Nachtschlaf aber um so besser.

McKenna hat mit Nadja Hermann, zu deren Thesen seine Methode in krassem Gegensatz steht, das eine gemeinsam, daß er begeisterte und geradezu fanatisch klingende Anhänger hat. Die CD, die dem Buch beilag, habe ich mir zwar nicht angehört, aber es hat den Anschein, als hätte sie auf manche Leute tatsächlich eine gewisse hypnotische Wirkung. "Es funktioniert!", schrieb eine Amazon-Rezensentin ganz begeistert. "Schon nach dem ersten Anhören war der Süßhunger weg." Daß sie das geschrieben hat, ist allerdings schon vier Jahre her. Ich habe mal nachgesehen, was sie sonst so bei Amazon rezensiert hat und stellte fest, daß sie im Mai 2020 ein Fitnessgerät rezensiert hat, das gibt schon zu Spekulationen Anlaß, ob der Süßhunger vielleicht dauerhaft verschwunden ist, das aber doch nichts daran geändert hat, daß sie mit ihrem Gewicht weiterkämpfen muß.

Wenn ich Talebs Liste um einen zusätzlichen Punkt ergänzen sollte, würde ich wählen "Kein permanenter Kampfmodus". In manchen Situationen kommt man nicht umhin, zu kämpfen, aber wenn ich meine Gewichtsabnahme als Kampf empfinden würde, hätte ich ein Ziel definiert, das mir spätestens nach einem Jahr die Chance gegeben hätte, nicht mehr weiterkämpfen zu müssen. 


Freitag, 4. September 2020

Werde ich 120 Jahre alt?

Mein Gewicht heute nach vier Fastentagen am Stück: exakt 95 Kilogramm. Schade, ich hätte eigentlich gerne meinen alten Tiefststand von 94,8 geknackt. Aber das sollte spätestens in zwei Wochen klappen, wenn ich mein nächstes Vier-Tage-Fastenintervall mache. Und ein paar hundert Gramm hin oder her sind eigentlich nicht weltbewegend. Viel wichtiger finde ich es, daß ich diesmal eine deutliche Schrumpfung am Oberbauch sehen und spüren kann. Ich hoffe, das setzt sich in zwei Wochen in vergleichbarer Deutlichkeit fort, denn genau den Bauch möchte ich am dringendsten loswerden, und bei meinen letzten langen Fastenintervallen ist eher das Gegenteil passiert, als mein Brustkorb schrumpfte und sich dafür der Bauch wieder stärker wölbte, weil da irgendwas (Organe? 👀) nach unten gerutscht war, das zuvor hinter den Rippen steckte.

Mein Wiedereinstieg ins Essen erfolgte wie die letzten beiden Male mit einer schönen Bouillon mit Ei, einer reingeschnipselten Karotte und, weil der doch schon ein Weilchen herumlag und ich ihn endlich verbrauchen wollte, einem Kohlrabi. Und natürlich eine Menge Schnittlauch obendrüber. Das habe ich vor ca. einer Stunde gegessen, und jetzt bin ich erst mal pappsatt. Für heute abend habe ich mir einen Karotten-Rettich-Salat mit Walnüssen gemacht, der jetzt erst mal in aller Ruhe gut durchziehen kann, bis es mich nach ihm verlangt. 

Damit enthält mein Gemüsefach nur noch zwei Karotten und einen Rettich. Nächste Woche sollte ich also wohl wieder auf den Wochenmarkt - letzte Woche habe ich mir das wegen des anstehenden langen Fastenintervalls geschenkt, aber auch, weil ich mich in der Woche davor ziemlich reichlich eingedeckt hatte. Dummerweise faste ich in der Woche darauf aber schon wieder vier Tage lang, also stellt sich die ernsthafte Frage, ob sich das überhaupt lohnt. Am sinnvollsten wäre es wohl, wenn ich den Fastentag am Dienstag auf den Montag verschiebe und meinen Wochenmarktbesuch dann mache. Ob es vielleicht inzwischen die ersten Weintrauben gibt? Auf die freue ich mich jedes Jahr ganz besonders. Seit ich "echte" Weintrauben vom Wochenmarkt kenne, kaufe ich das ganze Jahr lang keine mehr im Supermarkt - ihr Geschmack ist so viel besser, daß es sich wirklich lohnt, darauf zu warten und sich dann ein paar Wochen lang ständig damit vollzustopfen, so lange, bis die Saison wieder vorbei ist.

Einstweilen sieht es auch so aus, als hätte meine Darmflora das Fastenintervall überlebt - dafür scheinen vier Fastentage für mich tatsächlich die Obergrenze zu sein. Auffällig fand ich nämlich, daß ich bei allen drei langen Fastenintervallen am Morgen nach dem vierten Fastentag ein leichtes Schwindelgefühl hatte, das aber durch eine Sitzung auf dem stillen Örtchen wieder verging. Aber das eine Mal, als ich fünf Tage gefastet habe, kam es wieder - und der nächste Klogang, der sich durch den Schwindel vorankündigte, wurde dann doch ein bißchen ungemütlicher, obwohl nach vier Tagen natürlich kaum noch Substanz vorhanden war. Das beobachte ich derzeit mit Argusaugen. Falls mir heute wieder nichts Vergleichbares passiert, gehe ich davon aus, daß mein grummelndes Gedärm sich durch eine Mahlzeit am fünften Tag mit den viertägigen Fastenintervallen versöhnen läßt, während fünf Tage leider exakt ein Tag zuviel sind. Sollte sich in den nächsten Monaten aber herauskristallisieren, daß die Sache gar zu häufig ungemütlich endet, gehe ich vielleicht doch dazu über, am Abend von Tag vier schon eine Bouillon zu nehmen - vor Tag vier habe ich diesen Schwindel, der mir wegen des bislang immer gleichen Zusammenhangs mit dringenden "Sitzungen" eindeutig vom Darm ausgelöst zu sein scheint, nämlich noch nie erlebt.

So tastet man sich halt mittels Trial-and-Error-Methode immer weiter voran, um die Methodik zu verfeinern. Ich glaube nicht, daß Brachialmethoden irgendetwas bringen. Auch wenn ich nur zu erahnen versuchen kann, was sich in meinem Körper beim Fasten abspielt, seine Reaktionen zu deuten, ist immer einen Versuch wert. 

Andere Leute sind da ein bißchen heftiger drauf. Durch meine Zeitungslektüre erfuhr ich heute von einem Genetiker von der Harvard University, der den alten Traum von der ewigen Jugend zu träumen scheint. "Altern ist eine aggressiv zu bekämpfende Krankheit", wurde David A. Sinclair zitiert, und daß er glaube, die Menschen würden "mit den richtigen Waffen" bis zur nächsten Jahrhundertwende ein Atler von durchschnittlich 120 Jahren erreichen. 

Mein erster Gedanke dazu lautete: "Der hat doch eine Meise." Und mein zweiter: "Typisch Mann, diese bescheute Kriegsrhetorik". Als Drittes kam "Will ich wirklich 120 Jahre alt werden?" 

Dann verbot ich mir selbst weitere Denkleistungen und las erst einmal den Zeitungsbericht. 

Sinclair, stellte sich heraus, hofft darauf, die Zellalterung relativ weitgehend verhindern zu können. Laut Zeitung muß man sich das folgendermaßen vorstellen: 

Daß unsere Zellen sich teilen, setze ich mal als Allgemeinwissen bekannt voraus. Jede Zelle kann sich teilen, aber nicht endlos oft, denn bei jeder Zellteilung verkürzen sich die Telomere, das sind die Enden der Chromosomen. Können sie nicht mehr weiter verkürzt werden, stirbt die Zelle. Je älter eine Zelle ist, desto leichter wird sie außerdem beschädigt, etwa durch die berüchtigten Freien Radikale, und werden dabei funktionsuntüchtig. Zur Beseitigung solcher "kaputter" Zellen gibt es einen körpereigenen Aufräummechanismus, der aber auch mit zunehmendem Alter schlechter funktioniert.

Weil diese "kaputten" Zellen entzündungsfördernde Stoffe aussenden, um den Reinigungsdienst damit anzulocken, entwickeln sich daraus, daß sie nicht beseitigt werden, eine Reihe bekannter Alterskrankheiten, etwa - so der Zeitungsartikel - "Arthritis, Alzheimer, Osteoporose und Diabetes mellitus". Daß Diabetes in diesen Zusammenhang hineingehört, bezweifle ich allerdings, aber das nur nebenbei.

Geforscht wird derzeit unter anderem daran, diesen sich verschlechternden Reinigungsdienst mithilfe von Medikamenten wieder zu verbessern, aber ebenso an Mitteln, die von vornherein verhindern, daß Zellen beschädigt werden - und das ist es, was Sinclair macht. Seit Jahren schluckt er einen Cocktail aus einer Reihe von aus seiner Sicht vielversprechenden Anti-Aging-Substanzen. "Ob Zufall oder Folge des Cocktails", behauptete meine Zeitung, "der über 50-jährige Sinclair sieht 20 Jahre jünger aus."

Davon wollte ich mich natürlich mit eigenen Augen überzeugen. Also, ich persönlich finde, der 51jährige Sinclair sieht auf diesem Foto eher wie meiner Altersgruppe zugehörig aus (ich bin 55) als der meines 33jährigen Sohnes, während er in Videos von derselben Website aber tatsächlich eher wie ein Altersgenosse meines Sprößlings wirkt. 

Ich riskiere mal die Behauptung, daß das jugendliche Aussehen in den Videos vor allem eine Folge von Make-up ist. Außerdem bin ich der Meinung, dem verlinkten Foto merkt man keine Wirkung irgendwelcher Anti-Aging-Substanzen an. Gut, er hat keine grauen Haare, aber erstens setzt das Ergrauen bei verschiedenen Leuten zu unterschiedlichen Zeitpunkten ein und zweitens traue ich einem Mann, der eine solche Paranoia vor dem Altwerden zu haben scheint, ohne weiteres zu, sich klammheimlich die Haare zu färben, um sich dadurch jünger fühlen zu können. Ansonsten sieht aus wie die meisten anderen halbwegs gut erhaltenen männlichen Exemplare meiner Altesgruppe.

Interessanterweise wird in diesem Bericht - in Zusammenhang mit einer anderen Substanz, die auf ihr Anti-Aging-Potential untersucht wird, nämlich Rapamycin - auch Intervallfasten erwähnt. Dessen Wirkung, heißt es, sei nämlich dieselbe wie die von Rapamycin. Wie so oft wird Intervallfasten, wie sich aus einem Nebensätzchen ergibt, mit "verminderte Kalorienzufuhr" gleichgesetzt, die im Tierversuch lebensverlängernd gewirkt haben soll. Aber indem man eine Diät hält, löst man diesen Autophagie-Prozeß nicht aus, sondern nur durch Fasten - jedenfalls bei längeren Fastenintervallen. Wieviele beschädigte Zellen wohl in vier Tagen Fasten beseitigt werden?

Jedenfalls mache ich offenbar bereits etwas, das mir unter Umständen zu einer Lebensspanne von 120 Jahren verhelfen könnte. Die Frage ist, ob ich das überhaupt wollen würde, 120 Jahre alt werden. 

Ich erinnere mich noch daran, wie ich als Kind, da kann ich nicht älter als fünf oder sechs Jahre alt gewesen sein, einmal meiner Mutter zum Geburtstag mit einem Lied oder Gedicht (das weiß ich nicht mehr so genau) gratulierte, in dem ich ihr wünschte, sie solle 100 Jahre alt werden. Das hätte ich wahrscheinlich längst vergessen, wäre ihre für mich damals ziemlich schockierende Reaktion auf meine freundlich gemeinten Wünsche nicht gewesen: Sie war nämlich geradezu empört. Auf gar keinen Fall wolle sie 100 Jahre alt werden. Inzwischen steht sie vor ihrem 84. Geburtstag und lebt dem Augenschein nach immer noch sehr gerne, also mal sehen - so lange sind 16 Jahre ja auch wieder nicht. An ihrem Hundertsten, falls es dazu kommt, werde ich sie auf diese Sache nochmal ansprechen, und sie fragen, ob sie es mir krumm nimmt, daß meine guten Wünsche damals offenbar geholfen hatten, ob ihr das paßte oder nicht. ;-) 

Aber am Beispiel meiner Mutter habe ich auch erkannt, was in dem berühmten Film "Harold and Maude" gemeint war, als Maude an ihrem achtzigsten Geburtstag entschied, zu sterben, weil man, anders als mit siebzig, "mit achtzig doch nur noch auf der Stelle tritt". Als ich den Film zum ersten Mal gesehen habe, muß ich 15 oder 16 gewesen sein, und in meinen Augen war damals jeder, der älter als 40 war, "alt". Unterschiede machte ich allenfalls mit einer Einteilung in Rentner und Berufstätige. Diese Unterscheidung zwischen 70 und 80 hat mich deshalb damals gewundert. Mittlerweile habe ich, unter anderem bei meiner Mutter (aber auch bei anderen Leuten), erkannt, daß die 80 wirklich in vieler Hinsicht eine Zäsur gewesen ist; ab da wurden auch bis dahin jung wirkende Leute relativ rasch tatsächlich "alt". Damit meine ich: Man wird erkennbar langsamer, im Denken und im Handeln, hat mehr Mühe, neue Gedanken aufzunehmen, fängt an, alle Veränderungen unangenehm zu finden. Im Alltag kommt man zwar noch gut zurecht, aber dafür braucht man seine gewohnten Alltagsroutinen. Das war schon eine deutliche Veränderung im Vergleich zu den Jahren zwischen 70 und 80, in denen das Gesamtsystem noch voll in Ordnung war und nur Einzelkomponenten, etwa das Gehör, sich verschlechterten. 

Angenommen, ich kann tatsächlich 120 Jahre alt werden und dabei bis kurz vor dem Tod ungefähr wie jemand zwischen 70 und 80 bleiben - dann sehr gerne. Andernfalls würde ich aber gerne abtreten können, ohne zuvor über einen gar zu langen Zeitraum den Faden zum Leben Stück für Stück zu verlieren. Und eines versteht sich von selbst: In ein Pflegeheim bringen mich keine zehn Pferde. Sollte ich jemals ein Pflegefall werden, findet sich irgendeine andere Lösung. 

Aber ich persönlich glaube nicht daran, daß irgendetwas - auch Intervallfasten - einen Anti-Aging-Effekt hat, der dies bewirken kann. Dieser Sinclair tut mir, ehrlich gesagt, ein bißchen leid mit seinem Jugendwahn. Ich fühle mich mit Mitte fünfzig ausgezeichnet und würde keine 30 mehr sein wollen, obwohl ich lange Zeit gesagt habe, die Jahre zwischen 30 und 40 seien meine besten gewesen. Warum? Weil ich in dieser Lebensphase - und das merke ich mittlerweile - allmählich aus der "Pflicht" in die "Kür" wechseln kann. Und das fühlt sich gut an; es hat seinen eigenen Reiz, und es ist ein Reiz, den ich bisher nicht kannte.

Klar, ich arbeite weiterhin für meinen Lebensunterhalt, aber ich habe das große Glück, daß ich meinen Beruf wirklich liebe und als Freiberuflerin außerdem große Gestaltungsfreiräume habe. Ich kann Aufträge ablehnen, wenn ich will. Das mache ich im Moment selten, aber es kommt vor, etwa mache ich grundsätzlich kurzen Prozeß, wenn ein Kunde mich respektlos behandelt. Wahrscheinlich wird es bei mir mit dem Ruhestand eher darauf hinauslaufen, daß ich den Teil der Aufträge aus der Hand gebe, die ich als "Arbeit" empfinde, während ich andere mit einem besonders hohen Spaßfaktor einfach so lange weitermache, wie ich dazu physisch in der Lage bin.

Daß ich gerne Mitte fünfzig bin, hat natürlich auch etwas damit zu tun, daß ich gesund bin und meine einzige echte gesundheitliche Achillesferse, das ständige Zunehmen, ohne fremde Hilfe beseitigen konnte. Ich finde die Vorstellung ein bißchen jämmerlich, über Jahrzehnte hinweg irgendwelche potentiell hilfreichen Medikamentencocktails zu mir zu nehmen, in der Hoffnung, dadurch 30 zu bleiben. Jede Altersstufe, ich bislang erreicht habe, hatte ihre Vorzüge und ihre Nachteile -  ob das ab einem bestimmten Alter nicht mehr so ist und ich nur noch Nachteile sehen werde, wird sich zeigen.

Neuerdings fange ich damit an, Pläne für die Zeit zu machen, wenn ich nicht mehr arbeite. Wir sind, und das kam unerwartet, auf einmals sogar dabei, uns zu überlegen, ob wir dann nicht unsere schicke Altbauwohnung gegen ein Häuschen mit Garten als Altersruhesitz eintauschen sollten. Alles noch ungelegte Eier - immerhin reden wir von Dingen, die wir erst in zehn, fünfzehn Jahren in Angriff nehmen würden, falls wir uns tatsächlich dazu entschließen. Entsprechend vage fallen solche Gespräche aus. Aber leisten könnten wir uns das. Und so gibt es etwas, worauf wir uns in Zukunft freuen können. 

Angenommen, der Durchschnittsdeutsche würde, wie von Sinclair prophezeit, 120 Jahre alt werden, was würde das wohl an den einzelnen Lebensabschnitten verändern? Ich nehme an, das würde erstens die Berufsphase erheblich verlängern. Zweitens würde es während dieser Zeit - über Ausbildung/Studium hinaus - mehrere Lernphasen erfordern, denn life long learning wäre ein zwingendes Erfordernis. Und wie lange würden die Chefposten wohl von denselben Leuten blockiert werden, die ja meistens zwischen 40 und 50 ans Ruder gelangen? So richtig prickelnd für den Nachwuchs wäre das nicht. 

Wahrscheinlich würde das für die jungen Leute sogar bedeuten, daß sich das Alter, in dem sie als "erwachsen" gelten, wieder nach hinten verschieben wird. Dieser Prozeß ist ohnehin schon im Gange, obwohl es mit den Debatten ums Wahlrecht auch ein paar gegenläufige Entwicklungen gibt. Aber mir fällt das schon seit über zehn Jahren auf, daß der Begriff "Jugendliche" mittlerweile oft unterschiedslos auch auf 25jährige, manchmal sogar auf alle unter 30, angewandt wird. Als ich 25 war, trug ich die Verantwortung für ein Kind im Kindergartenalter, und jeden Zweifel daran, daß ich dem gewachsen sei (und wenn ein 25jährigen noch ein Jugendlicher sein soll, drückt das solche Zweifel aus!), hätte ich als schwerwiegende Beleidigung betrachtet. Womöglich würde man bei einem durchschnittlich erreichten Alter von 120 erst mit den vierzigsten Geburtstag so richtig für voll genommen werden.

Aber außerdem hätte am Ende des Berufslebens, allem Anti Aging zum Trotz, wahrscheinlich ein merklicher Abbau der physischen Leistungsfähigkeit eingesetzt. Ob man dann noch genügend Energie für ein Projekt wie unsere Häuschen-mit-Garten-Träume hätte? 

Ich glaube aber, ehrlich gesagt, erst dann an Sinclairs 120-Jahre-Phantasien, wenn sie Wirklichkeit werden. Keine Ahnung, ob Sinclair wirklich den Eindruck vermitteln wollte, den meine Zeitung mir vermittelt hat (etwa mit dieser Bemerkung, er wirke tatsächlich zwanzig Jahre jünger - siehe den betreffenden Absatz weiter oben), aber sollte er den Tatsachen entsprechen, geht es ihm bei seiner Forschung wohl um die Bekämpfung eigener Ängste und Unsicherheiten und daneben um Eitelkeiten. Und in dem Fall kann ich mir eh nicht vorstellen, daß dabei irgendetwas herauskommt.

Jetzt sehe ich erst mal zu, daß meine Mutter es vielleicht wirklich bis zu ihrem hundertsten Geburtstag bringt, und danach sehe ich weiter. :-) 

Nachtrag: Letztes Wochenende habe ich zum Frühstück auf Wunsch meines Mannes Berliner Schusterjungs gebacken (allerdings mit 50 % Roggenmehl, 25 % Dinkelmehl und 25 % Weizenmehl). Die waren so köstlich, daß ich sie morgen wieder machen werde. Darauf freue ich mich jetzt schon!




Mittwoch, 2. September 2020

Emotionale Entrümpelungen

Mein Gewicht heute früh: 96,7 Kilogramm nach dem zweiten Fastentag der Woche, also bei Halbzeit meines viertägigen Fastenintervalls. Willkommen zurück, 50-Kilo-Abnahme-Marke! Bis ich das als Vorher-Wert verbuchen kann, wird es wohl noch ein bißchen dauern, aber bis auf weiteres gebe ich mich gerne damit zufrieden, die Hundert endlich nicht mehr sehen zu müssen.

Wie bislang bei fast jedem mehrtägigen Fastenintervall beeindruckt mich die Problemlosigkeit, mit der ich so etwas mache. Das hätte ich mir echt nicht träumen lassen, als ich anfing mit dem Intervallfasten. Inzwischen ist mir klar, daß bei mir auch ein bißchen Glück mit im Spiel ist, weil das offenbar nicht jedem so leicht fällt. Trotzdem lohnt es sich bestimmt bei jedem, der es noch nie probiert hat, weil er sich nicht vorstellen kann, es durchzuhalten, es einfach einmal auszuprobieren. Der eine oder andere erlebt dabei bestimmt eine ähnliche positive Überraschung wie ich. 

36-stündige Fastenintervalle sind aus meiner Sicht weniger einfach (schwierig im eigentlichen Sinne finde ich sie auch nicht), aber man kann Strategien entwickeln, um damit umzugehen. In meinem Fall besteht die Strategie darin, daß ich Phantasien über das Essen auf den nächsten Tag fokussiere. Alles, was ich jetzt gerne essen würde, kann ich ja morgen essen. Aber ab dem zweiten Tag ist das bei mir nicht mehr nötig (zum Glück, wenn noch zwei weitere Fastentage folgen werden), ich habe einfach null Bedürfnis nach Essen.

In den letzten Wochen hatte ich eine Menge Arbeit, aber vor ca. zwei Stunden ist es mir gelungen, eine ratzekahl leeren Schreibtisch zu produzieren. Die Herrlichkeit wird nicht allzu lange anhalten, aber im Moment genieße ich es so sehr, daß ich es einfach nicht schaffe, mich dazu zu motivieren, ein paar weniger dringliche Sachen zu erledigen, die sich in anderer Hinsicht aufgestaut haben. Ich sollte zum Beispiel meinen Mietern endlich die Nebenkosten abrechnen. Den vollen Schreibtisch davor fand ich aber auch nicht schlecht, immerhin sorgt er dafür, daß Geld reinkommt, und ich habe kein Problem damit, daß er sich voraussichtlich rasch wieder füllen wird, nur kann es dann natürlich sein, daß es wieder dermaßen viel wird, daß ich keine Zeit für die Nebenkostenabrechnung habe. Auch die Sommerklamotten sollte ich langsam mal sichten; speziell die Sachen für den Hochsommer brauche ich dieses Jahr wohl nicht mehr. Es sind diesmal wieder einige Teile dabei, die mir mittlerweile zu weit geworden sind und die ich nicht für nächstes Jahr aufheben muß.

Aber im Moment habe ich einfach keine Lust.

So ein bißchen was von einem Messie habe ich ja schon (wobei mein Mann aber noch viel schlimmer ist), so richtig ordentlich ist es bei mir nie. Das liegt vor allem daran, daß ich zu vieles anfange und dann nicht zu Ende bringe. Letzten Sommer zum Beispiel habe ich eine große Reproduktion des Ölgemäldes eines in die Lektüre eines Buches vertieften Mönchs gekauft und wollte mir dafür einen Rahmen basteln, ohne daß ich bislang dazu gekommen wäre. Also steht das eingepackte Gemälde im Format 70 x 55 im Weg herum und dazu auch noch die Rückwand und die Leisten, die ich vergolden und drumherumbasteln wollte, und natürlich auch die Sprühdose mit dem Goldlack.

Solche unvollendeten Projekte habe ich etliche, und diejenigen, die mir im Kopf herumspuken, ohne daß ich bislang damit angefangen hätte, sind damit noch gar nicht mit aufgezählt, weil sie nur in meinem Kopf, aber nicht in meiner Wohnung für Unordnung sorgen. Sauberkeit ist dagegen kein Problem, obwohl mir vor ca. anderthalb Jahren meine Putzfrau - deren Zuverlässigkeit zuvor aus gesundheitlichen Gründen immer mehr zu wünschen übrig ließ - abhanden gekommen ist, sogar eher im Gegenteil. Weil ich weiß, daß ich jetzt selbst für all diesen Kram zuständig bin, hat sich im Lauf der Zeit auch ein halbwegs vernünftiger Putzrhythmus eingependelt, der letzten Endes sogar eine überzeugendere Sauberkeit bewirkt als vorher. Nur das mit dem Fensterputzen krieg ich irgendwie noch nicht so richtig auf die Reihe. Aber das kommt schon auch noch.

Aber in einem anderen Bereich habe ich dafür gerade entrümpelt, nämlich auf einem meiner Twitter-Accounts, indem ich dort zwanzig themenbezogene Accounts entfolgt habe. Mit denen ging es mir nämlich wie den Wespen mit Honig, Sirup oder Zuckerwasser: Sie machten mich aggressiv. Und obwohl sie mich thematisch interessiert hatten: So dringend muß ich diese Dinge eigentlich doch nicht wissen, um mir dafür ständig unnötigerweise den Blutdruck nach oben treiben zu lassen. Mein Problem bestand darin, daß es gerade in diesem Themenbereich auf einmal von Corona-Verschwörungstheoretikern nur so wimmelt, mit denen kein vernünftiges Wort mehr gewechselt werden kann. 

Einen Begriff wie "Verschwörungstheoretiker" verwende ich nicht leichtfertig und sonst nur selten. Aber in diesem Fall kommt er mir angebracht vor, weil man mit Einwänden, die berechtigt sind und nachgewiesen werden können, auch nur gegen eine Wand läuft. Entweder man erkennt vollständig und bis auf den letzten Buchstaben an, daß wir uns auf dem direkten Weg in eine Bevormundungsdiktatur befinden, für die das "eigentlich harmlose" Corona nur ein Vorwand sei, oder man gilt als Knecht der Bevormunder. Besonders verboten ist es, ihre Quellen kritisch zu hinterfragen, insbesondere dann, wenn diese Quellen schon auf den ersten Blick zweifelhaft wirken.

Es ist wirklich ein Glück, daß ich mich in den Fragen, wegen derer ich sie bislang gelesen hatte, nie ausschließlich auf den Sachverstand dieser Leute verlassen habe, sondern alles, was sie behaupteten, selbst überprüft habe, denn an dem Verstand vieler von ihnen zweifle ich mittlerweile in ziemlich umfassendem Maße. In ihren Annahmen zu Corona stecken nämlich gleich mehrere grobe Denkfehler, und es hat sich als unmöglich erwiesen, auch nur in einem bestimmten Einzelpunkt ihre felsenfeste und unerschütterliche Überzeugung auch nur im Geringsten ins Wanken zu bringen. 

Das bedeutet dummerweise mehr als einen Irrtum nur in einer bestimmten Frage. Wer Zweifel in der einen Frage nicht zuläßt, dessen Urteil in anderen Fragen ist auf ähnliche Weise unerschütterlich, und damit ist seine Glaubwürdigkeit auch bei anderen Themen in meinen Augen erschüttert. So bin ich nicht, und so möchte ich auch um Gottes willen nicht sein. Ich will, um mit Hannah Arendt zu sprechen, verstehen. Ich will wissen, was wirklich ist. Mir ist keine Illusion so heilig, daß ich auf sie nicht verzichten würde, wenn es der Wahrheitsfindung in einer mir wichtigen Frage dient. Auch dann, wenn die Wahrheit mir nicht sonderlich gefallen sollte. 

Über Corona kann noch niemand, der ernst zu nehmen ist, eine vollumfassend abschließende Meinung erlangt haben, dazu ist noch viel zu vieles unklar. Und das wiederum bedeutet, daß jeder, der behauptet, dies zu können, unseriös ist - egal, welche Thesen er vertritt.

Ein paar Punkte sind mir dennoch bereits klar.

1) Corona ist nicht harmlos und nicht mit der Grippe vergleichbar. 

 Ich verzichte darauf, das zu begründen - das habe ich in früheren Blogbeiträgen ja bereits getan.

2) Es gibt keine Verschwörung mit dem Ziel einer Bevormundungsdiktatur.

Weil eine solche Verschwörung gar keinen Sinn ergibt. Sollten sich wirklich alle Regierungen der Welt, demokratische und autokratische, konservative und progressive, miteinander auf diese Verschwörung verständigt haben? Die Vorstellung ist lachhaft, es sei denn, man denkt sich nach dem Stil der berüchtigten "Jüdischen Weltverschwörung" irgendeine geheimnisvolle Macht im Hintergrund als Urheber, etwa Bill Gates oder die WHO, nach deren Pfeife die ganze Welt tanzt. Es sei daran erinnert, daß Corona jeden dieser Staaten gewaltige Geldsummen kostet und die Maßnahmen im Lauf der Zeit immer schwieriger durchzusetzen sind. Welches Interesse bestünde aus Perspektive einer Regierung, sei es nun die deutsche Bundesregierung oder die irgendeines anderen Lands, sich von irgendwelchen Verschwörern diese Bürde aufnötigen zu lassen?

3) Bei Kontroversen in einer bestimmten Sache haben fast immer beide Seiten Unrecht

Und zwar immer in ihren jeweiligen Extrempositionen. Bezogen auf Corona heißt das: 

Unrecht haben auf der einen Seite die "Hundertfünfzigprozentigen", die hysterische Anfälle bekommen, wenn sie eine einzige Übertretung der Coronaregeln wahrnehmen, wie geringfügig auch immer sie sein mag, dann Beweisfotos machen und solche Vorfälle zur Anzeige bringen. Auch dann, wenn das tatsächlich dem Buchstaben des Gesetzes Genüge tun mag, es ist Blockwartgehabe und Wichtigtuerei ohne Augenmaß und ohne ein Gefühl für Proportionen.

Unrecht haben aber auch diejenigen, die sich von jeder noch so geringfügigen Schutzmaßnahme in ihrer Freiheit bedroht fühlen und den Bevormundungsstaat heraufziehen sehen.

Unrecht haben aber auch - auf beiden Seiten - Experten, Politiker und Publizisten, die solches Verhalten fordern oder begünstigen oder Ängste gezielt anfachen. (Unter den Gesundheitspolitikern fiel mir dazu besonders unangenehm Karl Lauterbach auf, während Jens Spahn, von dem ich sonst nie viel gehalten hatte, erstaunlich differenzierte Äußerungen produziert - das hätte ich dem gar nicht zugetraut. Es lohnt sich übrigens, solche Dinge im Volltext zu verfolgen, anstatt den Zusammenfassungen in der Zeitung zu vertrauen.) Angst ist nämlich immer ein schlechter Ratgeber. Wer Menschen mehr als unvermeidlich ängstigt - egal ob mit Absicht oder aus Versehen -, macht die Welt fast immer nebenbei schlechter.

Recht haben können aber die Leute, die Bedenken gegen eine bestimmte Corona-Maßnahme mit bestimmten Argumenten vorbringen, und das Für und Wider kann dann diskutiert werden. Das ist notwendiger Bestandteil der öffentlichen Debatte und sogar sehr zu befürworten, denn wie sollte man es ohne Einwände bemerken, wenn man auf den Holzweg geraten ist? Recht haben natürlich auch diejenigen, die für sich selbst entschieden haben, welche Risiken sie persönlich nicht eingehen wollen, und dies so umsetzen, auch dann, wenn andere Leute diese Maßnahmen für übertrieben halten. Über solche Dinge kann und sollte diskutiert werden.

Und recht haben können sogar die Verschwörungstheoretiker im einen oder anderen Einzelpunkt. Denn Gelegenheit macht bekanntlich Diebe, und es ist ja nicht von der Hand zu weisen, daß Corona auch eine Gelegenheit bietet, für die Durchsetzung aller möglichen Maßnahmen, die vor Corona nicht durchsetzbar gewesen wären, aber nun vielleicht doch vorübergehend mehrheitsfähig geworden sind. 

Das Groteske daran ist, daß gerade die Verschwörungstheoretiker mit ihrer Alles-oder-nichts-Haltung Diskussionen in diesem Bereich wirksam sabotieren. 

Im Grunde sind es aber noch nicht einmal die Verschwörungstheoretiker, die mich wirklich sauer machen. Verschwörungstheorien sind ein mißglückter Versuch, die Welt zu verstehen, und Ausdruck von Ängsten, die etwas mit deren Unverständlichkeit zu tun haben. Was mich am meisten ankotzt, sind die "halbwegs Normalen" unter den Kritikern der Corona-Maßnahmen, die selbst durchaus differenzieren können, aber die solchen Leuten in ihrer Gefolgschaft nicht selbst widersprechen. Ich finde, die Durchgeknallten in den eigenen Reihen entweder unter Kontrolle zu halten oder auszuschließen, ist klare Aufgabe der nicht Durchgeknallten einer Gruppe. Andernfalls sind sie für ALLES mitverantwortlich, was die Durchgeknallten bei einer Gruppen-Aktion anstellen, etwa den Versuch, den Reichstag zu stürmen. Mir persönlich reicht es nicht, daß der Organisator der Demo sich davon distanziert hat. Es war SEINE Verantwortung, dafür zu sorgen, daß solche Dinge nicht geschehen. Wenn er seine Gefolgschaft nicht ausreichend im Griff zu haben glaubt, dann ist es ein Unding, so eine Demonstration überhaupt durchzuführen. Sollte dieser Ballweg mit seiner komischen Querdenker-Querfront die Verbreitung von Nazi- oder Reichsbürger-Gedankengut bei der nächsten Demo wieder nicht verhindern oder dies wenigstens ernsthaft versuchen, hat er meiner Meinung nach jede moralische Berechtigung verloren, mit seinen Anliegen angehört zu werden.

So, und jetzt isses passiert, ich muß zurück an die Arbeit, und zwar subito, ein Eilauftrag liegt vor. Meine Mieter müssen also mindestens bis zum Wochenende auf ihre Nebenkostenabrechnung warten. 

Aber vorab noch eine Kleinigkeit, die mir gerade eingefallen ist: Letzten Samstag bekam ich abends nach dem Abendessen (es gab panierte Zuchinischeiben mit Ciabatta und Gurken-Paprika-Salat) noch Lust auf ein Stückchen Schokolade, und da stellte sich wahrhaftig heraus, daß mein Mann kein Depot mit Süßigkeiten mehr hat, aus dem man sich bei solchen Gelüsten bedienen kann. Sonst hatte er immer mindestens zwei, drei Tafeln Schokolade in Reserve, aber seit er auch mit dem Fasten angefangen hat, verlangt es ihn nicht mehr so sehr nach Süßem. Doch, sagte er, schmecken würde es ihm schon noch, nur brauche er es nicht so dringend, um sich damit zu bevorraten.

Das ist schon interessant. Bei mir hat das Fasten gar nichts an meinen Eßgewohnheiten verändert, und bei ihm, der ja viel seltener fastet, hat es praktisch alles auf den Kopf gestellt. Denn ich kann mich nicht erinnern, daß es auch nur einen einzigen Tag gegeben hätte, an der er nicht eine angebrochene Tafel Schokolade oder etwas ähnliches auf seinem Schreibtisch liegen gehabt hätte. Da werde ich wohl ein eigenes Depot aufbauen müssen ... aber natürlich ein viel kleineres, denn so viel Süßkram wie mein Mann ihn bislang immer in sich reingestopft hat, esse ich von vornherein nicht. Das letzte Mal, daß ich von ihm ein Stückchen Schokolade wollte, ist auch schon mindestens zwei Monate her.