Mittwoch, 7. April 2021

Süchtig oder mangelernährt?

Mein Gewicht heute früh: 97,3 Kilogramm. Wieder ein Bestwert für das laufende Jahr im Verlauf meines typischen Zwei-Wochen-Rhythmus, allerdings mußte ich diesmal nur bis Oktober statt September zurückscrollen, um einen noch besseren zu finden. Trotzdem, das sieht weiterhin erfreulich aus. 

Da ich das Brot für das Frühstück erst backen mußte, habe ich den Tag mit einer Portion meines köstlichen Salats begonnen, dessen wichtigste Bestandteile Rettich, Karotten und Walnüsse sind. Da ich auch keine Äpfel mehr habe, fanden sich statt dessen Gurken und Paprika mit drin, und natürlich der Rest Feta, den ich im Kühlschrank vorfand. Irgendwie macht dieser Salat geradezu süchtig. Inzwischen ist das Brot fertig und kühlt ab, und ich nehme an, in ca. einer halben Stunde werde ich dann frühstücken.

Aber Sucht ist ein gutes Stichwort. Die Annahme, daß Essen - oder häufiger: bestimmte Nahrungsmittel - süchtig machen, ist aktuell ja gerade ziemlich in Mode. Das zieht sich wie ein roter Faden durch wissenschaftliche Ergebnisse nebst der zugehörigen Medienberichterstattung, persönliche Leidensgeschichten, die eine Sucht mehr oder weniger eindeutig nahezulegen scheinen, bis hin zu der Annahme, Adipositas sei wegen dieser Sucht eine chronische Krankheit, die lebenslang behandelt werden müsse. 

Ich riskiere es lieber mal nicht, die Möglichkeit, daß eine solche Art von Sucht tatsächlich existieren könnte, in Bausch und Bogen ganz zu verwerfen. Vielleicht gibt es das ja wirklich. Ich habe aber den Verdacht, daß Eßsucht in allen derzeit populären Formen und egal ob durch Laien oder durch sogenannte Experten konstatiert, in vielen Fällen doch eine Fehldiagnose ist und damit auch falsch therapiert wird, mit dem Ergebnis, daß für die Betroffenen subjektiv wie objektiv alles nur noch schlimmer gemacht wird. Auch wissenschaftliche Nachweise beeindrucken mich da nicht weiter, denn auch wenn im Gehirn diese oder jene Aktivität beobachtet werden kann, heißt das ja noch lange nicht, daß sie als "Sucht" auch tatsächlich richtig interpretiert wird.

Dazu hatte ich vor ungefähr einem Jahr ein Aha-Erlebnis: Ich schien nämlich selbst auf einmal eßsüchtig geworden zu sein, weil ich an den Eßtagen zwischen meinen Fastentagen - damals waren das in der Regel zweitägige, manchmal auch dreitägige Fastenintervalle, zwischen denen aber häufig nur einzelne Eßtage lagen - auf einmal nur mit äußerster Anstrengung kontrollierbare Freßattacken bekam. Das Unheimliche daran war, daß irgendetwas in mir weiter nach Essen verlangte, auch wenn aus dem Magen selbst eindeutige und nachdrückliche Signale kamen, daß er zum Platzen voll sei. 

Und nein, das war nicht meine Psyche. Es kam in irgendeiner Weise aus meinem Körper, obwohl ich es - anders als den vollen Magen - keinem bestimmten Körperteil zuordnen konnte. Daß es nicht psychisch gewesen ist, merkte ich daran, daß der Gedanke an Essen überhaupt nichts Verführerisches hatte, sondern eher etwas Gewalttätiges, das mich zu überwältigen versuchte. Diesem Eßzwang nicht nachzugeben hatte etwas von verzweifelter Gegenwehr gegen eine Vergewaltigung. Ich wußte wirklich nicht, wir mir geschah, denn so etwas hatte ich noch nie zuvor erlebt. 

An den Fastentagen selbst war freilich alles in Ordnung mit mir, ich hatte keinen Hunger und war gut drauf. Bloß an den Tagen, an denen ich geplant hatte, zu essen, konnte ich auf einmal nicht mehr normal essen.

Ich habe das zum Glück aber nie wieder erlebt, nachdem ich anfing, darauf zu achten, daß ich nach jedem mehrtägigen Fastenintervall immer möglichst ungefähr gleich viele Eßtage einlegte. Damit baue ich kein Energiedefizit auf, das nach einiger Zeit - so meine Vermutung - diese einander widersprechenden Botschaften aus meinem Körper auslöst, also das Sättigungsgefühl einerseits und gleichzeitig dieses merkwürdig intensive Verlangen, trotzdem weiterzuessen. Denn was mir ebenfalls aufgefallen ist: Am Übergangstag nach einem langen Fastenintervall brauche ich gar nicht erst versuchen, den Magen bloß zu füllen, womöglich noch mit Fokus auf etwas Kalorienarmes, etwa einen Salat, ohne eine ordentliche Portion Proteine mit einzuplanen. Dann passiert nämlich etwas recht ähnliches: Die Sättigung hält keine zwei Stunden vor und dann schreit irgendetwas in mir schon wieder nach Essen, obwohl der Magen spürbar noch voll ist und eigentlich gerade gar nichts mehr haben will. Wenn ich Rühreier oder dergleichen esse, habe ich dagegen Ruhe bis zur nächsten geplanten Mahlzeit.

Wie viele von denen, die sich für eßsüchtig halten, muten in Wirklichkeit ihrem Körper einfach zu häufig oder sogar ständig physisch unverkraftbar hohe Energie- oder Nährstoffdefizite zu, gegen die er sich dann auf diese Weise wehrt? 

Das Gemeine daran ist, daß so gut wie niemand - und schon gar nicht der durchschnittliche Ernährungsberater - daran zweifelt, daß ein Energiedefizit nun einmal unverzichtbar ist, wenn man abnehmen will. Aber dieser Sorte Druck, die ich erlebt habe, nicht längere Zeit standhalten zu können, scheint mir eine ziemlich normale und wahrscheinlich sogar sehr gesunde Reaktion zu sein. Es hat ja bestimmt seinen guten Grund, wenn der Körper irgendetwas mit erhöhter Dringlichkeit von einem verlangt. Wobei ich natürlich nicht einmal im Traum daran gedacht hätte, mich so einer Situation noch weiter auszusetzen, nachdem es mir gelungen war, sie abzustellen. Die Willensleistung derjenigen, die auf Energiedefizitbasis ihr Gewicht zu reduzieren bzw. zu halten versuchen und dabei gegen solche Eßattacken kämpfen, nötigt mir einigen Respekt ab, seit ich eine Vorstellung davon habe, wie sich das anfühlt. Aber gesund kann das meiner Meinung nach nicht sein.

Zu der besonders berüchtigten Zuckersucht fiel mir lange Zeit nur ein, daß ich selbst so etwas jedenfalls nicht habe, denn meine Fähigkeit, Süßes zu essen, war schon immer begrenzt. Daß ich spätestens nach dem zweiten Stück Kuchen ein Stück Wurst brauchte, um einen anderen Geschmack in den Mund zu bekommen, darüber wurden schon in meiner Kindheit bei Geburtstagen Witze gerissen. Aber die zugehörigen Details habe ich schon so oft beschrieben, daß ich mich jetzt nicht in endlose Wiederholungen verstricken möchte. Worauf ich hinaus will: Eigentlich ist das schon ein bißchen merkwürdig bei so viel angeblichem Suchtpotential von Zucker, denn jeder Therapeut der einschlägigen Fachrichtungen würde mich wohl als eine typische "Suchtpersönlichkeit" klassifizieren. 

Ich selbst sehe mich allerdings anders. Gegen die Änderung jeder beliebigen Gewohnheit wehre ich mich, und zwar bis aufs Blut, aber nur dann, wenn diese Änderung von außen an mich herangetragen wird. Wenn schon, dann wäre ich eher ein Kontroll-Freak. Versucht jemand, mich von außen in irgendeinem Bereich zu kontrollieren oder zu manipulieren (Stichwort "Nudging"), kann er mich fast immer von meiner garstigen Seite erleben. Herr im Haus bin in meiner Haut immer noch ich, darauf lege ich Wert und habe das auch schon mein ganzes Leben lang getan, weshalb meine Eltern, die nach seinerzeitigen Erziehungsvorstellungen gar nicht auf die Idee gekommen wären, daß es nötig sein könnte, mich von etwas zu überzeugen, mich auch für schwer erziehbar hielten. Denn daß sie am längeren Hebel saßen, damit konnte man mich nur beeindrucken, indem man echte Brachialgewalt anwandte, was aber schon damals pädagogisch nicht mehr für zulässig gehalten wurde. Daß meine Eltern manchmal dennoch zu diesem Mittel gegriffen haben, war wohl ein Akt der Verzweiflung, und ich habe ihn ihnen verziehen, als mein eigenes Kind mich zum ersten Mal an meine eigenen Grenzen gebracht hat. 

Veränderungszwang oder -druck, den ich nicht einsehe, führt bei mir bis heute zu sturer Verweigerung. Unter anderem deshalb schreibe ich auch bis heute in alter Rechtschreibung und denke auch gar nicht daran, mich in diesem Punkt anzupassen, obwohl mir natürlich klar ist, daß ich damit mit jedem Jahr mehr auf Außenstehende wie aus der Zeit gefallen wirken muß. Ich sehe es bloß immer noch nicht ein, mich umzugewöhnen. Solange es mich nicht gerade in den Knast bringt, bleibe ich dabei, so zu schreiben, wie ich es gewohnt bin, auch wenn ich damit wie eine schrullige alte Tante wirken sollte.

Zu bestimmten Zeiten meines Lebens hätten mich wohlmeinende Außenstehende möglicherweise nicht nur für ein bißchen schrullig, sondern auch für einen beginnenden Alkoholiker gehalten, weil der Konsum erklecklicher Quantitäten geistiger Getränke in dieser Zeit zu meinen Gewohnheiten gehörte, wie ich sie heute gar nicht mehr runterbringen würde, ohne den ganzen Tag im Halbkoma herumzulaufen. Zu anderen Zeiten wäre ich ein heißer Kandidat für eine Onlinesucht-Diagnose gewesen, und nach manchen Kriterien würde ich bei so einem Test womöglich sogar heute noch durchfallen. Und dann bin ich auch noch Raucher ohne jedes schlechte Gewissen und ohne irgendwelche auch nur ganz vagen Absichten, vor meinem allerletzten Atemzug damit aufzuhören. Wieso also bin ich, obwohl ich Süßes dennoch im Prinzip genauso gerne mag wie jeder andere, dann der Sucht durch den "puren, weißen und tödlichen" Stoff entgangen, der anscheinend ein so hohes Abhängigkeitspotential enthält?

Aber auch aus der umgekehrten Richtung finde ich diese Sache etwas merkwürdig: Wieso eigentlich bin ich so fett geworden, obwohl ich es jahrelang geschafft habe, im Alltag praktisch gar keine Süßigkeiten zu essen, weil ich glaubte, dadurch mein Gewicht unter Kontrolle halten zu können? 

Wer aufmerksam liest, dem sind sicherlich die zwei Einschränkungen "im Alltag" sowie "praktisch gar keine" aufgefallen. Tatsächlich habe ich Süßes im Rahmen von nicht alltäglichen Situationen gegessen, etwa wenn die Nachbarin mir im Advent mal einen Schoko-Nikolaus vor die Tür gestellt hat, oder in Form eines Desserts, wenn wir auswärts gegessen haben, und natürlich bei Festen und Geburtstagsbesuchen. Und manchmal habe ich auch aus dem opulenten Vorrat meines Mannes mitgenascht, der immer viel schärfer als ich selbst auf das süße Zeug war. Zuckerabstinent war ich nicht, aber verglichen mit dem, was ich heute an Süßigkeiten esse, war das so gut wie nichts. 

Und ich kann sogar ziemlich präzise sagen, wie lange ich das so gemacht habe. Begonnen habe ich damit nach dem Sommerurlaub 2007 und beendet habe ich es im Sommer 2017. Ich war somit ziemlich genau zehn Jahre lang "praktisch süßigkeitenfrei". Geholfen hat mir das aber gar nichts, was meine Gewichtsentwicklung betraf. Im Gegenteil fällt in genau diesen Zehn-Jahres-Zeitraum eine Zunahme von zwischen  30 und 40 Kilogramm.

Tatsächlich habe ich mir erst, nachdem ich schon die ersten ca. 15 Kilogramm abgenommen hatte, wieder angewöhnt, selbst Süßes zu kaufen. Eine Zeitlang verspürte ich daraufhin erheblichen Nachholbedarf, was meine guten alten Lieblings-Süßigkeiten betraf, aber inzwischen hat sich das längst wieder eingependelt. Meistens - aber nicht immer, denn manchmal habe ich einfach gerade keine Lust darauf - nehme ich mir einmal die Woche beim Einkauf etwas zum Naschen mit, aber das ist dann immer nur ein bestimmter Artikel, ob es nun eine Tafel Schokolade ist, ein Tüte Gummibärchen oder nur eine Kleinigkeit, die mit zwei Bissen schon verspeist ist. Das Lustprinzip, nach dem ich dabei vorgehe, orientiert sich nicht an Mindest- oder Höchstmengen. Und interessanterweise hält sowohl die Schokolade als auch die Gummibärchen oder was auch immer, wenn es von der Menge her meinen inneren Süß-Pegel übersteigt, dann tatsächlich zwei bis drei Tage lang, obwohl ich, wenn ich es einmal angebrochen habe, immer so lange esse, bis ich nicht mehr mag. (Und ja, wenn ich aufhöre, weil ich genug davon habe, esse ich immer noch gerne ein Stück Wurst zum Abschluß.)

Ebenfalls ungefähr auf Pegel "minus 15 Kilo" haben wir auch damit begonnen, nachmittags zum Kaffee regelmäßig Kuchen oder süßes Gebäck zu essen. Das war nach dem überraschenden Tod des Bruders meines Mannes, der im Sommer 2017 unsere gesamten Lebensgewohnheiten verändert hat - wir hatten bis dahin zusammen einen gemeinsamen Haushalt gebildet. Eine Menge Alltagsgewohnheiten von vorher veränderten sich damals, darunter zwar nicht der gemeinsame Nachmittagskaffee nach der Frühschicht, aber nun gab es dazu etwas zu essen, natürlich in süß. Lange Zeit war das meistens Gebäck aus dem Backshop, an dem mein Mann nach der Arbeit vorbeikam, und das schmeckte mir eigentlich nur so lala, aber gegessen habe ich es trotzdem - wenn man so will, aus Höflichkeit. Ab Herbst 2018 fing ich dann an, selbst Kuchen zu backen. Aber erst nach der Anschaffung meines feudalen neuen Backofens im Sommer 2019 kam ich beim Selberbacken so richtig auf den Geschmack, denn zuvor hatte ich mich mit einem altersschwachen Gasbackofen herumplagen müssen, dessen Temperatur sich nicht mehr regulieren ließ. Aber 2018 war ein so hervorragendes Apfeljahr gewesen, daß meine liebe Mutter mich kistenweise mit Äpfeln versorgte, und was blieb mir da anderes übrig, als einmal die Woche einen Apfelkuchen zu backen? Mit ein bißchen Übung klappte das auch mit dem alten Backofen, aber mit anderen Arten von Kuchen experimentierte ich lieber nicht. Bis ich den neuen Backofen hatte.

Seit August 2019 hat es bei uns jedes Wochenende und außerdem immer, wenn mein Mann Frühschicht hatte, auch unter der Woche (außer natürlich an Fastentagen) selbstgebackenen Kuchen, Muffins oder anderes Gebäck zum Kaffee gegeben. Seit zwei Wochen entfällt das nun unter der Woche, damit wir abends nicht erst gegen 20 Uhr Hunger bekommen und schon um 18 Uhr zu Abend essen können, und ich fand es eigentlich nur beim allerersten Mal ein bißchen merkwürdig, danach hatte ich mich schon daran gewöhnt. So ist das bei mir mit Veränderungen, die mir nicht von außen aufgenötigt werden, sondern die ich selbst so entschieden habe. 

Übrigens, ein wirkliches Bedürfnis nach Kuchen zum Kaffee am Nachmittag hatte ich eigentlich auch nie, das war alles reine Gewohnheit und hatte mehr damit zu tun, daß mein Mann es so gerne mag. Insofern kann ich die Behauptung des verlinkten Haaretz-Artikels, daß man sich von seiner Umwelt in seinen Eßgewohnheiten beeinflussen läßt, für mich bestätigen. So ziemlich alles andere, das ich in dem Artikel las, steht allerdings im Widerspruch zu meiner persönlichen Erfahrung. Wenn ich biochemische Erklärungen dafür lese, warum man wegen des körpereigenen Belohnungssystems nicht anders kann, als sich mit bestimmten Nahrungsmitteln zu überfressen, dann kann ich nur festhalten, daß an meinem körpereigenen Belohnungssystem wohl irgendwas kaputt sein muß, weil es sich eindeutig nicht so verhält.

Aber auch wenn es anders wäre, es war jedenfalls eindeutig nicht der Grund, warum ich dick geworden bin. Das wirft für mich die Frage auf, bei wievielen anderen man mit diesem Verdacht ebenfalls auf einer ganz falschen Fährte ist. 

Umgekehrt hat mich umweltbeeinflußt "mehr Süßes" enthaltendes Eßverhalten - und, oh Graus, außerdem sogar noch Essen, das ich nicht einmal aus echter Lust darauf zu mir genommen habe - aber auch nicht daran gehindert, nun ja: noch nicht wirklich "schlank", aber jedenfalls sehr viel schlanker zu werden. Stand heute 49,7 Kilogramm minus.

Ich bin deshalb der Meinung, daß die Autoren mit ihrer unausgesprochenen Vermutung als Prämisse, Leute würden deshalb dick, weil sie zu viel (und zu viel Süßes) essen, nicht richtig liegen können. Oder jedenfalls: nicht ganz richtig, denn vielleicht trifft es auf einen Teil der Leute doch zu. Oder vielleicht trifft es auch nur auf einen Teil des Übergewichts bei jedem (oder fast jedem) zu. Für völlig ausgeschlossen halte ich es nicht, daß ein Teil meiner überzähligen Kilos zu viel Essen geschuldet ist, seit ich den Eindruck habe, daß ich mich einer Grenze nähere, ab der ich mit meiner Methode nicht mehr weiter abnehmen werde. Aber ganz sicher bin ich jedenfalls, daß ich mir sämtliche fast 50 Kilo, die ich seit 2017 verloren habe, nicht durch übermäßiges Essen erarbeitet hatte, da ich sie ja auch nicht durch ein Energiedefizit verloren habe.

Die Insulintheorie erklärt meine bisherige Abnahme recht gut, aber nicht, warum sie immer langsamer wird. Sollte sich herausstellen, daß mein früheres Abendessen tatsächlich mehr Schwung in die Abnahme bringt, muß ich festhalten, daß ich zwar schon wiederholt gelesen hatte, abends relativ früh zu essen, helfe beim Abnehmen, aber so richtig daran geglaubt hatte ich zugegebenermaßen nicht. Bekanntlich ist nichts so überzeugend wie eine praktische Erfahrung, also bin ich momentan darauf eingestellt, mein Weltbild in diesem Punkt vielleicht korrigieren zu müssen.

Als Einzelmaßnahme hätte das frühere Abendessen für sich alleine allerdings kaum allzu viel gebracht, jedenfalls nicht, wenn man wie ich von 147 Kilo Anfangsgewicht herkommt. Es ist ein Baustein, und außerdem ist es gut möglich, daß es vom Chronotyp abhängt, ob es diese Wirkung hat oder nicht. Da hilft also im Einzelfall nur ausprobieren. Entweder es wirkt, dann ist es gut, oder es wirkt nicht, dann hört man wieder damit auf und probiert etwas anderes.

Was wir bräuchten, wäre ein "Baukasten" mit verschiedenen möglichen Maßnahmen für unterschiedliche Übergewichtsursachen, mit denen man experimentieren kann, bis man die richtige Maßnahmenkombination gefunden hat.

Der entscheidende Fehler bei der Adipositasbekämpfung verbirgt sich in den von kaum jemandem kritisch hinterfragten Grundannahmen, auf welche Weise Übergewicht zustande kommt, und in der verschiedene Ursachen sowie eventuell auch deren Wechselwirkungen keine Rolle spielen. Das gilt leider auch nicht nur für die Kalorien-Jünger, sondern z. B. auch für Low Carb-Anhänger und vermutlich für alle Methoden zur Gewichtsreduktion. Alle scheinen zu glauben, daß es eine Methode gäbe, die bei jedem funktioniert. Aber wahrscheinlich ist das nicht so. Wenn Übergewicht unterschiedliche Ursachen haben sollte, die verschiedene Maßnahmen erfordern, und wenn dies vielleicht sogar für eine einzelne Person gilt, die dann im Lauf der Zeit nur weiter erfolgreich bleiben kann, indem sie ihre Methode anpaßt oder ganz wechselt, ist keine der aktuellen Richtungen, ob orthodox oder unorthodox, bislang darauf eingestellt.

Solange dieser Fehler in den Grundannahmen von den einschlägigen Wissenschaftlern nicht erkannt wird, stehen sie vor der Frage, wie man sein Körpergewicht nun wirklich steuern kann, genauso ratlos wie einst die Astronomen vor den merkwürdigen Planetenbahnen, bevor erkannt wurde, daß die Planeten sich - und zwar zusammen mit der Erde - um die Sonne drehen, anstatt, wie damals angenommen, zusammen mit der Sonne um die Erde zu kreisen, und auf einmal paßte alles zusammen, was zuvor so widersprüchlich zu sein schien. Es gibt natürlich, wie überall, Leute, die von dieser Situation profitieren, unter anderem wächst auch der Markt für Ernährungsberatung und schafft eine Menge auskömmliche Arbeitsplätze für einschlägig Vorgebildete. Die meisten von denen wollen wohl ehrlich helfen und sich nicht etwa nur eine goldene Nase verdienen, aber dennoch hat es ein gewisses Geschmäckle, daß diese gesamte Branche zusammenbrechen würde und alle ihre Beschäftigten sich nach einer anderen Art von Arbeit umsehen müßten, wenn jemand eine einfache und wirkungsvolle Methode finden würde, abzunehmen und anschließend sein Gewicht zu halten. 

Umgekehrt ist es kaum sonderlich befriedigend für einen Ernährungsberater, seine Patienten fast alle im Lauf der Zeit scheitern zu sehen. Es ist, glaube ich, eine Hilfskonstruktion, die vor allem für diese Helfer psychisch entlastend wirkt, wenn sie annehmen können: Meine Patienten sind süchtig und nur deshalb ist es so schwierig, wenn nicht gar unmöglich, ihnen zu helfen.


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