Samstag, 17. Dezember 2022

Immunsystem im Bud-Spencer-Modus

Mein Gewicht heute früh: 89,7 Kilogramm. 

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Und das ist noch gar nichts, denn übers letzte Wochenende hatte ich, beginnend mit Freitag, vorübergehend sogar mehr als 90 Kilogramm, und damit hätte ich nun wirklich nie im Leben gerechnet.  Das Gewichtsmaximum mit 90,6 Kilogramm war am Freitag und danach wurde es jeden Tag ein bißchen weniger, sank auf ein Minimum von 89,2 und pendelte sich dann bei um die 89,6 und 89,7 Kilogramm ein. 

Offenbar hatte da irgendein Sondereffekt zu Buche geschlagen, obwohl ich nicht so recht weiß, was das gewesen sein soll: Krank war ich nicht. Die Chemo und das Dexa können es am Tag 14 des Zyklus kaum noch sein. Vielleicht doch immer noch die Stoffwechselumstellung von Low Carb auf normal? Oder ist mir doch lediglich das passiert, was mir auch in den letzten Jahren im Winter jedes Mal passiert wäre, wenn ich nicht regelmäßig gefastet hätte? Immerhin handelt es sich ja um die Jahreszeit, in der ich bislang auch mit Fasten mehr als Gewichthalten nie zustandebekommen habe.

Wie auch immer, mein Gewicht liegt heute ungefähr zwei Kilo höher, als ich es post Low Carb eigentlich erwartet hatte, und das, nachdem Low Carb ohne Fasten (außer alle drei Wochen die vier Tage um die Chemo herum) sechs Wochen lang problemloses Gewichthalten auf dem Low-Carb-Level - das ein bis zwei kg niedriger liegt) ergeben hatte. Natürlich standen mir letztes Wochenende erst einmal die Haare zu Berge. Aber jetzt will ich es genauer wissen: Steigt mein Gewicht im Anschluß an das letzte viertägige Chemo-Fastenintervall - vom 20.12. bis zum 23.12. - bis zum Ende der ersten Januarwoche noch weiter an, oder kann ich nun damit rechnen, daß es in etwa gleich bleibt, bis ich ab der zweiten Januarwoche wieder mit Low Carb anfange?

Das interessiert mich jetzt auch deshalb, weil es für künftige Winter nützlich zu wissen sein wird, also nehme ich, falls es so kommen sollten, die weitere Gewichtszunahme eben in Kauf. 

Intervallfasten nach meinem sonst üblichen Muster kommt im Moment für mich noch nicht in Frage. So lange ich mir noch kein Urteil darüber bilden konnte, ob es für den Tumor gut oder schlecht ist, wenn ich auch meine "normalen" Fastenintervalle mache, lasse ich es lieber bleiben. Bislang hatte ich immer wichtigere Dinge zu recherchieren und habe deshalb diese spezielle Recherche vor mir hergeschoben, weil ich ja dachte, ab Januar mit den wöchentlichen Chemos würde ich so oder so wieder abnehmen. Das hat sich mit dem neuen Therapieschema aber erledigt, also sollte ich mich demnächst wirklich mal mit dieser Frage befassen. Einen Blogartikel zu meiner Entscheidung über die Frage, wann ich mit meinen "normalen" Fastenintervallen wieder anfange und warum ich mich so entschieden habe, gibt es dann natürlich auch.

Am letzten Wochenende habe ich mich aber erst einmal näher mit meinem neuen Therapieschema ab Januar beschäftigt, das mein neuer Arzt für besser wirksam hält: viermal im Drei-Wochen-Rhythmus Trastuzumab plus Pertuzumab plus Taxol plus Cisplatin. Das wird mich am Tag Null immer ungefähr fünf Stunden Chemo-Zeit kosten, aber da diese fünf Stunden nur jede dritte Woche anfallen, ist die Sache letztlich weniger zeitaufwendig als in der vorher geplanten Form. Im Vergleich zu dem, was zuvor geplant war, scheint es aber stärkere Nebenwirkungen zu haben. Da es noch dazu eine ziemlich teure Angelegenheit ist, wird es nur dann eingesetzt, wenn es im Vergleich zu anderen Varianten einen deutlicheren Vorteil bietet, und das ist bei mir offenbar unter anderem deshalb der Fall, weil bei mir auch die Lymphknoten befallen sind. Das ist der eine Fall, in dem der Vorteil speziell mit dieser Chemo besonders hoch ist. 

Umso spannender ist nun natürlich die Frage, ob ich auch in diesem Fall die Nebenwirkungen durch das Fasten positiv beeinflussen kann. Im Grunde leiste ich da Pionierarbeit, obwohl ich andererseits ja kaum die erste und einzige sein kann, die das Fasten in diesem speziellen Rahmen nutzt, auch wenn diese Kombination noch nicht so lange eingesetzt wird. Es ist so ein Jammer, daß niemand versucht, Erfahrungswerte, die rein aus Eigenmotivation der Patienten und in deren Eigenverantwortung entstehen, zu dokumentieren. Ob es nun Fasten ist oder Low Carb oder irgendwelche anderen Methoden mit dem Ziel, die Chemo in irgendeiner Form positiv zu beeinflussen, solche Dinge müßten mittlerweile ja nicht mehr zwangsläufig einfach ignoriert werden, nur weil sie nicht auf Empfehlung des Arztes gemacht werden, sondern unabhängig davon und unter Umständen sogar gegen seinen ausdrücklichen Rat. Aber was spräche eigentlich ausgerechnet dann dagegen, die Wirkung zu dokumentieren, anstatt - wie das bei Onkologen anscheinend ziemlich verbreitet ist - hysterische Anfälle zu bekommen und anschließend lieber so wenig wie möglich darüber wissen zu wollen?

***

So lange ist es noch gar nicht her, daß ich Dr. Jason Fungs Buch über Krebs gelesen und im Blog rezensiert habe - ein bißchen mehr als ein Jahr. Sicherlich ist es keine Überraschung, daß ich es inzwischen noch einmal gelesen habe - aber vielleicht ist es eine, daß ich das sogar zweimal getan habe. Zunächst griff ich spontan während der Wartezeit auf das Laborergebnis zu dem Buch. Letzte Woche begann es mir dann zu dämmern, daß ich etwas Wichtiges beide Male viel zu flüchtig überlesen hatte. Es wurde ganz am Ende nur kurz angetippt, und ich hatte es eigentlich mehr für einen Ausblick in die Zukunft gehalten, also für etwas, das für die Fragen, die aktuell für mich von Bedeutung sind, nicht weiter relevant ist. Denn maßgeblich ist ja im Moment erst einmal das, was die momentan üblichen Therapien mit sich bringen, und dabei hatte ich aus diesem Buch vor allem das mitnehmen wollen, was von Jason Fungs Thesen über die Wirkung des Ernährungsverhaltens in Bezug auf Krebs sinnvoll und praktisch anwendbar schien. Auf dieser Basis hatte ich dann weiterrecherchiert.

In Wirklichkeit hat diese vermeintliche Zukunft aber bereits begonnen, und ich bin mit meiner HER2-positiven Brustkrebs-Variante, wie es scheint, sogar schon live mit dabei. Nachdem dieser Groschen einmal gefallen war, schien es mir angebracht, mich noch ein weiteres Mal mit dem "Cancer Code" - so der Titel des englischen Originals - von Jason Fung zu befassen, diesmal mit Fokus auf all dieser Zukunftsmusik und etwaigen Möglichkeiten, darin praktisch anwendbare Nutzanwendungen zu finden.

Zunehmend setzt sich nämlich die Auffassung durch, daß Brustkrebs in vielen Fällen in keinem Stadium als eine rein lokale Erkrankung, sondern als eine systemische Erkrankung aufgefaßt werden sollte. Die Annahme, ein Tumor wachse erst lokal und beginne erst vergleichsweise spät, sich auszubreiten, also Metastasen zu bilden, läßt sich speziell für Brustkrebs nicht generell aufrechterhalten. Dazu ist zu gut belegt, daß die Metastasierung oft bereits einsetzt, noch bevor der Tumor bei der Mammographie überhaupt schon entdeckt werden kann.

Die statistische Wahrscheinlichkeit einer Rückkehr des Krebses ist zwar in der Tat umso geringer, je früher er entdeckt und behandelt wird, aber ein Rückfall kommt erstens sehr wohl auch nach einem vermeintlich lokalen Stadium mit einer relativ hohen Wahrscheinlichkeit, nämlich bei jeder vierten bis fünften Patientin, innerhalb der darauffolgenden zehn Jahre vor (siehe "C Disease-free Survival" in der Abbildung), und zweitens sind im Blut zirkulierende Krebszellen auch bei weiterhin gesunden ehemaligen Brustkrebspatientinnen offenbar ebenfalls ein relativ häufig vorkommender Fall. 

Warum solche Patientinnen weiter gesund bleiben bzw. wann und warum dies bei ihnen einen erneuten Krankheitsausbruch auslösen kann, ist einstweilen ebenso eine offene Frage wie die, ob sich die Metastasierung in einem sehr frühen Stadium vielleicht doch sicher auf bestimmte Brustkrebs-Varianten eingrenzen ließe. Viel schlauer, als mit einer Operation zu beginnen, kommt mir da eine Behandlung vor, mit der etwaige vorhandene Krebszellen gleich überall im ganzen Körper aufs Korn genommen werden. Das ist der Hintergedanke bei der sogenannten neoadjuvanten Chemotherapie, die noch vor einer Operation stattfindet - früher war das das Mittel der Wahl bei großen Tumoren, aber mittlerweile ist es vor allem bei schnell wachsenden Tumoren ebenfalls Standard.

Bei Dr. Fung stand, 90 Prozent der Krebstodesfälle seien nicht auf den Ursprungstumor, sondern auf Metastasen zurückzuführen. Das wollte ich genauer wissen, weil im Buch dazu eine vernünftige Quelle fehlte, und habe mal recherchiert. Dieser Wert, 90 Prozent, wird anscheinend in der Wissenschaft allgemein für korrekt gehalten und ungeprüft in einschlägigen Studien weiterkolportiert, wobei eine Auswertung norwegischer Todesfälle - durch Wissenschaftler, die es nach eigener Aussagen genauso wie ich einfach mal genauer wissen wollten - "nur" auf einen Wert von ungefähr zwei Dritteln kam - was allerdings auch an fehlender Exaktheit der Totenscheine liegen könnte. Also wird die Annahme, es seien mindestens zwei Drittel, wahrscheinlich aber eher "zwei Drittel plus x" der Wahrheit wohl am nächsten kommen - und damit zeigt sich, daß es auch dann, falls die 90 Prozent nicht erreicht werden sollten, für eine sehr deutliche Mehrheit der Krebstodesfälle gilt. 

Die Metastasierung zu verhindern, ist also entscheidend, um auch die Sterblichkeit zu reduzieren. Aber speziell bei Brustkrebs, bei dem durch das Screening große Anstrengungen unternommen wurden, Krebs in einem möglichst frühen Stadium zu finden, in der Annahme, dadurch ließen sich Metastasierung und Todesfälle verhindern, hat dies zwar zu einer dramatischen Zunahme an in frühen Stadien entdeckten Brustkrebsfällen, aber leider nicht dazu geführt, daß dadurch seitdem deutlich weniger Krebsfälle in einem späten Stadium entdeckt werden.

Hier auch noch eine entsprechende Grafik für Deutschland, der vertikale graue Strich im Jahr 2005 bezeichnet die Einführung des Mammographie-Screenings: 

Nach einem Zeitraum von zwölf Jahren seit Beginn des Screenings steht dem hohen Anstieg der gefundenen Fälle von Brustkrebs im Frühstadium kein auch nur annähernd vergleichbar hoher Rückgang der Fälle im Spätstadium gegenüber. 

Das gilt leider auch für die spezielle Altersgruppe, die Anspruch auf regelmäßiges Screening hat: 

Im Vergleich zum Basisjahr 1995 ist die Zahl der Fälle (je 100.000 Frauen) an Brustkrebs im späten Stadium 3 und 4 zwar um ca. ein Drittel von 60 auf knapp über 40 zurückgegangen. Aber gemessen an dem Anstieg der frühen Fälle (Stadium 0 und 1) um ca. 90 Fälle je 100.000 Frauen ist dieser Rückgang um 20 Fälle enttäuschend gering. Der  Grundgedanke beim Screening schien ja eigentlich logisch, aber offenbar stimmte mit den Grundannahmen irgendetwas Wichtiges nicht. Dieser Faktor könnte die erwähnte bereits in einem Frühstadium einsetzende Metastasierung sein. 

Krebszellen entwickeln daneben - ähnlich wie Bakterien auf Antibiotika - Resistenzen gegen die Gifte, mit denen man ihnen bei der Chemotherapie zu Leibe rückt. Jedes Mittel gegen Krebs verliert deshalb nach und nach an Wirkung, deshalb ist es längst üblich, mehrere unterschiedliche Mittel parallel und nacheinander einzusetzen. Gelingt es nämlich nicht, sämtliche vorhandenen Krebszellen zu eliminieren, bevor dieses Nachlassen einsetzt - und ob das gelungen ist, kann man sich ja nie völlig sicher sein -, bekommt man es im zweiten Level beim Rezidiv oder Metastasen mit Krebszellen zu tun, gegen die die alten Mittel viel schlechter oder gar nicht mehr wirken, weil sie Resistenzen entwickelt haben.

Resistenzen von Schädlingen in der Landwirtschaft gegen die eingesetzten Schädlingsbekämpfungsmittel, etwa Pestizide, bieten Einblicke in ein so ähnliches Problem, daß der Krebsforscher Robert Gatenby die zugehörigen Daten für seine eigenen Forschungen aufgriff. Dabei stellte er fest, daß jede mathematische Modellberechnung mit dem Ziel einer vollständigen Eliminierung der Schädlinge auf dem Papier unweigerlich immer zu einem Scheitern der Behandlung führt - wie das bei der Schädlingsbekämpfung in der Praxis in der Tat ebenfalls zu beobachten war und ist: Jedes zunächst erfolgreiche Mittel hat nach einiger Zeit seine Wirksamkeit verloren und mußte durch ein neu entwickeltes anderes ersetzt werden.

Die Lösung, die Gatenby für seinen eigenen Bereich daraus entwickelte und die sich dann nicht nur in der Modellberechnung, sondern auch in Laborversuchen als erfolgreich erwies, obwohl sie scheinbar im Widerspruch zu allen Erfahrungswerten mit überlebenden Krebszellen stand, war eine Strategie, deren Ziel nicht die Ausrottung, sondern lediglich eine Eindämmung der Krebszellen bei entsprechend niedrigerer Dosierung der Medikation war. Das Resultat in der Petrischale im Labor: Die überlebenden nicht resistenten "alten" Krebszellen setzten sich gegen die resistenten "neuen" Krebszellen durch. Es zeigte sich, daß die Resistenz, die die Krebszellen entwickelt hatten, kein Vorteil mehr waren, wenn die resistenten Zellen die für Wachstum nötigen Ressourcen nicht mehr alleine beanspruchen konnten, sondern in Konkurrenz mit den Veteranen der ersten Krebszellengeneration standen, die die Nahrung effizienter einsetzen konnten, weil sie nichts davon für die Resistenzmechanismen abzweigen mußten.  

Offenbar kann es also bei der Behandlung einer Krebserkrankung ein strategischer Fehler sein, so wenig überlebende Krebszellen wie möglich, optimalerweise null, zum Ziel zu setzen. Andererseits wirft diese Annahme weitere Fragen auf. Es ist beispielsweise aber die Frage, wie weit die "alten" Krebszellen dauerhaft eingedämmt werden müßten, um einen Krankheitsausbruch sicher zu verhindern. Welche Menge an überlebenden Krebszellen nötig sind, um eine feindliche Übernahme durch resistente Krebszellen zu verhindern, wäre eine weitere zu beantwortete Frage, und dann natürlich, ob es dabei überhaupt eine Schnittmenge gibt, bei der man als Patient weiter gesund bleibt - denn das ist natürlich das Ziel, das dabei erreicht werden müßte. 

Ich meine, ich hätte schon Studien gesehen, in denen die tatsächliche Wirkung reduzierter Chemotherapeutikamengen bei Krebspatienten untersucht wurde, ohne mir dieses Hintergrunds da aber bereits bewußt zu sein.

In diesem neuen Licht betrachtet, fallen mir auf einmal auch bemerkenswerte Parallelen zur Adipositas-Problematik und den Erkenntnissen auf, die ich aus meiner eigenen Abnahme-Historie gewonnen habe. Um abzunehmen, funktionieren nahezu alle Methoden, sofern sie halbwegs konsequent umgesetzt werden, eine begrenzte Zeit lang, aber ist dieser Zeitraum - typisch sind sechs bis maximal zwölf Monate - überschritten, will das Gewicht fast immer ums Verrecken nicht mehr weiter nach unten gehen. Die besser wirksamen Methoden erkennt man daran, daß das Gewicht in der Folgezeit einigermaßen stabil bleibt. Die schlechteren münden in den Jojo-Effekt. 

Je länger ich mich mit dieser Sache befasse, desto offensichtlicher kommt mir als Muster vor, daß es tatsächlich keine einzige Methode der gezielten Gewichtsreduktion gibt, die man dauerhaft unverändert erfolgreich anwenden kann. Meinen Erfahrungswerten nach gibt es aber trotzdem zwei Möglichkeiten, ein noch nicht erreichtes Zielgewicht auch nach Einsetzen dieser Plateauphase noch zu erreichen: Entweder man verändert etwas an der Herangehensweise (also ergänzt zum Beispiel eine Diät durch Sport oder eine Low-Carb-Ernährung durch Fastenintervalle ...) oder man erhöht die "Dosierung". Damit das letztere aber überhaupt umsetzbar ist, muß man aber mit einer relativ niedrigen Dosierung begonnen haben. Wer gleich alles maximal Mögliche tut, um nur möglichst schnell möglichst viel abzunehmen, der kämpft meistens vergeblich weiter, wenn sich das erwähnte Zeitfenster schließt. Wie und warum ich selbst darauf gestoßen bin und was ich mit "niedrig dosiertem Intervallfasten" für Erfahrungen gemacht habe, kann man in meinem Blog in zahlreichen Beiträgen nachlesen.

Beim Abnehmen ist das Prinzip "Viel hilft viel" meiner Meinung nach jedenfalls kein erfolgversprechender Weg. Daß sich für die Krebsbehandlung möglicherweise dasselbe herausstellen könnte, finde ich bemerkenswert. Wenn in zwei so unterschiedlichen biologischen Bereichen wie Gewichtskontrolle und Krebsbekämpfung gleichartige Methoden wirksam sein sollten, obwohl sich die dahinterstehende Logik in beiden Fällen auf den ersten Blick nicht erschließt, wäre das nämlich bestimmt kein Zufall. Wäre es also möglich, daß man, um biologische Vorgänge aktiv zu beeinflussen, das, was man dabei tut, in irgendeiner Form rhythmisieren muß? 

Das ist  ein Gedanke, der verblüffend viele Anknüpfungspunkte zu als unwissenschaftlich geltenden sogenannten alternativmedizinischen Herangehensweisen enthält, beispielsweise derjenigen der Anthroposophie (der ich selbst eigentlich auch eher reserviert gegenüberstehe). Aber so unwissenschaftlich käme speziell dieser Gedanke mir gar nicht vor. Leben spielt sich jedenfalls augenscheinlich im Rhythmus wiederkehrender Zyklen ab, und biologische Rhythmen sind im Prinzip ja auch wissenschaftlich anerkannt. Warum sollten sie dann nicht auch beim Krebs eine Rolle spielen können?

Kurios kommt es mir aber auch vor, daß ich ausgerechnet bei Dr. Fung diese mögliche Parallele zur Adipositas-Problematik entdeckt habe, aber er selbst sie bislang nicht bemerkt zu haben scheint. Dabei ist Intervallfasten ja sein eigentliches Spezialgebiet und er kann mit allem Recht der Welt stolz auf seine Erfolge in diesem Bereich sein. Aber obwohl ich sicher bin, daß Dr. Fungs Patienten meistens eine dauerhafte Besserung erleben, würde ich auch Haus und Hof darauf verwetten, daß seine Patienten - obwohl das von ihm nicht an die große Glocke gehängt wird - auch dasselbe Problem wie jeder konventionell Abnehmende haben: daß ihre Gewichtsabnahme häufig noch vor Erreichen des Zielgewichts ins Stocken kommt und die bislang erfolgreiche Herangehensweise nach einiger Zeit einfach nicht mehr zu wirken scheint. Darauf deuten jedenfalls seine Tipps im Umgang mit solchen Plateaus hin, die allerdings so enttäuschend konventionell sind, als kämen sie von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Meiner Vermutung nach erzielen sie nur in Ausnahmefällen die erhoffte Wirkung. 

Genau dies, daß ich offenbar in diesem Bereich etwas entdeckt zu haben scheine, das bislang noch niemandem aufgefallen ist, motiviert mich auch besonders dazu, im Anschluß an die Chemotherapie und die Operation möglichst bald das Intervallfasten wieder aufzunehmen, denn ich bin überzeugt davon, daß meine rhythmisierte Herangehensweise es möglich macht, sich ein Zielgewicht nach eigenem Belieben (innerhalb des Normalgewichtsbereichs, versteht sich) festzulegen und damit rechnen zu können, es tatsächlich zu erreichen und im Anschluß dauerhaft halten zu können. Da ich einmal diese These entwickelt habe, will ich natürlich auch beweisen können, daß sie sich - wenigstens in meinem eigenen Fall - als zutreffend erwiesen hat. Und davon lasse ich mich von so ein bißchen Krebs auch nicht abhalten.

Vorzugsweise möchte ich aber natürlich das Halten des Gewichts dann auch noch zwei bis drei Jahrzehnte lang zelebrieren. Dazu sollte ich meine Krebserkrankung entsprechend lang überleben, und somit liegt es nahe, mich auch mit der Frage zu befassen, was Krebs überhaupt ist, wie er tickt und wie man mit ihm sinnvollerweise umgeht. Die kühnste Vision, die ich Dr. Fungs Buch entnehmen konnte, besteht in der Frage, ob der Kampf gegen Krebs wirklich zwingend auch einen Sieg über ihn erfordert oder ob es auch möglich ist, eine Art friedliche Koexistenz zu erreichen, um Krebs, statt ihn mit Stumpf und Stiel ausrotten zu wollen, lediglich unterhalb der Krankheitsschwelle zu halten oder, wo das nicht möglich ist, ihn zumindest in eine nicht lebensbedrohliche chronische Krankheit zu verwandeln. 

Friedliche Koexistenz mit dem Krebs? Das klingt ungefähr so absurd wie "Friedliche Koexistenz mit Putin".  Aber andererseits, wenn mein Krebs wirklich dazu gebracht werden könnte, mich nicht mehr umbringen zu wollen, warum sollte ich ihm dann unbedingt etwas tun wollen? Aus reiner Prinzipienreiterei ganz bestimmt nicht. Ich bin noch nie ein Anhänger des optimierungswahnsinnigen Hundertfünfzigprozenttums gewesen, will heißen: Ich mache so viel, wie zum angestrebten Zweck erforderlich erscheint, aber nicht mehr als das. Es sei denn natürlich, es macht Spaß, mehr als das zu tun, da Spaß immer und eindeutig ein Vorteil ist. (Nur fürs Protokoll: Eine friedliche Koexistenz mit Putin halte ich unter vergleichbaren Voraussetzungen natürlich auch für möglich. Allerdings stelle ich mir das, ehrlich gesagt, um einiges schwieriger vor, als mit meinen Krebszellen eine zufriedenstellende Kompromißlösung zu finden.)

Bei Krebserkrankungen, die nicht kurativ - also mit dem Ziel einer Heilung - behandelt werden können, geht man ja längst nach diesem Prinzip vor: Wenn man keinen gangbaren Weg mehr zu einer Heilung erkennen kann, ändert man das Ziel der Therapie. Es besteht dann darin, möglichst lange und möglichst gut mit dem Krebs leben zu können. Der Unterschied in dem Gedankenspiel mit der friedlichen Koexistenz bestünde darin, daß es im letzteren Fall um Mittel gehen würde, mit Krebs zu leben, ohne durch ihn krank zu werden. Oder - denn wie definiert man schließlich "krank" in diesem Fall korrekterweise? - jedenfalls nicht gravierender dauerhaft behandlungsbedüftig, als man es beispielsweise durch Schwerhörigkeit oder eine Schilddrüsenüberfunktion auch wäre, also ohne deshalb von Schmerzen und Einschränkungen geprägtes Siechtum und einen frühen Tod befürchten zu müssen. Auch wenn die heutige Palliativtherapie mittlerweile nicht mehr mit einer relativ kurzen Begleitung eines Sterbeprozesses verwechselt werden sollte, ginge das ein gutes Stück über das hinaus, was sie heute bieten kann. 

Ob diese Vision wirklich erreicht werden kann? Keine Ahnung. Aber die Zielsetzung eines Null-Krebszellen-Menschen scheint jedenfalls nicht erreichbar zu sein, also spricht auch nichts dagegen, die Möglichkeiten auszuloten, die sich aus diesem neuen Ansatz ergeben könnten.

Dr. Fung jedenfalls hält die Immuntherapie für einen der zugehörigen Schlüssel und verweist dabei unter anderem darauf, daß in den zwar seltenen, aber im Lauf der Jahrhunderte doch immer wieder in Einzelfällen dokumentierten Fällen einer Heilung von Krebsleiden Infektionserkrankungen des Krebspatienten und deren Bekämpfung durch das Immunsystem häufig eine zentrale Rolle gespielt haben. In Zeiten vor Erfindung von Antibiotika endeten sowohl zufällig mit einer Krebserkrankung zusammentreffende Infektionen wie auch sporadisch versuchte experimentelle Krebstherapien, die auf bewußtem Infizieren von Krebskranken mit einer ansteckenden Krankheit beruhten, natürlich in den allermeisten Fällen noch viel schneller mit dem Tod, als ihn der Krebs aus eigener Kraft hätte herbeiführen können. Die damit verbundenen Spontanheilungen des Krebsleidens waren Seltenheiten. Wie auch immer, das Immunsystem mittels einer Infektion zu aktivieren, kann offenbar dazu führen, daß es sich so sehr in den Bud-Spencer-Modus hineinsteigert, daß es, wenn von den zunächst angegriffenen Bakterien keines mehr einen Mucks macht, als Nächstes anfängt, bislang unbeachtet vor sich hinwuchernde Krebszellen als weiteren Feind zu identifizieren und ebenfalls zu Kleinholz zu machen. 

Wie man dieses Verhalten beim Immunsystem aktiv und gezielt auslöst, ist eine wissenschaftliche Aufgabenstellung, die im Erfolgsfall ähnliche umwälzende Wirkung haben könnte wie die Entdeckung der Krankheitserreger auf die Sterblichkeit durch Infektionskrankheiten.

Die Vorteile von Immuntherapien gegenüber den anderen gebräuchlichen Behandlungsmethoden bei Krebserkrankungen beschreibt Jason Fung folgendermaßen: 

  • Das Immunsystem ist im Gegensatz zu einer dauerhaft festgelegten Medikation anpassungsfähig und entwickelt sich - ebenso wie die Krebszellen -  ständig an die Anforderungen von außen angepaßt weiter.  
  • Das Immunsystem hat ein Gedächtnis. Dies kann Rückfälle verhindern oder jedenfalls abmildern. Wer z. B. heute an Corona erkrankt, dessen Immunsystem kann Informationen aus früheren Infektionen bzw. den Impfungen abrufen und die Krankheit wirksamer bekämpfen. 
  • Immuntherapien sind für gesunde Zellen nicht toxisch, nur für die Art von Zellen, die als Eindringlinge identifiziert werden. Krebszellen sind zwar Meister der Tarnung, um nicht als solche erkannt zu werden, aber Medikamente wie z. B. Trastuzumab wirken unter anderem deshalb, weil sie die Tarnung aufheben und damit für das Immunsystem den Feind leichter identifizierbar machen.
  • Immuntherapien sind keine lokalen, sondern systemische Behandlungen, die Krebszellen auch dort zerstören, wo sie andernfalls unentdeckt und unangetastet geblieben wären. Sie können deshalb auch im Spätstadium einer Krebserkrankung wirkungsvoll sein. 
  • Eine Immuntherapie kann in Kombination mit einer Strahlenbehandlung teilweise sogar die Wirkung der Strahlenbehandlung, die andernfalls nur den bestrahlten Bereich betrifft, systemisch werden lassen (sogenannter "abskopaler Effekt").

Ich habe Hemmungen, vorschnell auf den zu erwartenden Sieg gegen den Krebs eine Flasche Schampus zu öffnen, denn erstens kann das noch ganz schön lange dauern, und zweitens hat sich bislang noch bei jedem Lösungsansatz herausgestellt, daß er bei einigen (wenigen) Arten von Krebs prima funktioniert, aber bei anderen viel schlechter oder gar nicht. Das kann sich natürlich auch hier wieder herausstellen. Wie auch immer, die wegen ihres Corona-Impfstoffs berühmt gewordene Firma Biontech scheint auch in diesem Bereich die Nase wieder ziemlich weit vorn zu haben, rechnet aber erst für das Jahr 2030 mit einer Zulassung der von ihr entwickelten mRNA-Krebstherapie.

Acht Jahre sind natürlich eine verdammt lange Zeit, falls man bereits Krebs hat. Glück im Unglück hatte ich wohl damit, daß ich ausgerechnet diesen HER2-positiven Brustkrebs zu einem Zeitpunkt bekommen habe, zu dem sich die Therapiemöglichkeiten in den letzten Jahren dramatisch verbessert haben. Die Wirkstoffkombination, die ich bekommen werde, ist weniger als zehn Jahre im Einsatz, aber immerhin schon lange genug, daß seit dem Sommer ein Zwischenergebnis nach 8,4 Jahren für die einschlägige Studie vorliegt.  "Das Prinzip der mRNA-Impfung bei Krebs ist, dass man dem Immunsystem die Erkennungsmerkmale des Tu­mors präsentiert – mit der Aufforderung, die Zellen, die dieses Merkmal aufweisen, zu attackieren", so beschrieb Biontech die Wirkweise ihrer Therapie, und ganz ähnlich scheint das auch hier zu funktionieren. Es bringt also das Immunsystem in den Bud-Spencer-Modus. 

Abschließend nun noch einmal wirkliche Zukunftsmusik: Was es wohl gesellschaftlich bedeuten würde, falls es eines Tages normal geworden sein sollte, Krebs mit relativ einfachen Mitteln unterhalb einer Krankheitsschwelle halten zu können? Als Vergleichsbeispiel fallen mir nämlich die zahlreichen und in Summe gesellschaftlich geradezu umwälzenden Veränderungen ein, die direkt oder indirekt mitausgelöst wurden, als Empfängnisverhütung sich im Alltag durchgesetzt hatte. Obwohl Verhütung, rein statistisch betrachtet, ungewollte Schwangerschaften viel schlechter verhindern kann, als es allgemein geglaubt wird (Pearl-Index 0,5 für einige Pillen-Sorten etwa bedeutet in 20 Jahren sexueller Aktivität ein Risiko von immerhin 10 % auf eine ungewollte Schwangerschaft, das heißt, jede zehnte Frau, die das betreffende Verhütungsmittel regelmäßig und korrekt anwendet, wird einmal in diesem Zeitraum ungewollt schwanger) hat alleine schon das Bewußtsein, daß jeder und jede selbst entscheiden könne, ob, wann und wieviele Kinder man bekomme, unsere Gesellschaft und vor allem die Rolle der Frau in ihr dramatisch verändert. 

Was passieren wird, wenn Krebs seinen Schrecken verliert, möchte ich selbst natürlich auch miterleben. Ich hoffe, wir sind da schon nahe genug dran, daß ich dafür nicht mehr als hundert Jahre alt werden muß. ;-)



Mittwoch, 7. Dezember 2022

Finde die Unterschiede: alt.doc und neu.doc

Sternzeit 03-08: Chemo-Zyklus 3, Tag 8. Mein Gewicht heute früh: 87,8 Kilogramm. Kurzfristig war es nach dem Ende der Low-Carb-Phase tatsächlich über die 88 geschossen, und ich fürchte fast, dort werde ich vor Ende des Zyklus 3 doch wieder landen. Ich habe gewichtstechnisch sogar noch üblere Befürchtungen, die in Zusammenhang mit einigen therapeutischen Planänderungen stehen. Es könnte mir jetzt doch noch passieren, daß ich bis zum Ende der Chemotherapie ein paar Zusatzpfunde stehen haben werde, und ebenso, daß ich wenig Optionen zum Gegensteuern haben werde. Aber erstens geht es dabei auch im ungünstigen Fall nicht um riesige Zunahmen, und zweitens werde ich, falls das eintreten sollte, dann halt ein oder zwei Kilo oberhalb meines jetzigen Gewichts den Faden wiederaufnehmen müssen. Die therapeutische Planänderung scheint mir diesen Preis aber wert zu sein, also werde ich den Tatsachen, sollten sie wirklich so eintreten, gefaßt ins Auge sehen. ;-) 

Stichwort "Therapeutische Planänderung": Ja, der lange erwartete, gleichzeitig herbeigesehnte wie auch -gefürchtete Arzttermin bei meinem neuen Onkologen hat gestern stattgefunden, und mir ist ein wahrer Mühlstein vom Herzen gefallen. Denn dieser Arzt erwies sich als ein echtes und positives Kontrastprogramm zu seinem Vorgänger. Mit meiner weiteren Behandlung fühle ich mich bei ihm endlich in guten Händen. 

Irgendwann, glaube ich, habe ich schon erwähnt, daß mein neuer Arzt bei Jameda viel schlechtere Bewertungen als der alte hat. Auch das wundert mich nach dem gestrigern Termin nicht, denn ein bißchen "special" ist er schon. Zu mir paßt auch dieser Teil eigentlich gar nicht so schlecht, aber ich vermute mal, für Zartbesaitetere, die gerade eine niederschmetternde Diagnose bekommen haben, ist er vielleicht ein bißchen gar zu, wie soll ich es sagen?, effizient. Sogar ich fühlte mich ein bißchen, als wäre ich von einem Panzer überrollt worden. ;-) 

Dieser Mann redet nämlich genauso ohne Punkt und Komma wie der andere Arzt, allerdings verfällt er dabei nicht in langatmige Schwafelorgien, sondern faßt sich kurz und bringt die Informationen strukturiert und geordnet auf den Punkt. Er schafft es dabei sogar, drei Viertel der Fragen vorauszusehen, auf die man von ihm Antworten hören möchte, und die Antwort zu geben, noch bevor man fragen kann. Anders als bei seinem Vorgänger war es bei ihm aber auch möglich, das fehlende restliche Viertel ebenfalls noch zu fragen, und weil er mich zuvor nicht ins Koma gepredigt hatte, verfügte ich auch noch über die nötige Geistesgegenwart dafür, ihn zu stoppen, als er schon aufstehen wollte in der Annahme, die Audienz sei nun aufgehoben. Zweimal mußte ich ihn bremsen, und jedes Mal setzte er sich ohne Zögern zurück auf den Stuhl, hörte aufmerksam zu und ich bekam präzise Antworten, die alle schließbaren Wissenslücken wirklich schlossen. (Und welche Lücken aus welchen Gründen jetzt noch nicht geschlossen werden können, weiß ich jetzt auch.)

Das alles nahm nur einen Bruchteil der Zeit in Anspruch, die ich eigentlich erwartet hätte, ohne daß ich aber das Gefühl bekommen hätte, übereilt abgefertigt worden zu sein. Gerade daß ich ihn zweimal in das Gespräch "zurückholen" mußte, war mir sogar eine Art Erleichterung. Daß ich bei alt.doc nicht zu Wort kam, liegt also doch nicht daran, daß ich plötzlich so ein zimperliches Sensibelchen mit Sprechhemmung geworden bin, denn als solches wäre ich bei neu.doc auch nicht zu Wort gekommen.

Was mir an diesem Arzt sehr gefiel: Er hat mich gestern ja zum allerersten Mal gesehen und meine Akte wohl direkt im Vorfeld des Gesprächs ebenfalls zum ersten Mal in der Hand gehabt. Als ich hereinkam, hat er mir unaufgefordert SÄMTLICHE Fragen beantwortet, die eigentlich beim Aufklärungsgespräch seines Vorgängers hätten beantwortet werden sollen - auch diejenigen, zu denen ich mir meine Antworten bereits an anderer Stelle selbst zusammengesucht hatte. Also: Was bedeutet der HER2-positive Subtypus und so weiter. Wo seine Erklärung Abweichungen zu den von mir gefundenen enthielt, konnte ich rückfragen und tat das auch. Aber viel war es nicht, das auf diese Weise zunächst noch offen geblieben war.

Außerdem erfuhr ich alles zu seiner Einschätzung der letzten Mammographie, über die zu erwartende Entwicklung beim Tumor ("Er reagiert auf die Chemo, mehr als das ist gerade nicht wichtig. Bis zum vierten Chemo-Zyklus wird er vermutlich, aber nicht besonders stark, weiterschrumpfen. Das ist in Ordnung so. Das eigentlich Wichtige, daß er auf einmal rapide kleiner wird, passiert erst ab Januar bei der Antikörperbehandlung und dann kann unter Umständen alles sehr schnell gehen") ... und wahrhaftig, offenbar braucht es für die Entscheidung über den Titan-Clip doch keine Tumorkonferenz, denn er verfügte, dies werde selbstverständlich und in jedem Fall gemacht ("Bei statistisch 60 % Kompettremissionen ist das gar keine Frage"). 

Als er mich dann in die Umkleide bat, weil er mich nun auch noch untersuchen wolle, ist mir zum ersten Mal klargeworden, daß sein Vorgänger es wahrhaftig nicht einmal für nötig gehalten hatte, mich körperlich zu untersuchen. Das war mir gar nicht bewußt geworden, weil ich ja in dieser Anfangszeit praktisch täglich bei irgendwelchen anderen Untersuchungen diverser involvierter Fachärzte und gefühlt dauernd mit BH an, BH aus beschäftigt gewesen war. Aber tatsächlich: Ausgerechnet der Onkologe hat sich überhaupt nicht angeschaut, wie das, was auf dem Mammogramm zu sehen war, eigentlich von außen aussah. Wieder einmal konstatiere ich: Ich kann mir nicht vorstellen, daß das für einen Onkologen normal ist. Und da das, was ich gestern erlebt habe, auf mich einen beruhigend normalen Eindruck machte, jetzt erst recht nicht mehr.

Als mein  Arzt sich zum dritten Mal vom Tisch erhob, hatte auch ich keinen Anlaß mehr, ihn weiter zurückzuhalten, und wurde von ihm zur Chemo-Schwester begleitet, und nun bekam sie einen ganzen Haufen neue Instruktionen. Die erste betraf eine Änderung des Therapieschemas, die er mir im Gespäch bereits angekündigt hatte ("Das hat in Ihrem Fall voraussichtlich eine bessere Wirkung."). 

Ab Januar war ja eigentlich geplant: 12 x Chemotherapie mit Taxol, einmal die Woche, dazu jede dritte Woche die "Doppelblockade", also Antikörpertherapie mit Trastuzumab und Pertuzumab. Nach dem neuen Plan werde ich auch ab Januar wieder im Drei-Wochen-Rhythmus Chemo bekommen, und zwar Taxol plus Cisplatin und dazu jeweils die Doppelblockade. Insgesamt also wieder vier Chemo-Termine über einen Zeitraum von 12 Wochen, wie schon dieses Jahr.

Bessere Wirkung toppt natürlich nahezu alles andere. Ein bißchen schade ist es aber darum, daß damit die Gewichtsabnahme durch drei Fastentage pro Chemozyklus nun natürlich nicht zu erwarten ist, und da ich schon jetzt so nahe an den 88 Kilogramm bin, mache ich mir ein bißchen Gedanken darüber, ob ich ohne Low Carb bis zum Jahreswechsel vielleicht ja doch die 90 Kilo wieder überschreiten werde. Seither fand ich auch das okay, weil ich mit geplanten drei Fastentagen die Woche ja sowieso ab Januar wieder abgenommen hätte. Aber das hat sich jetzt ja erledigt. Aber ich bleibe trotzdem dabei, daß ich mit Low Carb erst im Januar nach dem Urlaubsende meines Mannes wieder anfangen werde. 

Zumindest bleibt mir der Trost, daß heftigere Rückschläge nicht zu befürchten sind und ich bei der Low-Carb-Umstellung sofort wieder die berühmten ein bis zwei Kilo Wasser herunter haben werde. Alles weitere hat Zeit. Ich bin mir sicher, daß ich keine Probleme haben werde, irgendwann - vermutlich einige Zeit nach der OP, ich tippe mal auf Mai oder spätestens Juni - einfach den Faden mit dem Fasten wieder neu aufzunehmen und mich dann wahrscheinlich sogar erst einmal wieder über eine ziemlich schwungvolle Anfangsabnahme freuen kann.

Apropos Fasten: In der Frage des Fastens bekam neu.doc zwei von drei möglichen Punkten: Er hat überhaupt kein Problem damit, daß ich faste, kannte die Basics, auf die man als Patient achten sollte, wenn man fastet, interessiert sich aber ansonsten nicht weiter dafür. Das ist immerhin schon eine ganze Menge, also will ich jetzt nicht so anspruchsvoll werden, von ihm auch noch Enthusiasmus zu verlangen.

Die Chemo-Schwester bekam außerdem Anweisung, diverse Termine für Januar bereits jetzt festzulegen ("Nach der nächsten Mammographie und vor Beginn des zweiten Teils der Chemo will ich die Frau Perditax noch einmal sehen"). Und noch eine weitere Kuh schubste neu.doc gleich auf der Stelle vom Eis: "Ändern Sie bitte auch die Überweisung für die Mammographie, an dem Termin muß auch noch der Titan-Clip gesetzt werden." 

Ich gestehe, in diesem Moment habe ich unter meiner Maske in mich hineingegrinst, als ich mir das Gesicht des Precht-Doppelgängers vorstellte. 

Unklar sind nun nur noch Entwicklungen, die man Stand heute einfach noch nicht vorhersagen kann. So zum Beispiel die Weiterbehandlung nach der OP (die vier bis acht Wochen nach der letzten Chemo zu erwarten ist). Welche der möglichen Optionen als die in speziell meinem Fall bestmögliche gewählt wird, hängt vom Stand der Dinge ab, die sich zum OP-Zeitpunkt ergeben haben. Aber ich habe jetzt kein Problem mehr damit, mich einfach darauf zu verlassen, daß mein Arzt diese Wahl richtig treffen wird. Gerade daß er das Therapieschema, das keinesweges unüblich ist, verändert hat, zeigt mir, daß er gewohnt ist, Optionen der Sachlage anzupassen, anstatt einfach Schema F zu nehmen, weil man dafür das Hirn nicht erst einschalten muß.

Das nehme ich als Ansporn, auch mein eigenes Hirn jetzt auch nicht einfach auf Durchzug zu schalten, sondern die Sache weiter aktiv zu verfolgen. Daß etwaige Bedenken geäußert werden können und beantwortet werden, ist ja ein viel erfreulicherer Anreiz dafür, als das Gefühl zu haben, man müsse ständig aufpassen, um den lustlos vor sich hinwurstelnden Arzt daran zu hindern, einen versehentlich abzumurksen. Es ist doch gleich ein ganz anderes Gefühl, wenn man weiß, daß der Chemo-Zug nicht nur bereits auf Fahrtgeschwindigkeit gekommen ist, sondern auch die Weichen schon richtig gestellt wurden und niemand bis zum letzten Moment - oder einer Kollision - warten wird, um die nächste zu stellen.

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Nachdem ich gestern von dem geschilderten Arztbesuch geradezu euphorisch nach Hause gekommen war, erlebte ich nachmittags den unangenehmsten Nebenwirkungs-Tag, den ich bislang gehabt hatte. Daran war möglicherweise eine Kombination ungünstiger Faktoren schuld: 

  • Tag 07 im Zyklus ist innerhalb des Zyklus sowieso immer einer von den zwei oder drei mit den stärksten Nebenwirkungen.
  • Am Vorabend hatten ausgerechnet zur Schlafenszeit dieselben Muskelschmerzen eingesetzt, die mich im Vorzyklus nachts ereilt hatten. Als Folge schlief ich sehr unruhig. Der Arzttermin war außerdem so früh, daß ich den Wecker auf eine Stunde früher stellen mußte. Deshalb habe ich in dieser Nacht ziemlich wenig Schlaf bekommen, und das kann einen schlechten Nebenwirkungstag noch weiter verschlechtert haben.
  • Ausgerechnet dieser Tag wurde dann ab der Mittagszeit noch extrem stressig, dabei spielten diverse Unwägbarkeiten, die mir plötzlich übermäßige Eile bei einem Projekt bescherten, aber ebenso die ständig läutenden Türklingel eine Rolle.
  • Unter Umständen hat auch eine Rolle gespielt, daß ich in diesem Zyklus nicht Low Carb esse, denn diesmal hatte ich zum allerersten Mal leichte Magenbeschwerden. 
  • Auch der Temperatursturz mag mit hineingespielt haben. Auffallend finde ich, daß ich gestern und vorgestern zwei Tage lang pausenlos Hunger hatte (sogar während der Magenbeschwerden), vielleicht hing das ebenfalls damit zusammen.

Wobei "Mein ungenehmster Nebenwirkungs-Tag" natürlich dennoch weiterhin Jammern auf hohem Niveau bedeutet, denn unangenehm war es zwar im Vergleich mit dem unangenehmsten Tag in Zyklus 1 und 2 sowie allen zweit-, dritt- und nächstunangenehmen Tagen der Chemo, die ich bislang hatte, aber dennoch immer noch recht harmlos. Ärgerlich war es halt, weil ich durch eine Verkettung unglücklicher Umstände eigentlich einen Tag mit voller Leistungsfähigkeit nötig gehabt hätte und stattdessen pausenlos unterbrochen wurde, bis ich mich sowohl physisch merklich angeschlagen als auch extrem schlechter Laune fühlte. Was mir dabei besonders auffiel: Zum ersten Mal seit dem ersten Zyklus hatte ich gestern wieder einmal einen ziemlich intensiven metallischen Geschmack im Mund. Eigentlich hatte ich mit dessen Wiederkehr gar nicht mehr gerechnet.

Im Laufe des Nachmittags wurde dann, wie gewohnt, aber alles wieder besser und gegen Abend heiterte sich auch meine Laune - die immer ein bißchen länger braucht, wenn sie erst einmal schlecht geworden ist - langsam wieder auf, und als ich schlafen ging, hatten auch die muskelkaterähnlichen Beschwerden bereits so stark nachgelassen, daß ich in dieser Nacht schlief wie ein Stein. (Das böse Erwachen kam erst, als ich nach dem Aufstehen merkte, daß ich vergessen hatte, den Wecker wieder auf die richtige Weckzeit zu verstellen ...)

Der heutige Tag liegt bislang ungefähr im Rahmen dessen, was ich am "Tag nach dem unangenehmsten Nebenwirkungs-Tag" bei dessen ganz normalem Verlauf erwartet hätte: Alles im grünen Bereich, wenn es sich auch nicht vollständig normal anfühlt. Das Telefon habe ich heute allerdings über den Vormittag stummgeschaltet, nur für alle Fälle, und bin auch nicht zur Tür gegangen, wenn es klingelte (das passierte auch heute immerhin zweimal). Noch einmal wollte ich mich nicht in eine Nebenwirkungsspirale hineinstressen lassen.

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Im vorletzten Blogartikel hatte ich Professor Martin Smollich erwähnt, einen bloggenden Ernährungswissenschaftler, dessen Blogartikel zur Frage des Fastens bei Chemotherapie mir positiv aufgefallen war. Ich hätte wohl darauf verzichten sollten, ihm bei Twitter zu folgen, denn das erwies sich als eher ernüchternde Erfahrung. Sein heutiger Tweet, mit dem er eine Studie zum Intervallfasten mit einer Fragestellung, die in ihrer Falschheit in der Herangehensweise fast schon ein falsches Ergebnis erzwingt, quasi mit einer Art Weiterempfehlung versehen hat, mißfiel mir vor allem deshalb, weil Smollich überhaupt nicht bemerkt zu haben scheint daß das Studienergebnis auch dann, falls es wissenschaftlich seine Richtigkeit damit haben sollte, schlicht keine Relevanz hat.

Intervallfasten, so wollen in dieser Studie kanadische Forscher, zweifellos in mühevoller Kleinarbeit, nämlich herausgefunden haben, sei "vor allem bei jungen Frauen" mit Eßstörungen assoziiert. Einen Beleg dafür, daß dies bei Intervallfasten im Unterschied zu anderen Arten von gewichtsregulierenden Gewohnheiten junger Frauen geschieht, erbrachte die Studie nicht. Ebensowenig wurde belegt, daß es bei Intervallfasten häufiger als bei anderen gewichtsregulierenden Gewohnheiten mit einer Eßstörung verbunden ist. Wären aber diese beiden Fragen nicht vorab zu beantworten, falls es darum ginge, mit dem Ergebnis der Studie ein "Real Life Problem" zu lösen? 

Eßstörungen sind ein Real Life Problem, daran habe ich spätestens seit meiner Zeit im Abnehmforum gar keinen Zweifel mehr. Daß bedenklich viele junge Frauen immer wieder oder sogar dauerhaft auf einem sehr schmalen Grat zwischen von außen vorgegebenen Schönheits-, aber auch Fitness- und Gesundheitsvorstellungen einerseits und der Entwicklung einer Eßstörung bei der fortgesetzten Bemühung, sie zu erfüllen, andererseits balancieren, darauf können wir uns gerne einigen. Wie aber der Herr Professor zu der Überzeugung gekommen sein mag, es spontan für überzeugend nachgewiesen zu halten, daß speziell das Intervallfasten dabei eine beunruhigendere, weil größere Gefahr als all die anderen üblichen Mittel (darunter nicht das ungefährlichste: die vielgepriesene sogenannte "ausgewogene Ernährung") darstellen könnte, bleibt einstweilen sein Geheimnis ... und darf es von mir aus auch weiter bleiben, denn ich gebe zu: Was ich von ihm bei Twitter zu sehen bekomme, liegt so weit unter den Erwartungen, die sein Blogartikel bei mir geweckt hatte, daß ich ihn vielleicht doch besser einfach wieder entfolge, statt mir durch weiteres Eingehen auf diese Art von geistigen Pfützentretereien unnötig meine Zeit selbst zu stehlen.

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Eine interessante Entwicklung in der bzw. um die Low-Carb-Gemeinde herum: Nassim Nicholas Taleb - ich meine mich zu erinnern, daß er auch schon Low-Carb-Fan gewesen ist - glaubt die statistische Herangehensweise einer ihrer prominenteren Vertreterinnen, der Wissenschaftsjournalistin Nina Teicholz - in der Frage der Gesundheitsschädichkeit roten Fleischs - der sie widerspricht - widerlegen zu können. Ich habe leider gerade keine Zeit dafür, mir sein Video anzuschauen, aber das werde ich baldmöglichst nachholen ... allerdings ahne ich schon, daß ich am Ende nicht allzu beeindruckt sein werde, weil der Bereich, in dem sich die Lebensrealität nur noch unvollkommen in Zahlen ausdrücken läßt, die Epidemiologie zu einer Art Astrologie auf höherem Niveau gemacht hat, weshalb eine praktische Umsetzung auf Basis tadellos richtiger Berechnungen sich sogar das falscheste von allem herausstellen kann. Wer mit so etwas Lebensplanung betreibt, macht sich über kurz oder lang unglücklich, also kann es mir eigentlich egal sein, ob Frau Teicholz recht oder unrecht hat und sogar, ob es sich um einen verzeihlichen oder unverzeihlichen Fehler oder sogar eine absichtliche Lüge handelt.

Talebs höhere Kompetenz in Sachen Statistik zweifle ich eigentlich nicht an, gut möglich also, daß seine Kritik berechtigt ist. Was mich wundert, ist, daß er es für erforderlich hält, Frau Teicholz gar so aggressiv anzugehen. In solchen Fragen kennt Taleb, glaube ich, ungeachtet persönlicher Präferenzen zwar sowieso keine Verwandtschaft, aber vielleicht habe ich ja auch eine nichtmathematische Abkühlung seines Verhältnisses zu Low Carb verpaßt, beruhend etwa darauf, daß seine Gewichtsentwicklung einfach nicht mehr überzeugend genug ausfällt, und das ist der Grund, warum er plötzlich so militant reagiert. - Genau so etwas meine ich übrigens auch, wenn ich davon spreche, daß sich die Lebensrealität nur unvollkommen in Zahlen ausdrücken läßt. Ob Taleb recht hat, finde ich weit weniger interessant als, warum er gerade unbedingt recht behalten will.

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Herrje, beinahe hätte ich es vergessen: Mit dem Bad-Sideeffects-Day, immer auch der Tag, an dem Veränderungen zu erhoffen sind, wurde ich am Ende immerhin durch eine auffällige Verkleinerung der Murmel in der Achselhöhle wieder versöhnt. Sie ist noch da, aber nicht mehr sonderlich "oberflächennah". Ich kann sie nämlich nur noch ertasten, wenn ich die albernsten Verrenkungen mache. Eine Veränderung in der Brust ist, wenn auch weniger auffällig, meinem Eindruck nach ebenfalls vorhanden.






Freitag, 2. Dezember 2022

Ein paar ganz normale Alltagsgedanken

Ja, der Alltag hat mich längst wieder, nur enthält er halt ein paar neue Komponenten. Wen es vor dem Thema Krebs gruselt, klickt also am besten gleich wieder weg. ;-)

Mein Gewicht heute früh: 85,1 Kilogramm, nachdem ich gestern das viertägige Fasten gebrochen und zusätzlich zum ersten Mal wieder normal gegessen habe. Wie es bis zum nächsten Fasten weitergeht mit meinem Gewicht, kann ich jetzt noch nicht sagen, weil mir für diese veränderte Konstellation die Erfahrungswerte fehlen. Ich tippe aber darauf, daß mein Gewicht, das mit Low Carb von einem mit Fasten verbundenen Chemo-Zyklus zum nächsten bis auf um die 86 Kilogramm hochgegangen ist, nun die 87 Kilogramm wieder toppen wird. Vielleicht erreiche ich auch 88 Kilogramm, aber ich hoffe, mehr als das wird es nicht, bevor ich im Januar dann wegen der wöchentlichen statt dreiwöchigen Chemozyklen wohl wieder mit einer Abnahme rechnen kann.

Mit meinem Mann zusammen hatte ich gestern am Nachmittag einen Banktermin, und das haben wir zum Anlaß genommen, ein nahe der Bank gelegenes Lokal zu besuchen, das wir gerne mögen und zwar nicht allzu häufig, aber doch mehrmals im Jahr aufsuchen. Da mein Mann bei Frühschicht seine erste Mahlzeit zum Nachmittagskaffee zu sich nimmt, war ein verspätetes Mittagessen (und gleichzeitig vorgezogenes Abendessen) eine Idee, die ihm sofort gut gefiel. Ich selbst mußte beim Fastenbrechen (morgens noch in Low Carb) allerdings sehr aufpassen, daß ich nicht zu viel esse, denn ich wollte natürlich nachmittags auch ordentlich Hunger haben.

Essengehen ist wegen meines Immunsystems während der Chemo ja ein bißchen heikel, deshalb fand auch ich die Idee so gut, den Nachmittag zu nutzen, wenn in der Gastronomie weniger los ist. Das Lokal erwies sich dann zwar als überraschend besser besucht als erwartet, aber zumindest nicht als überfüllt. Ich habe also gestern mein erstes Bier seit zwei Monaten genossen, dazu die ersten Spätzle und den ersten Kaiserschmarrn (aber von dem nur ein paar Bissen, mein Mann hatte ihn bestellt) und wir hatten einen Tischnachbarn, der uns in ein Gespräch verwickelte. So was macht mir immer Spaß, solange man damit nicht an einen Langweiler gerät, und er war keiner. Es ist unwahrscheinlich, daß wir das allzu bald wiederholen werden, aber es war das Risiko allemal wert. Ich kann mich ja nicht für das nächste Dreivierteljahr in einen Einsiedler verwandeln.

An Tag 3 von Chemo-Zyklus 3 merke ich die Nebenwirkungen ungefähr gleich wie im letzten Zyklus: leichter Schwindel, kaum merklich der metallische Geschmack im Mund, meine Nasenschleimhaut ist leicht geschwollen (ich mache vorsichtshalber morgens immer ein Spülung mit Kochsalzlösung und wiederhole das untertags, wenn ich das Gefühl habe, es wird stärker). Tag Null und Tag 1 war ich völlig symptomfrei, gestern fing es dann wieder an (bis zum Nachmittag wurde es schleichend stärker, aber als wir das Lokal verließen, merkte ich schon nichts mehr davon), und heute verläuft es ebenso. Bis zum Montag wird es sich wohl sukzessive immer vormittags bis zum Mittag oder frühen Nachmittag weiter verstärken und ab Dienstag sich wieder abschwächen und zum nächsten Wochenende unter der Wahrnehmungsschwelle verschwinden, jedenfalls sofern der Verlauf so ist wie beim letzten Zyklus. 

Heute habe ich gelesen, daß eines der Chemo-Mittel aus meinem Cocktail, Cyclophosphamid, ein Senfgas-Derivat ist - also eine Weiterentwicklung aus einem Giftgas, das im Ersten Weltkrieg zu trauriger Berühmtheit gekommen war - und zu den ältesten Chemotherapie-Mitteln gehört. Die Forschungen, die zu der Entwicklung von Cyclophosphamid führten, begannen schon in den vierziger Jahren, entwickelt wurde es in den Fünfzigern und patentiert in den Sechzigern. Hätte ich nicht gedacht, daß ein so altes Mittel bis heute in der Krebsbehandlung noch nicht durch etwas Besseres ersetzt werden konnte. Denn ansonsten ist es bemerkenswert, wie viel gerade in der Krebstherapie, insbesondere bei Brustkrebs, in Bewegung ist. Behandlungsschemata, die noch vor fünf, sechs Jahren üblich gewesen sind, gelten in Teilbereichen mittlerweile als veraltet, weil sich die Behandlung von Brustkrebs zunehmend immer weiter ausdifferenziert. Das macht natürlich auch Online-Recherchen schwierig, weil das Web nicht vergißt und man damit rechnen muß, auf viele "Wissenschaftliche Wahrheiten von vorgestern" zu stoßen, die längst nicht mehr für gültig gehalten werden. Nur sieht man das, wenn es Fach- oder seriöse Sachtexte sind, natürlich nicht an. Man sollte also immer auf das Publikationsdatum achten und nach möglichst neuen Informationen suchen.

Es kursieren auch viele einander widersprechende Annahmen zu Ernährungsfragen. Daß Krebszellen glukosegierig sind, dürfte den meisten Leuten mittlerweile bekannt sein, und daher kommt auch die Annahme, man könne Krebs einfach "aushungern". Ganz so einfach ist die Sache mit dem Aushungern natürlich nicht, aber ich nehme an, man kann zumindest das Wachstum verringern oder vielleicht auch ganz ausbremsen. Widersprüchliches hört man vor allem über Protein - mein Ex-Onkologe betonte, wie wichtig eine Ernährung mit ausreichendem Eiweißanteil während der Chemo sei, andere wiederum fänden es besser, dann auf tierisches Eiweiß zu verzichten, weil Tumore daran ebenfalls Bedarf haben. Das Problem dabei: Bekommen sie es nicht über die Nahrung, verfügen sie über Mittel und Wege, es aus meiner Muskulatur zu holen, und das will ich ja erst recht nicht. Das ist deshalb einer der wenigen Punkte, in denen ich mit meinem Ex-Onkologen spontan einer Meinung gewesen bin, und aus diesem Grund werde ich im Januar zu Beginn der zweiten Chemo-Phase mit den wöchentlichen Zyklen vorsichtshalber auch wieder auf Low-Carb-Ernährung wechseln. 

Rein statistisch gesehen, sind die Aussichten, als Brustkrebspatientin die nächsten zehn Jahre zu überleben, für Krebspatienten erstaunlich gut, zwischen 70 und 80 % - daran alleine ist schon abzulesen, daß es wirklich große Fortschritte gegeben haben muß. Falls ich eine sogenannte pathologische Komplettremission erreichen sollte, liegt bei der HER2-positiven Variante die Wahrscheinlichkeit sogar bei knapp 90 %. 

Mit Statistiken ist es aber bekanntlich ja so eine Sache. Ich habe trotz einer statistischen Wahrscheinlichkeit für diese Kombination im geradezu homöopathischen Bereich binnen zwei Jahren eine Schwangerschaft trotz Spirale und eine trotz Sterilisation selbst erlebt, also weiß ich, daß ein geringes Risiko halt immer noch ein Risiko und kein Stück Sicherheit ist. Und Statistiken kann man außerdem immer so oder so lesen. Man könnte auch sagen, ich habe jetzt nach meiner Krebsdiagnose immer noch ein einem Raucher vergleichbares Risiko, irgendwann im Lauf seines Lebens an Lungenkrebs zu versterben. 90 Prozent der Raucher passiert das nämlich nicht. Wenn man das so formulieren würde, dann würden aber die meisten, die das hören, mir vermutlich dazu raten, sofort einen Sarg zu bestellen, obwohl meine Zehn-Jahre-Überlebensrate so viel besser ist als bei vielen anderen Arten von Krebserkrankungen. 

Die viele Bewegung, in die die Behandlung von Krebserkrankungen in den letzten Jahren geraten ist, enthält außerdem noch eine Mengen Potential für weitere Verbesserungen und vielleicht ja irgendwann mal einen wirklichen Durchbruch. Angenommen also, ich gehöre zu den statistischen Pechvögeln und entwickle ein Rezidiv oder Fernmetastasen, hilft mir vielleicht irgendwas aus diesem derzeitigen Potentialbereich doch wieder weiter. 

Solche Gedankenspielereien machen mir glücklicherweise keine Angst, obwohl ich schon gemerkt habe, daß ich andere Leute leicht damit schockieren kann. Mit meiner eigenen Sterblichkeit habe ich mich vermutlich bewußter als die meisten anderen auseinandergesetzt, als in meinem Umfeld plötzlich die ersten in den fünfziger Jahren Geborenen anfingen, ein Rieseninteresse an ihrer eigenen Gesunderhaltung zu entwickeln und manchmal ihr komplettes Leben umkrempelten, um es an diesem Ziel auszurichten. Ich fand das Muster, das sich dabei auftat, wenn man Näheres von ihnen darüber wissen wollte, was sie damit genau bezwecken und wie ihre Zielvorstellung aussieht, so eigenartig, daß es mich gedanklich immer wieder beschäftigte. 

Meistens war die Herangehensweise am ehesten vergleichbar dem Legen von Tarotkarten, dem Erstellen von Horoskopen oder dem Aufsagen von vermeintlich richtigen Zauberformeln, auch wenn immer angeblich wissenschaftliche Gründe genannt wurden. Nur, diese Wissenschaft war für diese Leute ja gar nicht selbst nachvollziehbar, sie zitierten immer nur Experten, denen sie - zu Recht oder zu Unrecht - vertraut haben, und zwar auf keine andere Weise, wie man auch einem Schamanen, einem Priester oder einer Wahrsagerin vertrauen würde. Ich kam dann irgendwann zu dem Schluß, daß das etwas damit zu tun haben muß, daß einem in einem gewissen Alter - meistens irgendwann zwischen 40 und 50, aber das kann natürlich sehr variieren - die unschuldige Gewißheit der jungen Lebensjahre verlorengeht, nach jeder Krankheit, die man bekommt, natürlich auch wieder gesund zu werden. Vom Kopf her hat man eigentlich immer gewußt, daß man eines Tages sterben wird, aber es ist halt doch etwas anderes, so etwas auf einmal auch emotional zu empfinden. Das macht einem natürlich große Angst, und so sucht man nach dem richtigen Mittel, nicht zu sterben, oder jedenfalls den Tod so lange hinauszuschieben, daß er wieder so weit weg zu sein scheint, wie man das vorher empfunden hatte. 

Leider funktioniert das aber nicht: Hat man den Tod erst einmal als konkrete persönliche Bedrohung wahrgenommen, findet man das vorherige falsche Sicherheitsgefühl nie wieder. Denn falsch war dieses Sicherheitsgefühl ja immer. Auch junge Menschen können sterben, auch an Krankheiten, die vermeintlich nur Ältere treffen, von Herzerkrankungen bis zum Krebs. Aber weil das nur so wenige trifft, beeinträchtigt es das subjektive Gefühl, selbst unsterblich zu sein, bei den meisten Leuten nicht, jedenfalls nicht bei denjenigen, die keine chronischen Krankheiten habe. Was genau dann die Veränderung auslöst, kann ich nicht sagen. Möglicherweise hat es etwas mit physischen Veränderungen zu tun, von Falten, grauen Haaren oder bei Männern ausfallenden Haaren sowie bei Frauen die Wechseljahre über sinkenden Leistungsfähigkeit, Altersweitsichtigkeit und Gewichtszunahme bis hin zu den ersten Zipperlein, die nicht mehr weggehen wollen und der nervtötenden Gewohnheit von Ärzten, einem ab dem vierzigsten Geburtstag plötzlich dauernd die Arie vom Blutdruck und vom Cholesterin vorzusingen.

Auf diese Weise auf die Erkenntnis der eigenen Sterblichkeit zu reagieren, schien mir jedenfalls irrational, und das hat dazu geführt, daß ich auch die sogenannte Gesundheitsprävention (die eigentlich logischerweise Krankheitsprävention heißen müßte), die mit diesen Ängsten gerne spielt, immer sehr reserviert betrachtet habe. Das galt umso mehr, je deutlicher ich erkannte, wie wenig hilfreich ein großer Teil der Empfehlungen aus diesem Bereich in Wirklichkeit ist, was das verfolgte Ziel betrifft, aber ebenso, wie verfehlt es sein kann, das Ziel zu eindimensional als "Um jeden Preis so viele weitere Lebensjahre wie irgend möglich" zu definieren, wie das die Präventionsexperten als meist unausgesprochene Prämisse voraussetzen und fast jeder, der ihre Ratschläge umsetzt, damit auch automatisch übernimmt. 

Aus diesen Erfahrungen heraus hat sich dann nach und nach meine eigene, ganz andere Herangehensweise entwickelt. Deswegen vertraue ich zum Beispiel Experten nicht, weder denen aus dem Mainstream noch den Außenseitern, obwohl ich von vielen Mainstream-Experten viel weniger halte, als es ihnen lieb wäre. Sie irren sich halt an unterschiedlichen Stellen und fast alle driften an irgendeinem Punkt in reine Glaubensfragen ab, und das ist bei den Außenseitern meistens - allerdings nicht immer - doch stärker ausgeprägt. Die meisten Experten beider Arten bemerken es nicht einmal, daß die optimale Empfehlung für ihren speziellen Teilbereich im Gesamtkontext betrachtet sehr wohl auch negative Gesamtwirkungen auf den Anwender haben kann. Auch wenn ich nur einen Bruchteil der Dinge selbst herausfinden kann, die ich eigentlich wissen müßte, um mit einem Experten auf Augenhöhe über sein Fach reden zu können, ist diese Art von Einordnung in ein Ganzes der Teil, in dem ich mich meistens sattelfester fühle, als es die Experten meinem Eindruck nach sind. Jetzt müßte ich nur noch herausfinden, wie man Experten zu der Einsicht verhelfen kann, daß diese Perspektive ihre eigene eigentlich super ergänzen und ihnen zu neuen Horizonten verhelfen würde, statt sich von ihr so bedroht zu fühlen, daß sie meistens reflexartig abgewertet wird - und wenn sie von einem Laien wie mir kommt, sowieso. 

Aber das ist ein Problem, das ich in diesem Leben wohl nicht mehr lösen werde. Auch wenn ich meinen Krebs besiegen sollte und anschließend über 80 Jahre alt werde, der menschliche Faktor in der scheinbar rationalen Wissenschaft, der dort die irrationalen Aspekte beisteuert, ist vermutlich unbesiegbar.

***

Auf Twitter fand ich eine Sammlung von (englischsprachigen) Sätzen, die Krebspatienten von Außenstehenden zu hören bekamen und sehr unpassend fanden. Falls also irgendwer sich unsicher fühlt, was er jemandem sagen soll oder was man lieber bleiben läßt, die Sammlung ist wirklich hilfreich, um Fettnäpfchen zu vermeiden. Auch wenn es natürlich sehr verschieden sein kann, was im Einzelfall auf einen ohnehin schon durch die Krankheit verunsicherten Menschen wie ein gut gezielter Schlag in die Weichteile wirken kann. Im Zweifelsfall, meine ich aber, ist es immer noch besser, etwas Blödes zu sagen - man kann sich ja ggf. entschuldigen, wenn man merkt, daß es als unpassend aufgefaßt wurde - als gar nichts, denn das sagt einem Krebskranken ja ohne Worte auch etwas sehr Unpassendes, und es hat schon etwas Unheimliches, wenn man plötzlich ein Thema hat, das für einen lebenswichtig ist, aber über das das drei Viertel seiner Gesprächspartner augenscheinlich nicht reden wollen.

Mir ist natürlich klar, was dahintersteckt, daß Nichtkrebskranke über Krebs nicht reden wollen, schließlich war ich selbst noch vor kurzem ein Nichtkrebskranker und mir war das Thema ebenso unangenehm wie jedem anderen. Krebs ist schließlich das, was man auf keinen Fall kriegen möchte, und jeder hat natürlich ein Problem damit, wenn jemand, der gestern noch ein normaler Nichtkrebskranker wie man selbst gewesen ist, einem plötzlich als Krebskranker gegenübertritt, sozusagen als Menetekel und düstere Prophezeiung auch für einen selbst. Ich glaube, es ist dann für beide Seiten hilfreich, wenn man sich auch als nicht selbst Betroffener eben auch daran gewöhnt und vielleicht mit dem nächsten Nichtkrebskranken, mit dem man es zu tun bekommt, dank dieser Erfahrungswerte weniger unsicher umgeht und vermutlich auch weniger in die überall herumstehenden Fettnäpfchen treten wird.

Die Phrasen unter dem obigen Link erinnerten mich auch daran, daß ich manche von diesen Sätzen in den letzten Wochen selbst schon gehört habe, aber spontan problemlos darüber lachen konnte. Zum Beispiel der Mann, mit dem ich vor der Radiologie eine Zigarette rauchte, bei dem ein Fuß-Problem vorlag, das mit dem jahrezehntelangen Tragen von spitzen Schuhen zusammenhing und der nun, nachdem er seine Krankheitsgeschichte erzählt hatte, von mir wissen wollte, was mir fehle. Als ich "Brustkrebs" sagte, fiel ihm als erstes ein: "Hat meine Mutter auch gehabt. Sie ist daran gestorben." Sehr taktvoll, nicht wahr? Aber ich mußte in dem Moment erst einmal laut lachen und sagte: "War das auch Ihre Prognose für mich?", und da machte er ein ganz verlegenes Gesicht und ich tröstete ihn: "Keine Sorge, ich werde es Ihrer Mutter nicht nachmachen."

Sicherlich hätte ich aber nicht so reagiert, wenn ich in Todesängsten gewesen wäre, und damit sollte man bei einem Krebspatienten bis zum Beweis des Gegenteils schon rechnen. 

Bei meiner Nachbarin - die mit der Katze und dem weißen Alpenveilchen - weiß ich manchmal nicht, was ich für ein Gesicht machen soll, wenn sie mir etwas Aufmunterndes sagen will, denn das ist so daneben, daß ich echt froh bin, daß ich nicht mehr in diesem verunsichernden Zwischenstadium bin, in dem sie mich mit einer Blume in Grabbepflanzungsoptik noch so aus der Fassung bringen konnte. Sie hat eine Schwester, die vor zwei Jahren auch Brustkrebs hatte, und deshalb glaubt sie, sich mit dieser Krankheit sehr genau auszukennen - dabei ist ihr aber noch nicht einmal klar, wie sehr sich die verschiedenen Untergruppen voneinander unterscheiden. Aber außerdem hat sie einiges bei ihrer Schwester falsch in Erinnerung, das weiß ich, weil diese Schwester mich auch einmal angerufen und mir von ihrer eigenen Erkrankung erzählt hat. Deshalb weiß ich auch, daß sie die Chemotherapie von Beginn an sehr schlecht vertragen hatte. Meine Nachbarin glaubt sich aber daran zu erinnern, bei ihrer Schwester seien die Nebenwirkungen anfangs - wie bei mir - auch harmlos gewesen, dann aber immer schlimmer geworden. Das erzählt sie mir fast jedes Mal, wenn wir uns sehen, und zwar mit Grabesstimme, und dazu macht sie ein Gesicht, als erwarte sie, mich jeden Moment tot umfallen zu sehen.

Was man umgekehrt aber ebenfalls bleiben lassen sollte, sind billige Motivationstrainer-Phrasen, von "Denk positiv!" bis zu "Du schaffst das schon!", auch wenn mir das ebenfalls nichts ausmacht, aber das hat natürlich auch damit zu tun, daß ich keine Krebsart mit schlechter Prognose im Endstadium habe. In so einem Fall sind solche Phrasen schlicht und einfach taktlos.

Besser, als vor lauter Verlegenheit irgendetwas Unbedachtes zu erzählen, fände ich es, wenn man nicht weiß, was man sagen soll, stattdessen etwas zu fragen. "Wie geht es dir?" ist hier eine gute Frage, wenn sie ehrlich gemeint ist. Oder "Kommst du klar?". "Kann ich etwas für dich tun?" bitte nur, wenn man wirklich auf das Angebot zurückkommen kann.

Kurz noch zu "Wie geht es dir?". Bereits früher erwähnt hatte ich, daß ich diese scheinbar harmlose Allerweltsfrage bei Begrüßungen nicht mehr ausstehen kann, seit sie für mich verbunden ist mit der Entscheidung, ob ich in der Antwort Krebs erwähnen oder es lieber bleibenlassen sollte, weil ich im zweiten Fall ja per se keine ehrliche Antwort mehr geben kann. Ich begreife wirklich nicht, warum solche Fragen überhaupt anlaßlos an Leute, vor allem wenn man mit ihnen sowieso nicht so richtig intim ist, gestellt werden, denn sie sind ein klares potentielles Fettnäpfchen, nicht nur bei an irgendetwas schwer Erkrankten. Schlecht gehen kann es einem auch aus zahlreichen anderen Gründen, die viele nicht jedem flüchtig Bekannten erzählen möchte, mit denen man aber im umgekehrten Fall, wenn man also eine ehrliche Antwort gibt, diese Bekannten auch leicht in Verlegenheit bringen kann, weil sie mehr als ein "Danke, gut" ja gar nicht hören wollten.

Das ist also nicht dasselbe, wie auf die Mitteilung von jemandem, der sagt: "Ich habe Krebs" mit der Rückfrage "Wie geht es dir?" zu reagieren und damit echte Teilnahme zu signalisieren. 

Mir ist es eigentlich am liebsten, wenn die Leute völlig normal mit mir reden. Wissen sie von meiner Krankheit, darf das den Krebs gerne einschließen, und ich erzähle ihnen gerne auch die ulkigen Seiten, etwa meinen anfänglichen Kampf mit der Perücke oder dem dauerhaften mit meinem Onkologen, aber auch sachlich über die Medikamente, die ich bekomme und wie eine Chemotherapie abläuft ... davon haben viele ja nur eine verschwommene Vorstellung. Gut, daß mein Bekanntenkreis überwiegend in einem Alter ist, in dem man schon ein paar Vorerfahrungen mitbringt und die meisten sich mit dem Thema dshalb nicht mehr ganz so schwertun.

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Erinnert sich noch jemand an meine Prognose zum Immobilienmarkt aus dem Frühjahr? Acht Monate später sind die Experten nun endlich auch soweit, sinkende Immobilienpreise zu prognostizieren. Ein Preisrückgang von nur bis zu zehn Prozent scheint mir aber eine viel zu zaghafte Prognose, zumal sie sich auf die bisherigen hitzigsten Hotspots bezieht. Bei mir in der Stadt, die zu diesen Hotspots zählt, dürfte der Preisrückgang bei den Angebotspreisen die zehn Prozent mittlerweile überschritten haben.

Ich hatte im Herbst 2019 ja das Glück, meine zwei Wohnungen nach einem Gutachtenpreis zu kaufen, der schon anderthalb Jahre alt war, und habe sie für damalige Verhältnisse also vergleichsweise günstig bekommen, denn die Preise waren zwischen Frühjahr 2018 und Herbst 2019 ja schon alleine um zehn Prozent angestiegen, wahrscheinlich, weil parallel dazu die Zinsen immer niedriger geworden waren. Ich war trotzdem sicher, daß ich nach einem Preisrutsch vermutlich diesen Kaufpreis nicht mehr bekommen würde, denn schon 2018 waren die Preise für Kapitalanleger normalen Kalibers schlicht unattraktiv. Gekauft wurden Wohnungen nur noch von diesen Aasgeiern, die sie zimmerweise möbliert zum Inklusivpreis vermieten wollen - ein Geschäftsmodell, das sich vermutlich für die zum Höhepunkt darin Eingestiegenen als unattraktiver als erwartet herausgestellt hat, weil die typischen Vor-Corona-Zimmerpreise auch nach einer diesjährigen Anpassung nach oben wegen höherer Nebenkosten immer noch weit unterschritten werden.

Aber in Wirklichkeit lagen die typischen bei Immoscout verlangten Angebotspreise ganz zuletzt, bevor die Zinssätze in die Höhe schossen, geradezu irrsinnige 80 Prozent höher als der von mir bezahlte Kaufpreis, obwohl der Zinssatz danach nur noch geringfügig weiter nach unten gegangen war. Wenn ich die tatsächlich bezahlten mittleren Kaufpreise im Grundstücksmarktbericht damit vergleiche, waren es immerhin auch noch zwischen 60 und 70 Prozent, und das war der Jahresdurchschnitt von 2021, das heißt, gegen Jahresende hin lag das bei kontinuierlich weitersteigenden Angebotspreisen bei Immoscout das ganze Jahr hindurch wahrscheinlich locker über den 70 Prozent. Es wäre fast schon lächerlich, zu erwarten, daß der dem Augenschein nach bereits erfolgte Preisrutsch um zehn Prozent alles ist, was bei einer Vervielfachung der Finanzierungskosten durch die höheren Zinsen angesichts dessen zu erwarten sein wird. Die Zahl der Angebote von Eigentumswohnungen und Häusern hat sich ja nahezu verdreifacht, der Markt ist also längst gekippt. 

Einen Knall wird es beim Platzen dieser Blase meiner Meinung nach aber nicht geben, eher ein langsames Schrumpeln wie bei einem heliumgefüllten Luftballon von der Kirmes, der abends nach dem Heimkommen noch an der Decke klebte, aber als man nachts aufs Klo mußte, einen bereits auf Augenhöhe erschreckt hat und morgens auf dem Boden lag. Wo der Boden bei den Immobilien dann tatsächlich sein wird, bleibt natürlich abzuwarten. Gut möglich aber, daß die Kaufpreise von 2019 tatsächlich nicht mehr unterschritten werden, das wäre natürlich echter Dusel für mich. Gerechnet hatte ich damit aber eigentlich nicht.

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Apropos Dusel: Die deutsche Fußballnationalmannschaft ist in der Gruppenphase der Weltmeisterschaft ausgeschieden. Das wäre mir eigentlich gar keine Notiz wert, aber was mich im Vorfeld des letzten Gruppenspiels so irritierte, war die irrationale Überzeugung, die in den Medien transportiert wurde, daß die Aussichten auf das Erreichen des Achtelfinales in Wirklichkeit noch sehr gut seien. Das fand ich eine sehr eigenartige Interpretation nach einer Niederlage und einem Unentschieden, was ja zeigte, wie wenig Vertrauen man darin haben konnte, daß die fußballerischen Fähigkeiten dann wenigstens im dritten Spiel sicher für den diesmal unbedingt benötigten Sieg ausreichen würden - obwohl das am Ende doch der Fall gewesen ist. 

Aber als zweiten Faktor war man auch von einem bestimmten Ergebnis des zweiten Gruppenspiels abhängig, das man natürlich selbst nicht beeinflussen konnte. Mit anderen Worten: Es war neben einem selbst erarbeiteten Sieg zusätzlich auch noch reiner Dusel für die Deutschen nötig, um das Achtelfinale zu erreichen, und den haben sie dann nicht gehabt. Wenn man einen Faktor aber nicht selbst beeinflussen kann, ist das keine vernünftige Grundlage für Optimismus. Hoffen darf man natürlich immer. Diesmal hoffte man halt vergeblich, und man hätte vorher wissen können, daß das das wahrscheinlichere Ergebnis sein würde.

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Der Chef der Bundesnetzagentur wird darin vermutlich immer noch keinen Grund sehen, seinen Alarmismus ein bißchen zurückzufahren, aber den 100-Euro-Bonus meines Gasanbieters, den ich bekommen werde, falls ich zwischen November und April einen um mindestens 10 Prozent geringeren Gasverbrauch als im Vorjahreszeitraum habe, könnte ich ausweislich meines Gaszählerstands zum Monatswechsel November/Dezember vielleicht schon jetzt verdient haben, denn ich habe im November ziemlich genau 60 % weniger Gas verbraucht als im Vorjahreszeitraum, und das Minus ist in absoluten Zahlen so hoch, daß es sogar dann für den Bonus ausreichen wird, falls ich in den restlichen fünf Vergleichsmonaten ebensoviel verbrauchen sollte wie im Vorjahreszeitraum - was aber allenfalls dann zu erwarten wäre, falls wir mindestens einen vollen Monat lang zweistellige Minusgrade bekommen. Auch wenn meine Therme sauteuer gewesen ist, auch sie macht sich voraussichtlich diesen Winter bereits bezahlt. Daneben ist mir noch ein neuer Einspargedanke gekommen, ich lasse jetzt beim Dunkelwerden nämlich immer den Rolladen herunter. 

Daß das Heizkosten sparen kann, wußte ich bereits, aber ich bin immer davor zurückgeschreckt, weil die Rolladengurt-Kästen im Arbeitszimmer - der Raum, in dem ich es die meiste Zeit warm haben muß - so miserabel angebracht sind (obwohl ich bei der letzten Reparatur eigens eine Fachfirma beauftragt hatte), daß ich ein bißchen Angst habe, der eine könnte mir vielleicht wieder aus der Wand herausbrechen, weil die Schrauben da so schlecht sitzen. Also blieben die Rolläden seit ein paar Jahren über Nacht offen. Jetzt mache ich es halt, vorsichtig natürlich, und da der Kasten die ersten Male nicht anfing, sich zu lockern, hoffe ich mal, daß ich damit während der drei Monate, in denen das wirklich viel bringen sollte, keinen neuen Schaden auslöse.

Für das letzte Jahr bekomme ich übrigens fast 300 Euro zurückerstattet, obwohl ich die Therme erst Anfang März und damit gegen Ende der letzten Heizperiode anschaffen mußte, weil die alte, selbstverständlich bei gerade ziemlich kaltem Wetter, ihren letzten Seufzer getan hatte. Das lag natürlich an dem milden letzten Winter. Ich spekuliere trotzdem darauf, daß ich nächstes Jahr um diese Zeit - zusätzlich zu dem Bonus - wieder etwas herausbekommen werde. Wieviel, bleibt einstweilen abzuwarten.

Was mir fast ebenso gut gefiel: Auch mein Stromverbrauch war im November 15 % niedriger als im Vorjahr. Ich habe wahrhaftig noch einen Stromfresser entdeckt, den ich nicht auf dem Schirm gehabt hatte: Die Akkus der Heimwerkergerätschaften meines Mannes, die ständig am Stromnetz hingen. Er reagierte ein bißchen säuerlich auf mein Ansinnen, sie auszustecken, weil es natürlich bequemer ist, bei jeder Nutzung mit einem vollen Akku-Ladestand rechnen zu können, hat es aber am Ende doch gemacht.