Freitag, 10. Februar 2023

Die Filmdoku "Fat Fiction". Low Carb vs. Low Fat. Eine Filmkritik.

Mein Gewicht heute früh: 84,2 Kilogramm - 2,4 Kilogramm weniger als vor drei Wochen. Na also, die Sache bewegt sich in die richtige Richtung, wie ich das auch erwartet hatte. 

Drei Tage nach der zweiten von vier THCP-Chemos merke ich nur leichte Nebenwirkungen - großer Durst, ab und zu ein leicht metallischer Geschmack im Mund, etwas Schwindel, trockene Haut und Nasenschleimhaut sowie einen Anflug von Muskelschmerzen -, einstweilen erfreulicherweise alles in geringerem Umfang als beim letzten Mal. Die eigentliche Stunde der Wahrheit schlägt aber erst morgen und übermorgen. Deshalb hatte ich eigentlich auch vor, erst im Lauf der nächsten Woche einen neuen Blogartikel zu schreiben, in dem es um Nebenwirkungen und deren Bekämpfung gehen soll. Dann stieß ich auf den kostenlos bei YouTube freigegebenen Film "Fat Fiction", in dem nahezu die gesamte Low-Carb-Prominenz sowie als eine Art Bonus Dr. Jason Fung von der - im Film nirgends erwähnten - Intervallfasten-Gemeinde zur Wort kommen. Er hat bei mir recht gemischte Gefühle hinterlassen, und das löste jetzt diesen Spontan-Blogartikel aus. 

Die Theorien der Low-Carb- und Intervallfasten-Gemeinde setze ich als bekannt voraus, und ebenso ihre Überzeugung, daß der Kampf gegen das Nahrungsfett und die damit verbundene Aufwertung von Kohlenhydraten, die Ernährungsempfehlungen der US-Gesundheitsbehörde und ebenso die Empfehlung, anstelle der eigentlich üblichen drei Hauptmahlzeiten sechs kleinere Mahlzeiten am Tag zu essen, für die Adipositas-Epidemie hauptverantwortlich seien. 

Ehrlich gesagt, wird mir diese Botschaft in dem Film zu reißerisch verkauft, obwohl sie mindestens der Wahrheit deutlich näher kommen dürfte als die konventionelle Herangehensweise. Mich stört vor allem ein gewisser verschwörungstheoretischer Ansatz beim Stochern in der Vorgeschichte, in der ein gewisser Dr. Ancel Keys, der Erfinder der Mutmaßung, daß Nahrungsfett für den dramatischen Anstieg bei den Herzinfarkten verantwortlich sei, eine meines Erachtens zu stark überbetonte Schurkenrolle einnimmt, die mich ebenso unangenehm berührt wie die Beschuldigungen an die Nahrungsmittelindustrie, insbesondere den zuckerlastigen Teil, schon damals, in den sechziger Jahren, die öffentliche Debatte über diese Ernährungsfragen mit viel Geld beeinflußt zu haben. 

Nicht, daß ich mir beides nicht sehr gut vorstellen könnte, aber das schien mir so belanglos, daß ich es nicht überprüft habe und das auch nicht tun werde. Wissenschaftlerehrgeiz und -eitelkeiten sind eine wichtige Triebfeder, im Guten wie im Bösen. Sie haben schon zu wichtigen Durchbrüchen, aber gerade im epidemiologischen Bereich sicherlich genauso oft in langwierige therapeutische Sackgassen und damit zu einem Schaden für die davon betroffenen Patienten geführt. Dasselbe gilt für die typische Reaktion von Lebensmittelkonzernen, wenn ihre Produkte in ihrer gesundheitlichen Wirkung in Frage gestellt werden - und dies geschah während der Debatte um Nahrungsfette auch durch eine konkurrierende Theorie mit dem Zucker, weshalb die zugehörigen Erzeuger und Verabeiter die zweite Schurkenrolle im Film einnehmen, denn es gelang ihnen, mit viel Geld die Gefahr von ihren Erzeugnissen abzuwenden. Daß diejenigen, die umgekehrt wiederum die von Keys' These bedroht waren, also die "fettlastigen" Erzeuger und Vertreiber, es anders gemacht haben sollen, halte ich aber für unwahrscheinlich. Sie waren vermutlich lediglich die Verlierer in diesem Beeinflussungswettkampf.

Später hat die zuckerlastige Lebensmittelindustrie sehr wohl Mittel und Wege gefunden, mit nicht abwendbaren Bedrohungen für ihre Produkte umzugehen, und zwar, indem sie Zucker zunehmend durch künstliche Zuckerersatzstoffe ersetzte. Auch beim Fett erwies sich das als möglich, indem man vermeintlich ungesündere tierische Fette durch vemeintlich gesündere Pflanzenfette ersetzte. Im Falle von Fertigprodukten griff man dabei natürlich auf die billigstmöglichen zurück. Ausgerechnet die dabei massenhaft mit ins Spiel gekommenen Transfette werden mittlerweile aber für noch ungesünder gehalten. Wäre dieser Irrtum vermeidbar gewesen? Und wenn ja, hätte seitens der Gesundheits- und Verbraucherschutzbehörden überhaupt der Wille bestanden, das Umschwenken darauf zu verhindern? Näher betrachtet, haben sich die Lebensmittelkonzerne immer gut auf alle Ernährungsmoden einstellen können, um sich ihre Gewinne zu sichern. Die Erzeuger der verfemten Grundstoffe, also die Zuckerrübenbauer oder die Milch- und Milchprodukterzeuger und die Anbieter von Fetten wie Rindertalg oder Schweineschmalz werden am ehesten wirtschaftliche Probleme bei der Umstellung bekommen haben.

Die Lebensmittelindustrie mag also die Wissenschaft beeinflußt haben, aber umgekehrt griff sie auch regelmäßig deren Ergebnisse auf und produzierte dazu passende Produkte. Das ist die andere, im Film nicht ausreichend verdeutliche Seite der Medaille. Und daran ist letztlich ja noch gar nichts verwerflich. Würden diese Ergebnisse uns wirklich gesünder machen, wäre es sogar genau das richtige. Werden damit aber Fehlannahmen der Wissenschaft umgesetzt, womöglich noch auf eine Weise, die von den Wissenschaftlern gar nicht vorausgeahnt werden konnte und die einer von vornherein zweifelhaften Empfehlung noch weitere Probleme hinzufügt, kann man allenfalls dann damit rechnen, daß die Produktion wieder aufgegeben wird, wenn sich das Produkt zu schlecht verkauft - was gerade im Low-Fat-Bereich meinem Eindruck nach mindestens hierzulande aber gar nicht so selten passiert. Die Leute kaufen diesen Kram ja nicht, weil er so gut schmeckt, sondern weil sie glauben, es sei ihre Pflicht gegenüber ihrer Gesundheit, solche Produkte zu essen. In Wirklichkeit schmecken Produkte, die als Ersatz für ein fetthaltigeres Produkt gedacht sind, nie so gut wie das (idealerweise selbst gekochte oder gebackene oder knackfrisch gegessene) Original. Schlechtes-Gewissen-Käufer sind aber nie so gute und zuverlässige Kunden wie Käufer, denen ein Produkt wirklich schmeckt.

Keine Frage, der Film enthält viel Wichtiges und Richtiges. Was mit dem Wohlbefinden der drei Testpersonen, mit ihrem Hungergefühl und mit ihren Insulinwerten geschieht, wenn sie möglichst genau den Ernährungsempfehlungen der US-Gesundheitsbehörde folgen, im Vergleich zu einem gleichen Zeitraum (eine Woche) einer Low-Carb-Ernährung, ist im Prinzip überzeugend für jeden, der Vergleichbares aus eigener Anschauung beurteilen kann. Aber wie überzeugend ist es für Zuschauer, auf die das nicht zutrifft und die ähnliche Demonstrationen schon für Dutzende anderer Ernährungstheorien gesehen haben, die ja alle ihre jeweiligen Methoden in derselben Weise bejubeln? In einem Film kann man Leute ja einfach vor die Kamera setzen und irgendetwas behaupten lassen, ob das aber wirklich seine Richtigkeit hat, weiß man erst, wenn man die Sache selbst ausprobiert. Und da kann es halt doch passieren, daß das Versprechen sich gar nicht oder nur vorübergehend erfüllt - und das sieht dann für sie genauso aus wie bei anderen Diäten, obwohl es sich in mancher Hinsicht bei vielen doch unterscheidet oder sich jedenfalls unterscheiden würde, falls sie daraufhin nicht nach dem Prinzip "Eh alles für die Katz" Low Carb wieder ganz aufgeben und damit natürlich in einen klassischen Jojo hineinrutschen würden. Nicht nur diejenigen, denen das selbst passiert ist, glauben der Sache dann nicht mehr, sondern auch diejenigen, die es aus der Nähe miterlebt haben. 

Das Problem ist, daß nur ein Teil der begeisterten Low-Carb-Anfänger diese Ernährungsweise dauerhaft durchhält. Denn sie ist nun einmal mit Verzicht verbunden, und das umso mehr, je geringer man den Anteil der Kohlenhydrate zu halten versucht. Daß andere Dinge, auf die man bei Low Fat verzichten mußte, nun erlaubt sind, ändert daran nichts. Und manche von diesen Dingen, auf die man verzichten soll, kann sich so mancher halt auch nur schwer verkneifen. Sogar die fanatischsten Keto-Jünger bekennen ab und zu tränenreich, daß sie bei dieser oder jener Gelegenheit vom Wagen gefallen sind oder zumindest große Mühe hatten, ihren Drang nach diesem oder jenem verbotenen Genuß, von Pizza bis Donuts, zu unterdrücken. Davon ist in diesem Film nirgends die Rede, im Gegenteil wird der Eindruck erweckt, wenn man es einmal angefangen habe, sei alles ganz easy, und das mag zwar wirklich für manche Glückspilze zutreffen - ob da vielleicht auch genetische Faktoren eine Rolle spielen? -, aber für die Mehrheit nun einmal nicht.

Die Konzentration auf die Suche nach irgendwelchen Schuldigen hinterläßt bei mir aber vor allem einen faden Geschmack im Mund. Nüchtern betrachtet, haben beide Akteure so gehandelt, wie es in ihrem Bereich typisch war und auch heute noch ist. Denn wie kam wohl die Opioid-Krise zustande, wenn nicht auf genau dieselbe Art? Der Fehler, den man beseitigen müßte, ist deshalb ein struktureller: ein Gesundheitssystem wie auch ein politisches und wirtschaftliches System, das dieser Art von Machenschaften offenbar nicht beikommt, meines Erachtens, weil einfach nicht nüchtern genug analysiert wird, wie gewinnerzielende Unternehmen aus ihrer eigenen inneren Logik heraus ticken, nämlich nach dem Primärziel, ihr Geschäftsmodell nicht beschädigen zu lassen, und dem Sekundärziel, dabei ihre Gewinne zu maximieren. Darüber zu zetern, halte ich für durch und durch sinnlos, es als Tatsache einzusehen und strukturell als Realität seinem Umgang damit zugrundezulegen, wäre viel sinnvoller. Man kann noch so viele Schuldige anprangern und vielleicht ernsthaft in Bedrängnis dadurch bringen, aber wenn das System so bleibt, wie es ist, wird dasselbe Problem in anderen Bereichen immer wieder neu entstehen, wie es ja auch in der Vergangenheit immer wieder neu mit wechselnden angeprangerten Beschuldigten aufgepoppt ist, von Philip Morris bis Monsanto. Auch auf die Low-Carb-Zielgruppe haben sich die Lebensmittelkonzerne ja längst mit manchmal zweifelhaften Produkten eingestellt und tragen damit aus ihrer Gewinnerzielungslogik mit dazu bei, daß viele Low-Carb-Anhänger aus Bequemlichkeit zu viele minderwertigere Low-Carb-Produkte verzehren und damit ihren eigenen Erfolg gefährden.

Hinzu kommt seitens der Gesundheitspolitik ein unangenehmer Hang dazu, mit maximaler medialer Unterstützung in halsbrecherischer Weise mit Ernährungs- und anderen Lebensstilempfehlungen vorzupreschen, deren wissenschaftliche Basis längst nicht so gesichert ist, wie sie es dann immer im Brustton der Überzeugung uns glauben machen will. Sind solche Empfehlungen aber erst einmal als Standard etabliert, wird man sie aber nur noch mit viel Mühe los, und zwar auch dann, wenn die Einsicht allmählich aufkeimt, daß es nicht geholfen hat oder sogar Schaden damit angerichtet wurde. Erinnert sich hier noch jemand an die Eier und das Cholesterin? Das gilt noch mehr - wie in dem Film richtigerweise erwähnt -, weil daran ja die Reputation und die Karriere der beteiligten Wissenschaftler mit dranhängt, denen es so schwerfallen würde wie jedem anderen, unter solchen Voraussetzungen einen so kapitalen Fehler zuzugeben. Das System begünstigt die Beharrungskräfte, die es ihnen ermöglichen, sich notfalls auch wider besseres Wissen an Falschem möglichst lange festzuhalten. Ich tippe darauf, daß in der Wissenschaft häufig erst der Ruhestand der zentralen Vertreter einer falschen These, die sich durchgesetzt hat, nach einer gewissen Scham- und Verlegenheitsfrist ein Umschwenken ermöglicht. Bei besonders angesehenen Personen vielleicht sogar erst ihr Tod.

Die irrationalen Elemente in der Wissenschaft sind also nicht zu unterschätzen, und sie beeinflussen die Wirkung auf Menschen, die der Wissenschaft vertrauen, in ungünstiger, manchmal tödlicher Weise. Das sollte man immer im Hinterkopf behalten, wenn mal wieder jemand aus diesen Kreisen gar zu lautstark und selbstbewußt "Follow the Science!" fordert. Auch wenn diese Leute wirklich daran glauben, mit solchen Ermahnungen Menschen vor Schaden zu retten, kann zu viel Vertrauen in die Wissenschaft leider auch tödlich sein - auch wenn das noch lange nicht bedeutet, daß nun jeder wissenschaftliche Außenseiter, dem zum Verdruß der Wissenschaft zu viele Leute stattdessen Vertrauen schenken, so nahe an die Wahrheit herankommt, wie auch ich das der Low-Carb-Fraktion hiermit ausdrücklich bescheinigen möchte. Auf ein bißchen eigene Hirntätigkeit und kritische Beobachtung dessen, was tatsächlich passiert, wenn man die Empfehlungen der Etablierten wie der Außenseiter umsetzt, kann man nicht verzichten.

Der Film "Fat Fiction" verschaffte mir in noch einem anderen Bereich ein eher unerwartetes Aha-Erlebnis. Eigentlich ist das für das besprochene Thema ein ziemlich nachrangiger Nebenkriegsschauplatz. Er geht auf Dr. Fungs Buch "Obesity Code" zurück und betrifft seine Erklärung, was damals, als Ancel Keys das Nahrungsfett für die steigende Zahl an Herzinfarkten verantwortlich machte und sich damit nach einigen Jahren in der Debatte durchsetzte, seiner Meinung nach in Wirklichkeit der eigentliche Schuldige gewesen sei, nämlich das Rauchen.

Weil ich damals die Hauptthese Dr. Fungs auch ohne eine Alternativerklärung für die Herzinfarktwelle in den USA der fünfziger Jahre so überzeugend fand, habe ich diesen Teil seines Buches nur kurz überflogen, aber mich schon damals darüber gewundert, in welch epischer Breite er die Sache mit dem Rauchen auswalzte. Vielleicht ist es mir, weil ich von der zentralen These im Buch so elektrisiert war, gar nicht richtig zum Bewußtsein gekommen, daß schon in ihm diese aggressive Suche nach Schuldigen in mehreren Bereichen zu sehr überbetont wurde? Denn natürlich bekamen auch bei ihm darüber hinaus auch die Lebensmittelindustrie, die Pharma-Industrie und alle möglichen anderen ausgiebig ihr Fett ab. Daß ich jetzt doch von der Neugier gepackt wurde, lag an dem Film, der mir spontan schon in den ersten zehn Minuten mehrere gedankliche "Ja, aber ..."-Momente beschert hatte, und dann kam das mit dem Rauchen wieder zur Sprache. Eine bereits vertraute Grafik direkt darin eingebettet, die beweisen soll, daß Keys bei der Auswahl der verglichenen Länder bezüglich Konsum von Nahrungsfetten und Herzinfarkten Rosinenpickerei betrieben hatte, brachte mich auf den Gedanken, dann doch auch einmal die Raucheranteile der herzinfaktarmen Länder der fünfziger Jahre mit dem in den USA zu vergleichen. Google macht es ja möglich, mit wenig Aufwand solche Informationen zu finden.

Und siehe da: Egal und völlig unabhängig von dem, was Rauchen der Lunge alles antun kann: Daß ausgerechnet das Rauchen die Erklärung für das Herzinfarktproblem der USA in den fünfziger Jahren gewesen sein müsse, ist mindestens so unwahrscheinlich wie die Annahme, es wären die Nahrungsfette gewesen. Und das kann ich belegen, ebenso überzeugend wie andere die Fehlerhaftigkeit der Nahrungsfett-These. 

Diese Grafik hier bietet den Schlüssel: 

 

Ancel Keys hatte tatsächlich Rosinenpickerei bei den ausgewählten Ländern betrieben: Der Zusammenhang zwischen Fett-Kalorien und Herzkrankheiten ergab sich vor allem, weil er Länder wie Deutschland, die Schweiz oder Frankreich ignorierte, in denen traditionell fettreich gegessen wird und die in seine Kurve deshalb nicht hineingepaßt hätten.

Das Problem mit Dr. Fungs Gegenthese besteht darin, daß die Raucheranteile in den Bevölkerungen der Länder mit erheblich geringeren Problemen mit Herztodesfällen sogar noch höher lagen als in den USA. Das hat mich übrigens ziemlich überrascht. Aber sollten die Daten des CDC wirklich korrekt sein, träfe es womöglich zu:

USA

Frankreich

Italien

Deutschland

Schweiz:

 Und ebenso Japan, das Land, das bei den Herztoten bei Keys am besten dastand: 

Ein paar Einschränkungen der Aussagekraft dieser Daten bleiben natürlich bestehen. Haben rauchende Amerikaner vielleicht typischerweise mehr geraucht als die Bewohner der viel ärmeren europäischen Nachkriegsländer? Und wieviele Raucher, die bei Befragungen angaben, Raucher zu sein, waren eigentlich nur Gelegenheitsraucher, die zur damaligen Zeit halt dann zur Zigarette griffen, weil sie nicht ungesellig erscheinen wollten oder sie von einem Vorgesetzten oder sonst einer wichtigen Person angeboten bekamen? Und gab es da Unterschiede in diesen Ländern? Vor allem aber ist "Raucher" und "Zigarettenraucher" nicht dasselbe, und nur in zwei Ländern, USA und Italien, ging es ausdrücklich um Zigarettenraucher. Die Italiener freilich hatten die zweitniedrigste Herzinfarktrate. (Ganz am Rande vermerkt, sind sie außerdem berühmt für kohlehydratlastige Gerichte wie Pizza und Pasta.) Es kann also gut sein, daß die Raucher der Länder Deutschland, Schweiz, Japan und Frankreich minus Zigarren- und Pfeiferaucher auf einmal doch auf Augenhöhe mit den Amis gewesen wären. Allerdings gehe ich nicht davon aus, daß ihr Anteil so niedrig gewesen sein könne, daß der Zigarettenkonsum nennenswert niedriger als in den USA gewesen sein kann, den Zigarren waren schon damals vor allem ein Statussymbol und Pfeifen galten als altväterlich. Spätestens im Zweiten Weltkrieg hatte sich das Zigarettenrauchen als Standard durchgesetzt.

Alle Wenns und Abers ändern jedenfalls nichts daran, daß der von Dr. Fung gemutmaßte so eindeutige Zusammenhang des Rauchens mit der Herzinfarkt-Welle in den USA der fünfziger Jahre über keine seriösere Faktengrundlage als die Fett-These verfügt - egal, was man dem Rauchen zu Recht an gesundheitlichen Folgen sonst anlasten kann.

Was es dann aber gewesen ist, sei dahingestellt. Wenn ich mir die oberste Grafik mit Blick auf diese Frage noch einmal anschaue - Ancel Keys' Darstellung und die um Daten anderer Länder und deren Zuckerkonsum ergänzte von Dr. Eenfeld von "Diet Doctor"- , dann beschleicht mich immerhin eine Ahnung, daß es ein Faktor sein muß, der vor allem im gesamten angelsächsischen Raum, nicht in den USA alleine, mehr oder weniger stark zu Buche schlug, wenn auch nirgends so stark wie in den USA. Vergeblich habe ich nach irgendwelchen möglichen Schuldigen gesucht. Der Zucker kann es ausweislich der Grafik von Dr. Eenfeld nicht gewesen sein, ein Zusammenhang ist in ihr nicht ersichtlich. Wäre es eine Wohlstandsfolge, dann hätte die Schweiz - das Ausnahmeland in Europa, dem es gelungen war, sich erfolgreich aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten und damit auch nicht mit Nachkriegsproblemen bei einer ausreichenden Lebensmittelversorgung zu kämpfen hatte -, ein ähnliches Problem entwickelt haben müssen, und das war nicht der Fall. Kriegsgefallene, die nie das herzinfarktträchtige Alter erreichten und somit die Statistik hätten verzerren können, gab es beim Kriegsbeteiligten USA ebenfalls mehr als genug. Auch eine Folge atomaren Fallouts kommt nicht in Frage, da in diesem Fall Japan nicht die geringsten Herzinfarktraten überhaupt hätte haben dürfen.

Ganz ehrlich, ich habe nicht die leiseste Ahnung, was nun wirklich diese Herzinfarkte bei den Amis in den Fünfzigern ausgelöst hat. Aber der Ländervergleich zeigt eindeutig genug, daß Dr. Fungs Urteil bezüglich des Rauchens vorschnell gewesen ist. Das ist, glaube ich, das erste Mal, daß ich ihm attestieren muß, schlecht recherchiert und der Versuchung nachgegeben zu haben, eine allgemein geglaubte und scheinbar einleuchtende Erklärung ungeprüft zu übernehmen und dabei in dieselbe Falle zu tappen wie die Mediziner und Wissenschaftler, die er jetzt dafür kritisiert, daß sie trotz der geradezu spektakulären Erfolglosigkeit aller Bemühungen, auf Kalorienbasis dauerhafte Abnahmeerfolge zu erzielen, so stur weiter an diesem Modell festhalten. 

Verwunderlich daran finde ich vor allem, daß ein Realitäts-Check weder schwierig noch aufwendig gewesen wäre, ich hatte die von mir geposteten Grafiken innerhalb einer Viertelstunde recherchiert. Warum kam er, der in seinem großartigen Buch so vieles ganz pingelig recherchiert hat, nicht auch auf diesen Gedanken? Eigentlich gibt es dafür nur eine einzige plausible Erklärung. Die Überzeugungskraft dessen, was "allgemein bekannt" ist und bei dem deshalb niemand - außer Freaks wie mir, denen Statistiken, Grafiken und deren Hinterfragen einen solchen Kick geben, daß solche Recherchen einen unleugbaren Spaßfaktor für sie haben - auch nur auf den Gedanken kommt, es zu überprüfen, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. 

Daraus müßte man zu lernen versuchen, gerade in der Frage, wie man Adipositas wirksamer als bisher zu Leibe rücken kann. Das gilt ganz besonders, weil es höchstwahrscheinlich das Rauchen schon lange als Risikofaktor Nummer 1 Krankheiten wie Krebs, Schlaganfälle, Herzkrankheiten abgelöst hat, für die sowohl Rauchen als auch Übergewicht als Auslöser gelten. Für eine große Zahl weiterer potentiell tödlicher Krankheiten, die Philip Morris und Konsorten nie angelastet werden konnten (obwohl man es durchaus versucht hat), ist sie darüber hinaus verantwortlich: Diabetes und die Unzahl weiterer damit verbundener Folgeerkrankungen, vermutlich bis hin zu Alzheimer und natürlich Nierenversagen, für das Diabetes als wichtigster Faktor bekannt ist. Vermutlich könnte man sich sogar die gesamte mit so viel emotionaler Leidenschaft geführte Organspendedebatte sparen, bei der es insgeheim größtenteils um Nieren geht, wenn nur "Wissen" als vermeintliches Wissen, weil irrtümlich jeder glaubt, es sei wahr, im Wissenschaftsbetrieb schneller durch echtes Wissen ersetzt würde, wenn sich Verdachtsmomente darür ergeben. Denn wer könnte ernsthaft behaupten, es sei besser, möglichst viele Spenderorgane - ohne dabei vor dem Einsatz unguter fauler Tricks verzichten zu wollen, die ich für ein ernstes ethisches Problem halte - abzugreifen, wenn es auch möglich sein sollte, die zugehörigen Krankheiten zu verhindern, zu heilen oder mindestens nicht so weit fortschreiten zu lassen, daß ein Spenderorgan nötig wird? 

Ich bin ziemlich fest davon überzeugt, daß ein Umdenken bei der Diabetesprävention und -behandlung das Potential hätte, dies möglich zu machen, und wenn ich nur wüßte, wo ich den Hebel ansetzen soll, würde ich den zwar schon wahrnehmbaren, aber momentan immer noch lediglich im Tempo der Kontinentaldrift fortschreitenden Prozeß gerne irgendwie beschleunigen können. Nicht, weil ich mich plötzlich doch zum Weltenretter berufen fühle, sondern weil ich diese Sache als potentiell selbst Betroffene, die sich nur durch mehrere glückliche Zufälle am eigenen Schopf aus diesem Sumpf der medizinischen Fehlinformationen gezogen hat, sehr persönlich nehme. Ich möchte nicht ausgerechnet von Wissenschaftlern, Ärzten und Medien auf einen nahezu sicheren Weg in Krankheit und möglicherweise vorzeitigen Tod geschickt werden und nehme es übel, daß das um Haaresbreite geschehen wäre. Wie viele andere dieses Glück nicht hatten, darüber mag ich gar nicht nachdenken. Mein eigener Vater gehörte übrigens dazu.

Daran, daß dieses möglichst zügige Korrigieren von eigentlich erkennbaren Fehlern, nachdem ihre Auswirkungen sich in der Praxis zeigen, damals wie heute nicht geschah und geschieht, ist weder die Lebensmittelindustrie schuld noch der einzelne Wissenschaftler und seine Eitelkeiten und sein Ehrgeiz, berühmt zu werden. Schuld ist ein System, das keine wirksamen Mittel hat, diesen in unheilvoller Weise einwirkenden Faktoren gegenzusteuern und noch nicht einmal so richtig begreift, wie dringend es sie bräuchte und deshalb gar nicht auf die Idee kommt, sie zu entwickeln.

Dazu, daran etwas zu ändern, trägt der Film "Fat Fiction" dummerweise nicht im Entferntesten bei. Im Gegenteil machte man bei ihm genau dieselben Fehler, die uns auch schon in die Adipositas-Misere geführt haben: Plakatives Zuspitzen unter sorgfältigem Weglassen aller Einschränkungen, die es bei dem vertretenen Lösungvorschlag ja auch schon lange gibt, weil es scheint, als könne man sich keinerlei Zweifel im Detail mehr leisten, wenn man eine Botschaft wirkungsvoll verbreiten will. Und Suchen nach Schuldigen, um sie lautstark anzuprangern, anstatt die Frage aufzuwerfen, wie man die Strukuren verändern müßte, um erstens die Versuchung zu verringern, zu unlauteren Mitteln zu greifen, um seine Interessen durchzusetzen, wenn sie gegen das allgemeine Interesse sind, und zweitens aus Perspektive der von den zugehörigen Schädigungen Bedrohten, dem Versuch schneller und wirkungsvoller entgegentreten zu können.

Mir ist natürlich klar, daß es schwierig ist, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen, indem man sorgfältige Abwägungen mit viel "Einerseits/andererseits" und dem Eingeständnis, daß man noch längst nicht so viel über die Mechanismen der Zu- und Abnahme weiß, wie man gerne wüßte, und daß man auch noch ein gutes Stück davon entfernt ist, "DIE" Lösung gefunden zu haben, sondern sich einstweilen auf Teillösungen beschränken und vom aktuellen Punkt aus, möglicherweise noch relativ lange, weitersuchen muß. 

Vielleicht haben die Autoren dieses Films den Erfolg einer differenzierteren Darstellung von vornherein für unmöglich gehalten, vielleicht aber haben sie es sich auch doch nur zu bequem gemacht. Aber es ist wirklich sehr, sehr schade, daß sie sich die Mühe nicht gemacht haben, es mit der intellektuellen Ehrlichkeit über die Grenzen ihrer Möglichkeit, zu helfen, wenigstens zu versuchen. Denn die Hilfe, die sie bieten können, und auch das zeigt der Film ja eindrucksvoll, ist viel, viel mehr, als ein Patient anderswo erwarten kann, und das kann und will ich unter keinen Umständen kleinreden.

Noch viel bedenklicher finde ich die Vorstellung, daß die Akteure des Films bei allen ihren Verdiensten den Kern des Problems wahrscheinlich ebenfalls noch nicht erkannt haben. Ihre Botschaft ist ja wirklich wichtig, und zwar viel zu wichtig, um sie durch Selbstsabotage unwirksamer zu machen, und das ist der Fall, weil sie an mehreren Stellen problemlos angreifbar ist. Denn auch wenn das in jenen Kreisen nicht so gerne erwähnt wird: Es gibt ja längst neben den vielen Überzeugten auch schon viele Enttäuschte, die sowohl Low Carb als auch Intervallfasten als "genauso untauglich wie alles andere" abgehakt haben, weil eben beides bei vielen nur für eine begrenzte Zeit eine Abnahmewirkung mit sich bringt und vermutlich bei manchen Leuten viel schlechter als bei der Mehrheit derjenigen, die es ausprobieren, oder sogar gar nicht wirkt. Ja, und dann ist da natürlich auch noch die Sache mit dem subjektiv empfundenen Verzicht, der real ist und real bleibt, egal wie diejenigen Low-Carb-Enthusiasten, die ihn nicht empfinden, ihn wegzureden versuchen. Daß die Anfangserfolge bei Virta mit Low Carb bei Diabetes, die in dem Film ebenfalls ausgiebig zur Sprache kamen, im Lauf der Zeit bei einem immer größer werdenden Teil der Patienten wegbröckeln, ist teils auf den ersten, teils auf den zweiten Punkt zurückzuführen und ein Problem, zu dessen Lösung es rein gar nichts beiträgt, wenn man es kurzerhand unter den Teppich kehrt - wie in diesem Film geschehen. Daß diese Patienten ungeachtet dessen um Welten besser behandelt wurden als mit einer konventionellen Diabetesbehandlung und ihre weiteren Aussichten erheblich ermutigender sind, leuchtet mir ein, aber es ändert nichts daran, daß hier ein noch zu lösendes Problem besteht, und ob dieses Problem wirklich ernsthaft in Angriff genommen wird, kann ich so lange nicht wissen, wie darüber diese ärgerliche Intransparenz besteht, die dazu führt, daß am Ende doch wieder nur wie bei "den anderen" nach Fehlern gesucht wird, die die Patienten selbst gemacht haben sollen, was ich auch in diesem Fall einfach nicht für fair halte und außerdem überzeugt davon bin, daß solche Beschuldigungen die Lösungsfindung erschweren wenn nicht gar ganz unmöglich machen.

Diese auftrumpfende Botschaft des Films, eine allgemeingültige Wahrheit enthüllt zu haben, ist in Teilen leider ein Fall von "knapp an der Wahrheit vorbei". Das könnte zum Bumerang werden, und der Film hat mich nicht nur deshalb eher ein bißchen unangenehm berührt, statt mich uneingeschränkt zu erfreuen, sondern auch aus prinzipiellen Gründen. Ich möchte das nicht, daß die Leute auf "meiner" Seite sich in einem so wichtigen Bereich genauso falsch verhalten wie die auf der Gegenseite. Der Film "Fat Fiction" konnte mich in dieser Hinsicht nicht überzeugen. Schade, weil ich gerade diesem Thema die bestmögliche, also peinlichst korrekte und dadurch auch nicht angreifbare, aber dennoch mitreißende Darstellung gewünscht hätte. Sollte sich dieser Film dennoch eines Tages als ein Meilenstein auf dem Weg zur Korrektur der Ernährungsirrtümer erweisen, die nötig ist, um die Adipositas- und noch viel mehr die Diabetesprävention und -behandlung wirksamer zu machen und den Betroffenen ein längeres Leben und bessere Gesundheit zu verschaffen, freue ich mich darüber natürlich trotzdem.



 

Dienstag, 7. Februar 2023

Problemlösungskompetenz und "Käfigverblödung"

Mein Gewicht heute früh, nach einem Fastentag und vor Beginn des zweiten THCP-Chemotherapie-Zyklus, eine Sitzung, die ich nunmehr hinter mir habe: 87,3 Kilogramm. Gestern vor dem Fasten waren es 89,3, und obwohl das zwei Kilo weniger waren als vor drei Wochen zu Beginn des langen Fastenintervalls, war ich doch ein wenig enttäuscht, weil es noch am Sonntagabend so aussah, als würde zu Fastenbeginn irgendwas mit 88 rauskommen. So wird man anspruchsvoller, wenn es gut läuft! Aber vielleicht habe ich ja das Glück, daß ich diesmal wieder einen größeren Satz nach unten mache, sich also die anfängliche wasserbedingte Abnahme auf zwei lange Fastenintervalle verteilt. Beim letzten langen Fastenintervall hatte ich zuvor schon eine knappe Woche lang Low Carb gegessen, allerdings zwei Tage vor Beginn des Fastens für einen Abend unterbrochen, an dem ich auswärts verabredet war. Das Gewicht ging dann prompt nicht runter, sondern sogar ein klein wenig rauf, also nehme ich an, daß auch der Low-Carb-typische Wasserverlust nicht geschehen ist. 

Wie auch immer, ich habe Grund zu der Annahme, daß ich immerhin nach diesem langen Fastenintervall in jedem Fall ein ordentliches Stück unter der 89 bleiben werde.

Mir stehen jetzt nur noch zwei THCP-Chemo-Sitzungen bevor. Die Termine stehen noch nicht fest, aber wenn alles optimal läuft mit der Terminierung, wäre in sechs Wochen die letzte. Ich habe sie wieder problemlos vertragen, aber die lange Dauer (diesmal aber etwas kürzer als beim letzten Mal, von kurz nach 8 bis kurz nach 14 Uhr) nervt doch ein bißchen. Wahrscheinlich werde ich im Anschluß noch zwei weitere Wochen Low Carb essen und dann wieder umstellen, aber gleichzeitig auch ein paar Wochen lang jede Spätschichtwoche meines Mannes für lange Fastenintervalle nutzen, um die damit verbundene wasserbedingte Zunahme möglichst schnell wieder vom Hals zu haben. 

Übermorgen habe ich den verschobenen Termin bei meinem neuen Onkologen, nächste Woche den verschobenen Termin beim Kardiologen, und übernächste Woche beim Radiologen für die nächste Mammographie, hoffentlich nicht wieder bei dem Schnösel mit der Philosophenoptik und der Halbgott-in-Weiß-Attitüde. Soll ich nun darauf hoffen, daß die Antikörper sich genauso anstrengen wie bei der letzten Gabe und meinen Tumor bis dahin so weit auflösen, daß er im Ultraschall nicht mehr sichtbar ist, oder lieber nicht, weil dann der Clip nicht gesetzt werden kann? 

Für unmöglich halte ich das nicht, jedenfalls habe ich in einem Podcast schon von einem solchen Fall gehört (der zugehörige Radiologe war total entsetzt, seinen Clip nicht mehr anbringen zu können, die Patientin aber ziemlich entzückt darüber, keinen Tumor mehr zu haben). Allerdings spüre ich den Tumor - in einer deutlich kleineren Form und merkwürdigerweise etwas weiter links als vorher - jetzt wieder, zeitweise war er nicht mehr richtig zu ertasten, sondern nur noch zu erahnen, das änderte sich aber von Tag zu Tag. Ich nehme an, das liegt daran, daß sich der durch den Abbau der Tumorzellenleichen frei gewordene Raum nur nach und nach mit gesundem Gewebe füllt und dann der Tumor ein wenig nach unten oder oben (oder rechts oder links) verschoben wird, was die Tastbarkeit natürlich beeinflußt. Kurios ist es ja schon, daß dieses Ding um seinen ursprünglichen Standort ein wenig herumzuspazieren scheint. In den letzten Tagen vor der Chemo (so vier, fünf Tage herum, würde ich schätzen) ist mir aber keine weitere Veränderung beim Tasten mehr aufgefallen, also nehme ich an, es wurde Zeit, durch eine neue Antikörperladung wieder mehr Schwung in das Vernichtungswerk zu bringen. Ich bin schon gespannt, ob die Wirkung wieder so deutlich beim morgendlichen Abtasten spürbar sein wird.

Zum Stichwort Gewichtszunahme bei Chemotherapie gegen Brustkrebs stieß ich auf eine Studie, die bei mir heftiges Kopfschütteln ausgelöst hat, weil sie mir so sinnbefreit und, ja, sogar ziemlich unwissenschaftlich erschien - das scheint mir wieder mal eine dieser Studien zu sein, bei der es die Autoren für ausreichend erachteten, daß sie wie eine "richtige" Studie aussieht. Da wurden in Australien nämlich knapp 300 Patientinnen nach Gewichtsveränderungen bei der Chemo sowie zahlreichen weiteren Faktoren befragt. Anschließend wurde der bunte Blumenstrauß nicht im Entferntesten zusammenpassender Einzelfaktoren mit jeweils einzelnen Lösungsvorschlägen versehen, anstatt wenigstens mal zu versuchen, sich vorher noch einen Reim auf die Sache zu machen. 

Clinically significant weight gain was associated with tamoxifen use (OR 2.7), being less physically active than at diagnosis (OR 3.1), and lower eating self-efficacy when watching television or using a computer (OR 0.82) (Chi-square 64.94, df = 16, p < .001). Weight gain was not associated with chemotherapy, radiotherapy, aromatase inhibitor use, number of lymph nodes removed, or body mass index at diagnosis.

sowie

Interventions to prevent weight gain after breast cancer, particularly aiming to maintain physical activity, should be targeted at women receiving tamoxifen. The role of eating self-efficacy, especially attentive eating, in managing weight after breast cancer should be explored.

Dieser Lösungsvorschlag, das sehe ich auf den ersten Blick, KANN gar nicht funktionieren. Die Wahrscheinlichkeit, zuzunehmen, dürfte bei zwei (einander überschneidenden) Gruppen am höchsten sein, die auch ohne Chemotherapie eine hohe Zunahmewahrscheinlichkeit haben: Diejenigen, die vor der Krebsdiagnose am stärksten auf ihr Gewicht bedacht waren, ob nun erfolgreich oder erfolglos. Denn ein großer Teil von ihnen verändert sein diesbezügliches Verhalten, und auch wenn mein Abnahmeweg unorthodox ausfällt, habe ich dies ja auch getan und im Dezember prompt die Quittung dafür bekommen. Dasselbe gilt aber bestimmt auch für einen großen Teil derjenigen, die eine konventionelle Diät halten oder einfach nur gewohnheitsmäßig "auf ihr Gewicht achten", also ihre Ernährung mit oder ohne Kalorienzählen entsprechend auf ein unter ihrem eigentlichen Energiebedarf liegenden Wert einschränken, ohne deshalb übergewichtig gewesen zu sein. 

Gehe ich nach dieser Studie hier, wäre die letztere Gruppe im Beobachtungsverlauf von acht Jahren sogar stärker zunahmegefährdet als die der Übergewichtigen. Fast gleich bedeutsam bei den dort beobachteten Gewichtszunahmen ist allerdings auch ein niedrigeres Alter (unter 55), und da der Anteil der Übergewichtigen mit zunehmendem Alter steigt, überschneiden sich diese beiden Faktoren. Unter den drei Lebensstilfaktoren, die abgefragt wurden, sind "Rauchen" und "Alkoholkonsum" wegen der geringen Zahl derjenigen, die dabei "Ja" angegeben haben, nicht sonderlich aussagekräftig und der Faktor "nicht ausreichende Bewegung" hatte die geringste Wirkung von allen - gescheiter wäre es aber gewesen, hätte man nicht den absoluten Umfang, sondern die Veränderung des Bewegungsverhaltens im Vergleich vor der Diagnose untersucht.

Ich habe in den letzten Monaten aber viele Interviews und Podcasts angehört, in dem das gerade von jüngeren Erkrankten immer wieder erwähnt wurde, daß sie vor der Diagnose eine Menge Sport getrieben hätten, was dann aber aus Zeitgründen und/oder wegen Nebenwirkungen gar nicht mehr oder nur noch in geringerem Umfang möglich war. Ähnlich die Ernährung: Es wird ja, wenn man Ärzte oder Ernährungsfachkräfte nach einer Krebserkrankung fragt, schon signalisiert, man solle essen, was einem guttue - das kann in solchen Fällen bedeuten, daß viele vorher bewußt eingehalten Restriktion mit heimlicher Erleichterung fallen gelassen werden. (Manchmal passiert es sogar, daß gerade die Krebsdiagnose dazu führt, daß jemand den Sinn dieser Restriktionen, um seine Bikinifigur nicht zu verlieren, einfach nicht mehr einsieht. Falls der Energiebedarf trotz Restriktionen vorher erreicht wurde, sollte das meines Erachten aber nicht zu einer Zunahme führen.)

Es wäre für mich sehr überraschend, wenn diejenigen, die während einer Chemotherapie ein vorheriges Energiedefizit aufgeben, egal ob durch den Faktor "Mehr essen" oder den Faktor "Weniger bewegen" oder beides mit dem Ziel, ihr Gewicht zu kontrollieren, nicht zunehmen würden. Da es aber in den Podcasts gerade für die schon vorher sehr aktiven und sportlichen Frauen ein Riesenthema war, was sie jetzt immer noch oder stattdessen machen, legen wohl gerade diejenigen, die am stärksten betroffen sind, selbst schon so viel Wert auf Sport als ihren Lifestyle, daß ich mir beim besten Willen nicht vorstellen kann, daß es viel helfen kann, diese Zielgruppe noch eigens zu ermuntern.

Was zur angeblich nicht gewichtszunahmeverdächtigen Chemo allgemein sowie zum Wirkstoff Tamoxifen, für den ausweislich dieser Studie das Gegenteil gelten soll, außerdem zu ergänzen wäre: Ich habe starke Zweifel daran, ob das wirklich so stimmt. Tamoxifen wird bei hormonpositiven Brustkrebs NACH Chemo, OP und Bestrahlung noch volle fünf Jahre lang gegeben, und als ich recherchierte, stellte ich fest, daß dieser Faktor wohl ignoriert wurde. Mit anderen Worten, da sind für die Chemotherapie Zeiträume von typischerweise sechs Monaten plusminus ein bißchen was eingeflossen - die Antikörpertherapie läuft im Anschluß zusätzlich noch maximal weitere neun Monate -, aber bei der Anwendung von Tamoxifen bis zu fünf Jahre. So stark voneinander abweichende Zeiträume miteinander zu vergleichen und das Ergebnis für wissenschaftlich gesichert zu halten, finde ich ziemlich ... sagen wir: verwegen. Das gilt noch mehr, weil die Tamoxifen-Gabe wohl sehr nebenwirkungsträchtig ist, also unangenehm stark ausgeprägte Nebenwirkungen das Verhalten vieler Patientinnen die ganzen fünf Jahre beeinflussen.

In der Gelben Liste wird für Tamoxifen Gewichtszunahme übrigens nicht in den Nebenwirkungen aufgeführt, was aber nichts heißen will. Die angegebenen Nebenwirkungen "Anstieg der Bluttriglyceride" und "Fettleber" halte ich schon für gewichtszunahmeverdächtig. Es könnte also sein, daß, wären hier vergleichbare Zeiträume verglichen worden, eine wenn auch entsprechend geringere Zunahmewirkung verzeichnet worden wäre.

Durch die Verzerrung, die sich aus den ungleichen Zeiträumen zwangsläufig ergibt, ist wohl zum Teil auch zu erklären, warum dieses Teilergebnis der Studie in Widerspruch zu einer früheren, viel umfangreicheren Studie steht, in der exakt das Gegenteil festgestellt wurde. In dieser anderen Studie (bei der ich leider nur auf den Abstract Zugriff habe) wurde außerdem das Gewicht zu Beginn zwar erfragt, aber zwischen dem Ende von Jahr 1 bis 6 gemessen. (Die beiden Studien sind allerdings nur bedingt vergleichbar: Bei der alten Studie sind absichtliche und versehentliche Schätzfehler nicht, wie in der neuen Studie, bei allen Werten, sondern nur beim ersten Wert eingeflossen - weshalb die errechnete Gewichtszunahme wegen der zu erwartenden Schätzfehler beim ersten Wert natürlich zwischen "Vor Diagnose" und "Nach Jahr 1) höher als tatsächlich geschehen ausfallen kann. Ab dem nächsten Wert ist die weitere Gewichtsentwicklung Jahr für Jahr dann aber zuverlässig.)

Meine eigene Gewichtszunahme würde übrigens tatsächlich überall, wo mein Gewicht erfaßt wurde, falsch wiedergegeben werden, sollten sie in solche Auswertungen einfließen. Die meisten Termine, bei denen ich mein Gewicht angeben mußte, hatte ich in der Phase, als ich noch lange Fastenintervalle machte, und ich erinnere mich, daß ich mindestens zweimal mein tatsächlich tagesaktuelles Gewicht mit 83,x angegeben hatte - durchaus der Wert, den mir die Waage am fraglichen Tag angezeigt hatte, allerdings nach drei Fastentagen. Hätte ich ein wenig mitgedacht, hätte ich das Gewicht vom Montag vor Beginn des Fastens eingetragen; das wären 86,x gewesen. Zum Ausgleich hat mich die Chemo-Schwester zwei Tage vor dem ersten Zyklus mit Klamotten auf die Waage gestellt und - nach einem Nicht-Fastentag - prompt mehr als ein Kilo zu viel eingetragen, denn ich war ja komplett angezogen und in Schuhen.

Angenommen, Schlag heute würde der letztere Wert mit meinem aktuellen Gewicht verglichen, würde bei mir aber wohl - ebenfalls unrichtig - ein stabiles Gewicht festgestellt werden. Tatsächlich liege ich mit einem Vor-Fasten-Gewicht von 89,x aber drei Kilo über meinem letzten Vorher-Gewicht vor Beginn der Chemo. Noch! Ich bin mittlerweile ganz optimistisch, daß ich zum OP-Zeitpunkt wieder ungefähr dort angekommen sein werde, wo ich Anfang Oktober war, und anschließend den Faden an dieser Stelle wieder aufnehmen kann.

***

Zu den Angeboten für Patienten, die im Rahmen einer neu diagnostizierten Krebserkrankung auch für mich wahrnehmbar wären, die ich aber spontan unter "Brauch ich nicht" eingeordnet hatte, zählte eine psychoonkologische Begleitung. Das hat natürlich auch etwas mit meinem generellen Mißtrauen gegenüber Fachleuten zu tun, zumal dann, wenn es um Themen geht, in denen ich grundsätzlich auch ohne ihre Hilfe zurechtkommen kann, oder, noch schlimmer, in denen ich meine Kompetenz von vornherein höher einschätze, wie das bei Ernährungmedizinern oder Diätassistenten der Fall wäre. Das Prinzip, nur dann einen Arzt aufzusuchen, wenn ich annehme, ohne seine Hilfe gar nicht auszukommen, hat aber auch etwas damit zu tun, daß ich glaube, mit dem reflexartigen sofortigen Fragen von Fachleuten, ohne vorher einen eigenen Versuch der Problemlösung zu machen, verliert man im Lauf der Zeit seine eigenen Problemlösungsfähigkeiten. Und die möchte ich mir gerne erhalten bzw. bei neu auftretenden Problematiken noch weiter ausbauen.

Gerade lese ich einige frühe Abhandlungen von Konrad Lorenz, der für ein ähnliches Phänomen bei in Käfigen - auch großen - gehaltenen Wildvögeln den Begriff "Käfigverblödung" verwendete, der ziemlich gut umschreibt, was ich damit meine. Diese Vögel nutzen einen Teil ihrer physischen Fähigkeiten nicht mehr, auch dann, wenn ihre Nutzung, etwa in einem großen Käfig, möglich wäre. Interessanterweise wachsen ihnen diese Fähigkeiten aber rasch wieder zu, wenn man sie in Freiheit entläßt - und noch interessanterweise schadet es ihnen massiv, falls sie, nachdem sie ihre Freiheit mal gekostet haben, wieder in den Käfig eingesperrt werden. Sie verlieren dann nicht nur die neu gewonnenen Fähigkeiten, sondern auch einen Teil derjenigen, die sie vorher hatten, als sie nur den Käfig, aber nicht die Freiheit kannten. 

Vögel sind keine Menschen, aber trotzdem ... Auch ich habe das Gefühl, daß die gut gemeinte Risikominimierung auf dem Gesetzesweg oder durch gesellschaftlichen Druck - als Beispiel für das  zweite nenne ich hier mal den schon in der Kindheit meines Sohnes extrem geschrumpften Radius, in dem Kinder sich im Vergleich zu meiner eigenen Kindheit frei bewegen durften, und das ist seither kaum besser geworden - immer auch eine Art Käfig bedeuten, in dem Kompetenzen verloren gehen oder gar nicht entwickelt werden. Das ist immer eine zweischneidige Sache, entscheiden zu müssen, ob die Vorteile nun die Nachteile überwiegen oder umgekehrt, aber natürlich verändert es das, was sozial für akzeptiert gehalten wird. Mir ging schon damals, als mein Sohn im Grundschulalter war, durch den Kopf, daß ich vermutlich ein Riesenproblem mit dem Jugendamt bekommen werde, falls meinem Kind doch einmal bei seinen unbeaufsichtigten, aber von mir erlaubten Streifzügen durch die Hinterhöfe unseres "Kiezes" etwas passieren sollte, und ich vermutlich beschuldigt würde, es zu vernachlässigen. 

Zum Glück ist ihm nie etwas Ernsthaftes passiert, und ich war vor allem in den Jahren direkt nach seiner Volljährigkeit eigentlich schon der Meinung, daß er sich von den Altersgenossen seiner Generation vor allem im Alter seines Studiums positiv unterschieden hat, vor allem, was Entscheidungsfindung und Verantwortungsbewußtsein betrifft. Aber natürlich bin ich in diesem Punkt nicht ganz unvoreingenommen. Mindestens kann ich mich aber zu Recht darüber freuen, daß mein Sohn mir meine gechillte Herangehensweise bis heute hoch anrechnet. ;-)

Ich nutze also so lange keinen Psychoonkologen, solange ich überzeugt davon bin, ohne ihn auszukommen, weil ich nicht unter "Käfigverblödung" leide. Aus demselben Grund werde ich die von vielen Krebspatienten sehr gelobte Reha im Anschluß an die Therapie höchstwahrscheinlich nicht in Anspruch nehmen, weil die Therapie meinen Alltag ja sowieso nicht dominiert, sondern ich außerhalb der damit verbundenen Termine alles genauso mache wie sonst auch. Ich glaube deshalb nicht, daß ich in ein Nach-Behandlungs-Loch fallen werde.

Trotzdem gehe ich davon aus, daß Psychoonkologen durchaus ein wichtiges Angebot darstellen. Viele Krebspatienten fallen ja nach der Diagnose ins Bodenlose, und andere bekommen so massive Probleme mit dem Umgang mit ihrem Umfeld, daß es nützlich sein kann, dafür Strategien zu erarbeiten. Ich bin ganz froh, daß ich in beiden Bereichen gut alleine klarkomme, aber falls das nicht so wäre, könnte ich mir schon vorstellen, daß ich fachlichen Rat suchen würde - wobei mich das schon Überwindung kosten würde, denn man kann natürlich auch an jemanden geraten, mit dem die Chemie nicht stimmt oder der einfach fachlich nicht gut ist. Dazu müßte es bei mir also schon ziemlich dicke kommen. 

Vielleicht wäre das der Fall gewesen, wenn sich bei mir ergeben hätte, daß ich längst von oben bis unten voller Metastasen stecke, was ja die Situation dramatisch verschlechtert hätte. So gut ich meine Krebsdiagnose psychisch weggesteckt habe, der eigentliche Härtetest trifft einen ja dann, wenn man plötzlich Grund hat, seine weitere Lebenserwartung nur noch in Monaten zu rechnen - was aber heutzutage auch bei fortgeschrittem Krebs in Wirklichkeit immer seltener zu erwarten ist, nur hinkt bei einem das Vorwissen natürlich um Jahre bis Jahrzehnte hinter den jüngeren Entwicklungen her, die da vieles verändert haben. Tatsächlich kann man meistens mit Jahren rechnen, allerdings realistischerweise mit weniger Jahren, als man in meinem Alter eigentlich auf dem inneren Zettel hatte, und somit verändert sich die psychische Wirkung nur marginal.

Das ist aber nicht geschehen, meine Prognose ist gut, und ich bin auch gar nicht scharf darauf, daß sich daran etwas ändert, nur um diesen Härtetest jetzt auch noch zu bestehen. Dennoch habe ich ein Interview mit einer Psychoonkologin mit Interesse gelesen, in dem ich dann über diese bemerkenswerte Äußerung gestolpert bin: 

Wie sieht es mit Schuldgefühlen aus: Hat zum Beispiel jemand, der raucht und Lungenkrebs bekommt, ein schlechtes Gewissen?

Beim Rauchen handelt es sich ja um ein recht bewusst gewähltes Risiko. Meiner Erfahrung nach führt das bei Betroffenen eher selten zu starken Schuldgefühlen, da sie wissen, worauf sie sich eingelassen haben. Ich bekomme allerdings häufig mit, dass andere Patientinnen und Patienten nach einer Krebsdiagnose ihre Lebensweise in Frage stellen und sich fragen: Habe ich mich nicht genug um mich gekümmert? Habe ich zu viel gearbeitet? Habe ich mir zu viel Stress gemacht?

Das finde ich so interessant, daß ich es ein wenig schade finde, daß die Frage, ob das wirklich ein typisches Reaktionsmuster ist oder andere Psychonkologen das nicht bestätigen können, wahrscheinlich niemals näher erforscht werden wird.

  • Erstens ist es das Gegenteil dessen, was nicht nur die meisten Leute glauben, sondern auch fixer Bestandteil der Kampagnen der letzten zehn, zwanzig Jahre gewesen ist, mit denen man versucht hat, Raucher vom Rauchen abzubringen: Falls es dich erwischt mit dem Krebs, wirst du dich in den letzten Monaten deines Lebens selbst dafür verfluchen, aber dann ist es zu spät. 
  • Ich hätte aber auch deshalb damit nicht gerechnet, weil mir in so vielen anderen Bereichen ziemlich oft auffällt, daß Leute mit ihren (wirklichen oder vermeintlichen) Fehlentscheidungen sehr ausgiebig und oft ziemlich verbittert herumhadern, anstatt sie einfach als gegeben hinnehmen zu können und von diesem Ausgangspunkt aus darüber nachzudenken, wie sie auf Basis der Tatsachen am besten weitermachen sollten. So gehe ich normalerweise vor, wenn ich mit den Folgen von Fehlentscheidungen konfrontiert bin. Was geschehen ist, ist geschehen, es ist ja sinnlos, sich emotional in ein "Hätte ich nur" oder "Was wäre, wenn ..." hineinzusteigern, weil es einem nicht weiterhilft.
  • Drittens ist man als rauchender Lungenkrebskranker natürlich noch stärker stigmatisiert als nichtrauchende Lungenkrebskranke (und bis zu einem gewissen Grad Krebskranke überhaupt), die sich aber über diese Stigmatisierung häufig und bitter beklagen und das zweifellos nicht ohne Grund.
  • Viertens sprang mir die Formel vom "bewußt gewählten Risiko", mit der sich die Psychoonkologin die ausbleibende gebührende Zerknirschung erklärt, geradezu ins Gesicht, weil auch sie das Gegenteil der üblichen Annahmen enthält: Rauchern wird gerne Verdrängung des Risikos unterstellt, was wiederum exakt das Gegenteil eines bewußt gewählten Risikos wäre.

Sorry, dafür suche ich jetzt keine Quellen. Bestimmt erinnert sich jeder daran, es auch schon mal gehört oder gelesen zu haben zu haben. 

Falls also die Beobachtung der Psychoonkologin Anja Lindig korrekt wäre, ticken Raucher gar nicht so, wie das Präventionsexperten immer für selbstverständlich zu halten scheinen. Ironischerweise sind es bei ihr im Gegenteil offenbar gerade diejenigen, die sich besonders stark bemüht hatten, sich risikoreduzierend zu verhalten, die nach einer Krebsdiagnose am ehesten vermuten, selbst irgendetwas falsch gemacht und damit an ihrer Krankheit selbst schuld zu sein. Falls das zutreffend sein sollte, trügen also gerade die verstockten Sünder, die sich also absichtlich riskanter verhalten, eine geringere psychische Belastung als Heiligenscheinanwärter. 

Das erinnert mich ein bißchen an die Vorstellung vom Jenseits in Terry Pratchetts Scheibenwelt-Romanen. Wer dort stirbt, bekommt das Jenseits, an das er zu Lebzeiten glaubte, was ebenfalls bedeutet, die ängstlich auf das "richtige Leben" Bedachten, die jeden Verstoß gegen die Verhaltensvorschriften ihres Glaubens für einen Grund halten, sie zu bestrafen, und sich nie sündenfrei genug finden, um in ihr vorgestelltes Paradies zu kommen, werden im Jenseits tatsächlich bestraft, während fröhliche Sünder ohne schlechtes Gewissen tatsächlich belohnt werden, falls sie finden, sie hätten ein Belohnung selbstverständlich dennoch verdient. 

Aber natürlich haben die fröhlichen Sünder in meinem Beispielfall trotzdem Krebs bekommen, also hinkt dieser Vergleich heftig. Es könnte aber dennoch sein, daß sie über ein besseres psychisches Rüstzeug verfügen, um mit dieser Situation umgehen zu können. Dies alles natürlich, wie erwähnt, unter dem Vorbehalt, daß es sich um die einzelne Beobachtung einer einzelnen Therapeutin handelt, die sich möglicherweise bei anderen Therapeuten gar nicht bestätigen würde. Aber ganz unlogisch kommt mir die Sache nicht vor. 

Wer alles getan hat, um bloß keinen Krebs zu bekommen, sich also mit diesem Ziel selbst ständig diszipliniert und auf manches verzichtet hat, fühlt sich zweifellos ungerecht behandelt, wenn er dann doch eine Krebsdiagnose erhält. "Gesund zu leben" dient ja auch dazu, das Sicherheitsgefühl zu erhöhen, also leuchtet es auch ein, wenn der jähe Verlust des Sicherheitsgefühls einem dann besonders heftig den Boden unter den Füßen wegzieht. Das gilt noch viel stärker, wenn man dann auch noch das außergewöhnliche Pech hat, zu der kleinen Minderheit derjenigen zu zählen, die schon in einem Alter damit konfrontiert wird, in dem es überhaupt nicht nahezuliegen scheint, sich mit dem früher oder später natürlich immer unvermeidlichen eigenen Tod näher zu befassen.

Umgekehrt lebt jemand, der auf Gesundheitsratschläge einfach pfeift und bewußt oder unbewußt dabei den Genuß jetzt auf der Stelle einfach für bedeutsamer hält als sein Wohlergehen Jahrzehnte später, eindeutig mehr im "Hier und Jetzt" als jemand, der für eine Zeit in zwanzig, dreißig oder fünfzig Jahre umfangreiche Vorkehrungen trifft, und das ist sicherlich psychisch ein Vorteil, wenn diese langen Zeiträume sowieso nur noch mit einem extradicken Fragezeichen gedacht werden können.

Ob es auch ein Aspekt dieser "Käfigverblödung" beim Menschen ist, wenn man sich zu exzessiv mit seiner persönlichen Vergangenheit und seiner persönlichen Zukunft befaßt und dabei das Hier und Jetzt vernachlässigt? 




Donnerstag, 26. Januar 2023

Himbeeren in der Hühnersuppe

Mein Gewicht heute früh nach dem gestrigen Fastentag: 86,1 Kilogramm. Sehr erfreulich, ich bin gespannt, wie dieser Teil meiner Angelegenheiten sich in den nächsten paar Wochen weiterentwickeln wird. Eigentlich war ich ja noch vor einer Woche sicher gewesen, daß es seine zwei, drei Monate dauern wird, die Gewichtszunahme vom Dezember wieder loszuwerden, aber das fühlt sich auch um den Bauch herum in den letzten Tagen wieder ganz anders an.

Da ich vorgestern zwar mit Genuß, aber für meine Verhältnisse schon wieder vergleichsweise wenig gegessen habe (gnadenlos bis zur Sättigung, da kenne ich ja nix), frage ich mich, ob dieses geringere Eßbedürfnis etwas zu bedeuten hat, und wenn ja, was. Daß ich gestern gefastet habe, ist aber zweifellos dennoch eine glückliche Fügung, denn mir war wegen eines den ganzen Tag über anhaltenden komischen Geschmacks im Mund gar nicht so recht nach essen zumute. Im Lauf des Nachmittags kam ein leichtes Übelkeitsgefühl dazu, das in Verbindung mit verdächtigem Grummeln im Darm verbunden war. Ansonsten war ich aber fit, zu Durchfall kam es erst wieder, nachdem ich heute morgen eine Kleinigkeit gegessen habe (worauf die leichte Übelkeit wieder verschwand), das Temperaturempfinden ist halbwegs normal, der Kopf funktioniert auch, nicht einmal der Schwindel hat sich gemeldet. Ich bin also wieder auf dem Weg back to normal.

Gestern durfte ich meine geistige Wiederauferstehung nachmittags sogar noch einem Härtetest aussetzen und habe ihn erfreulicherweise bestanden. Eine Miteigentümerin aus dem Haus rief mich nämlich ganz verzweifelt an, weil sie mit der Grundsteuererklärung nicht zurechtkam. Meine eigene ist jetzt schon so lange her, daß ich aber auch nicht mehr so genau wußte, wie ich über die diversen Hürden gekommen bin, die das betreffende Elster-Formular enthält. (Softwarenentwickler alleine sind ja schon schlimm genug, aber in Kombination mit Steuerbeamten sind sie in diesem Formular echt zur Höchstform aufgelaufen.) Ich wußte bloß noch, daß ich es auch nicht im ersten Anlauf geschafft hatte. Nach mehreren erfolglosen Versuchen fand ich dann den Fehler, es war eine Sache, die aus Steuerbeamtenperspektive vermutlich logisch, aber für jeden anderen schlecht nachvollziehbar und nicht erklärt war. Die Miteigentümerin konnte ihr Glück kaum fassen, als die vorherige Fehlermeldung nach der Änderung im betreffenden Feld nicht mehr kam, und ich fühlte mich, als hätte ich im berühmten "Haus, das Verrückte macht", einen Passierschein A38 ausgehändigt bekommen. 

***

Nein, ich habe das Buch "Krebszellen mögen keine Himbeeren" nicht gelesen und werde es auch nicht tun, sorry also, falls irgendwer hinter der Artikelüberschrift eine Rezension dieses Buches erwartet haben sollte. Aber irgendwie fühle ich mich von diesem Buch seit meiner Krebsdiagnose ein bißchen gestalkt - ähnlich ging es mir seinerzeit übrigens mit Nadja Hermanns "Fettlogik überwinden", allerdings sind es im vorliegenden Fall nicht die Fans, sondern die Feinde des Buches, die mir lästig zu werden beginnen.

Ich kann nicht einmal mehr sagen, wo das gewesen ist und wonach ich damals eigentlich gesucht hatte, als ich zum ersten Mal auf das Himbeerbuch stieß. Es war Ende September in der Phase zwischen Biopsie und Laborbefund, als die meisten Recherchen zum Thema Brustkrebs eigentlich noch gar nicht viel Sinn hatten. Das galt aber nicht für die Frage, ob und wenn ja in welcher Weise Fasten sinnvoll bei so etwas eingesetzt werden könne. Dazu habe ich also schon in diesem Stadium recherchiert. So stieß ich auf ein Blog, meiner Erinnerung nach eines, in dem (auch?) Fachleute zugange waren, und sie gingen auch auf Blogkommentare ein. Das Himbeerbuch wurde von einem Kommentator erwähnt, der sinngemäß schrieb, er hätte dieses Buch gelesen und wisse jetzt besser als die Blogautoren, wie er seine eigene Krebserkrankung behandeln müsse. Also, ich bin ja nicht gerade berüchtigt dafür, auf die Autorität der Ärzte, Wissenschaftler und schon gar nicht von Wissenschaftsjournalisten zu pochen, aber daß dieser Mensch den Wert seiner aus dieser Lektüre gezogenen Kenntnisse maßlos überschätzte, war ebensowenig zu übersehen, wie ich den Verdacht nicht abschütteln konnte, daß er vermutlich in sein eigenes Unglück rennen werde, falls niemand ihn wieder zur Vernunft brächte.

Danach ging mir dieser blöde Buchtitel nicht mehr aus dem Kopf. Mein Mann grinste nur, wenn ich wieder mal nebenbei erwähnte, daß ich diese oder jene Erkenntnis ja nicht aus Büchern wie diesem Himbeerbuch gewonnen hätte oder daß ich solche Bücher ja niemals lesen würde. Er kennt mich lange genug, um zu wissen, was meistens passiert, wenn eine Sache so an mir nagt, daß ich nicht aufhören kann, über sie zu sprechen. Und richtig, irgendwann dachte ich, ach zum Teufel, was soll's. Vielleicht sollte ich dieses blöde Buch eben doch lesen, und sei es nur, um es endlich auch geistig wieder ad acta legen zu können. Bei Nadja Hermann hat das schließlich auch geklappt.

Um etwas für inhaltlichen Mist zu halten, genügt es außerdem noch lange nicht, wenn die Leute, die am meisten für das Buch schwärmen, ein bißchen unterbelichtet wirken. Genausowenig reicht es aus, daß es trotz der eindrucksvollen Titel, mit denen sich die Autoren schmücken können, kein Fach-, sondern ein populärwissenschaftliches Sachbuch ist, das außerdem auch nicht in einem medizinisch-naturwissenschaftlichen Fachverlag wie Springer oder Thieme erschienen ist, deren allgemeinverständlichen Reihen man zumindest einen gewissen fachlichen Grundanspruch unterstellen kann, sondern im Kösel-Verlag, einem typischen anspruchslosen Quer-durch-den-Gemüsegarten-Publikumsverlag aus dem Hause Penguin-Random House, will heißen, dem Bertelsmann-Konzern, in dessen Ratgeber-Sparte auch Gesundheitsratgeber erscheinen. Und zwar vorurteilslos alles und dessen Gegenteil, sofern es dem Verlag nur Geld zu bringen verspricht. (Nun gut, das letztere gilt für Thieme und Springer natürlich auch. Buchverlage haben keine Ideale - jedenfalls sobald sie eine gewisse kritische Größe überschritten haben -, sie sind gewinnorientierte Unternehmen wie andere auch.)

Über den Riva-Verlag, in dem Jason Fungs Bücher erschienen sind, war ich aber auch nicht so richtig glücklich, weil für ihn ganz ähnliches gilt, und von Fung halte ich trotz der einen oder anderen Kritik im Detail immer noch eine ganze Menge. Also, sagte ich mir, beurteile das Buch lieber nicht zu ausschließlich nach dem Verlag, der es publiziert hat. Um inhaltlichen Mist berechtigterweise inhaltlichen Mist nennen zu können, sollte man ihn schon erst mal gelesen haben. 

Das ungefähr waren also meine Überlegungen.

Ich also zu Amazon, schau mir das Ding an, lese die Kurzbeschreibung und falle fast vom Stuhl: In dem Buch geht es ja noch nicht einmal um Krebsbehandlung. Es geht nur darum, welche Lebensmittel die Autoren für krebspräventionsgeeignet halten. Das ist auch der Grund, warum ich das Buch dann doch nicht gekauft habe. Ich habe ja schon Krebs, was soll ich dann also jetzt noch mit einem Buch über Krebsprävention? Aber erstaunlich finde ich es doch, daß auch unter den Amazon-Rezensenten dieses Buches eine ganze Reihe fest zu glauben schien, daß sie Empfehlungen für ihre bestmögliche Ernährung während einer Krebserkrankung gelesen hätten - die sie natürlich auch so umzusetzen gedachten. 

Irgendetwas läuft auf der allgemeineren Kommunikationsebene grundlegend falsch, wenn so etwas das Ergebnis von Bemühungen um Vermittlung wissenschaftlich begründeter Ratschläge darstellt, was hoffentlich trotz meiner kritischen Bemerkungen auch bei diesem Buch wenigstens bis zu einem gewissen Punkt der Fall ist. Andererseits begreife ich jetzt endlich, warum sich für die Discounter die überteuerten und meiner Erfahrung nach fad schmeckenden Himbeeren im Kühlregal als ganzjähriges Angebot zu rechnen scheinen. Zuvor habe ich mich darüber immer gewundert, weil man ja zu jeder Jahreszeit saisonales Obst auch im Discounter gerade dann günstiger bekommt, wenn es am schmackhaftesten ist. (Für die von Low Carb ähnlich gehypten Heidelbeeren gilt übrigens in etwa dasselbe. Ich kaufe momentan viel lieber Kiwis, bei denen schmecken gerade auch die billigen für einsfuffzig das Kilo sehr gut.)

Wie es scheint, können Onkologen aber ebenfalls ganze Opern über Begegnungen mit Patienten grölen, die genau dieses Buch gelesen und auf dieselbe Weise mißverstanden haben. Und wer weiß, wie viele andere Bücher dieser Art unterhalb meines Radars geblieben sind, aber auf ihrer Hotlist der blutdrucksteigernden Patientenfragen gleich unter dem Himbeerbuch stehen. 

Das Problem dabei ist aber, daß es auf die Himbeerfrage keine Antwort gibt, die man in einem twittertauglichen Satz zusammenfassen könnte wie: "Es gibt keine Krebsdiät" oder "Krebs läßt sich nicht aushungern und Himbeeren sind ihm scheißegal". Ich nehme das dem Autor der beiden Zitate langsam echt ein bißchen übel. Eigentlich habe ich ihn ja schon lange entfolgt, aber erst heute bin ich meine "Folge ich"-Liste mal durchgegangen, um die Person rauszukicken, die ihn mir trotzdem immer wieder in meine Timeline gespült hat, denn ich habe Krebs und soll mir keinen Streß antun, und der Typ streßt mich wirklich, weil ich von seinen Tweets zu oft Kopfschmerzen und üble Laune bekomme.

Ich meine den freundlichen @DocOnco, Dr. Michael Schmitz, nach eigener Aussage Internist und Hämato-Onkologe, Palliativmediziner in Hamburg.

Was mich auch immer wieder an solchen Aussagen eines eigentlich nett und seinen Patienten zugewandt wirkenden Onkologen so verstört, ist, was für eine eklige Art von dümmlich-selbstgefälligen Kommentaren das innerhalb des Kometenschweifs seiner Follower bei einem Teil von ihnen auslöst, und daß die Tatsache, daß er bei seiner Entourage mit solchen plakativen, aber unterkomplexen Behauptungen nicht nur inhaltliche Mißverständnisse auslöst, sondern auch das Schlechteste aus ihnen herauskitzelt, was sie charakterlich zu bieten haben, den netten Dr. Schmitz überhaupt nicht zu stören scheint. 

Ja, ich gestehe: Ich habe es mal wieder nicht lasssen können, auf Dr. Schmitz zu reagieren, und prompt hat einer seiner geifernden Wauwaus das Bein an mir gehoben. Aber ich will mich nicht beschweren, denn immerhin scheine ich dem sonst nahezu unvermeidlichen Wichtigtuer entgangen zu sein, der nicht davor zurückgeschreckt wäre, mein Blog nach wissenschaftlich fragwürdigen Ernährungsgläubigkeiten zu durchsuchen, um sie bei Twitter verwursten zu können. Wer weiß, was da sonst herausgekommen wäre - in meinem letzten Blogpost beispielsweise habe ich ja leichtsinnigerweise erwähnt, Hühnersuppe helfe gegen alles und vielleicht auch Chemo-Nebenwirkungen. (@Blogger: In Ihrer Emoticon-Sammlung fehlt ganz entschieden ein Hühnersmiley. 🐔)

Solche Tweets halte ich in ihrer Gesamtwirkung für in mehr als einer Hinsicht problematisch und manchmal regelrecht gefährlich, vor allem, weil das so nicht stimmt, wie der @DocOnco das schreibt. 

Das folgende - wie immer - unter dem Vorbehalt, daß ich Laie bin und mir vielleicht doch manches, das ich mir in den letzten Monaten angelesen habe, falsch zusammenreime. Und natürlich weiß ich in vielen Punkten gar nichts im eigentlichen Sinne von "Wissen", ich stochere da im selben Nebel wie die Fachleute, die bloß nicht zugeben, daß sie - auf höherem fachlichen Niveau - insgeheim in vielen Punkten genauso unwissend wie ich sind und sich aufs Ausprobieren und Rätselraten verlegen müssen. ;-)

Ein Tumor läßt sich nämlich (vermutlich) wirklich nicht aushungern, obwohl das auch die Frau Professorin Jutta Hübner behauptet, deren Stellungnahme zum Fasten ja das Papier nicht wert war, auf dem sie gedruckt wurde. Es wird zwar auch in dieser Richtung geforscht und dabei gab es auch schon Laborergebnisse, die sich so deuten lassen, aber was in einer Petrischale oder einem Reagenzglas (oder was auch immer da verwendet wird) passiert, ist halt doch nicht dasselbe wie das, was der Tumor in meinem Körper macht, wenn er mit denselben Nährstoffen (oder deren Ausbleiben) konfrontiert wird. Ich muß übrigens zugeben, die Stellungnahme der Frau Professorin zur ketogenen Diät habe ich heute zum ersten Mal gesehen - ob ich mich mit ihr inhaltlich näher befassen sollte, darüber muß ich mit mir erst noch zu Rate gehen. Wofür der Link zu ihrer Stellungnahme aber bestimmt nützlich ist: Ihren Quellen lassen sich die Studien entnehmen, die der folgenden Aussage zugrundelagen: 

Zu kohlenhydratarmen bzw. ketogenen Diäten liegen eine Reihe von Zell- und Tierexperimenten vor. Die Ergebnisse dieser Experimente sind nicht eindeutig und teilweise konträr. In einigen Experimenten konnte das Tumorwachstum verlangsamt werden. In anderen kam es jedoch nach einiger Zeit unter einer ketogenen bzw. kohlenhydratarmen Diät zu stammzellartigen Veränderung von Tumorzellen [8–15]. In Tierexperimenten kam es teilweise nach initialer Verlangsamung zu einem beschleunigten Wachstum der Tumorzellen. Darüber hinaus zeigen einige Experimente, dass nur bei denjenigen Tieren eine initiale Wachstumsverlangsamung des Tumors zu sehen war, bei denen es auch zu einer Gewichtsabnahme kam. Darüber hinaus konnten Tierexperimente zeigen, dass das Entscheidende für eine Verlangsamung des Tumorwachstums die Gewichtsabnahme ist und zwar unabhängig von der Diät (kohlenhydratarm oder fettarm) [10, 16–18]

Unter dem Vorbehalt, daß ich die Details, in denen der Teufel auch in dieser Stellungnahme der vermutlich wieder mal "völlig unvoreingenommenen" Frau Professorin vielleicht ja liegen könnte, im Moment noch nicht kenne, klingt das erst mal nicht total abgedreht und steht zu meinem Vorwissen nicht im Widerspruch.

Ein Tumor kann offenbar mindestens in manchen Fällen (unter anderem vermutlich abhängig von seinem eigenen Entwicklungsstadium, aber sicherlich spielen auch andere Faktoren eine Rolle) sich Glukose auch dann verschaffen, wenn sie nicht über die Nahrung zugeführt wird. Möglich ist das in Form einer Umwandlung von Eiweiß in Glukose. Das Eiweiß stammt entweder aus der Nahrung. Oder, falls auch auf Nahrungseiweiß kein Zugriff möglich ist, aus der Muskulatur. Wenn ein Tumor diesen Trick beherrscht, ist es selbstverständlich sinnlos, auf Kohlenhydrate oder Protein in der Nahrung zu verzichten, um ihn auszuhungern. Daß einem der Krebs die Muskulatur verspeist, will man ja noch viel weniger, als daß er sich von der Speise ernährt, die ich meiner eignen Energiezufuhr zugedacht hatte. 

Das Gemeine ist, daß niemand einem so genau sagen zu können scheint, woran - außer, nehme ich an, ungewollter Gewichtsabnahme - man halbwegs sicher erkennen kann, daß man besser beraten ist, seinen Tumor nicht auf diese Weise austricksen zu wollen, weil das Risiko zu groß ist, daß das nach hinten losgeht. Es ist auch nicht klar, ob bzw. unter welchen Rahmenbedingungen man durch einen Verzicht auf den Treibstoff, den der Tumor gerne haben möchte, vielleicht sogar selbst versehentlich diesen Lernfortschritt bei ihm selbst auslösen kann. Krebs ist nämlich nicht nur gierig wie ein Finanzhai und heimtückisch wie ein Mafiaboß, sondern auch so lerneifrig wie ein Klassenstreber.

Nach aktuellem Wissensstand kann ich echt nicht empfehlen, sich mit einem Mafiaboß auf ein Duell in russischem Roulette einzulassen, sofern nicht in einem individuellen Fall besondere Umstände die Vermutung nahelegen, daß man es gewinnen würde. Das gilt jedenfalls so lange, wie noch andere Behandlungsoptionen bestehen. (Wer sowieso nichts mehr zu verlieren hat, warum sollte der nicht das eine, das nach Meinung der Ärzte alles nur noch schlimmer machen würde, noch ausprobieren, auf die Gefahr hin, daß die Ärzte recht behalten?) (Ergänzung auf Hinweis meines Mannes, der damit natürlich vollkommen recht hat. 29.01.23)

Immerhin, einen kleinen Lichtblick in dieser Frage finde ich erwähnenswert: Ich sehe überhaupt keine Anhaltspunkte dafür, daß im Anschluß an eine Krebserkrankung, wenn man sich also gerade als krebsfrei betrachten kann und es nun um die Frage geht, diesen Zustand möglichst dauerhaft erhalten zu können, dieses Risiko weiterbesteht, und wüßte auch keinen Grund, warum das so sein sollte. Denn daß ein Tumor wirksame Mittel hat, sich gegen das Aushungern zu wehren, heißt nicht zwangsläufig, daß  Krebszellen alleine oder in kleinen bis kleinsten Zusammenballungen das ebenfalls können. Wie schon in früheren Blogartikeln erwähnt: In frühen Krebsstadien ist ja auch die Autophagie ein Feind der Krebszellen, während fortgeschrittene Tumore Mittel und Wege entwickeln können, sie sich sogar noch zunutze zu machen. 

Aber natürlich tappt die Wissenschaft über die Details, nach denen Krebszellen auf bestimmte Arten von Ernährung reagieren, auf eine Weise nach wie vor im Dunkeln, daß es mir fahrlässig vorkommt, die Leute über die Publikumsmedien und populärwissenschaftliche Ratgeberliteratur mit - einander auch noch häufig widersprechenden - Anweisungen zu überhäufen, welche Lebensmittel sie essen und welche vermeiden sollten, um keinen Krebs zu bekommen. Das gilt noch mehr, weil sich unter denen, die solche Anweisungen wirklich ernst nehmen und befolgen wollen, immer auch ein Teil befindet, der es besonders gut und richtig und deshalb hundertfünfzigprozentig umsetzen will, in der Annahme, das biete einen besonders hohen Schutz, und dabei unter Umständen zum Steve-Jobs-Fall wird, der ja auch ganz sicher zu wissen glaubte, was er essen müsse und was er nicht essen dürfe, um gesund alt zu werden. Fanatismus im Detail ist höchstwahrscheinlich bei allen Ernährungsweisen eher ein zusätzliches Risiko als ein zusätzlicher Schutz, ob jemand nun vegan oder Low Carb oder eine Krebsvermeidungsdiät essen möchte. 

Die Sache ist also kompliziert, aber das erwähnte ich eingangs ja schon. 

Eine völlig andere Baustelle ist außerdem die Frage, ob eine bestimmte Ernährung oder Fasten während einer Chemotherapie sinnvoll ist oder nicht, denn das setzt nicht zwangsläufig eine direkte Wirkung auf den Tumor als Erfolgskriterium voraus. 

Es hat ja seinen guten Grund, daß für die Erfolgskontrolle von Therapien das "ereignisfreie Überleben" gewählt wurde, daß also weder der Krebs wiedergekommen noch man aus irgendeinem beliebigen Grund verstorben ist. Die Verfälschung durch Todesfälle, die in gar keinem Zusammenhang mit dem Krebs stehen, ist natürlich mitzudenken, aber bis zu einem gewissen Alter sowieso nur marginal. Aber neben dem "Tod durch Krebs" steht auch der "Tod durch Behandlungsfolgen", und das muß natürlich unbedingt statistisch einfließen, denn was hätte man davon, wenn man zwar den Krebs dank der Behandlung besiegen konnte, aber dafür innerhalb desselben Zeitraums wegen der Behandlung an Nierenversagen stirbt?

Chemotherapie-Nebenwirkungen bedeuten immer potentielle spätere Gesundheitsschäden, die auch tödliche Folgen haben können. Deshalb ist es nicht trivial, diese Nebenwirkungen verringern zu wollen, sondern ein wichtiger Bestandteil, um dem Patienten seine Gesundheit weiter zu bewahren, und die Indizienlage eines Einflusses der Ernährung darauf sieht um einiges besser aus, auch wenn ich es akzeptieren kann, daß die Forschung noch viel zu spärlich und deshalb noch nicht an einem Punkt angelangt ist, an dem man von einem Beweis im eigentlichen Sinne sprechen könnte.

Ungeachtet dessen spricht aber, wenn man die Sache logisch durchdenkt, überhaupt nichts dagegen, mindestens die Chemotherapie einer Krebserkrankung ohne Fernmetastasen mit einer Ernährung zu begleiten, von der ein Patient zu Recht oder Unrecht annimmt, sie werde sich günstig auf Art und Intensität der Nebenwirkungen auswirken - oder, so wie ich, zu fasten. Das gilt ganz besonders für neoadjuvante Chemotherapie, also Chemo vor einer operativen Entfernung des Tumors. Denn auch dann, wenn die positive Wirkung ausbliebe, riskiert man dabei so gut wie nichts.

Auch nicht, was etwaige ungewollte Wirkungen auf die Aggressivität des Tumors betrifft. Denn die können ja kaum gefährlicher sein als dieselben ungewollten Wirkungen durch die Chemo, die ebenfalls existieren, und gegen letztere ist das ja auch kein Argument. Außerdem bedeutet der Start einer neoadjuvanten Chemotherapie, daß die Tage dieses speziellen Tumors so oder so gezählt sind, egal, wieviele neue Tricks er zuvor noch lernen mag. Die darf er dann gerne in der Giftmüllverbrennung ausprobieren, oder wo immer ein herausoperierter Tumor auch sonst nach der OP landen mag.

Nachtrag 27.1.: Erwähnen sollen hätte ich wohl an dieser Stelle doch noch, daß es unter den außerhalb des herausoperierten Tumors überlebenden Krebszellen allerdings solche geben dürfte, die diese Tricks ebenfalls gelernt haben und deshalb natürlich gefährlicher sind, als sie es andernfalls wären, weil man ihnen wahrscheinlich mit denselben Mitteln, die man beim ersten Mal angewandt hat, nicht mehr beikommen würde, sollten sie sich wieder organisieren und erneut einen Anlauf zur feindlichen Übernahme starten. Die Frage, ob und inwieweit die Art der Ernährung dazu beitragen kann, sie dabei zu sabotieren, ist also eine, die nicht ganz unwichtig ist, wenn es darum geht, die Rückkehr der Krebserkrankung zu verhindern. 

Ich halte es für verantwortungslos, wenn ein Arzt wie Dr. Schmitz den Leuten weismacht, er wisse angeblich ganz genau, daß ein solcher Beitrag nicht existiere. Denn das ist glatt gelogen, auch wenn der umgekehrte Beweis ebenfalls nicht erbracht werden kann. Abhelfen ließe sich dem nur, indem Studien mit entsprechend langem Zeithorizont sich dieser Frage in geeigneter Form annehmen würden, also überprüfen, ob Patienten, die nach der üblichen konventionellen Krebstherapie eine bestimmte Ernährungsweise einhalten (vegan/Low Carb/Fasten/Himbeeren ...) sich früher oder später, seltener oder häufiger wieder beim Onkologen in Behandlung begeben müssen als diejenigen, die das nicht tun.

Solange da keine Erkenntnisse vorliegen, bleibt einem als Patient kaum etwas anderes übrig, als das zu tun, von dem man sich diese Wirkung am ehesten verspricht, und das Beste zu hoffen. Ein bißchen Optimismus schadet dabei bestimmt nicht. Daß es zur Überlebenswahrscheinlichkeit von Krebspatienten beitrüge, dafür zu sorgen, daß sie meinen, alles, was sie selbst tun könnten, sei eh sinnlos, wäre mir nämlich das Allerneueste.

Aus meiner Sicht gibt es angesichts dessen nur wenige wirklich überzeugend Gründe für einen Arzt, seinem Patienten seine Ernährungsideen in so einem Fall unbedingt ausreden zu wollen:

Wenn sich im Lauf der Chemo herausstellt, daß der Tumor nicht geschrumpft, sondern gewachsen ist, sollten wohl alle Faktoren, die das ausgelöst haben könnten, eliminiert werden, wenn man das kann, und die Ernährung wieder zu verändern, ist dabei ja besonders einfach. 

Untergewicht könnte ein weiterer Faktor  sein. Aber speziell bei Brustkrebs - und sicherlich auch bei etlichen anderen Krebsarten, sofern sie in einem relativ frühen Stadium behandelt werden -  ist während einer Chemotherapie ja eher mit einer Gewichtszunahme zu rechnen. Falls dann aber das Gegenteil passiert, hat das ja fast immer gerade mit den Nebenwirkungen zu tun, also wäre es gerade dann bei bereits Untergewichtigen ja völlig bekloppt, nicht alles zu tun, um sie zu verringern. 

Ich glaube, irgendeinen dritten Fall, der mir neulich zusätzlich noch in den Sinn kam, habe ich vergessen. Und selbstverständlich gelten in fortgeschrittenen Krankheitsstadien dann wieder ganz andere Gesetze, aber wenn ich das richtig mitbekommen habe, geht es dann ja im Grunde immer um Einzelfallentscheidungen, also dann natürlich auch in diesem Punkt.

Aber wie auch immer: Ich finde es einfach unmöglich, daß für die Ernährungsdiät-Phobie vieler Ärzte so selten nachvollziehbare Begründungen erbracht werden, sondern nur genauso billige Allgemeinplätze, wie sie auch in dem Satz "Krebszellen mögen keine Himbeeren" zum Ausdruck kommen. Ein Arzt hat aber nicht die Aufgabe, seinen Patienten irgendwelche vermeintlichen Wahrheiten in den Schädel zu donnern, wenn es offensichtlich ist, daß auch sein Irrtum - falls er sich wirklich irren sollte - ihm  keinen Schaden zufügen kann. Er sollte im Gegenteil dankbar für jeden Krebspatienten sein, der ein Ernährungsvorhaben, egal wie ballaballa es ihm vorkommt, nicht heimlich umsetzen zu müssen glaubt. Das ist nämlich ein Zeichen, daß der Patient ihm vertraut, und dieses Vertrauen sollte er sich erhalten.

Was Ärzte sich selten so richtig klarmachen: 

Aus Patientensicht ist es längst nicht so logisch, wenn man die Meinung eines Arztes gegen die eines Wunderheiler-Gurus abzuwägen hat, sich unbedingt für den Arzt zu entscheiden, und das gilt ganz besonders bei einer Erkrankung, bei der einem der Sensenmann ins Gesicht grinst. Ein zusätzlicher Überlebensvorteil von dreikommafünf Monaten durch ein neu entwickeltes Medikament mag in einer Studie ja wirklich ein Grund zur Freude sein, als Aufschub für den Patienten ist an einem solchen Zeitraum halt so wenig dran, daß es viel zu weit von dem entfernt ist, was er eigentlich erreichen möchte, nämlich mit der Zeitperspektive weiterleben, die er vorher gehabt hatte, um zwangsläufig als Argument für den Arzt und gegen den Guru gelten zu können. Aus seiner Perspektive verliert er weniger, als der Arzt glaubt, wenn diese dreikommafünf Monate ihm durch eine unwirksame Wunderheilerbehandlung flöten gehen, die er für eine Chance gehalten hatte, anstelle der dreikommafünf Monate dreißig Jahre erreichen zu können. Gerade dann, wenn ein Arzt täglich die Erfahrung macht, daß seine bestmögliche Behandlung eben viele Patienten doch nicht vor einem zu frühen Tod bewahrt, ist es doch auch unredlich, so zu tun, als stünde der tragische frühe Tod nach einer unwirksamen Behandlung durch den Wunderheiler im Kontrast zur ansonsten erfolgten Heilung durch den wissenschaftlich untadelig vorgehenden Onkologen. In Wirklichkeit geht es meistens um einen frühen oder einen noch früheren Tod. Was die Differenz für den Patienten bedeutet, das ist es, worauf es ankommt, nicht wie das in wissenschaftlichen Studien bewertet wird.

Daneben hat ein Patient viel weniger Grund, dem Fachwissen und der Behandlungserfahrung seines Arztes zu trauen, als die meisten Ärzte annehmen. Denn jeder Arzt hat sich bei seinen Patienten schon häufig geirrt. Umgekehrt hat aber auch jeder Patient schon die Erfahrung gemacht, daß sein Arzt sich bei seiner Behandlung geirrt hat, wenn auch meistens in relativ harmlosen Fällen. Er weiß deshalb, daß auch in diesem aktuellen Fall, der dummerweise nicht harmlos ist, ein Irrtum des Arztes möglich ist. Mit welchem Recht wird dann aber von ihm ein gläubig-vertrauensvolles Fallenlassen in die Hände des Arztes als großem Zampano verlangt, anstatt ihn als Partner auf Augenhöhe bei der Verfolgung eines gemeinsamen Ziels zu verstehen, bei dem natürlich beide Partner sich sowohl über die eigene wie auch die Fehlbarkeit des jeweils anderen im klaren sind.

Ein solches Verständnis würde dem Arzt genausoviel nützen wie dem Patienten. Jedes Patientengespräch wäre dann gleichzeitig eine Fortbildung, denn wer seinen Patienten wirklich zuhört und dessen Perspektive nachvollzieht, der lernt dabei auch einiges, wovon seine anderen Patienten dauerhaft profitieren werden. Und hat es außerdem nicht auch etwas ganz besonders Befriedigendes, wenn man als Arzt das Vertrauen seines Patienten auf diese Weise auch mit Vertrauen erwidern kann?