Sonntag, 13. November 2022

Das Leben ist eine verstaubte Rumpelkammer

 Mein Gewicht heute früh: 85,0 Kilogramm. 

Tumor- und Nebenwirkungs-Watching (Chemo-Zyklus 2, Tag 10): 

Die kleine Glasmurmel in der Achsel ist immer noch eine kleine Glasmurmel.Vorgestern habe ich sie beim ersten Ertasten aus einem anderen Winkel erwischt, und mir sträubten sich die nachwachsenden Borsten auf dem Kopf, weil ich erst dachte, sie wäre sogar wieder größer geworden. Im zweiten Versuch erkannte ich dann aber, daß das wohl alles eine Frage der Perspektive gewesen ist, kein Grund zur Aufregung also, sie ist weder gewachsen noch geschrumpft. Und seitdem hat sich ihre Größe auch nicht verändert. Schade trotzdem. Eine Erbse oder ein Garnichts wäre mir natürlich lieber gewesen.

Der Tumor wiederum kam mir vorgestern ebenfalls nicht wirklich kleiner vor, nachdem ich ihn wiedergefunden hatte - aber ich mußte wahrhaftig zum ersten Mal seit der Biopsie am 5. Oktober kurz nach ihm suchen, anstatt ihn beim Drüberfahren mit der Hand auf Anhieb zu ertasten. Also, entweder ist er dann doch kleiner geworden oder er ist mir irgendwie ... tiefer gerutscht??? 👀

Hm. Wahrscheinlich dann doch eher ersteres. Daß er diesmal aber auch wieder weicher geworden wäre - so wie beim letzten Zyklus um ungefähr diese Zeit herum - kann ich bis auf weiteres aber nicht feststellen. Auch der Tumor ist gerade eine harte kleine Glasmurmel, aber je öfter ich morgens erst mal suchend über meine rechte Brust fahre, bevor ich sie lokalisiert habe, desto überzeugter bin ich davon, daß sie tatsächlich kleiner als vor Beginn des zweiten Chemo-Zyklus ist. Da ich nicht weiß, was von beidem zu bevorzugen wäre, nehme ich das erst mal ohne weiteren Kommentar zu den Akten. 

Am Dienstag werde ich mal mit der Chemo-Schwester reden, denn mir gefällt es nicht, daß der dritte Zyklus nicht nach drei, sondern erst nach fast vier Wochen (präziser: drei Wochen und sechs Tage) starten soll. Ich möchte nicht, daß das glücklicherweise jetzt schrumpfende Ding gar so viel Zeit dafür bekommt, sich nach dem chemischen Angriff wieder zu berappeln.

Ich habe den Eindruck, die Tage, an denen bei der Chemo beobachtbare Dinge an diesen beiden Stellen passieren, sind auch die Tage, an denen ich die stärksten spürbaren Nebenwirkungen im Zyklus habe. Falls zwei Zyklen schon eine halbwegs konkrete Aussage zulassen sollten, wären das dann ungefähr die Tage 4 bis 10 ... wobei ich dafür "Nebenwirkungen" aber schon ein bißchen großzügig definieren muß, denn außer diesem leichten Schwindelgefühl, das mich ab Tag 3 über mehrere Tage hinweg begleitet (fast immer nur über den Vormittag hinweg, nachmittags löst es sich dann von alleine auf, aber manchmal poppt es auch am frühen Nachmittag unerwartet auf, wenn ich morgens nichts oder fast nicht bemerkt habe), hatte ich letztes Mal (und werde ich vermutlich auch diesmal) nur zwei bis drei Tage noch ein paar andere Beschwerden haben, die ich aber alle auch nicht weltbewegend finde. 

Neben einem leichten Wundheitsgefühl in der Nase und am Gaumen (Nasenspülungen mit Kochsalzlösung helfen, wie schon im Sommer, als ich das ja fast die ganze Zeit hatte) bekam ich in der Nacht auf vorgestern auch noch Muskelschmerzen im Rücken, die ich immer noch spüre, wenn ich bestimmte Bewegungen mache, und dabei fiel mir ein, daß ich das im letzten Zyklus ungefähr zur selben Zeit ja auch hatte, allerdings im linken Arm und relativ zentral an einer bestimmten Stelle, die ich tatsächlich ungebührlich beansprucht hatte. Deswegen war ich mir auch nicht sicher gewesen, ob das überhaupt etwas mit der Chemo zu tun hat. Aber offenbar ist das schon der Fall und ohne Überbeanspruchungen sucht der kleine gemeine Muskelkater sich wohl einfach eine andere Sollbruchstelle, um es sich dort gemütlich zu machen und mir ein bißchen aufs Schwein zu gehen. 

Gestern und heute merkte ich schon eine deutliche Verringerung der Symptome, was sich vermutlich nun rasch in Richtung Normalgefühl weiterentwickeln wird, und das ist auch gut so, denn ich habe Mitte nächster Woche etwas, was ich sonst eigentlich gerne vermeide: Ich muß vor einer Gruppe anderer Leute sprechen. Daß das ohne eigene Haare geschehen wird, macht die Sache für mich letztlich nur unwesentlich unangenehmer, aber diesmal gab es für mich nun einmal gute Gründe, mich darauf einzulassen. Also muß ich da eben durch, ob mit oder ohne Haare. 

Im Moment fühle ich mich leider mit nahezu allem, was ich als Haar-Ersatz oder zum Kaschieren ihres Fehlens verwenden kann, mindestens ein bißchen unwohl. Die Perücke habe ich schon mehrmals unterwegs getragen und optisch gefalle ich mir mit ihr auch, aber sie fühlt sich weiterhin ziemlich fremd an. Ich habe dauernd das Bedürfnis, daran herumzunesteln, weil ich das Gefühl habe, sie sei irgendwie verrutscht, und dann bekomme ich zusätzlich das Gefühl, jedem um mich herum fällt auf, daß ich gerade versuche, meine Frisur daran zu hindern, plötzlich neben mir auf dem Boden zu liegen. So richtig für ein erhöhtes Sicherheitsgefühl sorgt das natürlich nicht.

Das sollte ich in den nächsten Tagen echt noch ein bißchen trainieren, die Finger von der Perücke wegzulassen. 

Eines der Probleme ist das nachwachsende Stoppelfeld auf meinem Kopf, bei dem sich die einzelnen Stoppeln ständig in allen Tüchern, Kappen und so weiter verhaken und ein unangenehmes Gefühl auslösen. Mützen, die fest genug sitzen, um mich nicht ständig vor ihrem Verrutschen schützen zu wollen, lösen außerdem ein unangenehmes Druckgefühl am Kopf aus, und weil ich ja außerdem in Innenräumen Maske (vorzugsweise FFP2-Maske) tragen sollte (mein Termin wird aber eine Ausnahme sein), was für mich als Brillenträgerin ohnehin unangenehm ist, weil mir die Brille ständig beschlägt, habe ich in Kombination mit Mütze außerdem ständig ein Gefühl, als würden mir die Haare in die Augen hängen. Tatsächlich verschiebt diese Kombination meine Brille aber einfach ein bißchen näher in Richtung Augen, und was ich da spüre, sind die Augenbrauen und die Wimpern. (Ja, ich habe beides noch.)

Daheim weiche ich jetzt manchmal auf einen selbstgebundenen Turban aus einem meiner Halstücher und Schals aus. So ein Ding sitzt locker genug, um mir viel weniger unangenehm zu sein, allerdings habe ich meinen Tücher- und Schal-Bestand natürlich nicht für diesen Zweck erworben, und nicht alle gefallen mir. Da werde ich vielleicht doch noch einmal shoppen gehen müssen und mir ein paar turbantauglichere Exemplare beschaffen. Und dann heißt es natürlich auch wieder üben, bis die Bewegungen beim Wickeln richtig sitzen und das Ergebnis auch etwas gleichsieht, damit ich mich damit auch unter die Leute trauen kann. Denn so richtig gegeben sind mir solche feinmotorischen Aufgabenstellungen leider nicht.

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Das bislang nur provisorisch eingerichtete Telefon hat uns gestern einen weiteren kompletten Tag und dazu noch reichlich Nerven gekostet. Aber jetzt funktioniert endlich alles, sogar das Fax, das ich selten, aber leider alle ein bis zwei Jahre eben doch brauche, und dann meistens auch sehr dringend - etwa wenn Fristen gewahrt werden müssen. Neulich erst war es meiner Krankenversicherung nur noch das Durchfaxen des Formulars von mir möglich, meinen Krankentransport zur Chemo noch rechtzeitig vor dem ersten Termin zu bewilligen. Aber daß ich dieses einwöchige Chaos meinem Telefonanbieter jemals verzeihen werde, glaube ich nicht. 

"Eines Tages werde ich die Chance bekommen, diesen §$"§%$ so richtig an den Karren zu fahren", sagte ich gestern zu meinem Mann. "Und das werde ich dann in jedem Fall tun - und mit ordentlichem Anlauf. Und falls sie mich auf Knien anflehen sollten, sie zu schonen, bekommen sie zusätzlich noch einen Tritt in die Weichteile." Ich habe Telefonanbieter so satt. Seit zwanzig Jahren kommt es jedes Mal, wenn bei mir etwas am Telefon verändert wird, zum Supergau. Daß die Hotlines nicht mehr ganz so grottenschlecht sind wie damals, als ich das zum ersten Mal erlebt habe, macht die Sache nur marginal besser. Wenn ich nur könnte, würde ich auf Brieftauben umsteigen.

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Es ist schon ein Weilchen her, daß mir dieser Tweet auffiel, aber ich wollte ihn trotzdem noch posten: 

Wir sollten es echt auch einmal mit einem gewesenen Comedian an der Spitze versuchen. Man vergleiche nur den Subtext mit den Bemühungen unseres Oberpanikmachers an der Spitze der Bundesnetzagentur, in uns die maximal möglichsten Ängste zu wecken in der irrigen Meinung, mit genau dieser Methode sei es am besten möglich, auch noch die letzte mögliche eingesparte Kilowattstunde extra aus uns herauszuquetschen. Wir haben echt ein gravierendes Kommunikationsproblem bei uns im Land. In allen Bereichen und auf allen Ebenen. 

Vielleicht ist der Vorteil der Ukraine in diesem speziellen Bereich ja der, daß man dort (immer noch) so mit dem Rücken zur Wand steht, daß man sich solchen Firlefanz nicht leisten kann und nicht leisten will, sondern sich darauf konzentriert, Dinge zu tun, die funktionieren, bzw. alles zum Funktionieren zu bringen, was so aussieht, als könne es mit vertretbarem Aufwand funktionsfähig gemacht werden. 

Aber auch dafür braucht man an den entscheidenden Stellen Leute, die einen Blick fürs Wesentliche haben. Ich wünschte, wir hätten auch welche.

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Apropos Blick fürs Wesentliche. Eigentlich hatte ich ja angenommen, ich müsse nur bis nach dem Geburtstag meiner Mutter durchhalten, und dann würde der Streß von alleine so weit nachlassen, daß ich damit trotz der Zusatzbelastung mit der Chemo gut zurechtkomme. Das Telefondesaster hat mir jetzt aber gezeigt, daß ich vielleicht doch mehr Spielräume für diese Art von "unknown unknowns" benötige, von denen ich weder weiß, was sie mit sich bringen noch wann sie mich mit welcher Härte treffen werden. Deshalb habe ich mir erstens vorgenommen, vor Weihnachten in etwas stärkerem Maße auf meine geschäftlichen Vertreterinnen zurückzugreifen, als ich das bislang vorhatte. Und zweitens will ich die gewonnene Zeit - soweit sie nicht durch Notfälle obiger Art blockiert wird - dazu nutzen, eine Reihe un- bzw. halb erledigter Dinge endlich fertigzustellen, die sich im Laufe des Jahres bei mir angestaut haben, und mich außerdem von einem Teil dieser Projekte nach dem Prinzip "Fort mit Schaden" ganz zu trennen, weil ich sie nicht unbedingt beenden muß und ich mir von ihnen den Kopf nicht mehr blockieren lassen möchte. 

Da mein Leben nun einmal, aktueller Stand, eine Art verstaubte Rumpelkammer voller Zeugs ist, von dem ich irgendwann einmal glaubte, es mal brauchen zu können, sollte ich den Raum wenigstens mal in einen begehbaren Zustand bringen.

Was ich außerdem gestern begonnen habe - mehr aus Verlegenheit, weil ich meinem Mann, als der mit meinem Telefon rang, nicht unnötig im Weg herumstehen wollte -, ist das ebenfalls längst wieder mal fällig gewordene Aussortieren meiner Bücher, denn mittlerweile habe ich schon wieder stapelweise Bücher, die ich in den Regalen gar nicht mehr unterbringen kann. Ich muß aber echt nicht jeden Roman, der mir mal gefallen hat, für den Rest meines Lebens aufheben. Also sichtete ich kritisch nach dem Kriterium "Wie wahrscheinlich ist es, daß ich speziell dieses Buch noch einmal lesen möchte?", und siehe da, eine ganze Menge Bücher, sogar unter den Sachbüchern, fallen auf diese Weise sofort durch den Rost - auch wenn ich alle Zweifelsfälle doch erst einmal weiter aufheben werde. In den nächsten Wochen werden die Nachbarn häufiger Kisten mit zu verschenkenden Büchern bei mir vor dem Haus vorfinden.

Daneben habe ich mir vorgenommen, die ersten beiden Wochen der zweiten Chemotherapiephase ganz freizunehmen. Dadurch sollte ich für die Wochen 3 bis 12 dann gut einschätzen können, ob und wenn ja wieviel geschäftlichen Zeitaufwand ich mir vom Hals halten sollte, um nicht über Gebühr gestreßt zu werden. 

Und außerdem habe ich mich heute dazu entschlossen, den Arztwechsel, den ich eigentlich am Dienstag in die Wege leiten wollte, um ein paar Tage auf den Tag nach meinem Vortrag zu verschieben. Zu diesem wichtigen Termin kann ich echt keine Kopfblockaden gebrauchen. Wer weiß aber, was sich aus meinem Ansinnen ärztlicherseits dann wieder für unerwartete neue Komplikationen entwickeln und ob ich dann wieder im Viereck herumspringen werde vor lauter Wut. Bei meiner Art von Glück sehe ich es freilich kommen, daß trotz dieser klugen Überlegungen wahrscheinlich just am Dienstag mein Doc selbst mit mir sprechen wollen wird. Zeit wäre es ja eigentlich langsam mal wieder. Ich habe ihn echt nicht die Bohne vermißt, aber irgendwie finde ich es doch irritierend, daß ausgerechnet bei einer Krebserkrankung der behandelnde Arzt einen nach den ersten beiden Gesprächen volle fünf Wochen lang überhaupt nicht sehen wollte.





Mittwoch, 9. November 2022

Streßt mich bloß nicht. Und schon gar nicht mit euren Streßvermeidungspredigten.

Mein Gewicht heute früh: 84,8 kg, obwohl ich mich ausnahmsweise erst nach einem ersten kleinen Imbiß gewogen habe, also wäre es eigentlich niedriger ausgefallen, denn obwohl ich mich nur in Ausnahmefällen mal nach dem Essen wiege, weiß ich, daß das meistens einen Unterschied von mehreren hundert Gramm ausmacht. Daß es trotzdem in etwa im Rahmen des Vergleichstags vor drei Wochen war, ist eine nette kleine Überraschung.

Schuld an dieser Abweichung aus meinem normalen Alltagstrott am Morgen ist mein blöder Telefonanbieter, der mir meinen geschäftlichen Telefonanschluß abgeschaltet hat, weil der noch auf ISDN lief. E-Mail und Internet befinden sich glücklicherweise auf der Leitung meines Mannes und funktionierten noch. Verkompliziert hat die Sache, daß ich meine Telefonnummer nicht auf jenen Anschluß mitnehmen könnte, weil ich dann meine Rufnummer nicht mitnehmen könnte. Früher einmal war der Anschluß meines Mannes ein anderer Anbieter als meiner, aber dank der Kannibalisierung des Telefonmarkts befinden wir uns mittlerweile beide beim selben Aufkäufer. In so einem Fall geht Rufnummernübernahme offenbar nicht. Also habe ich die Sache so belassen, weil ich meine Telefonnummer unbedingt behalten wollte. Und jetzt habe ich den Dreck.

Drei Tage lang waren wir nun zu zweit damit beschäftigt, mein Telefon wieder zum Laufen zu bringen, und heute morgen hat das meinen Tagesablauf ziemlich auf den Kopf gestellt, deshalb war ich erst zwei Stunden später unter der Dusche (der Zeitpunkt, zu dem ich mich auch immer auf die Waage stelle), und da hatte ich schon etwas gegessen. 

In jeder dieser blöden Broschüren zum Thema "Wie lebe ich mit einer Krebserkrankung?" steht als einer der wichtigsten Tipps und Handlungsempfehlungen die Binsenweisheit, man solle in so einer Lage unbedingt Streß vermeiden, aber nirgends wird erwähnt, daß hinter jeder Straßenecke jemand lauert, der grimmig entschlossen ist, einen so heftig zu stressen, wie es bei aller Anstrengung nur möglich ist.  

Ohnehin ist dieser Satz aber auch aus sich selbst heraus dummes Zeug, denn welchen größeren Streß könnte es geben, als 24 Stunden am Tag über seine eigene Krebserkrankung nachzudenken und sich eigens dafür so viel Zeit wie möglich freizuschaufeln? Je mehr anderen Streß man sich vom Hals schafft, desto mehr Zeit hat man aber, darüber herumzugrübeln. Da lobe ich mir doch meinen gewohnten Alltagsstreß mit den immer viel zu knappen Deadlines und irrwitzigen Kundenwünschen, mit dem ich umzugehen gelernt habe, und gebe ihn freiwillig also nicht her.

Streß der besonders unguten Sorte hat mir zusätzlich aber nun auch mein ernährungsmedizinischer Gynäko-Onkologe (oder so ähnlich) gestern verschafft, und das, obwohl ich ihn seit dem 5. Oktober nicht mehr gesprochen habe.

Ich muß ja während der Dauer der Chemotherapie einmal die Woche zur Kontrolle der Blutwerte, das mache ich immer dienstags und muß spätestens gegen 11.30 dort sein, also stand das gestern am späten Vormittag eben auf meinem Plan, Telefondrama hin oder her. Weil mir aber aufgefallen war, daß meine Unterlagen unvollständig waren, wollte ich das auch nutzen, um mir die fehlenden Dokumente ausdrucken zu lassen. Das betraf einmal einen zunächst noch fehlenden Nachbericht zum Laborergebnis, der offenbar direkt an den Arzt ging und den ich nicht erhalten hatte, obwohl er - wie ich nunmehr weiß - mit Datum 30.9. versehen war und dem Doc also bei unserem zweiten Gespräch, das so unerfreulich verlief, bereits vorgelegen haben muß. Dieser Nachbericht war wichtig, weil sich aus ihm die Details der Therapie ableiteten. Also hing ich da in einem zentralen Bereich ohne schriftliche Nachweise in der Luft. Das lag natürlich neben der Tatsache, daß ich nach jenem aus dem Ruder gelaufenen Arztgespräch ziemlich durch den Wind war, auch daran, daß ich seit Wochen ständig alles fallen lassen muß, was ich gerade in der Hand habe, um irgendein brandeilig gewordenes Erfordernis zu erfüllen, denn dabei ist mir das auch für längere Zeit irgendwie durch den Rost gefallen, obwohl mir das Fehlen, wenn ich mich recht erinnere, schon am Tag dieses Arztgesprächs aufgefallen war.

Aber auch den daraus resultierenden Therapieplan habe ich nicht bekommen, obwohl der Doc mir eigentlich eine Kopie davon machen lassen wollte, ich erinnere mich deutlich daran, daß er das ansprach. Dieser Plan war ein Vordruck, in dem er handschriftlich alles eintrug, und ich habe es dann unterschrieben. Möglicherweise war der Arzt ja nach unserem entgleisten Gespräch auch erst einmal zu froh, es beendet zu haben, und dachte so wie ich nicht mehr daran, das zu veranlassen. Den Therapieplan habe ich leider immer noch nicht, weil ich den von der Chemo-Schwester bekomme. Die ist aber noch jedes Mal, wenn ich mit ihr zu tun hatte, so extrem überlastet gewesen, daß ich meistens mehr als eine halbe Stunde warten muß, bis sie überhaupt mal ansprechbar ist. So war das auch nach jenem Arztgespräch, und so lag das mit dem Therapieplan vielleicht auch mit an mir, weil ich nach der langen Wartezeit, noch dazu mit schlechter Laune, langsam auch nur noch meine Chemo-Termine haben wollte und dann endlich wieder normale Luft atmen. 

Gestern war diese Frau mal wieder besonders abgehetzt. Sie hat mir die Kopie aber für Dienstag nächste Woche versprochen, und damit gab ich mich dann zufrieden. Aber den Nachbericht habe ich jetzt bekommen, und der hat mich aber mal richtig umgehauen. Es stellte sich nämlich heraus: Ich habe überhaupt keinen triple-negativen Tumor, wie ich seit einem Monat glaubte, sondern vielmehr einen HER-2-positiven. 

Jetzt frage ich mich die ganze Zeit, wie mir dieser Irrtum passieren konnte. Ich könnte schwören, daß der Doc von triple-negativ sprach, aber eben nicht so, wie man sich das in einem Aufklärungsgespräch bei einer Krebserkrankung vorstellt (also ungefähr so: "Laut Labor haben Sie einen Tumor mit Eigenschaft xyz, und das werden wir jetzt mit Methode abc behandeln, und das Ziel, das wir erreichen wollen, ist folgendes: ..."), sondern das kam erst nach mehreren Minuten mitten im Text vor, als es eigentlich im Kern um etwas ganz anderes ging, während ich in meinem Hirn schon ein halbes Dutzend Fäden verzweifelt festzuhalten versuchte, auf die ich später noch einmal zu sprechen kommen wollte. Denn dieser Arzt hat mit mir ja in diesem sogenannten Aufklärungsgespräch in Wirklichkeit gar kein Gespräch geführt, das diese Bezeichnung verdient gehabt hätte, sondern mich die ganze Zeit nur zugetextet. Ich wartete dauernd auf eine Gelegenheit für Rückfragen, nur kam die nicht. 

Falls er mir am Ende vielleicht ja doch noch gnädig gestattet hätte, auch noch etwas zu fragen, hätte ich wohl die wichtigsten Fragen gar mehr gewußt. - Keine dumme Strategie, wenn man die Zahl der Fragen so niedrig wie möglich halten will.

Ganz ehrlich? Ich kann es nicht ausschließen, daß ich den Begriff "triple-negativ" auch einfach aus meiner vorherigen Web-Lektüre mit der - ebenfalls en passant aus dem ärztlichen Monolog aufgelesenen - Information verknüpft habe, daß ich einen besonders aggressiven Tumor habe (eine Eigenschaft, die triple-negative Tumoren perfekt umschreibt) und der Arzt das in Wirklichkeit gar nicht gesagt hat. 

Ja, einverstanden, ich hätte von vornherein einen Block und einen Stift bereithalten sollen, auch wenn das sonst nicht meinen Gewohnheiten entspricht und sich meistens sogar eher als hinderlich herausgestellt hat, weshalb ich das nur ganz selten mache. Ich laufe außerdem auch naiv genug durch die Welt, um mir einzubilden, daß meine Gesprächspartner, und das gerade in so einer Sache, mich nicht kurzerhand wie ein Panzer überrollen werden. Und außerdem entschuldigt dieses Versäumnis - so es als eines betrachtet wird - überhaupt nichts. Denn unabhängig von all dem, was mich sonst noch an diesem Arzt gestört hat: Es wäre seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit gewesen, mir - und zwar gleich einleitend, wie sich das gehört - erst mal zu erklären, was ich da genau habe und was sich daraus für mich und meine Behandlung ergibt. Dieser Aufgabe ist er nicht nachgekommen, und ich finde, das ist nichts, was einzufordern eine Bringschuld von mir gewesen wäre, das gehört zum kleinen Einmaleins des behandelnden Arztes vor Beginn einer Krebsbehandlung. Ein Arzt, der das nicht auf die Reihe kriegt, sollte ich von dem ernsthaft erwarten können, daß er es auf dem Kasten hat, eine lebensbedrohliche Krankheit mit bestmöglichem Erfolg behandeln zu können?

Meine Skepsis, ob das mit uns auf der kommunikativen Ebene überhaupt noch was werden kann, hat sich somit in ernsthafte Zweifel an seiner ärztlichen Kompetenz überhaupt verwandelt, und das bedeutet, ich werde ihm mein Leben und meine Gesundheit nicht weiter anvertrauen. 

Deshalb habe ich mich entschieden, daß ich mich von diesem Arzt nicht mehr weiterbehandeln lassen werde. Entweder ich kann innerhalb der Praxis zu einem der anderen Ärzte wechseln, oder, falls das den Herrschaften nicht genehm sein sollte, wechsle ich eben doch gleich ganz in eine andere Praxis. Ich gestehe, auf das Zweite habe ich gar keine Lust - meine Fresse, NOCH eine neue Baustelle? -, aber mir ist mein Leben doch lieb genug, um das notfalls halt auch noch durchzuziehen. Allerdings warte ich jetzt noch auf den Therapieplan, weil ich ihn vorher noch einmal durchlesen möchte, und es ist mir zu mühsam, dafür jetzt eigens ein neues Zeitfenster in meinen Alltag zu hämmern. Der große Showdown findet also erst nächsten Dienstag statt: Ich werde erstens um Weiterbehandlung durch einen der anderen Ärzte in der Gemeinschaftspraxis bitten, zweitens um einen möglichst raschen Termin bei diesem Arzt und von ihm dann drittens ein nochmaliges Aufklärungsgespräch erbitten, wie es das Gespräch am 5.10. hätte sein sollen, eines, das diese Bezeichnung tatsächlich verdient hat. Außerdem möchte ich bei dieser Gelegenheit wissen, ob es wirklich normal ist, daß seit diesem 5.10. keine weitere Besprechung mit mir stattgefunden hat, und wann eigentlich einige an diesem Tag kurz angetippten weiteren Untersuchungen stattfinden sollen und ob und bei wem ich da aktiv werden soll bzw. wann ich mit einer Eigeninitative des Arztes rechnen kann bzw. darf.

Das alles hat mir gestern meine ohnehin wegen des Telefons weniger als mittelprächtige Laune endgültig verhagelt. 

Praktisch ändert sich allerdings wohl recht wenig. Es handelt sich weiterhin um einen aggressiven Tumor mit vergleichbarer Prognose wie derjenige, den ich zu haben glaubte, mit dem Unterschied, daß er eben doch einen gemeinsamen Faktor hat, über den er zusätzlich außerdem noch angreifbar ist - weshalb ich auch ein Jahr lang ein Medikament namens Trastuzumab bekommen werde, das diese Aufgabe erfüllen soll, vermutlich beginnend noch vor der OP, eventuell aber auch erst danach. Warum das bislang noch nicht begonnen hat, werde ich auch erst noch herausfinden müssen. Freiwillig sagt es mir ja wohl keiner. 

Da dachte ich, ich wüßte über meinen Feind Bescheid, kenne ihn beim Vornamen und hätte schon viel über ihn gelernt, das mir bei seiner Bekämpfung nutzen würde, und auf einmal stelle ich fest, daß mir jemand ganz anders gegenübersteht, über den ich all das, was ich über "den anderen" schon wußte, erst noch einmal neu herausfinden mußte. Das Herausfinden hat mich gestern den gesamten Teil des Tages gekostet, an dem ich weder mit dem Telefon noch mit Alltagspflichten beschäftigt war. Und einen Teil meines Nachtschlafs noch dazu, weil ich zwar meinen nötigen Informationsstand bereits hatte, aber mit mir erst noch ins Reine darüber kommen mußte, was ich jetzt tun sollte. Das ist mir in den letzten Wochen öfter als sonst passiert, daß ich dafür einen Teil der Nacht brauche, aber das liegt daran, daß ich tags immer noch so wenig Zeit habe. Es ist keine Schlaflosigkeit in Ängsten, Sorgen und Grübeleien, sondern notwendige geistige Sortierarbeit, für die mir tagsüber einfach die Ruhe fehlt. Das hatte ich eigentlich schon immer ab und zu in hektischeren Zeiten. Heute abend werde ich vermutlich besonders schnell einschlafen und danach bis zum Morgen wie ein Stein durchschlafen - jedenfalls dann, wenn keine weiteren Katastrophen über mich hereinbrechen. So läuft das bei mir praktisch immer, wenn ich mal aus irgendeinem Grund nicht schlafen kann. Beim Schlaf verlangt die Natur bei mir immer ziemlich schnell und gnadenlos ihr Recht, ohne durchschnittliche ca. acht Stunden Schlaf ist mit mir spätestens nach zwei Tagen nichts mehr anzufangen.

Kein Streß? Daß ich nicht lache. Der Streß, für den ich mich aktiv entscheide, ist gar nichts gegen den Streß, den dieser Arzt mir bislang aufgebürdet hat. 

Tumor- und Chemo-Nebenwirkungs-Watching: 

Heute ist Tag 5 nach der Chemo und ich bilde mir ein, aus der großen Glasmurmel in der Achsel ist zwar kein Erbse, aber doch eine deutlich kleinere Glasmurmel geworden. Am Tumor selbst ist mir aber bislang keine Veränderung aufgefallen. Wie im letzten Zyklus nehmen die Nebenwirkungen gerade ein wenig zu, allerdings weitestgehend auf leichten Schwindel beschränkt. Was auch immer das metallische Gefühl im Mund auslöst, beim letzten Zyklus scheint das mehr durchgeschlagen zu haben als diesmal. Aber heute glaubte ich auch zum ersten Mal eine leichte Geschmacksveränderung beim Essen zu bemerken, eine Nebenwirkung, die ich bislang noch nicht hatte. Aber vielleicht lag es auch am Essen selbst? Fast alles, was mir an Nebenwirkungen auffällt, liegt ja so knapp über der Wahrnehmbarkeitsschwelle von Abweichungen, daß es eigentlich auch reine Einbildung sein könnte.

Ernährungsfragen:

Aktuell esse ich ja Low Carb, und mir fällt auf, daß es mir schwerer fällt als die beiden letzten Male, auf KH zu verzichten - vermutlich, weil ich ja seit langer Zeit zum ersten Mal so viele Tage am Stück ohne Fastentag-Unterbrechung bin. Nach dem Fasten freut man sich ja erst mal auf jede Mahlzeit, egal, was für eine. Ohne Fasten fängt man viel schneller an, bestimmte Dinge zu vermissen. Das ist auch eine neue Erkenntnis, so was hatte ich bislang noch nie. 

Daß ich heute abend ein ziemlich kleines Stück Blechkuchen aus Weißmehl gegessen habe, war trotzdem nur ein Versehen. Als ich es aus dem Gefrierschrank nahm und in die Mikrowelle schob, war ich mir sicher, daß ich gerade den Rest eines eingefrorenen Low-Carb-Blechkuchens auftaute. Als ich die Bescherung sah, habe ich es halt gegessen, wie es war. So fanatisch bin ich ja in Sachen Kohlenhydrate auch wieder nicht, und ich habe auch nicht den Eindruck, daß dies eigentlich nötig wäre.

Da ich ja schon vor meiner Diagnose die Absicht gehabt hatte, Oktober und November Low Carb zu essen und außerdem gerne wissen möchte, was dieses ungewohnte Schema mit meinem Körpergewicht macht, bleibe ich noch bis zum Monatsende dabei, also ca. drei Wochen lang. Da ich bis zum Jahresende so wenige Fastentage habe, daß ich mir um meine Eiweißversorgung kaum Gedanken machen muß, werde ich mir im Dezember dann aber wohl einen Normalmonat gönnen (und zum Teufel mit den ein, zwei Kilo, die ich dann wahrscheinlich zunehme) und ab Januar, wenn ich einmal wöchentlich zur Chemo muß und immer drei von sieben Tagen am Stück fasten werde, wieder für diese zwölf Wochen auf Low Carb switchen.

Auf diese Chemo-Phase bin ich besonders gespannt, weil sie bei anderen wohl gar nicht so selten zum Zunehmen geführt hat, und das manchmal ziemlich heftig, bis zu ein halbes Kilo pro Woche. Daß mir das auch passieren wird, kann ich mir bei nur vier Eßtagen pro Woche aber eigentlich nicht vorstellen. Aber möglicherweise werde ich viel weniger dabei abnehmen, als ich dachte. Oder werden auch dann nur die Gewichtsschwankungen höher ausfallen, wie das jetzt gerade auch ist?

Ich finde es nämlich höchst interessant, wie sich das Cortison, das in meiner derzeitigen Chemo auch enthalten ist, sowie die Chemo als solche auf meine Gewichtsschwankungen auswirkt. Nach zwei Zyklen kann ich dazu folgendes Zwischenfazit ziehen: Abends am Chemotag wiege ich trotz ausgebliebener Mahlzeiten wegen des Fastens bis zu zwei Kilogramm mehr als morgens, und das dürfte vor allem die Cortisonwirkung sein. Bis zum nächsten Morgen hat sich der Überschuß ungefähr halbiert und einen weiteren Tag später bin ich wieder auf dem zu erwartenden Level und verbleibe bis zum nächsten Zyklusbeginn dort, also nach etwa drei, vier Tagen, in denen sich der Wasserhaushalt aus dem Fastenmodus verabschiedet, in einem Korridor, der bei mir zuletzt zwischen 85 und 86 Kilogramm lag (und nun vielleicht doch sogar ein bißchen unter die 85 rutscht?). Offenbar ist die ja weithin bekannte und auch gefürchtete Gewichtszunahme durch Cortison eine, die einem nur dann länger erhalten bleibt, wenn sie mindestens alle zwei Tage oder häufiger erfolgt. Oder spielen das Fasten und/oder Low Carb dabei vielleicht doch die wichtigere Rolle? Wer ständig Cortison nehmen muß, hätte die Möglichkeit, auszutesten, ob eines von beidem ihn vielleicht doch vor dem Zunehmen bewahren kann.

Aber auch ganz generell sind die Schwankungen zwischen Abend und nächstem Morgen während der Chemo die ganze Zeit höher als bislang; anstelle einem Kilogramm plusminus x sind es jetzt ca. anderthalb Kilo hin oder her. Die Chemo macht also noch in irgendeiner anderen Weise etwas mit meinem Wasserhaushalt. Aber was es auch immer sein mag, es hat jedenfalls bislang keine nachhaltige Wirkung auf mein Gewicht. 

Gewichtsabnahmen wegen mangelnden Appetits wird es bei mir - jedenfalls in der derzeitigen Chemo-Kombination - bestimmt nicht geben, denn an meinem Appetit war in den letzten vier Wochen nie etwas auszusetzen.


Montag, 7. November 2022

Eine haarige Sache: Wie sag ich's meinen Mitmenschen?

Komisch, seither hatte ich überhaupt keine Zeit, und jetzt kann ich gleich einen neuen Blogartikel nachschieben, weil ich gerade genügend Luft dafür habe. Also habe ich ihn auch gleich geschrieben.  Aber zuerst mal danke an Ulrike für den Spontankommentar als Reaktion auf meinen letzten Beitrag! Ich kann ja sehen, daß es auf mein Blog Zugriffe gibt, aber es ist doch immer schön, sich wirklich sicher sein zu können, daß man nicht in den leeren Raum hineinpostet. :-)

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Mein Gewicht heute früh: 83,3 Kilogramm, wie das an Tag 2 nach einem viertägigen Fastenintervall im Rahmen des zu Erwartenden gewesen ist. 

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Neue Rubrik: Karzinom-Watching 

Lymphknoten und Tumor fühlen sich unverändert an, aber das war nach der letzten Chemo ebenfalls mehrere Tage lang so. Es muß so um Tag fünf oder sechs herum gewesen sein, daß die geschwollenen Lymphknoten zwei Tage hintereinander spürbar kleiner geworden sind. Die Ausmaße jetzt bitte nicht zu sehr auf die Goldwaage legen: Erst von gefühlter Tennisballgröße auf einen Tischtennisball - also wirklich eine deutliche Schrumpfung -, dann von Tischtennisball auf eine größere Glasmurmel. Danach veränderte sich bis zum nächsten Zyklus nichts mehr, also warte ich jetzt geduldig auf den Tag fünf des aktuellen Zyklus und wünsche mir für diesmal erst Erbsengröße und am Tag danach, wenn ich einen leicht größenwahnsinnigen Wunsch äußern darf, das vollständige Verschwinden dieser Erbse in den Bereich der Nicht-mehr-Tastbarkeit. 

Das würde, falls es so läuft wie beim nächsten Mal, wohl am Mittwoch und Donnerstag geschehen. Von mir aus darf es aber gerne auch schon morgen einsetzen.

Der Tumor hingegen schien mir nach der ersten Chemo, parallel zum Schrumpfen der Lymphknoten, eher größer als kleiner geworden zu sein, aber dafür viel weicher. Offenbar wurden seine Strukturen durch die Chemotherapie beschädigt, und er floß gewissermaßen ein bißchen auseinander. (Klingt das eklig? Nun, mir war die harte Kugel vorher unheimlicher, zumal ich in der Zeit zwischen der Biopsie - ab da konnte ich sie ertasten, weil sie natürlich anschwoll, nachdem man ein Stück aus ihr herausgestanzt hatte - merkte, daß sie auch nach 14 Tagen, als die Schwellung kaum noch an der Verletzung liegen konnte, immer noch nicht kleiner geworden war, sondern sich im Gegenteil sogar etwas größer anfühlte. Ich habe wirklich ein schnellwachsendes Miststück von einem Tumor erwischt.) In der letzten Woche vor der nächsten Chemo-Session konnte ich spüren, daß der zerlaufene Knoten allmählich wieder härter wurde, aber er kam mir am Morgen der zweiten Chemo immer noch ein Stück kleiner als vor Beginn der ersten Chemo vor. Für diesmal würde ich mich sehr freuen, wenn er sich nun so weit verkleinern würde, daß ich ihn nicht mehr richtig ertasten kann.

Erinnert sich hier noch jemand an die Puppentrick-Serie "Kleiner König Kalle Wirsch" von der Augsburger Puppenkiste? Als Kalle Wirsch am Ende seinen Feind und Gegenspieler Zoppo Trump durch die Verwünschung "Du sollst schrumpfen!" tatsächlich zum Schrumpfen bringt? Den Trick würde ich gerade unheimlich gerne auch lernen. ;-) 

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Heute morgen war der Schornsteinfeger da, und bei dem muß man immer damit rechnen, daß er sehr früh kommen wird, also möglicherweise, wenn ich noch gar nicht "richtig" angezogen bin. Aktuell führt das zu dem zusätzlichen Problem, daß ich meine Perücke vielleicht noch nicht aufgehabt hätte. Aber ich hatte Glück, ich konnte mich in aller Ruhe zurechtmachen. Denn so weit ging die Wirkung des Fastens auf die Chemo-Nebenwirkungen halt doch nicht, daß mir der übliche Haarausfall erspart geblieben worden wäre, und weil das von vornherein bei meiner Medikation eher unwahrscheinlich war, habe ich mich mit dem Prinzip Hoffnung gar nicht lange aufgehalten und mir gleich eine Perücke bestellt. 

Der Haarausfall setzte bei mir ab dem Abend des Tages 14 nach der Chemo ein, was im üblichen Rahmen liegt, aber eigentlich doch merkwürdig ist, da ich zu diesem Zeitpunkt längst keine Nebenwirkungen anderer Art mehr spürte. Die Zerstörung an den Haarwurzeln muß wohl schon einige Tage früher erfolgen, aber danach wohl erst mit zeitlicher Verzögerung bis an die Kopfhaut gelangen. Wie das genau abläuft, sollte ich mal recherchieren. 

Danach dauerte es aber noch etliche Tage, bis es schließlich eindeutig war, daß mir nicht genügend Haupthaar übrigbleiben würde, um auf eine Perücke doch noch verzichten zu können, und so ließ ich mir den Kopf erst rasieren, als er schon anfing, einen leicht mottenzerfressenen Eindruck zu machen. Davor war es so, daß ich zunächst ab Tag 14 mehrere Tage lang ein unangenehmes Kribbeln an der Kopfhaut spürte. Am Morgen von Tag 15 behielt ich dann Haare in der Hand, wenn ich an einem Haarbüschel zog, sonst passierte aber noch nichts, auch nach dem Duschen fand ich keine Haare im Sieb, das ich vorsichtshalber im Ablauf angebracht hatte. Das änderte sich dann in den darauffolgenden Tagen schleichend. Tag 16 war der Tag, an dem meine Mutter Geburtstag hatte, und da sah ich eigentlich mit meinen eigenen Haaren noch ganz präsentabel aus, obwohl ich nun schon Haare verlor, wenn ich kräftig den Kopf schüttelte oder mit dem Kamm durchging. Tja, und dann folgte das Wochenende, der Montag, an dem der Friseur zu hatte, dann Allerheiligen, und so wurde es Mittwoch, bis ich, schon ziemlich aufgelöst und bei jeder kleinsten Bewegung Haare um mich verstreuend, endlich meinen geschorenen Kopf bekam, da mein Mann es nicht selbst machen wollte, warum auch immer, denn eigentlich rasiert er sich den eigenen Kopf ja auch.

Merkwürdigerweise fingen die Haare dann umgehend wieder an, stoppelig aus der Kopfhaut herauszuwachsen, allerdings nicht an allen Stellen gleich dicht. Mein Mann hat ebenfalls an mehreren Stellen sich lichtendes Haar, und wir witzelten viel über den Partnerlook, mit dem wir neuerdings herumlaufen. Wobei ich anmerkte, die Lücken an fast denselben Stellen im nachwachsenden Haar fände ich jetzt doch partnerlooktechnisch etwas übertrieben. 

Ich nehme an, daß mir dasselbe in knapp zwei Wochen wieder passieren wird, nur eben nun mit den nachgewachsenen Stoppeln, was aber immerhin nicht mehr ganz so lästig sein wird. Allzu optimistisch bin ich nicht, daß ich vor Ablauf des Jahres wieder darüber nachdenken kann, auf eine Perücke zu verzichten. Wie es in den zwölf Wochen von Januar bis März mit der anderen Chemo-Zusammensetzung sein wird, die mir einmal pro Woche eingeflößt wird, weiß ich noch nicht und muß mich wohl überraschen lassen. Schlimmstenfalls werden meine Haare wirklich erst nach Ende der kompletten 24 Wochen Chemotherapie wieder richtig nachwachsen, also wohl ab April.

Die Perücke gefällt mir im Grunde wirklich gut und paßt so sehr zu meinem Typ, daß ich am Überlegen bin, ob ich diese Frisur nicht dauerhaft beibehalten soll, wenn meine Haare erst einmal wieder wachsen, aber ich sehe damit natürlich doch ein bißchen anders aus als mit meinem bisherigen natürlichen Haar. Das heißt, sie wird es kaum verhindern können, daß Leute, die mich regelmäßiger treffen, merken, daß ich anders aussehe, und ich muß damit rechnen, daß manche mir vielleicht Fragen stellen werden, die ich nicht jedem beantworten möchte. Beim Schornsteinfeger, der nur einmal im Jahr kommt, spielen meine Haare aber keine Rolle, also war es mir ganz recht, daß ich ihn nicht mit dem Käppi empfangen habe, das ich sonst daheim trage, weil es einfach so viel bequemer als die Perücke ist - ich sehe damit ziemlich verwegen aus, ein bißchen wie eine Cousine von Captain Jack Sparrow -, denn das fällt natürlich schon auf und führt unter Umständen ebenfalls zu Fragen, die ich nicht gestellt bekommen möchte. 

Eines der unterschätzten Dinge, die einen nach einer Krebs-Diagnose so beschäftigen, ist nämlich die Frage: Wem muß ich davon erzählen? Wem will ich davon erzählen? Bei wem will ich es eigentlich nicht, werde aber kaum darum herumkommen? Und wer soll es auf gar keinen Fall erfahren und wie verhindere ich das eigentlich? 

Diese Fragen lassen sich natürlich nicht von mir für andere Leute beantworten, nur für mich selbst. Aber ich nehme an, in der Phase, bevor die Diagnose bestätigt ist und man selbst noch zwischen Hoffen und Bangen schwankt, hat vermutlich kaum jemand allzu große Lust, mit einer solchen Nachricht - die sich vielleicht ja doch noch als falscher Alarm herausstellen könnte - allzu sehr hausieren zu gehen. Genau das bringt einen dann aber in Verlegenheit, wenn man mit anderen Leuten zu tun hat, die natürlich überhaupt keinen Grund haben, etwas anderes als die die üblichen normalen Gewohnheiten und normale Verfügbarkeit für Aufträge, für Treffen und Besuche oder auch für einen Gefallen unter Freunden vorauszusetzen - was man selbst aber in Wirklichkeit gerade in diesem blöden Zwischenstadium überhaupt nicht einschätzen kann, und so muß man dann bei solchen Fragen immer ziemlich herumeiern, wenn sie von jemandem kommen, den man - jedenfalls in diesem Stadium - nicht unbedingt einweihen will. 

Ich hatte das Pech, daß zwischen der Mammographie mit dem unerwünschten Ergebnis sowie der durch einen glücklichen Zufall bereits am selben Tage ermöglichten Biopsie dennoch eine ziemlich lange Wartezeit von sieben mir sehr lang vorkommenden Tagen bis zur Besprechung der Laborergebnisse lag (ungünstig gelegener Biopsie-Termin mit nur zwei Folgetagen vor dem Wochenende, an das noch dazu ein Feiertag anschloß), also diese Phase relativ lang ausfiel. Gemäß Murphys Gesetz waren diese sieben Tage dann natürlich randvoll gepackt mit freundlichen Anfragen, die eigentlich in normalen Zeiten völlig normal gewesen wären, mich aber in dieser Situation, in der ich noch keinen Schimmer hatte, wie es weitergehen würde, in beträchtliche Verlegenheit brachten. 

Also mußte ich mich in dieser Zeit immer irgendwie herausreden. Dabei hielt ich mich aber so eng wie möglich an die Tatsachen, ich sagte, wo es mir nötig schien, bei mir stünde eine Operation an, deren genauen Termin ich noch nicht kennen würde, deshalb könne ich noch nicht verbindlich zusagen, würde das aber in Bälde nachholen. Daß vorerst keine OP anstehen würde, konnte ich zu dieser Zeit ja noch nicht wissen.

Geringfügig anders lief das bei meiner Nachbarin, diejenige mit der Katze, die ich im Sommer so lange betreut hatte, als sie in einer stationären Therapie war. Ich übernahm das Katzensitting dann noch ein weiteres Mal, als sie sich ziemlich kurz danach unglücklicherweise eine heftige Lungenentzündung zuzog und zwei Wochen lang ins Krankenhaus mußte, und weil das wohl durch eine Grunderkrankung der Lunge mitausgelöst worden war, sollte sie irgendwann dann noch in eine Reha kommen, um mit dieser Krankheit möglichst gut umgehen zu lernen. Murphys Gesetz führte dazu, daß die Nachbarin ausgerechnet in diesem Stadium bei mir klingelte, um mir freudestrahlend zu verkünden, die Reha sei von ihrer Krankenkasse genehmigt und werde in einer Woche starten. Ob ich mich wieder um die Katze kümmern würde? 

Als sie aus dem Krankenhaus gekommen war, hatte sie mir noch gesagt, zur Reha werde sie die Katze in eine Katzenpension geben, da sie Hemmungen hätte, mich so oft in Anspruch zu nehmen. Davon war auf einmal keine Rede mehr. Aber ich hatte damals natürlich auch abgewunken und ihr gesagt, sie könne gerne auch mich noch einmal ansprechen. Was sie nun auch getan hatte - nur war das jetzt natürlich ungünstig. Also sagte ich ihr, leider müsse sie sich doch jemand anders suchen, und begründete das mit dieser OP, deren genauen Termin ich erst noch erfahren, die aber mit zu hoher Wahrscheinlichkeit in den fraglichen Zeitraum fallen würde. 

Damit hatte meine Nachbarin natürlich überhaupt nicht rechnen können, und ebenso lag ihre Frage nahe, worum es bei meiner OP den ginge. "Das weiß ich auch erst nach meinem nächsten Arzttermin ganz genau", sagte ich und fand selbst, daß ich sie damit eigentlich näher an die korrekte Antwort auf ihre Frage brachte, als mir das eigentlich lieb gewesen wäre. Aber so ist das eben, wenn man sich ohne lange Vorbereitung irgendwie herausreden muß. So richtig überzeugend fällt das dann manchmal nicht aus.

***

Kurzer Einschub, weil von meinen Kunden in gerade dieser Phase mehrmals als Reaktion per E-Mail kam: Oje, doch hoffentlich nichts Schlimmes? Darauf habe ich nie direkt eine Antwort gegeben, denn beide Möglichkeiten: "Doch, ich habe vermutlich Krebs" und "Nee, keine Sorge, nichts Schlimmes" gefielen mir nicht. Was geht es meine Kunden an, daß ich Krebs habe, noch dazu, solange die Diagnose noch gar nicht bestätigt ist? Ich lege keinen Wert darauf, daß sie dann womöglich sofort nach einem Nachfolger für mich suchen, weil sie glauben, sich absichern zu müssen, wenn ich - so stellen sich das ja viele spontan vor - schon mit einem Fuß im Grab stehe? Ich habe jetzt nicht die Absicht, nach Ende der Therapie zwar genesen zu sein, aber keine Kunden mehr zu haben. Alternativ kann ich ihnen aber auf eine solche Frage bloß eine glatte Lüge auftischen, und so was mache ich aus Prinzip nicht gerne.

Ich muß gestehen, seit dieser kurzen Phase vor der Diagose ist die Floskel "Wie geht es dir/Ihnen?" ganz generell zu einem roten Tuch für mich geworden. Wieso sagen die Leute so was überhaupt, wenn sie damit sowieso kein ehrliches Interesse ausdrücken wollen? Das als Höflichkeitsfloskel zu bezeichnen, finde ich fast schon unverschämt, denn es ist, näher betrachtet, überhaupt nicht höflich. Es bedrängt im Gegenteil Menschen, die ernsthafte Sorgen haben, sich entweder Leuten anzuvertrauen, die sich für ihr Befinden in Wirklichkeit gar nicht interessieren, oder ihnen eine Lüge zu erzählen. Was genau sollte daran also höflich sein? Ich wünschte, diese Floskel würde genauso aussterben, wie Corona das lästige Händeschütteln und die noch lästigeren Umarmungen unter Leuten, die einem eigentlich gar nicht so wahnsinnig nahestehen, glücklicherweise zum Verschwinden gebracht hat. 

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Zum Glück bin ich psychisch robust genug, um solche kleinen Ärgernisse wegzustecken, ich habe es lediglich als weitere lästige Merkwürdigkeit im Umgang mit anderen Menschen - unter vielen anderen - verbucht. Meine oben erwähnte Nachbarin läßt sich leichter als ich aus der Fassung bringen, obwohl sie andererseits dasselbe Problem hat wie ich: Wir haben beide nicht laut genug "Hier" geschrien, als das Taktgefühl verteilt wurde, und wir tappen öfter mal in Fettnäpfchen. Der Unterschied zwischen ihr und mir besteht darin, daß ich mir dessen bewußt bin und versuche, es mit Humor zu nehmen, während sie ein negatives Feedback anderer - auch solches, das sie sich nur einbildet - in endlose Grübeleien und zuweilen auch in einen langanhaltenden Groll auf den Feedbackgeber stürzt. Weil sie sich selbst aber niemals zu fragen scheint, was ihr Gegenüber erwartet, erhofft oder zu vermeiden versucht, kam es zwei Tage danach - immer noch in der Phase, als ich noch nicht sicher wußte, ob ich Krebs hatte oder nicht - zu einem Zusammentreffen, in dem sie es ausnahmsweise doch einmal geschafft hat, mein bis dahin trotz allem halbwegs intaktes seelisches Gleichgewicht stärker als erwartet zu erschüttern. 

Das war am späten Samstagvormittag, genau zu der Zeit, in der ich nahezu immer in der Küche beschäftigt bin und es gar nicht leiden kann, durch ein Klingeln an der Wohnungstür unterbrochen zu werden, weil mir erstens kurz vor der Frühstückszeit jede Minute kostbar ist und ich zweitens wenig Lust habe, in meiner geblümten Kittelschürze an die Wohnungstür zu gehen, die ich mir beim Backen fast immer überziehe (weil ich mich, wenn ich das nicht tue, hinterher immer sofort umziehen müßte). Trotzdem klingelt sie, wenn sie samstags irgendwas von mir will, grundsätzlich immer um diese Zeit. Daß ich dann noch jedes Mal ziemlich abgehetzt und äußerst kurz angebunden bis an die Grenze zum Unhöflichen gewesen bin, scheint ihr nie zu denken gegeben haben, oder wenn, hindert es sie jedenfalls nicht daran, mich trotzdem immer dann zu stören, wenn ich eine Störung erkennbar gar nicht gebrauchen kann.

Diesmal wollte sie mir vor allem sagen, daß eine andere Nachbarin im Haus sich um ihre Katze kümmern würde. Aber außerdem drückte sie mir auch noch eine Topfpflanze in die Hand, ein weißes Alpenveilchen. "Wegen deiner Situation", sagte sie mit ihrem üblichen etwas naiven, aber sehr freundlichen Lächeln. Ich kann nur raten, was ich dazu für ein Gesicht gemacht habe, ich habe sie jedenfalls schnell abgewimmelt und bin wieder zurück in die Küche gehetzt, um das Frühstück fertigzumachen. Die Topfpflanze stellte ich, weil ich nicht wußte, was ich sonst damit tun sollte, auf den halbgedeckten Frühstückstisch. 

Ein paar Minuten kam dann mein Mann zum Frühstücken und blickte fragend auf das Alpenveilchen. 

"Na, siehst du doch", ätzte ich, während ich die letzten Sachen fürs Frühstück auf den Tisch stellte. "Die [Name einfügen] hat anscheinend Zwei und Zwei richtig zusammengezählt und verehrt mir nun unter diesem Eindruck ein schönes Grabgesteck." Denn genau daran erinnerte mich die Pflanze mit ihren weißen Blüten und ihren efeuartigen Blättern leider ganz gewaltig. (Ja, ich weiß, das Alpenveilchen ist in Wirklichkeit eine ganz normale Zimmerpflanze. Der optische Eindruck bei mir war trotzdem "Grabbepflanzung".) 

Mein Mann machte ein betretenes Gesicht, und ich nahm die Pflanze und stellte sie nun möglichst weit weg, an eine Stelle im Raum, wo ich sie im Sitzen nicht mehr sehen konnte, weil ich merkte, daß ich sie einfach nicht sehen wollte. Nicht jetzt, und nicht in "meiner Situation", in der ich noch keinen Kompaß und keine Landkarte hatte, aber mich vielleicht mein Weg ja wirklich viel zeitiger, als ich mir das wünschte, ins Grab führen konnte. Später am Tag kam mein Sohn zu Besuch und auf meine Bitte hin hat das Alpenveilchen in seiner Wohnung eine neues Zuhause bekommen. Erst wollte er es nicht, aber er hat sich dann nicht ernsthaft dagegen gewehrt - offenbar hatte er gemerkt, daß mich diese ja eigentlich nett gemeinte Gabe stärker aus dem Gleichgewicht gebracht hatte als "meine Situation" als solche. Ich bin zwar nicht in Tränen ausgebrochen oder sonstwie theatralisch geworden, aber es war mir wohl trotzdem anzumerken, daß mich gerade diese eigentlich nett gemeinte Liebesgabe ernsthaft erschüttert hatte. Ich glaube, ich hätte die Topfflanze wohl trotz aller Skrupel, mit etwas Lebendigem so umzugehen, in den Müll geworfen, falls er sie nicht mitgenommen hätte.

Eigentlich ist das ja merkwürdig, daß so eine Kleinigkeit einen dermaßen umhauen kann, aber das hat wohl etwas mit dem Kontrollverlust zu tun, der sich aus allem Unerwarteten ergibt. Ich vertrage so etwas immer nur in begrenzter Dosierung, und diese spezielle Überraschung mit ihrem besonders unguten Assoziationspotential war dann wohl doch für dieses Mal eine zu viel für mich gewesen.

Keine Sorge, ich bin darüber hinweg. Ich habe das nur deshalb so ausführlich beschrieben, weil es einen dieser neuralgischen Punkte beschreibt, der so viele Leute in Verlegenheit bringt, wenn sie davon hören, irgendwer, den sie kennen, sei an Krebs erkrankt. Denn die wenigsten wissen, wie sie mit so etwas umgehen sollen. Krebs berührt bei jedem natürlich Urängste, man stellt sich vor, dieser anderen Person ist genau das passiert, was man sich für sich selbst als den schlimmstmöglichen Alptraum vorstellt. Natürlich weiß man dann erst mal nicht, wie man ihr gegenübertreten soll, weil ja alles und dessen Gegenteil falsch sein könnte. Niemand möchte ja jemanden, der schwer krank ist, aus Versehen kränken. Auch im Fall meiner Nachbarin habe ich keinen Grund, ihr irgendwelche bösen Absichten zu unterstellen, die Sache war einfach ein versehentlicher Griff ins Klo, und ich weiß ja nicht einmal, was genau sie sich unter "meiner Situation" überhaupt zu diesem Zeitpunkt vorgestellt hat.

Also, mir ist das jedenfalls immer so gegangen, daß ich unsicher wurde, wenn mir zugetragen wurde, jemand habe Krebs oder hätte ihn gehabt. Ich war mir nie sicher, woran ich erkenne, ob es dem Betreffenden recht wäre oder er sich sogar darüber freuen würde, wenn ich ihn darauf anspreche, oder ob ich es vorsichtshalber von vornherein immer bleiben lassen sollte. Es ist echt interessant, die Situationen, die ich vorher erlebt habe, nun aus der Gegenperspektive noch einmal neu zu beurteilen. Aus aktueller Sicht würde ich jetzt niemanden mehr darauf ansprechen, der mir nicht aus eigenem Antrieb von seiner Krankheit erzählt, auch wenn ich davon weiß. 

Meine zwei wichtigsten Erkenntnisse:

Erstens: Bitte niemals drängeln, wenn jemand nicht mit der Sprache herauswill, obwohl man merkt, daß was nicht stimmt oder vielleicht auch von Dritten schon gehört hat, was mit ihm los ist. Klar macht das unsicher, aber das muß man halt aushalten. Das gebietet der Respekt vor dem Willen der Person, die gerade das viel schwerwiegendere Problem hat als man selbst. Wenn sie es einem anvertrauen will, dann wird sie es entweder von alleine tun oder es deutlich genug signalisieren, daß sie eigentlich doch gerne gefragt werden möchte, obwohl sie das Thema nicht selbst ansprechen will.

Zweitens: Bitte über anvertraute schwere Erkrankungen nichts einfach an andere Leute weitererzählen, sofern einem das nicht ausdrücklich so aufgetragen wurde. Das erspart beiden Seiten, sich überhaupt mit dem ersten Problem befassen zu müssen.

Ich hätte beispielsweise gut und gerne darauf verzichten können, am Geburtstag meiner Mutter der versammelten Verwandtschaft zu erzählen, daß ich Krebs habe, aber meine Mutter hatte es vorher schon einer ihrer Schwestern weitererzählt, die es dann der zweiten Schwester sagte. So blieb mir kaum etwas anderes übrig, als mein (noch nichtsahnender) Patenonkel mir die nun keineswegs mehr unverfängliche Frage stellte "Wie geht es dir?" und ich von zwei anderen Anwesenden wußte, daß sie von meiner Erkrankung schon wußten. Also atmete ich tief durch, sagte "Den Umständen entsprechend gut" und erzählte dann, was die Umstände waren, ließ die zu erwartende Betroffenheitslyrik über mich ergehen, gab kurz Auskunft über alles, was die Gäste wissen wollten, und war dann erleichtert, als das Thema nach einer Viertelstunde so weit überstanden war, daß wieder die üblichen Geburtstagsgespräche unter vier überlebenden Geschwistern, alle hoch in den Achtzigern bzw. in den frühen Neunzigern, entstanden und es doch ein normaler Mama-Geburtstag wurde.

Meiner Mutter von meiner Erkrankung zu erzählen, fand ich übrigens schwieriger als alles andere. Das hat mit meinem Vater zu tun, der vor über 30 Jahren an Leberkrebs erkrankte und die Diagnose nur um wenige Monate überlebte (was auch von vornherein zu befürchten gewesen war). In dieser Zeit, so hatte ich den Eindruck, mußte er mit seinen Ängsten und der Auseinandersetzung mit seinem nahenden Tod komplett alleine fertigwerden, weil meine Mutter vollständig durchdrehte, wenn er auch nur andeutete, er werde bald sterben. 

"Ich habe Angst davor zu sterben", sagte mein Vater einmal wenige Wochen vor seinem Tod am Küchentisch ganz unvermittelt mit gepreßter Stimme, als ich gerade auch da war. Meine Mutter rannte sofort heftig aufschluchzend aus dem Raum, und er verstummte wieder und starrte wie vorher auf den Tisch. Ich hätte ihm so gerne etwas gesagt oder etwas getan, das ihm helfen würde, aber ich war damals ja erst 23 und wußte nicht, was oder wie, meine ältere Schwester saß neben mir, sagte auch nichts darauf und hatte ja augenscheinlich auch keine Ahnung, was sie nun tun sollte. Ich schäme mich immer noch ein bißchen dafür, daß mir so gar nichts einfiel, bis meine Mutter mit mühsam beherrschter Miene wieder in den Raum trat und der richtige Moment für das richtige Wort damit endgültig verstrichen war, weil nun natürlich gemäß einer unausgesprochenen zwingenden Forderung nichts mehr gesagt werden durfte, was ihre Fassade erneut zum Zusammenbruch bringen würde. 

Wie kann man einen Menschen, noch dazu den eigenen Ehemann und den Vater, in so einer Lage nur so mit seinen absolut nachvollziehbaren Ängsten so alleine lassen? Wir haben ihm damit viel Schlimmeres aufgebürdet, als nötig gewesen wäre, zu all dem hinzu, was sowieso nicht zu verhindern war. Wir haben damals alle versagt, und das habe ich mir - aber ehrlich gesagt auch meiner Mutter - bis heute nicht ganz verziehen.

Seit damals hatte ich mir jedenfalls vorgenommen, es keinesfalls für mich selbst so bereitwillig wie mein Vater zu akzeptieren, die Gefühle anderer über meine eigenen zu stellen, wenn es nicht bei ihnen, sondern bei mir um Leben oder Tod ginge. Aber im Moment bin ich ja trotz Krebs nicht in akut lebensbedrohlicher Lage. Mir tut auch nichts weh, und ich bin nicht einmal in meiner Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Trotzdem war für mich das einzige, was ich richtig schwierig fand, meiner Mutter zu sagen, daß ich Krebs habe, weil ich mich so vor ihrer Reaktion gefürchtet habe. 

Deshalb habe ich bei ihr in diesem ersten Gespräch auch die positiven Seiten an meiner Diagnose überbetont und die weniger guten kurzerhand unter den Tisch fallen lassen. Inzwischen haben wir uns ja alle an mein "neues Normal" gewöhnt, aber es fiel mir auf, daß ich, egal wie flapsig, meiner Mutter gegenüber keinesfalls erwähnen sollte, daß ich womöglich auch an meiner Krankheit sterben könnte, denn dann flippt sie geradezu aus. Ihr ist der Gedanke daran offenbar völlig unerträglich. - Zum Glück ist es sowieso eher unwahrscheinlich, daß ich vor ihr sterben werde, ansonsten würde ich ihr das wohl verklickern wollen, egal wie ungern sie es hört. Ich hätte, finde ich, ein Recht, darüber zu sprechen, was ich über meinen möglicherweise nicht mehr fernen Tod sagen will, und wenn ich darüber nicht ausflippe, kann ich doch auch verlangen, daß andere es nicht tun. Aber so, wie die Sache im Moment ist, können wir halbwegs in Anstand über meine Krankheit sprechen, ohne daß der böse Sensenmann dabei mit ins Spiel kommt, und so will ich diese Art von Auseinandersetzung auch nicht mit der Brechstange herbeiführen.

Zum Glück gehen alle, mit denen ich sonst zu tun habe, mittlerweile wieder - im Rahmen ihrer Art, normal zu sein - ganz normal mit mir um. Die aus der Reha zurückgekehrte Nachbarin (die mit dem Alpenveilchen), deren Schwester vor zwei Jahren Brustkrebs hatte, häkelt mir gerade eifrig ein Nachtmützchen aus Babygarn, stört mich in den unmöglichsten Momenten mit Anproben, und hat mir einige sehr praktische, ebenfalls selbstgehäkelte Wollmützen geschenkt, die sie einst ihrer Schwester gegeben hatte, damit sie sich nicht bei jedem kleinen Einkaufsgang mit der Perücke ausstatten muß. Seit sie krebsfrei ist, hat sie aber alles aus ihrer Wohnung verbannt, was sie an ihre Erkrankung erinnert, und so nahm meine Nachbarin die Mützen wieder an sich. Ich trage ihr auch nichts nach wegen des verunglückten Geschenks (so was kann halt passieren), und habe ihr noch nicht einmal davon erzählt, wie sehr mich das kurz aus der Bahn geworfen hat. 

Mein Mieter aus dem Erdgeschoß, den ich notgedrungen einweihen mußte, weil ich just am Nachmittag des Tages, als mir frühmorgens in der Klinik ambulant der Port gelegt worden war, in einer Hausverwaltungssache zu ihm mußte, worauf er natürlich wissen wollte, was es mit dem großen Pflaster auf meinem linken Handrücken auf sich habe, war neulich bei mir, vergewisserte sich erst mal vorsichtig, ob ich gleich tot umfallen oder in Tränen ausbrechen oder sonst irgendetwas Gruseliges anstellen würde, entspannte sich, als das nicht geschah, und war von da an wieder wie sonst. Mein Bruder und meine Schwester haben nach dem ersten Schock auch zu einer normalen Umgangsweise zurückgefunden, und mein lieber Sohn, der nun einmal in solchen Sachen ganz die Mama ist, reagierte sowieso am gechilltesten überhaupt. Wir haben sogar völlig unbefangen über den etwaigen Erbfall zu seinen Gunsten gesprochen und über die praktischen Erfordernisse, die damit einhergehen würden.

Mit meinem Mann diskutiere ich längst eifrig, wie sonst über andere Themen, die mich beschäftigen, interessante Detailbeobachtungen der Chemo-Nebenwirkungen, der Entwicklung des Tumors und der Lymphknoten sowie allgemeinere Überlegungen über den Krebs an und für sich, und ansonsten machen wir das, was wir immer machen - am Samstag, am Tag nach der letzten Chemo, hatten wir beispielsweise einen sehr vergnügten letzten Flohmarktbesuch im Jahr ... nächstes Jahr im Mai dann hoffentlich wieder in alter Frische und mit vielleicht ja bereits ausreichend nachgewachsenen Haaren, um sogar beim nächsten Flohmarkt schon wieder auf die Perücke verzichten zu können. 


Sonntag, 6. November 2022

Mein Name sei Heisenberg

Mein Gewicht heute früh: 81,5 Kilogramm – neues Tiefstgewicht. Aber ich fürchte, das ist neuerdings zur Nebensache geworden – jedenfalls bis auf weiteres. Denn wer sich wegen meiner langen Blogpause womöglich Sorgen gemacht haben sollte, hatte tatsächlich einen Grund dafür. Wie sich herausstellte, habe ich nämlich zwar weder die Pest noch Maul-und-Klauen-Seuche. Aber den Brustkrebs, den habe ich leider wirklich. Tja. Hat mein Hausarzt (der mir später gestand, sofort gewußt zu haben, was ich da habe, aber das böse K-Wort vor einer gesicherten Diagnose nicht habe aussprechen wollen) also zum dritten Mal auf Anhieb präzise die richtige Diagnose gewußt. Ich nehme also meine irritierte Skepsis aus meinem Post direkt nach meinem Besuch bei ihm wieder zurück und ziehe stattdessen den Hut vor ihm.

Die gesicherte Diagnose erhalten habe ich am Mittwoch, 5. Oktober. Danach ging alles rasend schnell, und das ist der Grund, warum ich mich so lange nicht gemeldet habe. Mich in tiefe Depression versunken und mit meinem Schicksal hadernd (womöglich sogar hadernd mit eigenen Entscheidungen, die möglicherweise in Zusammenhang mit einer Krebserkrankung stehen könnten) muß man sich also nicht vorstellen. Erstens bin ich dafür einfach nicht der Typ. Ich denke gerade in Krisen immer handlungs- und lösungsorientiert, und obwohl eine Krebsdiagnose natürlich die ultimative Prüfung für das Konzept „Was ich nicht ändern kann, darüber rege ich mich gar nicht erst auf“ darstellt, habe ich zweitens diese Prüfung, glaube ich, ganz gut bestanden. 

Ich bin gerade am Überlegen, die grandiose Serie "Breaking Bad" noch einmal anzuschauen, sobald ich die nötige Zeit dafür finde, weil mir die gerade viel durch den Kopf geht. Kürzestfassung: Der Chemielehrer Walter White, ein netter, harmloser Kerl und gerade deshalb von Freund, Feind und Familie mit einer Art milden Verachtung behandelt, erhält die Diagnose Lungenkrebs im fortgeschrittenen Stadium, hat plötzlich nichts mehr zu verlieren, aber dafür ein Problem mit der Frage, wie er seine Familie - seine schwangere Frau und seinen halbwüchsigen behinderten Sohn - nach seinem Ableben finanziell absichern soll, und entdeckt sein Talent, erstens das beste Crystal Meth der Stadt herzustellen, aber außerdem auch, daß jemand, der nichts mehr zu verlieren hat, auch keinen Grund mehr hat, sich vor irgendwas zu fürchten. Was ihn unter dem Aliasnamen "Heisenberg" im Lauf der Zeit zu einer zunehmen gefürchteten, aber interessanterweise auch - und das zum ersten Mal in seinem Leben - ernsthaft respektierten Unterweltgröße macht.

Auch wenn ich nicht die Absicht habe, nun kriminell zu werden, und außerdem rein statistisch gesehen noch lange keinen Grund habe, mit meinem baldigen Ableben zu rechnen, ist es jedenfalls kaum ein Fehler, sich nicht mit unnötigen Ängsten aufzuhalten. Ich habe mir diese Krankheit nicht gewünscht, aber da ich sie nun einmal habe, soll sie sich mir ruhig auch ein bißchen nützlich machen. Denn interessiert habe ich mich für Krebs und dessen Entstehung ja schon länger, also werde ich mich mit meinem speziellen Krebs auf die Weise befassen, die mir liegt, nämlich als eine intellektuelle Herausforderung in Tateinheit mit einem zu lösenden praktischen Problem. Mein Name sei also Heisenberg, denn wie Walter White in der Serie mache ich damit jedenfalls das, was ich gut kann und worauf ich auch neugierig bin. Und das, scheint mir, ist auch ein guter Grund, dieses Blog fortzusetzen. Ich bin auch guten Mutes, daß ich keine so langen Pausen mehr einlegen muß, denn den Faden im Blog wieder aufzunehmen, bedeutete jetzt auch, daß ein weiterer Teil des Rückstaus an zu erledigenden Dingen sich endlich aufgelöst hat. Eigentlich hätte ich nämlich schon viel früher was schreiben wollen, nur ließ es sich beim besten Willen nie zwischen die viel dringenderen Erfordernisse hineinzwängen.

Nicht zuletzt werde ich auch deshalb weiterbloggen, obwohl meine Prioritäten sich natürlich nun deutlich verschoben haben, weil ich im Laufe der letzten vier bis fünf Wochen einige Aha-Erlebnisse hatte und schon recht häufig dachte: „Das verrät einem kein Mensch, bevor man selber Krebs bekommt!“ – und das, dachte ich, sollte auch für andere Leute deshalb interessant zu wissen sein. Außerdem spielt bei meinem Umgang mit meiner Erkrankung natürlich das Fasten weiterhin eine Rolle, wenn auch bis auf weiteres nicht mit dem Ziel einer Gewichtsabnahme (das neue Tiefstgewicht heute war deshalb für mich selbst eine kleine Überraschung, gerechnet hatte ich damit eigentlich nicht).

Die erste einschneidende Veränderung bei meiner Krebserkrankung war der sofort nach der Diagnose auftretende akute Zeitmangel. Zum Glück war ich so schlau gewesen, schon die sieben Tage davor, also nach der Mammographie und der direkt im Anschluß erfolgenden Biopsie, einige Baustellen auf meinem Schreibtisch zu beseitigen, die ein echtes Problem hätten werden können, falls ich sie weiter verschoben hätte. Das lag vor allem daran, daß ich schon beim Anblick der Mammographie gedacht hatte: „Schöner §“§$&%!§. Das kann eigentlich fast nichts anderes als Krebs sein!“, und die Ärztin bestätigte mir das auf meine Nachfrage. Als Zweitmeinung befragte ich Tante Googles Bildersuche nach den häufigsten Nicht-Krebs-Varianten und stellte dabei fest, daß die alle in einer Mammographie ziemlich deutlich anders aussehen als das, was bei mir zu sehen war. Also verbrachte ich die sieben Tage bis zur Bestätigung damit, mich mit dem Gedanken vertraut zu machen, daß ich höchstwahrscheinlich Krebs hatte. Und das war eigentlich unangenehmer als die spätere Bestätigung, zumal Murphys Gesetz auch noch dafür sorgte, daß ich ausgerechnet in dieser Phase über besonders viele Auftragsanfragen, aber auch private Vereinbarungen entscheiden sollte, bei denen ich die Anfragenden nur hinhalten konnte, weil ich ja noch gar nicht so genau wußte, wie es weitergehen würde.

Das Abarbeiten der besonders wichtigen Baustellen hielt mich immerhin in dieser unangenehmen Phase gut genug beschäftigt, um nicht in sinnlose Grübeleien zu verfallen. Eingeweiht habe ich in dieser Zeit, in der noch keine Bestätigung vorlag, nur meinen Mann, meinen Sohn und meine bewährten Krankheits- und Urlaubsvertreterinnen, weil wir zufälligerweise in dieser Phase sowieso einen Mädels-Abend vereinbart hatten und weil mir bei aller Unsicherheit klar war: Auch wenn das, was ich da hatte, wider alle Erwartung kein Krebs sein würde, dann würde es jedenfalls operiert werden müssen, ich würde also in jedem Fall für ein paar Tage eine Vertretung brauchen.

Nachdem die Biopsie aber das erwartete Ergebnis erbracht hatte, begann sofort der Spagat zwischen dem bislang noch an Normalbetrieb angepaßten Alltag und den nun schnellstmöglich erforderlichen diversen zusätzlichen Untersuchungen und Vorbereitungen für die Therapie. Zwischen dem 5.10., der Besprechung der Laborbefunde, und dem 13.10, dem Beginn meiner Chemotherapie, war ich täglich auf Achse, verbrachte eine Menge Zeit wartend in Arztpraxen und Kliniken vor Untersuchungen und Besprechungen, unterschrieb unzählige Datenschutzerklärungen und andere Papiere (aber übersah dabei glücklicherweise dennoch das eine Dokument nicht, das ich mich dann zu unterzeichnen weigerte, weil ich damit nämlich, nur geringfügig überspitzt gesagt, mein Einverständnis dazu erklärt hätte, daß meine Port-Operation live auf Facebook übertragen werden dürfte), ließ mir einen Port legen – eine Art „Chemotherapie-Pipeline“ – und alles mögliche mehr. Daneben mußte ich außerdem all jene Familienmitglieder, Freunde etc. informieren, die noch nicht Bescheid wußten, obwohl ich grundsätzlich fand, daß sie Bescheid wissen sollten. Und das fraß auch eine Menge Zeit, vor allem, weil die Informierten dann zu meinem Verdruß wieder andere informierten, die glaubten, mich daraufhin auf der Stelle anrufen und mir stundenlang das Ohr abkauen zu müssen … als ob ich in meinem schweißtreibenden Hamsterrad ausgerechnet in dieser Phase jemanden gebraucht hätte, der mir meine knappe Zeit noch mehr verknappt, indem er mir seine Betroffenheit zum Ausdruck zu bringen versuchte. (Ich glaube, die Frage, wie man sich gegenüber jemandem empfehlenswerterweise verhalten sollte, der gerade eine Krebsdiagnose bekommen hat, wäre fast einen eigenen Blogartikel wert, vieles davon hätte ich nämlich vor der Diagnose auch nicht gewußt.) Zwischendurch mußte ich aber auch noch meine laufenden Aufträge abarbeiten, meinen Haushalt am Laufen halten und mich mit ein paar unerwarteten anderen Themen befassen, die natürlich gemäß Murphys Gesetz ebenfalls dazukamen.

Ein bißchen hatte ich natürlich schon vorher über Brustkrebs recherchiert und aufgrund meiner Lektüre erwartet, daß am Anfang meiner Behandlung selbstverständlich eine Operation stehen würde. Der Tumor war laut Mammographie ja mit einem Durchmesser von 2 cm ziemlich klein. Aber wann wäre bei mir jemals etwas gewesen wie bei anderen Leuten? Mein Tumor, hat die Biopsie ergeben, zählt zu einer 15-prozentigen Minderheit unter den Mammakarzinomen und unterscheidet sich von der Mehrheit der Tumoren dadurch, daß er „triple-negativ“ ist. Das bedeutet konkret, daß alle Behandlungs-Ansätze, die ein gemeinsames Merkmal der Tumorzellen anzugreifen versuchen (beispielsweise hormonell), bei mir nicht funktionieren werden, weil meine Tumorzellen sich durch große Unterschiedlichkeit auszeichnen. Irgendwann werde ich zu dieser zwar nicht absolut seltenen, aber doch etwas ungewöhnlichen Krebsvariante vielleicht noch mal in einem weiteren Blogartikel weiter ausholen, aber vorher sollte ich wohl noch ein bißchen mehr darüber recherchieren. Denn bislang habe ich mich dafür auf das Allernötigste beschränken müssen.

Die Kurzfassung dessen, was ich darüber weiß:

Die schlechte Nachricht: Solche Tumoren sind erstens sehr aggressiv, wachsen also auch sehr schnell, und die Wahrscheinlichkeit, in fünf Jahren noch zu leben, ist im Vergleich zu den anderen Varianten deutlich niedriger.

Die gute Nachricht: Gerade weil sie so aggressiv sind, ist die Wirkung von Chemotherapie erheblich stärker als bei allen anderen Brustkrebs-Arten: Chemotherapie wirkt, weil sie zwar alle Zellen unterschiedslos angreift, die gerade im Begriff sind, sich zu teilen. Aber Krebszellen teilen sich schneller als die meisten gesunden Körperzellen. Und bei triple-negativem Brustkrebs teilen sie sich noch schneller als bei anderen Brustkrebs-Varianten. Deshalb ist es mittlerweile Standard, nicht nur wie früher große Tumoren, sondern diese Sorte immer auch unabhängig von ihrer Größe vor einer Operation chemotherapeutisch zu behandeln. Bei mehr als der Hälfte aller triple-negativen Patientinnen, die vor der Operation mit Chemotherapie behandelt wurden, ist zum OP-Zeitpunkt der Tumor schlicht nicht mehr vorhanden. Und dann ist die weitere Prognose sehr gut.

Jedenfalls dann, wenn der Krebs nicht gestreut hat.

Ob das auf mich zutrifft, war ich anfangs etwas unsicher, denn tatsächlich sind meine geschwollenen Lymphknoten in der Achsel ja auch bereits von Krebszellen befallen, sonst wären sie ja nicht angeschwollen. Es stellte sich dann aber heraus: Das zählt dann zwar als Metastasen, aber das Geschehen gilt immer noch als räumlich begrenzt und bedeutet nicht dasselbe wie Metastasen, die sich an anderer Stelle bereits ausgebreitet haben.

Die ungünstige Prognose bei triple-negativem Brustkrebs kommt wohl vor allem daher, daß der Tumor oft rasend schnell wächst und deshalb oft erst so spät entdeckt wird, daß solche Metastasen bereits entstanden sind. Mein schlaues Immunsystem, hiermit sage ich ihm meinen Dank, hat mir wohl den Arsch gerettet, indem es mich rechtzeitig durch die angeschwollenen Lymphknoten auf die Sache aufmerksam gemacht hat - denn ein Knoten in der Brust, nach dem ich selbstverständlich sofort und spontan gesucht hatte, war auch zum Zeitpunkt der Mammographie nocht nicht zu ertasten, jedenfalls nicht, wenn man nicht ganz genau wußte, wo man exakt danach suchen mußte. Und der Knoten in der Brust ist außerhalb der Früherkennungs-Screenings das übliche Alarmsignal, das einen zu weiteren Untersuchungen veranlaßt. 

Apropos Früherkennung: Ich bin ja nie zur Früherkennung gegangen, aber es ist so unwahrscheinlich, daß bei meinem letzten ausgelassenen Screening-Termin letzten Sommer schon irgendetwas von meinem schnellwachsenden Turbokrebs erkennbar gewesen wäre - ab 5 Millimeter Durchmesser ist ein Tumor erkennbar und 20 Millimeter hatte er bei mir -, im Grunde bestätigt mir die Sache sogar, daß ich damit im Prinzip richtig lag. Falls ich durch einen glücklichen Zufall doch schon in einem frühen Stadium in die gleiche Krebs-Behandlungsmühle geraten wäre, in der ich jetzt für lange Zeit stecken werde, wäre dem Vorteil einer früheren Behandlung der Nachteil gegenübergestanden, daß ich nie wirklich sicher hätte sein können, ob eine Behandlung wirklich nötig ist. So habe ich jedenfalls ein Jahr lang noch das Gefühl mitnehmen können, mich gesund zu fühlen. Und wahrscheinlicher ist es tatsächlich, daß ich mit diesem Gefühl auch aus dem Screening herausgegangen wäre, weil letztes Jahr vermutlich noch gar nichts entdeckt worden wäre.

Ich lag also falsch, als ich dachte, der geschwollene Lymphknoten – den ich auch im Blog mal erwähnte – hätte mit der ständig erforderlichen Bekämpfung von Infektionen über den Sommer hinweg zu tun. Aber ein Zusammenhang mit den Infektionen bestand dennoch insofern, als mein Immunsystem offenbar genau wußte, daß Feld-Wald-Wiesen-Erkältungsviren eine deutlich niedrigere Priorität haben als die Bekämpfung von wanderlustigen Krebszellen.

Um jetzt aber nicht für völlig verblödet gehalten zu werden, weil ich mit Krebs trotz der geschwollenen Lymphknoten so gar nicht gerechnet hatte: Eine Erstrecherche bei Quellen wie Netdoctor ergab, daß alle einschlägigen Seiten in so einem Fall etwaige Krebsängste zu zerstreuen versuchten und schrieben, daß in der Regel eine Infektion die Ursache wäre. Die Infektionserklärung schien mir außerdem plausibel, weil ich vor ein paar Jahren auch schon mehrmals wiederkehrend am Hals das Problem mit den anschwellenden Lymphknoten hatte, als meine Mandeln mir eine Zeitlang immer wieder Schwierigkeiten machten.

Daneben steht mir eine Begegnung mit einer Brustkrebspatienten erst noch bevor, die vor der Mammographie ernsthaft damit gerechnet hatte, an Krebs zu erkrankt zu sein. Noch jedes andere Mitglied in diesem geheimen informellen „Club, in dem niemand Mitglied sein will“ (unglaublich, wie viele Freunde und Verwandte von Freunden und Verwandten mir plötzlich solidarische Grüße ausrichten lassen), mit dem ich auf diesen Punkt zu sprechen gekommen bin, erzählte dasselbe, nämlich, daß sie aus allen Wolken gefallen seien.

Ich will den Blogartikel heute nicht zu sehr ausufern lassen, obwohl ich noch eine Menge schreiben könnte. Aber einstweilen wollte ich nur ein Lebenszeichen von mir geben. „Ich binne nicht tot“, um Terry Pratchetts Oma Wetterwachs zu zitieren. Und ich habe auch nicht die Absicht, ausgerechnet an Brustkrebs zu sterben. Deshalb habe ich mein Fastenschema an eine aus meiner Sicht bestmögliche Begleitung einer Chemotherapie angepaßt. Derzeit faste ich ausschließlich vor und nach den Chemotherapie-Sessions, dazwischen faste ich nicht. Bis zum Jahresende bedeutet das bei vier Chemos alle drei Wochen (zwei davon habe ich bereits hinter mir) zwei Fastentage vor und einer bis zwei nach der Chemo. Davon verspreche ich mir (mindestens) einen Vorteil bei den Nebenwirkungen, denn Fasten bringt gesunde Körperzellen dazu, sich weniger zu teilen, also werden weniger von ihnen durch die Chemotherapie angegriffen. Und wahrhaftig: Die Nebenwirkungen haben sich bislang wirklich als SEHR überschaubar herausgestellt. Wieviel davon auf das Konto des Fastens geht, kann ich natürlich nicht sagen.

Krebszellen dagegen reagieren auf Fasten entweder gar nicht – teilen sich also genauso oft wie sonst – oder, aber dazu muß ich noch mehr recherchieren, teilen sich vielleicht sogar noch öfter. Falls das stimmen sollte, wäre das ein weiterer Vorteil des Fastens nach meinem aktuellen Schema, denn auf diese Weise würden natürlich mehr Krebszellen auf einmal von der chemischen Keule erschlagen.

Deswegen liegt mein Gewichtsreduktions-Fasten aber auch gerade auf Eis. Ich bin mir dieser letzteren Sache momentan zwar keineswegs sicher, aber meinen Tumor zwischen den Chemos zum fröhlichen Weiterwachsen animieren, will ich definitiv nicht, also beschränke ich auch auf die Gefahr hin, daß ich das eigentlich auch unbesorgt weitermachen könnte, das Fasten auf die direkte Chemo-Phase; nur für den Fall, daß. Ersatzweise esse ich aber Low Carb, und wie sich zeigte, halte ich damit mein Gewicht zwischen den nunmehr im Drei-Wochen-Rhythmus erfolgenden Fastenintervallen, und ich habe sogar heute (nach vier Fastentagen) ein neues Niedrigstgewicht erreicht.

Ab Januar ändert sich dann mein Chemo-Rhythmus; dann werde ich zwölf Wochen lang einmal die Woche mit einer anderen Medikation als jetzt behandelt. Dann werde ich drei Tage die Woche um die Chemo herum fasten, weil mir vier Tage von sieben einfach zu viel wären. Ich gehe davon aus, dann wird mein Gewicht auch ohne Gewichtsreduktions-Absichten einen heftigeren Satz nach unten machen, was die lästige, aber unvermeidliche Nebenwirkung hat, daß ich vermutlich meinen Arzt davon überzeugen muß, daß keineswegs die gefürchtete Tumorkachexie, eine ungewollte Gewichtsabnahme aufgrund von Muskulaturverlust, bei mir aufgetreten ist. Tumoren lieben Glukose, aber sie versorgen sich wohl auch mit Proteinen. Indem ich Low Carb esse, sorge ich ja dafür, daß sie in diesem Punkt versorgt sind, ohne sich deshalb an den Proteinen in meiner Muskulatur vergreifen zu müssen, was ich natürlich keinesfalls will. Meine Gewichtsabnahme von Januar bis März wird also eine „normale“ Gewichtsabnahme werden. Nur, wie sage ich das meinem Doktor so, daß er es ebenfalls versteht? Er hat sich nämlich als ziemlich unwillens gezeigt, irgendetwas außerhalb seines Schema F verstehen zu wollen.

Über meinen Arzt und mich werde ich irgendwann einen eigenen Blogartikel schreiben. Ich hatte nämlich das Pech, daß mein gynäkologischer Onkologe oder onkologischer Gynäkologe nebenbei außerdem auch noch Ernährungsmediziner ist und damit einem persönlichen Feindbild von mir entspricht. Schlimmer noch, von Intervallfasten hält er aus seiner ernährungsmedizinischen Expertise heraus generell nichts, dazu kommt noch, daß er gerne in einem schwer erträglichen Predigerton monologisiert, was zur Folge hatte, daß wir uns schon beim zweiten Gespräch heillos zerstritten haben. Aber einstweilen bin ich noch ganz guten Mutes, daß es nicht nötig sein wird, mitten im Kampf gegen den Krebs auch noch den Arzt wechseln zu müssen. Das werde ich nur dann tun, wenn ich wirklich gleichzeitig sowohl gegen die Krankheit als auch gegen den behandelnden Arzt kämpfen muß, aber falls wir es schaffen, das ernährungsmedizinische Thema sorgfältig zu vermeiden, sollte das wohl nicht nötig werden. An mir soll es nicht scheitern, falls der Doc darauf verzichtet, mich zu häufig zu provozieren. Ich würde es nämlich schon vorziehen, das Schlachtroß nicht ausgerechnet während der Schlacht wechseln zu müssen.

Ganz kurz abschließend auch noch zur Frage, wie es mit meinem Gewichtsziel weitergeht, wenn meine Brustkrebs-Behandlung erst einmal beendet ist, was aber wohl mindestens noch ein Dreivierteljahr dauern wird. Erst mal werde ich dann eine Bestandsaufnahme machen, wie es mit meinem Gewicht dann gerade aussieht. Ich schließe nämlich nicht aus, daß ich auch ohne das Ziel Gewichtsreduktion nach diesem Dreivierteljahr ein Körpergewicht von stabil unter 80 Kilogramm erreicht haben könnte. Dann werde ich wohl mit mir zu Rate gehen müssen, ob mir die Sieben auf der Waage vielleicht doch schon ausreicht und ich die Eitelkeitskiste mit der vorher festgelegten Zahl 73,5 vielleicht doch aufgeben werde. Das hängt nicht zuletzt auch davon ab, wie „bauchig“ ich dann immer noch bin, denn diesen Restbauch will ich eigentlich schon noch loswerden. 

Daß das "Intervallfasten für verstockte Ernährungssünder" nicht nur gerade unterbrochen ist, sondern vorzeitig ganz beendet werden könnte, ist also noch lange nicht gesagt, und wenn doch, wird das definitiv nicht bedeuten, daß es mir egal geworden ist, ob ich wieder zunehme. Aber vielleicht wird mir die symbolische Zahl doch nicht mehr wichtig genug sein, um sie zu erlangen. Das weiß ich jetzt noch nicht, und ich entscheide es später, wenn solche Fragen wieder in den Vordergrund rücken.