Mein Gewicht heute früh nach dem vierten von vier aufeinanderfolgenden Fastentagen: 75,3 Kilogramm. Das macht schon ein bißchen autsch, in vier Tagen habe ich damit nur 4,6 Kilogramm verloren, das ist weit unter Durchschnitt. Aber das werde ich wohl sportlich nehmen müssen, denn wenn es mal über 6 Kilo sind, was auch weit vom Durchschnitt abweicht, nehme ich das ja auch gerne mit. Über die Gründe von Ausreißern sowohl nach oben wie auch nach unten kann man ja immer nur spekulieren. Vielleicht liegt's ja daran, daß die Temperaturen zwar im Vergleich zur letzten Woche runtergegangen, aber immer noch ziemlich hoch sind. Die Wasserspeicher in mir sind wohl nicht so richtig geleert worden.
Mein Mann macht mir aber gerade ein bißchen mehr Sorgen. Er müßte zum Arzt, sich ein neues Rezept für seine Medikamente holen, will das aber nicht machen. Sie sind ihm schon vor über einer Woche ausgegangen, und er behauptet, so gut habe er sich schon lange nicht mehr gefühlt wie jetzt. Er sei trotz der Hitzewelle viel weniger schlapp gewesen und das Nasenbluten sei fast ganz verschwunden. Das Nasenbluten war im Prinzip schon vorher gelegentlich aufgetaucht, aber seit er das halbe Dutzend Medikamente nehmen mußte, hatte er es nahezu täglich, manchmal auch mehrere Male an einem Tag. Der Arzt sagte, das käme davon, daß eines der Medikamente die Gefäße brüchig mache. Da kann man sich natürlich schon ein paar Gedanken machen, ob das nicht im Widerspruch zu dem steht, was mit der Behandlung erreicht werden soll.
Mein Mann sagt jedenfalls, wenn er sein Befinden seit Beginn der Einnahme mit seinem jetzigen vergleicht, dann stellt sich ihm schon die Frage, ob er ungeachtet solcher Fragen und auch dann, wenn er ohne Medikamente riskanter lebt als mit ihnen, nicht doch lieber das Risiko der Nichteinnahme eingehen sollte, anstatt sich für denRest seiner Tage mit diesem ständigen Unwohlsein abzufinden. Das finde ich im Prinzip zwar auch einleuchtend, aber mir gefällt daran nicht, daß er sich darüber nicht mit einem Arzt auseinandersetzen will, denn ich an seiner Stelle würde das wollen. Ich kann verstehen, daß ihm der Gang zu seinem (und meinem früheren eigenen) Hausarzt ziemlich verleidet ist, aber er sollte dann halt zu einem anderen Arzt gehen und sich beraten lassen. Niemand kann ihn ja zwingen, diese Medikamente einzunehmen, wenn er die Vorteile der Einnahme für geringer als die Nachteile hält und sie deshalb nicht haben will. Aber vielleicht gibt es ja dazwischen einen Mittelweg. Mindestens fände ich es gut, wenn ein Arzt da wäre, der weiß, daß er eigentlich Medikamente nehmen müßte und es nicht tut und wenigstens ein Auge darauf hat und es merken würde, wenn sich bei ihm irgendwelche Alarmzeichen auftun würden.
Aber zwingen kann ich ihn natürlich zu nichts, und ich würde das auch nicht wollen, wenn ich es könnte. Mein Mann ist erwachsen und es ist sein eigenes Leben, über das nur er entscheidungsbefugt ist. Ich sag ihm, was ich an seiner Stelle täte, und das nur, wenn er mich fragt oder es im Kontext naheliegt, daß ich meine Meinung äußere. Es ist nicht meine Art, zu drängeln, auch in so einem Fall nicht. Deswegen halte ich mich auch bezüglich Krebs mit Ernährungsempfehlungen stärker zurück, als es der Sache nach eigentlich naheliegen würde. Will heißen, wer mich fragt, was ich von dieser oder jener Meinung halte, dem sage ich es und wenn es im Kontext naheliegt, erkläre ich auch, was ich gemacht habe, warum ich es gemacht habe und was die wissenschaftlichen Grundlagen dafür sind. Mehr kann ich meinem Empfinden nach nicht tun, und alles, was zuviel ist, bleibt im besten Fall wirkungslos und wirkt im ungünstigeren Fall sogar kontraproduktiv.
Immer noch bin ich mir außerdem nicht sicher, ob die Behandlung meines Mannes, die ja der eines Herzinfarktpatienten entspricht, nicht vielleicht von Anfang an falsch gewesen ist, unabhängig von der Frage, ob auch eine richtige Behandlung einem den Rest des Lebens spürbar beeinträchtigen kann. Denn der Herzinfarkt war ja immer eher eine Art Verdachtsdiagnose, das ergab sich aus den Arztbriefen der Klinik, auch wenn der Hausarzt so tut, als stünde die Sache völlig fest. Ich bin mir nicht sicher, ob die Sache richtig interpretiert ist, wenn dieser Verdacht als Tatsache gewertet wird, weil mein Mann ja unter sich verschlimmernden Erkältungssymptomen, darunter begleitend zu einem heftigen Husten auch zunehmende Atemnot, gelitten hatte. Ich fand es von Anfang an irritierend, daß man das den Ärzten so oft erklären konnte, wie man wollte, ohne daß es jemals auch nur ansatzweise in die Beurteilung mit eingeflossen ist. Aber die Infektionserkrankung war genauso real wie die Atemnot, die ohne dies sicherlich ein Symptom für einen möglichen Pumpenschaden ist und dies vielleicht auch mit Erkältungssymptomen sein kann. Mir fehlte aber von Anfang an eine Begründung dafür, warum die Atemnot nicht auch darauf zurückzuführen sein könne, denn mir leuchtet das nicht ein. Solange ich diese Begründung nicht habe, kann ich aber auch nicht sicher sein, daß die Symptome nicht doch auf die Infektionskrankheit zurückzuführen waren.
Aber worauf muß ich mich jetzt eigentlich bei meinem Mann gefaßt machen?
Es gibt eine Studie, die zeigte, daß Patienten, die sechs Monate nach einem Herzinfarkt mindestens ein Medikament abgesetzt hatten, im Lauf der nächsten zwölf Monate kein erhöhtes Sterblichkeitsrisiko aufwiesen. Setzten sie aber alle Medikamente ab, dann stieg es eindeutig an. In Zahlen: Von 1000 Patienten, die alle Medikamente nahmen, ebenso wie von 1000, die nur ein Medikament absetzten, starben innerhalb von 18 Monaten 93 Patienten - und von denen, die nur die Betablocker abgesetzt hatten, lag sie sogar mit 91 um zwei Zehntelprozentpunkte niedriger. Unter denen, die alle Medikamente abgesetzt hatten, waren es aber 143 Todesfälle. Das ist prozentual betrachtet ein Anstieg um 50 %.
Es klingt aber nach mehr, als es in Wirklichkeit ist. Denn von 1000 Patienten überlebten in den ersten beiden Fällen 907 bzw. 909, aber im dritten immer noch 857, für die sich das Risiko, die Medikamente abzusetzen, doch gelohnt hatte. Und es gab immerhin 93 auch unter den vorbildlich complianten Patienten, für die sich auch die Vorsicht gar nicht gelohnt hatte, denn sie starben trotzdem. Das legt nahe, daß auch von den 143 risikobereiten nicht mehr als 50 zum Opfer ihrer Entscheidung geworden sind, während weitere 93 auch dann gestorben wären, wenn sie die ärztliche Anweisung vorbildlich befolgt hätten.
Das ist also die Risikogröße, mit der es auch mein Mann zu tun hat. Fünf Prozentpunkte rechnerisches Todesfallrisiko hin oder her. Und klar, es macht einen Unterschied, ob sich dann herausstellt, daß man zu den 95 oder zu den 5 Prozent gehört.
Die OP meines Mannes ist allerdings schon fast zwei Jahre her. Ob die Risiken eines Absetzens zu diesem Zeitpunkt vergleichbar oder höher oder niedriger sind, weiß offenbar niemand, jedenfalls fand ich dazu nichts. Angenommen aber, es war überhaupt kein Herzinfarkt, und die Medikamente laufen damit ins Leere und erst sie machen meinen Mann wegen der Nebenwirkungen unnötigerweise krank, dann wäre sein Risiko gerade durch die Einnahme letztlich höher, als wenn er die Medikamente absetzen würde. Diese Möglichkeit macht mir auch schon seit einer Weile zu schaffen. Wären die Nebenwirkungen nicht, spräche nichts dagegen, vorsichtshalber die Medikamente halt weiterzunehmen. Aber diese Nebenwirkungen haben sie. Sie stehen der Schutzwirkung auch dann gegenüber, wenn ihre Einnahme eindeutig sinnvoll ist. Aber wir können uns nicht einmal sicher sein, ob sie sinnvoll ist.
Ein Kompromiß wäre es vielleicht, die Medikation zu verändern, um die Nebenwirkungen zu verringern. Aber der Hausarzt hat sich auf dem Ohr als taub erwiesen, und so würde ich meinen Atem ebenfalls nicht darauf verschwenden, mit ihm weiter herumzudiskutieren. Aber einen anderen Arzt, vielleicht auch zwei, würde ich in dieser Frage jedenfalls noch zu Rate ziehen, wäre ich an meines Mannes Stelle. Dabei ist mir freilich klar, daß das Risiko enorm ist, bei beiden Zweitmeinungen dieselbe Art von Niete zu ziehen. Ich täte es trotzdem, nur um mir selbst sagen zu können, daß ich es immerhin versucht habe, die Nadel im Heuhaufen der Ärzte doch zu finden.
Vielleicht überlegt mein Mann es sich ja doch noch anders. Aber wenn nicht, unterstütze ich ihn bei seiner Entscheidung, mag sie sich nun als falsch oder als richtig erweisen. Es bleibt mir sowieso kaum etwas anderes übrig.
***
Im Moment wird ja ein weiteres Mal über die Einführung einer Widerspruchslösung bei der Organspende im Bundestag debattiert. Daß und warum ich dagegen bin, habe ich schon wiederholt erwähnt und auch begründet. Eine Bestätigung meiner Annahme, daß bei einer Widerspruchslösung Organe von Menschen, die niemals aktiv zugestimmt hätten, sich aber aus psychischer Unfähigkeit, über diesen Schatten zu springen, davor drücken, ausdrücklich "Nein" zu sagen, durch eine bloße Zustimmungsfiktion abgegriffen werden sollen, erhielt auf unerwartete Weise eine Bestätigung.
Nämlich im Podcast "Machtwechsel" von Dagmar Rosenfeld und Robin Alexander. Die brachten nämlich eine komplette Podcastfolge zum Thema Organspende. In einer späteren Folge erwähnten sie dann ganz en passant, daß es regelmäßige Podcast-Hörer gegeben habe, die ausdrücklich kundgetan hatten, diese spezielle Folge ausgelassen zu haben, weil dies ein Thema sei, mit dem sie sich nicht befassen wollten. Das erstaunt dann im ersten Moment doch ein wenig, denn als politisches Thema wurde es ja von den Podcastern genauso behandelt wie andere Themen auch, und der Blick hinter die Kulissen des Politikbetriebs hatte in dieser Podcastfolge auch genauso viel Erkenntnis- und Unterhaltungswert. Hinter diesem spontanen Nichtanhörenwollen steckt also genau derselbe spontane Reflex, der auch dafür verantwortlich ist, daß jemand einer Entscheidung über Organspende ausweicht.
Das sind meiner Meinung nach alles Leute, die die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Sterblichkeit nicht ertragen. Genau diesen Leuten will man nun aber mit Hilfe der Widerspruchsregelung Organe entnehmen können, und zwar nicht deshalb, weil irgendwer im Ernst annehmen würde, sie hätten dem implizit ja durch das Fehlen eines ausdrücklichen Widerspruchs wirklich zugestimmt. Sie wollen über sie verfügen, weil das Potemkinsche Dorf der Zustimmungsfiktion dazu führt, daß niemand sie daran hindern wird.
Niemand interessiert sich in Wirklichkeit dafür, ob ein Organspender zugestimmt hätte oder nicht, es reicht völlig, diesen Anschein erwecken zu können. Es ist klassisches "So tun, als ob". In einer Frage, in der es um das Verfügungsrecht über den eigenen Körper geht, ist diese scham- und hemmungslose Trickbetrügerei auf eine so grundlegende Weise falsch, daß auch gerettete Menschenleben den damit angerichteten Schaden an der Würde der "Spender" (die in Wirklichkeit nicht gespendet haben, sondern ausgeplündert wurden) nicht aufwiegen. Damit setzt man nämlich - quasi als Strafe für eine Unterlassung, die mit einer Zustimmung zur Organentnahme eigentlich nicht verwechselt werden kann - fest, daß ein Mensch, der den Gedanken an seinen eigenen Tod nicht ertragen kann und ihn so weit wie möglich von sich selbst wegschiebt, das Recht auf Selbstbestimmung über seinen Körper verliert, sofern er im Fall des Hirntods noch als Ersatzteillager verwertet werden kann. Es geht hier nicht um eine Zustimmung im aktuell gemeinten Sinne des Wort, sondern um eine Orwellsche Verdrehung der Bedeutung von "Zustimmung" rein aus Nützlichkeitserwägungen heraus. Und: es geht ums Ausnutzen einer subjektiven psychischen Zwangslage. Das ist, als würde man die Vergewaltigung einer Person, die vor Angst erstarrt und subjektiv bewegungsunfähig ist, für akzeptabel halten, weil sie sich ja hätte wehren können und müssen.
Das ist ein sehr grundsätzlicher Einwand, und ich finde es immer wieder erstaunlich, daß außer mir auch unter Gegnern der Widerspruchslösung niemand diesen Punkt wichtig zu finden scheint. Tatsächlich käme ich mit einer allgemeinen Organspendepflicht sogar noch eher klar als mit diesem scheinheiligen Konstrukt. Wenn halb Europa das scheinheilige Konstrukt bereits anwendet, zeigt das nur, wie leicht es ist, solche Verkorkstheiten durchzusetzen, weil das Denken in Machbarkeits- und Optimierungskriterien uns alle mehr oder weniger stark verkorkst hat. Sogar ich habe oft Schwierigkeiten, mich aus diesem Denkschema zu lösen, und muß mir das aktiv erarbeiten. Wenn mir eine Sache wichtig genug ist, mache ich aber so lange daran herum, bis ich den Knoten aufgedröselt habe und klar benennen kann, warum ich die Sache so und nicht anders sehe.
Vor längerer Zeit unterhielt ich mich mal mit meinem Bruder über das Thema Organspende, und da stellte er mir eine Frage, die bei dieser Thematik gerne dann gestellt wird, wenn man den Gefragten als Heuchler entlarven möchte: Und was, wenn du selbst ein Spenderorgan brauchen würdest? Damit kann man nämlich eine Menge Leute gedanklich ins Schleudern bringen. Fast jeder setzt ja unausgesprochen voraus, daß der Tod das Allerschlimmste ist, was einem passieren kann, und daß man alles tun würde, um dies zu verhindern. Bloß, ich sehe das anders. Das, was ich tun würde, um meinen Tod zu verhindern, hat gewisse Grenzen und ein Spenderorgan liegt jenseits dieser Grenze. Mit einer Widerspruchslösung sogar noch mehr, denn ich fände den Gedanken unerträglich, Profiteur einer Regelung zu sein, die die Menschenwürde des Organ-"Spenders" mit Füßen tritt. Ich kannte aber auch mal einen Mann, der sein Leben durch ein Spenderherz verlängern konnte. Immerhin um ca. 15 Jahre. Die persönlichkeitsverändernde Wirkung der Medikamente, die er diese 15 Jahre lang nehmen mußte, hatte allerdings ein paar Auswirkungen, die ein Preis wären, den ich selbst niemals fürs Weiterleben bezahlen wollen würde.
Mir wäre es aber auch alleine schon unerträglich, für den Rest meines Lebens in der medizinischen Maschinerie festzustecken, die die transplantierten Organe weiter am Laufen hält. Denn von alleine tun sie das ja nicht. Der Körper erkennt sie ja weiter als fremd und möchte sie am liebsten abstoßen. Ich müßte also für den Rest meines Lebens ständig gegen den eigenen Körper kämpfen. Daß ich diesen Preis bezahle, dafür müßte ich schon Grund haben, mich zum Weiterleben verpflichtet zu fühlen, etwa, weil ich Angehörige habe, die auf mein Weiterleben existentiell angewiesen sind.
Wir leben ein Leben, in dem man sich ständig das Schienbein blauschlagen kann, weil man dauernd über irgendwelche Widersprüchlichkeiten stolpert. Einerseits sollen wir in einer Art biographischem Langstreckenlauf so lange wie möglich durchhalten können, bevor wir schließlich doch am Streckenrand in die Knie gehen (und das passiert ja unweigerlich jedem von uns), und es wird uns zu einer Art Pflicht gemacht, alles uns Menschenmögliche dafür zu tun, daß wir nicht früher als gerade noch möglich aus diesem Rennen auscheiden. Andererseits bringt die aktuelle Lebenserwartung die Rentenkasse ja schon jetzt ins Schleudern (sollen wir also möglichst viele Lebensjahre in Armut und Dürftigkeit verbringen wollen?) und wenn wir einmal Pflege benötigen, dann wird uns die Pflegeversicherung dafür garantiert keinen Dank wissen (und die Qualität der Pflege ist ebenfalls schon jetzt durch dünne Personaldecken arg strapaziert). Wenn unsere Organe versagen, dann geht jeder davon aus, daß wir mit Selbstverständlichkeit ein Ersatzteil haben wollen, für das freilich erst einmal eine andere Person den Hirntod erleiden müßte und womöglich zu dem Personenkreis derjenigen gehörte, die es vor ihrem Lebensende so gegruselt hat, daß sie den Gedanken an diese Situation immer aus Leibeskräften von ihrem Bewußtsein fernzuhalten versucht hat. Das wiederum wird geradezu ohrenbetäubend laut beschwiegen. Trotz dieses unausgesprochenen elften Gebots "Du sollst so lange wie möglich leben wollen" wissen aber immer mehr Menschen gar nicht mehr so recht, warum und wofür sie eigentlich weiterleben sollten. Das legt der Anstieg der Zahl diagnostizierter Depressionen nahe. Die Suizidraten zeigen einen umso dramatischeren Anstieg, je höher das Lebensalter ist. Die Zahl der Suizidversuche ist schwieriger zu ermitteln, liegt aber noch einmal ungefähr zehnmal so hoch.

Was ich nicht herausbekommen konnte, ist, ob das alles "wilde" Suizide waren oder auch assistierte Suizide in den Zahlen mit enthalten sind. Die Zahlen der assistierten Suizide sind aber sehr niedrig im kleinen dreistelligen Bereich. Das kann sich freilich noch ändern, da die Zahl der Mitglieder einschlägiger Vereine in den letzten Jahren stark zugenommen hat. Es ist gut möglich, daß die Zahl der assistierten Suizide in einigen Jahren ungefähr genauso hoch liegen wird wie die der Empfänger von Spenderorganen. In der Schweiz, wo die Sterbehilfe schon länger als bei uns möglich ist, ist das jedenfalls der Fall: Link 1, Link 2.
Der assistierte Suizid für Menschen, die glaubhaft darlegen können, daß und warum das Weiterleben ihnen nicht mehr lebenswert erscheint, ist meiner Meinung nach das Gegenmodell zur Organspende als ein Mittel, um jeden Preis weiterleben zu wollen. Solange in beidem der freie Wille entscheidet, ist das eine Widersprüchlichkeit in unserer Gesellschaft, die man aushalten können sollte. Genau wie die Organspende hat es aber eine dunkle Seite, denn es gibt genügend Hinweise darauf, daß der Grund für den Todeswunsch derjenigen, die assistiert aus dem Leben scheiden wollen, gar nicht so selten die Angst davor ist, von anderen Menschen in allen Alltagsverrichtungen abhängig zu werden und "ihnen nur zur Last zu fallen". Ist man einmal nicht mehr imstande sich selbst zu helfen, ist man den damit verbundenen Risiken für das eigene Wohlergehen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Wer präventiv aus dem Leben scheiden will, um keinesfalls in diese Lage zu kommen (und das ist sicherlich bei Älteren häufig der Fall), hat wahrscheinlich vorher immer kontrollieren können, wie sein Leben verläuft und war dabei risikoavers. Garantiert sind manche hinfälligen älteren Menschen bereits jetzt damit konfrontiert, daß ihre Angehörigen offen oder subtil sie zu einem assistierten Suizid bewegen wollen. Das ist eine kaum vermeidbare Nebenwirkung der Legalisierung dieses Modells.
Assistierter Suizid ist nicht in jedem Fall das selbstbestimmte Sterben als Akt der eigenen Würde, womit die Legalisierung ja immer begründet wurde. Auch hier fehlt mir eine Debatte darüber, wie man damit umgeht. Mit etwas Glück käme dann auch der unausgesprochene gesellschaftliche Faktor zu Sprache, daß an sich jeder Bürger dieser Gesellschaft in einem Sinne der optimalen wirtschaftlichen Verwertbarkeit so nützlich wie möglich sein soll. In hohem Alter und bei schlechter Gesundheit ist das nicht mehr der Fall. Das macht etwas mit dem davon Betroffenen, und es macht etwas mit den Menschen, die sich um ihn kümmern, jedenfalls dann, wenn sie diesem Primat der Wirtschaftsinteressen grundsätzlich zustimmen, wie das im Moment ja die Grundlage des Verständnisses einer funktionierenden Gesellschaft zu sein scheint.
Eine bessere wirtschaftliche Verwertbarkeit der Bürger bei möglichst kostengünstiger Aufrechterhaltung der Erfüllung ihrer Grundbedürfnisse, soweit sie sich sie nicht selbst verschaffen können, ist aus Perspektive der Bürger der einzige rote Faden, der in den Reformbemühungen unserer Bundesregierung erkennbar ist. Der Blickwinkel von Unternehmen mag wohlgefälliger sein, denn ihre Interessen scheinen als denen von Menschen übergeordnet zu gelten. Ob und wie weit es in Regierungkreise allmählich durchdringt, daß es dies ist, was von den Bürgern negativ aufgenommen wird, weiß ich nicht. Dem jüngsten Ergebnis der Koalitionspartner kann man aber in jedem Fall ansehen, daß es ein Kompromiß ist, um den hart gerungen wurde und bei dem alle Beteiligten ein paar Federn gelassen haben. Und vielleicht ist es ja schon an sich positiv, daß es trotzdem am Ende ein Ergebnis gab und sich die Herrschaften im Kampf um die Partikularinteressen ihrer jeweiligen Fraktion nicht heillos zerstritten haben. Heutzutage muß man ja schon für so etwas dankbar sein. Freilich, einen roten Faden erzeugt man auf diese Weise nicht, und nichts, worin unsereins das wiederfinden könnte, was ihm selbst am Leben wichtig ist.
Hinter den Kulissen scheint es nicht harmonisch zugegangen zu sein, und das letzte Wort ist in manchen Bereichen außerdem wohl noch nicht gesprochen. Ich habe mir die Pressekonferenz komplett angesehen und fiel fast vom Stuhl, als Markus Söder ganz nebenbei, als wäre das selbstverständlich, die Minijobs so erwähnte, als würden sie doch aus dem Rentenpaket rausgenommen und fortbestehen. Würde das geschehen, könnte man sich die Arbeit mit der Rentenreform meiner Meinung nach einfach sparen. Zum Glück - und auch das ist heute nicht mehr selbstverständlich - hakte in der Fragerunde eine Journalistin nach, der die Sache auch aufgefallen war, und zwar mit einer Frage an Friedrich Merz, der zu Beginn der PK ja noch davon gesprochen hatte, daß die Vorschläge der Rentenkommission vollständig umgesetzt werden sollten. Der Bundeskanzler wies in seiner Antwort darauf hin, daß über das Rentenpaket erst im September verhandelt würde und es hier lediglich um den Pauschalsteuersatz bei den Minijobs gegangen sei, der angehoben weden solle.
Wenn es keine Minijobs mehr geben sollte, wird es diese Pauschalsteuer aber natürlich auch nicht geben. Daß diese Regelung überhaupt getroffen wurde, macht mich mißtrauisch. An eine Abschaffung der Minijobs glaube ich erst wieder, wenn sie wirklich beschlossen ist. Zumal es jetzt offenbar wirklich zu einer Verschiebung auch beim Gebäudemodernisierungsgesetz kommen wird. Die Sache soll jetzt im Herbst über die Bühne gehen. Falls dieses Gesetz nicht doch ganz gekippt wird, denn es wurden ja schon vor Monaten Zweifel an ihrer verfassungsrechtlichen Zulässigkeit artikuliert. Auf nichts kann man sich also bei dieser Regierung verlassen. Es kann also auch sein, daß das gesamte Rentenkonzept durch Nacharbeiten verdorben wird.
Sehr wahrscheinlich ist außerdem, daß im Fall der Minijobs eine Menge Leute erleichtert aufatmen, dazu stürmisch applaudieren und dann zur Tagesordnung übergehen werden. Der Preis dafür wäre das Fortbestehen von Fehlsteuerungen, die schon meine Generation teuer genug zu stehen gekommen ist und für die nächste auch nicht billiger wird, und wann sich wieder jemand traut, das in Angriff zu nehmen, steht in den Sternen.
Was mir sonst noch erwähnenswert vorkam: Handwerkerleistungen können künftig nur noch zu 15 Prozent steuerlich geltend gemacht werden. Gut also, daß wir dieses Jahr noch unsere letzten großen Sachen erledigen lassen. Die telefonische Krankschreibung wird abgeschafft und - aber das war möglicherweise unklar formuliert, denn da scheinen Teile der Bundesregierung gerade wieder zurückzurudern - die ärztliche Krankschreibung soll schon am ersten Krankheitstag erfolgen. Ach ja, und Özdemirs Ankündigung, wie er in BW den Bürokratieabbau angehen wird, hat die Bundesregierung anscheinend beim Ehrgeiz gepackt, denn sie will es jetzt auf dieselbe Weise angehen, also alle Berichtspflichten, die nicht auf EU-Recht beruhen, auslaufen lassen und nur verlängern, wenn die Notwendigkeit überzeugend begründet wird. Ansonsten war auch viel Pipifax dabei, etwa daß Bäckereien, Konditoreien und Bibliotheken sonntags länger öffnen dürfen, also Dinge, für die es sich meines Erachtens innerhalb einer Koalition nicht zu streiten gelohnt hätte, weil das Überleben der Wirtschaft daran garantiert nicht hängt.
Offenbar hat die Union aber immerhin endlich eingesehen, daß es unmöglich ist, Besserverdiener nicht ebenfalls zu belasten, da ja außer den Reichen durch dieses wie auch alle vorherigen Pakete praktisch jeder belastet wird. Der bisherige Spitzensteuersatz soll deshalb künftig bei einem etwas niedrigeren Jahreseinkommen als bislang gelten, nämlich ab 250.000 Euro, und es gibt einen neuen, noch höheren Spitzensteuersatz, der bei Einkommen ab 280.000 Euro anfallen wird. Freilich, das ist nur eine einzelne Maßnahme, die sich speziell auf Besserverdiener auswirkt. Dem gegenüber steht eine große Zahl an Maßnahmen, die sich auf Normalverdiener und/oder Geringverdiener und/oder die Allerärmsten auswirken, plus solche, die alle gleich treffen, was bedeutet: Je niedriger das Einkommen, umso härter wird man davon getroffen. Ich würde deshalb sagen: Das ist ein Fall von "Zu wenig und zu spät". Falls damit die Umfragewerte ein Stückchen nach oben gepusht werden sollten, bin ich mir sicher, daß dieses Ziel nicht erreicht werden wird.
Das Gesamtkonzept, aber das gilt für die meisten Kompromisse, ist eine Art Patchworkdecke, in die alles mögliche eingenäht wurde, das nichts miteinander zu tun hat und nicht miteinander harmoniert, sagen wir, um im Bild zu bleiben: vom Samtkleid über den Jeansstoff bis zum Mehlsack oder vielleicht sogar die eine oder andere Plastiktüte, durch die das Werk von vornherein zu einem baldigen Reißen verurteilt wäre.
***
Die Erklärung für die Wirkung des kalten Duschens für einen guten Nachtschlaf bei Hitze fand ich jetzt selbst heraus. Der Schlafforscher Dr. Michael Feld erwähnte bei NTV, daß der Körper sich abends auf das Schlafen vorbereitet, indem er die Körpertemperatur etwas herunterkühlt. An sehr heißen Tagen funktioniert das aber nicht gut genug und man muß dem aktiv Vorschub leisten. Die Tipps von Dr. Feld, diese Abkühlung auf andere Weise selbst vorzunehmen, waren Lüften, Ventilatoren und feuchtkalte Wickel. Das sorgt dafür, daß die physischen Voraussetzungen fürs Einschlafenkönnen geschaffen werden, die sich bei weniger ungünstigen Wettervoraussetzungen der Körper von alleine schaffen würde.
Die Sache mit dem kalten Duschen erwähnte Dr. Feld nicht (wieso eigentlich nicht?), aber es liegt nahe, daß die von mir und meinem Mann erlebte Wirkung des kalten Duschens vor dem Schlafengehen plus der Verzicht aufs anschließende Abtrocknen genau auf dem von ihm beschriebenen Mechanismus des Herunterkühlens als Schlafvorbereitung beruhen muß. Nachtragen kann ich dazu übrigens, daß mein Mann dafür plädiert, beim Duschen lauwarm zu beginnen und die Temperatur dann langsam zu senken. Und: mehrere Minuten duschen. Ich mach das freilich anders. Das allererste Wasser, das aus der Dusche kommt, ist an heißen Tagen sowieso nicht richtig kalt, weil es in den Leitungen stehend ja wärmer geworden ist. Die Abkühlung des Wassers erfolgt dann von ganz alleine und ist für mich nicht unangenehm und sogar kaum wahrnehmbar, wenn ich das Wasser erst anstelle, wenn ich schon unter der Dusche stehe. Meine Duschzeit ist auch kürzer, meistens so um eine Minute herum. Für die beschriebene Wirkung reicht das bei mir auch locker aus. Also, man kann das Konzept nach persönlichem Gusto und je nach erlebter Wirkung auch variieren.
Im Moment machen wir das mit dem Duschen vor dem Einschlafen aber beide nicht. Ich habe meinen Mann nicht gefragt, aber ich mache das nur dann, wenn ich abends vor dem Zubettgehen schwitze. Bei den aktuellen Temperaturen passiert das nicht.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen