Montag, 28. Februar 2022

Gesucht: ein gesundheitspolitischer Wladimir Putin

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des nächsten langen Fastenintervalls: 91,4 Kilogramm. Das ist wirklich, echt und richtig cool - gerade mal hundert Gramm oberhalb meines niedrigsten Vor-Fasten-Gewichts von 91,3 Kilogramm Ende November letzten Jahres. Damit kann ich also ganz offiziell verkünden, daß ich über die letzten drei Monate de facto mein Gewicht gehalten habe und die Zunahme, die mir die Waage angezeigt hatte, lediglich widergespiegelt hat, daß mein Wasserhaushalt bei Low Carb anders ist als bei normaler Ernährung. Ich habe ja seit Mittwoch vier Low-Carb-Tage hinter mich gebracht, also ist mein heutiges Gewicht wieder vergleichbar mit dem Gewicht, bevor ich mein Low-Carb-Experiment vom Herbst beendet hatte. Ich kann also den Faden an exakt der Stelle wieder aufnehmen, an dem ich ihn zum 1. Dezember letzten Jahres fallengelassen habe.

Ganz ehrlich? Nein, das hätte ich nicht zu hoffen gewagt. Auf maximal ein Kilogramm "echte" Zunahme war ich eigentlich gefaßt gewesen. Aber die fand nicht statt.

Am Freitag werde ich mit diesem Startgewicht höchstwahrscheinlich SEHR nahe an meinem niedrigsten "Nachher"-Gewicht von 86,5 Kilogramm landen, entweder knapp darüber oder knapp darunter oder in Form einer Punktlandung direkt auf 86,5. Ein neues Tiefstgewicht hatte ich eigentlich erst für das nächste lange Fastenintervall in zwei Wochen eingeplant, aber nun bin ich am Überlegen, ob ich, falls ich - was ebenso wahrscheinlich ist wie das Gegenteil - knapp darüberliegen sollte, vielleicht doch einen fünften Fastentag einlegen soll. Wenn es ohne viel Zusatzaufwand erreichbar sein sollte, hätte ich schon große Lust auf ein neues Niedrigstgewicht bereits diese Woche. Nach drei Monaten Stillstand wird es ja auch langsam mal wieder Zeit.

Neben anderem ist damit vor allem eines klar: Es hat sehr viel Sinn, zeitlich begrenzte Low-Carb-Phasen auch weiterhin strategisch einzusetzen. Nach diesen sechs Wochen im Frühjahr plane ich das für einen ähnlichen Zeitraum voraussichtlich wieder im Herbst im Oktober und November, und im Sommer teste ich möglicherweise (mindestens) ein oder zweimal, wie sich ein einzelnes Low-Carb-Wochenende im Vorfeld eines langen Fastenintervalls auswirkt, denn in den letzten Tagen habe ich den Eindruck gewonnen, daß dies fast die Wirkung eines zusätzlichen Fastentags hat. 

Ich habe ja meine Kohlenhydrate (aber nicht die Kalorien) seit letzten Mittwoch notiert und bin auf folgende Werte gekommen: Mittwoch 100 g KH, (Donnerstag: Fastentag), Freitag: 60 g KH, Samstag: 75 g KH, Sonntag: 63 g KH.

Verblüffend, wie schnell sich sowohl meine Verdauung als auch mein Wasserhaushalt an mein aktuelles Eßverhalten angepaßt haben, und bei meinem Mann übrigens auch. Wir sind uns einig, daß Low Carb uns tatsächlich spürbar guttut, und mein Mann hat gestern sogar vorgeschlagen, das auch nach Erreichen meines Zielgewichts ein- oder zweimal im Jahr für ein paar Wochen fest einzuplanen. Ihm gefällt es, daß es nicht nur zu seinem physischen Wohlbefinden beiträgt, sondern auch, daß wir neue Rezepte ausprobieren, unter denen es bislang nur sehr wenige gegeben hat, die ein Reinfall gewesen sind. Gestern abend habe ich Hähnchengeschnetzeltes mit Baconwürfeln und Champignons in einer Creme-fraiche- und Schmelzkäsesoße gemacht, das sagenhaft gut war ("Das kann mit jedem Restaurant mithalten", sagte mein Mann). Auf den Schmelzkäse wäre ich nie im Leben von alleine gekommen, und den muß ich mir echt merken. Als Beilage gab es Gemüsepuffer aus Zucchini, Karotten, Zwiebeln, Ei und gemahlenen Mandeln, die ebenfalls ausgezeichnet waren; Beilagen sind ja bei Low Carb immer so ein bißchen die offene Rätselfrage, und so ist es gut, daß ich damit eine neue im Repertoire habe.

Beim Abendessen denke ich leider nie daran, Fotos zu machen. Hier aber eines von dem leckeren Low-Carb-Brot (Mandelmehl, Chia-Samen, Leinsamen, Quark, Eier, Körnermischung und gehackte Walnüsse), das ich am Samstag gebacken habe. 

Und das da gab es zum Kaffee. Eine Pseudo-Biskuitrolle aus Eiern und Mandeln, darin enthalten eine Joghurt-Johannisbeersaft-Sahne-Mischung, mit Gelatine steif gemacht. Normalerweise hätte ich für die Joghurtcreme ja einfach zwei, drei Eßlöffel Speisestärke genommen, aber das ist ja nicht Low-Carb-kompatibel.


Es schmeckte genauso gut, wie es aussieht (eher noch einen Tick besser), und das abgebildete Stück enthielt nur 10 Gramm Kohlenhydrate. Damit ist der angebrochene Johannisbeersaft verbraucht, aber ich glaube, den kaufe ich demnächst wieder.

***

Am Wochenende stieß ich auf den angeblich endgültigen Beweis dafür, daß Low Carb in Wirklichkeit gar nicht funktioniere, und schwanke zwischen Gelächter und Zorn. Schade ist es vor allem um den Ernährungswissenschaftler Uwe Knop, auf den die Dame, die sich Gesundheitsredakteurin bei "Der Standard" schimpft, sich berufen hat. Von dem habe ich nämlich einmal wirklich etwas gehalten. Ich weiß nicht, ob Knop selbst die Sache so undifferenziert sieht, wie sie in dem Bericht im "Standard" wiedergegeben wird, aber jedenfalls hat er es nicht verhindert, daß sie so dargestellt wird. Und natürlich werden solche als Abschreckungsmaßnahme gedachten Artikel viele Leute davon abhalten, mit Low Carb etwas auszuprobieren, das sich möglicherweise auch bei ihnen als der Schlüssel zur Lösung ihres Gewichtsproblems herausstellen könnte. Daran macht er sich mitschuldig. 

"Zwar seien Low-Carb-Diäten kurzfristig häufig von Erfolg gekrönt", heißt es in dem Artikel. "Das liege aber am ehesten daran, dass man sich für die Dauer der Diät intensiv mit der eigenen Ernährung auseinandersetze und bewusst weniger und meist auch Gesünderes zu sich nehme." Das jedenfalls ist die Meinung eines gewissen Stefan Lorkowski vom Institut für Ernährungswissenschaften in Jena. "Er meint, es sei naiv zu glauben, dass allein eine Änderung der Relation von Kohlenhydraten und Fetten ausreiche, um Gewicht zu verlieren. Es komme vielmehr auf die ernährungsphysiologische Qualität der Nahrungsmittel und vor allem die Energiebilanz an", heißt es weiter.

Energiebilanz, my ass. Was solche Behauptungen vollends absurd macht, ist daß Low Carb in meinem Fall ja sogar tatsächlich als "Diät", also eine zeitlich begrenzte Intervention, genau das gebracht hat, was eine klassische kalorienbasierte Diät niemals mit sich bringt, nämlich eine Abnahme, die auch nach dem Ende der Intervention ohne irgendwelche ernährungstechnischen Klimmzüge weiter gehalten werden kann. Normalerweise geht es bei Low Carb ja um eine dauerhafte Ernährungsumstellung - und die wiederum läßt im Lauf der Zeit in ihrer Wirkung nach, was vermutlich auch einer der Gründe dafür ist, daß die Wissenschaft sich so schwer damit tut, eine solche Wirkung zu finden. 

Ich bin mir mittlerweile außerdem ziemlich sicher, es stimmt wirklich, daß Low Carb nicht bei jedem wirkt, aber es ist ein epidemiologischer Kunstfehler, daraus zu schließen, daß es dann bei niemandem wirkt. Herausfinden müßte man, was die Voraussetzungen dafür sind, daß eine gute Wirkung zu erwarten ist. Daß Low Carb etwas mit dem Körper macht, das sich fundamental von dem unterscheidet, was bei kalorienbasierten Diäten geschieht, erlebe ich ja gerade am eigenen Leib, und wenn das nicht bei jedem die Wirkung einer Gewichtsabnahme hätte, dann muß das Gründe haben, die man herausfinden sollte. Das eigentliche Problem scheint zu sein, daß alle Welt nach der einen Methode sucht, die bei jedem funktioniert. Und die bei jedem außerdem zeitlich unbegrenzt dieselbe Wirkung hat. Wenn man auf diese Weise weitersucht, wird man bis zum jüngsten Tag erfolglos weitersuchen, da es offensichtlich ist, daß eine solche Methode nicht existiert. Was existiert, ist ein Baukasten möglicher Herangehensweisen, die bei verschiedenen Leuten gut wirken und bei anderen nicht - und die außerdem bei fast jedem, der sie erfolgreich anwendet (je nachdem, von welchem Gewicht er herkommt und zu welchem Gewicht er hinwill), im Lauf ca. eines Jahres in ihrer Wirkung nachlassen, was aber mitnichten der Beweis dafür ist, daß sie sinnlos sind. Es gibt nämlich einen Unterschied zwischen nachlassender Wirkung und dem Jojo-Bumerang, und zwar nicht nur die Gewichtsentwicklung, sondern auch die gesundheitliche Entwicklung in längerfristiger Perspektive betreffend.

Was bilden sich diese statistikgläubigen Erbsenzähler eigentlich ein, für was sie das machen, wofür sie bezahlt werden? Das ist doch kein Sandkastenspiel zu ihrer höchstpersönlichen Unterhaltung oder ein ideologischer Grabenkrieg der Güteklasse "Wieviele Engel können auf einer Nadelspitze tanzen?" ohne Wirkung in der realen Welt, auf reale Menschen, die es verdient hätten, daß dieses Dr[Selbszensur]ack den Fokus ihrer Arbeit auf das richtet, womit sie gesund bleiben/werden können und woran sie krank werden und häufig genug unnötig früh sterben. Ich vermisse ein ernsthaftes Interesse an Ergebnissen, die - gesundheitspolitisch und für die Gesundheit und, nicht zu vergessen, die Lebensqualität der Betroffenen - von Bedeutung sind. Meine Erfahrungen der letzten Monate signalisieren eine solche Bedeutung von Low Carb ganz eindeutig. Mag sein, nicht für jeden. Aber das kann doch unmöglich ein Grund dafür sein, diejenigen, bei denen es funktionieren würde, lieber über die Klinge springen zu lassen, als zuzugeben, daß da irgendwas dran sein muß, auch wenn im Detail noch unklar ist, was genau und wann und wie das nutzbar gemacht werden kann. 

Besonders enttäuschend finde ich, daß Knop sich bei seiner Einschätzung voll und ganz auf Studien der Art verläßt, die er in anderen Zusammenhängen selbst ganz gerne kritisiert. Gerade Knop, der ja eine individuelle Ernährung propagiert, sollte nicht mit den Durchschnittswerten argumentieren, die bei solchen Studien Erfolg oder Mißerfolg belegen. Seine These legt ja implizit nahe, daß man in solchen Studien am ehesten sinnvolle Erkenntnissen gewinnen könnte, wenn man nicht den Durchschnitt einem Urteil zugrundelegen, sondern die zehn Prozent erfolgreichsten und die zehn Prozent erfolglosesten Teilnehmer am Ende der Studie herauspicken und vergleichen würde, was sie voneinander unterscheidet. 

Was mich so irre macht, ist, daß niemand von solchen Wichtigtuern Erfolgsnachweise verlangt, bevor ihre Behauptungen über die medialen Lautsprecher in die weite Welt hinaustrompetet werden. Meiner Meinung nach müßte man es in den Pressekodex mit aufnehmen, daß die Abnehm-Weisheiten angeblicher Ernährungsexperten nur dann öffentlich verbreitet werden dürfen, wenn sie nachweisen können, daß mindestens 20 Patienten auf Basis ihrer Empfehlungen mindestens 20 Kilo abgenommen haben und diese Abnahme mindestens zweimal 20, also 40 Monate lang halten konnten. 

Außenpolitisch gab es ja gerade einen größeren Erdrutsch in der deutschen und europäischen Politik mit Dingen, die noch vor einer Woche undenkbar erschienen wären: Waffenlieferungen an die Ukraine! Aufstockung des Bundeswehretats! Ausschluß Rußlands von SWIFT! Der russische Präsident hatte ja gehofft, in die Geschichte einzugehen, und das ist ihm nun wohl gelungen, wenn auch auf ganz andere Weise als von ihm erwartet. Aber wie könnte man es anstellen, so eine tektonische Verschiebung auch in der Gesundheitspolitik, Abteilung Adipositas-Bekämpfung, zu bewerkstelligen? Wo ist der gesundheitspolitische Wladimir Putin, dessen strategische Fehlkalkulation dazu genutzt werden könnte, daß die Politik vom gesundheitspolitischen "So tun, als ob" dazu übergeht, das real bestehende Problem mit der Adipositas wirklich lösen zu wollen? Ich wäre ernsthaft bereit, gegen ihn auf den Kriegspfad zu ziehen, falls es mir auch nur ansatzweise erfolgversprechend erschiene. 👿

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