Freitag, 4. Februar 2022

Aus Zimperlichkeit eine Tugend machen

Mein Gewicht heute früh: 87,5 Kilogramm. Das ist im Rahmen dessen, was ich erwartet hatte, obwohl es mir natürlich viel besser gefallen hätte, ein Stück näher an mein Tiefstgewicht heranzukommen. Aber eine Differenz von nur einem Kilogramm zu 86,5 Kilo ist natürlich im Vergleich zur Differenz von 1,5 Kilogramm zwischen meinem aktuellen Vorher-Gewicht und meinem niedrigsten Vorher-Gewicht Anfang Dezember ein erfreuliches Signal. Ich bin ganz optimistisch, daß ich mich im Lauf der nächsten beiden langen Fastenintervalle dem alten Tiefstgewicht annähern und es spätestens im März unterbieten werde. Was wirklich geschehen wird, werde ich dann ja sehen. Einen Hinweis dürfte die Entwicklung ab heute bis zum nächsten Wochenende geben. Falls mein Gewicht wieder auf Werte zwischen 92,5 und 92,8 hochbouncen sollte, kann ich das mit dem baldigen Erreichen des Tiefstgewichts wohl knicken und muß auf den Low-Carb-Effekt im März warten. 

In diesem langen Fastenintervall habe ich mich tatsächlich die meiste Zeit viel wohler gefühlt als während des letzten mit der Fleischbrühe am Abend, also war es eine richtige Entscheidung, das nicht mehr zu machen. Nur eines war seltsam, ich hatte die ganze Zeit keinen Stuhlgang und fing im Lauf der Tage an, mich regelrecht aufgebläht zu fühlen. Das steigerte sich im Lauf des gestrigen Tages zu einem allgemeineren Unwohlsein, ich fühlte mich schlapp, unkonzentriert und war schlecht gelaunt. Und ja, dann fing ich natürlich auch an, das Ende dieses Fastentages herbeizusehnen, ohne allerdings deshalb den Drang zu bekommen, mein schlechtes Gefühl mit Nahrungsaufnahme zu bekämpfen. Das ist sicherlich ein Feature, um das mich so mancher beneidet, und dabei ist es nicht einmal eine persönliche Leistung von mir, es funktioniert einfach von alleine: So gern ich normalerweise esse, aber an Fastentagen habe ich einfach nicht das Bedürfnis danach. Statt dessen bin ich aber früh zu Bett gegangen, damit dieser blöde Tag endlich vorbei ist. 

Heute morgen tat der Kaffee, bezogen auf die Verdauung, endlich doch wieder seine gewünschte Wirkung, und dann fühlte ich mich auch gleich sehr viel besser. Zumal ich auch mein traditionelles Nach-Fasten-Frühstück, bestehend aus Quarkpfannkuchen, Rettich-Karotte-Apfel-Salat und diesmal noch einen Nachtisch aus den Kiwis, die unbedingt schnellstens verbraucht werden mußten, und Joghurt heute relativ früh genossen habe. Ein bißchen aufpassen muß ich bei langen Fastenintervallen  nämlich schon, daß mir keine Lebensmittel verderben. Ich kann das auf den Tod nicht ausstehen, wenn ich mich beim Einkaufen mit der Menge verhauen habe und mir dann etwas verdirbt, aber ganz vermeiden kann ich es natürlich auch nicht. Einen meiner Äpfel, der von vorne nicht zu sehen gewesen war, mußte ich leider wegschmeißen, der war gar nicht mehr zu gebrauchen, aber bei einem zweiten war es glücklicherweise noch möglich, die faulende Stelle rauszuschneiden und den Rest in den Salat zu raspeln.

Diesmal habe ich endlich einmal Fotos von meinem Nach-Fasten-Frühstück gemacht. Was auf den Bildern fehlt, ist der Thunfisch-Dip (Thunfisch, Zwiebeln, in Scheiben geschnittene schwarze Oliven und Creme fraiche), den ich spontan auch noch gemacht habe, weil er mir gestern Abend, als ich schon im Bett lag, im kulinarischen Kopfkino erschienen ist, das sich immer am letzten Fastenabend automatisch einschaltet und mich schon zu vielen Rezeptideen inspiriert hat.



Als Low Carb könnte das mit ein paar Abstrichen wohl durchgehen, obwohl ich beim Joghurt einen der vier Becher "Griechischer Joghurt mit Honigzubereitung" verwendet habe, die ich zu meinem Verdruß neulich versehentlich statt des Naturjoghurts derselben Marke in den Einkaufswagen gelegt habe und jetzt wieder irgendwie loswerden muß, was zwangsläufig bedeutet, ich muß sie essen. Aber so übermäßig sind die enthaltenen KH dabei auch wieder nicht, wenn ich ansonsten wenig davon esse, ungefähr 20. Auch den Apfel und vielleicht sogar die beiden kleinen Karotten würde ein Keto-Fanatiker sicherlich rügen. Dafür wäre ein Kalorienlogiker über das viele Fett in Gestalt von viel Olivenöl, einem ganzen Becher Creme fraiche (verteilt auf den Thunfisch und den Salat) und den Oliven entsetzt. Ist mir aber beides egal, da es mir vor allem darum geht, einen Tag lang so zu essen, daß ich nächste Nacht keine Wadenkrämpfe bekomme, wie mir das nach langen Fastenintervallen schon passiert ist. Um das zu bewirken, sollte ich es vor allem mit den KH nicht übertreiben, muß aber andererseits keinen sportlichen Wettbewerb über "so wenig KH wie möglich" anfangen.

Ich kann tatsächlich die Methodik der Aufbautage beim Heilfasten nicht bestätigen. Bei mir kann das Essen nach vier Tagen Fasten so leicht oder schwer, salzarm oder -reich sein, wie es will, nur KH sollte es möglichst nicht allzu viele enthalten, sonst drohen fiese Wadenkrämpfe und, wenn ich großes Pech habe, manchmal auch welche in der Fußsohle. Die sind besonders ekelhaft, das fühlt sich immer an, als hätten meine Fußknochen sich voneinander gelöst, lägen nun kreuz und quer durcheinander und würden sich  nie wieder richtig zusammenfügen. Natürlich sitzen sie, wenn der Krampf vorbei ist, immer noch an der richtigen Stelle und sind so fest verbunden mit ihren Kollegen wie zuvor. Trotzdem bin ich gerade auf diese Art von Krämpfen gar nicht scharf.

***

Meine Meinung über den Trendreport Ernährung  habe ich ja bereits in einem anderen Blogbeitrag schriftlich festgehalten. Im Grunde war es mir aber klar, daß die einschlägigen Pressure Groups mit ihrer Agitations-Agenda zu völlig anderen Schlußfolgerungen kommen würden. Beispielhaft die BZfE in einem aktuellen Tweet.

 

Die Realität spiegelt das allerdings nicht so richtig wider. Am exakt gleichen Tag nämlich auch bei Twitter gefunden: Die Ergebnisse einer repräsentativen Befragung von Ende 2020.

Über die Wortneuschöpfung "vegetabile Ernährungspraktiken" (das klingt fast, als ginge es um exotische sexuelle Vorlieben), um vegetarisch und vegan zusammenzufassen, habe ich ein bißchen geschmunzelt. Aber gut, warum nicht. - Was aber fällt an diesen Zahlen auf?

Erstens, auch Vegetarier sind nur eine kleine Minderheit, von Veganern ganz zu schweigen. Wir reden auch in der Altersgruppe, in der "vegetabile" Ernährung besonders populär ist, von 83 Prozent Nicht-Vegetabilen. Und diese Altersgruppe macht höchstens 15 Prozent der Bevölkerung aus. Leider fand ich keine Quelle, in der die Altersgruppeneinteilung exakt übereinstimmt, also dies als grober Schätzwert. Die über 60jährigen sind jedenfalls mehr als doppelt so viele.

Gemessen daran, daß die mediale Propagandamaschinerie schon über zehn Jahren mit nicht nachlassender Phonzahl die "pflanzenbasierte" Ernährung als gesund, klimafreundlich und ethisch geboten herausschreit und mittlerweile ja dazu übergegangen wurde, nun nicht mehr den vegetarischen, sondern gleich den veganen Lebensstil einem als das Nonplusultra verkaufen zu wollen, ist das ein eher bescheidenes Ergebnis, obwohl der Wert für Vegetarier heute in der Tat höher liegt, als dies vor noch vor einigen Jahren gemeldet wurde. Die Veganer allerdings sind nach wie vor eine winzige Minderheit, die mit zwei Prozent der Frauen und einem Prozent der Männern eigentlich vernachlässigbar wirkt. 

Trotzdem ist es gelungen, vegane Ernährung zu einer Konsumenten-Mode zu machen. Das ist schon verblüffend. Andererseits, über die Discounterregale sind ja schon genügend andere Moden hinweggeschwappt.

Da die Vegan-Mode auf dem Nahrungsmittelmarkt gerade eher auf dem absteigenden Ast zu sein scheint, kommt mir die Prognose der Experten nicht sonderlich realistisch vor - sofern diese Leute wirklich nur eine Vorhersage der von ihnen erwarteten Entwicklung treffen wollten. Mehr Sinn ergeben solche Vorhersagen, wenn die Entwicklung aktiv durch die Prognose so mitbeeinflußt werden soll, daß die tatsächliche Entwicklung ihren persönlichen Wünschen möglichst nahe kommt. 

Solche Umfragen sind allerdings immer sehr mit Vorsicht zu genießen, denn daß jemand bei einer Telefonumfrage sagt, er sei Vegetarier, heißt noch lange nicht, daß er wirklich einer ist. Das gilt gerade in Zeiten wie diesen ganz besonders, in denen "vegetabile Ernährung" als ein Trend vermarktet wird. Jemand, der nur ab und zu Fleisch ißt, aber meistens nicht, ist kein Vegetarier. Jemand, der Fisch ißt, aber kein Fleisch, ist kein Vegetarier. Jemand, der Wurst ißt, aber kein Fleisch, ist kein Vegetarier. So lächerlich das klingen mag, dies scheint nicht jedem bewußt zu sein. 

In der sehr viel präziseren Nationalen Verzehrstudie II aus dem Jahr 2008, deren Daten NICHT telefonisch, sondern in persönlichen Interviews erhoben wurden, fällt mir nämlich etwas auf:

Interessanterweise sind da nämlich die Anteile der "Vegetabilen" nicht höher, sondern deutlich niedriger als die der in der Vorgängerpublikation aus dem Jahr 2002, in der aber keine Grafik dazu enthalten war, sondern der Anteil der Vegetarier (nicht aber Veganer) nur ganz am Rande einmal im Text erwähnt wurde:

Aufschlußreich ist auch die Altersverteilung. Sowohl beim Bekenntnis zu vegetarischer als auch bei veganer Ernährung dominieren die unter 30jährigen Frauen sehr deutlich. Das war aber auch vor zwanzig Jahren schon so, siehe das Zitat. 

Über die Gründe dafür läßt sich spekulieren. Eine meiner Lieblingshypothesen - und zwar deshalb, weil mir das ganz ähnlich ging, als ich daheim ausgezogen war, nur vegetarisch lebte ich eben trotzdem nicht - lautet, daß sich gerade junge Frauen oft einfach davor ekeln, rohes Fleisch anzufassen, und es deshalb lieber von vornherein nicht kaufen. So etwas liegt immer dann nahe, wenn jemand es nicht gelernt hat, zu kochen. Zu meiner Zeit war mein Fall noch ein bißchen ungewöhnlich, aber heute dürfte es längst der Normalfall sein. 

Rohes Fleisch fühlt sich wirklich gewöhnungsbedürftig an, auch wenn ich mittlerweile darüber grinsen muß, wenn ich daran denke, wie zimperlich ich mich da in ganz jungen Jahren angestellt habe.

So einfach wie heute war es natürlich noch nie, aus einer Zimperlichkeit eine hochmoralische Tugend zu machen. Dieser Art von Vegetariern wäre es aber durchaus zuzutrauen, daß sie die Salami auf der Pizza überhaupt nicht mit dem, was sie als "Fleisch" betrachten, in Verbindung bringen. 

Junge Vegetarierinnen bleiben offenbar mehrheitlich nur ein paar Jahre lang welche. Sei es deshalb, weil bei ihnen bezüglich der Salami irgendwann doch noch der Groschen fällt, sei es, weil sie sich nicht mehr dazu entschließen können, sich dauerhaft so zu ernähren. Würden nämlich junge Vegetarierinnen mehrheitlich dauerhaft bei dieser Ernährungsform bleiben, hätte es sich  in den aktuellen Umfragewerten niederschlagen müssen, daß vor zwanzig Jahren 16 Prozent der 18- bis 24jährigen Frauen angaben, sich vegetarisch zu ernähren. Die müßten heute ja zwischen Ende dreißig und Mitte vierzig sein. Tatsächlich ist die Zahl der selbsterklärten Vegetarier (beider Geschlechter) aber auch nicht höher als bei den 50- bis 64jährigen, die damals die nächsthöhere Altersgruppe stellten und unter denen die Vegetarier offenbar weniger vertreten waren. Das legt die Vermutung nahe, daß nur ein Bruchteil der Vegetarier der jüngsten Altersgruppe unter der Erwachsenen dauerhaft bei dieser Ernährungsweise bleibt. 

Warum wohl?

Einer der Gründe könnte natürlich sein, daß sie mehrheitlich - so, wie ich auch - sich ans Kochen gewöhnen und dabei auch ihre Berührungsängste verlieren, was rohes Fleisch betrifft. Oder ihr moralischer Rigorismus, der hinter der Entscheidung stecken kann, kein Fleisch zu essen, nimmt im Lauf der Jahre ab, wie das letztlich ganz normal und ebenfalls auch bei mir im Lauf der Zeit passiert ist, nur eben in meinem Fall andere Themen betreffend. Am wahrscheinlichsten scheint mir aber, daß es in den meisten Fällen einfach genauso ist wie bei einer Diät: Dauerhaft auf etwas verzichten, das man eigentlich gerne essen würde, weil man glaubt, man solle es nicht essen, das hält kaum jemand für immer durch.

Vegane Ernährung wiederum enthält noch einen weiteren Faktor, der vermuten läßt, daß noch weniger eigentlich fest Überzeugte dauerhaft dabei bleiben werden. Sie kann nämlich im Laufe der Zeit zu erheblichen Gesundheitsproblemen führen. 

Kann, nicht muß!

Ich möchte an dieser Stelle, nicht zuletzt, weil ich mich für Vegetarier und Veganer im Prinzip kaum interessiere und folglich auch gar nicht mit ihnen auskenne, ausdrücklich dahingestellt sein lassen, ob sich die Gesundheitsprobleme oft auch vermeiden ließen, also bei vielen Betroffenen, die deshalb aufhören, vegan zu essen, weil sie feststellten, daß ihre Gesundheit darunter gelitten hatte, auch eigene Ernährungsfehler der eigentliche Grund sein könnten. Ich bin mir aber ebenso ziemlich sicher, daß die gesundheitliche Wirkung einer veganen Ernährung - ebenso wie die der ketogenen - von den genetischen Voraussetzungen abhängt, also ein kleinerer oder größerer Teil sich auf diese Weise beim besten Willen nicht über längere Zeiträume ernähren kann, ohne sich damit selbst physisch zu schädigen. Daneben liegt es aber ebenso nahe, zu vermuten, daß es auch Leute gibt, die problemlos vegan leben können. Genetische Varianten, die den Stoffwechsel beeinflussen, sind ja real, auch wenn bislang nur über wenige - etwa dieses "Jäger- und Sammler-Gen" vs. "Ackbauer-Gen", das jeweils die Verstoffwechslung von Kohlenhydraten beeinflusst - genug bekannt ist, um eine bestimmte Wirkung auf die dafür beste Ernährung daraus ableiten zu können. Mehrheitlich ist dieses wichtige Gebiet in der Wissenschaft immer noch Terra incognita.

Wie auch immer es sich mit diesem letzten Punkt verhalten mag und welche Gründe ansonsten dahinterstecken: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, daß es sich sowohl bei vegetarischer als auch - allerdings noch beträchtlich stärker - bei veganer Ernährung häufig nur um eine relativ kurze Lebensphase handelt. In einer Schweizer Studie stellte sich jedenfalls heraus, daß die Veganer unter den Studienteilnehmern durchschnittlich erst seit 2,7 Jahren vegan lebten.

Die Altersgruppenverteilung spricht außerdem Bände. Die Altersgruppe über 40 ist unter Veganern mit um die 12 Prozent aller Veganer nur sehr spärlich vertreten. Kurioserweise kenne ausgerechnet ich eine davon persönlich, die ungefähr in meinem Alter sein muß. Eine Nachbarin. Wie lange sie schon vegan lebt, habe ich sie noch nicht gefragt, aber vielleicht sollte ich das ja einmal machen. Es ist nicht so, daß ich da Berührungsängste hätte. Ich fand bloß bislang immer, wie sie ißt, sei ihre Privatsache, und der einzige Grund, warum es gut ist, wenn ich davon weiß, besteht darin, daß ich dann auch weiß, daß sie sich im Sommer über ein Schälchen Kirschen aus dem Segen vom Kirschbaum meiner Mutter sehr freuen wird, ich sie mit einem spontan vorbeigebrachten selbstgebackenen Muffin aber nur in Verlegenheit bringen würde.

Kommerziell viel interessanter als die echten "Überzeugungstäter" beim Vermeiden von Fleischgenuß sind aber natürlich - aus Blickwinkel der Lebensmittelkonzerne - die Menschen, die zwar nicht auf Fleisch und Wurst verzichten möchten, aber unter dem Druck der Überflutung mit einer fleischverzehrkritischen Berichterstattung in den Medien ihr Gewissen in mehr oder weniger regelmäßigen Abständen zu erleichtern versuchen, indem sie als "vegan" gekennzeichnete Produkte  kaufen (ob sie dann auch verzehrt werden, sei dahingestellt) - und sich wahrscheinlich dann gegenüber anderen ausgiebig selbst dafür loben. Zumindest in Form von Lippenbekenntnissen stellt diese Zielgruppe ungefähr die Hälfte der Bevölkerung. Dafür lohnt es sich natürlich, vegane Fertigprodukte zu entwickeln und in die Supermarktregale zu bringen.

 

Ich vermute, daß diese Beyond-Meat- und ähnliche Produkte auch hauptsächlich auf solche gewissensgeplagten Käufer abzielen. Erstens liegt es nahe, zu vermuten, daß die "Ablaßkäufer" unter den Käufern solcher Produkte vor allem mit dem Begriff "vegan" geködert werden können, und eine Zucchini oder ein Blumenkohl erfüllt diese Bedingung ja nicht, weil für so eine Aufschrift eine Verpackung nötig ist. Die "echten" Veganer sind daneben viel zu wenige, um an ihnen richtig Geld zu verdienen. Außerdem kann man sich ja auch ohne dieses Zeug relativ problemlos vegan ernähren. Echte "Überzeugungstäter", mindestens die, die schon vor dem Vegan-Hype dabei waren - also in jedem Fall die 10 Prozent der Veganer, die schon länger als fünf Jahre vegan essen -, beherrschen das vermutlich problemlos, alleine schon, weil ihnen noch vor wenigen Jahren ja kaum etwas anderes übrigblieb. Das stelle ich mir ähnlich vor wie bei Low Carb. Ich habe mich ja letzten Herbst bemüht, relativ weitgehend auf überkandidelte spezielle Low-Carb-Produkte zu verzichten (und in der nächsten Low-Carb-Phase werde ich auch einen großen Teil von den wenigen, die ich im Herbst noch kaufte, weil ich glaube, auf sie nicht verzichten zu können, nicht noch einmal erwerben, weil ich jetzt gut genug Low Carb kochen und backen kann, um zu wissen, daß man von denen die meisten ebenfalls eigentlich nicht braucht). 

Aber so ein Mist wie Proteinriegel oder Keto-Backmischungen wäre mir von vornherein nie ins Haus gekommen, und ich nehme an, "echte" Veganer aus Überzeugung würden das mit dem Mist, der für sie angeboten wird, ebenfalls so machen. 

Wie es scheint, gibt es im Moment genug Gewissensgeplagte, denen es bauchgefühlstechnisch einleuchtet, sich aus dem Regal mit den "Veggie"-Fertigprodukten zu bedienen. Die Wahrscheinlichkeit ist meines Erachtens aber gering, daß dieser Trend dauerhaft erhalten bleibt oder sich gar noch verstärkt.

Außer dem abgestürzten Aktienkurs von "Beyond Meat", dessen Gewinnerwartungen schon seit drei Börsenquartalen nicht erreicht wurden, gibt es darauf noch andere Hinweise. Die Propagandisten des Fleischverzichts zerbrechen sich nämlich zunehmend den Kopf darüber, wie man uns alle noch stärker als bislang in die erwünschte Richtung nudgen kann, also scheinen sie mit dem bislang Erreichten noch längst nicht zufrieden zu sein, rechnen aber auch nicht damit, daß sich noch viel bewegen wird, sofern sie nicht aktiv auf dem Nudging-Weg dabei nachhelfen. Wie sie allerdings die Restaurants dazu bringen wollen, ihr Experiment mit 75 % vegetarischen Gerichten auf der Speisekarte tatsächlich aufzugreifen, mit dem die Versuchspersonen tatsächlich häufiger als bei einem niedrigen Anteil vegetarischer Angebote dazu gebracht wurden, ein vegetarisches Gericht zu wählen, kann ich mir nicht so recht vorstellen. 

Als Restaurantbesitzer würde ich mir eine solche Einmischung auch ernsthaft verbitten.

Jetzt hätte ich natürlich auch noch gerne gewußt, um wie viel der Anteil der Bestellungen vegetarischer Gerichte innerhalb dieser Studie in Wirklichkeit angewachsen ist, aber der Artikel befindet sich hinter einer Bezahlschranke, und so wichtig ist mir die Sache auch wieder nicht. Ich habe allerdings den Verdacht, mehr als die knapp über zehn Prozent Raucher, die Studien zufolge das Rauchen wirklich aufgeben, wenn man sie zwingt, zwischen Rauchen und Essen zu wählen, sind es vermutlich auch nicht gewesen. Natürlich hängt das aber auch davon ab, wie populär oder unpopulär die verbleibenden zwei Fleischgerichte auf der Speisekarte gewesen sind. Es ist ja nicht so, daß bei solchen Studien nicht auch gerne mal ein bißchen geschummelt wird, um auch ganz bestimmt das Ergebnis zu bekommen, das man gerne haben möchte.

Ganz unter uns Klosterschülerinnen: Manchmal esse sogar ich vegetarisch. Ich mag beispielsweise Spinat, Spiegeleier und Salzkartoffeln, ich bin ein großer Fan von Sauerkrautpuffern und ich fülle Pfannkuchen manchmal auch gerne mit Frischkäse, Frühlingszwiebeln und Knoblauch. Außer, wenn ich mich gerade über Dinge wie "Veganuary" geärgert habe, mit dem einen die Discounter gerne belästigen. Schinkenwürfel oder ähnliches kann man im Zweifelsfall ja bei allem, was vegetarisch gehen würde, auch noch mit unterbringen. 

Im Restaurant vermeide ich es aber immer ganz, vegetarisch zu essen, von vegan gar nicht erst anzufangen. Das gilt sogar für Gerichte, von denen ich annehme, daß sie mir schmecken würden. Ich trau mich das einfach nicht mehr, seit "vegetabile" Ernährung so gehypt und auch von derzeitigen Regierungsparteien so massiv promotet wird.  

Mich gruselt es bei Vorstellung, der Moment könnte kommen, in dem der Zuspruch für vegetarisches Essen in einem Durchschnittsrestaurant hoch genug ist, um der Gesundheitspolitik den von den Grünen ganz bestimmt schon jetzt heftig herbeigesehnten Vorwand zu bieten, bestimmte Anteile fleischlosen Essens auf der Speisekarte per Gesetz verpflichtend zu machen - was dann natürlich auch wieder erst der Anfang wäre, auf den im Lauf der Zeit Weiteres folgen würde. Man weiß ja inzwischen, wie das läuft: Wird eine freiwillige Vereinbarung gar zu gut angenommen, dann widmen "die da oben" sie gerne schnellstens ganz in gesetzliche Vorschriften um, damit sich die Leute diese Sache auch garantiert nicht mehr anders überlegen können. Das Plastiktütenverbot, bei dem es exakt so gelaufen ist, war mir da eine ernsthafte Warnung. 

Weltverbesserer, die ihre verfolgten Ziele für edel halten, fressen immer nur so lange Kreide, wie sie genau wissen, daß sie auf unseren guten Willen angewiesen sind. Also habe ich diesen guten Willen bei der Frage, wie ich mich ernähre, von vornherein nicht. Ich betrachte das als einen notwendigen Akt des Selbstschutzes, weil ich mittlerweile einfach die Schnauze voll davon habe, wieder und wieder in solchen moralisch überfrachteten Fragen bei der ersten günstigen Gelegenheit plattgewalzt zu werden. Falls sich das als nicht ausreichend erweisen sollte, um die befürchtete Entwicklung zu verhindern, kann ich mir dann wenigstens noch sagen, daß es an mir jedenfalls nicht lag.

***

Die fünf Bücher von Nassim Nicholas Taleb sind bei mir eingetroffen und ich habe begonnen, das erste zu lesen, Narren des Zufalls. Ich bin erst ca. hundert Seiten weit gekommen und mir deshalb noch nicht ganz sicher, was ich aus dem Buch am Ende mitnehmen werde. Einstweilen habe ich vor allem eine eine ganze Menge "Ja, genauso ist es!"-Momente erlebt, aber ich wäre enttäuscht, wenn das alles sein sollte. So interessant es ist, daß ich - auf völlig anderen Wegen und in viel kleinerem Alltagsmaßstab - im alltäglichen Umgang mit Information, ihrer Bewertung, mit Wahrscheinlichkeit und Zufall in erstaunlich vielen Bereichen schon längst selbst auf ungefähr dieselben Erkenntnisse wie er gekommen bin, eigentlich hoffe ich schon noch darauf, daß er in diesem Bereich noch einiges weiß, das mir bislang durch die Lappen gegangen ist. Diese Dinge will ich erfahren. Bislang kamen sie im Buch noch nicht vor, aber ich kann mir nicht vorstellen, daß es sie nicht gibt.

Aber bei einem Alltagsproblem habe ich mich heute schon einmal von Taleb beeinflussen lassen. Die Zeitungslektüre wird mir nämlich immer lästiger, aber bislang habe ich trotzdem jeden Tag meine Heimatzeitung gelesen. Meine Nachbarin hat sie abonniert, und ich habe mich an diesem Abo beteiligt und ihr Exemplar immer gelesen, nachdem sie damit fertig war. Das war praktisch, ich mußte nicht mal zum Briefkasten, sondern konnte sie einfach nur vor der Wohnungstür einsammeln. 

Seit sicherlich zwei Jahren mache ich aber an der Frage herum, ob ich aus diesem Arrangement aussteigen soll. Das hat mehrere Gründe, und einer davon ist, daß mich die Zeitungslektüre mittlerweile eher nervt und streßt als unterhält, und für die Information würde ich sie - außer allenfalls ihren Lokalteil - im Prinzip sowieso nicht brauchen. Als nun heute diese Nachbarin bei mir klingelte - ich hatte mich schon gelegentlich letztes Jahr mit ihr über diese Sache unterhalten - und fragte, ob ich mich an ihrer Zeitung auch dieses Jahr mitbeteiligen wolle, sagte ich, nein, ich wolle aussteigen. 

Zu meinem Entsetzen sagte sie dann aber, sie würde mir die Zeitung trotzdem vor die Tür legen, nur eben später als bislang, gegen Abend. Das mußte ich ihr dann erst wieder ausreden. Ums Geld ging es mir ja gerade nicht, wie sie zu glauben schien, sondern nur um die Zeitung selbst.

Mir ist gerade ein bißchen merkwürdig, nachdem ich diesen Schnitt gemacht habe. Einerseits, als wäre eine große Last von mir genommen, aber andererseits werde ich mich speziell am Wochenende an den zeitungslosen Sonntagmorgen erst noch gewöhnen müssen. Die Lektüre der Samstagszeitung am Sonntagmorgen zum Kaffee war mir tatsächlich als einziges bis heute wirklich angenehm. Ob sie sich vielleicht wirklich als unersetzlich für das Sonntags-Feeling erweisen wird? 

Mal sehen, wie ich das künftig machen werde. Vielleicht kaufe ich die Samstagszeitung doch selbst, wenigstens gelegentlich. Aber daß ich unter der Woche diesen Klotz am Bein loshabe, darüber bin ich gerade wirklich froh. 

Weil es aber auch ein paar Gründe gab, die Zeitung trotzdem weiter zu behalten, und ich genau deshalb auch seit Monaten so unentschlossen war, hat die gestern abend gelesene Bemerkung Talebs zu Zeitungen und wie sie einen mit ihrer Themenauswahl nach Krawall- und Aufregerpotential eher daran hinderten, sich mit den wirklich wichtigen aktuellen Entwicklungen zu befassen, als einem dabei zu helfen, heute, als ich zu meiner Nachbarin auf der Stelle Ja oder Nein sagen mußte, bei mir das Zünglein an der Waage gespielt.

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