Montag, 6. April 2020

Zahlen sind Schall und Rauch

Mein Gewicht heute morgen: enttäuschende 103,1 Kilogramm. Damit hatte ich gar nicht gerechnet, aber da es jetzt halt so ist, wie es ist, plane ich mit diesem Ergebnis weiter. Ich habe mich nämlich entschieden, heute und morgen zwei aufeinanderfolgende Fastentage zu absolvieren und anschließend bis Ostermontag "fastenfrei" zu nehmen. Normalerweise hätte ich nämlich in zwei Wochen meine Mutter für eine Woche besucht, wie das bei uns Tradition im April ist, und diese Woche dann fastenfrei genommen. Aus den bekannten Gründen fällt dieser Besuch nun aber aus. Also ziehe ich die Fastenpause jetzt einfach mal vor, möchte aber vorher noch einmal den besonderen Effekt eines zweitägigen Fastenintervalls nutzen.

In der Woche nach Ostern nehme ich am Dienstag mit drei Fastentagen am Stück das Fasten wieder auf, und nach einem viertägigen Eßintervall geht es dann wieder normal weiter. Mit welchem Gewicht auch immer das dann sein wird. Worauf ich bei diesen beiden längeren Fastenintervallen vor allem spekuliere, ist ein weiteres Schrumpfen am Bauch, mit dem ich ziemlich sicher rechnen können sollte.

Ich bin mir unschlüssig, warum mein Gewicht auf mehr als 103 Kilogramm geklettert sein könnte. Zwar wird mittlerweile davor gewarnt, daß die Ausgehbeschränkungen zu Gewichtsanstiegen führen könnten, aber bei mir selbst hat sich im Grunde nicht allzu viel geändert. Klar, ich gehe weniger raus als sonst, aber Sport treibe ich sonst ja auch nicht. Gestern nachmittag habe ich das schöne Wetter sogar für einen längeren Spaziergang genutzt, und ich bin absichtlich einen Weg mit unangenehm starker Steigung gegangen, den ich seit sicherlich zehn Jahren nicht mehr benutzt hatte. Mich interessierte nämlich, ob sich der heute mit ca. zehn Kilo weniger als damals anders anfühlt, als ich das vom letzten Mal in Erinnerung hatte. (Das war in der Tat der Fall. Ich mußte nur halb so oft verschnaufen.) Ziel war aber natürlich nicht die damit verbundene Anstrengung, sondern ein kleiner, relativ versteckter Park, bei dem ich hoffte, daß er an einem Sonntagnachmittag bei schönem Wetter nicht ganz so überlaufen sein würde, weil er gewissermaßen Geheimtippstatus hat und auch langjährige Bewohner der Stadt ihn oft nicht kennen. Ich selbst kenne ihn auch noch nicht so lange.

Tatsächlich hat sich das auch als gute Idee erwiesen. Ich glaube nicht, daß ich gestern irgendeine Chance gehabt hätte, irgendwo sonst so wenig Leute anzutreffen, obwohl natürlich schon Spaziergänger unterwegs waren. Meinem Eindruck nach hielten sich alle an die geltenden Beschränkungen, aber letzte Nacht muß das anders gewesen sein. An einer Tisch-Bänke-Kombination sah ich nämlich die Hinterlassenschaften einer feuchtfröhlichen Party: leere Flaschen, darunter zwei Wodkaflaschen, benutzte Pappbecher und eine Menge leere Zigarettenschachteln. Es stank wie in einer Brauerei, deswegen kann das noch nicht allzu alt gewesen sein.

Ich war ungefähr zwei Stunden lang unterwegs, das ist mehr, als ich oft zu normaleren Zeiten an Bewegung verbuchen kann. Womöglich geht mein hohes Gewicht ja einfach auf das Konto des Temperaturanstiegs und meine dadurch wieder etwas angeschwollenen Beine. Oder auf das gestrige Linsengericht zum Abendessen, das mich immer noch bläht. Ich gebe mir Mühe, mich nicht darüber aufzuregen. Vielleicht hat sich ja schon morgen durch eine entsprechende überdurchschnittliche Abnahme alles wieder eingerenkt. Trotzdem nervt es mich. Da kann ich mir noch so oft sagen, daß die Zahl auf der Waage ja nicht das ist, worum es beim Abnehmen eigentlich geht. Wenn ich ein Kilo mehr habe, ist das dann wirklich Fett? Wenn das so wäre, würde ich es an der Kleidung merken. Tatsächlich habe ich aber gerade letzte Woche zum ersten Mal meine Jeans Größe 42 auch im frisch gewaschenen Zustand sofort und problemlos zubekommen und damit einen weiteren kleinen Meilenstein erreicht.

Daß Zahlen in Wirklichkeit Schall und Rauch sind, fällt mir auch in der Corona-Sache auf, in der wir ja aus allen Rohren ständig mit Zahlen bombardiert werden. Die Infiziertenzahlen zum Beispiel sind in Wirklichkeit "nachgewiesene Infektionsfälle". Wie viele Leute wirklich infiziert sind, kann einem niemand sagen, und weil in verschiedenen Ländern nach so unterschiedlichen Kriterien getestet wird, ist auch die Dunkelziffer von zwei Ländern nicht miteinander vergleichbar.

Dazu kommt noch, daß man auch von den Tests keine hundertprozentigen Gewißheiten erwarten kann. Es gibt bis zu 30 % falsch negative Ergebnisse, daß also eine Infektion zwar besteht, aber durch den Test nicht angezeigt wird. 

Aber auch die Zahl der Todesfälle läßt sich mit guten Gründen anzweifeln. Sie enthalten alle Todesfälle bei nachgewiesenen Corona-Fällen ohne Wertung, ob Corona nun die Todesursache war oder nicht. Manche Leute vermuten deshalb, daß die Zahl übertrieben hoch ist. In Wirklichkeit scheint aber eher das Gegenteil der Fall zu sein, wie sich aus den ersten Monatsstatistiken der Todesfälle (durch alle Todesursachen) aus den besonders betroffenen Gebieten in Italien ergibt: Im Monat März 2020 gab es sechsmal so viele Todesfälle wie im gleichen Monat des Vorjahres, und von den überzähligen Todesfällen sind weniger als die Hälfte als Corona-Fälle gezählt. Das läßt sich eigentlich nur dadurch erklären, daß Erkrankte, die nicht im Krankenhaus waren, sondern zu Hause oder in einem Pflegeheim waren, oft überhaupt nicht getestet wurden. Und natürlich sind bestimmt auch mehr Todesfälle durch andere Krankheiten geschehen, die wegen der überlasteten Krankenhäuser nicht schnell oder gut genug behandelt werden konnten.

Am Ende sind das dann wohl die Zahlen, die zählen werden, denn sie drücken aus, was in der wirklichen Welt, außerhalb von allen Statistiken, in den Krankenhäusern los gewesen sein muß, und wie es in Pflegeheimen aussah, kann man sich ausmalen. Mit ein bißchen Phantasie erkennt man noch ganz andere praktische Auswirkungen: Angenommen, meine Gallenprobleme würden jetzt auftreten, dann würde ich um nichts auf der Welt ausgerechnet jetzt ins Krankenhaus gehen wollen. Es könnte sogar sein, daß ich auch jeden Arztbesuch vermeiden wollen würde. So ging das in der italienischen Provinz Bergamo bestimmt vielen, die irgendwelche Krankheitssymptome bekamen, die nichts mit Corona zu tun hatten. Und auch wenn das bei den meisten von ihnen keine negativen Wirkungen gehabt haben mag, bei manchen anderen hatte es die bestimmt, und die Krankheit hat sich verschlimmert oder im schlimmsten Fall zum Tode geführt.

Wir leben in einer zahlenfixierten Zeit, in der man alles und dessen Gegenteil durch Zahlen beweisen zu können glaubt. Aber die Zahlen alleine erzählen nie die vollständige Geschichte. Und Zahlen sind manipulationsanfällig, das ist mir in den Corona-Debatten wieder einmal aufgefallen. Sogar Fachleute fallen auf solche Manipulationen herein, nicht nur bei Corona, sondern in allen möglichen Bereichen.

Ich erinnere mich zum Beispiel noch, wie ich vor Jahren einmal gerätselt habe, was an den Kalkulationen falsch sein mochte, mit denen nahezu alle einschlägigen Fachleute beweisen zu können behaupteten, daß eine selbstgenutzte Immobilie eine schlechtere Geldanlage sei als andere Anlageformen, etwa Aktien. Es hat mehrere Jahre gedauert, bis bei mir der Groschen gefallen ist, was an diesen Rechnungen nicht stimmt, obwohl ich vom ersten Moment an klar sehen konnte, daß es einfach unmöglich war, daß das zutraf. Ich hatte selbst ca. zehn Jahre vorher eine Wohnung gekauft und konnte, nachdem die ersten paar Jahre etwas kompliziert waren, ab einem bestimmten Punkt mehr oder weniger live dabei zusehen, wie sich meine finanziellen Spielräume erweiterten.


Aber ich habe nicht spontan kapiert, wo der Fehler lag.

Die Lösung des Rätsels lautet:

Die Fachleute setzen voraus, daß in beiden Fällen - also: entweder eine Immobilie oder Aktien - derselbe Betrag eingesetzt werden kann. Das ist aber falsch. Denn für die eigengenutzte Immobilie kann man - zusätzlich zu dem Betrag, den man für Aktien oder andere Geldanlagen investieren könnte - einen Teil seines Einkommens verwenden, der NUR für eine eigengenutzte Immobilie zur Verfügung steht, nämlich das Geld, das andernfalls für die Miete verwendet werden muß.

Das fällt aber umso stärker ins Gewicht, je niedriger das Einkommen ist, weil die Miete dann einen umso höheren Prozentsatz des Einkommens ausmacht.

Wenn Anton 2000 Euro netto verdient, 700 Euro Kaltmiete bezahlt und 200 Euro monatlich in seine Altersvorsorge investiert und durch diesen Einsatz eine Rendite von 2 % erhoffen kann, stellt er sich zwar, prozentuale Rendite betrachtet, besser, aber in Wirklichkeit, reale Rendite in Euro und Cent betrachtet, schlechter als Berthold, der ebenfalls 2000 Euro netto verdient, aber 800 Euro (700 plus 200 Euro verfügbares Geld minus 100 Euro davon abzuziehende höhere Kosten) monatlich in Zins und Tilgung für seine selbstgenutzte Eigentumswohnung steckt und dadurch eine Rendite von 1 % zu erwarten hat. Denn 2 % von 200 Euro sind nur halb so viel wie 1 % von 800 Euro.

Das Prinzip verändert sich nicht, wenn man andere Zahlen beim Einkommen, der Miete und der Rendite einsetzt: Solange die Rendite nicht negativ wird, steht Berthold trotz niedriger prozentual ermittelter Rendite immer besser da als Anton, weil er einen viermal so hohen Monatsbetrag einsetzen konnte.

Das komplette Bild bietet das natürlich dennoch nicht. Ob Berthold bei einem Verkauf den Betrag wiederbekommt, den er bezahlt hat, kann niemand ihm garantieren, und sollte er in eine Situation kommen, in der ihm keine andere Wahl bleibt, als zu verkaufen, kann er dabei Verlust machen und im allerschlimmsten Fall auf Teilen seiner Schulden sitzenbleiben. Scheidung, Krankheit, Jobverlust oder ein beruflich erforderlicher Umzug können die schönste Kalkulation zunichte machen. Neben diesen Risiken gibt es natürlich auch Chancen. So konnte jeder, der letztes Jahr eine Wohnung verkaufte, die er zehn Jahre oder länger besessen hatte, mindestens das Doppelte des einstigen Kaufpreises erzielen. Und schaut sich Berthold die Lage seines Kumpels Anton zehn Jahre später an, stellt er vermutlich fest, daß dessen Miete nun nicht mehr 700, sondern 1000 Euro kalt beträgt.

Deswegen sollte niemand solche Entscheidungen nur auf Basis solcher Kalkulationen treffen, sondern immer seine persönlichen Rahmenbedingungen mitberücksichtigen und sich auch über die eigene Risikobereitschaft klar sein. In so manchem dieser persönlichen Szenarien ist es richtig, lieber bei der Mietwohnung zu bleiben. Falsch wäre es nur, sich schon vor diesen Erwägungen von einer falschen Berechnungsweise angeblicher Experten unnötigerweise abschrecken zu lassen.

Ja, ich mag Zahlen. Sogar sehr. Sie erzählen mir oft ganze Geschichten, aber dazu muß ich sie mit anderen Informationen kombinieren. Und diese Informationen müssen genauso richtig sein wie die Zahlen. Diese häßliche Zahl 103,1, kombiniert mit dem mühelos zugehenden Reißverschluß meiner frisch gewaschenen Hose, sagt mir etwas ganz anderes als die Zahl für sich alleine genommen.

Zum Glück war ich nie besonders gut in Mathe, konnte dafür aber schon immer gut rechnen. 😛


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