Mein Gewicht heute früh - 79,8 Kilogramm - ist nebensächlich. Traditionell für das heutige Datum ist schon seit Jahren meine Grußbotschaft zum Weltnichtrauchertag: Auch im Jahre 2026 habe ich nicht die Absicht, mit dem Rauchen aufzuhören.
Was ich der Weltgesundheitsorganisation, der Gesundheitsministerin und selbstredend auch Herrn Streeck dieses Jahr außerdem noch zu sagen habe, dafür leihe ich mir die richtigen Worte diesmal sinnigerweise von den Ärzten:
Ich bin dagegen, denn ihr seid dafür
Ich bin dagegen, ich bin nicht so wie ihr
Ich bin dagegen, egal, worum es geht
Ich bin dagegen, weil ihr nichts davon versteht
Eigentlich entpuppt sich das Lied, näher betrachtet, ja als Auseinandersetzung mit einem verbal und physisch gewalttätigen Vater - aber erst ab der zweiten Strophe. (Bis dahin spricht der Text von "ihr", erst dann wechselt er in die zweite Person Singular und wendet sich an ein "du". Im Refrain bleibt es aber bei "ihr".) In diesem zweiten Teil des Lieds ist der Text in etwa die zu erwartende Antwort der gleichen Person auf die Vorhaltungen, die ihr in "Junge" gemacht werden. Die Antwort ging den Fragen allerdings um etliche Jahre voraus.
Aber Vater Staat braucht sich vor dem hier skizzierten Vater auch nicht zu verstecken. Auch wenn er - jedenfalls bislang - niemanden prügelt, wird ja doch verboten, genudgt, verbal herabgewürdigt - teils implizit, teilweise aber auch ausdrücklich -, es wird gedroht und schikaniert. Das gilt auch nicht nur für Raucher, nur ist es bei ihnen besonders risikolos, weil es wohl nordkoreanische Mehrheitsverhältnisse ergäbe, würde man bei einer Umfrage danach fragen, ob Rauchen eine eher positive oder eher negative Sache sei. Raucher schikanieren ist im Grundsatz mehrheitsfähig, und zwar bestätigen das in Umfragen mehrheitlich sogar die Raucher. Das ist der eigentliche Grund, warum sich die Politik ständig neue Schikanen einfallen läßt.
In Baden-Württemberg gilt als Beispiel für Schikanen ab morgen ein um einige weitere Bereiche ergänztes Rauchverbot (sogenanntes "Nichtraucherschutzgesetz"). Und zwar alle unter freiem Himmel, wo solche vermeintlichen Schutzmaßnahmen von vornherein völlig sinnlos sind, etwa in Freibädern, Freizeitparks oder Zoos. Nun kann man vielleicht als Nichtraucher sagen, man finde das prima, weil man sich durch Tabakrauch belästigt fühle. Gerne wird auch mit weggeworfenen Kippen argumentiert. Nur, um beides geht es beim Nichtraucherschutzgesetz gar nicht:
§ 1
Zweck des Gesetzes
Dieses Gesetz dient dem Schutz der Bevölkerung vor den gesundheitlichen
Gefahren des Passivrauchens
Gesundheitliche Gefahren des Passivrauchens im Freien sind in etwa eine so lächerliche Vorstellung wie gesundheitliche Gefahren des Passivrauchens durch E-Zigaretten (die samt einiger verwandter Produkte im Anschluß im zitierten Paragraphen noch aufgezählt werden). Die gesundheitsrelevante Wirkung eines versehentlich eingeatmeten Schwalls Tabakrauch im Freien in der Nähe einer Straße mit motorisiertem Verkehr (also überall, wo viele Leute hinkommen, und damit auch dort, wo die neuen Rauchverbote gelten sollen) fällt im Vergleich zu der gesundheitsgefährdenden Wirkung der eingeatmeten Autoabgase überhaupt nicht ins Gewicht, und das schon gar nicht, weil es ausreichend ist, zwei, drei Schritte zur Seite zu gehen, um weitere passivrauchgeschwängerte Atemzüge zu vermeiden. Die Autoabgase ließen sich, wo der Verkehr vorbeiströmt, allenfalls vermeiden, indem man eine Gasmaske trägt. In allen Freizeiteinrichtungen, in denen das Rauchen aus Gesundheitsschutzgründen verboten ist, sind insbesondere an Tagen mit vielen Besuchern die Parkplätze gesundheitsgefährlicher als ein Raucher, der sich neben einem einen Glimmstengel anzündet.
Bei E-Zigaretten ist Passivrauchen wiederum von vornherein gar nicht möglich. Passivrauch, sofern er wegen besonders hoher Intensität und Dauer beim Einatmen gesundheitlichen Schaden anrichten sollte, tut dies bei Zigarettenrauch auf genau dieselbe Weise wie jede Art von Verbrennungsrauch aus verbrannten Pflanzenbestandteilen, etwa Holzfeuer. (Das Verbrennen von Öl oder anderer mineralischer Substanzen wiederum ist noch um einiges gesundheitsgefährdender.) E-Zigaretten können aber gar keinen Passivrauch erzeugen, weil mit ihnen kein Verbrennungsvorgang stattfindet.
Kurz, die neuen Rauchverbote sind reine Schikanen. Niemand erwartet im Ernst, daß sich daraus für irgendwen irgendein noch so kleiner gesundheitlicher Vorteil ergeben kann, auch wenn das Gegenteil behauptet wird. Diese neuen Rauchverbote im Freien waren wahrscheinlich der politische Preis dafür, die Ausnahmeregelungen in der Gastronomie weiter beibehalten zu können. Der gewesene Gesundheitsminister hätte die Ausnahmeregelungen nämlich gar zu gerne vollständig eliminiert. Aber andere Teile der Landesregierung wollten das wohl nicht. Also mußte man ihm etwas anderes als Ersatz anbieten. Bei dem, was man ausgekaspert hat, konnte man außerdem darauf vertrauen, daß gegen solche "Schutzmaßnahmen" jedenfalls keine Proteste erwartet werden müssen und auch niemand den Rechtsweg einschlagen wird - bei dem man nicht sicher sein könnte, ob das Gesetz dies überstehen würde. Denn niemand muß Angst haben, durch die neuen Maßnahmen seine wirtschaftliche Existenz zu verlieren, wie das den Wirt einer Raucherkneipe selbstverständlich auf die Barrikaden getrieben hätte.
Die meisten Verbote tangieren mich persönlich gar nicht oder so geringfügig, daß ich über die Verbote nur die Achseln zucke. Organisiertes Zeittotschlagen in Freizeitparks war sowieso noch nie mein Ding, und aus dem Alter, in dem man unbedingt Freibäder aufsuchen will, bin ich längst raus. In den Zoo wäre ich vielleicht irgendwann nach etlichen Jahren einmal wieder gegangen, aber für zwei Personen fast 50 Euro für den Eintritt hinblättern, das würde ich kaum besonders häufig machen und unter diesen Umständen nun halt gar nicht mehr. Das macht aber eigentlich nichts. Zoos sind ja ganz nett, aber in Wirklichkeit weitaus weniger unterhaltsam als das Beobachten der Tiere bei uns im Garten.
Der interessanteste Fall sind die Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel, soweit sie sich im Freien befinden (bei allen anderen ist das Rauchen ja schon die ganze Zeit verboten). Ich werde mich an speziell dieses neue Rauchverbot nämlich nicht halten. Und zwar, weil ich es einfach nicht einsehe. Der Unterschied speziell für mich zwischen den Haltestellen und den diversen Bespaßungs-Arealen unter freiem Himmel besteht darin, daß ich letztere einfach nicht aufsuche, wenn ich sie ohne Kippe im Mundwinkel nicht mehr verlockend genug finde. Aber als Nichtautobesitzer komme ich gar nicht umhin, Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel weiter zu nutzen. Mit zwei vollen Einkaufstaschen ein Stück entfernt vom Haltebereich des Busses auf ihn zu warten, um dort rauchen zu dürfen, bringt mich in folgende Situation: Beim Heranfahren des Busses muß ich erst meinen Taschenascher herauskramen, die Kippe dort entsorgen und dann meine auf dem Boden abgestellten Einkaufstaschen richtig zu fassen bekommen, damit mir der Bus nicht davonfährt, bevor ich herangesprintet bin. Alleine schon das Heransprintenmüssen als solches anstelle eines normalen Einsteigens ist schon ein Angriff auf meine Würde, aber zuvor muß außerdem jeder Handgriff blitzschnell erfolgen und richtig sitzen. Jeder Fehlversuch kann dazu führen, daß ich dem Bus nur noch hinterherwinken kann.
Diese neue Regelung zielt augenscheinlich darauf ab, daß man sich in solchen Wartesituationen, die natürlich die meisten Raucher mit einer Zigarette überbrücken wollen, zwischen dem Rauchen und der Wahrung seiner Würde entscheiden müssen soll. Und genau das ist die Sache, der ich mich verweigere. Ich erhebe Anspruch auf beides, Rauchen und Würde. Ich finde, mir steht beides zu.
Das ist das überhaupt erste Mal in meinem Leben, daß ich mich einer neuen gesetzlichen Regelung von vornherein verweigere, also ihr nicht ausweichen zu versuche, um mich ihrer Wirkung zu entziehen, sondern die Absicht habe, sie jederzeit und überall sowie ungeachtet der möglichen Folgen hocherhobenen Hauptes zu mißachten. Exakt so fühlt sich das diesmal für mich genau richtig an. Und auch darin finde ich mich bei den Ärzten wieder:
Bitte versteht mein Verhalten als Zeichen der Ablehnung, mit der ich euch gegenüberstehe.
Meine Bußgeldbescheide, falls ich welche bekommen sollte, werde ich rahmen und in der Toilette aufhängen. Und zwar als
Symbol der Nicht-Identifikation mit euren Werten.
Die Neufassung des sogenannten Nichtraucherschutzgesetzes hat in ihrer Kleinlichkeit und sinnlosen Bösartigkeit trotz allem noch nicht einmal mehr erwähnenswerte Emotionen bei mir ausgelöst, nur rationale Überlegungen, wie ich damit aus welchen Gründen umgehen will. Das finde ich selbst bemerkenswert, weil ich mich über andere politische Beleidigungen ja immer noch ganz gut aufregen kann. Aber im Bereich Rauchen bin ich offenbar über diesen Punkt mittlerweile hinaus. Ich glaube, gerade das sollte die Urheber der Regelung ein wenig beunruhigen. Ich weiß nämlich noch, wie ich dem Vater meines Sohnes während eines Streits sagte, er solle froh sein, daß ich überhaupt mit ihm streite, denn wenn ich mir die Mühe einmal nicht mehr mache, dann wäre er mir gleichgültig geworden. Ich frage mich, ob er sich etwa ein Jahr später daran erinnert hat, als er alleine in der Wohnung zurückblieb. Wenn ja, hatte er dem Staat etwas voraus. Der merkt gar nichts davon, daß ich seit etlichen Jahren grundsätzlich nicht mehr zur Wahl gehe. Bemerkt wird von ihm nur, wer sich dazu entschließt, die AfD zu wählen, und daß das irgendetwas mit ihrem Umgang mit den Wählern zu tun hat, dämmert den Parteien zwar so langsam, aber sie kommen einfach nicht dahinter, wo ihr Hauptfehler liegt, nämlich in den pausenlosen Angriffen - aus allen möglichen Richtungen, Rauchen ist im Vergleich zu vielen anderen ja nur eine Marginalie - auf die Würde ihrer Wähler.
Am Rande möchte ich noch erwähnen, daß die AfD für mich auch dann unwählbar bliebe, falls sie sich zum Thema Rauchen strategisch so positionieren würde, daß sie mich bei diesem Thema abholen würde (was im Moment aber nicht der Fall ist). Dafür gibt es zu viele andere Themen, zu denen ich keinesfalls von ihr regiert werden möchte. Ich brauche die AfD oder sonstwen außerdem sowieso nicht, um mich meiner Haut zu wehren, wenn man mir in dieser oder in anderen Fragen zu nah auf die Pelle rückt. Wenn ich eines in den nun schon über 60 Jahren meines Lebens gelernt habe, dann daß man sich niemals auf irgendjemanden verlassen kann außer auf sich selbst.
Zum Stichwort AfD fiel mir aber noch etwas anderes ein:
Es gibt einen auch von mir ziemlich lange total übersehenen Faktor, der die nächste Bundestagswahl sogar noch brisanter machen wird, als sie es wegen der Umfragewerte der AfD ohnehin sein wird: Der Niedergang der CSU in den Umfragen. Denn die bayerische CDU-Schwesterpartei tritt nur in Bayern an, aber ihre nur dort erworbenen Stimmen werden auf das Bundesergebnis umgelegt und müssen, bundesweit betrachtet, natürlich auch die Fünf-Prozent-Hürde übersteigen. Bei der Bundestagswahl dieses Jahr bekam die CSU, bundesweit betrachtet, 5,97 Prozent der Stimmen, das entspricht einem Wahlergebnis in Bayern von 37,2 Prozent. Bei der letzten Umfrage zur Bundestagswahl nur in Bayern lag sie aber nur noch bei 33 Prozent, und bei der Bundestagswahl 2021 mit 31,7 Prozent in Bayern sogar bundesweit nur bei 5,19 Prozent. Man braucht kein Mathematikstudium, um das Unterschreiten der Fünf-Prozent-Hürde überschlagsweise zu ermitteln: Falls die CSU das nächste Mal ein paar Zehntelprozentpunkte weniger als 30 Prozent der bayerischen Wählerstimmen bekommen sollte, muß sie sich voraussichtlich aus dem Bundestag verabschieden. Und man braucht nicht Politikwissenschaften studiert haben, um zu wissen: In diesem Fall wird die AfD, sollte ihr Wahlergebnis die aktuellen Umfragewerte widerspiegeln, die bei weitem stärkste Fraktion werden.
Kein Wunder jedenfalls, daß Markus Söder gerade mal wieder versucht, sich neu zu erfinden, er möchte ja gerne im Bund auch weiter eine wichtige Rolle spielen, und dafür wäre es natürlich extrem ungünstig, wenn seine Partei aus dem Bundestag fliegt. Anscheinend ist bei ihm jetzt endlich der Groschen gefallen, daß die wenig konstruktive Rolle der CSU in der Bundespolitik auch in Bayern den Wählern nicht gefällt. Ein Gutes immerhin hat die Sache: Dieser Mann ist zwar nur Fassade - geradezu ein Potemkinsches Dorf auf zwei Beinen -, aber diese Fassade sieht jetzt wenigstens nicht mehr aus wie ein Strauchdieb, seit er nicht mehr in Räuberzivil herumläuft und diesen gruseligen Bart abrasiert hat.
Mich würde übrigens mal interessieren, ob der Söder trotz aller anderslautenden Beteuerungen heute immer noch raucht. Ich meine mich nämlich zu erinnern, daß er es früher getan hat, und da bei Söder alles Fassade ist, kann es gut sein, daß er sich bloß nicht dabei erwischen läßt.
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