Mein Gewicht heute früh nach zwei von vier Fastentagen: 74,9 Kilogramm. Das ist okay nach der Umstellung von Low Carb auf Normalkost, aber fast in Ohnmacht gefallen bin ich am Montag, begonnen habe ich nämlich mit 79,2 Kilogramm. Das war eine Art Überreaktion auf die Ernährungsveränderung, glaube ich, dafür habe ich in zwei Tagen so viel Gewicht verloren wie während Low Carb innerhalb von vier Tagen - so viel macht das Wasser aus, das man mehr als mit Low Carb gespeichert hat. Trotzdem beißt die Maus keinen Faden ab: Die Wirkung von Low Carb war diesmal unter dem Strich beinahe gleich null, und darüber bin ich schon enttäuscht. Damit ist außerdem absehbar, daß ich nicht damit rechnen kann, bis Ende März mein Zielgewicht zu erreichen.
Das ist aber auch wie verhext. Alle emotional bedeutenden Schallmauern wehren sich besonders hartnäckig. Die 100-Kilo-Grenze und die 90-Kilo-Grenze haben sich auch ziemlich energisch gewehrt. Aber diesmal hätte ich eigentlich am Ziel ankommen müssen, wenn nur, tja, die Wirkung von Low Carb nicht ausgeblieben wäre.
Ich weiß noch nicht, was ich genau aus dieser Erkenntnis machen werde. Aber kommt Zeit, kommt Rat. Jetzt ist jedenfalls einer dieser Momente, in denen ich froh sein kann, daß mir Fasten so leicht fällt und das kleine Teufelchen keine Munition hat, um mich in Versuchung zu führen, es doch einfach bleibenzulassen.
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David Ludwig gehört zu der Minderheit der Wissenschaftler, die in der Ernährungsfrage auf der "richtigen" Seite stehen, also das Kohlenhydrat/Insulin-Modell für richtig halten, und dazu auch schon wiederholt Studien publiziert haben. Ihm scheint es aber ein bißchen wie Prof. Seyfried zu gehen, man versucht ihn angestrengt zu ignorieren. Jetzt hat Ludwig dem ernährungswissenschaftlichen Mainstream eine Breitseite auf der Metaebene verpaßt, nämlich in einem Fachjournal eine Abhandlung dazu publiziert, wie wissenschaftliche Erkenntnisse sich verbreiten - nämlich nicht, wie sich viele das vorstellen, linear, sondern in Erkenntnissprüngen, der eine mehr oder weniger lange Phase vorausgeht, in der sich der Mainstream erfolgreich gegen eine Veränderung seines Weltbilds zur Wehr setzt. Zusätzlich zum Fachartikel publizierte Ludwig auch noch eine andere Version auf Medium, anscheinend eine Vor-Version mit leichten Abweichungen.
Ob er damit mehr Aufmerksamkeit auf seine Arbeit lenken kann, wird man sehen. Neu ist, daß nun auch Ludwig in einer Studie eine positive Wirkung ketogener Ernährung auf Krebs gefunden hat und darauf bei Twitter aufmerksam machte. Von Prof. Seyfried hat er bestimmt auch schon gehört, aber dies hier scheint davon unabhängig zu sein.
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Aber heute möchte ich mich mal wieder zu einem ganz anderen Thema ausgiebiger auslassen, das allerdings auch etwas mit populären Lebenslügen zu tun hat, die man teils deshalb nicht aufgeben will, weil sie einem so schön ins eigene Konzept passen, teils aber wohl einfach die falschen Werte betrachtet und daraus nur falsche Schlußfolgerungen ziehen kann.
Zum Equal-Pay-Day brachte ver.di nämlich einen Bericht über den Gender Pay Gap. Das Besondere daran, ist, daß in diesem Bericht ausnahmsweise mal ein sonst gerne übersehener Elefant im Raum angesprochen wurde: In der freien Kulturbranche (und wie ich vermute in den meisten anderen Formen der Selbständigkeit) ist die Differenz zwischen den Einkommen von Männern und Frauen nämlich noch ein gutes Stück höher als bei Angestellten in Unternehmen. Darüber wird nur ziemlich selten gesprochen. Mir ist es seit fast zwei Jahrzehnten bekannt und es irritiert mich schon länger, daß darüber kaum gesprochen wird.
ver.di nun zu dieser Sache:
Im Bereich Wort/Literatur und damit auch in der Berufsgruppe der Journalistinnen sind die durchschnittlichen Einkommen am höchsten. Dennoch liegt der Gender Pay Gap auch hier bei 21 Prozent – Frauen verdienen durchschnittlich 21.629 Euro, Männer 27.360 Euro. Insgesamt sind die Einkommen oft so niedrig, dass viele Frauen zusätzliche Jobs benötigen. Studien zeigen: Nur eine Minderheit erzielt ein auskömmliches Einkommen, wenige Spitzenverdienende stehen einer großen Zahl prekär Arbeitender gegenüber.
Ich bin so frei, beide Werte mal zu aktualisieren: Aktuell sind es laut Künstlersozialkasse bei Frauen 22.586 und bei Männern 28.325 Euro. Diese Einkommen sind für beide Geschlechter trotzdem so niedrig, daß ich erwähnen sollte, daß ich die Werte bei der Künstlersozialkasse, und zwar bei beiden Geschlechtern, nicht vollständig glaubwürdig finde. Ich spreche aus persönlicher Erfahrung als KSK-Versicherte mit einem Jahreseinkommen, das fast doppelt so hoch liegt wie das des männlichen Durchschnitts, obwohl meine Stundensätze nach meinem Kenntnisstand nur durchschnittlich sind.
Leider verrät die KSK nicht den zeitlichen Umfang der Tätigkeit ihrer Versicherten, vermutlich, weil sie ihn einfach nicht kennt. Die Frage ist: Wieviele der dort Versicherten versuchen wirklich, ihren Lebensunterhalt damit vollständig zu bestreiten? Einen Hinweis gibt, daß ver.di der Meinung ist, wegen ihres niedrigen Verdienstes müßten viele von ihnen etwas in anderen Bereichen hinzuverdienen. Es könnte aber auch umgekehrt sein. Im Jahr nach der Flüchtlingskrise fingen nämlich aus dem Bereich Wort viele an, auch Deutschkurse zu geben - damals wurden Lehrkräfte so händeringend gesucht, daß man Quereinsteiger aus sprachlastigen Bereichen gerne genommen hat. Ein Teil davon wird auch dauerhaft dabei geblieben sein und hatte logischerweise nun weniger Kapazitäten für ihr freiberufliche Tätigkeit. Gut möglich, daß auch der Schwund an Freiberuflerin im Bereich Wort damit zusammenhängt, daß manche ganz beim Lehrberuf geblieben sind. Es sind in den letzten zehn Jahren nämlich im Bereich Wort jedes Jahr weniger Versicherte geworden. 2015 waren es noch mehr als 43.000. Davon sind 2025 gerade mal 37.000 übriggeblieben.
Es wäre aber sonderbar, wenn diejenigen, die weiter bei ihrer Beschäftigung blieben, ausgerechnet diejenigen gewesen sein sollten, die die größten Probleme damit hatten, sich damit über Wasser zu halten. Mir fällt aber generell auf, daß die Freiberuflichkeit immer weniger Leute zu verlocken scheint. Ich habe noch keine Ahnung, wem ich meine Kunden anvertrauen soll, wenn ich einmal in den Ruhestand gehe. Freiberuflichen Nachwuchs gibt es mittlerweile nämlich kaum noch.
Ich nehme an, die niedrigen durchschnittlichen Jahreseinkommen lassen sich teils so erklären, teils aber auch durch strukturelle Anreize bei der Künstlersozialversicherung, sein Einkommen zu niedrig anzugeben. Die Differenz zwischen Männern und Frauen dürfte mit Familienphasen zusammenhängen, in denen gerade Freiberuflerinnen bessere Möglichkeiten als andere haben, ihren Arbeitsumfang so anzupassen, daß sie sich nicht unnötig im Alltag abhetzen müssen.
ver.di formuliert die Sache natürlich ein bißchen anders. Gewerkschaften suchen natürlich immer nach Schuldigen - und finden sie für gewöhnlich auch. So auch dieses Mal:
Mögliche Ursachen der Einkommenslücke, so ver.di, sind fehlende Honortransparenz, unsichere Verhandlungen, Teilzeitstrukturen durch ungleiche Sorgearbeit sowie sexistische Branchenstrukturen. Öffentliche Kulturkürzungen verschärfen den Konkurrenzdruck überdies und schwächen die Verhandlungspositionen – insbesondere von Frauen.
Das finde ich alles wenig beeindruckend. Zum in Wirklichkeit nichtexistenten Konkurrenzdruck jedenfalls in meinem Bereich habe ich mich ja bereits geäußert. Fehlende Honorartransparenz liegt in der Natur der Sache, wo immer Honorare frei ausgehandelt werden und ich wüßte nicht, warum das verkehrt sein sollte. Die Teilzeitstrukturen werden hier implizit negativ gewertet, was sie keineswegs verdient haben - jedenfalls, wenn es um Halbtagsbeschäftigung oder mehr geht. Irgendwann werde ich dazu vielleicht mal einen ganzen Blogartikel schreiben müssen. Auf Verhandlungen und Verhandlungspositionen werde ich weiter unten noch ausführlicher eingehen.
An dieser Stelle befindet sich aber noch ein zweiter Elefant im Raum. Und zwar der, daß das männliche Honorar als Norm gesetzt wird, an der sich das, was Frauen ausgehandelt haben, messen muß. Wobei Frauen gemessen an dieser Norm im Durchschnitt schlechter abschneiden.
Rundheraus: Ich halte das für üble sexistische Scheiße.
Die sexistische Scheiße zusätzlich noch mit Paternalismus würzen, macht die Sache nicht besser, sondern schlimmer. Es ist übergriffig, wenn es mir ständig als angebliche Selbstverständlichkeit vorgesetzt wird, das, was ein Mann an meiner Stelle täte, sei die Norm, und wenn ich die nicht erfülle, stimme etwas an den Kriterien nicht, mit denen ich über meine Honorarangebote entschieden habe.
Machen wir doch mal eine Logikprobe:
Bitte alle mal melden, die der Meinung sind, ich sollte meinen Mietern den maximal möglichen Betrag als Miete abverlangen, anstatt mich an die Vorgaben des Mietspiegels zu halten, um bei den erzielten Quadratmetermieten auf Augenhöhe mit dem zu sein, was andere Vermieter verlangen.
...
Komisch, ich hör gar nix. Wenn das gegenüber Mietern nicht so gesehen wird, warum sollte ich es dann aber bei meinen Kunden anders machen?
Ich kalkuliere das, was ich von ihnen haben will, nämlich bei beiden, Mietern wie Kunden, nach demselben Prinzip: Ich möchte preislich in der Nähe des Durchschnitts liegen. Dafür habe ich eigennützige Gründe, denn dabei komme ich unter dem Strich beim für mich bestmöglichen Ergebnis heraus. Der Unterschied zur finanziellen Optimierung mittels Maximalpreisen besteht bei meiner Art der Optimierung darin, daß mein "bestmögliches Ergebnis" nicht den maximal möglichen Betrag je Quadratmeter oder Arbeitsstunde bedeutet, sondern das optimale Verhältnis von Jahreseinkommen und Lebensqualität. Will heißen: Ich möchte die Stundenhonorare und Quadratmetermieten, die mir das bestmögliche Jahreseinkommen bei geringstmöglichen unbezahlten Nebenarbeiten und bei maximaler Nervenschonung verschaffen. Durch die zusätzlichen Faktoren, die ich mit einbeziehe, unterscheidet sich meine Kalkulation von der Art der Optimierung, die allen Gender-Pay-Gap-Kalkulationen zugrundeliegt, ungefähr so, wie sich auch Bhutans "Bruttosozialglück" von unserem Bruttosozialprodukt unterscheidet.
Der Gender Pay Gap besteht in meinem Fall, nehme ich die Durchschnittszahlen der KSK wörtlich, übrigens, wenn überhaupt, dann nur beim Stundenhonorar, nicht aber beim jährlichen Betriebsgewinn. Mein Betriebsgewinn würde auch den durchschnittlichen männlichen KSK-Versicherten vor Neid erblassen lassen ... falls sein angegebener Betriebsgewinn tatsächlich stimmt und dem Bestreben nach einer Arbeitsbelastung stammt, die einem Vollzeitjob entsprechen soll.
Bei der Höhe des Honorars weder auffallend billig noch auffallend teuer zu sein, lohnt sich nämlich. Niedrighonorare, also Honorare, die auffallend weit unter dem Branchendurchschnitt liegen, sind für die meisten Kunden eher verdächtig als verlockend. Wer vernünftige Qualität haben will, läßt von so etwas von vornherein die Finger. Diejenigen, die zugreifen, sind dann aber nicht selten sogar überdurchschnittlich nervtötend im Umgang, weil sie bei dem verdächtigen Dienstleister alles besonders kritisch überprüfen und natürlich dann immer auch Kritikpunkte finden werden, und zwar auch dann, wenn die Qualität an sich auf Augenhöhe mit mir sein sollte. Aber die Kollegen mit den Maximalhonoraren haben ein ganz ähnliches Problem. Sie bekommen häufig Kunden, die, weil sie ja bereit sind, für beste Qualität beste Honorare zu bezahlen, Qualitätsvorstellungen haben, die gar nicht erreichbar sind, und sie erwarten ein nach unerreichbaren Maßstäben perfektes Arbeitsergebnis, wobei Qualitätssicherung aber nicht ihr Bier ist und oft genug sogar durch ihre eigene Wurstigkeit sabotiert wird. Sie erwarten außerdem, daß man auf Zuruf alles andere fallen läßt, was man gerade an anderen Arbeiten (für ganz ähnliche Kunden, wie sie selbst es sind) in der Hand hat, und auch ihre Zeitvorgaben sind oft nicht realistisch. Das alles führt dazu, daß gerade bei ihnen das Risiko, daß etwas schiefläuft, überdurchschnittlich hoch ist, und dann hat man ungünstigenfalls das Honorar vor Gericht einzuklagen, weil sie nicht zahlen wollen. Sowohl bei besonders niedrigen als auch bei besonders hohen Honorarforderungen kommt deshalb einiges an unbezahltem Mehraufwand zusammen, der im ersten Fall das gesamte Geschäftsmodell unrentabel macht und im zweiten Fall das höhere Honorar doch wieder relativiert. Die ramponierten Nerven bezahlt einem sowieso niemand.
Bei Mietverhältnissen ist es ungefähr genauso. Man macht sich nur unglücklich, wenn man gar zu sozial denkt, weil Mieter das gar zu häufig keineswegs honorieren, sondern einen vielmehr für blöd halten und entsprechend mit einem umgehen. Aber wer besonders teuer vermietet, riskiert nicht nur häufigere und längere Leerstände, sondern hat auch Mieter, die für ihre überdurchschnittliche Miete natürlich auch etwas Überdurchschnittliches verlangen. Ersteres verringert die Rendite, letzteres erhöht den erforderlichen Zeitaufwand. Auch hier kann man durch eine unklug gewählte Quadratmetermiete seine Nerven mehr strapazieren, als es ein ein, zwei Euro pro Quadratmeter hin oder her wert sind. Wer als privater Vermieter nebenbei auch noch einem Beruf nachgeht, der merkt schnell, daß das Beste, was ihm passieren kann, Mieter sind, die sich nur an einen wenden, wenn es sich wirklich um etwas handelt, wofür sie ihren Vermieter brauchen, und sich ansonsten selbst zu helfen wissen, etwa wenn der Wasserhahn tropft. Und Mieter, die wissen, daß sie eine faire Miete bezahlen, sind da meistens durchaus aufgeschlossen.
Die überwiegend männlichen Kollegen, für die möglichst hohe Honorare eine Frage der Ehre sind, machen meiner Meinung nach einen schlechteren Schnitt als ich und sich außerdem das Leben saurer, als es nötig wäre. Über Gebühr anspruchsvolle Kunden sind nämlich ungefähr so angenehm wie Zahnweh. Ich denke gar nicht daran, möglichst viel Geld so wichtig zu finden, daß ich dafür täglich Zahnweh aushalten muß. Wenn männliche Kollegen das typischerweise eher andersherum machen, dann ist das ihr gutes Recht, aber keinesfalls ein Vorbild, dem ich nachzueifern gedenke. Und ich ärgere mich deshalb jedes Mal, wenn solche Gender-Pay-Gap-Parolen mit solcher Selbstverständlichkeit suggerieren, ich müsse eigentlich das haben wollen, was diese männlichen Kollegen haben. Nein, will ich nicht! Ich bin meiner Lebtag noch nie scharf auf Zahnweh gewesen.
Aber das ist natürlich auch nur die halbe Geschichte.
Wahr ist nämlich ebenso, daß Verhandlungen um Geld Frauen wirklich oft merklich schwerer fallen - vor allem, wenn sie in einer schwachen Verhandlungsposition sind - und sie sich deshalb häufiger mit weniger als dem zufriedengeben, als sie eigentlich auch bei Anpeilen eines durchschnittlichen Ergebnisses verlangen könnten. Gleichzeitig gibt es einen Typus Mann, der so etwas gnadenlos bei Verhandlungen auszunutzen bereit ist. Außerdem entspricht es der Gewinnmaximierungslogik von Unternehmen, sich Verhandlungsschwächen zunutze zu machen. Deshalb werden Frauen auch in Honorarverhandlungen meinem Eindruck nach tatsächlich mit höherer Wahrscheinlichkeit übervorteilt als Männer. Die Frage ist freilich, wie man es verhindern soll, daß Frauen häufiger bereit sind, sogar unverschämt niedrige Angebote zu akzeptieren. Solche Angebote werden ja auch Männern gemacht, und die nehmen sie dann halt nicht an. Hier sehe ich, sofern es nicht in den Bereich des Sittenwidrigen gelangt, wenig Möglichkeiten, etwas zu verändern.
Selbst erlebt habe ich etwas in dieser Art zum Beispiel bei den Kaufpreisverhandlungen der Wohnung meiner einstigen Nachbarin (für schon länger hier Mitlesende: die mit der Katze). Ich war gebeten worden, die finalen Kaufpreisverhandlungen zu führen, weil sie selbst sich das nicht zutraute. Tatsächlich haben der Käufer und ich uns schriftlich auf einen meiner Meinung nach auch fairen Preis geeinigt. Bei der Besichtigung mit den Handwerkern ergab sich dann allerdings ein nicht vorhergesehener Faktor, der für den Käufer von beiden Seiten nicht erwartete und deshalb auch nicht eingepreiste Zusatzkosten bedeutete und deshalb ein Grund war, ihm im Preis noch einmal entgegenzukommen. Daß er ein neues Angebot machte, das niedriger war als das vorherige, war also eigentlich in Ordnung. Nicht in Ordnung war aber, daß er seinem neuen Angebot einen von vornherein niedrigeren Ausgangspreis zugrundelegte, als wir das schriftlich vereinbart hatten. Später, als die ganze Sache vorbei war, habe ich es diesem Mann klipp und klar gesagt: Wäre das meine Wohnung gewesen, dann hätte ich das Gespräch, als er seine neue Kalkulation darlegte, abgebrochen und die Suche nach einem Käufer noch einmal aufgenommen. So etwas tut man einfach nicht. Aber es war halt nicht meine Wohnung, sondern die der Nachbarin. Mir war klar, daß sie keinen neuen Käufer suchen wollte, sofern der, den sie hatte, nicht ganz absprang. Also riß ich mich zusammen und nahm den Mann stattdessen noch einmal in die Zange. Ich bin mir sicher, ich hätte wenigstens 10.000 Euro von den 20.000, die sein Gebot nun niedriger lag, als es auf Basis des zuvor vereinbarten Preises hätte sein müssen, noch gerettet. Aber die Nachbarin hat es mir dann selbst verdorben, indem sie mich auf einmal ohne Vorwarnung unterbrach und sagte, sie sei mit dem niedrigeren Gebot einverstanden. Der Käufer hat die Chance natürlich sofort genutzt und einen Vorvertrag mit ihr auf dieser Basis geschlossen. Da saß ich nun und fühlte mich wie ein Idiot. Es war aber wohl trotzdem sinnvoll, daß ich dabei war. Wäre die Nachbarin mit dem Typ alleine gewesen, wer weiß, was dann passiert wäre.
Letztlich ging es aber nicht um mein Geld, sondern um das der Nachbarin. Der Kaufpreis lag immer noch innerhalb eines Rahmens, der akzeptabel war, wenn auch am unteren Ende. Was mich so irritierte, war etwas anderes, nämlich, daß sie die Begleitumstände einer aus meiner Sicht indiskutablen Verhandlungsstrategie des Käufers so bereitwillig zu akzeptieren bereit war, und das, obwohl sie sogar in einer ausgezeichneten Verhandlungsposition gewesen wäre - einen anderen Käufer für ihre Wohnung hätte ich ihr nämlich innerhalb von maximal zwei Wochen auftreiben können . Das ist ziemlich typisch weiblich, und es auszunutzen ist ziemlich typisch männlich, bzw. männlich geprägte Unternehmenslogik, falls ein Unternehmen im Spiel ist. Und so etwas nicht zu akzeptieren, ist der Punkt, an dem die Sache wiederum für mich immer, wenn jemand solche Spielchen mit mir versucht, zu einer Frage der Ehre wird. Ich kann es nun einmal auf den Tod nicht ausstehen, wenn jemand mich zu linken versucht.
Wenn jemand mit Drucksituationen aber so schlecht klarkommt, daß er oder sie einen solchen Drang hat, sie sich schnellstmöglich wieder vom Hals zu schaffen, daß er/sie lieber dabei Geld verliert, als sie noch länger ertragen zu müssen, hat der Gesetzgeber keine Chance, ihm irgendwie zu helfen. Aus seiner/ihrer subjektiven Sicht ist das Ende der Drucksituation einfach mehr wert als das verlorene Geld. Gesetzliche Vorgaben ändern daran oft wenig: Wo kein Kläger, da nämlich kein Richter. und wer sich lieber über den Tisch ziehen läßt, als eine Drucksituation durchzustehen, der klagt ganz bestimmt nicht, weil er damit eine neue Drucksituation für sich selbst erzeugen würde.
Die fünf Prozentpunkte hin oder her, die die Kluft zwischen Einkommen von Männern und Frauen bei Freiberuflern tiefer ist als bei Angestellten, könnte in etwa die Differenz beziffern, die dieser Faktor ausmacht.
Die gesetzlichen Vorgaben, um jedenfalls schwerwiegende Benachteiligungen aus solchen Konstellationen heraus zu verhindern, sind natürlich trotzdem erforderlich und vernünftig. Einen Menschen vor sich selbst schützen zu wollen, mag sinnlos sein, aber vor allem in schwerwiegenderen Fällen (was bei meiner Nachbarin zum Glück nicht vorlag) müssen immerhin dessen Angehörige geschützt werden - oder eventuell auch die Allgemeinheit, falls jemand durch so etwas sogar in der Grundsicherung landen würde. Also, es ist gut, richtig und vernünftig, daß es Regeln gibt, die greifen, wenn ein Vertrag einen der Vertragspartner so sehr benachteiligt, daß ein Gericht es als sittenwidrig einkassiert, falls der Benachteiligte von der Möglichkeit, es einzuklagen, Gebrauch macht. Aber klar ist eben auch, daß eine Menge Betroffene diesen Weg nicht nutzen, weil er ihnen unerträglicher ist, als sich mit ihrer Benachteiligung abzufinden. Damit sind sie natürlich bei Verhandlungen von vornherein im Nachteil. Und wie sollte der Gesetzgeber daran etwas ändern können? Weil das meinem Eindruck nach so viel häufiger Frauen als Männer betrifft, behaupte ich: Der Teil des Gender Pay Gap, der wirklich auf Benachteiligung beruht, wird sich unter anderem aus diesem Grund niemals ganz schließen, egal wie viele gesetzliche Regelungen man einführt. Es ärgert mich immer, wenn so getan wird, als wäre das anders, wenn nur der Gesetzgeber das Richtige dagegen tun würde.
Aber es gibt außerdem einen - meiner Vermutung nach größeren - Teil des Gender Pay Gaps, der nichts mit Benachteiligung zu tun hat, sondern mit rational kalkulierten unterschiedlichen Präferenzen bei Männern und Frauen. Wie läßt sich das aber beziffern? Vielleicht hilft ein Blick auf die Miete weiter, die ich bei meiner letzten Neuvermietung von meinen Mietern für eine 3-Zimmer-Wohnung verlangt habe: 990 Euro kalt. Diese Miethöhe halte ich für die optimale. Gerade habe ich Immoscout nach Vergleichsobjekten gleicher Größe in einem Radius von einem Kilometer zu meiner Wohnung befragt. Die Kaltmieten für unmöblierte Wohnungen dieser Größe fangen dort, Tauschwohnungen und ein Objekt mit Sonderfaktoren ausgenommen, bei 1150 Euro an.
Der Gender Pay Gap in meiner Eigenschaft als Vermieterin entspricht, wenn ich meine Wohnung mit der nächstpreisgünstigsten vergleiche, also um die 160 Euro. Das sind fast genau 14 Prozent. Das spricht meiner Meinung nach dafür, daß ein großer Teil der 16 Prozent Gender Pay Gap in Anstellungsverhältnissen nicht auf Benachteiligung, sondern auf die beschriebenen unterschiedlichen Präferenzen zurückzuführen ist, die rational begründet werden können und meiner persönlichen Meinung auch einen Mehrwert gegenüber der rein monetären Optimierung bieten können, und ich sehe keinen Grund, diesen Mehrwert dann nur deshalb nicht wahrzunehmen, weil einem Mann an der Stelle einer Frau ein paar Euro mehr im Monat lieber wären. Gleichzeitig sehe ich ja im Beruf, daß mein Jahreseinkommen das des Branchendurchschnitts bei Männern mit dieser Herangehensweise sogar übersteigt. Ich wäre nicht sonderlich überrascht, wenn ich auch in meiner Eigenschaft als Vermieter mit meinen moderaten Quadratmetermieten bei der Nettorendite die Nase vorn hätte. "Ich zahle nicht gute Löhne, weil ich viel Geld habe, sondern ich habe viel Geld, weil ich gute Löhne bezahle", brachte einst Robert Bosch dieselbe Philosophie auf den Punkt.
Ich finde, solche Errungenschaften sollte frau sich nicht von irgendwelchen männlichen Rechenkünstlern wegreden lassen und dafür Zahnweh, das auch vermeidbar wäre, als alltägliche Begleiterscheinung der Arbeit akzeptieren müssen. Genauso, wie man sich als Vermieter den Umgang mit seinen Mietern nicht unangenehmer als nötig machen muß. Robert Bosch würde mir bestimmt zustimmen.
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Die SPD wäre bei der Landtagswahl in BW mit gerade mal 5,5 Prozent beinahe nicht einmal mehr in den Landtag eingezogen. Nun war die SPD zwar im Ländle schon immer chancenlos, aber ich bin alt genug, um mich an Zeiten zu erinnern, als sie noch über 30 Prozent der Stimmen bekam. Das Absinken auf unter 30 Prozent in den Neunzigern war erkennbar dem Aufstieg der Grünen geschuldet, aber inzwischen hat die SPD, fürchte ich, eher ein AfD-Problem in ihrer einstigen Stammwählerschaft.
Tatsächlich ist die AfD in den Altersgruppen, die sich größtenteils im Erwerbsleben befinden, gegenüber Jüngeren (unter 25) und Älteren (ab 60) auch deutlich überrepräsentiert, und würde man innerhalb der betreffenden Altersgruppen noch einmal nach Tätigkeit unterteilen, wäre der Wert bei den Arbeitern wahrscheinlich noch ein bißchen höher.
Die SPD täte gut daran, damit aufzuhören, sich die Sache schönzureden, indem von der Zuspitzung auf die Spitzenkandidaten von CDU und Grünen geschwafelt wird. Ja, das hat die SPD Stimmen gekostet, aber maximal 5,5 Prozentpunkte. Das ist weniger, als sie in BW zwischen 2001 und 2006 verloren hat, das waren nämlich mehr als 7 Prozentpunkte. Und von den 25 Prozent der Landtagswahl von 2006 - also nach dem Verlust dieser sieben Prozentpunkte - kann die BW-SPD seitdem nur noch träumen.
Die SPD hat meiner Meinung mit der Agenda 2010 ihre einstigen Stammwähler politisch heimatlos und damit anfällig für die Parolen der AfD gemacht.
Was mich an der Grafik irritiert: Wie Arbeitslose gewählt haben, hat bei der ARD wohl niemanden interessiert? Das ist schade, denn mich hätte es interessiert, ob bei ihnen die AfD noch stärker gewesen ist oder vielleicht doch die Linkspartei oder eine der Sonstigen häufiger gewählt wurden.
Eine interessante Äußerung las ich in einem TAZ-Interview mit einem Soziologen:
Als wir vor einigen Jahren bei Mercedes in Baden-Württemberg geforscht haben, war der Ehrverlust ein entscheidender Punkt: Die Arbeit als ehrwürdiges Tun – das gehört zur Industriearbeiterschaft immer ganz stark dazu. Das wird nicht mehr ausreichend gesellschaftlich, politisch respektiert – auch nicht seitens der SPD. Das führt nicht gleich nach rechts außen, aber kann von Rechtsradikalen instrumentalisiert werden, indem man es in Außenseiterstolz umwandelt.
AfD-Wähler aus verlorener Ehre also?
"Ehrverlust", das klingt irgendwie anachronistisch, aber es trifft die Sache, glaube ich, trotzdem oder vielleicht gerade deshalb ganz gut. Man hat schon öfter das Gefühl, der Mensch fängt erst mit dem Abitur oder besser noch dem Bachelor an. Leute, die sich bei der Arbeit die Hände schmutzig machen, zählen irgendwie nicht mehr. Umgekehrt hatte ich aber auch das Gefühl, als wir in unser gallisches Dorf gezogen sind, daß wir unter anderem auch deshalb dort so freundlich in die Mitte der Dorfgemeinschaft aufgenommen wurden, weil zumindest mein Mann einen total normalen Beruf hat wie andere Leute hier auch, und meiner damit wohl als normal ehrenhalber betrachtet wird. Ich glaube, einem Akademikerehepaar gegenüber wären die Leute reservierter, in Gesprächen klingt manchmal an, daß man diese oder jene Person mit einem entsprechenden Beruf für etwas abgehoben, wenn nicht gar dünkelhaft hält.
Blöd-Zeitung hin, sozialen Medien her: Das Grundgefühl, mit dem der Neid auf Leute geschürt wird, die vermeintlich leistungslos alles bekommen, was sie selbst sich im Schweiße ihres Angesichts erarbeiten müssen, hat die Neoliberalisierung speziell der SPD seit Schröders Zeiten als eine der wichtigsten Ursachen. Das Gefühl des Ehrverlusts spielt dabei bestimmt eine Rolle, also der fehlende Respekt vor der Leistung von Leuten, die kein BWL- oder Politikstudium als Grundlage ihrer Erwerbsbiographie haben.
Aber wo ist eine positive Perspektive für Arbeiter unter den demokratischen Parteien zu finden? Es scheint im Moment nirgends eine zu geben.
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In meiner ersten von voraussichtlich drei Miteigentümerversammlungen dieses Jahr war auch das Gebäudeenergiegesetz auf der Tagesordnung, und auch wenn angekündigt wurde, daß es abgeschafft wird, ist es im Moment ja noch Stand der Gesetzgebung. Wir haben also lange und ausführlich darüber gesprochen, aber Abstimmungen auf das nächste Jahr verschoben, ausgehend von der Rechtslage, die dann bestehen wird.
Was ich aus dieser Diskussion mitnehme: Niemand hat die ernsthafte Absicht, dauerhaft bei Gas-Etagenheizung zu bleiben. Gleichzeitig sind alle strikt gegen einen Umstieg auf Zentralheizung, nicht nur, weil dieser Umstieg schweineteuer wäre, sondern auch, weil es bis auf weiteres nur die Möglichkeit gibt, auf Gas-Zentralheizung umzusteigen. Den Sinn einer solchen Umstellung versteht kein Mensch. Mittlerweile kristallisiert es sich auch heraus, daß auf Basis der bestehenden Fernwärmenetze in der Stadt wahrscheinlich ein Fernwärmeanschluß in unserem Stadtteil gar nicht möglich wäre, weil die Kapazitäten des Fernwärmenetzes damit gesprengt würden. Hinzu kommt, daß ein Fernwärmeanschluß, wie ich gerade erst gelesen habe, die WEG voraussichtlich einen sechsstelligen Betrag kosten würde, falls er in Frage käme. Dafür bekäme man dann aber eine Heizlösung, die bekanntermaßen aktuell erheblich teurer als Gas ist und dies auch bei steigenden Gaskosten vermutlich noch geraume Zeit bleiben würde.
Alle werden deshalb aufatmen, sollte das Ende des Paragraphen 71l im Gebäudeenergiegesetz tatsächlich kommen, und viele sitzen längst in den Startlöchern, um die Heizung in ihrer Wohnung umzustellen, sobald es dafür realistische Möglichkeiten gibt. Die HeatPump23 wurde in diesem Zusammenhang auch besprochen. Als Speerspitze des Fortschritts stellte sich ausgerechnet der Senior unter den Miteigentümern heraus, der schon hoch in den Achtzigern ist. Er nutzt neben seinem uralten Gas-Einzelofen wahrhaftig schon seit zehn Jahren eine Split-Klimaanlage zum Heizen seines Wohnzimmers. Den Einzelofen will er vor allem deshalb weiter behalten, weil "es ja auch mal einen Stromausfall geben" könne. Ich soll nächstes Jahr in der Versammlung berichten, wie meine Erfahrungen mit der Split-Anlage über den nächsten Winter gewesen sind, und dann wird ggf. auch über eine Genehmigung der WEG für die erforderlichen Außengeräte in meinen beiden Wohnungen abgestimmt, und ebenso über eine Genehmigung für ein Balkonkraftwerk in der Dachgeschoßwohnung - wobei aber noch unklar ist, ob sich das überhaupt rechnen würde, wenn es am Balkon angebracht wird. Vermutlich bringt das nur etwas, wenn es auf dem Balkondach erfolgt. Die Frage ist, wie teuer die Installation dort dann wäre - vielleicht ist das so teuer, daß ich doch lieber die Finger davon lasse.
Jetzt muß das Gesetz nur noch so kommen, wie es angekündigt wurde. Ich bin mir nach diesem Meinungsbild sehr unterschiedlicher Miteigentümer einer WEG jetzt ziemlich sicher, daß sich die Frage der Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen zum Heizen von alleine lösen wird. Das ist ähnlich wie bei der Beleuchtung. Energiesparlampen waren kein adäquater Ersatz für Glühbirnen. LED, das mit wenigen Jahren Zeitverzögerung den Markt eroberte, hat ziemlich schnell dazu geführt, daß heute kein Mensch mehr den Glühbirnen nachtrauert. Attraktive Lösungen für Einzelwohnungen werden Gasthermen ziemlich schnell an den Rand des Aussterbens bringen. Niemand will die bloß aus Prinzip behalten.
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Die ältere Tochter unserer Nachbarn hat mir vor ein paar Tagen, als ich im Garten war, um die Äste vom Bäumeschneiden durch den Häcksler zu jagen, erzählt, daß sie am liebsten auch Kartoffeln in ihren Hochbeeten anbauen würde, weil sie so gerne Kartoffeln ißt. Ich sollte mal die Eltern fragen, ob das für sie okay wäre, wenn sie bei uns im Garten ein kleines Kartoffeläckerle zum Selbstbetreuen kriegt - zum Geburtstag oder so. Die haben nämlich auf ihrer Seite kaum Platz für Beete. Ihr Garten ist kleiner als unserer und eher als Erholungsgarten gedacht - mit einer großen Terrasse mit Sitzmöglichkeiten, darum Rasen und ein großes Trampolin. Ein bißchen Naschobst und -gemüse haben sie schon, aber der Platz dafür ist halt begrenzt. Wir haben viel mehr mögliche Anbaufläche.
Mäuse haben wir seit meinem letzten Beitrag gar keine mehr gehabt.
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