Dienstag, 23. Dezember 2025

Denken wie ein Mühlenbach, aussehen wie ein Idiot und handeln wie ein Erdbeben

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des letzten Fastentags vor Weihnachten (und des vorletzten im Jahr 2025): 77,4 Kilogramm. Das ist okay, wenn auch nicht superdupertoll, und falls ich ungefähr in diesem Bereich sein sollte, wenn es Mitte Januar in die zweite Low-Carb-Runde geht, will ich's zufrieden sein, obwohl ich vor Beginn der ersten Low-Carb-Runde eigentlich gehofft hatte, bei 75 bis 76,x herauszukommen. Klar ist jedenfalls, daß vier Kilo minus bis zum Zielgewicht doch mehr sind, als in sechs Wochen erreichbar ist. Ich muß mich mit der Tatsache auseinandersetzen, daß sich die Abnahme stärker verlangsamt hat, als mir das in den Kram paßt. Offenbar bin ich so kurz vor dem Ziel also doch noch einmal an den Punkt gelangt, an dem ich mir eine neue Komponente ausdenken muß. 

Ich habe deshalb entschieden, daß ich im Januar ein wenig anders vorgehe als geplant, vielleicht auch mit der Option, einen neuen "Endspurt" doch vermeiden oder, wenn's dafür doch nicht reicht, jedenfalls auf zwei, drei Wochen verkürzen zu können: Von den sechs Wochen Low Carb werde ich die ersten beiden wie immer gestalten, und die folgenden vier Wochen esse ich an Nichtfastentagen in den Frühschichtwochen meines Mannes erst zur Kaffeezeit, wenn er heimkommt, meine erste Mahlzeit. An Wochenenden verändere ich nichts, da essen wir ja sowieso erst um 12 Uhr. Oder mal sehen, vielleicht einige ich mich mit meinem Mann ja auch zur Abwechslung mal auf eine Hauptmahlzeit am frühen Nachmittag. 

Mal sehen, ob mir das die erforderlichen zwei Kilo minus zusätzlich verschaffen wird, aber wenn nicht, schließe ich an LC einen Endspurt an, der so lange dauern wird, bis ich sie weg habe. Ich will jetzt echt endlich mal Vollzug melden können.  

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Der Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Daniel Günther, scheint sich innerparteilich profilieren zu wollen. Das schließe ich daraus, daß er am gleichen Tag nicht nur die Wirtschaftsministerin so scharf angegriffen hat, im Radio hörte ich außerdem von seiner Forderung nach einer Zuckersteuer. Dabei berief er sich auch auf Vorbilder in Mexiko und Großbritannien. Blöd nur, daß beide Länder zwar in der Tat erfolgreich darin gewesen sind, den Zuckerkonsum zu reduzieren, aber dies keinerlei gesundheitliche Vorteile für sie nach sich zog. Das Adipositasproblem bei Kindern insbesondere konnte damit nicht reduziert werden. Es ist schon zwei Jahre her, daß ich die zugehörigen Zahlen für einen Blogartikel recherchiert habe, also dachte ich, es wäre doch interessant, zu erfahren, wie es in UK seitdem weitergegangen ist. Die Antwort kann man hier nachlesen. Spoiler: Sie ist ziemlich trostlos. 

Rational ist das nicht, wenn ein Politiker sich dazu aufschwingt, mit Verweis auf andere Länder eine Maßnahme umsetzen zu wollen, die dort keine erkennbare positive Wirkung hatte. Trostlosigkeit können wir ja auch einfacher haben. Fragt sich nur noch: Ist sich Günther dieser Mißerfolge einfach nicht bewußt oder kommt sein Vorschlag wider besseres Wissen? Am Rand erwähnenswert ist dazu, daß im Moment auch ein Vorschlag einer Expertenkommission vorliegt,  Adipositas neu zu definieren. Das hätte unter den gegebenen Vorzeichen zur Folge, daß bei Start mit der Neudefinition mit einem Hochschnellen der Adipositas-Betroffenen um sage und schreibe 60 Prozent zu rechnen wäre.Und, hurra, es würde eine neue Diagnosekategorie erfunden, die uns irgendwie bekannt vorkommt. Unterteilt würde nämlich in "klinische" und "präklinische" Adipositas. 

Ich glaube keinen Moment daran, daß es sich um einen ehrlichen Versuch handelt, ein Problem, das bislang unlösbar war, jetzt wirklich mal in den Griff zu bekommen. Es wäre zu hoffen, daß dieser Vorschlag recht schnell auf dem Friedhof vergessener Ideen landet, aber wo Gesundheitspolitik gerade eine Pirouette nach der anderen dreht, kann man sich darauf wohl nicht verlassen.Was beide Vorstöße gemeinsam haben, ist, daß mit viel Selbstbewußtsein auf Basis von nie hinterfragten Grundannahmen weitreichende Maßnahmen verlangt werden, die sich unweigerlich als unwirksam im erhofften Sinne erweisen werden, sofern in diesen Grundannahmen ein Fehler steckt. Bekanntlich gehe ich davon aus, daß dies der Fall ist. Außerdem bin ich der Meinung, alleine schon der gesunde Menschenverstand würde es gebieten, eine Herangehensweise, die seit Jahrzehnten nie die Ergebnisse gebracht hat, die sie hätte bringen müssen, kritisch zu hinterfragen. Ich bin es schon so gewöhnt, daß das niemals passiert, daß mich das Lösungsrepertoire der Experten und Gesundheitspolitiker an eine Stubenfliege erinnert, die immer wieder gegen dieselbe Fensterscheibe prallt. Daß Stubenfliegen, Gesundheitspolitiker und Wissenschaftler im einschlägigen Bereich aus Mißerfolgen lernen, damit kann man leider nicht rechnen. Der Stubenfliege kann ich aber immer noch das Fenster aufzumachen. Gegen die dickfellige Lernunfähigkeit von Gesundheitspolitikern und Wissenschaftlern kann ich nichts tun, außer mich entweder heimlich zu ärgern oder mir gelegentlich im Blog Luft darüber zu machen. 

Mir ist schon klar, warum Daniel Günther sich gerade so hyperaktiv aufführt. Er bringt sich offenbar für eine Post-Merz-CDU in Stellung, und dafür versucht er Mittel zu nutzen, die innerparteilich vielleicht nützlich sein könnten. Dafür braucht man erstens ein gewisses Ansehen in der Bevölkerung, das sich alleine schon durch höhere Bekanntheitsgrade bildet, und es schadet auch nichts, gesellschaftliche Gruppierungen wie in vorliegenden Fall diejenigen, in denen sich die Präventions- und Behandlungsindustrie zusammenfindet, auf seiner Seite zu haben. Dabei kommt es Günther aber offenbar nicht in den Sinn, daß er sich in unserem längst scherbenübersäten gesellschaftlichen Porzellanladen möglichst auf Zehenspitzen bewegen müßte, damit das, was noch nicht zerdeppert ist, weiter heil bleibt. Sogar ein Politiker könnte ja langsam mal auf den Gedanken kommen, daß der Liebesentzug der Wähler für das altvertraute Parteienspektum auch eine Reaktion auf die Entnormalisierung ihrer vertrauten Lebensgewohnheiten durch jene Parteien sein könnte, die vor allem in der Gesundheits- und der Umweltpolitik eine Art Lieblingszeitvertreib geworden zu sein scheint. 

Daß jeder dieser Aspekte für sich genommen nur eine Kleinigkeit ist, macht die Sache nicht unriskanter, wenn man dabei ständig auf eine Stelle draufhaut, die von den letzten paar Dutzend Malen immer noch schmerzt. Da kann es sogar schon reichen, wenn eine Stubenfliege immer wieder aggressivem Nachdruck gegen die Stelle mit dem schmerzenden blauen Fleck fliegt. Was die Sache noch bitterer macht, ist, daß es mal wieder lupenreiner gesundheitspolitischer Populismus ist, das übliche "So tun, als ob", der überhaupt nichts bewirken muß, weil er aus ganz anderen Gründen angezettelt wird. Daß Daniel Günther im Ernst glaubt, uns mit solchen Maßnahmen gesünder zu machen, kann er nämlich seiner Großmutter erzählen. 

Die Engländer sind übrigens auch nicht gescheiter. Dort will man jetzt als Reaktion auf die bestürzenden neuen Zahlen über die Entwicklung von Adipositas bei Kindern und Jugendlichen Lösungen nach dem Prinzip "Mehr vom Gleichen". Wer soll diesen Leuten eigentlich noch glauben, daß sie ernsthaft das zugrundeliegende Problem lösen wollen? Entweder es interessiert sie gar nicht oder sie handeln ohne jede Überlegung nach der Ambrose Bierceschen Definition einer Notlage, die es erfordere, daß man "denke wie ein Mühlenbach, aussehe wie ein Idiot und handle wie ein Erdbeben". Irgendwie wundert es mich da nicht, daß Nigel Farages Reform UK anscheinend gute Aussichten hat, die nächsten Wahlen zu gewinnen. Farage war auch maßgeblich daran beteiligt, daß der Brexit seinerzeit eine Mehrheit bekam, nur hieß seine Partei damals noch anders, nämlich UKIP. Ehrlich gesagt, ich weiß nicht einmal, ob seine jetzige Partei dieselbe unter neuem Namen ist oder eine andere. 

Trotzdem habe ich eine Schwäche für Nigel Farage. Er ist einer von ganz wenigen Politikern auf dieser Welt, die sich nach wie vor trauen, vor laufenden Kameras eine Zigarette zu rauchen - vielleicht ist er mittlerweile sogar der einzige, erklärt man Kim Jong-un als Diktator mit Sonderrechten, die er seinen Untertanen nicht zubilligen würde, für eine grundsätzlich andere Kategorie. Das unterscheidet Farage aber auch von anderen rauchenden Rechtspopulisten, etwa Giorgia Meloni oder Marine Le Pen - die achten recht genau darauf, möglichst nicht beim Rauchen fotografiert zu werden. Vermutlich verheimlichen nicht wenige Politiker ihr Rauchen überhaupt, so gut sie können. Das gilt auch ausdrücklich nicht nur für Populisten. Schon Obama hat als Präsident weitergeraucht, nur eben heimlich, nachdem er ja mit viel Tschingerassabum im Wahlkampf über seinen Rauchstopp getönt hatte. 

So etwas läßt mich von einem Moment zum nächsten jeden Respekt auch vor einem Staatsmann verlieren. Da blasen sie sich auf vor lauter angeblicher Wichtigkeit. Und dann müssen sie sich zum Rauchen aufs Klo schleichen. Ich hätte das schon mit 15 für unter meiner Würde gehalten. 

Wie auch immer, das ist der Grund, warum mir Farage trotz allem, was man politisch gegen ihn für Einwände haben könnte, imponiert, denn das ist an ihm auffallend anders. Ich glaube nicht, daß ich ihn wählen würde, wenn er bei uns zur Wahl stünde. Aber mit ihm zusammen ein Bier trinken - ja, ich glaube, das würde ich tatsächlich machen. Mit Daniel Günther täte ich weder das eine noch das andere. Nicht einmal dann, wenn er mir dabei wider Erwarten auch eins vorrauchen würde. Ich sehe die Absicht seiner aktuellen Initiativen und bin darob verstimmt, weil es davon zeugt, daß er auch keine Ideen hat, sondern nur nach den üblichen "low hanging fruits" zu greifen versucht. Bestimmt wird er demnächst auch mit dem kalten Kaffee vom Rauchverbot in Autos oder der Widerspruchslösung bei Organspenden daherkommen. Nichts daran wird irgendetwas in diesem Land zum Positiven verändern. Wir brauchen sogar ein bißchen Glück, damit es nicht im Gegenteil das eine oder andere verschlechtert. 

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Was mir nach dem knappen Jahr Donald Trump als US-Präsident immer wieder durch den Kopf geht: Trumps USA verhält sich in aller Offenheit genauso, wie man es den USA als heimliche finstere Absicht hinter den geheuchelten guten Absichten in allen außenpolitischen Bezügen seit Jahrzehnten wieder und wieder unterstellt hat. Ich vermisse in den letzten Monaten zunehmend Aufschreie über die USA auf unseren Straßen, die wenigstens halb so laut und empört sind wie diejenigen, die ich in der Vergangenheit mitbekommen habe. Wo sind die Demonstranten mit dem Slogan "Kein Blut für Öl!" eigentlich jetzt, da es um das Öl von Venezuela geht? Wer protestiert auf unseren Straßen dagegen, daß Dänemark von den USA mit der Annexion Grönlands bedroht wird? All das muß sich niemand aus irgendwelchen obskuren Indizien zusammenreimen, die Amis machen das in aller Offenheit. Nur, auf einmal interessiert das anscheinend niemanden mehr. 

Die US-Politik hatte bessere und schlechtere Phasen, aber sie waren nie nur edel und gut und nie nur brutal und/oder heimtückisch, sondern immer eine Mischung aus beidem. Bis zur Amtsübernahme Trumps zu seiner zweiten Amtszeit, denn ab da wurden die schlimmsten Vorurteile gegen die USA ständig durch die Praxis mindestens bestätigt, oft auch überboten. Gemessen daran finde ich die Stille unter den üblichen US-Kritikern ohrenbetäubend. Finden wir uns damit ab: US-Kritik war wesentlich populärer, als man sie noch mit  Verschwörungstheorien begründen mußte. 

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Endlich haben wir Zeit gefunden, eine erste größere Bestellung bei den Jagdpächtern eines Reviers im näheren Umland zu tätigen. Wir haben 4,2 Kilogramm Fleisch (Keule, Rücken und Gulasch von Reh und Wildschwein, tiefgekühlt), 1 knappes Kilogramm Bratwürste (tiefgekühlt), 1,5 Kilogramm Räucherwürste (vier verschiedene Sorten), einen kleinen geräucherten Wildschweinschinken und drei Dosen Wurst frei Haus geliefert bekommen. Wir wollen die angebotene Palette mal komplett durchprobieren, um entscheiden zu können, wovon wir künftig schwerpunktmäßig bestellen.  

Am Samstagabend haben wir die klassischen Bratwürste zusammen mit Ofenkartoffeln probiert und sie waren ausgezeichnet. Auf die zweite Sorte mit Bärlauch, die es an Heiligabend mit Kartoffelsalat gibt, sind wir schon gespannt. Wenn der Urlaub meines Mannes zu Ende ist, werden wir nämlich eine größere Bestellung für Würste aufgeben (einer der Gründe, warum wir die Gefriertruhe jetzt gekauft haben), denn mein Mann kauft bislang immer die Bauernwürste von Aldi für seine Spätschichten, wenn wir nicht zusammen zu Abend essen. Ich bin davon nicht sonderlich begeistert, also möchte ich gerne etwas Besseres als diesen Discounter-Kram ständig im Haus haben. Mit dem Fleisch werden wir länger auskommen. Das Rehgulasch gibt es zu Weihnachten, wenn wir Familienbesuch bekommen. Der Rest wird den einen oder anderen Sonntagsbraten für uns ergeben. 

Was mir an diesem Lieferanten besonders gefällt, ist, daß die Tiere, von denen das Fleisch kommt, nicht mit einer speziellen Fütterung für die kommerzielle Verwertung optimiert werden, sondern das fressen, was ihnen am besten schmeckt, und daß sie außerdem in einem Umkreis von zehn Kilometern von unserem Wohnort gelebt haben. Außerdem werden die Würste ebenfalls im unmittelbaren Umkreis des Orts hergestellt, und der Jäger selbst wirkt dabei mir - sein Großvater war Metzger und er selbst hat Fachkenntnisse und natürlich auch die Verbindungen im Metzgerhandwerk. Außerdem finde ich es in vieler Hinsicht vernünftig, möglichst viele Arten von Lebensmitteln, die wir kaufen, aus lokaler bis regionaler Herstellung bekommen zu können. Je näher, desto besser. Tatsächlich sind das mittlerweile eine ganze Menge, neben Obst und Gemüse, Kartoffeln und Eiern, Honig und Milch sowie Crème fraiche kaufen wir auch Mehl aus einer Mühle im Nachbarort und Wurst bei einem Metzger aus der näheren Umgebung, der in erreichbarer Nähe auf einem Wochenmarkt erreichbar ist. Fleisch beziehe ich auch nur noch zum Teil im Discounter.  

Aber das Allerwichtigste für uns ist und bleibt: Wir wollen Lebensmittel essen, die wirklich schmecken. Es ist uns dabei egal, ob sie billig oder teuer sind und ob sie als gesund oder ungesund gelten. 

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Und beinahe hätte ich es noch vergessen: Frohe Weihnachten allen Lesern dieses Blogs.  :-)

Freitag, 19. Dezember 2025

Der eigentliche Grund, warum Millennials sich keine Immobilien leisten können

Mein Gewicht heute früh nach dem vierten von vier Fastentagen: 71,9 Kilogramm. Das sind  5,9 Kilogramm weniger als am Montag und ein ausgesprochen zufriedenstellendes Ergebnis nach dem eher enttäuschenden Anfang. Aber das zeigt auch mal wieder: Die Waage zeigt nie die vollständige Wahrheit an. Ich habe mal in meiner Tabelle nachgesehen: Als ich wärend der Low-Carb-Phase nach vier Tagen Fasten bei diesem Gewicht herausgekommen bin, wog ich zu Beginn 76,1 Kilogramm. Damit kann man den Faktor Wasser - während LC wiegt man wegen weniger Körperwasser ja generell ein bißchen weniger - für mich bei 1,7 Kilogramm sehen - plusminus ein bißchen was, denn Magen-Darm-Inhalt spielt ja auch eine gewisse Rolle bei Gewichtsschwankungen und kann zwei- bis dreihundert Gramm hin oder her ausmachen. 

Damit gehe ich jetzt recht beruhigt in die Phase ohne lange Fastenintervalle bis zur KW 3 im nächsten Jahr.  

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Irgendwie war nicht viel los in meinen Stammthemen, also dachte ich: Langweile ich meine Leserschaft also mal wieder mit Immobilien. Schuld daran ist das Kieler Institut für Weltwirtschaft (ja, ich habe gesehen, daß die sich mittlerweile "Kiel Institut" nennen, ich finde diese Bezeichnung aber sprachlich zu unseriös, um mich umzugewöhnen). Ihm ist bei der Immobilienproblematik eine Sache aufgefallen, die ich gelegentlich auch bereits nebenbei gestreift hatte: Woran junge Leute beim Immobilienkauf heutzutage scheitern, das sind nämlich nach deren Darstellung nicht Zins und Tilgung und daß sie sich die nicht mehr leisten könnten. Vielmehr sei es das geforderte Eigenkapital. Den Beweis dafür glaubt man in Kiel gefunden zu haben: Zwischen 1980 und 1990 entsprach nach der verlinkten Untersuchung die Höhe des verlangten Eigenkapitals 2 Jahresgehältern. Zwischen 2015 und 2024 waren es durchschnittlich 3 Jahresgehälter. 

Freilich, von mir kommt dazu mal wieder ein "Aber ...!". Das liegt daran, daß ich zwar die erhobenen Daten und deren rechnerische Aufarbeitung nicht bezweifle, aber näher betrachtet innerhalb beider Zeiträume erhebliche Verschiebungen teils vermute, teils selbst miterlebt habe, und speziell im zweiten Zehnjahreszeitraum eine besonders ungünstige Entwicklung, die fehlendes bzw. zu geringes Eigenkapital für immer mehr Leute zu einer schwer überwindbaren Hürde machte, erst ab dem Jahr 2022 diagnostizieren kann. 

Über den ersten Zehnjahreszeitraum freilich kann ich nicht viel sagen, da ich meine erste Wohnung erst Anfang 1992 erworben habe. Was ich weiß, ist, daß ich beinahe zum Zeitpunkt des damaligen Preishöchststands gekauft habe, der etwa ein Jahr später überschritten wurde. Das heißt, gegen Ende der achtziger Jahre werden die Einkommen mit der Preissteigerung auch schon nicht mehr mitgehalten haben, und das wiederum bedeutet, es gab Ende der Achtziger vermutlich schon eine Entwicklung, in der die Eigenkapitalforderungen jedes Jahr mehr den Durchschnittswert übertroffen haben. 

Dafür war ich zwischen 2015 und 2024 aber die ganze Zeit "mittendrin", also hier meine Nahperspektive: Der Preisanstieg bei Wohnimmobilien hatte 2015 gerade erst seit zwei, drei Jahren eingesetzt, war da noch relativ langsam und nahm jedenfalls bei uns herum erst in den Jahren darauf so richtig Fahrt auf. Das gilt noch mehr für Randlagen und das Umland meiner Stadt. Ich glaube, es war um 2015 herum, als ein Kollege meines Mannes sich eine Eigentumswohnung knapp außerhalb des Stadtgebiets in einer angrenzenden, aber so perfekt mit Öffis verbundenen Nachbargemeinde kaufte, daß es eigentlich erstaunte, daß die Preise der dortigen Eigentumswohnungen wie aus der Zeit gefallen wirkten: als wäre die Entwicklung des Immobilienmarkts dort zwei oder drei Jahre zuvor stehengeblieben. Der Preisanstieg in den weniger beliebten Stadtteilen, wo man vorher nicht hinziehen wollte, ging dort im Vergleich zu den begehrteren Wohnlage etwas früher als in den Nachbarorten los, hatte meiner Erinnerung nach aber 2015 auch noch nicht so richtig eingesetzt. Dafür war der dortige Preisanstieg aber meinem Gefühl nach sogar noch steiler, und ich argwöhne, im Umland war das, als es auch dort schließlich losging, noch schlimmer. 

Etwa um 2015 muß es auch damit losgegangensein, daß es auf dem Immobilienmarkt plötzlich keine Ladenhüter mehr zu geben schien. Kleine Kapitalanlagewohnungen, auch solche in schlechter Lage und/oder mit schlechter Ausstattung, für die sich wenige Jahre zuvor noch kein Mensch interessiert hatte, verschwanden auf einmal ruckzuck aus Immoscout. 2017 war ich mal bei einer Besichtigung einer Wohnung, bei der ich mich aber nicht zum Kauf entschließen konnte, und dabei bekam ich von der redseligen Maklerin zum ersten Mal erzählt, daß solche Wohnungen meistens von Käufern erworben wurden, die möbliert vermieten wollten. Auch bei diesem Objekt, eine eigentlich schnuckelige 2-Zimmer-Wohnung in einem Jahrhundertwende-Altbau in einem innenstadtnahen einstigen Arbeiterviertel, hatte sie überwiegend solche Interessenten. Der Witz dabei ist, daß auch die Möbliert-Pauschalmieten, über deren Höhe ich mich damals insgeheim entrüstete, aus heutiger Perspektive ausgesprochen günstig wären. Aber eine Wohnung, deren Erwerb ich mit meinem konservativen Vermietungsmodell ebenfalls noch für rentabel gehalten hätte, erforderte natürlich für die um einiges höhere Rendite x, die für Möbliert-Vermieter Kalkulationsbasis ist, angesichts der damals noch viel niedrigeren Kaufpreise noch längst keine so hohen Mieten wie später. Ich hätte die Wohnung gerade deshalb eigentlich gerne gekauft, abgesprungen bin ich aber, weil es beim Gemeinschaftseigentum Unklarheiten gab, die ich für potentiell rechtssteitverdächtig hielt. 

Wie lange der Preisanstieg für Immobilien dauern würde, hätte ich mir allerdings da noch nicht träumen lassen. Für Kapitalanleger wurde der Kauf von ETWs ja mit jedem Jahr unrentabler. Schon 2019 kaufte ich die beiden Wohnungen bei mir im Haus ohne sonderliche Renditeerwartungen und ging sogar davon aus, daß ich bei einem etwaigen Verkauf einen Verlust machen würde. Das spielte für mich nur deshalb keine Rolle, weil ich diese Wohnungen dauerhaft behalten wollte. Ich kaufte sie auch nicht wegen der Rendite, sondern um mir mein nachbarschaftliches Umfeld zu erhalten. Die Leute, die sich damals bei uns noch hätten einkaufen können und wollen, wollte ich ums Leben nicht als neue Nachbarn. Damals dachte ich ja noch, daß man mich aus meiner Wohnung nur mit den Füßen voraus jemals rauskriegen würde. Deshalb reichte es mir, zu wissen, daß ich die Finanzierung stemmen konnte, bei Beibehalt der Mietverhältnisse jedenfalls eine schwarze Null zu haben und perspektivisch irgendwann auch wieder in den positiven Bereich rutschen würde. 

Ich brauchte also zum Glück nicht unbedingt Maximalrendite. Trotzdem hätte ich mein Geld nicht für ein solches Objekt ausgegeben, wenn nicht persönliche Gründe - immerhin wohnte ich langjährig in diesem Haus - mich dazu motiviert hätten. Wer aber eine anständige Rendite haben wollte oder benötigte, damit die Finanzierung überhaupt funktioniert, fand bei Immobilien zur Kapitalanlage ab ca. 2018 wegen der plötzlich immer heftiger werdenden Ausschläge nach oben bei den Quadratmeterpreisen bei gleichzeitig schwindender Zahl von Angeboten kaum mehr geeignete Objekte. Dafür kamen nun immer stärker diese Möbliertvermietungen nicht nur in kleinen Wohnungen, sondern auch in Form von WGs in größeren, familientauglichen Wohnungen auf, das einzige Modell, mit dem man immer noch auf Gewinne hoffen konnte. Als Folge wurde das Angebot familientauglicher Wohnungen immer knapper. Auf einmal bestand das Problem nicht mehr in der Frage, was man sich leisten konnte, sondern ob man überhaupt etwas geeignetes finden würde. Denn die Kaufpreise, die bei Möbliertvermietern immer noch die angestrebte Rendite x ermöglichten, mußte eine Familie auf dem umkämpften Markt überbieten, um überhaupt zum Zuge zu kommen. Das war meiner Meinung nach der wichtigste Grund für die rasch steigenden Kaufpreise. 

Ohne die Niedrigzinsen wäre diese Preisexplosion gar nicht vorstellbar gewesen, aber sie bewirkten, daß teurere Wohnungen trotzdem Darlehensnehmer nicht finanziell überforderten. Dieser Faktor ließ auch die Banken ihre Eigenkapitalvorgaben etwas entspannter interpretieren, denn wenn eine 80qm-Dreizimmerwohnung in gefragter Lage  für um die 500.000 Euro angeboten wird (wie das in meinem Wohnviertel ab ca. Mitte 2021 tatsächlich für einige Monate zu beobachten war), Zins und Tilgung von dem Kaufinteressenten aber gut getragen werden können, dann hätte die Bank, wäre sie wie üblich vorgegangen, ein Eigenkapital von 100.000 Euro plus ca. 50.000 Euro für die Kaufnebenkosten verlangen müssen. Das konnten aber mehrheitlich auch die Interessenten nicht, bei denen ansonsten die Finanzierung unproblematisch aussah. 

Als die gestiegenen Zinsen plötzlich Immobilien zu den Anfang 2022 als normal empfundenen Kaufpreisen nahezu unfinanzierbar machten, war es auch damit aber schnell vorbei. Der Faktor Eigenkapital wurde wieder wichtig. Und deshalb sanken auch die Kaufpreise seit 2022, weil es immer weniger Nachfrage für das Angebot gab, und deshalb die Anbieter mit den Preisen runtergehen mußten, um Käufer zu finden. Die Kaufinteressenten hätten sie vermutlich mehrheitlich immer noch genommen, aber die neuen Rahmenbedingung bewirkten, daß ihre Banken ihnen das benötigte Darlehen gar nicht mehr oder nur noch für kleinere Objekte gaben, als sie es eigentlich geplant hatten. 

Wegen dieser Entwicklung, die den Zehnjahreszeitraum 2015 bis 2024 in drei voneinander abgrenzbare Phasen mit sehr verschiedenen Rahmenbedingungen unterteilt, von denen lediglich in der letzten Phase, 2022 bis 2024, ein Immobilienerwerb für einen wachsenden Teil der Kaufinteressenten immer schwieriger zu finanzieren wurde, halte ich es für falsch, ihren Durchschnittswert mit dem von 1980 bis 1990 zu vergleichen.

Das liegt aber, und hier gebe ich den Kielern wieder recht, nicht daran, daß sich immer weniger Leute Wohneigentum leisten könnten, was die monatliche Belastung durch Zins und Tilgung des Darlehens betrifft. Ein beträchtlicher Teil derjenigen, die von ihrer Bank kein Geld für eine Immobilie bekommen, wäre in Wirklichkeit sehr wohl imstande, einen solchen Kauf zu stemmen. Beispiel ist der Mieter meiner im Sommer verkauften kleinen Wohnung: Wie gerne hätte er sie selbst gekauft, und er hätte sich die Finanzierung auch leisten können, denn er hätte für ein Hypothekendarlehen weniger als hundert Euro Mehrkosten monatlich gehabt im Vergleich zu seiner Kaltmiete, eine monatliche Belastung ungefähr in dem Bereich, in den ihn auch eine Mieterhöhung um den maximal möglichen Betrag gebracht hätte. Eigenkapital brachte er keines mit, aber meine Kalkulation galt für eine 100%-Finanzierung. Alle Banken haben ihn aber abblitzen lassen. 

So was ist nach deren Risikominimierungslogik vielleicht unverzichtbar, müßte aber eigentlich trotzdem nicht sein. Deshalb fände ich staatliche Bürgschaften für Familien, die eine Wohnung zur Selbstnutzung erwerben wollen, als möglichen Ersatz für die derzeit unrealistisch hohen Eigenkapitalforderungen der Banken eine gute Lösung, wenn die Finanzierung ansonsten gut machbar erscheint. Für die Bank geboten würde dabei, wenn die Finanzierung doch schiefgeht, eine Übernahme der finanziellen Verpflichtungen des Käufers bei gleichzeitigem Eigentumsübergang an den Bürgen, idealerweise die Kommune, der auf diese Art und Weise nebenbei einen Bestand an Wohnraum gewinnt, den er vom Mietwohnungsmarkt entkoppeln und perspektivisch später auch an auf dem Wohnungsmarkt benachteiligte Gruppen vermieten kann. 

Blöd nur, daß solche Ideen nicht einmal in der öffentlichen Debatte zu finden sind und somit keine Chance haben, aufgegriffen zu werden. Nun ja, einstweilen sehe ich in meiner Stadt noch keine Indizien für einen Preisanstieg bei Immobilien, die Einkommen hingegen gehen nach oben, das heißt, die Möglichkeiten werden besser, wenn auch langsam. Wenn jetzt noch jemand den Millennials das Geheimnis verrät, daß es noch nie allzu vielen Leuten möglich war, heute zu beschließen eine Immobilie zu kaufen, und dies dann innerhalb weniger Monate umzusetzen, sondern schon immer die Mehrheit einige Jahre im Voraus darauf hinplanen mußte, dann sollten die Möglichkeiten nach und nach besser werden. 

Ich habe übrigens mal die Sache mit dem Eigenkapital für unseren Hauskauf überschlagen. Ein Eigenkapital von 20 Prozent des Kaufpreises plus Kaufnebenkosten hätte für uns etwa 1,6 oder 1,7 Jahreseinkommen ausgemacht. Wir hatten aber mehr als das, nämlich den gesamten Kaufpreis in Form anderer Immobilien und mußten es nur noch flüssig machen. Aber auch aus der einkommensbezogenen Sicht kann ich über unsere Bank nur den Kopf schütteln. Was für Flaschen sind eigentlich nötig gewesen, um in unserem Fall lieber den Kauf als solchen zu gefährden, als flexibel genug zu sein, über die Formulare der üblichen 10-Jahre-Zinsfestschreibungs-Finanzierungen hinauszudenken und pragmatische, aber für die Bank trotzdem dieselbe Sicherheit bietende Lösungen zu finden? Es wird höchste Zeit, daß ich mich von denen verabschiede. Zu meinem Bedauern wird es aber doch mindestens noch bis Ende 2026 dauern, bis wir alle unsere Konten in die Volksbank am Ort transferieren können. Die Wohnung meines Mannes ist noch nicht verkauft, und er will den Wechsel erst, wenn das alles über die Bühne gegangen ist. 

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Sonst breche ich das Fasten nach vier Tagen ja immer mit Keto-Waffeln, aber heute lüstete es mich nach Brötchen aus Mandel-Mozzarella-Teig, und weil ich gerade keinen Mozzarella habe, wäre Gouda als Ersatz perfekt gewesen. Es zeigte sich aber, daß mir - Weihnachtsgebäck macht's möglich - auch die gemahlenen Mandeln ausgegangen waren. Also ersetzte ich die Mandeln durch gemahlene Haselnüsse. Und was soll ich sagen? Die Brötchen waren richtig klasse. Mandeln und Mozzarella sind vergleichsweise geschmacksneutral, Haselnüsse und Gouda schmecken deutlich intensiver. Eine Hälfte habe ich nur mit Butter gegessen, und ich muß sagen, mehr als das braucht es eigentlich nicht. 

Danach war ich freilich bis zum Abendessen satt.  

 

 

Montag, 15. Dezember 2025

Einschüchterungsvokabeln für Fortgeschrittene: der "invasive" Brustkrebs

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des letzten langen Fastenintervalls dieses Jahr: 77,8 Kilogramm. Ein bißchen enttäuschend, aber die zwei Kilo plus im Vergleich zu vor zwei Wochen liegen im Rahmen des Erwartbaren - zumal ich gestern abend Chili con Carne gemacht habe und die roten Bohnen noch in meinem Magen-Darm-Trakt Cha-Cha-Cha tanzen. Enttäuscht war ich außerdem schon von den 75,8 zu Beginn des langen Fastenintervalls direkt zum Abschluß der Low-Carb-Phase. Mal sehen, wo ich am Freitag gelandet sein werde. Die nächste Woche läutet ja die Feiertagssaison ein, und drei Wochen lang geht fastentechnisch nicht sonderlich viel. Wenn ich in vier Wochen das lange Fastenintervall vor Beginn der zweiten Low-Carb-Phase des Winters anfange, hoffe ich, ebenfalls ungefähr das heutige Gewicht auf die Waage zu bringen. Wohin mich das bis Ende Februar bringen wird, das werde ich dann sehen. Falls es mich nicht zufriedenstellt, werde ich es eben noch einmal mit einem Endspurt versuchen. 

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Frauen unter 50 erkranken in den letzten drei Jahrzehnten immer häufiger an Brustkrebs, das ergibt sich aus immer mehr einschlägigen Untersuchungen und auf mindestens eine davon bin ich bereits irgendwo früher ausführlicher eingegangen, deshalb hier nur der zugehörige Medienbericht, der aber immerhin die betreffenden Links zu den Studien enthält. 

Brustkrebserkrankungen bei jüngeren Frauen sind außerdem auffallend häufiger aggressive Varianten und häufiger "invasiv", so der Bericht. Na, verstanden, was dieser letzte Begriff bedeutet? Ein vielleicht etwas peinliches Geständnis: Ich kapierte es zunächst nicht. Eine kurze Google-Recherche belehrte mich aber, daß damit gemeint sei: Es ist schlicht ein "echter" Krebs im Gegensatz zu einer Krebsvorstufe. Ich weiß ja, daß es diese Vorstufen gibt, und sicherlich ist der Begriff auch fachlich korrekt - ich bin bloß kein Fachmann -, aber ich bin mir ziemlich sicher, daß diese Begrifflichkeit den typischen ahnungslosen Leser doppelt so bedrohlich klingt wie einfach nur "Krebs". War das der Autorin nicht bewußt oder machte sie das mit Absicht? Es entspricht ja dem Zeitgeist, pausenlos Ängste aller Art wissentlich zu schüren, und das ärgert mich praktisch jeden Tag bei einem anderen Thema. Angesichts dessen ist es kein Wunder, wenn jüngere und leichter zu beeindruckende Menschen immer mehr mit Depressionen zu kämpfen haben. 

Ich bin mir ziemlich sicher, daß Ärzte das Schüren von Ängsten ebenfalls als Stilmittel nutzen, und dabei ist es wohl mindestens zum Teil nur vorgeschoben, wenn sie glauben, der Schock werde heilsame Verhaltensänderingen auslösen. Dagmar Stöckle, die Journalistin aus meinem letzten Beitrag, wurde in jeder ihrer Abnehm-Dokus geschockt und änderte ihr Verhalten, nur verhalf ihr das trotzdem nicht zu einer dauerhaften Gewichtsreduktion, und irgendwie scheint das ihren Arzt im Adipositaszentrum auch gar nicht zu überraschen. Warum er ihr trotzdem jedes Mal in etwa dieselben Diät-und-Bewegung-Programme verordnet, kann dann eigentlich nicht so erklärt werden, daß er ernsthaft an einen Erfolg glauben würde. Irgendwie muß es Ärzte auch befriedigen - oder wenigstens ihren Frust verringern -, ihren Patienten ordentlich eins reinwürgen zu können, mindestens dann, wenn sie glauben, sie seien selbst mitschuldig an ihrer Krankheit. Das gilt dann natürlich auch für Krebs, denn die Präventionsratschläge dafür sind denjenigen gegen Adipositas ja gar nicht so unähnlich. 

Patienten, bei denen sich "nur" eine Krebsvorstufe gezeigt hat, kann man, quasi als Bonus, zusätzlich zu den "echten" Krebspatienten in dieselbe Sorte Existenzangst versetzen, die auch eine "echte" Krebsdiagnose immer auslöst. Irgendwie erinnern mich die Krebsvorstufen deshalb an die Sache mit Prädiabetes, der plötzlich den "echten" Diabetes auch zu einer subjektiv viel schlimmeren Sache gemacht hat, als er es vorher gewesen ist. Vielleicht ist es ja doch ein Vorurteil von mir, aber ich kann mir nicht helfen: Meiner Meinung nach befriedigt es viele Ärzte tatsächlich insgeheim, bei ihren Patienten Angst auszulösen, jedenfalls bei denjenigen, denen sie unterstellen, selbst an ihrer Krankheit schuld zu sein. Wenige sind dabei so unverblümt wie der Arzt in diesem Fall oder der unverschämte Bereitschaftsarzt, der letzten Herbst notfallmäßig zu meinem Mann kam. Die Mediziner des Jahres 2025 sind in dieser Hinsicht so rückständig wie Pädagogen im finstersten neunzehnten Jahrhundert.

Aber ich schweife ab. Back to topic.  

Natürlich sind Krebsvorstufen und Prädiabetes trotzdem ernst zu nehmen. Aber was genau daran so alarmierend sein soll, wenn Brustkrebserkrankungen in Altersgruppen, in denen noch kein Mensch, auch Ärzte nicht, ernsthaft mit einer solchen Diagnose rechnet, erst nach dem Vorstufen-Stadium entdeckt werden, hat sich mir zugegebenermaßen nicht erschlossen. Vorstufen werden bei diesen Altersgruppen ja allenfalls als "Beifang" zufällig - und deshalb nur selten - gefunden, wenn eigentlich etwas anderes gesucht wird. Ein Knoten in der Brust, den eine Patientin oder ihr Arzt bereits ertasten kann und der natürlich bedeutet, daß das Vorstufenstadium bereits überschritten wurde, ist für gewöhnlich das erste, das auffällt. Selbstverständlich sind die allermeisten Krebsdiagnosen in jüngeren Altersgruppen also die von "invasivem" Brustkrebs. Was denn sonst? Alarmierend ist es aber in der Tat, daß diese Diagnosen in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich mehr geworden sind, und das gemeinerweise in Altersgruppen, in denen sie trotzdem immer noch Ausnahmefälle darstellen und damit die Frage nach Früherkennungs-, aber auch Präventionsmaßnahmen kniffelig machen. 

Wer Krebs bei unter 40jähigen als Folge von irgendwelchem Fehlverhalten deutet, der tut den Betroffenen damit nämlich fast sicher Unrecht. Man muß diesem Fehlverhalten, wo es besteht, meiner Meinung nach schon die üblichen vier, fünf Jahrzehnte Zeit geben, um ernsthaft dem sündigen Patienten eine Mitschuld an seinem Krebs in die Schuhe schieben zu wollen. Es müßte für diese Altersgruppe generell eine Unschuldsvermutung gelten, egal ob und wieviel sie rauchen, saufen und fressen. Wenn in so einem Alter Krebs auftritt, müssen ganz einfach Faktoren hauptverantwortlich dafür sein, die von dem Patienten nicht beeeinflußt werden konnten, das gilt für die sportlichen Gesundköstler wie auch für die übergewichtigen Couch-Potatos - und natürlich auch für alle, die weder das eine noch das andere sind, sondern, wie fast jeder, irgendein Mittelding dazwischen. 

Interessant fand ich in der verlinkten Tabelle aus einer der Studien aus dem Artikel, daß HER2-positive Brustkrebserkrankungen - also "mein" Krebs - nicht nur bei besonders jungen Patienten, sondern bei allen Altersgruppen auffallend deutlich häufiger geworden sind (am stärksten bei den unter 50- und den über 75jährigen), während der hormonelle in fast allen Altersgruppen leicht zurückging. Bei triple-negativ gab es in den Altersgruppen zwischen 40 und 75 Rückgänge, bei den Jüngeren und Älteren Anstiege, die aber im Vergleich zu HER2-positiv recht gering ausfielen. Das Seltsame ist, daß im Medienbericht auf diese unterschiedlichen Entwicklungen bei den verschiedenen Arten von Brustkrebs überhaupt nicht eingegangen wurde, obwohl das die auffälligste Entwicklung gewesen ist. Daß es HER2-positiv überhaupt gibt, wird im Artikel sogar nicht einmal erwähnt. 

Der Artikel erschien in Österreich, und dort beginnt die Kernzielgruppe für das Screening nicht wie bei uns mit 50, sondern mit 45, empfohlen wird es aber bereits mit 40 Jahren. Damit ist es natürlich klar, daß eine Ausweitung in noch jüngere Altersgruppen nicht sinnvoll sein kann und nach anderen Wegen gesucht werden müßte, bestimmte Risikogruppen jüngeren Alters gezielter für Früherkennungsmaßnahmen auszuwählen. Es gibt mit dem Screening als eine solche Früherkennungsmaßnahme aber ein Problem, das gegen diesen Lösungsvorschlag spricht.  "Sprintkrebs" (meine Bezeichnung für das, was im Artikel als "besonders aggressiver Krebs" vorkommt) ist natürlich besonders häufig das, was Hanna Heikenwälder, über die ich kürzlich schrieb, als "Intervallkrebs" bezeichnet, also Tumore, die nach einem Screening ohne Befund noch vor der nächsten regulären Screening-Mammografie auf andere Weise entdeckt werden. Intervallkrebs ist auch gar nicht so selten. Sogar in den USA, wo nicht alle zwei Jahre, sondern jährlich gescreent wird, macht er immerhin 15 % aller Brustkrebserkrankungen aus. 

Es wird aber noch problematischer: Mindestens 40 Prozent aller Intervallkrebse waren Diagnosen in den fortgeschritteneren Stadien 2 bis 4. Eigentlich wird ja immer gerne so getan, als wäre eine Brustkrebs-Diagnose im fortgeschritteneren Stadium eine Sache, die hauptsächlich bei Screeningerverweigerern zu erwarten wäre. Das Screening dient ja dazu, möglichst viele Tumore in einem frühen Stadium zu finden. Ich habe mal recherchiert und fand diese Aufstellung aus Niedersachsen, genauer gesagt,  der Screening-Regionen Hannover und Niedersachsen-Nordwest,  mit 285.634 anspruchsberechtigten Frauen im (deutschen) Screeningalter zwischen 50 und 69 Jahren. In einem entsprechenden Zeitraum traten 1115 Brustkrebsfälle auf, verteilt auf 562, die beim Screening entdeckt wurden, 417 bei Nichtteilnehmerinnen am Screening sowie 136 Intervallkrebsen. 698 Krebsfällen von Screeningteilnehmerinnen stehen also nur 417 von Nichtteilnehmerinnen gegenüber, obwohl jede der beiden Gruppen ungefähr die Hälfte der Teilnahmeberechtigten ausmachte. Auch hier waren bei den Intervallkrebsen HER2-positiv sowie triple-negativ etwa doppelt so häufig vertreten wie bei den durch das Screening gefundenen.

Wenn bei jüngeren Frauen der Anteil der Sprintkrebse - bei gleichzeitig viel niedrigerer Gesamtzahl der Krebsfälle als bei den älteren - deutlich höher sein sollte, stellt sich die Frage, inwiefern das Screenen von wirklichen oder vermeintlichen Risikogruppen ihnen viel bringen soll. Schleichkrebse (also langsam wachsende Tumore, tpyischerweise eher hormonaktiv) sind die Art von Brustkrebs, bei denen Screening am nützlichsten ist, und der ganze Ansatz beim Screening beruht ja auf einer Annahme, die nur auf die Schleichkrebse zutrifft: daß so ein Krebs nämlich langsam und gemächlich wächst und durch die regelmäßig alle zwei Jahre stattfindenden Mammographien deshalb gefunden werden kann, solange er noch klein und leichter zu bekämpfen ist. Sprintkrebse findet man auf diese Weise wegen ihres schnellen Wachstums aber augenscheinlich nur dann in einem frühen Stadium, wenn der Zeitpunkt zufällig besonders günstig liegt. Deshalb fände ich das obligatorische Abtasten der Brust beim Frauenarzt eigentlich ausreichend, wenn es um Altersgruppen außerhalb des Screening-Alters geht, bei denen mit enormem Aufwand sowieso nur sehr wenige Krebsverdachtsfälle gefunden werden könnten. Damit der Krebs auch in diesen Altersgruppen wenigstens gefunden wird, bevor er streut, wäre es vor allem wichtig, für die Wichtigkeit der Tastuntersuchung ein Bewußtsein zu wecken. Vielleicht könnte man sich zur Abwechslung ja dazu entschließen, dies nicht mit einer gruseligen Drohkulisse zu verknüpfen, sondern mit einer positiven Botschaft, nämlich der, daß gerade diese Sprinter im Fall von Brustkrebs keineswegs ein Todesurteil sind, sondern richtig gute Heilungschancen haben. Man muß ihnen nur rechtzeitig ein Bein stellen. 

Eine Ausweitung des Screenings finde ich auch deshalb problematisch, weil Überdiagnosen - dies dürfte vor allem die Krebsvorstufen betreffen - auch ein in Fachkreisen kontrovers diskutiertes Phänomen sind, das dazu führt, daß das Screening auch der derzeit gescreenten Altersgruppen auch von manchen Fachleuten kritisch gesehen wird. Es ist ja allgemein bekannt - oder könnte jedenfalls allgemein bekannt sein -, daß die Gesamtzahl der Brustkrebsfälle durch das Screening nicht sank, sondern dauerhaft höher blieb, als sie vor dem Beginn des Screenens im Jahr 2005 gewesen war. 

 

Farbcode: 

Blau: Stadium 0 (Krebsvorstufe), Grün: Stadium 1, Gelb: Stadium 2, Rot: Stadium 3 und 4

Aus Gründen, die sich mir nicht erschließen, wurden die Stadien 3 und 4 nicht einzeln ausgewiesen - obwohl doch das Stadium 4 dasjenige ist, das man am allerdringendsten vermeiden wollen sollte, weil es eine qualitative Veränderung der Erkrankung und nach wie vor erheblich schlechtere Überlebenschancen bedeutet. Wie man sieht, gab es bei diesen beiden zusammengefaßten spätesten Stadien in der Screening-Altersgruppe einen Rückgang, der allerdings längst nicht so deutlich ausgefallen ist wie der drastische Anstieg bei den Frühstadien 0 und 1 und außerdem nur geringfügig unter dem Wert von um das Jahr 2000 herum liegt. Unter dem Strich waren zehn Jahre nach Einführung des Screenings etwa 80 Brustkrebsfälle pro 100.000 Frauen der Altersgruppe im Jahr mehr zu verzeichnen als zwanzig Jahre zuvor, und davon waren nur etwa die Hälfte Vorstufen, und die andere Hälfte bestand aus "invasivem" Brustkrebs. Das sind eine ganze Menge zusätzliche Behandlungen, und auch wenn die Überlebensaussichten viel besser als zwanzig Jahre davor sind, wird m. E. zu wenig darüber gesprochen, was das eigentlich  zu bedeuten hat. Sollte das Stadium 4 aber deutlicher als 3 zurückgegangen sein, wäre das m. E. ein stichhaltiges Kriterium, um den Nutzen von Screenings einzusehen. 

Der Sinn des Screenings kann nicht damit begründet werden, daß damit Krebs in Stadium 1 anstelle Stadium 2 gefunden wird, denn das ist, wie man sieht, gar nicht der Fall, da ja das Stadium 2 ungefähr ebenso häufig geblieben ist wie im Anfangsjahr der Grafik. Der Sinn kann aber darin liegen, zu verhindern, daß Brustkrebs so spät gefunden wird, daß die Aussichten auf erfolgreiche Behandlung dramatisch schlechter werden. Deshalb finde ich es merkwürdig, daß das Stadium 4, auf das dies weit stärker als auf 3 zutrifft, nicht extra ausgewiesen wurde. Dieser Faktor  wäre es auch, der es m. E. als einziges rechtfertigen könnte, daß seit der Einführung des Screenings die Gesamtzahl der Brustkrebs-Diagnosen dauerhaft so stark gestiegen ist. Denn das kann eigentlich ja fast nur bedeuten, daß beim Screening auch eine relativ große Zahl von Fällen (vermutlich überwiegend im Bereich der Krebs-Vorstufen) erfaßt und behandelt werden, die, wären sie unentdeckt geblieben, auch ohne Behandlung nicht zu einem späteren Krankheitsausbruch geführt hätten. Unglücklicherweise kann niemand vorhersagen, welche gefundenen Vorstufen einem den Gefallen tun werden, sich von alleine wieder in Wohlgefallen aufzulösen (laut Link in der nächsten Zeile müßten das immerhin zwei Drittel sein), also bleibt nichts weiter übrig, als sie alle gemäß den aktuellen Leitlinien zu behandeln, was, sagen wir es mal so, auch wenn es eine "Light-Version" der normalen Brustkrebs-Therapie ist,  nur einen begrenzten Spaßfaktor hat. Sollte Thomas Seyfried recht mit seinen Warnungen vor Bestrahlung haben, dann ginge man damit aber sogar zusätzliche Risiken ein. 

Mit diesen Überdiagnosen könnte man sich viel besser abfinden, wenn für Krebsvorstufen optional als Behandlungsvariante "Beobachten plus Einsatz therapeutischer Ketose", entweder in Eigenverantwortung der Patientin und/oder durch Fachleute begleitet, angeboten würde, natürlich mit der Maßgabe, daß genau beobachtet und, sofern erforderlich, auf der Stelle reagiert wird. Ob dieses Mittel die üblichen Operationen und Bestrahlungen vielleicht mittelfristig mehrheitlich oder sogar ganz überflüssig machen kann, ließe sich mit einem so geringen Risiko für die Patientinnen herausfinden, daß möglicherweise das Risiko durch die Leitlinienbehandlung sogar etwas höher ausfällt. Es ist ein echter Jammer, daß der Feldzug gewisser Professorinnen mit Sachverständigenstatus mit dem Ziel, Ketose als Mittel in der Onkologie möglichst dauerhaft zu unterbinden, bislang so erfolgreich gewesen ist und die Berührungsängste von Onkologen deshalb so groß sind. 

Aber zurück zu den Intervallkrebsen bei Patientinnen, die das Screening-Alter noch nicht erreicht haben, womit für den Fall Österreich Patientinnen unter 40 gemeint sind. Auf die Schnelle habe ich nur die Inzidenz nach Altersgruppen für Deutschland gefunden, aber in Österreich wird es nicht viel anders aussehen: 

 

Pro 100.000 Gescreente würde man also für die Altersgruppe 35-39 Jahre maximal um die 50 Brustkrebsfälle aufspüren können - minus die Intervallkrebse, die aber gerade in dieser Altersgruppe einen höheren Anteil an allen Fällen ausmachen dürften, da ja aggressive Tumore in ihr häufiger sind. 

Ehrlich gesagt wüßte ich sowieso nicht, wie man solche Risikogruppen aus dieser Altersgruppe herausfiltern sollte. Dafür müßte man erst einmal herausfinden, was sie miteinander gemeinsam haben. Die Autorin wußte das augenscheinlich nicht, sonst hätte sie nicht den ganzen kalten Kaffee mit den üblichen Risikofaktoren vorgebracht, denen landläufig immer ein Einfluß auf Krebs jedweder Art nachgesagt wird. In dieser Altersgruppe ergibt das aber gar keinen Sinn - siehe meine  Erläuterungen zur Frage, ob der Lebensstil für Krebsfälle bei jungen Leuten hauptverantwortlich sein kann, weiter oben. 

Wie sehr die aufgezählten Risikofaktoren nur ein stumpfsinniges Daherbeten von Faktoren sind, von denen die Autorin zu glauben scheint, mit ihnen können man niemals völlig falsch liegen, zeigt, daß auch das Rauchen mit aufgezählt wird. Rauchen, mal ganz langsam zum Mitmeißeln, mag vielleicht furchtbar böse sein und damit ein tauglicher Verdächtiger für jede Krankheit eines Rauchers sowie seiner Ehegattin, seiner Kinder und Kindeskinder, von Fußpilz aufwärts. Aber für einen Anstieg an Sprint-Brustkrebsen in Frankreich (dies war Inhalt eines Links im Medienbericht) kann er zum Beispiel nicht verantwortlich sein. Warum nicht? Weil auch die Französinnen immer seltener rauchen, also die Zahl der Raucherinnen nicht angestiegen, sondern zurückgegangen ist. Wenn ein Zusammenhang bestehen würde, dann müßte er genau andersherum ausfallen, das heißt also, der Rückgang beim Rauchen hätte für den Anstieg beim Brustkrebs mitverantwortlich gemacht werden können. Allerdings bin ich der Meinung, ein Zusammenhang zwischen Rauchen und Brustkrebs besteht ohnehin nicht in erwähnenswertem Umfang und wird immer nur an den Haaren herbeigezogen. 

 Usage quotidien de tabac par sexe, à 17 ans Évolution depuis 2000

Eigentlich ist es aber wirklich wichtig, darüber zu sprechen, daß Brustkrebs bei jüngeren Frauen häufiger wird - nach einer Quelle hat sich die Zahl in den letzten dreißig Jahren verdoppelt -, und die Gründe dafür zu suchen. Daß die Sprintkrebse dabei besonders häufig vertreten sind und außerdem ständig noch häufiger werden, läßt darauf schließen, daß im Lauf der letzten dreißig Jahre irgendwelche Krebsauslöser häufiger geworden oder vielleicht auch ganz neu hinzugekommen sein könnten, die speziell diese aggressiven Varianten auslösen, nicht die gemütlicheren Schleichkrebse. Es wäre auch wirklich wichtig, diese Ursachen herausfinden zu wollen und nicht dauernd die langweiligen alten Arien vom bösen Rauchen, Saufen, Fressen und Faulenzen abzusingen, wie das ja immer am bequemsten ist, weil man auf diese Weise den Patientinnen die Schuld an ihrem Krebs in die Schuhe schieben kann. Auf diese Art funktioniert Wahrheitsfindung generell nicht, aber in der Wissenschaft schon gleich dreimal nicht. 

Trägheit und Völlerei zählen traditionell zu den sieben Todsünden. Eine Bezichtigung aus diesem Themenkreis in Verbindung mit Krebs ist niemals wertneutral, sondern immer auch eine Schuldzuweisung. Die Annahme, daß diese Anstiege beim Brustkrebs unter jüngeren Frauen genauso herbeigesündigt wurden, wie das auch den alterstypischeren Krebspatienten nachgesagt wird, halte ich für reine Denkfaulheit. 

Der Autorin Karin Kirchmayr, ihres Zeichens Wissenschaftsjournalistin, und so ganz jung ist sie auch nicht mehr, sollte man ihr eine gewisse Erfahrung unterstellen. An einer solchen Meßlatte gemessen fand ich den Artikel ziemlich schlecht: nicht besonders gut recherchiert, aber auch nach allgemeiner Logik mangelhaft durchdacht. Die Autorin hat wahrscheinlich mit Brustkrebs vorher noch keine persönlicheren Berührungspunkte gehabt und offenbar gar nicht gemerkt, daß das, was sie schreibt, teils unlogisch oder in sich widersprüchlich ist. 

Die Ursachenforschung für die zunehmende Häufigkeit speziell von Sprintkrebs bei Frauen vor Beginn des Screening-Alters wurde im Artikel etwa kurioserweise ausgerechnet mit Risikofaktoren in Verbindung gebracht, die der Mitverantwortung bei hormonaktivem Brustkrebs verdächtigt werden, obwohl die ja kaum dafür verantwortlich sein können, wenn hormonnegative Brustkrebsarten häufiger geworden sind. Darüber, daß die Medikamente, mit denen man "Schleichkrebs"-Varianten behandelt, bei HER2-positiv nicht eingesetzt werden können, wie das in dem Artikel merkwürdigerweise problematisiert wurde, braucht man auch keine Tränen vergießen. Das Problem bei Sprintkrebsen besteht nicht in schlechteren Therapiemöglichkeiten, im Gegenteil. Hat man einen solchen gefunden, bevor er Zeit zum Metastasieren hatte, dann sind die Überlebensprognosen ja mindestens bei HER2-positiv (bei triple-negativ wird noch nicht lange genug mit Immuntherapie gearbeitet, um das sicher sagen zu können) längst besser als beim Schleichkrebs, und man hat die Behandlung, sofern er außerdem hormonnegativ ist, noch dazu ein paar Jahre früher abgeschlossen. Kam das Übel nicht innerhalb der ersten drei Jahre zurück, hat man außerdem nach aktuellen Behandlungsleitlinien ein dauerhaft niedrigeres Risiko auf Wiederkehr des Krebses als die hormonpositiven Leidensgenossinnen. Irgendwo im Blog hatte ich dazu schon eine Grafik gepostet, aber die finde ich gerade auf die Schnelle nicht.

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Drei Jahre ist meine OP noch nicht her. Heute vor drei Jahren befand ich mich noch in der EC-Phase meiner Chemotherapie, aber daß ich damals keine Zukunftspläne verfolgte, hatte mehr damit zu tun, daß eine Chemo auch immer ein anspruchsvolles Beschäftigungsprogramm ist, das in meinem Fall noch dazu nicht durch eine Krankschreibung abgefedert wurde. Nebenbei beschäftigte ich mich außerdem intensiv mit der Frage, wer mein Feind überhaupt ist und wie ich sinnvollerweise vorgehe, um ihm für immer den Garaus zu machen. Aber zwischen meiner OP im April 2023 und der Entdeckung unseres Traumhäuschens verging nur knapp über ein Jahr, und das fanden wir natürlich nur, weil ich auch während der Chemo nie aufgehört hatte, mit einem Auge den einschlägigen Immobilienmarkt zu verfolgen - ohne daß ich allerdings damit gerechnet hätte, das perfekte Objekt zu finden. Noch dazu so schnell. Ich wollte nur ein Gefühl für den Markt behalten. Aber wie das Leben manchmal so spielt, es fand uns, unser Häusle, und hat unser Leben total umgekrempelt. Und das war auch gut so. :-)

Perfekt an dem Haus ist auch, daß wir einerseits mit nur wenig Renovierungsarbeit alles hatten, um dort zu wohnen, andererseits aber noch sehr viele Gestaltungsspielräume, die uns noch jahrelang beschäftigt halten werden. Vor allem im Garten, aber auch im Bereich der energetischen Sanierung. Eigentlich hatten wir ja schon dieses Jahr unsere ersten Experimente mit einem Balkonkraftwerk starten wollen, mit denen wir vor allem erst mal ein Gefühl für das Mögliche und das Unrealistische bekommen wollen. Aber es zeigte sich, daß andere Dinge vordringlicher waren und wir den Zeitaufwand für unsere Vorhaben zu optimistisch eingeschätzt hatten. Zum Glück haben wir ja Zeit. 

Vor ein paar Tagen habe ich mich dazu hinreißen lassen, mich auf Bluesky mit kontroversen Ansichten zum Wärmepumpen-Hype unbeliebt zu machen - wobei es mir dabei weniger um die Wärmepumpe als solche ging, sondern um den Hype als solchen. Es wurde nicht gerne vernommen, daß ich diesen Hype mit einem früheren verglich, nämlich dem um die Pellet-Heizung, die vor etwa zwanzig Jahren als das ökologische Nonplusultra galt. Mir hat das schon damals nicht so recht eingeleuchtet, weil ich mir nicht vorstellen konnte, daß man das Heizmaterial für mehr als eine relativ kleine Nische problemlos und kostengünstig beschaffen können sollte. Und, richtig: Das Heizmaterial verteuerte sich im Lauf der Zeit erheblich. Ich habe mal nachgelinst: Im Vergleich mit unseren Gaskosten wäre es vermutlich bei einem Haus wie unserem sogar teurer. Bei einem Effizienzhaus läge es ein wenig günstiger, aber in Relation zu den Kosten, die die energetische Sanierung plus Anschaffung der Heizung bedeuten, wäre man trotzdem nicht auf seine Kosten gekommen. Das habe ich gleich geahnt. Was damals aber noch niemand ahnen konnte, ist, in welchen schlechten Ruf das Heizen mit Holz und Holzpellets trotz der schadstoffmindernden Vorschriften für die zugehörigen Schornsteine so schnell geraten würde. Wer sich damals von dem Hype anstecken lassen hat, der muß sich heute von geifernden Eiferern als Umweltsau beschimpfen lassen. Obwohl man damals glauben sollte - und viele das auch geglaubt hatten -, zu den Speerspitzen des fortschrittlichen und klimafreundlichen Heizens zu gehören. 

Die geifernden Eiferer von heute wider die Holzheizungen sind natürlich viel zu selbstgerecht, um wahrhaben zu können, daß sie vor zwanzig Jahren genauso geifernd auf diejenigen losgegangen wären, die es wagten, irgendwelche Einwände gegen die damals angesagte Heizungsumstellung vorzubringen. Die Konstante in all den wechselnden Umwelt-, Klima und Energiesparmoden sind nämlich die Eiferer. Vor zwanzig Jahren war es die Pelletheizung, vor 15 das Einpacken des Hauses in Styropor, vor zehn die Solaranlagen auf dem Dach und heute ist es die Wärmepumpe. Und wieder werden die zugehörigen Fanatiker unweigerlich hysterisch, wenn man irgendwelche Einwände äußert oder nicht auf der Stelle die maximal mögliche Lösung anschaffen will. 

Mit den Wärmepumpen habe ich dabei aber viel weniger grundsätzliche Probleme als mit der Pelletheizung: Mir ist die Investition eben zu groß, um sie im Blindflug nur im Vertrauen auf die Vertrauenswürdigkeit und Kompetenz des Einbaubetriebs vornehmen zu wollen. Im Moment wird damit zu gut verdient, um nicht befürchten zu müssen, daß die Beratung dann nullachtfünfzehn, also nicht den Bedürfnissen unseres Haushalts entsprechend, und die Einbauqualität suboptimal sein würde. Wir bleiben für unser Haus bis auf weiteres lieber bei der kleinen Lösung Split-Klimaanlage plus Balkonkraftwerk. Wenn wir zwei, drei Jahre Erfahrungswerte mit beidem haben, sehen wir es ja, ob wir eine größere Lösung haben wollen, wie sie ausfallen und wie groß sie werden soll. Ich finde nämlich nicht, daß "So groß wie möglich" die richtige Antwort wäre. Ich möchte die Sache lieber "so groß wie nötig". 

"Nötig" definiere ich für mich selbst so, daß ich jederzeit über genügend selbsterzeugten Strom verfügen will, daß mich das "notfallautark" macht. Will heißen: Ich möchte im Fall eines längeren Stromausfalls einige wichtige Stromverbraucher mit selbsterzeugtem Strom am Laufen halten können. Das wären etwa Kühlschrank und Gefriertruhe, Telefon, Radio und in gewissem Umfang Internetzugang. Ach ja, und mindestens einen Raum möchte ich angemessen warm bekommen können. Es wäre angesichts des Holzstapels bei uns im Garten durchaus nachdenkenswert, sich dafür, falls die Stromausbeute nicht überzeugend für diese Aufgabe ausfallen sollte, doch noch einen Holzofen zuzulegen. 

Für mich war es schon immer eine völlig reizlose Vorstellung, mit einer Photovoltaikanlage Strom zu erzeugen, nur um ihn ins Netz einzuspeisen. Den Strom, den ich erzeuge, will ich auch selbst verbrauchen. Ich kaufe doch keine Solaranlage, um anderen Leuten ihren Strom liefern zu dürfen, noch dazu zu einem Verkaufspreis, der nur einen Bruchteil meiner eigenen Stromkosten ausmacht, während die anderen Leute wiederum genausoviel wie ich dafür bezahlen müssen. Die Differenz fließt an deren Stromversorger, der irgendwie mit meinem Stromversorger - der von mir zum Schleuderpreis mit Strom versorgt worden ist -, ausmauschelt, wie beide den Differenzbetrag, den sie dem Verbraucher abgeknöpft haben, unter sich aufteilen. Was genau soll ich als der Stromerzeuger daran eigentlich attraktiv finden? Mir ist das schon über den Horizont gegangen, als ich als Bewohnerin einer Wohnung in einem Mehrfamilienhaus sowieso noch keine Möglichkeit hatte, eigenen Strom zu erzeugen, und so verfolgte ich auch einschlägige Förderdebatten mehr oder weniger mit Unverständnis. 

So wenig ich von der Kompetenz unserer aktuellen Wirtschaftsministerin also halten mag, aber den einen Kritikpunkt an ihren Weichenstellungen kann ich deshalb nicht so ganz nachvollziehen, nämlich den zur Abschaffung der festen Einspeisevergütung für Solaranlagen. Wer ist denn so bekloppt, nach wie vor scharf auf diese lächerlichen acht Cent pro Kilowattstunde zu sein? Wer Strom erzeugt, ist auf die Abnahme seines Stroms nur angewiesen, wenn er nicht über Batteriespeicher verfügt. Die haben sich deutlich verbilligt und es wird angenommen, daß das Sinken der Preise noch nicht beendet ist. 

 

 

Die Abschaffung der Einspeisevergütung erzeugt also einen Anreiz, in Batteriespeicher zu investieren und den Eigenverbrauch damit zu optimieren. Unter dem Strich werden Privathaushalte von dieser Veränderung höchstwahrscheinlich profitieren.

In die falsche Richtung dagegen zielt die Entlastung von privaten Gaskunden einerseits bei Verzicht auf die Entlastung von privaten Stromkunden andererseits. Heizen mit Gas billiger zu machen, während heizen auf Strombasis durch Wärmepumpen teuer bleibt, führt natürlich dazu, daß der Anreiz zum Wechseln sich verringert. Die Frage ist allerdings, wieviel das im Moment überhaupt noch ausmacht, jedenfalls in den immer häufiger werdenden Fällen, in denen das Heizen mit Strom mit der Stromerzeugung durch Solaranlagen kombiniert werden kann. Es kann aber sein, daß in diesem Bereich längst der Point of no Return erreicht wurde und sich niemand von ausbleibenden Anreizen mehr davon abhalten läßt.

Was mich wirklich gefreut hat, ist, daß ein Startup aus Heilbronn jüngst eine Etagen-Wärmepumpe entwickelt und gerade eben, tatsächlich erst in den letzten Tagen, auf den Markt gebracht hat, die eine Gas-Etagenheizung in einem Mehrfamilienhaus für eine einzelne Wohnung ersetzen kann und auch von der Größe her in etwa der einer Therme entsprich. Auch dann, wenn man seinen Strom nicht selbst erzeugt und die aktuell üblichen Strompreise bezahlt, heizt man mit ihr nach Angaben des Herstellers auch in Altbauwohnungen etwa 20 % preisgünstiger als mit einer Gasheizung. Das ist die erste mir bekannte Lösung, die eine echte Chance hat, sich als Ersatz für eine defekte Gastherme in einer Wohnung mit Etagenheizung durchzusetzen, weil tatsächlich nur die Therme ersetzt und ein einzelnes Außengerät angebracht werden muß. Vorausgesetzt natürlich, das Gerät hält, was die Entwickler von ihm versprechen. 

Die Sache hat aber einen Haken: Damit sich so etwas durchsetzen kann, müßte die Pflicht zum Umstieg auf Zentralheizung abgeschafft werden, die im Moment allen WEGs droht, wenn eine Gas-Therme im Haus durch eine neue ersetzt wird. Damit schwebt das Damoklesschwert einer kostspieligen Fehlinvestition natürlich auch über den Häuptern derer, die sich eine solche Etagen-Wärmepumpe anschaffen. Falls die aktuelle Bundesregierung also mehr vorhaben sollte, als das GEG (Gebäudeenergiegesetz) lediglich in GMG (Gebäudemodernisierungsgesetz) umzubenennen, fände ich es verdienstvoll, wenn sie die Umstellungspflicht auf Zentralheizung streichen würde, und wäre bereit, ihr im Gegenzug ein paar Klöpse in anderen Bereichen zu verzeihen. Ich habe nämlich in zwei meiner Wohnungen schon recht betagte Thermen stehen. Falls eine davon den Geist aufgibt, muß ich meinen Mietern rasch einen Ersatz beschaffen. Egal ob Gastherme oder Etagen-Wärmepumpe, das kostet einen Haufen Geld. Deshalb werde ich die beiden alten Thermen so lange in Betrieb halten, wie es irgend möglich ist, solange die Zentralheizungspflicht nach einer Thermen-Neuanschaffung in einer der Wohnungen automatisch greift, falls nicht zwei Drittel der Miteigentümer dagegen stimmen. 

Diese absurde Forderung einer Grundgesetz-Änderungsmehrheit, wenn man als WEG Etagenheizungs-Lösungen beibehalten will, ist geistesverwandt mit der Widerspruchslösung bei der Organspende: Sie zielt darauf ab, eine unter normalen Voraussetzungen nicht durchsetzbare, weil unattraktive Lösung durchzudrücken, indem sie die Dümmsten, die Schlechtinformiertesten und natürlich vor allem die am schlechtesten Verwalteten unter den WEGs mit faulen Tricks dazu bringt, sie nicht zu verhindern, weil einem die Konsequenzen nicht bewußt sind. Ich mochte Robert Habeck, aber mit diesem Teil des GEG blieb er erstens unter seinem eigenen Anspruch und hat außerdem wirksam dafür gesorgt, daß speziell WEGs im Zweifelsfall lieber gar nichts machen als irgendwas an ihren aktuellen Heizungen zu ändern. Die vielen Gasetagenheizungen, die immer noch verkauft werden, sind in der Regel Ersatzkäufe für defekte Thermen in Mehrfamilienhäusern mit Etagenheizung. Das wird hauptsächlich von denen gemacht, denen schlicht nichts anderes übrigbleibt, weil man eine Wohnung ja nicht ganz ohne Heizung lassen kann. 

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Nach dem Ende der Low-Carb-Phase haben wir die ganze Woche lang wunderbar und carblastig gespeist, aber mein Weihnachtsgebäck habe ich auch dieses Jahr, wie das gute Tradition hat, in der Low-Carb-Version gebacken. Auch den Rest meines Quittensafts habe ich in Low Carb in Gelee verarbeitet, und davon ist noch eine Menge übrig für die nächste Low-Carb-Phase, und es wird mir dann gute Dienste leisten, denn es schmeckt ausgezeichnet. Wo die Low-Carb-Version aber gar nicht funktioniert hat, das war das Quittenbrot. Gestern habe ich endlich wieder eine "normale" Version gemacht, ebenfalls für Weihnachten, und siehe da: Es wurde genauso köstlich wie beim ersten Mal. Zwei Anläufe mit Gelier-Birkenzucker hatten dagegen ein ziemlich enttäuschendes Ergebnis. Also weiß ich das jetzt auch, daß ich das gar nicht mehr anfangen muß, weil es sowieso nicht klappt. 

Gestern habe ich außerdem das erste Mal Chilis aus dem eigenen Garten - die bis vor kurzem unter dem Dach neben der Therme zum Trocknen aufgehängt waren - fürs Essen verwendet. Ganz vorsichtig freilich, denn die Pflanzen waren von meiner Schwester, die aber keine Ahnung hatte, was für einen Schärfegrad wir zu erwarten hatten - und es gibt Varianten, die können einem das Essen komplett ungenießbar machen, wenn man unvorsichtig dosiert. Es stellte sich heraus, daß ich nicht ganz so vorsichtig hätte sein müssen, wie ich war, und ich würzte dann noch einmal mit etwas mehr Chili nach, aber jetzt weiß ich für die Zukunft, wie ich dosieren muß. Die Schärfe der Chilis entwickelte sich langsam, erreichte auf ihrem Höhepunkt eine Intensität, die knapp unterhalb der Grenze zum Unangenehmen blieb, und sorgte noch eine ganze Weile nach dem Ende der Mahlzeit für ein wohliges Wärmegefühl, das aus dem Bauch heraufstieg. Ich glaube, mit diesen Chilis kann ich mich anfreunden. Das ist gut so, denn ich will demnächst mal ein Rezept von meiner Oma aus ihrer serbischen Heimatregion ausprobieren, das ziemlich scharf sein muß, wenn es stilecht werden soll.  


 

 

 

 

 

 

 


Freitag, 5. Dezember 2025

Murmeltiertag: Auf ein Jojo mit Dagmar Stöckle

Mein Gewicht heute früh nach vier aufeinanderfolgenden Fastentagen: 71,3 Kilogramm. Knapp am Tiefstgewicht gescheitert. :-( 

Allerdings hatte ich das ja bereits geahnt. Hätte sich meine Darmflora heute morgen noch zum Abmarsch in die Kanalisation entschließen können - was sie aber nicht tat -, dann wäre ich höchstwahrscheinlich doch noch an dem Zwischenziel angekommen, das ich eigentlich erreichen wollte.

Aber jetzt isses halt so. Eine Tatsache. 

Tatsachen stehen außerhalb aller Übereinkunft und aller freiwilligen Zustimmung; alles Reden über sie, jeder auf korrekter Information beruhende Meinungsaustausch wird zu ihrer Etablierung nicht das Geringste beitragen. Mit unwillkommenen Meinungen kann man sich auseinandersetzen, man kann sie verwerfen oder Kompromisse mit ihnen schließen; unwillkommene Tatbestände sind von einer unbeweglichen Hartnäckigkeit, die durch nichts außer der glatten Lüge erschüttert werden kann.

Eine kleine Verbeugung damit vor Hannah Arendt, deren Todestag gestern Bluesky mit viel Arendt-Content füllte. Dieses Zitat aus Wahrheit und Politik hat leider gefehlt, deshalb gefiel es mir, einen Anlaß an den Haaren herbeizuziehen, um es selbst wiederzugebem. Ich liebe den gesamten Text, die Art, wie Hannah Arendt ihn vorträgt, dieses Zitat zitiere ich immer wieder, aber die Formel von der unbeweglichen Hartnäckigkeit der unwillkommenen Tatbestände mag ich ganz besonders. Von Haus aus habe ich immer versucht, mich vor unbegründetem Wunschdenken zu schützen, weil es sinnlos ist, Tatsachen nicht ins Auge zu sehen. Hannah Arendt sei die Schutzpatronin, die mich jederzeit davor bewahren möge, in die Falle der alternativen Fakten zu tappen, auch wenn sie mir eigentlich viel besser gefallen würden. 

***

Der Reportage-"Fortsetzungsroman" um die Bemühungen der SWR-Journalistin Dagmar Stöckle, ihr Gewicht zu reduzieren - frühere Folgen habe ich 20212022 und 2024 in meinem Blog rezensiert - ging in eine neue Runde. Einmal hatte ich schon darüber spekuliert, ob Frau Stöckles nächster Film über ihr Abnehmproblem womöglich eine Magenverkleinerung enthalten würde. Aber zu ihrem Glück ist inzwischen ja die Abnehmspritze in Mode gekommen, also hat sie sich nicht unters Messer gelegt, obwohl der Anfang der neuen Reportage etwas von Murmeltiertag hatte und sie womöglich soweit gewesen wäre, dieses letzte Mittel doch noch zu wählen. Wie zu erwarten war, hatte sie seit dem letzten Film wieder zugenommen. Schlimmer noch, sie hatte ein neues Maximalgewicht (106,8 kg), ihre Leber wies bereits erste Schädigungsanzeichen auf, die über eine "normale" Fettleber hinausgingen, und ein HbA1C von 6,8 verlieh ihr außerdem das höchst unwillkommene Label einer Diabetikerin.

Ich habe echt ein Luxusproblem, wenn ich mich hier über das ausgebliebene neue Tiefstgewicht beschwere. Als ich 2021 Dagmar Stöckles ersten Film besprach, wog ich 97,7 Kilo, 2022 beim zweiten 84,2, 2024 beim dritten 77,8, und heute, beim vierten, liegt mein Gewicht bei 71,3 Kilogramm. Während dieses gesamten Zeitraums von vier Jahren ging bei Dagmar Stöckle vor den Augen des Fernsehpublikums das Gewicht drei Mal runter und sobald es nichts mehr sehen konnte wieder zurück Richtung Ausgangspunkt, der 2021 bei 105 Kilogramm gelegen hatte.  

Man hätte es der sympathischen Journalistin ja wirklich gegönnt, wenn es ihr gelungen wäre, endlich die Lösung zu finden, die dauerhaft ist, aber aus meiner Sicht sprach jedes Mal nahezu alles dagegen. So interessant ich beim letzten Mal, 2024, die Rolle der Zusatzstoffe bei hochverarbeiteten Lebensmittel gefunden habe - die Carragene vor allem -, fand ich doch jedes Mal, daß Frau Stöckle viel zu sehr an anderer Leute (vulgo "Die Wissenschaft™") Weisheiten glaubt, anstatt mal in ihren eigenen Körper hineinzulauschen. Faustregel bei mir: Wenn nicht das passiert, was nach Meinung der Fachleute passieren sollte, wenn ich das mache, was sie mir auf Basis ihres Forschungsstands empfehlen, dann hat irgendetwas an den Anweisungen und damit auch an dem Forschungsstand nicht gestimmt. 

Das gilt noch mehr, weil eigentlich jeder, der Augen im Kopf hat, sehen können sollte, daß dies ein Muster ist, das sich bei mehr als neunzig Prozent der Abnehmenden bei jedem neuen Versuch aufs neue wiederholt. Es ist einfach lächerlich, bei solchen Erfolgs- und Mißerfolgszahlen beim Gewichthalten nach einer Abnahme das Verhalten der Abnehmenden für verantwortlich zu halten. Die Methoden sind es, mit denen etwas nicht stimmt. 

Was daran über Frau Stöckles persönliches Schickal hinaus problematisch ist: Eine Menge Leute greifen auf, was sie in solchen Dokus zu sehen bekommen, und scheitern damit natürlich mit hoher Wahrscheinlichkeit genauso. Das liegt daran, daß solche Geschichten immer mit einem Happy End abgeschlossen werden und die Entwicklungen danach normalerweise keiner mehr mitbekommt. Seltsamerweise bemerkt das im Fall Dagmar Stöckle kaum jemand, obwohl es ja offensichtlich ist, wenn man alle vier Filme nacheinander sieht. Das Irritierende an den Kommentaren zu dem neuesten YouTube-Video ist, daß so gut wie niemand kritisch darauf eingeht, daß die Feiern zum Abschluß der früheren Filme voreilig gewesen sind und dies dafür spricht, daß das diesmal wieder der Fall sein wird ... nur eben wieder außerhalb des Blickfelds eines Fernsehpublikums.  

So - und wie lief es jetzt bei ihr mit der Abnehmspritze? 

Erstens: So, wie bei den meisten: Es funktionierte.

Zweitens: In ein bis zwei Jahren wird es meines Erachtens ein Wiedersehen mit Dagmar Stöckle in einer neuen Folge geben. So, wie sie das anfängt, wird es bei ihr auch mit der Abnehmspritze nicht auf Dauer funktionieren.  

Ganz ehrlich: Wenn ich es Frau Stöckle nicht ohne weiteres abkaufen würde, daß sie an ihrem Körpergewicht verzweifelt und unbedingt abnehmen will, dann würde ich ihre Dokus wohl für Fakes halten. Jeder der insgesamt fünf Filme seit 2017 - der älteste, den ich erst später entdeckte, ist auf YouTube irgendwie nicht mehr zu finden - folgt nämlich demselben Schema: Verzweifelte Dicke sucht Rat bei Fachleuten, setzt um, was sie empfehlen, recherchiert nach dem Motto "Follow the Science", spricht mit Leuten, die dieselbe Methode versucht haben, kämpft mit Höhen und Tiefen, und am Ende scheint (manchmal mit Abstrichen) alles wieder gut zu sein oder jedenfalls neue Hoffnung aufgekommen. In diesem Fall bekam sie zum Schluß die tolle Nachricht, daß ihre Leber nicht mehr verfettet und schon gar nicht mehr auf dem besten Weg zur Zirrhose war und ihr HbA1C auf 5,3, also in den Normalbereich, gesunken. Kein Diabetes mehr! Kein Leberversagen mehr zu befürchten. Wie in einem Märchen. Natürlich hat sie da gestrahlt.  

Bloß, das Leben ist kein Märchen. Oder, wie Kurt Tucholsky es formuliert hätte: "Und darum wird beim Happy End im Film jewöhnlich abjeblendt."

Deshalb war nach allen früheren Filmen schon nach ein bis zwei Jahren eine neue Runde fällig - so, wie bei den meisten, die mit ihren Pfunden ringen. Dagmar Stöckle hat meiner Meinung nach so lange keine echte Chance, wie sie sich von irgendwelchen väterlich lächelnden Gurus im weißen Kittel weiter auf die falsche Spur bringen läßt. Der rote Faden, der sich durch alle Filme zieht: Sie ist selber daran schuld. So sagt ihr das natürlich niemand ins Gesicht. Aber darauf läuft es doch hinaus, wenn sie jedes Mal aufs Neue ihre Ernährungsgewohnheiten und ihr Bewegungsverhalten radikal umstellen soll. Und sonderlich viel sieht an dem neuen Ernährungsprogramm nicht anders aus als an dem vorherigen. Niemand hat sie aber dazu gezwungen, diese Ernährungs- und Bewegungsweisen zwischen den Filmen wieder aufzugeben. Sie tat das von alleine. Wieso fragt sie niemand, was sie daran gehindert hat, dabei zu bleiben?

Eigentlich ist das eine scheinheilige Frage von mir, weil ich mir ja gut genug denken kann, was der Grund dafür ist. Und der nette Onkel Doktor ist die falsche Person, diese Frage zu stellen, der glaubt es ja auch längst zu wissen. Verdammte Charakterschwäche! Rückfall in alte Verhaltensmuster! Aber Frau Stöckle sollte sich das selbst mal fragen, und zwar ausdrücklich ohne Verwendung der üblichen Bullshit-Bingo-Phrasen. Es ist nämlich etwas anderes, sich selbst über solche Dinge Rechenschaft abzulegen, als  von anderen Leuten deren Interpretation übergebraten zu bekommen und sie gläubig zu akzeptieren. Also, worin bestand das Problem bei diesen Ernährungsgewohnheiten aus ihrer eigenen Sicht? 

Meine Meinung: Diese Art von Ernährung war von vornherein nicht nachhaltig, weil geprägt von Verzichtslogik. Wenn jemand lebenslänglich auf einen beträchtlichen Teil des Genusses beim Essen und Trinken verzichten und sich außerdem ständig zu wenig verlockenden Bewegungseinheiten verdonnern soll, dann macht man seinen Alltag ärmer und freudloser. Das Schlimmste ist aber, daß man dafür noch nicht einmal dauerhaft eine Belohnung zu erwarten hat. Der Stoffwechsel weiß genau, daß er das nicht will, was sie da macht, und er hat halt fast immer Mittel und Wege, einen dazu zu zwingen, ihm das zu geben, was er verlangt. Es soll zwar Leute geben, die solche Zwangsprogramme tatsächlich lebenslänglich durchhalten. Aber normal ist das erst recht nicht. Verlockend klingt es für mich auch nicht, deshalb begreife ich einfach nicht, warum so viele Leute bereit sind, solche Programme überhaupt anzufangen, von denen eigentlich jeder wissen könnte, daß kaum jemand das durchhalten wird. 

Die gute Nachricht für Frau Stöckle - daß sie nämlich, Glückwunsch, völlig normal tickt - enthält als schlechte Nachricht, daß sie - mit oder ohne Abnehmspritze - wenig Chancen hat, auf die aktuell praktizierte Weise weiter abzunehmen, und noch nicht einmal, ihr Gewicht auf Dauer zu halten. Wenn sie mich fragen würde, was ich als alter Abnehmhase ihr raten würde, da es mir ja volle acht Jahre lang gelungen ist, den Jojo-Effekt zu vermeiden, dann ginge es mir in der Antwort um zweierlei: Das Was und das Wie. 

Beim Was würde ich natürlich Elemente aus meiner Methode und dem nicht kalorienbasierten Ansatz empfehlen. Aber nicht, indem sie, das, was ich gemacht habe, eins zu eins übernimmt - das wäre sowieso viel zu kompliziert, so viel, wie ich im Lauf der Zeit modifiziert habe -, sondern sie sollte sie individuell an ihre eigenen Gewohnheiten anpassen und nach und nach durch eigenes ergänzen, wenn sich dazu etwas auftut. Das kann ihr aber kein Experte und auch nicht als alter Hase verraten, was diese Elemente sind, sie kann es nur selbst herausfinden, und dazu muß sie es herausfinden wollen. 

Und beim Wie finde ich es zentral, ihre liebgewordenen Gewohnheiten und kleinen Freuden nicht aufzugeben. Das wichtigste im Leben ist, daß man immer etwas hat, worauf man sich freuen kann. Im Moment ist das bei mir das Brot, das ich am Wochenende zum ersten Mal seit fast acht Wochen wieder essen werde. Low-Carb-Brot schmeckt auch gut, aber eben doch anders, und auf den charakteristischen Geschmack eines Bauernbrots freue ich mich jetzt schon. 

Im Film sprach Frau Stöckle auch mit einer Ernährungspsychologin und bemühte sich nach deren Empfehlung, langsamer zu essen. Nicht einmal im Traum wäre es mir eingefallen, so einen Ratschlag aufzugreifen. Von Haus aus bin ich auch ein Schnellesser, aber ich lasse mir das nicht pathologisieren. Wenn mich jemand ermahnt, langsamer zu essen, lautet meine Antwort, daß mein Eßtempo Teil des Genusses und deshalb für mich unverzichtbar ist. 

Alle diese kleinen Tricks, um um die Hüfte rum nicht aus dem Leim zu gehen, die schon in meiner Teenagerzeit durch alle Frauenzeitschriften kolportiert und von jederfrau nachgebetet wurden - also: Treppe statt Fahrstuhl, langsam essen, gründlich kauen und so weiter -, klingen vielleicht plausibel, aber ich mache bis heute nichts von all dem. Am Abnehmen hat mich das nicht gehindert, als ich erst die richtige Methode gefunden hatte. Das Zunehmen hätten sie aller Wahrscheinlichkeit nach auch nicht verhindert, aber einen Beweis kann ich am eigenen Körper nicht erbringen, ich habe mich solchen Dingen nämlich immer aktiv verweigert. Aber bei anderen Leuten, die das gläubig praktizieren, kann man ja sehen, daß diese Faktoren allenfalls kurzfristig erfolgreich wirken. 

Das ist ähnlich wie meine überraschende zusätzliche 2-Kilo-Abnahme, als ich die Uhrzeit unseres Abendessens - aus ganz anderen Gründen - um zwei Stunden vorverlegte. Der Stoffwechsel folgt seiner eigenen Logik, die sich an den gewohnten Rhythmen orientiert. Ändert man diese Rhythmen, braucht er ein Weilchen, um sich dem anzupassen. Aber man kann Gift darauf nehmen, daß er sich anpassen wird. In meinem Fall dauerte das wenige Wochen, aber das nahm mir, da ich ja nebenbei mein normales Fasten weitermachte und schon dadurch abnahm, den Zusatzerfolg nicht mehr weg. Wenn man nur mit Sport abnehmen will, passiert aber etwas anderes: Nach ein paar Monaten stagniert die Abnahme, und danach nimmt man wieder zu. Der Stoffwechsel hat seine Buchhaltung auf den aktuellen Stand der Einnahmen und Ausgaben angepaßt, weil er gerne seinen alten Kontostand wiederhaben möchte. Resultat ist eine allmähliche Wiederzunahme. Und kombiniert man das mit einem Kaloriendefizit, dann erhöht das vor allem seine Anpassungsleistung. Mit Kaloriendefiziten kann man prima abnehmen, nur kann man die Abnahme auf diese Weise nicht halten, es sei denn man findet sich lebenslänglich mit so kleinen Rationen ab, daß anderswo auf der Welt Hilfsorganisationen mit Nahrungsmittelhilfen kämen, um das Leid des Hungernden zu lindern. 

Riccarda (Nachname unbekannt) - über sie gibt es auch eine Fernsehreportage -, die Frau Stöckle zweimal traf, um sich mit ihr über die Abnehmspritze auszutauschen, hat nachvollziehbarerweise einen Abnahmesprung gemacht, als sie zusätzlich zu Abnehmspritze plus aktiver Beschränkung auf 1000 Kalorien am Tag zusätzlich in einem Reiterhof aktiv geworden war. Ricarda hatte anscheinend mehrmals zwischen verschiedenen Abnehmspritzenarten wechseln und ihre Energiezufuhr sehr strikt limitieren müssen, um innerhalb mehrerer Jahre von knapp über hundert Kilo auf ungefähr mein aktuelles Gewicht zu kommen. Der Erfolg einer weiteren Abnahme sei ihr herzlich gegönnt, allerdings hat sie bestimmt auch schon gemerkt, daß das nun nicht dauerhaft so weitergehen würde. Es sei denn natürlich, sie denkt sich wieder etwas Neues aus, um, wie mein Mann das so gerne sagt, den Stoffwechsel zu überraschen. 

Anfangs habe ich meinen Mann dafür ausgelacht. Ich dachte wie jedermann, wenn man mal die wirksame Methode gefunden hat, dann muß man sie nur noch konsequent durchziehen und alles ist und bleibt prima. So stimmt das aber nicht. Die wirksame Methode gibt es nicht, wenn es um dauerhafte Abnahmen geht. Es müssen immer mehrere - und sich verändernde - Elemente sein. Sonst landet man auf einem Plateau, und dann, wenn die Erfolge ausbleiben, schleicht sich auch das kleine Teufelchen ständig ein, das einem zuflüstert, wenn das Kasteien sowieso keinen Sinn habe, könne man sich doch auch mal was gönnen. Nur einmal. Und dann noch einmal. Und irgendwann scheint es dann sowieso keine Rolle mehr zu spielen. Genau dann fallen Leute wie Dagmar Stöckle vom Wagen. Und ich nicht, weil ich etwas, von dem ich nicht sicher bin, daß ich es notfalls bis an mein Lebensende durchhalten würde, von vornherein gar nicht mehr anfange. Die Plateaus erlebe ich natürlich trotzdem, und, nein, Spaß macht mir das auch nicht. Aber das Teufelchen findet bei mir den Punkt nicht, wo es den Hebel ansetzen könnte, weil ich mich mit dem wohlfühle, was ich mache, also gar keinen Grund habe, mich von ihm verführen zu lassen.  

Da Frau Stöckle sich wieder von einem freundlichen Onkel Doktor ein Verhalten hat aufschwatzen lassen, das ihrer Persönlichkeit und ihren Gewohnheiten nicht gemäß ist, werden wir 2027 oder 2028 wohl eine neue Folge der Dokureihe "Auf ein Jojo mit Dagmar Stöckle" sehen, und ich schicke gerade eín kleines Stoßgebet an wen auch immer sich dafür zuständig fühlen mag, für ihre Blutwerte und ihre Leber. Es ist nicht auszuschließen, daß die nächste Jojo-Runde die Sache noch weiter verschlimmert, was ich ihr unter keinen Umständen wünschen würde. 

Die Wirkung der Abnehmspritze war bei ihr ja relativ bescheiden: 15 Kilo in einem Jahr, das ist bei einem Startgewicht von 106,8 Kilogramm echt nicht so richtig berauschend, und sicherlich hatte sie auch darauf gehofft, daß sie zu denen gehören würde, bei denen das Gewicht mit der Spritze spektakulärer runtergeht. Denn die gibt es ja auch. Bei manchen funktioniert das auch, ohne aktiv durch Ernährungsrestriktionen und Bewegungsprogramme mit dazu beizutragen. Das ergibt auch einen Sinn, denn wenn man von alleine keinen Appetit hat, ißt man ja automatisch weniger, und der Faktor Bewegung wird, siehe oben, notorisch überschätzt. 

Aber Frau Stöckle hatte von ihrem guten Onkel Doktor ja die Warnung erhalten, daß die Wirkung der Abnehmspritze nur so lange anhält, wie man sie anwendet (was auch völlig richtig ist) und sie deshalb an einer Ernährungs- und Lebensstilumstellung nicht vorbeikomme. Daran macht mich ratlos und auch ein bißchen sauer, daß das doch dieselbe Adipositasklinik war, die auch schon in früheren Filmen vorkam. Hat dieser Mensch sich eigentlich gar nicht mit der Vorgeschichte seiner Patientin befaßt und mit den früheren Ernährungsumstellungen, die sie auf seinen Rat hin umgesetzt hat? Es läge doch nahe, sich vor neuen Empfehlungen erst einmal mit der Frage zu befassen, wie eine Umstellung aussehen könnte, die sie diesmal auch wirklich dauerhaft durchsteht.

Der Punkt ist aber vor allem der, daß die Ernährungsumstellung natürlich sofort sein sollte und dies ihren Abnehmerfolg verfälscht. Die Wirkung der Spritze war bei ihr also noch schwächer, als dies die Zahl 15 ausdrückt, da ja ein Teil der Abnahme auch auf die Ernährungs- und Bewegungsvorschriften zurückzuführen war. 

Das muß diesem Weißkittel aber spätestens nach drei, vier Monaten aufgefallen sein, daß das vergleichsweise schleppend bei ihr lief! Da hätte ich als verantwortungsbewußter Arzt vielleicht wenigstens den Wechsel auf eines der anderen auf dem Markt erhältlichen Mittel vorgeschlagen. Aus dem Abnehmforum weiß ich, daß das in manchen Fällen die Abnahme tatsächlich erhöht hat. Auch wenn es natürlich nicht sicher ist, ob es in speziell diesem Fall geklappt hätte: Einen Versuch wäre es allemal wert gewesen.  

Im Film hat sie es ja ausgerechnet: Jedes abgenommene Kilo schlug mit mehr als 300 Euro zu Buche. Die Gesundheit mag es ihr wert gewesen sein, aber ich fürchte, die nächsten fünftausend Euro für Abnehmspritzen werden sich auch in gesundheitlicher Hinsicht als nicht so überzeugend eingesetzt erweisen. 

Ich danke diesem Wemauchimmer von weiter oben im Text gerade auf Knien, daß er mich mit dem, nach Terry Pratchett, "dritten Blick und den zweiten Gedanken" versehen hat, was in etwa besagt, daß es schwierig ist, mich mit alternative Fakten zu überzeugen, wenn ich die unbewegliche Hartnäckigkeit unwillkommener Tatbestände direkt vor der Nase habe, daß er mich begleitend dazu so ehrfurchtslos gegenüber Autoritäten gemacht hat, daß er mich durch schieren Dusel das Intervallfasten finden ließ und mir als Bonus sogar noch die kühne Idee eingab, die Methode meinem Lebensrhythmus anzupassen, statt es, wie die meisten, umgekehrt zu machen. Ober er nun als Sahnehäubchen auch noch wirklich aussieht wie Morgan Freeman oder nicht: Hätte auch nur einer dieser Faktoren gefehlt, dann hätte ich mein heutiges Gewicht nie und nimmer erreicht. Hätte ich 2017 mit 147 Kilogramm mein Leben aber einem Experten anvertraut, wäre ich heute höchstwahrscheinlich mindestens schwerkrank, aber vielleicht auch längst tot. Was für ein Glücksfall, daß ich so bin, wie ich bin. 

Glück muß der Mensch haben - aber eben auch bereit sein, seinen eigenen Verstand einzusetzen. Das ist überhaupt immer meine Antwort, wenn mich jemand fragt, wie ich dies oder jenes hingekriegt habe: Glück und Können. Man braucht nun einmal beides. 

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YouTube spült mir derzeit ständig Videos über Altersarmut in die Empfehlungsliste, und zwei davon habe ich mir mal angesehen. Eigentlich mag ich diese reißerischen Formate ja gar nicht, aber es ist ja nicht verkehrt, ab und zu mal zu sehen, auf welche Weise andere Leute sich ihre Meinung bilden. Altersarmut, das ließ sich direkt und indirekt aus diesen Reportagen entnehmen, ist vorwiegend weiblich und hat viel damit zu tun, daß die Rentenansprüche aus dreißig Berufsjahren nicht für eine auskömmliche Rente eines Singles ausreichen. 

Skandalös, was? 

In Wirklichkeit ist es gar nicht skandalös. Mein Berufsleben wird, falls ich es zwei Jahre vor dem regulären Renteneintrittsalter beenden kann, 49 Jahre gewährt haben, und davon war ich nur vier Jahre in Teilzeit, zwei zu 50 % und zwei zu 75 %. Sollte ich noch zwei Jahre bis zum eigentlich vorgesehenen Alter weitermachen, sind es 51 Jahre. 

Dreißig Jahre, davon womöglich noch die Hälfte halbtags, das ist also viel weniger, als es klingt. Niemand sollte überrascht darüber sein, wenn das nicht für eine auskömmliche Rente ausreicht, womöglich noch in einer schlecht entlohnten Tätigkeit. 

Das Szenario, das in einer der Reportagen in etwa so vorkam, betrifft natürlich vor allem Familienmütter. Das spielt freilich dann keine Rolle, wenn die Familie noch besteht. In dem Fall bietet die nicht auskömmliche Rente der nur dreißig Jahre Beitragszahlungen zugrunde liegen zusammen mit der höchstwahrscheinlich auskömmlicheren Rente der zweiten Hälfte eines Ehepaars, bei der insgesamt mehr Jahre zusammenkamen, eine gute Grundlage für einen angenehmen gemeinsamen Lebensabend. Das gilt bei zwei Geringverdienern im Ruhestand vielleicht in einem Mietverhältnis nur mit gewissen Einschränkungen, aber die Rahmenbedingungen müssen schon sehr ungünstig sein, daß es auch dann mit dem Geld wirklich klemmt. 

Daß jemand über Geldmangel jammert, reicht mir übrigens nicht aus, um einen Geldmangel wirklich für gegeben zu halten. Jammern tun ja fast alle, daß sie zu wenig Geld hätten, sogar Oberärzte. Es gibt Leute, die können mit Geld nicht gut genug umgehen, um mit Engpässen zurechtzukommen, und die hätten selbst die Möglichkeit, sich so zu verhalten, daß sie sich nicht arm fühlen müßten. Wenn sie das nicht zuwege bringen, muß man ihnen helfen, es zu lernen. 

Natürlich gibt es auch den echten, objektiv demonstrierbaren Geldmangel derjenigen, die eigentlich alles richtig machen, aber eben so wenig von der Rentenversicherung ausbezahlt bekommen, daß es von vornherein nicht ausreichen kann für das, was man als Ausgaben hat. Ich wollte obige Sache nur mal erwähnen, weil es mich so stört, daß der subjektiv empfundene Mangel die Grundlage der manchmal schockierenden Ergebnisse von Umfragen ist, die dann von den einschlägigen Interessengruppen zur Grundlage politischer Forderungen gemacht werden. 

Back to topic: 

Das Problem mit der Altersarmut entsteht am häufigsten als Folge von Trennung bzw. Scheidung, sofern von der altersarmen Person Kinder großgezogen wurden. Mit anderen Worten: Fast immer sind es Mütter, auf die das Szenario "dreißig Rentenversicherungsjahre, davon die Hälfte in Teilzeit" zutrifft. Dafür ist auch der Fluch der Minijobs mitverantwortlich, die seit Jahrzehnten populär sind, weil es nur geringe (lange Zeit überhaupt keine) Abzüge dabei gibt, was freilich dazu führt, dass kaum (früher gar keine) Rentenversicherungsbeiträge eingezahlt werden. Nach dem Renteneintritt bleibt also bei einer Erwerbsbiographie mit langjähriger Minijobtätigkeit - anderweitiges Einkommen oder Vermögen als nichtexistent vorausgesetzt - nur noch die Wahl zwischen (aufstockender) Grundsicherung oder wieder eine Arbeit aufzunehmen - in der Regel wieder auf Minijobbasis. Putzen ist der Klassiker, aber körperlich auch bei vergleichsweise fitten 67jährigen nicht mehr so leicht zu stemmen. Ein beträchtlicher Teil derjenigen, die nach Renteneintritt nicht wissen, wo sie Geld hernehmen sollen, sind zu körperlich anstrengender Erwerbsarbeit gar nicht mehr in der Lage - und Putzen als Erwerb IST körperlich anstrengend. Ich erinnere daran, daß ich bei Arztbesuchen immer wieder erstaunte Reaktionen erlebe, weil ich kein einziges Medikament regelmäßig einnehmen muß. Chronische Erkrankungen sind bei 60jährigen offenbar die Norm, das heißt, körperliche Unfitness ist es sieben Jahre später erst recht. 

Die Sache mit der Altersarmut erinnert mich daran, daß Leute wie dieser unangenehme Marcel Fratzscher das Narrativ verbreiten, der Generation der "Boomer" (die Leute, die jetzt nach und nach in Rente gehen und für den Anstieg bei der Altersarmut sorgen) gehe es viel zu gut, sowohl gesundheitlich als auch finanziell, sie seien zu fit, um als unnütze Esser ohne Gegenleistung versorgt zu werden, und sie seien der jungen Generation deshalb etwas schuldig, sowohl was zusätzliche Arbeitsjahre als auch was weniger Geld betrifft. Da alle Prognosen eine noch viele Jahre andauernde Zunahme der Altersarmut sehen, betrachte ich Fratzschers Einlassungen als entweder Wichtiguerei - Motto: je kontroverse die These, desto besser die Buchverkäufe und desto häufiger sitzt man in Talkshows - oder aber vielleicht auch interessengesteuert. Sein Lösungsvorschlag enthält jedenfalls keine Lösung, weil er das Problem falsch benennt und im Namen der Gerechtigkeit neue Ungerechtigkeiten schaffen würde. Was Fratzscher meiner Meinung nach auch ganz genau weiß.  

Die Altersarmut von heute und von morgen läßt sich nicht mehr ohne weiteres verhindern. Die Mütterrente ist in diesem Zusammenhang übrigens nichts weiter als ein schlechter Witz: Für die Mütter, die als Rentner in der Armut landen oder dies befürchten müssen, ist sie zu wenig und wird sowieso nur von der Grundsicherung, die sie benötigen werden, wieder abgezogen. Alle anderen kommen auch ohne sie klar. Altersarmut droht aber auch Männern, vor allem im Osten, die häufig Erwerbsbiographien haben, in denen sich etwa zwanzig Jahre lang Phasen der Niedriglohnbeschäftigung mit Phasen der Arbeitslosigkeit abwechselten. Auch im Westen mußte Agenda 2010 sei dank so mancher gut Qualifizierte in mittleren Jahren, der nie mit Arbeitslosigkeit gerechnet hätte, wenn sie doch eintrat, Vermögenswerte verwerten, die eigentlich einen sorgenfreien Ruhestand gewährleisten sollten. Dies war damals politisch gewollt, die Folgen müssen der Regierung bewußt gewesen sein, und sie wurden in Kauf genommen, mit anderen Worten: Es hing vielfach nur von den Faktoren Glück oder Pech ab, ob man den Job und seine Rücklagen behalten konnte oder nicht. Auf die Altersgruppe über 40 hatte das schwerwiegendere Auswirkungen als auf jüngere, weil sie auch im Niedriglohnbereich zeitweise völlig chancenlos bei Bewerbungen waren. Die Betroffenen meiner Generation wurden also wissentlich von der damaligen Bundesregierung in diese Situation gebracht, ebenso wie ein halbes Dutzend Bundesregierungen nichts dabei fand, absehbare Altersarmut für Mütter vom Fortbestand oder dem Scheitern ihrer Ehe abhängig zu machen. Reparieren läßt sich daran jetzt nicht mehr viel, das hätte mit wesentlich mehr Vorlauf vor dem Renteneintritt der Betroffenen geschehen müssen. 

Einer Überdramatisierung des Umfangs des Problems der Altersarmut von heute, wie sie von den einschlägigen Interessenverbänden betrieben wird, möchte ich trotzdem entgegentreten. Die Rentenansprüche der gesetzlichen Rentenversicherung sind ja nur für eine Minderheit das einzige, wovon sie im Alter ihren Lebensunterhalt bestreiten, und das gilt auch für die Mehrheit der Mütter, deren Rentenansprüche nicht existenzsichernd sind. Der wichtigste Faktor nach einer fortbestehenden Ehe (weniger günstig sind Beziehungen ohne Trauschein) ist das Wohneigentum. Sogar unter Rentnern, die 2018 ein Haushaltsnettoeinkommen von unter 900 Euro bezogen, lebte nämlich fast ein Drittel in Wohneigentum. Auch wenn der Anteil der Eigentümer mit steigendem Haushaltsnettoeinkommen natürlich stark steigt, ist das ein beachtlicher Wert. Und: 2018 war das zwar kein üppiges Einkommen, aber vermutlich ausreichend für die Einzelperson, die man sich dabei fast immer vorstellen muß. Wenn ich an meine eigene Mutter denke, dann lebte sie im eigenen Haus zwar von einer bescheidenen eigenen und einer ebenfalls bescheidenen Witwenrente, hatte aber von meinem verstorbenen Vater auch eine Rücklage in seinerzeit fünfstelliger Höhe hinterlassen bekommen - ein Pfund, mit dem sie irgendwann an der Börse zu wuchern begann, was dazu führte, daß sie heute ein ganz ansehnliches Vermögen hat, obwohl sie nie gezögert hat, größere Summen für die Instandhaltung am Haus auszugeben. Armutsgefährdet war sie trotz niedriger Rentenansprüche also nie, auch wenn sie weit entfernt davon war, reich zu sein. Vergleichbare Fälle werden in der niedrigsten Einkommensgruppe mit Wohneigentum nicht gerade selten sein. 

 

Was wir also definitiv nicht brauchen, sind Wohltaten für Rentner, die mit der Gießkanne über alle ausgeschüttet werden. Nötig fände ich aber zielgenauere Maßnahmen, die sich auf die Gruppen von Rentnern beschränken, die heute schon keine existenzsichernden Einkünfte haben, bzw. künftigen Rentnern der nächsten zehn Jahre, bei denen das jetzt schon absehbar und nicht mehr zu verhindern ist. 

Was außerdem möglich wäre und auch getan werden sollte, ist, die Altersarmut von übermorgen zu verhindern, und dies betrifft die Generationen, die Marcel Fratzscher zu ködern versucht, indem er ihnen weismacht, uns gehe es zu gut und ihnen zu schlecht, also solle man doch uns etwas wegnehmen und an sie weitergeben. In Wirklichkeit sind es aber nur die ab Mitte der neunziger Jahren Geborenen, die angeblich im Alter so benachteiligt sein sollen, denen nie zugemutet wurde, für 5 Euro die Stunde zu schuften, wie das 2005 in der Zeitarbeit gang und gäbe war, weil sie erst um die Zeit der Einführung des Mindestlohns herum ins Erwerbsleben eingestiegen sind. Die Rentenansprüche, die man als Angehöriger der GenZ in einem geringqualifzierten Job erworben hat, betrugen bei Start ins Erwerbsleben 2016 von vornherein fast das Doppelte von dem, was ein aus der Arbeitslosigkeit heraus in Arbeit gelangter Mittvierziger ab 2005 möglicherweise jahrelang eingezahlt hat. Sogar dann, wenn hundert Euro von der Rente bei dem GenZler, gemessen an der Inflation, bei seinem Renteneintritt weniger Kaufkraft als die hundert Euro des Boomers, der ab der Wende in Brandenburg oder Sachsen zwanzig Jahre lang nur Mini-Rentenansprüche erwerben konnte, aufweisen sollte, bekommt der GenZler aller Voraussicht nach trotzdem einige hundert Euro mehr, und das sollte die Sache ja wohl wieder ausgeleichen.

Altersarmut entsteht für heutige Mitt- bis Endzwanziger vermutlich am häufigsten, wenn in einem akademischen Beruf erst spät ins Berufsleben eingestiegen wurde, etwa wegen einer Umorientierung im Studienfach, insbesondere in Fachrichtungen mit bescheideneren Gehaltsaussichten und/oder - erneut - durch längere Phasen ohne bzw. mit eingeschränkter Erwerbstätigkeit. Es läßt sich kaum übersehen, daß Kinder weiterhin das Risiko für Altersarmut erhöhen, sofern ihre Eltern keine bis ans Lebensende dauernde Ehe oder sonstige Beziehung führen. Das wäre der Punkt, an dem man in irgendeiner Form ansetzen müßte, um zielgenau gegen Altersarmut bei jüngeren Leuten vorgehen zu können. 

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Meine Low-Carb-Phase ist morgen zu Ende und mein Mann hat sich fürs Wochenende Linsen und Spätzle gewünscht. Er hat auch diesmal konsequent mitgemacht, wie immer mit einer Ausnahme: Zucker im Kaffee. Da er sich - ebenfalls wie immer - geweigert hat, die Waage zu betreten, kann ich aber nicht sagen, ob und wieviel er abgenommen hat. 

Das Wochenende werden wir nicht nur endlich mal wieder Brot, Spätzle und Bier genießen, sondern außerdem unter dem Dach nach dem aktuellen Haupt-Mauseloch suchen. Dank der Kamera können wir einschätzen, daß es sich (ärgerlicherweise) hinter einem Einbauschrank befindet, aber ich hoffe, wir kommen trotzdem direkt ran, weil dahinter der niedrigere Teil der Dachschräge in das Einbaumöbel merkwürdigerweise nicht mit einbezogen worden war. Im Moment ist diese Nische unter der Schräge noch vollgestellt, aber das wird sich jetzt ändern.  

Ich befürchte, wie im Wohnzimmer gibt es auch noch Neben-Mauselöcher. Aber wie im Wohnzimmer werden wir die nach und nach auch noch finden.