Freitag, 30. Januar 2026

Jasper Cavens Businessideen - und wer daran schuld ist. Außerdem: Nachdenken über die Zukunft der Rente. (Vorsicht, Überlänge!)

Mein Gewicht nach dem vierten von vier Fastentagen: 72,8 Kilogramm. Das ist ein Fall von Naja, entspricht aber ungefähr dem, was ich erwartet hatte, nachdem ich über Weihnachten wohl wirklich etwas zugenommen habe - das ist neu, in früheren Jahren fiel mir das nicht auf. Wenn ich mein heutiges Gewicht mit dem nach dem letzten langen Fastenintervall vor Weihnachten vergleiche, liegt es 1,2 Kilogramm höher. Damit kann ich eigentlich leben, es sind immerhin 7 Kilogramm weniger als zu Anfang des Jahres, wenn es auch nur 2,8 Kilogramm weniger als am Montag sind. Aber zu Beginn des Fastenintervalls war ich ja sowieso schon mehr oder weniger entwässert, also bildet diese Abnahme während des Fastens zu einem größeren Anteil als sonst eine Abnahme im eigentlichen Sinne ab, anstatt zu 90 Prozent aus Wasser zu bestehen. 

Das Problem mit der ersten Mahlzeit erst am Nachmittag an den Eßtagen der nächsten Woche hat sich übrigens für zwei der drei betreffenden Tage gewissermaßen von alleine gelöst. Denn am Montag bin ich bei einem Meeting, wo es auch einen Imbiß gibt: Rippchen mit Brot. Ich werde die Carnivore-Brötchen mitbringen, weil sich andere Leute dafür interessieren. Also werde ich am Montag diese Brötchen um eine Zeit backen, die es nahelegt, daß wir zum Kaffee auch welche essen. Am Mittwoch wiederum muß ich nachmittags zu einer Beerdigung, und da esse ich vorher einfach gar nicht. Da es vermutlich anschließend eine Einladung gibt, werde ich allerdings wohl carblastig essen und trinken, denn der Verstorbene war mein Patenonkel, und ich ehre sein Andenken sicherlich am besten, wenn ich auf ihn ein Bier trinke. Er mochte Bier, und er freute sich, daß ich es auch mochte, als ich das letzte Mal bei ihm zu Besuch war. Wie ich die Sache am Freitag mache, weiß ich momentan noch nicht, aber vielleicht fügt sich das ja ebenfalls von alleine. 

Mal sehen, ob diese neue Variante: Low Carb plus zwei ganze Fastentage in der Woche plus drei Tage 18:6-Fasten dazu führt, daß ich in zwei Wochen schon wieder an dem Punkt bin, an dem ich vor Weihnachten war. Idealerweise wäre ich sogar über ihn hinaus. 

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Im Tauschregal fand ich mal wieder einen Abnehmratgeber, der mich neugierig machte: "Hungerstoffwechsel" von Jasper Caven. Ein ziemlich schmales Bändchen, das noch dazu etliche Seiten mit vorgedruckten Formularen enthielt, die man selbst ausfüllen soll. Wäre ja kein Thema, wenn der Inhalt lesenswert wäre. Aber der Inhalt stellte sich als eine Variante des üblichen kalten Kaffees heraus: Kalorienlogik, Sport, Tricks, wie man sich selbst diszipliniert, Mittel, um sich dafür selbst zu überwachen, und so weiter. Fasten wird nur einmal ganz am Rande in einer Aufzählung seiner Meinung nach unwirksamer Methoden erwähnt. Es schien eines dieser typischen belanglosen Trittbrettfahrer-Ratgeberbücher zu sein. 

Mehr als ein flüchtiges Durchblättern fand ich sinnlos. Aber ich schloß ich noch eine kurze Onlinerecherche über diesen Wunderknaben an, von dem ich noch nie etwas gehört hatte. Und da zeigte sich, daß das belanglose Büchlein noch der harmloseste Teil von Cavens Aktivitäten ist. Denn das Büchlein wird zwar auch zum Kauf angeboten, aber überwiegend scheint es verschenkt zu werden. Und das nicht etwa aus Hilfsbedürfnis. Als Influencer vertreibt Caven - außer seinen Büchern - nämlich auch Nahrungsergänzungsmittel, und die zu promoten scheint auch das eigentliche Ziel zu sein. Früher gab es auf seiner Website wohl eine ganze Palette von diesem Zeug, heute nur noch einen Abnehmshake, der angeblich die Leber entfettet, und, Überraschung, dies soll - anders als er das in seinem Büchlein darstellt - sogar ganz von alleine wirken. Da er viel Werbung schaltet - auch als auf den ersten Blick wie redaktionelle Artikel wirkende in Magazinen -, scheint die Sache für ihn vor allem eine Geldmachmaschine zu sein. 

Und Geld macht er damit anscheinend mehr als genug. Falls die Angaben zum Gewinn des Unternehmens omos media, an dem Jasper Caven von Beginn an als Gesellschafter mitbeteiligt ist und das auch im Impressum seines Abnehmratgebers steht, stimmen sollten, stieg der Unternehmensgewinn seit der Eintragung des Unternehmens 2018 stetig und belief sich im Jahre 2023 auf mehr als 25 Millionen Euro. Caven ist darüber hinaus auch Gesellschafter in einer Reihe anderer Unternehmen, bei all denen in wechselnder Besetzung immer dieselben drei Personen Gesellschafter sind, von denen die meisten irgendwie vorrangig mit dem Themenkomplex "Wie zocke ich verzweifelte Übergewichtige ab?" zu tun haben. Ein Teil der auf Cavens Seite nicht mehr erhältlichen Abnehmprodukte findet sich auf manchen jener anderen Websites immer noch. Als vierter im Bunde beteiligt sich unter Umständen auch ein Rechtsanwalt als Abmahnabzocker mit, der irgendwelche womöglich ja ebenfalls zwielichtige Trittbrettfahrer daran hindert, das anscheinend erfolgreiche Konzept aufzugreifen, jedenfalls berichtet eine andere Rechtsanwaltskanzlei über eine solche Abmahnung für einen ihrer eigenen Mandanten im Auftrag der omos GmbH. Vielleicht tue ich der Kanzlei mit diesem Verdacht aber auch Unrecht und sie wurde einfach nur beauftragt und hat den Auftrag halt abgewickelt, weil so was nun mal ihr Job ist. 

Daneben gibt es aber auch eine "Caven Ventures GmbH" mit dem Zweck der Verwaltung des eigenen Vermögens und Beteiligungen an anderen Unternehmen. Erwähnenswert finde ich außerdem, daß sein Firmengeflecht auch eine Caven Immobilien GmbH enthält, Gegenstand: Erwerb sowie Halten und Verwalten von eigenen Grundstücken, Gebäuden und Gebäudeteilen. Vielleicht meint er ja, als Immobilien-Influencer ein zweites Standbein schaffen zu können, wenn das Geschäft mit seinen Abnehmprodukten einmal nachläßt, zu dem, was man auf YouTube im Bereich Immobilien-Influencer teils zu sehen bekommt, würde so eine Gestalt eigentlich auch gut passen. Aber bislang scheint er jedenfalls nicht schlecht mit seinem Zeug verdient zu haben, also vielleicht dient das ja nur der Geldanlage für seine jährlichen Millionengewinne mit dem Zeug, das er verkauft. 

Sicherlich ließen sich über diese mehr als zwielichtige Figur, über die nirgends irgendwelche biographischen Angaben zu finden waren, noch mehr interessante Details herausfinden. Alleine der Name klingt ja schon wie ein Pseudonym, also wäre ich nicht weiter erstaunt, falls sich herausstellen sollte, daß er in Wirklichkeit ganz anders heißt. Aber ich hatte keine Lust darauf. Der Typ ist ein simpler Abzocker, nicht mehr und nicht weniger als das, und das, fand ich, war hier eine Bemerkung über ihn wert. Das Büchlein ist folglich noch nicht einmal dafür tauglich, wieder zurück ins Tauschregal gestellt zu werden, man will ja nicht andere Leute auf der Suche nach Lösungen versehentlich in die Klauen eines Abzockers treiben. Giftmüllverbrennung wäre wohl doch übertrieben, also landet das Ding nunmehr einfach im Papiermüll. Dasselbe mache ich mit allen anderen Expemplaren, die mir vielleicht künftig in einem Tauschregal begegnen werden. 

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"Why does the public seem largely indifferent to the attacks on science?" fragt ein Autor, immerhin Professor in Yale über die einschlägigen Aktivitäten der US-Regierung, und antwortet selbst darauf: "This may be related to the public view that higher education is headed in the wrong direction." Es folgen eine durchaus eindrucksvolle Selbstkritik eines Wissenschafts-Insiders, der sich als keineswegs blind für das outet, was seit vielen Jahren in der Wissenschaft schiefläuft, und die Behauptung, insgeheim wisse das innerhalb der Wissenschaft jeder. Noch wichtiger, er macht ein paar Lösungsvorschläge. 

Von so etwas möchte ich gerne mehr sehen und hören, denn ich schließe mich in den wissenschaftlichen Bereichen, die mich persönlich tangieren, der öffentlichen Meinung hiermit mit großem Nachdruck an, möchte aber betonen, daß ich keineswegs Wissenschaftler durch irgendwelche Schamanen oder Gesundbeter ersetzen möchte, sondern durch eine Wissenschaft, die endlich mal ein paar offensichtliche systembedingte Fehlerquellen beseitigt und dann vielleicht ja wirklich wieder imstande ist, ihre Arbeit auch von ihrem Ende her zu denken. Und dieses Ende müßte halt sein, daß die Ergebnisse wirklich ein bestimmtes Wissensgebiet weiterbringen, anstatt lediglich sinnlose Zahlenspielereien zu betreiben. Eine Studie kann methodisch, rechnerisch und in der Datengrundlage absolut richtig und gleichzeitig irrelevant sein. Wenn ihr aber in der zugehörigen Pressemitteilung der erwünschte Spin verpaßt wird, werden die Publikumsmedien einem das, was man als Folgerung aus dem Ergebnis angeblich tun oder lassen sollte, in jedem Fall wieder servieren, obwohl man damit nur scheitern kann. 

Ein typisches Beispiel für das erste sind Abnehmstudien, die maximal ein halbes Jahr gelaufen sind und deshalb Erfolge präsentieren können, von denen jeder, der sich auskennt, von vornherein weiß, daß es bei den Teilnehmern anschließend sowieso zu einer Wiederzunahme kommen wird, weshalb es gar keine Rolle spielt, ob sich eine Methode zuvor mehr oder weniger erfolgreich gezeigt hat. Ein typisches Beispiel für das zweite sind Studien zum selben Gegenstand, die zwei Jahre oder mehr liefen und bei denen der Erfolg als bewiesen gilt, weil im Durchschnitt das Gewicht der Teilnehmer am Ende niedriger lag als am Anfang - obwohl grafische Darstellungen des Verlaufs es abbilden, daß nach Ablauf der ersten sechs Monate eine Wiederzunahme erfolgte, von der man annehmen muß, daß sie sich auch weiter fortsetzen wird. In diesem zweiten Fall ist ein Vergleich der Ergebnisse unterschiedlicher Strategien immerhin noch von einem gewissen Interesse. Allerdings wird niemals erwähnt, daß es sich nur um einen Vergleich zwischen "schlecht" und "noch schlechter" handelt. 

Ich habe diese Mätzchen zum Kotzen satt. Und doch stoße ich immer wieder aufs Neue auf sie. Warum, frage ich, sollte ich einer Wissenschaft, die mich bei diesem Thema ständig veräppelt, dann aber bei anderen Themen vertrauen? Mir bleibt doch gar nichts anderes übrig, als mit den Mitteln, die einem Laien zur Verfügung stehen, zu versuchen, mir auf wissenschaftliche Fragen, die mich selbst berühren, einen eigenen Reim zu machen. Daß ich schlechter mit Fachwissen ausgestattet bin als die Experten, trifft zwar zu. Aber aus Gründen des Selbstschutzes bleibt mir trotzdem nichts anderes übrig, als alles selbst zu überprüfen. Dabei versteht sich von selbst, daß ich mich an Faktoren halten muß, die ich als Laie auch beurteilen kann. Im Fall von Gewichtsreduktion ist dies der in allen Studien, die mindestens ein Jahr umfassen, auch durch jeden Laien beobachtbare Wiederanstieg des Gewichts nach ca. sechs Monaten. 

Es passiert nämlich immer. Jedes. Verdammte. Einzelne. Mal. 

Ich habe keine Strichliste geführt, aber bestimmt habe ich schon eine dreistellige Zahl von Studien auf diesen Faktor hin überprüft. Ein Vertun ist da gar nicht möglich. Und jedes Mal frage ich mich dann außerdem, weil die Autoren solche Entwicklungen niemals erwähnen: Warum zum Teufel tun die das? Eine überzeugende Antwort habe ich noch nicht gefunden, aber es beweist jedenfalls eines: Ob real existierende Menschen auf Basis ihrer Erkenntnisse ihr Gewicht regulieren - also abnehmen oder ihr Gewicht halten - können, interessiert sie von vornherein nicht. 

Es gefällt mir aber überhaupt nicht, bei dem, was für mich wichtig ist, immer wieder so völlig auf mich selbst zurückgeworfen zu sein und mir auf die Dinge, die mir offensichtlich von der Wissenschaft falsch erzählt wurden, meinen eigenen Reim machen zu müssen. Es mag besser sein, als sich an offensichtlich nicht hilfreiche wissenschaftlich untermauerte Ratschläge zu halten, aber eigentlich sollte es nicht so sein. Ich möchte gerne eine Wissenschaft, der ich grundsätzlich erst einmal vertrauen kann. Auch wenn ich Fehlbarkeit natürlich akzeptiere, weil Irrtümer und Fehlschlüsse nun einmal nicht völlig vermeidbar sind: Das, was ich beschrieben habe, gehört nicht zu der verzeihlichen Fehlern, es ist wissentliche Irreführung, und was mich am meisten aufregt: So geht das schon seit Jahrzehnten. Niemand kann mir weismachen, daß die nicht ganz genau wissen, was sie da tun. Auch wenn Akademikern für meinen Geschmack zu viel Ehrfurcht entgegengebracht wird: Für so dämlich, den typischen Abnahmeverlauf innerhalb eines Jahres einfach übersehen zu haben, halte ich sie dann doch nicht. Aber warum sie sich so verhalten, bin ich mir nach wie vor nicht wirklich sicher, obwohl ich auch dazu ein paar Theorien habe. 

Von der Minderheit derer, die ein vergleichsweise hohes Mißtrauen wie ich entwickelt haben, geht aber kaum jemand so vor wie ich, wenn sie über ein solches Thema etwas herausfinden wollen. Fast alle gehen irgendwelchen zweifelhaften Wunderheilern auf den Leim, und nur manche unter diesen blinden Hühnern haben das Glück, daß ihr Favorit tatsächlich teilweise Dinge empfiehlt, die meiner wissenschaftlich absolut unfundierten, aber dafür praktisch erlebten Erfahrung nach wirksamer sind als das, was die Schulweisheit zu bieten hat. Andere fallen aber auf einen Jasper Caven herein, der sich daran eine goldene Nase verdienen kann. Tatsächlich hat die Wissenschaft mit ihrer irritierenden Gleichgültigkeit gegenüber der Wirkung, die sich mit Hilfe ihrer Erkenntnisse erzielen oder nicht erzielen lassen, einen beträchtlichen Anteil daran, daß solche Geschäftsmodelle weiterhin florieren. 

In meinem kleinen gallischen Dorf hatte ich jetzt zum ersten Mal die Gelegenheit, im wachsenden Kreis der Bekannten (und langsam kann ich auch mal anfangen, einen Teil davon als Freunde zu bezeichnen) jemandem, der eine Prädiabetes-Diagnose hat  und offenbar einen Arzt, der ihm zu kohlenhydratarmer Ernährung geraten hat, ein paar einschlägige und leicht umsetzbare Ernährungstipps zu geben. Ich gab sie umso lieber, weil sie ihn wirklich interessierten, denn er wußte nicht so recht, was er mit dem ärztlichen Ratschlag nun in der Praxis anfangen sollte. Daß wir gerade Low Carb essen, paßt dazu ausgezeichnet. Wir werden also demnächst mal zum Abendessen Besuch bekommen, damit er sich davon überzeugen kann, daß das erstens sehr wohl schmeckt, auch wenn keine Spätzle oder Pommes mit im Spiel sind, und zweitens auch kein Hexenwerk bei der Zubereitung ist. Und dann muß ich dringend noch fragen, wer denn dieser Arzt ist, denn das hatte ich bislang ganz vergessen. 

Also, der Aufruf hat in jedem Fall seine Berechtigung. Bleibt dieser US-Wissenschafter aber nur ein einsamer Rufer in der wissenschaftlichen Wüste oder ist das diesmal vielleicht ja doch der Beginn einer Bewegung innerhalb der Wissenschaft? Dies bleibt abzuwarten. Sonderlich optimistisch bin ich aber nicht. 

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Kürzlich geriet ich, mehr aus Versehen, in einen Podcast in dem sich der Podcaster Holger Klein mit zwei Wirtschaftswissenschaftlern, Rüdiger Bachmann und Christian Bayer über Wirtschaftsthemen austauscht. Ich fand die aktuelle Folge, in der es auch um ein paar sehr aktuelle Themen ging, so überraschend interessant, daß ich mir noch eine zweite gönnte, die sich um das Thema Rente drehte. Auch aus der Folge habe ich das eine oder andere mitgenommen, das ich interessant zu erfahren fand, aber an einem Punkt hätte ich gerne meinen Zweifeln durch ein paar kritische Rückfragen Ausdruck verliehen. Denn ich gehe zwar davon aus, daß die beiden eine ganze Menge von Dingen verstehen, von denen ich keinen blassen Dunst habe, aber weil die Sache mit der Rente und etwaigen Veränderungen bei den zugehörigen Regelungen ja am Ende bei Leuten wie mir diese oder jene Wirkung haben sollte, hatte ich das Gefühl, diesen entscheidenden letzten Schritt haben sie nur unvollkommen nachvollzogen. Liegt das daran, daß sie ein implizit als richtig vorausgesetztes wirtschaftswissenschaftliches Ziel hatten? Solche Ziele sollten dem Ziel "Die Gesellschaft soll im Großen und Ganzen funktionieren" als ein untergeordnetes Teilziel eingefügt werden können. Die Wirtschaft hält allerdings ihr optimales eigenes Funktionieren  für einen Wert an sich und die zugehörige Wissenschaft übernimmt das vielfach unhinterfragt, indem gesellschaftliche Störfaktoren auf dem Weg zu diesem Ziel nur dann eine Rolle spielen, wenn sie dieses angestrebte Ziel behindern würden.

Für meine Verhältnisse habe ich meine Zweifel ungewohnt zurückhaltend und geradezu wohlwollend ausgedrückt, nicht wahr? Das liegt daran, daß ich mich gerade auf Terrain bewege, das mir nicht sonderlich vertraut ist und zu dem ich mich - insgesamt wie auch in vielen Teilbereichen - noch nicht ausreichend befähigt glaube, mir eine Meinung zu bilden. Ich formuliere meine Einwände deshalb mit aller gebotenen Vorsicht, weil ich nicht sicher bin, ob mir doch irgendwo noch Denkfehler unterlaufen sind. 

Das gilt aber nicht für den Sinn von Wirtschaft. Die Wirtschaft ist meines Erachtens ein Mittel, um ein andersgeartetes Ziel zu erreichen, und deshalb spielt es auch eine Rolle, sich zu vergegenwärtigen, daß die Ziele der Wirtschaft niemals mit den Zielen von Wirtschaftspolitik deckungsgleich sein können. Daß die Wirtschaft selbst ihre Ziele absolut setzt, kann man ihr ja kaum vorwerfen, aber es wäre Aufgabe der Wirtschaftspolitik, dafür einen gesellschaftszuträglichen Rahmen zu setzen (Ludwig Erhards soziale Marktwirtschaft tat das zum Beispiel auf überzeugende Weise), und der Medien, dies zu kommunizieren. An dieser Klippe scheitern meinem Eindruck nach aber alle beide, und zwar nicht erst, seit Pinocchio Bundeskanzler und Schneewittchens Stiefmutter Wirtschaftsministerin geworden ist. Schon seit anno Gerhard Schröder hat man permanent den Eindruck, der Bürger zählt nur noch als Wirtschaftsfaktor, als der er entweder nützlich ist, was aber in den Augen der Wirtschaft niemals ausreicht, sondern immer irgendwie (und meist auf Kosten der Nützlichen) optimiert werden soll, oder nicht nützlich, was man ihm mit Feuer und Schwert auszutreiben versucht. In diesem Modell spielt der Bürger also nur die Rolle eines nützlichen oder unnützen Idioten. Wo immer über wirtschaftliche Erfordernisse gesprochen wird, entstehen die Einwände auf Seiten derer, die sich nur ungern zu Idioten machen lassen wollen. Einige davon sind berechtigt, auch wenn diese Interessenvertretungen wiederum deren Eigeninteresse absolut setzen, was natürlich genauso falsch ist. 

Das Gegenstück zu den Propagandisten der Wirtschaftsinteressen sind nämlich die Parteien, Institutionen und NGOs, die sich dem Schutz der Schwächeren verschrieben haben. In ihrer Argumentation kommt die Frage nicht vor, wofür man die Wirtschaft womöglich doch auch noch braucht, und außerdem funktioniert sie da von ganz alleine und steuernde Eingriffe sind nur nötig, um sie daran zu hindern, uns allesamt mit Haut und Haaren aufzufressen. Und auch dies wird  durch die Medien nie so richtig eingeordnet. Manchmal passiert es auch, daß beide inkompatiblen Sichtweisen in ein und derselben Zeitschrift nebeneinander stehen, ohne daß irgendwer es für erklärungsbedürftig hält, daß aus Sicht des Spiegels oder wem auch immer anscheinend beides richtig sein soll, obwohl beides sich erkennbar gegenseitig ausschließt. 

Als Kommunikationsmuster ist das dem gesellschaftlichen Frieden kaum zuträglich, wenn diese Dinge ständig nur einander ohne Einordnung gegenübergestellt werden, und das ließe sich verbessern. Vielleicht wäre es mal an der Zeit, eine öffentliche Debatte über den Sinn der Wirtschaft im Rahmen einer Gesellschaft anzufachen, die vor allem verdeutlicht, was der einzelne in seiner jeweils individuellen persönlichen Situation davon hat, daß die Wirtschaft funktioniert, und die Bereiche, in denen sie zu gut funktioniert und dabei das Leben der Bürger unzumutbar verschlechtert, einzukreisen, damit man auch darüber sprechen kann, wie man die gesamtgesellschaftliche Wirkung verbessern könnte. Eingebettet müßte beides in das Gesamtkonzept sein, daß die Wirtschaft nicht der Endzweck ist und auch nicht sein soll. Es reicht außerdem nicht mehr, so etwas schweigend vorauszusetzen. Die Leute müssen es hören und daran glauben können. Aber diejenigen, die irrtümlich glauben, sie müßten die Interessen der Wirtschaft vertreten, weil sie auch ihre eigenen seien, müssen auch lernen, daß sie damit auf einem Holzweg sind.

Ein Beispiel dafür, wie so etwas zwangsläufig schieflaufen muß:  

Die berüchtigte Durchschnittssekretärin habe ich in diesem Blog schon das eine oder andere Mal erwähnt. Sie wäre schuld daran gewesen, falls Angela Merkel 2005 die Wahl doch noch gegen Gerhard Schröder verloren hätte. Die Durchschnittssekretärin war nach Darstellung des Merkelschen Wirtschaftsminister-Kandidaten, jenes "Professors aus Heidelberg", wie Schröder sich im Wahlkampf über ihn mokierte, teilweise verheiratet und hatte 1,3 Kinder. Bestimmt ergaben solche Familienverhältnisse im speziellen Biotop der Wirtschaftswissenschaften irgendeinen Sinn. Im richtigen Leben tun sie das aber nicht. Die Durchschnittssekretärin ist kein Mensch, der einem auf der Straße über den Weg laufen kann, sondern ein statistisches Konstrukt und deshalb ungeeignet als Beispiel für wirtschaftspolitische Pläne, die von denen unterstützt oder wenigstens hingenommen werden sollen, denen man im Gegensatz zu ihr wirklich auf der Straße begegnet und die selbstverständlich erwarten dürfen, daß die deutsche Wirtschaftspolitik sich für das, was sie benötigen, ein bißchen mehr interessiert als für das, was ein rechnerischer Mittelwert aller Deutschen zusammen vielleicht mögen würde.

Aber außerdem hatte diese Durchschnittssekretärin auch noch ein Gehalt, bei dem mir - wenige Jahre zuvor hatte ich vorübergehend ebenfalls in einem Vorzimmer gearbeitet - einfach die Luft wegblieb. Ich erinnere mich nicht mehr an den genauen Betrag und will ihn jetzt nicht recherchieren, weil er sowieso keine Rolle spielt. Aber ich erinnere mich sehr genau daran, daß ich jede einzelne Sekretärin, deren ich habhaft werden konnte, danach fragte, ob sie irgendeine Sekretärin kenne, die so einen Haufen Geld verdient. Niemand kannte eine. Das zugrundegelegte Gehalt einer Durchschnittssekretärin war augenscheinlich genauso utopisch wie ihr Familienstand, dem man im richtigen Leben ja auch nirgends begegnen kann. 

Ich glaube, dieser zweite Punkt war auch der wichtigere, warum der Professor Kirchhoff Frau Merkel so um die Ohren geflogen ist, daß sie die Notbremse ziehen und sich von ihm trennen mußte. Es gibt viel zu viele Sekretärinnen, um ihrem Beruf ungestraft Phantasiegehälter in aberwitziger Höhe zuschreiben zu können. Der kuriose Familienstand und die Kinderzahl führten dagegen vor allem dazu, daß alle, mit denen ich über das Thema sprach, vor Lachen unter dem Tisch lagen, und das durchschnittliche Renommee von Wirtschaftswissenschaftlern in der Bevölkerung ist bestimmt ein Stückchen gesunken, weil dies so deutlich demonstrierte, wie weit das Denken dieser Zunft von der Lebenswirklichkeit entfernt ist. Das zweite machte einen aber sauer, und zwar nicht nur mich. Wenn einen der künftige Wirtschaftsminister schon im Wahlkampf auf so groteske Weise veräppelt, was hätte man von ihm dann erst zu erwarten, wenn er erst einmal in Amt und Würden ist? 

Aber irgendwie muß er ja auf diese Zahl gekommen sein, und eigentlich wüßte ich immer noch gerne, wo genau der Fehler lag, der ihm den Zorn sämtlicher Sekretärinnen Deutschlands nebst ihrer Anverwandten zugezogen hat. Andererseits ist es mir aber nicht wichtig genug, um der Frage hinterherzurecherchieren. Und warum der Herr Professor nicht merkte, in welchen Fettnapf er treten würde, kann ich mir ja gut genug vorstellen. Die permanente Beschäftigung mit wirtschaftswissenschaftlichen Abstraktionen macht wohl ein bißchen weltfremd. Andernfalls hätte er wenigstens seine eigene Sekretärin mal nach ihrer Meinung zu seinem Beispiel gefragt. 

Ein ganz ähnliches Problem besteht mit der Zauberformel der Rendite, um die es in diesem Renten-Podcast ging.

Fürs Protokoll: Die Rendite meint, wieviel Gewinn eingesetztes Kapital abwirft. Also: Wieviele Cents bekomme ich rechnerisch während eins bestimmten Zeitraums auf einen als Kapital eingesetzten Euro noch obendrauf? Hier ging es speziell um die Rendite, die rechnerisch für aktuell in die Rente eintretende Rentner und für heutige Berufseinsteiger später, wenn sie soweit sind, aus den Renteneinzahlungen ihres Arbeitslebens erwirtschaftet werden kann. 

Bei den Jungen soll sie erheblich niedriger als bei uns liegen. Das wird folgendermaßen begründet: Wir mußten während unseres Arbeitslebens rechnerisch weniger Rentner mit unseren Beiträgen versorgen, als sie es einmal müssen werden. Und dem müsse aus Gerechtigkeitsgründen gegengesteuert werden, was aber deshalb schwierig ist, weil wir alten Knochen, die natürlich unsere Besitzstände wahren wollen, uns nichts wegnehmen lassen wollen. Da muß man also ein bißchen herumlavieren und die Stellschrauben vorsichtig drehen - aber drehen muß man sie eben doch, sofern man bei der Rente Generationengerechtigkeit herstellen will. 

Davon bin ich aber nicht überzeugt - und zwar weniger von der Berechnung als solcher, von der verstehe ich außerdem sowieso nichts, und bis es Hinweise auf das Gegenteil gibt, gehe ich davon aus, daß sie schon ihre Richtigkeit hat. Ich frage mich aber, ob das Ergebnis der Berechnung für eine Beurteilung wirklich verwendbar und inwieweit sie für Gerechtigkeitsfragen zwischen den Generationen relevant ist. 

Mein Mißtrauen in dieser Frage liegt auch daran, daß die ständige Argumentation mit der niedrigeren Rendite beim Erwerb eigengenutzter Immobilien im Vergleich zu ETFs sich ja näher betrachtet als Mogelpackung erweist. Der leistbare Investitionsbetrag bei Immobilien ist schließlich um einiges höher als der für ETFs, da er den möglichen Investitionsbetrag für ETFs plus die nicht mehr zu zahlende Miete beträgt. Deshalb ist es irrelevant, ob die Rendite je eingesetzten Euro bei ETFs vielleicht ja wirklich etwas höher liegt. Je niedriger das Einkommen, desto höher außerdem der Anteil der Mietkosten und desto geringer der mögliche Investitionsbetrag - das heißt, je niedriger das Einkommen, desto mehr übersteigt der mögliche Investitonsbetrag beim Kauf einer eigengenutzten Immobilie den, der rechnerisch für ETFs zur Verfügung steht. Was unter dem Strich nicht in Prozenten vom Einsatzbetrag, sondern in harten Euros und Cents für den Investor herauskommt, ist bei eigengenutzten Immobilien umso wahrscheinlicher höher als bei ETFs, je niedriger der mögliche Einsatzbetrag für Investitionen für ihn als Mieter noch ist und je höher der Anteil seines Einkommens, den er an seinen Vermieter zu bezahlen hat. 

Von einer höheren Rendite kann sich im Alter aber niemand seine Miete leisten, wenn die Ansparleistung zuvor so gering gewesen ist, daß der Ertrag nur ein Zehntel dieser Miete ausmacht. Bei einer abbezahlten Immobilie entspricht der Ertrag der nicht zu bezahlenden Miete minus ein paar Kosten, die Mietern nicht entstehen. Aber die fallen nicht sonderlich ins Gewicht. 

Verbirgt sich in der Renten-Renditekalkulation dieser Wirtschaftswissenschaftler also vielleicht ein vergleichbarer Kalkulationsfehler? Also: Hat eine der beiden verglichenen Gruppen vielleicht zwar eine höhere Rendite, aber eine niedrigere Kalkulationsbasis, aus der sie errechnet wird? Ist es sogar denkbar, daß die vermeintlich Bevorzugten sich nach einem renditebezogenen Interessenausgleich als doppelt Angeschissene erweisen würden? 

Das ist es, was ich gerne erfahren würde.  

Ich bin bereit, mich davon überzeugen zu lassen, daß es nicht der Fall ist. Allerdings nur dann, wenn mir jemand nachvollziehbar belegt, daß es bei dieser Renditekalkulation, bei der die Millennials sich als den Boomern gegenüber benachteiligt erweisen (daß das wirklich rechnerisch belegbar ist, setze ich - wie schon erwähnt - einmal voraus) nicht nur um die Frage des Ertrags in Cents pro eingesetzten Euro geht, sondern daß auch die Faktoren mitberücksichtigt werden, die uns Boomer während unserer Erwerbsbiographie gegenüber den heutigen Einsteigern bei der Höhe der Rentenanwartschaften benachteiligen und somit von vornherein für weniger Euros, aus denen sie die Rendite bekommen, sorgen als bei den Millennials: 

  • Berufseinstieg durchschnittlich ein knappes Jahr später - dies übrigens wüßte ich ohne den Podcast gar nicht, danke dafür!
  • Durchschnittliche Arbeitslosenzeiten liegen sehr wahrscheinlich erheblich höher und betrafen weitaus mehr Personen, das galt vor allem im Osten für die gesamten Neunziger und im Anschluß bundesweit für die Phase bis ungefähr 2010 herum. 
  • Dasselbe gilt für Phasen, in denen man nicht arbeitslos, aber in Umschulungsmaßnahmen, Ein-Euro-Jobs und anderen Zeiten ohne Erwerbseinkommen gewesen ist.  
  • Und außerdem für Phasen mit Niedriglohn. Und dies bedeutete vor Einführung des Mindestlohns Stundenlöhne von 5 bis 6 Euro - das hat zu so niedrigen RV-Beiträgen geführt, daß es eine Unverschämtheit wäre, einem die angeblich bessere Rendite gegenüber jemandem vorzuhalten, der letztes Jahr als Niedriglöhner mindestens doppelt so viel verdient hat. Millennials waren nie in Gefahr, jahrelang in solchen Arbeitsverhältnissen festzustecken. Meinen Sohn hat es nach Ende seiner Ausbildung gerade noch für zwei, drei Jahre erwischt. Aber ich kenne Altersgenossen von mir, die haben von Beginn der Neunziger bis zur Mindestlohn-Einführung auf Basis solcher Stundenlöhne RV-Beiträge bezahlt.
  • Bei Männern: Wehr- und Ersatzdienstzeiten, die nahezu unbezahlt waren.
  • Bei Frauen: Einkommenseinbußen durch jahrzehntelanges aktives Verhindern von Erwerbstätigkeit von Müttern mittels Verweigerung der Infrastruktur sowie politischer wie gesellschaftlicher Mißbilligung berufstätiger Mütter, meist mit Auswirkungen auf die gesamte weitere Berufsbiographie und selbstredend der Vergütung ihrer Arbeit. 

Von alldem müßten sich Durchschnittswerte ermitteln lassen. Falls dies bei den Formeln, die der Renditeberechnung zugrundeliegen, von vornherein nicht enthalten sein sollte, dann glaube ich so lange nicht daran, daß unter dem Strich die Millennials einmal bei der Rente schlechter dran sein werden, bis mir jemand das Gegenteil mit nachvollziehbaren Belegen beweist. Daß sie pro Euro Rentenbeitrag weniger herausbekommen als wir, benachteiligt sie dann nicht, wenn ihre Rentenbeiträge soviel höher sind, daß sie von vornherein im Vorteil gegenüber uns sein sollten. Und ich nehme bis zum Beweis des Gegenteils jetzt einmal an, daß dies der Fall ist. Die Begründung ergibt sich aus vermutlich weit weniger rentenschädlichen Brüchen in der Erwerbsbiographie bei den Jüngeren, und darauf komme ich nachher auch noch einmal zurück. 

Außerdem möchte ich gerne wissen, ob die auf ja niedrigeren Einkommen und damit auch niedrigeren Ansprüchen aus den RV-Beiträgen beruhenden Renten heutiger Eingangsrenter in dreißig Jahren wirklich dieselbe Höhe erreichen werden wie die Renten derjenigen, die erst dann in Rente gehen. Oder, wenn wir die Vergangenheit für diese Einschätzung heranziehen: Trifft es wirklich zu, daß jemand, der 1993 nach 45 Berufsjahren mit in Rente ging und dafür Rentenansprüche von 986 Euro erworben hatte, heute genausoviel Rente bekommt wie ein Rentner mit Renteneintritt 2024, dessen Anspruch sich auf 1606 belief? Dazu konnte ich nämlich nichts herausfinden. Vielleicht lag's ja an mir - es hängt ja immer viel davon ab, die richtigen Suchbegriffe zu kennen oder auf dem Wege göttlicher Eingebung zu erfahren. 

Falls es so sein sollte und auch künftig so sein wird, ist dieser Punkt jedenfalls gegenstandslos. Falls es nicht so sein sollte, ist der rechnerisch nunmehr 97jährige finanziell gegenüber dem heute 67jährigen finanziell im Nachteil und das würde heißen, dem heute 67jährigen blüht gegenüber den heute 37jährigen dasselbe. 

Und das alles sind natürlich wieder mal nur Durchschnittswerte der Durchschnittsrentner. Die Frage nach der Rendite kommt mir auch deshalb lebensfremd vor, weil wir - und das streitet ja niemand ab - in den nächsten Jahren, also innerhalb der Generation der angeblich Bevorzugten, ein wachsendes Problem mit Renten bekommen werden, die von vornherein nicht existenzsichernd sind. Das hat eine Reihe von Gründen, die hier zu weit führen würden. Die Frage, die ich aufwerfen will, lautet: Ist es bei den Millennials zu erwarten, daß dieser Anteil noch höher ausfallen wird, und wenn ja, wie läßt sich dies belegen? Ich sehe das nämlich nicht, auch wenn junge Akademiker gerade Probleme mit dem Berufseinstieg haben und bestimmte Branchen, etwa die Automobilindustrie, erheblich schwächeln. Gerade in der Automobilindustrie sieht es nämlich in Wirklichkeit so aus, daß vielleicht Junge schlechte Einstellungschancen haben. Aber entlassen werden doch ganz gerne meine Altersgenossen, weil die teurer sind und weil sich das häufig konfliktfrei regeln läßt, wenn man entsprechende Abfindungen anbietet. (Denen fehlen dann übrigens auch ein paar Rentenbeitragsjahre.) 

Die aktuellen Arbeitslosenzahlen sind längst nicht so katastrophal wie anno 2005, und es ist nicht zu erwarten, daß sie so lange wie seinerzeit weitersteigen werden. Diejenigen, die heute nicht so schnell und leicht einen so gut bezahlten Job finden, wie sie das während des Studiums erwartet haben, werden bestimmt nicht jahrelang suchen und dies mit Arbeitslosigkeit und, um überhaupt vermittlungsfähig zu bleiben, arbeitsamtfinanzierten Fortbildungen überbrücken müssen, nur um am Ende aufzugeben und einfach Briefträger zu werden, wie das meiner Schwester nach dem Ende ihrers Studiums Ende der Neunziger im Verlauf der darauffolgenden ungefähr sechs, sieben Jahre passiert ist. Das ist übrigens die Grundlage ihrer eigenen Armutsrente, von der sie als Single keinesfalls ohne aufstockende Leistungen leben können würde, aber zum Glück ist sie ja verheiratet. Welche Brüche auch immer künftige Erwerbsbiographien aufweisen werden, sie werden nicht denselben Charakter haben wie die meiner Altersgenossen, die viele von ihnen für lange Zeit oder sogar dauerhaft ans untere Ende der Einkommensskala oder ganz aus dem Erwerbsleben gekegelt und dadurch auch nach Renteneintritt ärmer gemacht haben. 

Phasen der Arbeitslosigkeit und dergleichen in der durchschnittlichen Berufsbiographie des Jahrgangs, der 2026 67 Jahre alt wird, müßten sich bestimmt ermitteln lassen, aber ich habe gewisse Zweifel, daß mir das gelingen würde, und außerdem keine Lust - also sei dies den Experten mal als Hausaufgabe mitgegeben. Es fällt mir aber echt schwer, mir wirtschaftliche Verwerfungen vorzustellen, die vergleichbar finanziell ins Gewicht fallende Entwertungen von Kompetenzen und Leistungen für die Generation der Berufseinsteiger von 2026 mit sich bringen würden. 

Ich glaube, es war in der ZEIT, wo ich in der Überschrift zu einem paywallumgebenen Artikel, den ich deshalb nicht gelesen habe, den Satz las "Die Rente habe ich schon jetzt abgeschrieben". Geäußert wurde er von jemandem aus der jungen Generation. Keine Ahnung, wie er das genau begründet hat. Vielleicht hat er ja nur zu häufig von Wirtschaftswissenschaftlern gehört, daß er einmal viel ärmer als die bösen Boomer sein würde? Aber das ist nicht das Interessante daran, sondern daß mir das in den Neunzigern gar nicht so viel anders gegangen ist. 

Also, liebe Millennials: Willkommen im Club. Ich gehe jede Wette ein, wenn ihr mal in meinem Alter seid, werdet ihr euch rückblickend ebenfalls fragen, warum ihr euch damals so ins Bockshorn habt jagen lassen. 

Mir war seinerzeit in den Neunzigern nämlich immer bewußt, daß ich der Generation angehörte, die zahlenmäßig am kopfstärksten war. Das lag auch daran, daß ich das von klein auf immer wieder zu spüren bekam. Wir waren die Kinder, die in Schulklassen mit vierzig Schülern unterrichtet wurden, später gab es für uns nicht genug Ausbildungsplätze. Wir waren von Anfang an immer zu viele und bekamen das natürlich auch mit. Mir war klar, daß mich dieses Problem auch weiter begleiten würde, natürlich auch bis zur Rente und darüber hinaus. Alleine schon, weil die Medien nicht müde wurden, ständig darauf hinzuweisen. Und selbstverständlich machte mir das Sorgen.

Es machte mir sogar noch heftigere Sorgen, weil ich damals verbeamtet war und am Ende einer Welle von zusätzlich geschaffenen Beamtenstellen stand. Solche Sorgen klingen erst mal kontraintuitiv - jeder "weiß" ja, daß nichts so sicher ist wie das Ruhegehalt eines Beamten -, aber schon damals wurde ja wegen dieser Stellenschaffungen vor explodierenden Kosten für Beamtenpensionen gewarnt, die ungefähr zu meinem Renteneintritt ihren Höhepunkt erreichen sollten, und ich stellte mir deshalb die Frage, was eigentlich passieren würde, wenn sie sich, sagen wir, durch jahrzehntelange unkluge Finanzpolitik, als nicht mehr bezahlbar erweisen würden und die Frage nicht mehr lauten würde, ob ein Parlament sie nicht mehr in voller Höhe bezahlen wollte, sondern sie einfach nicht mehr bezahlen könnte. Die Antwort darauf ist simpel genug: Die Beamtenbezüge wie auch die Pensionen können, falls es nötig ist, mit einer Parlamentsmehrheit sehr zeitnah reduziert werden. In der Weltwirtschaftskrise wurde das um 1930 herum auch schon wirklich gemacht, ich glaube sogar, mehrmals. Und es wäre außerdem in der Bevölkerung sehr populär, falls es sich einmal als erforderlich erweisen würde, schnell Einsparungen zu bewirken und das Drehen an speziell dieser Stellschraube sich dafür anbieten würde. Die Beamten hätten in so einem Fall nicht den Hauch einer Chance auf irgendeine Art von Gegenwehr. Ob dies ein Grund zum Bedauern oder zur Schadenfreude wäre, sei dahingestellt. Aber Sicherheit sieht meiner Meinung nach anders aus. 

Daß ich die angebliche Sicherheit des Beamtenstatus deshalb schon vor dreißig Jahren für eine Mogelpackung hielt, war nicht der Grund, warum ich aus dem Beamtenstatus ausgestiegen bin. Ich tat das, weil ich auf ein befriedigerendes weiteres Berufsleben hoffte, eine Hoffnung, die sich dann ja auch erfüllt hat, während meine noch aktiven einstigen Kollegen, wenn ich sie mal sehe, immer noch zutiefst unzufrieden sind. Eine Zusatzrente war auch nicht der Grund, warum ich Anfang der Neunziger die Wohnung kaufte. Ich tat das, weil ich zusammen mit meinem Kind irgendwo wohnen mußte, eine Mietwohnung bei aller Anstrengung nicht aufzutreiben war und ich mich schon monatelang von Provisorium zu Provisorium gehangelt hatte und mich langsam fragte, ob ich womöglich unter der Neckarbrücke enden würde. Und natürlich auch, weil Mamas und Omas Bausparverträge mir die Möglichkeit boten, die Kosten zu stemmen. 

Aber klar, wieviel finanzielle Erleichterung die wegfallende Miete auch im Alter bedeuten würde, das wußte ich schon damals. Obbwohl ich da den Denkfehler bei der Renditekalkulation noch nicht begriff, die schon damals die wirtschaftswissenschaftlichen Spatzen und die zugehörigen Papageien von allen Dächern pfiffen, flöteten und krächzten. 

Obwohl mich die Finanzierung meiner Wohnung zunächst in eine finanziell angespanntere Lage denn je brachte, vor Altersarmut habe ich mich seit damals nicht mehr gefürchtet. Man brauchte nämlich kein Wirtschaftsstudium, um das ausrechnen zu können: Um die 900 bis 1000 DM Miete hätte ich seinerzeit für eine vergleichbare Wohnung bezahlen müssen, wenn ich nur eine bekommen hätte. Also wußte ich, daß meine Zusatzrente, sofern das Objekt bis zur Rente abgezahlt ist, mindestens 800 DM entsprechen würde - damalige Kaltmiete minus Zusatzkosten, die man als Eigentümer einkalkulieren muß. 400 Euro Zusatzrente bei dauerhaftem Erhalt des Kapitals in Form der Wohnung: die dafür nötige Ansparleistung schaffen auch heute viele nicht so einfach nebenher. Nur, dieselbe Wohnung würde heute nicht mehr 450 bis 500, sondern um die 1000 Euro Miete kosten. Meine implizite Zusatzrente durch wegfallende Kosten wäre also längst doppelt so hoch, auch dann, wenn ich das bescheidene Objekt von damals behalten hätte. Daß ich (durch viel Glück, aber auch ein bißchen Können) ein glückliches Händchen damit hatte, mir zusätzlich ein weiteres Zusatzeinkommen zu schaffen, das ungefähr doppelt so hoch liegt, und im schuldenfreien eigenen Haus wohne, kam da nur noch on top. Das, was ich brauchte, um mich vor Altersarmut zu schützen, hatte ich von dem Moment an, als ich 1992 den Kaufvertrag für meine bescheidene Wohnung unterzeichnete, die im übrigen für damalige Verhältnisse sogar ziemlich überteuert gewesen ist. 

Und eine weitere Tatsache steht ebenfalls fest: Mit ETFs wäre mir etwas Vergleichbares keinesfalls gelungen. 

Wie hätte ich als alleinerziehende Mutter denn neben 900 DM Miete von meinen damaligen Beamtenbezügen in Besoldungsgruppe A7 auch nur einen einzigen Hunderter pro Monat für irgendwelche Investitionen abzweigen sollen? Daß ich diese 900 DM Miete nicht bezahlt, sondern ins Abstottern meiner Immobilienverpflichtungen gesteckt habe (was ziemlich mühsam war, aber das hätte für die Miete ja ebenso gegolten), hat mir ja überhaupt erst ermöglicht, nach ungefähr zwanzig Jahren, als ich auf die Zielgerade der Finanzierung gelangt war, andere Arten von Geldanlagen auch noch ins Auge zu fassen. Als Mieter hätte sich natürlich parallel zu den Verbesserungen meines Einkommens auch meine Miete erhöht, also hätte sich da lange nichts daran geändert. Auch wenn das Kind dann irgendwann finanziell halbwegs auf eigenen Füßen stand und sich alles ein bißchen entspannte: Ich hätte erst ziemlich spät anfangen können, wirklich erwähnenswerte Beträge in eine Altersvorsorge zu stecken. Meine Möglichkeiten, Geld für Altersvorsorge abzuzweigen, wären außerdem dauerhaft nur ein Bruchteil dessen geblieben, das mir durch die abbezahlte eigengenutzte Wohnung nun zur Verfügung stand. Und falls ich irgendwann mit einer Eigenbedarfskündigung konfrontiert worden wäre, hätte ich die Reserven angreifen müssen und höchstwahrscheinlich von Stund an noch weniger Spielraum für Geldanlagen gehabt.  

Egal, von welcher Seite aus ich das betrachte: Der Schlüsselfaktor dafür, daß ich im Alter mein gutes Auskommen haben werde, war diese verdammte Wohnung, und zwar deshalb, weil sie mir für die ersten mindestens zehn, fünfzehn Jahre ermöglichte, überhaupt Kapital zu bilden, und später bewirkte, daß ich erheblich größere Beträge für die Kapitalanlage erübrigen konnte, als ich das als Mieter hätte aufbringen können. Ohne sie wäre ich also auch bei größter Disziplin bei der Zusatzvorsorge nahezu vollständig auf meine Rentenversicherungsbeiträge angewiesen. Die mein Dienstherr übrigens nachentrichten mußte, als ich den Beamtenstatus aufgab - aber es zeigte sich dabei, daß das System solche Deserteure wir mich dabei ganz dreist in der Höhe bescheißen darf. Weshalb meine RV-Beiträge für diese Zeit auch um einiges niedriger ausfielen, als wenn ich in derselben Behörde in gleicher Position stattdessen nur angestellt gewesen wäre. 

Na gut, so schlecht sind meine Rentenprognosen auch wieder nicht, ich liege ein wenig über dem Durchschnitt. Eine Wohnung wie die, die ich damals kaufte, würde ich mir als Mieter alleine von der Rente, die ich in fünf Jahren zu erwarten habe, aber definitiv nicht leisten können. 

Warum sollte also ausgerechnet ich daran glauben, es wäre eine Frage der Gerechtigkeit, einen Renditenachteil der Renteneintretenden in dreißig, vierzig Jahren gegenüber denen dieses Jahres zu eliminieren? Als ob es auf den in Wirklichkeit ankäme. Es kommt vor allem darauf an, ob heutige und künftige Rentner damit ihren Lebensunterhalt in einer angemessenen Weise bestreiten können. Können sie das, spielen ein paar Euro hin oder her keine so große Rolle, daß sie es rechtfertigen würden, dafür den bröckelnden sozialen Frieden noch weiter zu destabilisieren. Können sie es nicht, was wäre dann aber daran gerecht, es einen heutigen Armutsrentner zum Wohle eines eventuell künftigen Armutsrenters wegzunehmen? In beiden Fällen ist es aber eindeutig falsch, die beiden gegeneinander aufzuhetzen, und das ist es, was diese Debatten um die angebliche Benachteiligung der Millennials bei der Rente bewirken. Vielleicht ist das ja sogar so gewollt, aber wenn, ist das ein hochgefährliches Spiel mit dem Feuer. Wir Boomer sind nämlich immer noch verdammt viele.   

Wenn Rentner heutzutage nicht ihren Lebensunterhalt angemessen bestreiten können, spielen die Wohn- und Energiekosten sehr häufig eine zentrale Rolle. Damit könnte eigentlich klar sein, wohin die Reise gehen müßte, damit die künftigen Rentner seltener mit diesem Problem zu kämpfen haben: Bessere Rahmenbedingungen für die Schaffung von Wohneigentum (insbesondere, diese Art der Altersvorsorge nicht permanent totzuschweigen oder sogar schlechtzureden).Und für die Eigenerzeugung von Energie, für die ja außerdem auch aus anderen Gründen ein politisches Interesse besteht. Ich hätte auch gar kein Problem damit, wenn eine Lösung auf Basis der Kosten für Wohnen und Energie dazu führen würde, daß meine Enkelgeneration am Ende finanziell doch besser dran sein sollte als meine Generation. Und von mir aus dürfen dafür auch gerne ein paar Euro von meinen Steuern lockergemacht werden, wenn das nötig ist, um die Weichen richtig zu stellen. Auch das leiste ich mir gerne. Am Ziel "Unsere Kinder (bzw. Enkel) sollen es einmal besser haben" ist ja nach wie vor gar nichts verkehrt. 

Was ich aber nicht einsehen kann, das ist Panikmache, die gezielte Erzeugung von Neid und manchmal sogar Haß auf die Boomer unter Millennials, und noch weniger, daß alle Welt sich einbildet, uns Demnächst-Rentnern unbegründete Schuldgefühle einreden zu dürfen, wahrscheinlich, damit wir möglichst wenig Gegenwehr leisten, wenn man sich aus vermeintlichen Gerechtigkeitsgründen von unseren Ansprüchen etwas abzweigt. 

So. Ich könnte noch stundenlang weiterschreiben, aber jetzt breche ich doch besser mal ab. Ich entschuldige mich außerdem für die Länge dieser Abhandlung. Aber es war mir schon länger ein Bedürfnis, die Bestandteile dieser Überlegungen - das eine oder andere habe ich ja schon, manches mehrmals, im Blog erwähnt - einmal zu einem Ganzen zusammenzufügen. Der Podcast hat es so gefügt, daß ich es endlich wirklich getan habe, und jetzt ist es mir wieder wohler. 

 


Montag, 26. Januar 2026

Praxisuntaugliche Halbwahrheiten

Mein Gewicht heute früh zu Beginn des ersten viertägigen Fastenintervalls in der Low-Carb-Phase: 75,6 Kilogramm. Sehr erfreulich, aber ein wenig gemogelt, weil ich am Samstag unpäßlichkeitshalber einen unfreiwilligen zusätzlichen Fastentag eingelegt habe und gestern das Frühstück ausfallen ließ und durch ein etwas früheres Abendesssen ersetzte. Ich gehe deshalb davon aus, daß ich bis zum Freitag weniger Gewicht als sonst verlieren werde - aber bei dem, was ich weniger abnehme, geht es ja sowieso vorwiegend um Wasser. 

Nach dem Motto: Nichts ist so schlecht, daß es nicht für etwas gut wäre, freue ich mich trotzdem über dieses Startgewicht, zumal ich schon gemerkt habe, daß es gar nicht so einfach sein wird, meinen Entschluß, nächste Woche die Eßtage erst nachmittags zu beginnen, wirklich umzusetzen. Das würde nämlich bedeuten, zur Kaffeezeit das erste Mal zu essen, und das bedeutet bei uns eigentlich einen Kuchen oder ähnliches zum Kaffee. So was als erste Mahlzeit ist für mich aber unvorstellbar. Falls ich aber Brötchen mache, ist 15 Uhr eigentlich schon zu spät, um uns nicht den Appetit aufs Abendesssen zu verderben. 

Ich weiß noch nicht genau, wie ich das Problem löse - die gestrige Lösung kommt eher nicht in Frage, weil das etwas mit um die Mittagszeit herum noch akut fehlendem Appetit zu tun hatte. Aber jedenfalls ist es dann schön, heute wenigstens mit einem niedrigeren Gewicht als erwartet ins Fasten zu gehen, und so schaue ich jetzt erst einmal, wo ich am Freitag genau stehen werde. 

***

Die Akademie Leopoldina fiel mir vor Jahren angenehm auf, weil sie eine immer hysterischer werdende Medienkampagne zum Thema Verringerung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid in den Dieselabgasen nmit einer ziemlich trockenen, aber  stichhaltigen Verlautbarung schlagartig zum Verstummen brachte. Zentral war dies hier:  

Ein besonderes Problem besteht bei Schadstoffen ohne bekannte untere Wirkungsschwelle, wie es besonders bei Feinstaub offenbar der Fall ist. In diesen Fällen muss auch unterhalb dieser Grenzwerte mit gesundheitlichen Effekten gerechnet werden. Nach dem Vorsorgeprinzip wäre hier eine Reduktion der Grenzwerte bis in den Bereich der Hintergrundbelastung anzustreben.

Doch es sind nicht allein die möglichen Gesundheitsauswirkungen, die Einfluss auf die Grenzwertsetzung haben. Eine Rolle spielt auch der Aufwand, der erforderlich ist, um den Grenzwert einzuhalten. Berücksichtigt werden auch die möglichen weiteren Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft, die mit der jeweiligen Höhe des Grenzwerts verbunden sind. Das Ziel ist eine Äquivalenz zwischen dem Aufwand zur Umsetzung des Grenzwerts und dem Ertrag, also den Folgen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft. Oder anders  usgedrückt: Es geht um die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, die mit der Setzung von Grenzwerten verbunden sind.

Bei Stickstoffdioxid ist zum Beispiel zu fragen, ob innerstädtische Fahrverbote verhältnismäßig sind, wenn dadurch bloß geringfügige Verbesserungen der Luftqualität erzielt werden können. Mit den Mitteln der Wissenschaft lassen sich die direkten und indirekten Kosten zur Durchsetzung des Grenzwerts und die Auswirkungen eines verringerten gesundheitlichen Risikos ermitteln und häufig auch in Zahlen fassen. Ob der Aufwand jedoch den Ertrag rechtfertigt, ist eine politische Frage, die in demokratischen Systemen die dazu  legitimierten Gremien beantworten müssen. Ein informierter und offener Diskurs in der Öffentlichkeit unter Einbeziehung von Expertenwissen kann zu einer ausgewogenen und rational vertretbaren Entscheidungsfindung beitragen. Der Wissenschaft kommt dabei die  Aufgabe zu, den Prozess der Entscheidung mit bestmöglichem Wissen zu unterstützen, das Ergebnis der Abwägung aber nicht vorab zu bestimmen.

Das aus meiner Sicht Besondere daran war, wie schnell das aus einer bis dahin erfolgversprechenden und mit viel Leidenschaft quer durch alle Medien verfochtenen Kampagne mit dem Ziel, es müßten unbedingt sofort die Grenzwerte für Stickstoffdioxid gesenkt werden, weil das unverzichtbar sei, um Menschenleben zu retten, die Luft herausgelassen hat. Die politische Abwägung, die dabei ins Hintertreffen geraten wäre, waren die Belange der Leute, deren Dieselfahrzeuge die aktuellen, nicht aber die nunmehr geforderten noch niedrigeren Grenzwerte einhielten - und dabei handelte es sich um Fahrzeuge, die nicht nur wenige Jahre alt waren, sondern oft auch aus einem Gefühl der Verantwortung für das Ziel der Luftreinhaltung erworben wurden, also durch Leute, die alles richtig zu machen versuchten und sich nun plötzlich zum Dank dafür an den medialen Pranger gestellt wiederfanden.

Diese Leute fühlten sich von diesen Forderungen natürlich über Gebühr benachteiligt und außerdem von der Medienkampagne geradezu niedergebrüllt, wenn sie ihre Einwände vorbrachten. Auf einmal war die ganze Angelegenheit aber in einer Art und Weise versachlicht worden, daß sie keinen Stoff mehr für mediales Gebrüll hergab. Die Ruhe, die zum Thema plötzlich einkehrte, ließ auch mich geradezu aufatmen, obwohl ich als Nichtautobesitzer gar kein persönliches Interesse an dieser Grenzwertfrage hatte. Was mich gestört hatte, war das Empfinden, daß diese Kampagne mit Emotionen, erhobenem Zeigefinger und Moralapostelei arbeitete, nicht auf Basis von wissenschaftlicher Seriosität - und daß das ein roter Faden der meisten solchen Kampagnen schon seit Jahren gewesen war. Mich beunruhigte außerdem die Verbohrtheit, mit der eigentlich ja gutwillige Leute unnötig vor den Kopf gestoßen wurden, und zwar auch deshalb, weil das im Bereich Umwelt und Gesundheit ständig in allen möglichen Bereichen passierte (und immer noch passiert). Ich fand nicht, daß wir uns diese Art von Kampagnen nach dem Motto "Nach uns die Sintflut" noch leisten konnten in Zeiten, in denen die AfD mittlerweile zweistellige Ergebnisse einfuhr. 

Die Seriosität war von der Leopoldina aber wieder mit ins Spiel gebracht worden, und auf einmal war die Luft aus der Sache raus. Also wünschte ich mir, daß sie öfter mal als Stimme der Vernunft in solche Debatten hineingrätscht, um sie zu versachlichen. 

Ich muß gestehen, daß meine Hoffnungen wohl ein wenig übertrieben waren. Ich bin nämlich ziemlich irrtiert über einen aktuellen "Policy Brief" der Akademie Leopoldina zum Thema Adipositas. Im Wortlaut der erste Satz zu den Ursachen und Wirkungen von Adipositas: 

Adipositas entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -verbrauch ...

Danach hätte ich eigentlich mit dem Lesen aufhören können. Auch wenn nach den drei Auslassungspunkten noch allerhand Wenns und Abers folgen, das ist der zentrale Punkt, eine scheinbare Selbstverständlichkeit, die leider auch von der Akademie Leopoldina nicht hinterfragt wird. Sämtliche Präventionsbemühungen, die basierend darauf von der Leopoldina gefordert werden, haben keine besseren Erfolgschancen als alle früheren von anderen Experten bzw. Expertengremien, weil sie die Folgerungen aus dieser einen Fehlannahme sind. 

Aber das wäre im Grunde noch verzeihlich (wenn es mich auch enttäuscht). Denn wenn man die Literatur sichtet, ist dies ja praktisch überall die Grundannahme. Nicht akzeptabel finde ich aber an die Politik adressierte Forderungen, die in anderen Ländern nachweislich nicht zum erhofften Ziel geführt haben, nämlich ... 

... die Besteuerung von stark zucker- oder fetthaltigen Lebensmitteln und Getränken. Abgaben auf zuckergesüßte Getränke haben in anderen Ländern, wie z. B. in Großbritannien, den Konsum von Zucker und zuckergesüßten Getränken nachweislich reduziert

Dies umzusetzen, wird angeblich bei uns zur Folge haben, daß langfristig mit positiven Effekten auf die Bevölkerungsgesundheit und einer Reduktion krankheitsbedingter Versorgungskosten zu rechnen wäreDaß diese positiven Effekte in Großbritannien in Wirklichkeit ausgeblieben sind, kann aber sogar jeder Laie recherchieren. Denn die Reduktion des Zuckerkonsums, die gelungen sein soll, war ja nicht das eigentliche Ziel, sondern ein Mittel, mit dem ein anderes Ziel, nämlich die Reduktion von Adipositas, bewirkt werden sollte. 

In anderen Ländern war das Ergebnis außerdem auch nicht besser als in UK. 

Wieso ist ein so kompetentes Team nicht einmal auf die Idee gekommen, diese Recherche vorzunehmen und sich ein paar Gedanken dazu zu machen, warum die Sache in der Praxis nicht so gewirkt hat, wie die Theorie es vorsehen würde? Das hätte ich in jedem Fall erwartet, und dann wäre die Forderung nach einer Zuckersteuer jedenfalls nicht mehr für dermaßen naheliegend gehalten worden. Eine Fettsteuer wurde bislang nur einmal in ihrer Reinform eingeführt, nämlich in Dänemark. Dort war sie aber nur 14 Monate lang in Kraft. Eine Fettsteuer gibt es aber indirekt in Mexiko für Lebensmittel mit hoher Energiedichte (was zwangsläufig mehr Fett bedeutet) seit 2014. Bis zum Jahr 2022 hat dies aber nicht dazu beigetragen, den Anteil der Adipösen zu verringen. Im Gegenteil ist er zwischen 2014 und 2022 von 30,7 Prozent auf 36 Prozent angestiegen. 

In diesem Fall ist die Akademie Leopoldina leider an dem Punkt gescheitert, an dem sie damals bei den Stickdioxiden den bitter nötigen Realitätscheck vorgenommen hat, indem sie darauf verzichtet hat, ihn diesmal ebenfalls auszuführen. Indirekt geben die Experten sogar selbst  zu, daß ihre zentrale Annahme nicht so ganz stimmen kann, denn neben anderem empfehlen sie bei starkem Übergewicht auch die Abnehmspritze und Magenverkleinerungen und fordern außerdem, die Abnehmspritze zur Kassenleistung zu machen. 

Überflüssig zu erwähnen, daß weder Intervallfasten noch Low Carb auch nur mit einer Silbe Erwähnung fanden.

Das führt mich zu einem weiteren Zitat im gleichen Dokument: 

Die gesamten jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten von Adipositas und Übergewicht werden auf etwa 2,6% des deutschen Bruttoinlandsprodukts geschätzt, was circa 113 Milliarden Euro entspricht.

113 Milliarden Euro Kosten sind offenbar kein zu hoher Preis dafür, sich an vertrauten Denkschablonen festzuhalten, ohne sich auch nur einen Moment lang die Frage zu stellen, warum sie seit Jahrzehnten in der praktischen Anwendung nie imstande waren, die erhofften Wirkungen zu bringen. Genau dies ist es auch, was mich an diesem Policy Brief so enttäuscht. Falls die Abnehmspritze künftig Kassenleistung sein soll, müßte man pro Patient ungefähr einen Tausender pro Jahr dazuaddieren. Bei 13 Millionen Deutschen mit Adipositas würden die Kosten um zehn Prozent steigen, und zwar dauerhaft. Denn die Abnehmspritze, egal wie vielen Adipösen sie verordnet wird, kann ja gar nicht verhindern, daß ständig Nachschub bei den Adipösen aus den Reihen der zuvor "nur" Übergewichtigen hinzukommt, die einen Anspruch auf die Abnehmspritze weiterhin nicht hätten - und wäre es anders, müßte man die laufenden Kosten für den Einsatz der Abnehmspritze sowieso mindestens verdoppeln. Beim besten Willen kann ich hier keine Kostendämpfung erwarten. Die gesundheitlichen Vorteile, die sich bei einer Abnahme praktisch immer ergeben, werden nämlich auch bei der Abnehmspritzen die Phase, in der abgenommen wird, nicht allzu lange überstehen. 

Hinzu kommt ja außerdem, daß die Abnahme mit Hilfe der Abnehmspritze zwar im Durchschnitt weitaus länger anhält als bei konventionellen Reduktionsdiäten, aber trotzdem im Durchschnitt bei einer Abnahme von zehn Prozent des Körpergewichts zum Stillstand kommt - und damit von diesem reduzierten Gewicht aus keine Wiederzunahme erfolgt, ist es außerdem erforderlich, die Spritze dauerhaft zu verwenden, um diese zehn Prozent minus halten zu können. Nur bei einer Minderheit der Abnehmspritzen-Verwender wird die Abnahme absehbar überhaupt aus dem Adipositas-Bereich herausführen. Hätte meine Abnahme als Beispiel nur zehn Prozent meines Ausgangsgewichts betragen, würde ich heute nicht 76, sondern 132 Kilogramm wiegen. 

Wenn wir großes Pech haben, stellen sich außerdem doch noch schwerwiegendere gesundheitliche Langzeitfolgen der Abnehmspritzen heraus, resultierend zum Beispiel aus der ungünstiger werdenden Körperzusammensetzung. Am Ende kann sich die Abnehmspritze auch noch als ein kostspieliger Fall von "Außer Spesen nichts gewesen" herausstellen. 

Aber immerhin, eines muß man der Leopoldina zugutehalten, sie möchte wohl wirklich gerne wissen, ob das, was sie fordert, auch wirklich funktionieren wird: 

Ein zentraler Bestandteil dieser Initiative sollte zudem die Verbesserung der Datengrundlage sein, um langfristige und systematische wissenschaftliche Evaluationen zu ermöglichen. Hierzu sollten populationsbasierte wiederholte Querschnittsstudien und Kohortenstudien etabliert oder ausgebaut werden, die vulnerable Altersfenster wie Schwangerschaft und frühe Kindheit berücksichtigen. Solche Datensätze sind essenziell, um die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu bewerten und gezielte Interventionen zu entwickeln.

Dummerweise ist genau das der Bereich, in dem sich schon seit langem eine Abart des "So tun, als ob" in der Wissenschaft eingebürgert hat. Basierend auf der Prämisse dieses "Adipositas entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -verbrauch". Das wird wohl bedeuten, daß das Versagen auch der Einführung von Abnehmspritzen als Kassenleistung irgendwie wegerklärt wird, damit sie zu den Grundannahmen weiter paßt. Wie die Wissenschaft aus diesem Teufelskreis herauskommen soll, weiß ich nicht, da es unmöglich scheint, diese Grundannahme in Frage zu stellen. 

***

Der überproportionale Verlust von fettfreier Körpermasse bei der Abnahme mit Abnehmspritzen ist ja ein Thema, über das relativ viel gesprochen wird. Dabei geht ein bißchen unter, daß das auch bei anderen Gewichtsreduktionsarten ein Problem ist. Eine neue Studie brachte unangenehme Erkenntnisse. Dabei wurden zwei Abnahmestrategien bei mittelalten bis älteren Patienten mit Adipositas verglichen, deren eine letztlich den Status einer Kontrollgruppe hatte, denn die Teilnehmer wurden lediglich einmal im Jahr zu ernährungs- und abnahmebezogenen Gruppensitzungen eingeladen und machten ansonsten, was sie selbst für richtig hielten. Die andere Gruppe (schwarze Linie in der Grafik) war mit einer überwachten, aber relativ moderaten "Eat less, move more"-Strategie (1200 bis 1800 Kalorien am Tag) auffallend erfolgreicher. Das gilt sogar langfristig - was wohl damit zu tun hat, daß sie auch langfristig mindestens einmal im Monat gebrieft wurden. Den Teilnehmern gelang es, im Durchschnitt wenigstens einen Teil ihrer Abnahme acht Jahre lang zu halten. Vergleicht man aber die Körperzusammensetzung, fällt auf, daß nach acht Jahren die Fettmasse ihr Ausgangsgewicht wieder erreicht hatte. Verloren hatten die Studienteilnehmer also langfristig ausschließlich fettfreie Masse. Dieser Verlust hatte sich außerdem auch in den sieben Jahren weiter fortgesetzt, während die Fettmasse langsam wieder nach oben kroch und schließlich wieder so hoch war wie vor Beginn der Abnahme. 

Da ist es wohl nur ein schwacher Trost, daß die Kontrollgruppe noch erheblich schlechter performt hatte.  

 figure 1

Das ist schon eine auch für mich überraschende Wirkung für eine eher gemächliche Abnahmemethode, in der die Teilnehmer nach einem Jahr von einem durchschnittlichen Ausgangsgewicht von 98 Kilogramm aus nur ungefähr 10 Kilogramm verloren hatten. Deutlich kann man hier auch sehen, daß nach diesem einen Jahr die Wiederzunahme einsetzte, und das nicht nur vorübergehend, sondern im Laufe von acht Jahren zwei Drittel des Abnahmeerfolgs wiederaufzehrend. Wobei sich die Fettmasse in diesem Zeitraum komplett wiederherstellte, aber die fettfreie Masse nicht. 

Gerade in so einer Studie wäre es aber interessant gewesen, die Verteilung innerhalb der Gruppe zu sehen. Es gab bestimmt eine Minderheit von überdurchschnittlich Erfolgreichen, die also mehr abgenommen und/oder ihre Abnahme komplett gehalten haben, und einen vermutlich deutlich größeren Teil an Pechvögeln, bei denen es mit der Abnahme schlecht klappte und/oder das Ausgangsgewicht nach acht Jahren überschritten wurde. Viel interessanter als unterschiedliche Altersgruppen zu untersuchen, hätte ich es gefunden, die besten und die schlechtesten zehn Prozent mit dem Durchschnitt zu vergleichen. Es wäre doch immerhin möglich, Gruppen herauszufiltern, bei denen besonders problematische Wirkungen entstehen - und andere, bei denen eine kalorienbasierte Reduktionsdiät am ehesten eine positive Wirkung haben. 

Zahlen und Formeln sind nützlich, um Erkenntnisse zu gewinnen, aber am Ende sind diese Erkenntnisse nutzlos, wenn sie nicht dazu führen, das Problem des einzelnen Erkrankten zu lösen, und in diesem Punkt bleibt die Wissenschaft regelmäßig auf halbem Wege stecken und füttert diejenigen, die von ihr Hilfe erwarten, deshalb mit praxisuntauglichen Halbwahrheiten. Die bittere Wahrheit lautet wohl: Niemand in der Wissenschaft interessiert sich in Wirklichkeit für die Menschen, die hinter den anonymen Durchschnittswerten stecken, und genausowenig für das, was ihnen helfen könnte. In ihren Augen zählen wir nur als Nachkommastellen in der Statistik. 

***

Sollte man statt der Akademie Leopldina lieber Robert Kennedy, dem US-Gesundheitsminister, trauen? Ich traue ihm keineswegs allzu viel Kompetenz in dem Bereich zu, den er ausfüllen soll. Aber seine Behauptung, er habe, nachdem er auf eine Carnivore-Ernährung umgestiegen ist, in zwanzig Tagen zwanzig Pfund verloren, klingt für mich plausibel, weil dies ziemlich typische Anfangserfolge für alle Spielarten von Low Carb und Fasten sind, insbesondere dann, wenn der Stoffwechsel bereits heftiger in Unordnung ist. Carnivore, das bedeutet: Nur Fleisch und tierische Produkte. Kein Gemüse oder Obst also mit Ausnahme von solchem, das fermentiert ist, etwa Sauerkraut. Im Grunde ist es eine besonders restriktive Version von ketogener Ernährung. Die erstaunlichen und wirklich guten Brötchen, die ich jüngst aus Ei und Milchpulver gemacht habe (einzige andere Zutaten waren etwas Salz und Backpulver), werden zum Beispiel als Carnivore gelabelt.  

Zwanzig amerikanische Pfund, das entspricht 9 Kilogramm. In drei Wochen ist das durchaus möglich, je nachdem, von welchem Ausgangsgewicht und vermutlich auch, von welchem Insulinstatus man herkommt. Ich zum Beispiel hatte in vier Wochen acht Kilogramm Abnahme, und ich habe mich genauso ernährt wie zuvor, nur habe ich dreimal die Woche meine erste Mahlzeit auf den Nachmittag bzw. frühen Abend verschoben: im wöchentlichen Wechsel erste Mahlzeit um 15 bzw. um 18 Uhr. In der vierten Woche habe ich außerdem wegen eines Besuchs bei meiner Mutter gar nicht gefastet. Letzten Endes habe ich in diesen vier Wochen also 20 bis allerhöchstens 24 Mahlzeiten ausgelassen und ansonsten genau wie vor Beginn des Fastens gegessen. Mit anderen Worten: Ich habe maximal drei ausgelassene Mahlzeiten benötigt, um ein Kilogramm Gewicht zu verlieren. Wahrscheinlich sogar weniger. 

Ich bin mir ziemlich sicher, daß drei Wochen Carnivore - womit man ja auch viel weniger Risiko als bei Low Carb eingeht, irrtümlich doch zu viele Kohlenhydrate zu sich zu nehmen - in den ersten Wochen der Ernährungsumstellung eine stärkere Wirkung haben als das, was ich gemacht habe. 

Die Art und Weise, wie die "Follow the Science"-Fraktion einen Erfolg wie den von Kennedy wegzuerklären versucht, ist deprimierend vorhersehbar: 

 "Technically, it’s possible to lose visceral fat on any diet in the short term," Ansari said. "Anytime we restrict calories or significantly change the diet, we may see reductions in visceral fat in the short-term."

Was hier unterschlagen wird, ist, daß Kennedy bei dieser Ernährung sehr fett- und vermutlich auch kalorienreich gegessen haben muß. Es wird stattdessen so getan, als wäre die Ernährungsumstellung zwangsläufig auch mit einer Kalorienreduktion einhergegangen. Nun ist es zwar nicht unmöglich, aber eher unwahrscheinlich, daß Kennedy beides kombiniert hat, weil das in der Szene nicht üblich ist. 

In the long-term, however, experts argue it's not realistic and can cause other health issues.

Was sie nicht sagen. Bei Carnivore ist das also ein Grund zur Besorgnis und bei Abnehmspritzen nicht? 

"Not only do most people gain weight back after the diet becomes unsustainable, but many end up with disordered behaviors around food," Nadeau said, adding restrictive dieting is "really unnecessary and usually backfires for most people."

Ansari said there's not enough evidence to support its long-term benefits.

Hierfür gilt dasselbe.  

"Quite frankly, any approach that restricts fiber-rich carbohydrates can negatively impact gut health," she said. "The long-term health benefits of consuming a diet rich in fiber from whole grains, nuts, seeds, beans, chickpeas and lentils − alongside lean proteins − far outweigh the short-term results that may be seen with a highly restrictive, fad diet."

Können wir nun bitte auch mal Daten aus der erfolgreichen praktischen Anwendung dieser Ernährungsart bei Übergewichtigen sehen? Spoiler: Wir können sie nicht sehen, denn es gibt sie ganz einfach nicht. Was es gibt, ist diese Studie zur Wiederzunahme weiter oben, die immerhin über acht Jahre Daten enthält und der man entnehmen kann, daß im Durchschnitt die verlorene fettfreie Masse verloren blieb und alleine für das immer noch etwas niedrigere Körpergewicht verantwortlich war, weil die Fettmasse ihr Ausgangsgewicht nach acht Jahren wieder erreicht hatte. Zur Ernährungsweise  weiß ich wenig Details, aber es wurden weniger als 30 Prozent Fett und ein Minimum von 15 Prozent Protein angestrebt (sowie 175 Minuten moderat intensive körperliche Bewegung pro Woche). Wer das so umsetzte, muß folglich mindestens 55 Prozent seiner Nahrungsenergie durch Kohlenhydrate konsumiert haben.  

Ich kann mich ja in so manchen Irrtum und wie er zustande kommt, hineindenken. Aber die Verbissenheit, mit der Ernährungsfachleute an schon seit Jahrzehnten erfolglosen Ansätzen trotz ihrer nachweislichen Erfolglosigkeit festhalten, ist schwer zu begreifen. Eher verstehen kann ich die Berührungsängste gegenüber einer rein fleischbasierten Ernährung, und es ist natürlich richtig, daß nur eine Minderheit derjenigen, die so etwas ausprobieren, dauerhaft dabei bleibt, weil sie halt doch von Verzichtslogik geprägt ist. Aber unter denen, die eine solche Ernährung ausprobierten, weil sie hofften, es werde ihnen bei bereits bestehenden Gesundheitsproblemen - etwa Darmerkrankungen oder Epilepsie - helfen, und die damit Erfolg hatten, werden eher dabei bleiben als diejenigen, die nur die vage Vorstellung verfolgten, damit gesünder als bislang zu leben. 

Welcher dieser Gruppen der 72jährige Kennedy angehört, hat er leider nicht verraten, ebensowenig, seit wann er so ißt und was ihn dazu motiviert hat, damit anzufangen. Vom Ernährungs-Mainstream scheinen diese Details auch nicht für bedeutsam gehalten zu werden, sonst hätte man diese Frage wenigstens mal aufgeworfen. Mir fehlen diese Antworten, um einschätzen zu können, ob Kennedy bloß einer von denen ist, die eine Ernährungsmode anwenden und irgendwann wieder damit aufhören, oder ob er Grund hat, sich mit ihr so viel besser zu fühlen, daß er Gründe hat, dabei bleiben zu wollen. Sympathisch an dem, was Kennedy über seine Ernährung sagte, fand ich, daß er selbst nicht ausschloß, daß einige der subjektiv empfundenen positiven körperlichen Wirkungen auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sein könnten. So viel Reflektierungsvermögen hätte ich dem Mann gar nicht zugetraut. Erstens hört sich manches, was er von sich gibt, ja wirklich ziemlich gaga an. Und zweites ist er immerhin ein Mitglied der Regierung Trump - nicht gerade ein Ausweis für Reflektiertheit, um es milde auszudrücken. 

Apropos Trump: Ich habe ein neues Wort gelernt: Sanesplaining. Das ist Journalismus, der erkennbar völlig irrationales Verhalten, beispielsweise das von Donald Trump, nach den eigenen rationalen Maßstäben des Erklärenden mit Erklärungen versieht, die natürlich unzutreffend sind, wenn irrationales Verhalten damit erklärt werden soll. 

Sanesplaining. Das Wort ist neu, der beschriebene Journalismus nicht. Dafür muß die Person oder müssen die Personen, deren Verhalten erklärt wird, noch nicht einmal so komplett durchgeknallt sein wie bei Trump. Es trifft beispielsweise auch auf praktisch alle Erklärungsmuster zu, die angeblich erklären können, warum AfD-Wähler AfD wählen. Vor einiger Zeit las ich etwa ein Interview der TAZ mit der Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh, die in einem brandenburgischen Dorf mit um die 300 Einwohnern lebt, wo bei der letzten Bundestagswahl sage und schreibe 54 Prozent der Bewohner ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Juli Zeh betrieb eindeutig Sanesplaining. Sie beschrieb nämlich des langen und des breiten, womit ihre Nachbarn allesamt in der aktuellen Politik unzufrieden sind. So weit, so nachvollziehbar. Die Wahl der AfD schien sich ihr selbsterklärend aus der Unzufriedenheit mit den anderen Parteien zu ergeben, und aus irgendwelchen Gründen kamen auch die Interviewer nicht auf den Gedanken, daß an dieser Gedankenverbindung irgendetwas falsch sein könnte. Dabei ist Unzufriedenheit mit anderen Parteien für sich genommen noch kein Grund, seine Hoffnungen in die AfD zu setzen. Im politischen Nahbereich ihrer Wähler haben bislang auch im Osten die AfD-Kandidaten jedenfalls in Städten und auf Landkreisebene immer gegen teils parteilose, teils Kandidaten aus den von AfD-Fans so genannten "Altparteien" verloren. (Update: Ich war zu faul, das herauszusuchen und zu verlinken, aber bequemer als diese Quelle kann es mir nicht gemacht werden, also bringe ich sie nachträglich noch.) Wenn die AfD an den Leuten nahe genug dran ist, glaubt offenbar niemand daran, sein Leben mit ihnen verbessern zu können. Warum sollten sie das auf Länder- oder Bundesebene dann glauben? 

Ich weiß nicht, warum die Leute auf Bundes- oder Länderebene AfD wählen, ich bin mir lediglich sicher, daß das, was Juli Zeh und ihre Interviewer als Grund voraussetzen, falsch ist. Allüberall wird aber fest daran geglaubt, die Wähler könnten durch ihren Wünschen entsprechende Gesetzgebung und/oder bessere Umsetzung des Bestehenden wieder zurückgewonnen werden. Ich bin mir so gut wie sicher, daß das ein Irrtum ist, und er kann uns bei der nächsten Bundestagswahl noch achtkantig um die Ohren fliegen. Wir haben hier eigentlich nach Motiven zu suchen, die jenseits rationaler Erwägungen zur Sachpolitik liegen. Nur, dort sucht niemand. Was ich vermute - aber mehr als ein nagendes Verdachtsgefühl ist das auch nicht -, ist, daß es etwas damit zu tun hat, daß  die Politik in allen Bereichen ständig das tut, was Terry Pratchett in seinen Büchern als einzige Sünde bezeichnet hat, nämlich, indem sie Menschen wie Dinge behandelt. Wenn ich eine Politik entwickeln müßte mit dem Ziel, die Bürger wieder zu den demokratischen Parteien zurückzulocken, würde dies darin bestehen, den Menschen ins Zentrum zu stellen, nicht die Wirtschaft, nicht die Umwelt, nicht die Gesundheit - auch wenn dies alles politische Weichenstellungen benötigt. Aber im Fokus der Politik sollte klar der Mensch innerhalb der Gesellschaft stehen - und zwar nicht, indem man allen soviel Zucker wie möglich in den Allerwertesten bläst oder ihn im Gegenteil als potentiellen Regelbrecher vorauseilend soviel wie möglich einschüchtert, sondern ihn als Subjekt mit Rechten und Pflichten und außerdem mit einem Minimum an Respekt behandelt. 

Ich hatte für diesen Blogbeitrag auch einen längeren Text über Donald Trump geschrieben, aber dann wieder gelöscht. Ich möchte mich nicht mehr als nötig mit jemandem befassen, der so eindeutig nicht zurechnungsfähig ist. Ich bin mir nach den Ereignissen der letzten zwei Wochen ziemlich sicher, daß es nicht mehr lange dauern kann, bis auch seine eigene Partei ihn für untragbar halten und seine Amtsenthebung einleiten wird. Daß er heute in einem Jahr immer noch Präsident ist, kann ich mir mittlerweile kaum noch vorstellen. Der Vizepräsident Vance, der ihn dann beerben würde, ist auf seine eigene Art aber genauso untragbar wie Trump, also fragt sich, ob das überhaupt eine Verbesserung brächte. Ich wäre überhaupt nicht unglücklich, sollten morgen früh Außerirdische die komplette US-Regierung entführen und sich mit ihnen in irgendein möglichst weit entferntes anderes Sonnensystem verziehen. 

Vielleicht könnten sie netterweise den Kennedy mit seiner Carnivore-Diät ja doch hierlassen - aber nur, wenn er verspricht, dauerhaft carnivore bleiben und mindestens einmal im Jahr seine Blutwerte zu publizieren. Wenn es schon die Wissenschaft nicht interessieren wird, mich interessiert es sehr wohl.  

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Um wieder zu weniger unerfreulichen Themen zu kommen, die neueste Fortsetzung von Perditax' Mäusegeschichten: 

Was bisher geschah:  

Bekanntlich ist es uns ja gelungen, unser Erdgeschoß mäusefrei zu bekommen. In der Küche ward seit dem Sommer, als die Therme dort entfernt wurde, keine mehr gesehen. Im Wohnzimmer dauerte es bis zum Oktober, alle Mäuselöcher zu finden und zu schließen, seitdem hatten wir auch dort keine mehr. Dafür tauchten sie unter dem Dach wieder auf, wo wir die offensichtlichen Mäuselöcher vor einem halben Jahr geschlossen hatten. Bis zum Herbst hatten wir dort Ruhe, dann wurde es den Mäuschen draußen wohl zu kalt und sie kamen durch die nicht offensichtlichen Löcher. Eines haben wir lokalisiert, müssen für das Schließen aber einen Einbauschrank demontieren, wofür uns bislang die kriminelle Energie fehlte. 

Trotz des offenen Mauslochs hinter dem Einbauschrank sind wir nun unter dem Dach aber seit zehn Tagen weitgehend mäusefrei. Und das kam so:

Bis Anfang des Jahres hatte ich immer das Gefühl, unter unseren Besuchsmäuschen immer wieder neue Individuen unterscheiden zu können, je nach Aussehen und Temperament: größere Mäuse, kleinere Mäuse, solche mit einem Schlitzohr, schicksalsergeben in der Falle Sitzende und randalierende Ausbruchsentschlossene. Und so weiter. Ob und wenn ja wieviel Wiederholungstäter wir darunter hatten, hätte ich bis vor drei Wochen nie sicher sagen können, obwohl mir klar war, daß wir solche wahrscheinlich auch haben mußten. 

Aber seit Jahresanfang bekam ich mit jedem Tag mehr das Gefühl, daß wir auf einmal immer dieselben beiden Mäuschen fingen. Wir nannten sie nach einiger Zeit nur noch "Pinky und Brain". Eine Maus, Brain, war größer und saß immer sehr abgeklärt in der Falle, wenn ich sie einsammelte. Die andere, Pinky, war viel zierlicher und gebärdete sich wie übergeschnappt. Sie schlug regelrechte Saltos und drehte sich wie ein Brummkreisel in der Falle. Ließen wir sie im Garten frei, sauste Pinky unweigerlich zum abgestorbenen Baum und Brain zu dem Loch direkt an der Außenseite der Gartenhütte. Jeden Tag war es dasselbe. Zuvor, im alten Jahr, hatten wir eine Phase gehabt, in der immer zwei oder drei Mäuse auf einmal freizulassen waren und dann alle in das Loch an der Gartenhütte drängelten. Es zeigte sich dabei, daß die Erstmaus dann nicht gewillt war, andere Mäuse neben sich zu dulden. Immer dann, wenn eine Zweitmaus ins gleiche Loch flüchtete, kam sie sofort in heller Panik wieder heraus und suchte in der entgegengesetzten Richtung das Weite. Manchmal kam auch die empörte Erstmaus ihr hinterhergerannt. 

Kurz, Mäuse sind offenbar territorial und keineswegs gesellig, jedenfalls nicht in solchen Situationen. Pinky und Brain waren vielleicht ja noch nicht einmal echte Kumpels, sondern hatten sich nur auf friedliche Koexistenz bei ausreichend räumlichem Abstand geeinigt.  

Auffällig war aber auch, daß die beiden Mäuschen immer mehr Geschick dabei entwickelten, die Falle auszuräubern, ohne damit den Schnappmechanismus auszulösen. Das galt jedenfalls für die ranzig gewordenen Haselnüsse, mit denen ich die Fallen seit einiger Zeit bestückte. In unserem Webcam-Mäusekino konnte ich das auch schon mitverfolgen: Die Mäuse machen sich so lang wie möglich und versuchen, die Nuß mit den Zähnen herauszuholen. Das klappte meistens nicht, und dann konnten drei verschiedene Ergebnisse herauskommen: Entweder sie saß dann doch in der Falle oder sie zog sich rechtzeitig wieder zurück und die Falle blieb weiter köderbestückt und offen, oder die Falle schnappte zu und katapultierte die Maus, deren Hinterteil noch außerhalb der Falle war, wieder nach draußen. Gesehen habe ich das letztere zwar nicht, aber sehr wohl, daß unsere Mäuse sich blitzschnell bewegen - und ich fand eben auch geschlossene Fallen vor, in denen der Köder noch enthalten war. Es kam aber auch zwei- oder dreimal vor, daß ich in einer Falle, die noch einladend offen stand, eine Haselnuß mit Zahnspuren vorfand. Die Maus war also bis zur Nuß herangekommen und hatte versucht, sie zu greifen, aber dann kalte Füße bekommen und sich wieder zurückgezogen. 

Meistens war es aber doch so, daß, wenn ich frühmorgens nachsah, zwei Mäuslein in jeweils einer Falle saßen. Aber weil ich ab der zweiten Januarwoche anstelle der Haselnüsse Krümel aus dem Krümelberg in der Weihnachtsgebäckdose als Köder nahm, kam es nicht mehr vor, daß ich eine nicht ausgelöste ausgeräuberte Falle fand. Stattdessen mußte ich meine Fallenkontroll-Frequenz erhöhen, weil nun meistens schon abends lautes Randalieren von unter dem Dach von mindestens einem Gefangenen kündete. Manchmal nur eine, oft aber waren es ebenfalls zwei. Und immer mehr hatte ich den Eindruck, daß ich wieder dieselben Mäuse gefangen hatte wie am Tag davor. Daran war Pinky schuld, denn sein Verhalten war schon besonders auffällig. Zuvor hatte ich niemals eine Maus erlebt, die in der Falle buchstäblich die Wände hochgegangen war und sich dabei wie ein Brummkreisel drehte. 

Also entschied ich mich am späten Donnerstagabend, 15. Januar, als ich noch einmal aus dem Bett aufstand, mir kurz etwas überwarf, um zwei lautstark in ihren Fallen randalierende Krachmachermäuse in den Garten zu bringen, das nächste Mal, wenn ich diese beiden Mäuse fangen würde, sie nicht wie sonst im Garten freizulassen, sondern vom Haus wegzubringen. Naheliegend war es, sie zum Flußufer zu bringen, etwa hundert Meter entfernt. Eine zweite Möglichkeit wäre es gewesen, den Fluß zu überqueren und die Mäuse im Wald auf der anderen Seite freizulassen. Am Freitag, 16. Januar, hatte ich morgens aber nur ein Mäuslein in der Falle, und das brachte ich wie gewohnt in den Garten, weil ich mir nicht sicher war, ob es wirklich eine von meinen Wiederholungstäter-Mäusen war. 

Am Abend desselben Tages war es aber dann soweit. Abends gegen 21 Uhr zog ich mir den Mantel an, steckte zwei Mausefallen samt Insassen in eine Papiertüte und marschierte zum Fluß hinunter, wo ich meine beiden Gefangenen freiließ. 

Seitdem haben wir nun keine Maus mehr unter dem Dach gehabt. Aber einen einzelnen Mäusebesuch hatten wir nach fünf Tagen trotzdem noch zu verzeichnen. Der war aber nicht dort, wo Pinky und Brain ihr Unwesen getrieben hatten, sondern im Obergeschoß (wo ich beileibe keine Mäuse gebrauchen kann) in die prophylaktisch auch dort unter einer Kommode aufgestellte Falle gegangen. Es war wieder eine "Brummkreisel-Maus", die in der Falle regelrechte Pirouetten drehte, und deshalb bin ich mir sicher, daß das wieder unser Pinky gewesen ist. Also habe ich ihn an jenem Mittwochmorgen sehr freundlich mit Namen begrüßt und ihn dann wieder ans Flußufer getragen, wo er mit Riesensprüngen enteilte. 

Seitdem habe ich bislang in keiner Falle mehr eine Maus gehabt. Ich gebe mich freilich keinen Illusionen hin: Wir haben noch mindestens ein Mauseloch, vielleicht auch mehrere da oben. Die Fallen muß ich jedenfalls bis zum Frühjahr noch stehen lassen und regelmäßig kontrollieren, denn sporadische Besuchsmäuse bekommen wir bestimmt weiterhin - aber nicht mehr tagtäglich, wie es aussieht. Das gilt auch deshalb, weil ich nunmehr entschlossen bin, sämtliche gefangenen Mäuse lieber gleich ins Exil am Flußufer oder vielleicht auch gleich in den Wald zu bringen, was ja nur unwesentlich weiter weg ist. So putzig diese Tierchen mit ihren Knopfaugen und ihrem rosa Näschen auch sind, wenn sie sich mit dem Garten und der Gartenhütte nicht zufriedengeben können, dann will ich nicht, daß sie sich zu sehr daran gewöhnen, bei mir im Haus zu wohnen. Zumal ich ja an Pinky und Brain gesehen habe, daß sie keineswegs so dumm sind, wie viele von Mäusen - im Gegensatz zu Ratten - glauben, sondern ausgesprochen lernfähige kleine Verbrecher. ;-) 

Aber seit letzten Mittwoch geht mir freilich eine Art von "Lassie kehrt heim"-Story um die Maus Pinky nicht mehr aus dem Kopf, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich ein gutes Gewissen habe. Ist der kleine Kerl etwa wirklich fünf Tage lang unterwegs gewesen, um unser Haus wiederzufinden? Ist er womöglich total erschöpft, halbverhungert und mit Blasen an den Füßen ins Haus gewankt? Und ich habe ihn erbarmungslos bei Minusgraden wieder in der Fremde ausgesetzt? Darf man so etwas einem armen kleinen Mäuschen wirklich antun? Jetzt, wo alles bei uns tief verschneit ist, frage ich mich schon, wie es Pinky und Brain am Flußufer geht. Vielleicht gehe ich heute noch hin und verstreue dort wenigstens ein paar von meinen ranzigen Haselnüssen. 


Freitag, 16. Januar 2026

Die Luftbuchungen der American Cancer Society

Mein Gewicht heute früh: 74,9 Kilogramm. Verflixt nochmal. Das ist mehr, als ich erwartet hatte, auch mit Beton im Gedärm, der sich erst nachmittags löste. Es bedeutet, daß meine Abnahme im langen Fastenintervall gerade mal fünf Kilogramm betragen hat. Normal liegt außerhalb der Low-Carb-Phasen die Abnahme irgendwo zwischen "über fünf" und "unter sechs" Kilogramm, Ausreißer nach oben und unten gibt es zwar, aber sie sind eher selten. Heute hatte ich ein solches Ergebnis, und das leider in der falschen Richtung. 

Nun ja. Da es nun einmal so ist, wie es ist, mache ich halt mit diesem unbefriedigenden Ergebnis weiter. Es sieht also immer mehr nach einem Endspurt im Anschluß an LC aus. Mein Mann weiß davon auch immer noch nichts - es hat sich irgendwie nicht ergeben. Er ist im Moment nicht so oft ansprechbar, wenn ich daran denke, weil er sich die meiste Zeit in der Werkstatt aufhält, um die Bretter für die selbstentworfene Küchenzeile zu sägen.  

***

Die Medien bringen Jubelberichte über die tollen Fortschritte bei den Krebstherapien, basierend auf der Krebsstatistik 2026 der American Cancer Society, und die Follow-the-Science-Fraktion auf Bluesky und Twitter jubelt mit. Sieben von zehn Krebspatienten, heißt es darin, überleben heute (gemeint sind die Jahre zwischen 2015 und 2021) fünf Jahre oder länger ihre Krebsdiagnose. Das sei eine gewaltige Verbesserung, denn in den 1970er-Jahren seien es nur fünfzig Prozent gewesen und Mitte der Neunziger 63 Prozent.

Ich erlaube mir, mich durch solchen Blödsinn nur veralbert zu fühlen. Die American Cancer Society spricht nämlich mit gespaltener Zunge. 

Eine Menge Krebsarten werden heute in einem viel früheren Stadium als in den Siebzigern diagnostiziert. Früherkennung macht's möglich. In den Siebzigern begann die Uhr also vor allem bei den häufigsten Krebsarten - Brust und Prostata - oft ein, zwei, drei oder sogar noch mehr Jahre später zu ticken, an der diese fünf Jahre heruntergezählt werden. Wie groß die Differenz beim durchschnittlichen Diagnosezeitpunkt ist, kann ich natürlich nicht exakt sagen, weil ich gar nicht wüßte, wo ich die Daten dazu finden sollte. Aber ich gehe davon aus, daß die heutigen fünf Jahre im Durchschnitt höchstens drei Jahren entsprechen. Bei Anpassung an diesen Faktor ergibt sich zwangsläufig, daß die 70 Prozent nicht mehr stimmen können. Ob das Ergebnis ein "Außer Spesen nichts gewesen" ist, oder vielleicht doch ein kleiner Vorteil, darüber kann höchstens spekuliert werden, aber der Anstieg um 20 Prozentpunkte ist jedenfalls wegen der nicht vergleichbaren Fünf-Jahres-Zeiträume eine klare Luftbuchung. 

Das durchschnittliche Sieben-Jahres-Überleben, das ich mit dem damaligen Fünf-Jahres-Überleben vergleichen würde, kennt aber keiner. Für das Zehn-Jahres-Überleben fand ich auf Anhieb keinen Durchschnittswert für alle Krebsarten in den USA. In Großbritannien wird er mit 50 Prozent angegeben. Interessanterweise ist bei Cancer UK wiederum das Fünf-Jahres-Überleben überhaupt nicht angegeben. Das deutet darauf hin, daß das Fünf-Jahres-Überleben heute erheblich weniger über die Chancen auf ein krebsfreies Weiterleben aussagt als noch 1975. Nehme ich an, daß die UK-Angaben realistisch sind, ist anzunehmen, daß die USA auch nicht erfolgreicher sein können, denn daß deren Gesundheitssystem dem in UK überlegen sein soll, kann ich mir kaum vorstellen. Das aber würde bedeuten, daß 40 Prozent aller Fünf-Jahres-Überlebenden in den USA innerhalb der darauffolgenden fünf Jahre doch noch sterben. Das ergibt auch einen Sinn  Das Risiko eines erneuten Krebsausbruchs ist innerhalb der ersten fünf Jahre am höchsten, das war wohl - neben der Tatsache, daß ursprünglich nur eine Minderheit der Krebspatienten fünf Jahre überlebte - der damalige Grund, diesen Fünf-Jahres-Zeitraum zu wählen.  Die fünf Jahre eines Patienten des Jahres 1975 sind aber im Jahre 2015 oft noch gar nicht rum. 

Da ich die Zahlen für das Zehn-Jahres-Überleben im Jahr 1975 in den USA nicht ermitteln konnte, weiß ich nicht, ob 50 Prozent Überlebende im Vergleich zu 1975 - die ich jetzt einfach mal als gegeben annehme - überhaupt eine Verbesserung bedeuten. Vermutlich schon (speziell bei sehr früh erkannten Krebserkrankungen dürfte ein Überlebensvorteil schon tatsächlich gegeben sein), aber der Vorteil gegenüber 1975 wird natürlich sehr viel niedriger liegen als bei Betrachtung der Fünf-Jahres-Überlebenden. Vielleicht will die American Cancer Association ja mit den Zehn-Jahres-Werten deshalb nicht hausieren gehen, weil man mit ihnen nicht renommieren kann? 

Die Epidemiologie hat bei Krebs überhaupt einen unschönen Hang zu verfälschenden Statistiktricks, mit denen die Entwicklung ein wenig aufgehübscht werden kann. Das fängt damit an, daß ein Durchschnittswert für alle Krebsarten im Grunde wenig Sinn ergibt, weil die Überlebensaussichten bei verschiedenen Krebsarten so unterschiedlich ausfallen. Speziell bei Brustkrebs und Prostatakrebs erfolgt die Diagnose oft sogar so früh, daß einiges darauf hindeutet, daß ein Teil der Diagnosen nie zu einem behandlungsbedürftigen Krankheitsausbruch geführt hätte. Das ist auch einer der Gründe, warum die Zahl der Krebsdiagnosen ständig steigt. 

Der Bericht der American Cancer Society erweckt bei flüchtigen Lesern genau den entgegengesetzten Eindruck, etwa in dieser Grafik: 

 Details are in the caption following the image

Klammern wir an dieser Stelle die Mortalität vorerst einmal aus, die für den flüchtigen Betrachter bestimmt ganz ansehnlich wirken wird. Die Inzidenz bietet von vornherein ein weniger positives Bild. Auch wenn der erste flüchtige Blick eine positive Entwicklung ab den neunziger Jahren zu zeigen scheint, gilt das jedoch nur für Männer - und auch bei ihnen liegt der Wert je 100.000 Einwohner höher als 1975. Aber bei Frauen ist die Rate in diesem Zeitraum immer nur zwar leicht, aber bis heute kontinuierlich angestiegen. 

Da es sich um altersstandardisierte Werte handelt, muß das in einer alternden Gesellschaft aber ständig steigende absolute Zahlen bedeuten. Die wurden im Bericht nicht grafisch dargestellt, aber die Schätzwerte für das laufende Jahr (die zweifellos irgendwie auf den belegbaren tatsächlichen Werten der Vorjahre basieren) fanden sich im Text: 

 In total, there will be approximately 2,114,850 new cancer diagnoses, the equivalent of about 5800 cases each day. In addition, there will be about 122,680 new cases of melanoma in situ of the skin and 60,730 new cases of ductal carcinoma in situ diagnosed in women in 2026.

Um die Zahlen für das Jahr 1975 herauszufinden, habe ich zum ersten Mal auf die Google-KI zurückgegriffen und hoffe, sie sind zuverlässig, da immerhin eine Quellenangabe erfolgte, die zuverlässig aussah. 1975 waren es laut dieser Quelle zwischen 600.000 und 700.000 Fälle. Das scheint mir zwar etwas zu niedrig, denn laut der Grafik weiter unten starben 1975 380.000 Krebspatienten. Wenn die Hälfte aller Erkrankten fünf Jahre nicht überlebte, würde ich die Zahl der pro Jahr Erkrankten an sich für etwas höher halten - aber nur, wenn die Zahl einige Jahre lang konstant gewesen ist, denn es geht ja jedes Jahr um Todesfälle von Erkrankten aus einem Zeitraum von fünf Jahren (die den Löwenanteil aller Krebstoten ausmachen). Es scheint aber - wieder gemäß Google-KI -, daß die Zahl der Krebsfälle sich zwischen 1965 und 1975 ebenfalls ungefähr verdoppelt hatte. Bleiben wir also bei diesem Wert und wählen vorsichtshalber lieber gleich den niedrigeren, also 600.000. In absoluten Zahlen hat in den USA zwischen 1975 und 2026 also eine Vervierfachung der Krebsdiagnosen stattgefunden. Das wird durch die Altersstandardisierung vertuscht, in der man nur einen moderaten Anstieg erkennen kann.

Und wie sieht es nun mit den Krebstodesfällen aus? Das läßt sich überschlagen: Von 600.000 Krebspatienten von 1975 überlebten 50 Prozent, also 300.000, die ersten fünf Jahre nach der Diagnose nicht. Von den 2,1 Millionen heute überlebten 30 Prozent die ersten fünf Jahre nicht, also 210.000. Knapp 1,9 Millionen überleben den Stichtag. 

Sieht doch eigentlich ganz überzeugend aus, oder? Was paßt mir denn eigentlich an diesen 90.000 zusätzlichen Fünfjahresüberlebenden im Vergleich zu den Siebzigerjahren nicht? 

Die Antwort habe ich schon weiter oben gegeben. Sie lautet, daß das Fünf-Jahres-Überleben heute etwas ganz anderes bedeutet als zu Zeiten, als es die Früherkennung nicht gab. Die 90.000 Überlebenden mehr erklären sich höchstwahrscheinlich vor allem daraus, daß es heute eher dem Drei-Jahres-Überleben im Jahr 1975 entspricht

Dazu ein paar weitere Zahlen.  

Brust- und Prostatakrebs machen zusammengenommen knapp über 650.000 der 2,1 Millionen Krebsfälle aus, also fast ein Drittel. 91 Prozent aller Brustkrebspatientinnen (alle Stadien der Erkrankung mit eingeschlossen) überleben diese fünf Jahre heutzutage. Bei Prostatakrebs ist das Fünf-Jahres-Überleben sogar noch höher als bei Brustkrebs und liegt bei 97 %. Das bedeutet, von diesen 650.000 Patienten mit einer der beiden Diagnosen leben nach fünf Jahren noch ein bißchen über 600.000. Das ist ungefähr ein Drittel aller Krebsüberlebenden. Von den Verstorbenen machen die 50.000 Pechvögel ein knappes Viertel aus. Zwei Drittel der Krebsüberlebenden haben hingegen andere Krebs-Varianten. Bei den Verstorbenen umfassen die anderen Krebsarten aber mehr als drei Viertel. Es liegt also auf der Hand, daß sie durchschnittlich eine schlechtere Prognose haben müssen. 

Betrachtet man die Sache aus einer anderen Richtung, wird noch deutlicher, daß die so stürmisch gefeierte Verbesserung mit guten Gründen für nicht so toll gehalten werden kann. Das gilt nämlich, wenn man nicht das Fünf-Jahres-Überleben und -Nichtüberleben, sondern die Entwicklung in absoluten Zahlen sieht. 

In absoluten Zahlen sterben heute pro Jahr nämlich etwa 600.000 Amerikanerinnen und Amerikaner an Krebs. 1975 waren es der folgenden Grafik nach etwa 380.000 (bei zwischen 600.000 und 700.000 Diagnosen), also sind es heute pro Jahr 220.000 mehr. Das sind roundabout 600 Krebstote pro Tag, den es in den USA mehr gibt als 1975. Trotz der gesunkenen Mortalität, also der Krebstoten je 100.000 in einer altersstandardisierten Betrachtung.

Sehen so Erfolge aus? 

Die blaue Linie ist in der Grafik übrigens die maßgebliche. Die rote Linie ist eine erneute reine Luftbuchung. Angeblich hätte sich die Zahl der Krebstoten ohne die supererfolgreichen Präventionsstrategien u.a. von der American Cancer Society so wie durch die rote Linie dargestellt entwickelt. Beweisen läßt sich das zwar nicht, aber es schien den Autoren wohl ausreichend, daß im Gegenzug auch niemand das Gegenteil beweisen kann.  

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Das erste Mal gehört habe ich von Prof. Seyfried, daß die Zahl der Krebserkrankungen in den USA ständig steige. Gemeint ist bei ihm die absolute Zahl, die natürlich bei einer Alterskrankheit auch das steigende Durchschnittsalter widerspiegelt, weshalb ich anfangs diesen Punkt gar nicht für stichhaltig hielt. Überzeugt hat es mich aber, als er in einem der Podcasts oder Vorträge außerdem anmerkte, einen Durchbruch bei der Krebsbekämpfung würde man an einem Rückgang der Krebstodesfälle in absoluten Zahlen erkennen. Das brachte mich zum Nachdenken. Auch unter den Pestärzten des 15. Jahrhunderts gab es bestimmt Fortschritte, wenn sie Maßnahmen, die nichts besser machten, sondern alles verschlimmerten, wegließen und kleinere Anpassungen in der Behandlungsmethodik oder den hygienischen Bedingungen das Leiden etwas lindern konnten. Alle diese Fortschritte zusammengenommen, die es zweifellos gegeben hat und vielleicht ja ebenfalls bestimmten Personenkreisen mehr als anderen zugute kamen, werden aber zu einem Nichts, wenn man sie mit denen vergleicht, die mit der Entdeckung des Pesterregers und der Entwicklung von Antibiotika verbunden waren. Erst dies brachte einen wirklichen Durchbruch und führte dazu, daß der Schrecken einer Pestepidemie nur noch als ein historisches Ereignis gesehen wird, vor dem sich heutzutage niemand mehr fürchten muß. Vorher mühte man sich auf einer unzureichenden Wissensbasis ab, weil die Ursachen der Erkrankung an der falschen Stelle gesucht wurden. 

Genau dasselbe gilt auch für Krebs. Ein wirklicher Durchbruch müßte auch bei Krebs ganz anders aussehen als die Erfolge, für die die American Cancer Society sich so selbstgefällig selbst auf die Schulter klopft. Wir werden ihn auch bestimmt rasch sogar als Laien mit bloßem Auge erkennen, wenn er einmal eintritt. 

Bei Krebs im metastasierten Stadium rühmt die amerikanische Krebsgesellschaft sich besonders spektakulärer Erfolge: Das Fünf-Jahres-Überleben sei bei Patienten in diesem Stadium am stärksten überhaupt  gestiegen, nämlich von 16 auf 35 Prozent. Die schlechte Nachricht in der guten bekommen Sie jetzt von mir, da niemand sonst sie ausspricht oder auch nur wahrzunehmen scheint: Dies bedeutet, daß immer noch knapp zwei Drittel aller Patienten mit metasasiertem Krebs weniger als fünf weitere Lebensjahre zu erwarten haben. Das Ziel, für das seit den siebziger Jahren Unsummen in die Krebsforschung hineingesteckt wurden, hatte eigentlich eine bedeutend höhere Meßlatte. 

Ich will nicht abstreiten, daß der Gewinn von ein, zwei, drei zusätzlichen Lebensjahren für einen todkranken Patienten eine Menge ausmacht. Aber ich bezweifle, daß Patienten eine erfolgreiche Behandlung so definieren würden, wie das die Wissenschaft gerade tut, um eigentlich enttäuschende Zahlen mit einer erfreulicher wirkenden Girlande zu versehen. (Übrigens erinnert mich das sehr an die "Erfolge" bei der Adipositasbekämpfung, die vor allem auf einer Umdefinierung dessen beruhen, was als Erfolg zu betrachten sei - ebenfalls in völligem Gegensatz zu dem, was die Patienten erreichen wollen.) Eine erfolgreiche Behandlung aus Sicht des Patienten würde dazu führen, daß er an seiner Krankheit nicht stirbt, weil sie geheilt werden kann. Dem gleichzusetzen aus dieser Perspektive ist es - jedenfalls beinahe -, wenn sie über einen so langen Zeitraum gemanagt werden kann, daß es nicht einem baldigen Todesurteil gleichgesetzt werden muß - auch dann, falls sie am Ende dennoch seine Todesursache sein sollte. Eine Menge Menschen sterben ja auch an Herz- und Kreislauferkrankungen oder Diabetes. Diese Diagnosen lösen aber längst kein solches Entsetzen und keine Todesängste aus wie eine Krebsdiagnose. Warum? Weil man als Patient guten Grund hat, zu erwarten, trotzdem noch viele gute Lebensjahre vor sich zu haben. 

Das wäre also das Ziel, das man erreichen wollen müßte. Aber da die American Cancer Society so zufrieden mit ihren viel bescheideneren Erfolgen zu sein scheint, habe ich nicht den Eindruck, daß es von ihr überhaupt angestrebt wird. 

Zufälligerweise sah ich nach längerer Zeit mal wieder eines von Thomas Seyfrieds Videos. Weil er darin sehr leicht verständlich erklärt, wie seiner Forschung nach eine Metastasierung abläuft und wie sie wegen dieses Ablaufs behandelt werden sollte, hier der Link zu dem mit 22 Minuten relativ kurzen Video. Für mich klingt das absolut plausibel, aber ich bin bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen, falls es fundierte Einwände geben sollte. Bislang habe ich aber noch keine gehört. Falls Seyfrieds Forschungsergebnisse irgendwo einen Haken haben sollten, dann würde ich aber vor allem von einer Organisation wie der American Cancer Society erwarten, daß sie sich mit der Sache befaßt und ihre Einwände zu Papier bringt, falls sie welche haben sollte, damit man sich damit auseinandersetzen kann. Immerhin handelt es sich ja nicht um die Ausgeburten der Phantasie eines selbsternannten Wunderheilers, bei dem das Zeitverschwendung wäre, sondern die Sache wird ja wissenschaftlich untermauert. Sollte sie aber keine schwachen Punkte finden, dann wäre es ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit, die Theorie samt der bisher daraus entwickelten Therapieansätze aufzugreifen und herauszufinden zu versuchen, was ein praktischer Einsatz für ein Verbesserungspotential bietet. Genau das wäre im Interesse der Patienten, in deren Interesse zu arbeiten diese Institution behauptet. Stattdessen ignoriert sie sie aber einfach und klopft sich stattdessen pausenlos selbst auf die Schulter, weil sie ja mit allem, was sie tut, so sagenhaft erfolgreich sei. 

Donald Trump macht das genauso, nebenbei bemerkt. 

Käme die American Cancer Society ihren Aufgaben wirklich nach, dann hätte vielleicht auch Scott Adams, der Autor der weltweit populären Dilbert-Cartoons, der vor wenigen Tagen an metastasiertem Prostatakrebs gestorben ist, eine echte Chance gehabt. Daß er keine Berührungsängste gegenüber den Methoden hatte, die auf Basis von Seyfrieds Theorie entwickelt wurde, zeigt sich, weil er erwähnte, er hätte Fenbendazol und Ivermectin genommen - es hätte bei ihm aber nicht gewirkt. Da er auch erwähnte, bestrahlt worden zu sein, kann ich mir nicht recht vorstellen, daß die Therapie bei ihm dem Seyfriedschen Press-Pulse-Konzept wirklich ähnlich war. Es ist also wahrscheinlicher, daß er konventionell behandelt wurde und seine Hoffnungen in ein vermeintliches Wundermittel setzte, das er parallel einsetzte (ob mit oder ohne Mitwirkung seines Onkologen), das aber freilich für sich alleine genommen natürlich keine Wunder wirken kann. Keines der Elemente der Press-Pulse-Therapie kann das alleine, auch nicht die ketogene Ernährung, jedenfalls nicht bei so weit fortgeschrittener Erkrankung. Das Konzept ist ein Gesamtkunstwerk, aber gleichzeitig auch ein Work in Progress. Es kann noch gar nicht perfekt sein, dazu gibt es zu wenige Gelegenheiten, es einzusetzen, weil viele Onkologen es entweder nicht kennen oder davor zurückschrecken. Wo es eingesetzt wird, dann meiste in Form einer Kompromißlösung. Das alles erschwert die Feinjustierung der einzelnen Komponenten. Das Press-Pulse-Verfahren ist weit davon entfernt, perfekt zu sein. Aber das sind die konventionellen Krebstherapien ja auch nicht. Wäre es anders, gäbe es auch die kleinen Fortschritte nicht, auf die die American Cancer Society so stolz ist. Ein Fortschritt bedeutet ja, daß das vorherige Verfahren verbessert werden konnte, also davor schlechter war, als es eigentlich hätte sein können. Es kann ja eigentlich nicht sein, daß von jedem Verfahren, daß auf einer Theorie fußt, die die aktuellen Grundlagen der Krebsbehandlung in Frage stellt, von Vornherein Perfektion verlangt wird. 

Es gibt also gar keinen Grund zur Überheblichkeit gegenüber den von Adams eingesetzten Medikamente, wie ich das Twitter rauf und Bluesky runter überall lese. Adams' Tod beweist keineswegs ihre Untauglichkeit im Einsatz gegen Krebs. Wäre es anders, dann müßte man schließlich auch sämtliche Chemo-Präparate von Epirubicin aufwärts auf den Kehricht werfen, weil sie den Tod jedes zweiten Behandelten innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren ja auch nicht verhindern können. 

Tatsächlich sind beide Mittel sogar ohnehin nur eine Ausweichmöglichkeit, weil dasjenigen mit den besten Erfolgsaussichten, DON, bislang gar nicht eingesetzt werden darf, und daß sich das ändert, ist so schnell wohl nicht zu erwarten. Also das populärste unter mehreren vergleichsweise unzureichenden Ersatzmitteln für DON hat bei Adams nicht gewirkt. Aber hat es das wirklich nicht? Immerhin, Adams hatte letzten Mai damit gerechnet, nicht länger als bis zum Sommer zu überleben. Vielleicht war dieses halbe Jahr ja doch dem unzureichenden Ersatzmittel zu verdanken. Und warum sollte dieses halbe Jahr weniger wert sein als eines, das man mit Hilfe von für den Patienten extrem strapaziösen Chemotherapien und Bestrahlungen herausgeschunden hat und wofür man dann natürlich gerne gelobt werden möchte. 

Wer herausfinden will, ob Seyfrieds neu entwickeltes Verfahren vielleicht tatsächlich der Gamechanger ist, auf den alle Krebskranken warten, und wie man ihn bestmöglich einsetzt, der bräuchte vor allem mehr Daten. Mehr Daten müßte man aber haben wollen. Die American Cancer Society will das offensichtlich nicht. Sie scheint völlig zufrieden damit zu sein, daß jetzt nicht mehr jeder sechste, sondern nur noch jeder dritte Krebspatient den fünften Jahrestag seiner Diagnose nicht mehr erlebt, und sogar dabei ist viel statistische Schummmelei mit im Spiel. Man würde sich von so einer Organisation wirklich nicht nur mehr Klartext statt Selbstbeweihräucherung, sondern auch ein bißchen mehr fachlichen Ehrgeiz wünschen. Und vielleicht ja auch ein bißchen Bewußtsein für ethische Verantwortung. 

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Ab Montag essen wir wieder sechs Wochen lang Low Carb, und die Vorbereitungen sind in vollem Gange. Gestern war ich einkaufen und habe mich mit diversen Basics bevorratet und ein paar vereinzelte, die ich nirgends fand, online bestellt. Eines davon waren Kartoffelfasern, die gehen mir langsam zur Neige, und obwohl sie vorübergehend wenigstens in den größten Supermärkten erhältlich waren, fand ich sie jetzt nicht mehr vor. Das zweite ist das Süßungsmittel Allulose. Gehört hatte ich davon schon länger, aber als ich zuletzt darüber las, war es noch nicht zugelassen. Daß sich das geändert hat, leitete ich daraus ab, daß sie plötzlich Low-Carb-Rezeptvideos vorkamen. Also habe ich das auch mal bestellt und lasse mich überraschen, ob es mir mehr zusagt als die bisherige Xylit-Erythrit-Stevia-Mischung, die ich bislang verwende. 

Die Videos gehörten natürlich auch zu den Vorbereitungen, ich habe nach neuen Rezepten gesucht, um mich davon zu kulinarischen Neuentdeckungen inspirieren zu lassen. 

Einen YouTube-Fund habe ich gleich heute getestet und muß sagen: ein voller Erfolg. Und zwar "Carnivore-Brötchen", die nur aus 3 Eiern, ca. 160 Gramm Milchpulver, einem Eßlöffel Backpulver und ein bißchen Salz bestehen. Daß das funktioniert, leuchtete mir spontan ein, denn die Keto-Waffeln aus Eiern und Käse funktionieren ja auch, und Käse ist nun mal ein Milchprodukt. Milchpulver ist aber gar nicht so leicht zu bekommen. Im größten Supermarkt in der Nähe hatten sie es glücklicherweise, allerdings nur Magermilchpulver. Eigentlich hätte ich lieber Vollmilchpulver genommen. Da ich nur eine 250-Gramm-Packung gekauft habe, werde ich jetzt online Vollmilchpulver bestellen. Damit dürfte der Kauf von Milch im Discounter für mich Geschichte sein. Für alles, was Milch erfordert, vom Pudding bis zum Kartoffelbrei, finde ich Milchpulver ideal. Und natürlich auch für diese erstaunlichen Brötchen. 

Damit bin ich, auch wenn ich keine Rohmilch im Haus habe, jederzeit mit Milch versorgt. Ich kaufe zwar gelegentlich auch die normale Vollmilch im Hofladen, aber ich habe bislang auch immer eine Packung haltbare Milch aus dem Discounter im Haus gehabt, denn weil wir diese Milch nicht trinken (ich bekomme von Vollmilch, anders als von Rohmilch, ziemlich fiese Blähungen, und zwar auch von der nicht haltbaren frischen) muß ich immer aufpassen wie ein Schießhund, daß sie mir nicht verdirbt, weil ich sie doch weniger einsetze als z. B. Creme fraiche oder andere Milchprodukte. 

Der Preis des Produkts, das ich bestellen will, ist zwar doppelt so hoch wie für einen Liter Vollmilch im Discounter, wenn man den Kaufpreis auf einen Liter mit dem Pulver angerührte Vollmilch herunterbricht, aber der Vorteil besteht auch in der nahezu unbegrenzten Haltbarkeit von Milchpulver. Im Sommer ist mir zu meinem Verdruß tatsächlich mehrere Male ein mehr oder weniger großer Rest Milch auch von der haltbaren Discountermilch trotz Kühlung in der angebrochenen Packung verdorben. Das wird mir künftig nicht mehr passieren. Und natürlich kaufe ich weiter gelegentlich auch meine Rohmilch direkt aus dem Milchtank beim Bauern zum Trinken. 

Sieht man einmal davon ab, daß ich das nächste Mal den Backofen nur auf 170 statt auf 180 Grad einstellen werde, damit sie nicht gar so dunkel werden, war ich vom Ergebnis dieses Brötchenbackens nämlich richtig beeindruckt. Aus der angegebenen Menge konnte ich sechs Brötchen machen, die mir zwar arg klein vorkamen, als ich sie in den Backofen schob, aber als sie fertig waren, war ich mit ihrer nunmehrigen Brötchen-Normalgröße sehr zufrieden. Auch der Geschmack und die Konsistenz sind verblüffend brötchenartig - nicht aber die Farbe, denn bei der dachte ich spontan an Maismehl - ein recht intensives Gelb. Ich habe experimenthalber drei der sechs Brötchen noch mit geraspeltem Gouda vermengt, und erst sahen diese Brötchen genauso perfekt aus wie die anderen, sind dann aber deutlich in sich zusammengesunken, während die anderen ihre Brötchenform behielten. Dafür fand ich sie geschmacklich sogar noch etwas besser, also werde ich beim nächsten Mal vielleicht einfach ein bißchen Gouda obendrüberstreuen und hoffe, dann behalten die Brötchen ihre Form.

Es ist mal wieder eine Brötchenart, die superschnell zu machen ist: Backofen anschalten, drei Eier verquirlen, die restliche Zutaten nach und nach zugeben, Brötchen formen, und in den aufgeheizten Backofen geben. Das dauert mit ein bißchen Übung - der Teig ist nämlich sehr klebrig, was mir am Anfang etwas Schwierigkeiten machte - keine zehn Minuten. Die Backzeit war bei mir 14 Minuten. 

Weil ich ein Weilchen suchte, um online das passende Produkt zu finden, stieß ich zufällig darauf, daß es auch Sahnepulver gibt. Das ist ein völlig andersartiges Produkt. Als ich die Liste der Zusatzstoffe las ("Getrockneter Glukosesirup, gehärtetes pflanzliches Öl, Zucker, Emulgatoren (Essigessenz Ester von Ölsäure Monound Diglycerid E472 a, Mono und Diglycerid von Ölsäure E471), Natrium-Caseinat, Stabilisator (Dikaliumphosphat E340), Konsistenzerhöher (Hydroxy Propyl Cellulose)"), war mir klar, das gehört zu der Art von Lebensmitteln, vor denen ich meine Leser schon immer gewarnt habe. Das Milchpulver enthält dagegen nichts als Milch, der das Wasser entzogen wurde, ein Verfahren, das schon seit 150 Jahren angewandt wird und nichts mit dem zu tun hat, was in den letzten Jahrzehnten in der Industrie an komplexen Verfahren entwickelt wurde, um Geschmack, Konsistenz und Farbe frischer Lebensmittel imitieren zu können sowie die Haltbarkeit zu verlängern. 

Unglaublich eigentlich, daß man nach Jahren in jeder Low-Carb-Phase nicht nur neue Gerichte entdeckt, sondern auch neue Zutaten.