Mein Gewicht heute früh zu Beginn des ersten viertägigen Fastenintervalls in der Low-Carb-Phase: 75,6 Kilogramm. Sehr erfreulich, aber ein wenig gemogelt, weil ich am Samstag unpäßlichkeitshalber einen unfreiwilligen zusätzlichen Fastentag eingelegt habe und gestern das Frühstück ausfallen ließ und durch ein etwas früheres Abendesssen ersetzte. Ich gehe deshalb davon aus, daß ich bis zum Freitag weniger Gewicht als sonst verlieren werde - aber bei dem, was ich weniger abnehme, geht es ja sowieso vorwiegend um Wasser.
Nach dem Motto: Nichts ist so schlecht, daß es nicht für etwas gut wäre, freue ich mich trotzdem über dieses Startgewicht, zumal ich schon gemerkt habe, daß es gar nicht so einfach sein wird, meinen Entschluß, nächste Woche die Eßtage erst nachmittags zu beginnen, wirklich umzusetzen. Das würde nämlich bedeuten, zur Kaffeezeit das erste Mal zu essen, und das bedeutet bei uns eigentlich einen Kuchen oder ähnliches zum Kaffee. So was als erste Mahlzeit ist für mich aber unvorstellbar. Falls ich aber Brötchen mache, ist 15 Uhr eigentlich schon zu spät, um uns nicht den Appetit aufs Abendesssen zu verderben.
Ich weiß noch nicht genau, wie ich das Problem löse - die gestrige Lösung kommt eher nicht in Frage, weil das etwas mit um die Mittagszeit herum noch akut fehlendem Appetit zu tun hatte. Aber jedenfalls ist es dann schön, heute wenigstens mit einem niedrigeren Gewicht als erwartet ins Fasten zu gehen, und so schaue ich jetzt erst einmal, wo ich am Freitag genau stehen werde.
***Die Akademie Leopoldina fiel mir vor Jahren angenehm auf, weil sie eine immer hysterischer werdende Medienkampagne zum Thema Verringerung der Grenzwerte für Stickstoffdioxid in den Dieselabgasen nmit einer ziemlich trockenen, aber stichhaltigen Verlautbarung schlagartig zum Verstummen brachte. Zentral war dies hier:
Ein besonderes Problem besteht bei Schadstoffen ohne bekannte untere Wirkungsschwelle, wie es besonders bei Feinstaub offenbar der Fall ist. In diesen Fällen muss auch unterhalb dieser Grenzwerte mit gesundheitlichen Effekten gerechnet werden. Nach dem Vorsorgeprinzip wäre hier eine Reduktion der Grenzwerte bis in den Bereich der Hintergrundbelastung anzustreben.
Doch es sind nicht allein die möglichen Gesundheitsauswirkungen, die Einfluss auf die Grenzwertsetzung haben. Eine Rolle spielt auch der Aufwand, der erforderlich ist, um den Grenzwert einzuhalten. Berücksichtigt werden auch die möglichen weiteren Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft, die mit der jeweiligen Höhe des Grenzwerts verbunden sind. Das Ziel ist eine Äquivalenz zwischen dem Aufwand zur Umsetzung des Grenzwerts und dem Ertrag, also den Folgen für Gesundheit, Wirtschaft und Gesellschaft. Oder anders usgedrückt: Es geht um die Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen, die mit der Setzung von Grenzwerten verbunden sind.
Bei Stickstoffdioxid ist zum Beispiel zu fragen, ob innerstädtische Fahrverbote verhältnismäßig sind, wenn dadurch bloß geringfügige Verbesserungen der Luftqualität erzielt werden können. Mit den Mitteln der Wissenschaft lassen sich die direkten und indirekten Kosten zur Durchsetzung des Grenzwerts und die Auswirkungen eines verringerten gesundheitlichen Risikos ermitteln und häufig auch in Zahlen fassen. Ob der Aufwand jedoch den Ertrag rechtfertigt, ist eine politische Frage, die in demokratischen Systemen die dazu legitimierten Gremien beantworten müssen. Ein informierter und offener Diskurs in der Öffentlichkeit unter Einbeziehung von Expertenwissen kann zu einer ausgewogenen und rational vertretbaren Entscheidungsfindung beitragen. Der Wissenschaft kommt dabei die Aufgabe zu, den Prozess der Entscheidung mit bestmöglichem Wissen zu unterstützen, das Ergebnis der Abwägung aber nicht vorab zu bestimmen.
Das aus meiner Sicht Besondere daran war, wie schnell das aus einer bis dahin erfolgversprechenden und mit viel Leidenschaft quer durch alle Medien verfochtenen Kampagne mit dem Ziel, es müßten unbedingt sofort die Grenzwerte für Stickstoffdioxid gesenkt werden, weil das unverzichtbar sei, um Menschenleben zu retten, die Luft herausgelassen hat. Die politische Abwägung, die dabei ins Hintertreffen geraten wäre, waren die Belange der Leute, deren Dieselfahrzeuge die aktuellen, nicht aber die nunmehr geforderten noch niedrigeren Grenzwerte einhielten - und dabei handelte es sich um Fahrzeuge, die nicht nur wenige Jahre alt waren, sondern oft auch aus einem Gefühl der Verantwortung für das Ziel der Luftreinhaltung erworben wurden, also durch Leute, die alles richtig zu machen versuchten und sich nun plötzlich zum Dank dafür an den medialen Pranger gestellt wiederfanden.
Diese Leute fühlten sich von diesen Forderungen natürlich über Gebühr benachteiligt und außerdem von der Medienkampagne geradezu niedergebrüllt, wenn sie ihre Einwände vorbrachten. Auf einmal war die ganze Angelegenheit aber in einer Art und Weise versachlicht worden, daß sie keinen Stoff mehr für mediales Gebrüll hergab. Die Ruhe, die zum Thema plötzlich einkehrte, ließ auch mich geradezu aufatmen, obwohl ich als Nichtautobesitzer gar kein persönliches Interesse an dieser Grenzwertfrage hatte. Was mich gestört hatte, war das Empfinden, daß diese Kampagne mit Emotionen, erhobenem Zeigefinger und Moralapostelei arbeitete, nicht auf Basis von wissenschaftlicher Seriosität - und daß das ein roter Faden der meisten solchen Kampagnen schon seit Jahren gewesen war. Mich beunruhigte außerdem die Verbohrtheit, mit der eigentlich ja gutwillige Leute unnötig vor den Kopf gestoßen wurden, und zwar auch deshalb, weil das im Bereich Umwelt und Gesundheit ständig in allen möglichen Bereichen passierte (und immer noch passiert). Ich fand nicht, daß wir uns diese Art von Kampagnen nach dem Motto "Nach uns die Sintflut" noch leisten konnten in Zeiten, in denen die AfD mittlerweile zweistellige Ergebnisse einfuhr.
Die Seriosität war von der Leopoldina aber wieder mit ins Spiel gebracht worden, und auf einmal war die Luft aus der Sache raus. Also wünschte ich mir, daß sie öfter mal als Stimme der Vernunft in solche Debatten hineingrätscht, um sie zu versachlichen.
Ich muß gestehen, daß meine Hoffnungen wohl ein wenig übertrieben waren. Ich bin nämlich ziemlich irrtiert über einen aktuellen "Policy Brief" der Akademie Leopoldina zum Thema Adipositas. Im Wortlaut der erste Satz zu den Ursachen und Wirkungen von Adipositas:
Adipositas entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -verbrauch ...
Danach hätte ich eigentlich mit dem Lesen aufhören können. Auch wenn nach den drei Auslassungspunkten noch allerhand Wenns und Abers folgen, das ist der zentrale Punkt, eine scheinbare Selbstverständlichkeit, die leider auch von der Akademie Leopoldina nicht hinterfragt wird. Sämtliche Präventionsbemühungen, die basierend darauf von der Leopoldina gefordert werden, haben keine besseren Erfolgschancen als alle früheren von anderen Experten bzw. Expertengremien, weil sie die Folgerungen aus dieser einen Fehlannahme sind.
Aber das wäre im Grunde noch verzeihlich (wenn es mich auch enttäuscht). Denn wenn man die Literatur sichtet, ist dies ja praktisch überall die Grundannahme. Nicht akzeptabel finde ich aber an die Politik adressierte Forderungen, die in anderen Ländern nachweislich nicht zum erhofften Ziel geführt haben, nämlich ...
... die Besteuerung von stark zucker- oder fetthaltigen Lebensmitteln und Getränken. Abgaben auf zuckergesüßte Getränke haben in anderen Ländern, wie z. B. in Großbritannien, den Konsum von Zucker und zuckergesüßten Getränken nachweislich reduziert
Dies umzusetzen, wird angeblich bei uns zur Folge haben, daß langfristig mit positiven Effekten auf die Bevölkerungsgesundheit und einer Reduktion krankheitsbedingter Versorgungskosten zu rechnen wäre. Daß diese positiven Effekte in Großbritannien in Wirklichkeit ausgeblieben sind, kann aber sogar jeder Laie recherchieren. Denn die Reduktion des Zuckerkonsums, die gelungen sein soll, war ja nicht das eigentliche Ziel, sondern ein Mittel, mit dem ein anderes Ziel, nämlich die Reduktion von Adipositas, bewirkt werden sollte.
In anderen Ländern war das Ergebnis außerdem auch nicht besser als in UK.
Wieso ist ein so kompetentes Team nicht einmal auf die Idee gekommen, diese Recherche vorzunehmen und sich ein paar Gedanken dazu zu machen, warum die Sache in der Praxis nicht so gewirkt hat, wie die Theorie es vorsehen würde? Das hätte ich in jedem Fall erwartet, und dann wäre die Forderung nach einer Zuckersteuer jedenfalls nicht mehr für dermaßen naheliegend gehalten worden. Eine Fettsteuer wurde bislang nur einmal in ihrer Reinform eingeführt, nämlich in Dänemark. Dort war sie aber nur 14 Monate lang in Kraft. Eine Fettsteuer gibt es aber indirekt in Mexiko für Lebensmittel mit hoher Energiedichte (was zwangsläufig mehr Fett bedeutet) seit 2014. Bis zum Jahr 2022 hat dies aber nicht dazu beigetragen, den Anteil der Adipösen zu verringen. Im Gegenteil ist er zwischen 2014 und 2022 von 30,7 Prozent auf 36 Prozent angestiegen.
In diesem Fall ist die Akademie Leopoldina leider an dem Punkt gescheitert, an dem sie damals bei den Stickdioxiden den bitter nötigen Realitätscheck vorgenommen hat, indem sie darauf verzichtet hat, ihn diesmal ebenfalls auszuführen. Indirekt geben die Experten sogar selbst zu, daß ihre zentrale Annahme nicht so ganz stimmen kann, denn neben anderem empfehlen sie bei starkem Übergewicht auch die Abnehmspritze und Magenverkleinerungen und fordern außerdem, die Abnehmspritze zur Kassenleistung zu machen.
Überflüssig zu erwähnen, daß weder Intervallfasten noch Low Carb auch nur mit einer Silbe Erwähnung fanden.
Das führt mich zu einem weiteren Zitat im gleichen Dokument:
Die gesamten jährlichen volkswirtschaftlichen Kosten von Adipositas und Übergewicht werden auf etwa 2,6% des deutschen Bruttoinlandsprodukts geschätzt, was circa 113 Milliarden Euro entspricht.
113 Milliarden Euro Kosten sind offenbar kein zu hoher Preis dafür, sich an vertrauten Denkschablonen festzuhalten, ohne sich auch nur einen Moment lang die Frage zu stellen, warum sie seit Jahrzehnten in der praktischen Anwendung nie imstande waren, die erhofften Wirkungen zu bringen. Genau dies ist es auch, was mich an diesem Policy Brief so enttäuscht. Falls die Abnehmspritze künftig Kassenleistung sein soll, müßte man pro Patient ungefähr einen Tausender pro Jahr dazuaddieren. Bei 13 Millionen Deutschen mit Adipositas würden die Kosten um zehn Prozent steigen, und zwar dauerhaft. Denn die Abnehmspritze, egal wie vielen Adipösen sie verordnet wird, kann ja gar nicht verhindern, daß ständig Nachschub bei den Adipösen aus den Reihen der zuvor "nur" Übergewichtigen hinzukommt, die einen Anspruch auf die Abnehmspritze weiterhin nicht hätten - und wäre es anders, müßte man die laufenden Kosten für den Einsatz der Abnehmspritze sowieso mindestens verdoppeln. Beim besten Willen kann ich hier keine Kostendämpfung erwarten. Die gesundheitlichen Vorteile, die sich bei einer Abnahme praktisch immer ergeben, werden nämlich auch bei der Abnehmspritzen die Phase, in der abgenommen wird, nicht allzu lange überstehen.
Hinzu kommt ja außerdem, daß die Abnahme mit Hilfe der Abnehmspritze zwar im Durchschnitt weitaus länger anhält als bei konventionellen Reduktionsdiäten, aber trotzdem im Durchschnitt bei einer Abnahme von zehn Prozent des Körpergewichts zum Stillstand kommt - und damit von diesem reduzierten Gewicht aus keine Wiederzunahme erfolgt, ist es außerdem erforderlich, die Spritze dauerhaft zu verwenden, um diese zehn Prozent minus halten zu können. Nur bei einer Minderheit der Abnehmspritzen-Verwender wird die Abnahme absehbar überhaupt aus dem Adipositas-Bereich herausführen. Hätte meine Abnahme als Beispiel nur zehn Prozent meines Ausgangsgewichts betragen, würde ich heute nicht 76, sondern 132 Kilogramm wiegen.
Wenn wir großes Pech haben, stellen sich außerdem doch noch schwerwiegendere gesundheitliche Langzeitfolgen der Abnehmspritzen heraus, resultierend zum Beispiel aus der ungünstiger werdenden Körperzusammensetzung. Am Ende kann sich die Abnehmspritze auch noch als ein kostspieliger Fall von "Außer Spesen nichts gewesen" herausstellen.
Aber immerhin, eines muß man der Leopoldina zugutehalten, sie möchte wohl wirklich gerne wissen, ob das, was sie fordert, auch wirklich funktionieren wird:
Ein zentraler Bestandteil dieser Initiative sollte zudem die Verbesserung der Datengrundlage sein, um langfristige und systematische wissenschaftliche Evaluationen zu ermöglichen. Hierzu sollten populationsbasierte wiederholte Querschnittsstudien und Kohortenstudien etabliert oder ausgebaut werden, die vulnerable Altersfenster wie Schwangerschaft und frühe Kindheit berücksichtigen. Solche Datensätze sind essenziell, um die Wirksamkeit von Präventionsmaßnahmen zu bewerten und gezielte Interventionen zu entwickeln.
Dummerweise ist genau das der Bereich, in dem sich schon seit langem eine Abart des "So tun, als ob" in der Wissenschaft eingebürgert hat. Basierend auf der Prämisse dieses "Adipositas entsteht durch ein Ungleichgewicht zwischen Energiezufuhr und -verbrauch". Das wird wohl bedeuten, daß das Versagen auch der Einführung von Abnehmspritzen als Kassenleistung irgendwie wegerklärt wird, damit sie zu den Grundannahmen weiter paßt. Wie die Wissenschaft aus diesem Teufelskreis herauskommen soll, weiß ich nicht, da es unmöglich scheint, diese Grundannahme in Frage zu stellen.
***
Der überproportionale Verlust von fettfreier Körpermasse bei der Abnahme mit Abnehmspritzen ist ja ein Thema, über das relativ viel gesprochen wird. Dabei geht ein bißchen unter, daß das auch bei anderen Gewichtsreduktionsarten ein Problem ist. Eine neue Studie brachte unangenehme Erkenntnisse. Dabei wurden zwei Abnahmestrategien bei mittelalten bis älteren Patienten mit Adipositas verglichen, deren eine letztlich den Status einer Kontrollgruppe hatte, denn die Teilnehmer wurden lediglich einmal im Jahr zu ernährungs- und abnahmebezogenen Gruppensitzungen eingeladen und machten ansonsten, was sie selbst für richtig hielten. Die andere Gruppe (schwarze Linie in der Grafik) war mit einer überwachten, aber relativ moderaten "Eat less, move more"-Strategie (1200 bis 1800 Kalorien am Tag) auffallend erfolgreicher. Das gilt sogar langfristig - was wohl damit zu tun hat, daß sie auch langfristig mindestens einmal im Monat gebrieft wurden. Den Teilnehmern gelang es, im Durchschnitt wenigstens einen Teil ihrer Abnahme acht Jahre lang zu halten. Vergleicht man aber die Körperzusammensetzung, fällt auf, daß nach acht Jahren die Fettmasse ihr Ausgangsgewicht wieder erreicht hatte. Verloren hatten die Studienteilnehmer also langfristig ausschließlich fettfreie Masse. Dieser Verlust hatte sich außerdem auch in den sieben Jahren weiter fortgesetzt, während die Fettmasse langsam wieder nach oben kroch und schließlich wieder so hoch war wie vor Beginn der Abnahme.
Da ist es wohl nur ein schwacher Trost, daß die Kontrollgruppe noch erheblich schlechter performt hatte.

Das ist schon eine auch für mich überraschende Wirkung für eine eher gemächliche Abnahmemethode, in der die Teilnehmer nach einem Jahr von einem durchschnittlichen Ausgangsgewicht von 98 Kilogramm aus nur ungefähr 10 Kilogramm verloren hatten. Deutlich kann man hier auch sehen, daß nach diesem einen Jahr die Wiederzunahme einsetzte, und das nicht nur vorübergehend, sondern im Laufe von acht Jahren zwei Drittel des Abnahmeerfolgs wiederaufzehrend. Wobei sich die Fettmasse in diesem Zeitraum komplett wiederherstellte, aber die fettfreie Masse nicht.
Gerade in so einer Studie wäre es aber interessant gewesen, die Verteilung innerhalb der Gruppe zu sehen. Es gab bestimmt eine Minderheit von überdurchschnittlich Erfolgreichen, die also mehr abgenommen und/oder ihre Abnahme komplett gehalten haben, und einen vermutlich deutlich größeren Teil an Pechvögeln, bei denen es mit der Abnahme schlecht klappte und/oder das Ausgangsgewicht nach acht Jahren überschritten wurde. Viel interessanter als unterschiedliche Altersgruppen zu untersuchen, hätte ich es gefunden, die besten und die schlechtesten zehn Prozent mit dem Durchschnitt zu vergleichen. Es wäre doch immerhin möglich, Gruppen herauszufiltern, bei denen besonders problematische Wirkungen entstehen - und andere, bei denen eine kalorienbasierte Reduktionsdiät am ehesten eine positive Wirkung haben.
Zahlen und Formeln sind nützlich, um Erkenntnisse zu gewinnen, aber am Ende sind diese Erkenntnisse nutzlos, wenn sie nicht dazu führen, das Problem des einzelnen Erkrankten zu lösen, und in diesem Punkt bleibt die Wissenschaft regelmäßig auf halbem Wege stecken und füttert diejenigen, die von ihr Hilfe erwarten, deshalb mit praxisuntauglichen Halbwahrheiten. Die bittere Wahrheit lautet wohl: Niemand in der Wissenschaft interessiert sich in Wirklichkeit für die Menschen, die hinter den anonymen Durchschnittswerten stecken, und genausowenig für das, was ihnen helfen könnte. In ihren Augen zählen wir nur als Nachkommastellen in der Statistik.
***
Sollte man statt der Akademie Leopldina lieber Robert Kennedy, dem US-Gesundheitsminister, trauen? Ich traue ihm keineswegs allzu viel Kompetenz in dem Bereich zu, den er ausfüllen soll. Aber seine Behauptung, er habe, nachdem er auf eine Carnivore-Ernährung umgestiegen ist, in zwanzig Tagen zwanzig Pfund verloren, klingt für mich plausibel, weil dies ziemlich typische Anfangserfolge für alle Spielarten von Low Carb und Fasten sind, insbesondere dann, wenn der Stoffwechsel bereits heftiger in Unordnung ist. Carnivore, das bedeutet: Nur Fleisch und tierische Produkte. Kein Gemüse oder Obst also mit Ausnahme von solchem, das fermentiert ist, etwa Sauerkraut. Im Grunde ist es eine besonders restriktive Version von ketogener Ernährung. Die erstaunlichen und wirklich guten Brötchen, die ich jüngst aus Ei und Milchpulver gemacht habe (einzige andere Zutaten waren etwas Salz und Backpulver), werden zum Beispiel als Carnivore gelabelt.
Zwanzig amerikanische Pfund, das entspricht 9 Kilogramm. In drei Wochen ist das durchaus möglich, je nachdem, von welchem Ausgangsgewicht und vermutlich auch, von welchem Insulinstatus man herkommt. Ich zum Beispiel hatte in vier Wochen acht Kilogramm Abnahme, und ich habe mich genauso ernährt wie zuvor, nur habe ich dreimal die Woche meine erste Mahlzeit auf den Nachmittag bzw. frühen Abend verschoben: im wöchentlichen Wechsel erste Mahlzeit um 15 bzw. um 18 Uhr. In der vierten Woche habe ich außerdem wegen eines Besuchs bei meiner Mutter gar nicht gefastet. Letzten Endes habe ich in diesen vier Wochen also 20 bis allerhöchstens 24 Mahlzeiten ausgelassen und ansonsten genau wie vor Beginn des Fastens gegessen. Mit anderen Worten: Ich habe maximal drei ausgelassene Mahlzeiten benötigt, um ein Kilogramm Gewicht zu verlieren. Wahrscheinlich sogar weniger.
Ich bin mir ziemlich sicher, daß drei Wochen Carnivore - womit man ja auch viel weniger Risiko als bei Low Carb eingeht, irrtümlich doch zu viele Kohlenhydrate zu sich zu nehmen - in den ersten Wochen der Ernährungsumstellung eine stärkere Wirkung haben als das, was ich gemacht habe.
Die Art und Weise, wie die "Follow the Science"-Fraktion einen Erfolg wie den von Kennedy wegzuerklären versucht, ist deprimierend vorhersehbar:
"Technically, it’s possible to lose visceral fat on any diet in the short term," Ansari said. "Anytime we restrict calories or significantly change the diet, we may see reductions in visceral fat in the short-term."
Was hier unterschlagen wird, ist, daß Kennedy bei dieser Ernährung sehr fett- und vermutlich auch kalorienreich gegessen haben muß. Es wird stattdessen so getan, als wäre die Ernährungsumstellung zwangsläufig auch mit einer Kalorienreduktion einhergegangen. Nun ist es zwar nicht unmöglich, aber eher unwahrscheinlich, daß Kennedy beides kombiniert hat, weil das in der Szene nicht üblich ist.
In the long-term, however, experts argue it's not realistic and can cause other health issues.
Was sie nicht sagen. Bei Carnivore ist das also ein Grund zur Besorgnis und bei Abnehmspritzen nicht?
"Not only do most people gain weight back after the diet becomes unsustainable, but many end up with disordered behaviors around food," Nadeau said, adding restrictive dieting is "really unnecessary and usually backfires for most people."
Ansari said there's not enough evidence to support its long-term benefits.
Hierfür gilt dasselbe.
"Quite frankly, any approach that restricts fiber-rich carbohydrates can negatively impact gut health," she said. "The long-term health benefits of consuming a diet rich in fiber from whole grains, nuts, seeds, beans, chickpeas and lentils − alongside lean proteins − far outweigh the short-term results that may be seen with a highly restrictive, fad diet."
Können wir nun bitte auch mal Daten aus der erfolgreichen praktischen Anwendung dieser Ernährungsart bei Übergewichtigen sehen? Spoiler: Wir können sie nicht sehen, denn es gibt sie ganz einfach nicht. Was es gibt, ist diese Studie zur Wiederzunahme weiter oben, die immerhin über acht Jahre Daten enthält und der man entnehmen kann, daß im Durchschnitt die verlorene fettfreie Masse verloren blieb und alleine für das immer noch etwas niedrigere Körpergewicht verantwortlich war, weil die Fettmasse ihr Ausgangsgewicht nach acht Jahren wieder erreicht hatte. Zur Ernährungsweise weiß ich wenig Details, aber es wurden weniger als 30 Prozent Fett und ein Minimum von 15 Prozent Protein angestrebt (sowie 175 Minuten moderat intensive körperliche Bewegung pro Woche). Wer das so umsetzte, muß folglich mindestens 55 Prozent seiner Nahrungsenergie durch Kohlenhydrate konsumiert haben.
Ich kann mich ja in so manchen Irrtum und wie er zustande kommt, hineindenken. Aber die Verbissenheit, mit der Ernährungsfachleute an schon seit Jahrzehnten erfolglosen Ansätzen trotz ihrer nachweislichen Erfolglosigkeit festhalten, ist schwer zu begreifen. Eher verstehen kann ich die Berührungsängste gegenüber einer rein fleischbasierten Ernährung, und es ist natürlich richtig, daß nur eine Minderheit derjenigen, die so etwas ausprobieren, dauerhaft dabei bleibt, weil sie halt doch von Verzichtslogik geprägt ist. Aber unter denen, die eine solche Ernährung ausprobierten, weil sie hofften, es werde ihnen bei bereits bestehenden Gesundheitsproblemen - etwa Darmerkrankungen oder Epilepsie - helfen, und die damit Erfolg hatten, werden eher dabei bleiben als diejenigen, die nur die vage Vorstellung verfolgten, damit gesünder als bislang zu leben.
Welcher dieser Gruppen der 72jährige Kennedy angehört, hat er leider nicht verraten, ebensowenig, seit wann er so ißt und was ihn dazu motiviert hat, damit anzufangen. Vom Ernährungs-Mainstream scheinen diese Details auch nicht für bedeutsam gehalten zu werden, sonst hätte man diese Frage wenigstens mal aufgeworfen. Mir fehlen diese Antworten, um einschätzen zu können, ob Kennedy bloß einer von denen ist, die eine Ernährungsmode anwenden und irgendwann wieder damit aufhören, oder ob er Grund hat, sich mit ihr so viel besser zu fühlen, daß er Gründe hat, dabei bleiben zu wollen. Sympathisch an dem, was Kennedy über seine Ernährung sagte, fand ich, daß er selbst nicht ausschloß, daß einige der subjektiv empfundenen positiven körperlichen Wirkungen auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sein könnten. So viel Reflektierungsvermögen hätte ich dem Mann gar nicht zugetraut. Erstens hört sich manches, was er von sich gibt, ja wirklich ziemlich gaga an. Und zweites ist er immerhin ein Mitglied der Regierung Trump - nicht gerade ein Ausweis für Reflektiertheit, um es milde auszudrücken.
Apropos Trump: Ich habe ein neues Wort gelernt: Sanesplaining. Das ist Journalismus, der erkennbar völlig irrationales Verhalten, beispielsweise das von Donald Trump, nach den eigenen rationalen Maßstäben des Erklärenden mit Erklärungen versieht, die natürlich unzutreffend sind, wenn irrationales Verhalten damit erklärt werden soll.
Sanesplaining. Das Wort ist neu, der beschriebene Journalismus nicht. Dafür muß die Person oder müssen die Personen, deren Verhalten erklärt wird, noch nicht einmal so komplett durchgeknallt sein wie bei Trump. Es trifft beispielsweise auch auf praktisch alle Erklärungsmuster zu, die angeblich erklären können, warum AfD-Wähler AfD wählen. Vor einiger Zeit las ich etwa ein Interview der TAZ mit der Juristin und Schriftstellerin Juli Zeh, die in einem brandenburgischen Dorf mit um die 300 Einwohnern lebt, wo bei der letzten Bundestagswahl sage und schreibe 54 Prozent der Bewohner ihr Kreuzchen bei der AfD gemacht haben. Juli Zeh betrieb eindeutig Sanesplaining. Sie beschrieb nämlich des langen und des breiten, womit ihre Nachbarn allesamt in der aktuellen Politik unzufrieden sind. So weit, so nachvollziehbar. Die Wahl der AfD schien sich ihr selbsterklärend aus der Unzufriedenheit mit den anderen Parteien zu ergeben, und aus irgendwelchen Gründen kamen auch die Interviewer nicht auf den Gedanken, daß an dieser Gedankenverbindung irgendetwas falsch sein könnte. Dabei ist Unzufriedenheit mit anderen Parteien für sich genommen noch kein Grund, seine Hoffnungen in die AfD zu setzen. Im politischen Nahbereich ihrer Wähler haben bislang auch im Osten die AfD-Kandidaten jedenfalls in Städten und auf Landkreisebene immer gegen teils parteilose, teils Kandidaten aus den von AfD-Fans so genannten "Altparteien" verloren. Wenn die AfD an den Leuten nahe genug dran ist, glaubt offenbar niemand daran, sein Leben mit ihnen verbessern zu können. Warum sollten sie das auf Länder- oder Bundesebene dann glauben?
Ich weiß nicht, warum die Leute auf Bundes- oder Länderebene AfD wählen, ich bin mir lediglich sicher, daß das, was Juli Zeh und ihre Interviewer als Grund voraussetzen, falsch ist. Allüberall wird aber fest daran geglaubt, die Wähler könnten durch ihren Wünschen entsprechende Gesetzgebung und/oder bessere Umsetzung des Bestehenden wieder zurückgewonnen werden. Ich bin mir so gut wie sicher, daß das ein Irrtum ist, und er kann uns bei der nächsten Bundestagswahl noch achtkantig um die Ohren fliegen. Wir haben hier eigentlich nach Motiven zu suchen, die jenseits rationaler Erwägungen zur Sachpolitik liegen. Nur, dort sucht niemand. Was ich vermute - aber mehr als ein nagendes Verdachtsgefühl ist das auch nicht -, ist, daß es etwas damit zu tun hat, daß die Politik in allen Bereichen ständig das tut, was Terry Pratchett in seinen Büchern als einzige Sünde bezeichnet hat, nämlich, indem sie Menschen wie Dinge behandelt. Wenn ich eine Politik entwickeln müßte mit dem Ziel, die Bürger wieder zu den demokratischen Parteien zurückzulocken, würde dies darin bestehen, den Menschen ins Zentrum zu stellen, nicht die Wirtschaft, nicht die Umwelt, nicht die Gesundheit - auch wenn dies alles politische Weichenstellungen benötigt. Aber im Fokus der Politik sollte klar der Mensch innerhalb der Gesellschaft stehen - und zwar nicht, indem man allen soviel Zucker wie möglich in den Allerwertesten bläst oder ihn im Gegenteil als potentiellen Regelbrecher vorauseilend soviel wie möglich einschüchtert, sondern ihn als Subjekt mit Rechten und Pflichten und außerdem mit einem Minimum an Respekt behandelt.
Ich hatte für diesen Blogbeitrag auch einen längeren Text über Donald Trump geschrieben, aber dann wieder gelöscht. Ich möchte mich nicht mehr als nötig mit jemandem befassen, der so eindeutig nicht zurechnungsfähig ist. Ich bin mir nach den Ereignissen der letzten zwei Wochen ziemlich sicher, daß es nicht mehr lange dauern kann, bis auch seine eigene Partei ihn für untragbar halten und seine Amtsenthebung einleiten wird. Daß er heute in einem Jahr immer noch Präsident ist, kann ich mir mittlerweile kaum noch vorstellen. Der Vizepräsident Vance, der ihn dann beerben würde, ist auf seine eigene Art aber genauso untragbar wie Trump, also fragt sich, ob das überhaupt eine Verbesserung brächte. Ich wäre überhaupt nicht unglücklich, sollten morgen früh Außerirdische die komplette US-Regierung entführen und sich mit ihnen in irgendein möglichst weit entferntes anderes Sonnensystem verziehen.
Vielleicht könnten sie netterweise den Kennedy mit seiner Carnivore-Diät ja doch hierlassen - aber nur, wenn er verspricht, dauerhaft carnivore bleiben und mindestens einmal im Jahr seine Blutwerte zu publizieren. Wenn es schon die Wissenschaft nicht interessieren wird, mich interessiert es sehr wohl.
***
Um wieder zu weniger unerfreulichen Themen zu kommen, die neueste Fortsetzung von Perditax' Mäusegeschichten:
Was bisher geschah:
Bekanntlich ist es uns ja gelungen, unser Erdgeschoß mäusefrei zu bekommen. In der Küche ward seit dem Sommer, als die Therme dort entfernt wurde, keine mehr gesehen. Im Wohnzimmer dauerte es bis zum Oktober, alle Mäuselöcher zu finden und zu schließen, seitdem hatten wir auch dort keine mehr. Dafür tauchten sie unter dem Dach wieder auf, wo wir die offensichtlichen Mäuselöcher vor einem halben Jahr geschlossen hatten. Bis zum Herbst hatten wir dort Ruhe, dann wurde es den Mäuschen draußen wohl zu kalt und sie kamen durch die nicht offensichtlichen Löcher. Eines haben wir lokalisiert, müssen für das Schließen aber einen Einbauschrank demontieren, wofür uns bislang die kriminelle Energie fehlte.
Trotz des offenen Mauslochs hinter dem Einbauschrank sind wir nun unter dem Dach aber seit zehn Tagen weitgehend mäusefrei. Und das kam so:
Bis Anfang des Jahres hatte ich immer das Gefühl, unter unseren Besuchsmäuschen immer wieder neue Individuen unterscheiden zu können, je nach Aussehen und Temperament: größere Mäuse, kleinere Mäuse, solche mit einem Schlitzohr, schicksalsergeben in der Falle Sitzende und randalierende Ausbruchsentschlossene. Und so weiter. Ob und wenn ja wieviel Wiederholungstäter wir darunter hatten, hätte ich bis vor drei Wochen nie sicher sagen können, obwohl mir klar war, daß wir solche wahrscheinlich auch haben mußten.
Aber seit Jahresanfang bekam ich mit jedem Tag mehr das Gefühl, daß wir auf einmal immer dieselben beiden Mäuschen fingen. Wir nannten sie nach einiger Zeit nur noch "Pinky und Brain". Eine Maus, Brain, war größer und saß immer sehr abgeklärt in der Falle, wenn ich sie einsammelte. Die andere, Pinky, war viel zierlicher und gebärdete sich wie übergeschnappt. Sie schlug regelrechte Saltos und drehte sich wie ein Brummkreisel in der Falle. Ließen wir sie im Garten frei, sauste Pinky unweigerlich zum abgestorbenen Baum und Brain zu dem Loch direkt an der Außenseite der Gartenhütte. Jeden Tag war es dasselbe. Zuvor, im alten Jahr, hatten wir eine Phase gehabt, in der immer zwei oder drei Mäuse auf einmal freizulassen waren und dann alle in das Loch an der Gartenhütte drängelten. Es zeigte sich dabei, daß die Erstmaus dann nicht gewillt war, andere Mäuse neben sich zu dulden. Immer dann, wenn eine Zweitmaus ins gleiche Loch flüchtete, kam sie sofort in heller Panik wieder heraus und suchte in der entgegengesetzten Richtung das Weite. Manchmal kam auch die empörte Erstmaus ihr hinterhergerannt.
Kurz, Mäuse sind offenbar territorial und keineswegs gesellig, jedenfalls nicht in solchen Situationen. Pinky und Brain waren vielleicht ja noch nicht einmal echte Kumpels, sondern hatten sich nur auf friedliche Koexistenz bei ausreichend räumlichem Abstand geeinigt.
Auffällig war aber auch, daß die beiden Mäuschen immer mehr Geschick dabei entwickelten, die Falle auszuräubern, ohne damit den Schnappmechanismus auszulösen. Das galt jedenfalls für die ranzig gewordenen Haselnüsse, mit denen ich die Fallen seit einiger Zeit bestückte. In unserem Webcam-Mäusekino konnte ich das auch schon mitverfolgen: Die Mäuse machen sich so lang wie möglich und versuchen, die Nuß mit den Zähnen herauszuholen. Das klappte meistens nicht, und dann konnten drei verschiedene Ergebnisse herauskommen: Entweder sie saß dann doch in der Falle oder sie zog sich rechtzeitig wieder zurück und die Falle blieb weiter köderbestückt und offen, oder die Falle schnappte zu und katapultierte die Maus, deren Hinterteil noch außerhalb der Falle war, wieder nach draußen. Gesehen habe ich das letztere zwar nicht, aber sehr wohl, daß unsere Mäuse sich blitzschnell bewegen - und ich fand eben auch geschlossene Fallen vor, in denen der Köder noch enthalten war. Es kam aber auch zwei- oder dreimal vor, daß ich in einer Falle, die noch einladend offen stand, eine Haselnuß mit Zahnspuren vorfand. Die Maus war also bis zur Nuß herangekommen und hatte versucht, sie zu greifen, aber dann kalte Füße bekommen und sich wieder zurückgezogen.
Meistens war es aber doch so, daß, wenn ich frühmorgens nachsah, zwei Mäuslein in jeweils einer Falle saßen. Aber weil ich ab der zweiten Januarwoche anstelle der Haselnüsse Krümel aus dem Krümelberg in der Weihnachtsgebäckdose als Köder nahm, kam es nicht mehr vor, daß ich eine nicht ausgelöste ausgeräuberte Falle fand. Stattdessen mußte ich meine Fallenkontroll-Frequenz erhöhen, weil nun meistens schon abends lautes Randalieren von unter dem Dach von mindestens einem Gefangenen kündete. Manchmal nur eine, oft aber waren es ebenfalls zwei. Und immer mehr hatte ich den Eindruck, daß ich wieder dieselben Mäuse gefangen hatte wie am Tag davor. Daran war Pinky schuld, denn sein Verhalten war schon besonders auffällig. Zuvor hatte ich niemals eine Maus erlebt, die in der Falle buchstäblich die Wände hochgegangen war und sich dabei wie ein Brummkreisel drehte.
Also entschied ich mich am späten Donnerstagabend, 15. Januar, als ich noch einmal aus dem Bett aufstand, mir kurz etwas überwarf, um zwei lautstark in ihren Fallen randalierende Krachmachermäuse in den Garten zu bringen, das nächste Mal, wenn ich diese beiden Mäuse fangen würde, sie nicht wie sonst im Garten freizulassen, sondern vom Haus wegzubringen. Naheliegend war es, sie zum Flußufer zu bringen, etwa hundert Meter entfernt. Eine zweite Möglichkeit wäre es gewesen, den Fluß zu überqueren und die Mäuse im Wald auf der anderen Seite freizulassen. Am Freitag, 16. Januar, hatte ich morgens aber nur ein Mäuslein in der Falle, und das brachte ich wie gewohnt in den Garten, weil ich mir nicht sicher war, ob es wirklich eine von meinen Wiederholungstäter-Mäusen war.
Am Abend desselben Tages war es aber dann soweit. Abends gegen 21 Uhr zog ich mir den Mantel an, steckte zwei Mausefallen samt Insassen in eine Papiertüte und marschierte zum Fluß hinunter, wo ich meine beiden Gefangenen freiließ.
Seitdem haben wir nun keine Maus mehr unter dem Dach gehabt. Aber einen einzelnen Mäusebesuch hatten wir nach fünf Tagen trotzdem noch zu verzeichnen. Der war aber nicht dort, wo Pinky und Brain ihr Unwesen getrieben hatten, sondern im Obergeschoß (wo ich beileibe keine Mäuse gebrauchen kann) in die prophylaktisch auch dort unter einer Kommode aufgestellte Falle gegangen. Es war wieder eine "Brummkreisel-Maus", die in der Falle regelrechte Pirouetten drehte, und deshalb bin ich mir sicher, daß das wieder unser Pinky gewesen ist. Also habe ich ihn an jenem Mittwochmorgen sehr freundlich mit Namen begrüßt und ihn dann wieder ans Flußufer getragen, wo er mit Riesensprüngen enteilte.
Seitdem habe ich bislang in keiner Falle mehr eine Maus gehabt. Ich gebe mich freilich keinen Illusionen hin: Wir haben noch mindestens ein Mauseloch, vielleicht auch mehrere da oben. Die Fallen muß ich jedenfalls bis zum Frühjahr noch stehen lassen und regelmäßig kontrollieren, denn sporadische Besuchsmäuse bekommen wir bestimmt weiterhin - aber nicht mehr tagtäglich, wie es aussieht. Das gilt auch deshalb, weil ich nunmehr entschlossen bin, sämtliche gefangenen Mäuse lieber gleich ins Exil am Flußufer oder vielleicht auch gleich in den Wald zu bringen, was ja nur unwesentlich weiter weg ist. So putzig diese Tierchen mit ihren Knopfaugen und ihrem rosa Näschen auch sind, wenn sie sich mit dem Garten und der Gartenhütte nicht zufriedengeben können, dann will ich nicht, daß sie sich zu sehr daran gewöhnen, bei mir im Haus zu wohnen. Zumal ich ja an Pinky und Brain gesehen habe, daß sie keineswegs so dumm sind, wie viele von Mäusen - im Gegensatz zu Ratten - glauben, sondern ausgesprochen lernfähige kleine Verbrecher. ;-)
Aber seit letzten Mittwoch geht mir freilich eine Art von "Lassie kehrt heim"-Story um die Maus Pinky nicht mehr aus dem Kopf, und ich bin mir nicht ganz sicher, ob ich wirklich ein gutes Gewissen habe. Ist der kleine Kerl etwa wirklich fünf Tage lang unterwegs gewesen, um unser Haus wiederzufinden? Ist er womöglich total erschöpft, halbverhungert und mit Blasen an den Füßen ins Haus gewankt? Und ich habe ihn erbarmungslos bei Minusgraden wieder in der Fremde ausgesetzt? Darf man so etwas einem armen kleinen Mäuschen wirklich antun? Jetzt, wo alles bei uns tief verschneit ist, frage ich mich schon, wie es Pinky und Brain am Flußufer geht. Vielleicht gehe ich heute noch hin und verstreue dort wenigstens ein paar von meinen ranzigen Haselnüssen.
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